Skip to main content

Full text of "Ueber die Heilung der angeborenen Hüftgelenks-Verrenkung durch unblutige Einrenkung und functionelle Belastung"

See other formats


i • YÄLiE«w]MnvEH3sirirY° 



Bought with the income oft he 
Dr. Francis Baron Fund. 

i9ig 



• ' ■ 



- ' - ' - ' -'-- - 



TRANSFERRED TO 
YALE MEDICAL LIBRARY 



Ueber die 

Heilung der angeborenen 

HüftgelenkS'Verrenkung 

durch 

unblutige Einrenkung und functionelle Belastung. 



Von 



PROF. D R ADOLF LORENZ, 

k. k. Regierungsratb, 
Vorstand des orthopädischen Ambulatoriums des k. k. Allgemeinen Krankenhauses in Wien. 



Mit 84 Abbildungen im Text. 



LEIPZIG UND WIEN. 

FRANZ DEUTICKE. 
1900. 






Verlags-Nr. 653. 



K. u, k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien- 



MEINER LIEBEN FRAU 

und verdienstvollen Mitarbeiterin zur bleibenden Erinnerung 
an die Freuden und Leiden gemeinsamer orthopädischer Arbeit 

in dankbarer Anerkennung 

gewidmet. 



Digitized by the Internet Archive 

in 2012 with funding from 

Open Knowledge Commons and Yale University, Cushing/Whitney Medical Library 



http://www.archive:org/details/ueberdieheilungdOOIore 



Vorwort. 



Als ich vor vier Jahren meine ersten vorläufigen Mittheilungen 
über die unblutige Einrenkung der angeborenen Hüftverrenkung 
machte, geschah dies vornehmlich zu dem Zwecke, zunächst 
überhaupt auf die Möglichkeit hinzuweisen, das therapeutische 
Problem dieses so häufigen Gebrechens auf unblutigem Wege 
zu lösen. 

Die Methode hierzu konnte damals nur in ihren Principien 
skizzirt werden. Die Ausarbeitung der Details musste der weiteren 
praktischen Prüfung überlassen bleiben. Kaum die Einrenkungs- 
technik vermochte ich damals in strenge Regeln zu fassen; noch 
schwankender war die Technik der Retention, von deren Gelingen 
der Wert der Reposition abhängig blieb. Ich glaubte damals, 
dass an dem ersten Hundert der zur unblutigen Behandlung 
gelangenden Luxationsfälle die noch schwebenden Detailfragen 
würden gelöst werden können; aber diese Hoffnung erfüllte sich 
nicht. Das Beobachtungsmateriale floss mir indessen immer reich- 
licher zu, da ein geheilter oder auch nur gebesserter Fall stets 
mehrere andere nach sich zog. Um so leichter gelangte die 
Methode der Reposition durch die beständige Uebung an mehr 
als 400 Fällen zu festen Normen und ihr Anwendungsgebiet 
erfuhr durch mannigfache Erfahrungen eine bestimmtere Ab- 
grenzung. 

Viel zeitraubender und ungleich schwieriger war es, auch 
die Methode der Retention so weit auszugestalten, dass sie ihrer 
vielseitigen, und je nach dem Falle einigermassen wechselnden 
Aufgabe im Grossen und Ganzen gerecht zu werden vermochte. 
Wohl rechnete die Retentionsmethode von allem Anfange an 
mit „muth masslichen" Vereitelungen ihres Zieles. Aber die 
erweiterte Erfahrung, unterstützt durch die mittlerweile auf den 
Plan getretene Actinographie zerstörte meine anfängliche Illusion, 
dass mit der Verhütung der vielleicht übermässig gefürchteten 



Vi 

Reluxation des reponirten Schenkelkopfes nach „hinten" das ge- 
steckte Ziel schon erreicht sei. Es galt also, auch den im Anfange 
„unvorhergesehenen" Vereitelungen des Heilplanes zu begegnen. 
Hierzu gehörte Zeit und Erfahrung. Dies erklärt und entschuldigt 
zugleich die Verspätung der seinerzeit in Aussicht gestellten Be- 
schreibung meiner Methode in ihren Details. Mit der vorliegenden 
Arbeit erscheint dieses Versprechen erfüllt. 

So weit die Reposition in Frage kommt, kann die Methode 
als vollendet gelten; auch die Retentionstechnik arbeitet in 
ihrer gegenwärtigen, wenn auch immer noch unfertigen Aus- 
bildung ungleich sicherer als in ihren Anfängen und erreicht 
bei halbwegs günstigen Gelenksverhältnissen im Allgemeinen ecla- 
tante praktische Erfolge, auf welche es für den Patienten doch 
vor allem ankommt. 

Innerhalb der Machtsphäre der unblutigen Einrenkung werden 
nur seltene Ausnahmsfälle, welche anatomisch ganz ungünstig 
liegen, auch in Zukunft der blutigen Therapie vorbehalten bleiben. 

In meinen bisherigen Arbeiten auf orthopädischem Gebiete 
war es stets mein Bestreben, die blutige operative Orthopädie, 
so weit sie das Skelet betrifft, nach Möglichkeit einzuschränken, ein- 
greifende oder gar verstümmelnde Operationen (z.B. die Keilresec- 
tionen) vollständig auszumerzen und die unblutig operative Or- 
thopädie, welche ihre Resultate nicht minder schnell, nicht minder 
gründlich und dabei auf ungefährlichem Wege erreicht, an ihre 
Stelle zu setzen. Dies ist vielfach mittelst des von mir immer 
wieder empfohlenen manuellen oder instrumenteilen sogenannten 
„modellirenden Redressement" der Deformitäten gelungen, 
welches in der schrittweise langsamen und zielbewussten Ueber- 
windung der Hindernisse und der steten Beherrschung der je- 
weiligen operativen Situation einen scharfen Gegensatz zu dem 
früher geübten „Redressement force" bildet, denn dieses 
letztere nimmt die sich entgegen stellenden Hindernisse gewisser- 
massen im Sturme, entbehrt des eine genaue Dosirung und stete 
Regulirung der wirksamen Kraft ermöglichenden Instrumentariums, 
bleibt niemals Herr der Situation und liefert sich damit dem 
Zufalle — oft genug dem bösen Zufalle aus. 

Das nach meinen Regeln geübte modellirende Redressement 
des Klumpfusses macht jede verstümmelnde Operation am Knochen- 
gerüste des Fusses vollkommen überflüssig; das instrumenteile 



VII 

modellirende Redressement der Hüftgelenkscontracturen, sowie 
der Flexions- und Abductionscontracturen des Kniegelenkes er- 
spart manchen blutigen Eingriff, während das modellirende Re- 
dressement der Gervicalskoliose beim Caput obstipum den Erfolg 
der vorangegangenen Muskeldurchschneidung eigentlich erst be- 
gründet und gegen die sonst regelmässige Recidive sichert. 

Die unblutige Einrenkung des congenital luxirten Hüft- 
gelenkes ist im Grunde genommen ebenfalls nichts anderes als 
ein modellirendes Redressement. denn die der Einrenkung sich 
entgegen stellenden Hindernisse werden durch Manöver über- 
wunden, — ja lassen sich auf ungefährlichem Wege meistens nur 
durch Manöver überwinden, welche dem Charakter des model- 
lirenden Redressement vollkommen entsprechen. 

Als unblutige Reposition der congenitalen Hüftgelenksver- 
renkung hat das modellirende Redressement abermals, zum 
mindesten in der ungeheueren Mehrzahl der Fälle, eine ein- 
greifende blutige Operation — die operative Rohrung einer 
künstlichen Pfanne — überflüssig gemacht, indem sie die kühne 
Conception Albert Hoffa's, die rudimentäre Pfanne operativ 
zu vertiefen, auf einem natürlichen Wege zu realisiren sucht. 

Mit der ohne jede Gefahr und in relativ kürzester Frist 
häufig erreichten idealen Heilung, ja selbst schon mit den zum 
mindesten und fast mit Sicherheit auch unter ungünstigen ana- 
tomischen Verhältnissen erzielbaren Functionsverbesserungen. 
welche oft genug geradezu functionellen Heilungen gleichkommen. 
hat das modellirende Redressement eine Probe seiner Leistungs- 
fähigkeit gegeben, welche demselben nicht nur die verdiente 
Ausbreitung, sondern hoffentlich auch einen dauernden Platz 
in der orthopädischen Chirurgie sichern wird. 

Ja, ich hege die unerschütterliche Hoffnung, welche allem 
Anscheine nach bereits in Erfüllung zu gehen beginnt, dass die 
Methode der unblutigen Einrenkung und functionellen Relastung 
des eingerenkten Gelenkes mit dem Körpergewichte berufen ist. 
den ersten Platz in der Therapie der angeborenen Hüftver- 
renkung einzunehmen; denn diese Methode vereinigt, rechtzeitig 
angeAvendet, die Unmittelbarkeit und Sicherheit des chirurgischen 
Erfolges mit der Gefahrlosigkeit der mechanischen Eehandlung. 
ohne die sonstigen Mängel dieser letzteren zu theilen 



Inhalt. 



Seite 
I. Zur Geschichte der unblutigen Therapie der congenitalen Hüft- 
verrenkung 1 — 20 

II. Bemerkungen über die humanitäre Bedeutung der angeborenen 

Hüftverrenkung 20 — 24 

III. Welche Arten der angeborenen Hüftverrenkung sind der un- 
blutigen Einrenkung zu untei ziehen? 24 — 28 

IV. Welche Anforderungen sind an eine rationelle unblutige Be- 
handlungsmethode der angeborenen Hüftverrenkung zu stellen? 28 — 34 

V. Das therapeutische Problem der angeborenen Hüftverrenkung 34—37 
VI. Ultraphysiologische Schenkelstellungen durch Ueberbewegung 37 — 44 
VII. Begriff der Reposition der congenitalen Hüftverrenkung . . . 44 — 49 
VIII. Beziehungen zwischen der unblutigen Eeposition, der congeni- 
talen und der unblutigen Eeposition der traumatischen Hüft- 
gelenksverrenkung 49 — 52 

IX. Anatomische Hindernisse der unblutigen Eeposition und ihre 

Ueberwindung 52—59 

X. Einrenkungsphänomene und Diagnose der Eeposition . . . . 59 — 71 
XI. Prognose der Einrenkung auf klinischer und actinographischer 

Basis 71 — 76 

XII. Anatomische Hindernisse der Eetention 76 — 81 

XIII. Ueber die Retention im Allgemeinen 81 — 14G 

XIV. Transposition oder Beluxation? 146 — 150 

XV. Altersgrenzen der unblutigen Einrenkung 151 — 154 

XVI. Ueber die Behandlung jener Fälle von angeborener Hüftver- 
renkung, welche der unblutigen Eeposition nicht mehr zu- 
gänglich sind: 

a) Behandlung mit Pseudoreposition 155 — 159 

b) Nachtheile der blutigen Eeposition mittelst künstlicher 
Pfannenvertiefung 159 — 166 

c) Eeposition durch Arthrotomie 166 — 175 

XVII. Beschreibung der Lorenz'schen Methode: 

1. Präparatorische Behandlung 175—178 

2. Eepositionstechnik 178—188 

a) Die Einrenkung über den oberen Pfannenrand .... 180 — 181 

b) Einrenkung über den hinteren Pfannenrand 181 — 1S7 



X 

Seite 

a) Einrenkung aus freier Hand 181 — 183 

ß) Einrenkung auf dem Keile 183 — 187 

c) Einrenkung über den unteren Pfannenrand 187 — 188 

3. Retention 189—212 

a) Primäre Stabilität der Reposition und ihre künstliche 

Vergrösseiung 189—190 

h) Wahl der Primärstellung 190—197 

cj Fixirung der Primärstellung 197 — 201 

d) Erste Fixationsperiode 201— 20G 

e) Correctur der Primärstellung und zweite Fixationsperiode 20G — 212 

4. Gymnastische und Massage-Nachbehandlung 212 — 219 

5. Die Behandlung der beiderseitigen Hüftvenenkung .... 219 — 238 

a) Zweizeitige Behandlung der doppelseitigen Verrenkung . 219 — 223 

b) Einzeitige Behandlung der beiderseitigen Hüftverrenkung 223 — 238 

6. Kurze Charakteristik der Lorenz'schen Methode 238—241 

XVIII. Die unblutige Reposition und ihre Rückwirkung auf die Skoliose 

und Lordose der Wirbelsäule 241 — 244 

XIX. Ueble Zufälle und Gefahren der unblutigen Reposition . . . 244-257 
XX. Bisherige Verbreitung der unblutigen Reposition und fremde 

Urtheile über dieselbe 257—279 

XXI. Modifikationen der Lorenz'schen Methode 279 — 290 

XXII. Resultate der LorenzVhen Methode 290—350 

a) Resultate in anatomischer Beziehung 291 — 331 

h) Resultate in cosmetischer Beziehung 331 — 344 

c) Resultate in functioneller Beziehung 344 — 350 

XXIII. Anhang (Angriffe und Abwehr) 350—394 



i. Zur Geschichte der unblutigen Therapie der congenitalen 

Hüftverrenkung. 

Als Dupuytren (1826) seiner klassischen Darstellung der 
Anatomie und der klinischen Symptomatologie der congenitalen 
Hüftverrenkung auch die ersten therapeutischen Anregungen 
anschloss, war damit wenigstens eine palliative Therapie des 
Gebrechens inaugurirt. Dupuytren that sich auf dieses Ver- 
dienst nichts zugute; auch wusste er nicht, dass seine Idee, 
die Trochanteren durch einen Beckengurt zu stützen, schon vor 
ihm durch einen Kranken ausgeführt worden war. Welchen 
Wert Dupuytren selbst dieser Therapie beilegte, geht aus 
seinem Geständnisse hervor, dass er sich über die Dunkelheit 
der Aetiologie gerne trösten würde, wenn er auch nur ein halb- 
wegs wirksames palliatives Mittel wüsste. Er sagt: „on se con- 
solerait aisement, de ne pas connaftre la cause de ces deplace- 
ments si l'on connaissait les moyens de les faire cesser ou du 
moins de pallier leurs mauvais effets; malheureusement il'n'en est 
pas ainsi, et les deplacement ne comportent ni moyen curatif, 
ni meme de palliatif bien efficace." 

Hätte Dupuytren ahnen können, dass die palliative The- 
rapie der Hüftluxation in alle Zukunft über die „ceinture" eigent- 
lich niemals hinauskommen, sondern das Princip derselben in 
schier endlosen Modificationen immer nur variiren würde, so 
wäre der berühmte Chirurg über diese Perspective wahrscheinlich 
noch weniger erfreut gewesen. 

Die von Dupuytren proclamirte Aussichtslosigkeit der 
Therapie der Hüftverrenkung vermochte indes die Hoffnungen 
der Jüngeren nicht zu unterdrücken, sondern schien ihren Eifer 
eher angefacht zu haben. 

Die ersten von Jalade-Lafond und Duval 1828 unter- 
nommenen Versuche, das Gebrechen mittels continuirlicher Ex- 
tension zu behandeln erregten Dupuytren's höchstes Missfallen: 

Lorenz, Hüftverrenkuug. * 



„A quoi serviraient des tractions exercees sur les membres 
inferieurs? En supposant que par ce moyen, on püt ramener 
ces membres ä lern* longueur, n'est il pas evident que la tete 
des femurs ne trouvant aucune cavite disposee pour la recevoir 
et capable de la retenir, le membre perdrait des qu'on l'aban- 
donnerait ä lui-meme, la longueur qu'on lui aurait rendue par 
l'extension?" 

Die überstürzten Bestrebungen nach praktischen Erfolgen 
unterdrückten das Interesse für die anatomische und wissenschaft- 
liche Seite der Frage vollkommen. Vom Boden der pathologischen 
Anatomie losgelöst, mussten alle Heilversuche in ein blindes 
Experimentiren ausarten, das nicht zum Ziele führen konnte und 
auch thatsächlich nicht zum Ziele geführt hat. Statt auf Sedillot 
zu hören, welcher nach jahrelanger Arbeit an den seltenen und 
schwer zu beschaffenden Präparaten die Chancen der Praxis 
mit der pathologischen Anatomie beleuchtete, fand man es 
nicht der Mühe werth, dessen Mittheilungen auch nur zum 
Gegenstande eines akademischen Berichtes zu machen, denn die 
von Humbert und Jaquier proclamirten Erfolge einer radicalen 
Therapie hatten das Interesse der Praktiker vollständig in 
Anspruch genommen. Humbert und Jaquier hatten Mitte 
der Dreissigerjahre behauptet, den dislocirten Schenkelkopf 
„immediatement" also auf kurzem Wege in die Pfanne zurück- 
zuführen und hier fixiren zu können. Die unblutige radicale 
Therapie arbeitete also schon in ihrem ersten Entwürfe nach 
einem klaren Programme, welches vollständig unserem heutigen 
Programme der unblutigen Einrenkung in einer Sitzung ent- 
spricht. 

Mittelst forcirter instrumenteller Extension (also genau in 
derselben Weise wie es heute geschieht) wollte Humbert de 
Morley z. B. bei einem 11jährigen Mädchen die Reposition des 
Schenkelkopfes in die Pfanne während einer 55 Minuten dauern- 
den Sitzung zu Stande gebracht haben. Die Einwendungen, 
welche man dieser Behauptung damals entgegenstellte, bestehen 
auch heute noch zu Recht, allerdings in einem ungleich ver- 
schärften Maassstabe. Pravaz wendete ein, dass die Herab- 
holung des Schenkelkopfes in das Pfannenniveau unmöglich auf 
kurzem Wege „immediatement", sondern nur allmählich gelingen 
könne. 



Wenn man den damaligen Stand der Technik, vor allem 
den Mangel der Narkose in Betracht zieht, so wird man Pravaz 
unbedingt Recht geben müssen. 

Selbst mit unseren heutigen Mitteln, einschliesslich der 
Narkose und eventuell ■ der subcutanen Tenotomie, dürfte es 
schwer fallen, ja voraussichtlich misslingen. die Einrenkung bei 
einem 11jährigen Kinde in einer Sitzung zu erreichen. Es kann 
demnach gar keinem Zweifel unterliegen, dass die Behauptungen 
Humbert's auf eine Selbsttäuschung hinausliefen. 

Gebührt Humbert die Ehre der Initiative und der ersten 
Idee einer radicalen Therapie, so hatte Gh. G. Pravaz 1838 mit 
seiner langsamen Methode der Einrenkung die ersten Erfolge 
für sich, trotzdem auch er sich merkwürdigerweise meist schon 
ältere Kinder zur Behandlung auswählte. 

Es ist von Interesse, die Methode Pravaz näher zu be- 
trachten. Zunächst wurde der Patient einer 8- bis lOmonatlichen 
Extensionsbehandlung unterworfen, deren Technik zweifellos eine 
geradezu vollendete war. Sobald der Schenkelkopf in das Pfannen- 
niveau herabgeführt schien, wurden die eigentlichen Repositions- 
manöver in Angriff genommen. Dieselben bestanden in scharfer 
Extension des in Abductionsstellung gebrachten Beines, während 
der Trochanter einem in medialer Richtung wirkenden Drucke 
ausgesetzt wurde. Gelang das Manöver nicht, so wurde es später 
wiederholt, bis der Schenkelkopf über den oberen Pfannenrand 
herabrückte und durch Druck gegen den Trochanter in der 
Pfannenvertiefung festgestellt werden konnte. Die geringe Tiefe 
der Pfanne und die instinctiven Anstrengungen des Kranken, 
den ungewohnten und schmerzhaften Contact der Gelenkflächen 
aufhören zu machen, führten in der Regel sofort die Reluxation 
herbei. Mit unermüdlicher Geduld wiederholte Pravaz täglich 
von neuem das Repositionsmanöver. jeden Tag ging dasselbe 
leichter von Statten und jeden Tag hielt der Kopf länger in der 
Pfanne. 

Kräftiger Seitendruck gegen den Trochanter mittelst con- 
caver Pelotten sollte den Kopf fest gegen die Pfanne anpressen 
und das flache Lager derselben erweitern helfen. Die Belastung 
des eingerenkten Gelenkes mit dem Körpergewicht galt Pravaz 
als Reluxationsmoment, weshalb er dieselbe sorgfältig vermied 
und den Patienten durch etwa 2 Jahre die Bewegung nur auf 

l* 



einem Fahrstuhle erlaubte, welcher wie ein Velociped getreten 
wurde, während die Trochanteren dem Pelottendrucke ausgesetzt 
blieben. Der spätere Gebrauch von Räderkrücken vermittelte den 
Uebergang zur selbstständigen Locomotion. 

Wenn wir diesen Heilplan überblicken, so muss derselbe, 
so weit es sich um die Reposition handelt, als ein vollkommen 
rationeller gelten und zweifellos gebührt Pravaz das Verdienst 
als der erste die thatsächliche Reposition der congenitalen Hüft- 
verrenkung auf unblutigem Wege erreicht zu haben. 

Es entsteht die Frage, weshalb Pravaz mit seiner Methode 
nicht durchdrang. Die Antwort ergibt sich von selbst, wenn man 
seinem tadellosen Repositionsverfahren die vollständig mangel- 
hafte Retentionstechnik gegenüber hält. Pravaz konnte den 
Schenkelkopf zwar mit unsäglicher Mühe auf die Pfanne zurück- 
führen, aber es misslang ihm stets, denselben dort festzuhalten. 
Seine Erfolge konnten also nicht als Heilungen gelten und hatten 
zudem keinen Bestand. 

Statt Anerkennung erntete Pravaz trotz seiner über- 
menschlichen Bemühungen, welche in l'ijähriger, rastloser Arbeit 
15 angebliche Heilungen zeitigten, nur kränkende Angriffe und 
Verdächtigungen, namentlich von Seite Bouvier's, der damals 
in orthopädischen Dingen massgebend war und das Pravaz 'sehe 
Verfahren gänzlich erfolglos nachgeprüft hatte. Die Erfolge Pra- 
vaz' waren indes auch von Malgaigne sehr in Frage gestellt 
worden, der constatirte, dass gerade eines der schönsten Resul- 
tate nicht von Dauer war. Im Schosse der zur Klarstellung der 
Sachlage eingesetzten Commissionen konnte man trotz des gün- 
stigen Gutachtens, das von Gerdy abgegeben wurde, zu keinem 
definitiven Urtheile kommen. Der Streit zwischen Pravaz und 
Bouvier wurde noch längere Zeit in heftigster Weise fort- 
geführt und endigte mit dem Ultimatum Bouvier's: „Mon in- 
credulite a des bornes: qu'on me fasse voir un seul cas de re- 
duetion, je ne demande qu'ä etre converti." Es scheint, dass 
Pravaz dieser Aufforderung nicht entsprechen konnte. Nach 
seinem frühzeitigen Tode fiel seine Methode der völligen Ver- 
gessenheit anheim. 

Es bleibt ihm der Ruhm ungeschmälert, dem Ziele als der 
Erste am nächsten gewesen zu sein. Das Scheitern seiner Be- 
mühungen so nahe vor Erreichung desselben lasr offenbar auch 



— 5 — 

in einer mangelhaften Beurtheilung der rudimentären Pfanne. 
Pravaz hatte den Boden der pathologischen Anatomie verlassen, 
als er ihre Sufficienz überschätzte; dadurch wurde seine von 
vornherein mangelhafte Retentionstechnik zu einer vollständig 
ungenügenden und über seine Enderfolge war der Stab ge- 
brochen. 

Aber schon die Langwierigkeit der Pravaz 'sehen Extensions- 
behandlung wäre der Verbreitung der Methode im Wege ge- 
standen. In dieser Beziehung hat sich schon Farabeuf sehr zu- 
treffend folgendem] assen geäussert: 

„Je me suis toujours demande s'il etait permis de prendre 
une toute petite fille et de rimmobiliser des annees, de la sou- 
mettre ä tous ces moyens mecaniques clont l'effet est si lent, si 
incertain, si instable! Pedant toute la jeunesse empecher la vigeur 
physique de se former par le libre exercice des membres, l'esprit 
et le coeur de se regier au contact du monde allant et venant, 
que de maux ajoutes ä une simple infirmite, qui persistera ä 
peine attenuee!" 

Decennien später wurde die Pravaz 'sehe Methode von 
englischen und amerikanischen Aerzten (Adams, Buckminster- 
Braun, Bradford u. A.) mit einigen zweckmässigen Modifica- 
tionen wieder aufgenommen. Vernünftigerweise verwendeten diese 
Aerzte zu ihren Versuchen nur jüngere Kinder. Angeblich wurden 
Erfolge erzielt; jedenfalls sind dieselben zu theuer erkauft worden, 
denn Farabeuf 's Anschauung über die Unzulässigkeit jahre- 
langer Extensionsbehandlung dürfte wohl auch heute noch von 
der Mehrzahl der Aerzte und Laien getheilt werden. Leider 
waren die Resultate nicht von Dauer und gerade der vielcitirte 
Erfolg Bu ckminster's hat sich als ein transitorischer erwiesen, 
da Holsters-Meyer (New- York) über vollständige Recidive der 
Luxation berichten konnte. 

Es darf nicht wundernehmen, dass nach so vielen fehl- 
geschlagenen Versuchen eine gewisse Entmuthigung eintrat und 
die radicale Therapie zeitweise von rein palliativen Bestrebungen 
abgelöst wurde. 

Hieher gehören die Versuche von John Ridlon, Sayre, 
Taylor, Phelps u. A. mittelst portativer Extensionsmaschinen 
das luxirte Gelenk zu entlasten, den Schenkelkopf herabzuholen 
und durch Stahlbügel oder Pelotten gegen das Becken anzupressen. 



Weit vollkommener in ihrer technischen Construction waren 
die von dem Mechaniker Hessin g construirten Schienenhülsen- 
apparate, welche jedoch gleichfalls nur palliativen Zwecken 
dienen konnten, 

Daneben liefen die ersten schüchternen Versuche einer 
operativen Therapie, welche weit davon entfernt waren, der un- 
blutigen Behandlung das Terrain streitig zu machen. Vielmehr 
waren die von Guerin, Bouvier und Brodhurst empfohlenen 
subcutanen Tenotomien eigentlich nur auf Unterstützung der un- 
blutigen Therapie berechnet. 

Erst Anfang der Achtzigerjahre begannen Margary, Heusner. 
Rose, Reyer, König u. A. mit ernstlichen operativen Behand- 
limgsversuchen und Alfonso Poggi reponirte 1888 als der Erste 
den Schenkelkopf in die künstlich gebohrte Pfanne. Als der 
eigentliche Begründer der operativen Behandlung der angeborenen 
Hüftverrenkung, welche sich die blutige Reposition des Sckenkel- 
kopfes in die künstlich vertiefte und erweiterte Pfanne zum 
Ziele setzte, ist jedoch Albert Hoffa zu betrachten. Lorenz ver- 
besserte die Methode durch eine veränderte Schnittführung, welche 
die Schonung der functionell besonders wichtigen pelvitrochan- 
teren Muskeln ermöglichte und deshalb allgemein acceptirt wurde. 

Die Hoffa-L orenz'sche Methode der blutigen Reposition 
ist bis in die jüngste Zeit die alleinherrschende geblieben. 

Das berechtigte Aufsehen, welches die gelungene radicale 
Heilung des Gebrechens auf operativem Wege in der ärztlichen 
Welt erregte, lässt es begreiflich erscheinen, dass mehrfache 
frühere Versuche einer palliativen Behandlung auf unblutigem 
Wege nur wenig Beachtung fanden. Nachdem Brodhurst schon 
18(35 die Versuche einer Reposition auf unblutigem Wege er- 
folglos wieder aufgenommen hatte und Post (Boston) mit den- 
selben Versuchen gescheitert war (Holsters-Meyer), trat Paci 
(Pisa) 1887 mit seiner „cura razionale della lussazione congenita 
della anca" auf den Plan, vermochte jedoch kaum in seinem 
engeren Vaterlande durchzudringen. 

Die Methode ist ein palliatives und keineswegs ein radicales 
Repositionsverfahren und schon deshalb konnte dasselbe nicht 
einmal vor, geschweige denn während der operativen Aera 
der radicalen Luxationsbehandlung zu irgend welcher Geltung 
kommen. 



Ich werde in dem Capitel „Angriffe und Abwehr" noch 
einmal ausführlich auf die palliative Methode Paci's zu sprechen 
kommen. 

Hier finde vorerst die Beschreibung derselben ihren Platz. 

Das Repositionsverfahren Paci's besteht aus vier Tempi, 
welche in Narkose des Patienten, eventuell auch ohne eine 
solche ausgeführt werden. 

Zunächst wird das Bein im Hüft- und Kniegelenke maximal 
gebeugt und der Schenkel in dieser Stellung durch Druck von 
oben her kräftig nach abwärts geschoben. Hierdurch werden die 
vorderen Weichtheile direct entspannt; die hinteren Muskeln 
widersetzen sich dem Herunterholen des Kopfes aus dem Grunde 
nicht, weil diese Bewegung eine Annäherung ihrer Insertions- 
punkte bewirkt. „Completata la flessione, si avrä la testa del 
femore in basso al disotto del livello della cavitä cotiloidea, o 
almeno contro adessa, e piü o meno posteriormente." (Arch. di 
Ortop. 1892, p. 420.) 

Das zweite Tempo besteht in einer leichten Abductions- 
bewegung des gebeugten Schenkels („questo movimento sia per- 
messo tanto, da poter condurre il ginocchio allo esterno del 
piano laterale del corpo per circa 15 centimetri." Ibid.); der 
Schenkelkopf erfährt dabei eine entgegengesetzte Verschiebung 
nach vorne und kommt mehr weniger unterhalb oder doch 
gegen den normalen Pfannenort zu stehen. Dies wird erreicht, 
wenn der Kopf durch das erste Tempo genügend tief herab- 
geführt werden konnte und die Adductorenverkürzung 
nicht allzu hinderlich ist. Auch Verbildungen des oberen 
Femurendes können die Ausführung des zweiten Tempo vereiteln. 
Wiederholt ist es Paci selbst geschehen, dass die durch Ab- 
duction herbeizuführende Stellungsänderung des Schenkelkopfes 
unerreichbar blieb. Solche Fälle eignen sich nicht für die 
Methode. 

Im dritten Tempo wird der gebeugte und abducirte Schenkel 
bei rechtwinkelig gestelltem Kniegelenke nach aussen gerollt, 
bis die Achse des rechtwinkelig gebeugten Unterschenkels senk- 
recht zur Medianebene des Körpers steht. Der Schenkelkopf be- 
schreibt dabei einen Viertelkreisbogen und soll nach vorwärts 
und einwärts gegen jene Stelle des Darmbeines gedrängt werden 
welche der normalen Pfanne entspricht. 



Im vierten Tempo wird der maximal gebeugte, massig ab- 
ducirte und nach auswärts gerollte Schenkel unter Beibehaltung 
der Aussenrollung langsam und mit grosser Vorsicht gestreckt, 
wobei die Anspannung besonders der vorderen Schenkelmuskeln 
mit allmählich zunehmender Gewalt überwunden werden muss. 
Dieses Tempo ist mit besonderer Ruhe und Langsamkeit aus- 
zuführen, um nicht eine Schenkelfractur zu riskiren. Durch dieses 
letzte Tempo gewinnt der Schenkelkopf eine knöcherne Anlehnung 
oder Stützung gegen das Os ilei (prenderä punto di appoggio 
sull'osso iliaco). 

Die Ausführung dieser vier Tempi bildet den ersten und 
wesentlichen Theil der Metodo razionale. Der Kopf hat durch 
diese Manöver den Platz der Pfanne in einer derartigen Weise 
erreicht, dass man an eine wahrhafte und thatsächliche Ein- 
renkung (vera e propria completa riducione) glauben könnte. 
„Molte volte perö questo non si ottiene. ma essa testa femorale 
va a collocarsi molto vicino alla positura normale e al 
disotto ed un poco allo esterno della spina iliaca stessa, 
quasi a simulare una varietä della lussazione iliaca anteriore o 
del Monteggia" (ibid.). 

Zur Vollendung der Cur erhält Paci durch vier Monate 
den Schenkelkopf in seinen neuen Lagebeziehungen zunächst 
durch einen das Becken und die Extremität umfassenden Gips- 
verband fest, welcher während der noch andauernden Narkose 
bei starker Auswärtsrollung des extendirten Beines angelegt wird. 
In gewissen Fällen erweist es sich nach Paci als nützlich, das 
Bein in leichte Abduction zu bringen. Sobald der Verband 
erhärtet ist, wird eine Extension am Beine ausgeübt, welche es 
dem Patienten möglich macht, sich aufzusetzen und sich im Bette 
nach Belieben zu bewegen, da die Muskeln unthätig sind und 
die Stellung des Schenkels sich nicht mehr ändert. Paci hält das 
Sitzen bei extendirtem Beine sogar für nützlich, da die Bewe- 
gung des Beckens gegen den durch die Extension fixirten 
Schenkelkopf gewissermassen einen functionellen Reiz auf die 
neuen Gontactpunkte der Knochen ausübt, welcher die Organi- 
sation der bezweckten Nearthrose begünstigt. Nach diesen vier 
Monaten wird die Extension unterbrochen und das Becken sammt 
dem Beine mit einer alle 14 Tage zu erneuernden Flanellbinden- 
einwickelung versehen, um das (Jedem zu verhindern. Nunmehr 



— 9 — 

wird das Gehen mit Krücken gestattet, wobei der Patient an- 
gewiesen wird, das Bein in Aussenro tation zu halten; 
ausserdem zweimal des Tages elektrische und Massage-Behand- 
lung nebst Fortsetzung der Extension bei Nacht. Diese zweite 
Gurperiode dauert weitere vier Monate. Nach dieser Zeit wird 
Patient angehalten, die Krücken anfänglich während weniger 
Stunden täglich mit zwei Stöcken zu vertauschen und allmählich 
sich an das Gehen ohne Unterstützung zu gewöhnen. Bis zur 
Vollendung der Paci 'sehen Gur verstreicht mithin der Zeitraum 
wenigstens eines Jahres. Schliesslich wird durch weitere 8 Mo- 
nate ein Gorset mit axillaren Krücken in Anwendung gezogen. 
Von 1886 bis 1891 hatte Paci 10 Fälle mit vollständig abgelaufener 
Behandlung aufzuweisen. Dieselben betrafen durchwegs ältere 
Kinder im Alter von 8, 9, 10, 11 und 16 Jahren (Lorenz, Pa- 
thologie und Therapie der angeborenen Hüftverrenkung, Wien 
1895, p. 155 bis 158). 

Es wird aus meinen späteren Darlegungen hervorgehen, 
dass die Methode Paci's noch viel weniger auf dem Boden der 
pathologischen Anatomie fusste als die alte Pravaz'sche Me- 
thode. Während diese letztere eine thatsächliche Reposition des 
Schenkelkopfes auf die rudimentäre Pfanne erreichte, aber wegen 
unzureichender Retentionstechnik bei Ueb er Schätzung der 
Pfannenentwickelung diese Reposition nicht zu erhalten wusste 
und aus diesen Gründen keine dauernden Resultate erzielen 
konnte, geht die Methode Paci von einer entgegengesetzten, aber 
noch irrthümlicheren anatomischen Voraussetzung aus, indem sie 
die Entwickelung der rudimentären Pfanne nicht nur unter- 
schätzt, sondern mit derselben überhaupt gar nicht rechnet und 
eine Nearthrose in möglichster Nähe jenes Punktes anstrebt, 
wo sich die Pfanne befinden sollte. 

Obwohl Paci durch 10 Jahre seine Methode in zahlreichen 
Artikeln predigte, fand er fast überall und selbst im eigenen 
Vaterlande taube Ohren. 

Die orthopädischen Chirurgen waren von ihren Bestrebungen 
um die Ausgestaltung einer radicalen Therapie zu sehr in An- 
spruch genommen als dass sie wegen einer palliativen Methode 
auch nur einen Moment in ihrer Arbeit inne halten wollten. 
Diese Arbeit am Operationstische und das Studium der patho- 
logischen Anatomie in vivo hatte ihnen auch gezeigt, wie ausser- 



— 10 — 

ordentlich schwierig selbst bei noch jungen Kindern die Ziele 
der radicalen Therapie zu erreichen waren und es musste ihnen, 
um die Worte Lovett's (etiologv, pathology und treatment of 
diseases of the hip Joint, p. 200) zu gebrauchen, vollkommen 
unglaublich erscheinen, dass eine so schwere Deformität wie die 
angeborene Hüftverrenkung durch eine so einfache und schnelle 
Behandlung sollte geheilt werden können, zumal wenn es sich, 
wie in den Paci'schen Fällen, fast ausschliesslich um ältere 
Kinder handelte. 

Der Vorschlag de Willard's (Washington) aus dem Jahre 
1891, energische Einrenkungsversuche ähnlich jenen Paci's zu 
unternehmen, um eine Entzündung hervorzurufen und dann mit 
Extension zu behandeln, fand ebensowenig Beachtung. 

Auch die sogenannte sklerogene Methode Lannelongue's 
welche durch Chlorzinkinjectionen entzündliche Knochenproduction 
und hierdurch eine bessere Fixirung des Schenkelkopfes herbei- 
zuführen bestrebt war, konnte keine Verbreitung finden. 

Die schönen Erfolge der radicalen blutigen Therapie 
brachten indessen die Bestrebungen, eine unblutige radicale Me- 
thode zu finden, keineswegs zum Stillstande. 

Die am Operationstische erweiterten anatomischen Kennt- 
nisse hatten gelehrt, dass eine radicale unblutige Methode nie- 
mals bei jenen im Alter relativ vorgeschrittenen Kindern, welche 
bisher als Versuchsobjecte gedient hatten, gelingen könne, son- 
dern dass dieselbe nur bei jüngeren Kindern Aussicht auf Er- 
folg habe. 

Von dieser Erkenntnis geleitet, construirte v. Mikulicz 1894 
seinen Lagerungsapparat, welcher auf dem Wege continuirlicher und 
gleichzeitiger Extension, Abduction und Aussenrollung des luxirten 
Beines sowohl die Reposition als auch die Retention des luxirten 
Schenkelkopfes bewirken sollte und erreichte an ganz jungen 
Kindern zweifellose Resultate, während die Methode auch nur 
einigermassen älteren Fällen gegenüber notwendiger — und be- 
greiflicherweise versagen musste. Hoffa und Kirmisson haben 
den Apparat einigermassen modificirt, ohne denselben dadurch 
wenigstens den älteren Fällen gegenüber wesentlich wirksamer 
zu machen. 

Während der wechselnden Phasen des zahlreiche Aerzte 
intensiv beschäftigenden Studiums der Luxationstherapie ver- 



— 11 — 

folgte Schede trotz der von Volkmann offen proclamirten Ohn- 
macht jeder Therapie schon seit den Achtzigerjahren unentwegt 
seinen Plan, den Schenkelkopf durch continuirliche Extension in 
das Pfannenniveau herabzuholen und gegen dasselbe anzupressen. 
1892 bemerkte Schede, dass man sich von einer orthopädischen 
Behandlung der angeborenen Hüftluxation lediglich nur dann 
einen guten Erfolg versprechen darf, wenn das Leiden ein 
einseitiges ist, und wenn es entweder sogleich, oder nach einer 
gewissen Behandlungszeit gelingt, den Kopf in die Pfanne zu 
stellen und bei Abduction durch gleichzeitigen massigen Druck 
auf den Trochanter in frontaler Richtung darin festzuhalten, so 
dass eine Verschiebung auch beim Gehen nicht mehr eintritt. 

Bei Kindern, welche noch nicht gegangen sind, bei welchen 
also noch keine schweren secundären Veränderungen eingetreten 
sind, gelingt es nach Schede regelmässig durch einfachen Zug 
und Abduction des Beines, den Kopf in die Pfanne zu bringen 
und durch seitlichen Druck auf den Trochanter zu fixiren. Vom 
dritten Lebensjahre ab gelang es Schede durch wochen- und 
monatelange Gewichtsextension den Schenkelkopf durch Zug 
und Abduction in die Pfanne zu stellen. Dann folgte eine 2 bis 
6 Jahre währende Apparatbehandlung mittelst der bekannten 
Abductionsmaschine, welche durch Abziehung und gleichzeitig 
ausgeführten Druck den durch vorhergehende Extensions- 
behandlung der Pfanne gegenüber gestellten Kopf gegen sein un- 
zureichendes Lager anpressen und dasselbe dadurch erweitern 
sollte. 

Schede hatte mit dieser ebenso langwierigen als mühsamen 
Behandlung befriedigende Erfolge aufzuweisen, aber zu einer all- 
gemeinen Ausbreitung konnte das Verfahren nicht gelangen, da 
es sowohl an den Patienten als auch an den Arzt zu grosse An- 
forderungen stellte. 

In ihrem Wesen war die Schede'sche Behandlung der 
alten Pravaz'schen Methode ziemlich ähnlich. Bezüglich der 
Retentionstechnik hatte Schede jedoch durch Verwerthung der 
schon von Roser empfohlenen Abduction einen unzweifelhaften 
Fortschritt angebahnt. 

Als durch meine ersten Mittheilungen über die unblutige 
Reposition des Schenkelkopfes das Interesse an der unmittel- 
baren Einrenkung in einer Sitzung wieder wachgerufen war, ge- 



— 12 — 

staltete Schede sein bisheriges Verfahren in diesem Sinne aus. 
Durch Anwendung forcirter Extension mittelst Kurbeln in Narkose 
des Kranken wurde die ehemalige allmähliche Einrenkung zu 
einer unmittelbaren Einrenkung auf kurzem Wege, während in der 
Retentionsbehandlung die Abductionsschiene allmählich immer 
mehr durch den Gipsverband verdrängt wurde. 

Was Pravaz seinerzeit auf richtigem Wege angebahnt, aber 
aus Mangel an technischen Hilfsmitteln und irregeleitet von 
mangelhaften anatomischen Kenntnissen über die rudimentäre 
Pfanne nicht hatte vollenden können, sehen wir in Sehe de 's 
„Reposition durch forcirte Extension" thatsächlich erreicht. 

Ich bin erst 1895 der Frage der extemporirten unblutigen 
Einrenkung des Schenkelkopfes auf kurzem Wege — also in einer 
einzigen Sitzung — näher getreten und habe den Plan hierzu in 
meinem Buche (Pathologie und Therapie der angeborenen Hüft- 
verrenkung, p. 181) folgendermassen entwickelt: 

„Die unvermeidliche Langwierigkeit der mechanischen Be- 
handlung lässt folgende Wünsche gerechtfertigt erscheinen: 

1. Ein gesundes und bewegungsfrohes Kind sollte nicht zu 
langer Ruhelage verurtheilt werden. 

2. Die Extremität sollte während der Dauer der Behand- 
lung von der Function des Lasttragens nicht ausgeschlossen 
werden, um das Knochenwachsthum nicht ungünstig zu beein- 
flussen. 

3. Vielmehr sollte die ganze Last des Rumpfes dazu benützt 
werden, den Schenkelkopf in die Pfanne einzutreiben. Das Herab- 
holen des Kopfes in das Pfannenniveau und die Eintreibung des- 
selben in die Pfannentasche müssen demnach zeitlich getrennte 
Acte der Behandlung vorstellen. 

Auf Grundlage dieser Erwägungen habe ich mir folgenden 
Plan für die mechanische Behandlung der angeborenen Hüftver- 
renkung zurechtgelegt und werde denselben bei sich ergebender 
Gelegenheit in geeigneten Fällen zur Ausführung bringen. 

Die Herabholung des dislocirten Schenkelkopfes in das 
Pfannenniveau geschieht mittelst präparatorischer Extension, 
welche jedoch nicht über 8, höchstens 14 Tage ausgedehnt 
wird. Die definitive Reduction erfolgt in leichter Narkose unter 
gelinder Anwendung meiner Extensionsschraube, wobei die Quehle 
behufs Ausschaltung des Widerstandes der langen Beckenbein- 



— 13 — 

muskeln oberhalb des gebeugten Kniegelenkes angelegt wird. 
Bei contralateral wirkendem Gegenzuge mittelst einer Perineal - 
schlinge geschieht die Herabholung des Schenkelkopfes unter 
gleichzeitiger, starker Abduction des luxirten Gelenkes. 

Bei jüngeren Kindern, welche ja ausschliesslich für die 
mechanische Behandlung in Betracht kommen, steht der Herab- 
holung des Schenkelkopfes auf diesem Wege nach allen Er- 
fahrungen bei der operativen Reposition nicht die geringste 
Schwierigkeit im Wege. Ist die Trochanterspitze in die Linie 
gebracht, oder vielmehr sogar etwas unterhalb derselben ein- 
gestellt, so lässt man die aufgewendete Extension durch einige 
Minuten fortdauern, um eine möglichst ausgiebige Dehnung der 
Weichtheile zu erzielen. Sodann wird die Extension ausser Wir- 
kung gesetzt und nunmehr der Versuch gemacht, unter extremster 
Abduction die obere Spitze des Schenkelkopfes unter der oberen 
Pfannenkante gewissermassen einzuhaken. Nöthigenfalls würde 
ich vor einer seichten Einkerbung der Adductorencoulisse nicht 
zurückschrecken, falls der nöthige Grad der Abduction nicht 
erreichbar sein sollte. Der genügend abducirte Schenkel darf 
dann anter keinen Umständen auswärts gerollt, sondern muss so 
gehalten werden, dass der Schenkelhals in die Frontalebene zu 
liegen kommt, damit die Kopfspitze dem Eingange der Pfannen- 
tasche gut zugekehrt werde. Je nach dem Grade der vorhandenen 
Vornewendung des Schenkelhalses, respective Schenkelkopfes 
wird das abducirte Bein in leichter Einwärtsrollung zu 
halten sein. Ist auf diese Weise die Kopfspitze der Pfannen- 
tasche gegenüber gestellt, so handelt es sich weiterhin um 
Eintreibung des Kopfes zunächst in den Pfannenspalt. 
Nur in den seltensten Ausnahmsfällen kann diese Eintreibung 
„unmittelbar" gelingen; bis zu welchem Grade dies möglich 
ist, wird von den jeweilig vorliegenden Verhältnissen, von dem 
Grössenverhältnisse zwischen Kopf und Pfanne, von der Dehn- 
barkeit der vorderen Wand der Pfannentasche, von der Be- 
schaffenheit des Schenkelhalses etc. abhängen. Die Eintreibung 
wird durch medialwärts wirkenden Druck an dem abducirten 
und leicht einwärts gerollten Beine zu bewirken gesucht. All- 
mählich vermindert man die Abduction des Schenkels durch 
Herableitung desselben in der Frontalebene, während der Tro- 
chanter durch Druck von obenher kräftigst fixirt wird. Der an 



— 14 — 

oder unter der oberen Pfannenkante stehende Kopf, respeetive 
der fixirte Trochanter bilden bei dieser Anordnung das Hypo- 
mochlion der den Kopf eintreibenden Hebelbewegung des 
Schenkels. Diese wird so lange fori gesetzt als der Kopf nicht 
nach oben zurückspringt. Unter Beibehaltung der Einwärtsrollung 
wird das Bein in jener geringsten Abductionslage, bei welcher 
der Kopf noch fixirt bleibt, exact gegen das Becken festgestellt. 
Nach kürzerem oder längerem Termine wird die Abduction des 
Beines unter strenger Wahrung der Einwärtsrollung desselben 
etappenweise vermindert und jedesmal neuerdings fixirt, bis eine 
Abductionslage erreicht wird, bei welcher unter entsprechender 
Erhöhung der Sohle des gesunden Fusses das Stehen und 
Gehen, wenn auch vorläufig noch in unbequemster Weise, so 
doch überhaupt möglich ist. Der durch die Fixirung des 
Beines in der oben erwähnten Haltung in richtige Direction ge- 
stellte Schenkelkopf wird dann durch die Last des Rumpfes wie 
ein Keil in die enge Pfannentasche hineingetrieben werden. 
Dann bildet möglichst fleissiges Stehen und Gehen die wich- 
tigste Vorschrift der weiteren Behandlung. Auch für doppel- 
seitige Luxationen wäre diese Methode anwendbar, wenn auch 
entsprechend schwieriger. Das Stehen und Gehen unter Ge- 
lenksbelastung könnte hier erst später, zunächst bei stark 
gespreizten Beinen mit entsprechender Nachhilfe aufgenommen 
werden. 

Dieser Entwurf einer mechanischen Behandlungsmethode 
der angeborenen Hüftverrenkung wird die praktische Prüfung 
noch zu bestehen haben. Vorderhand kann ich zu seinen Gunsten 
nur das Eine anführen, dass er den obwaltenden, pathologischen 
Verhältnissen des Gelenkes strenge angepasst ist und dass er 
unter den zahlreichen Vorschlägen als der Einzige mit der 
Eintreibung des Kopfes in die Pfannentasche sich befasst und 
durch die zweckmässige Direction des Kopfes wenigstens 
die Möglichkeit eröffnet, diese schwierigste Aufgabe der mecha- 
nischen Behandlung zu lösen. Durch die Art der Herabholung 
des Schenkelkopfes, durch die Abduction des einwärts gerollten 
Beines bei der Eintreibung des Kopfes und durch die Zuhilfe- 
nahme der Gelenksbelastung wäre diese Methode gegenüber allen 
übrigen untereinander kaum wesentlich differirenden Verfahren 
präcise charakterisirt." 



— 15 — 

Es ist ersichtlich, dass dieser ursprüngliche Plan einer Ein- 
renkung des Schenkelkopfes über den oberen Pfannenrand, nach 
Pravaz'schem Muster gehalten, vollkommen mit der von Schede 
ausgebildeten Einrenkungsmethode identisch ist. 

Bei den ersten praktischen Versuchen nach diesem Plane 
schienen mir die gemachten theoretischen Voraussetzungen viel- 
fach nicht zuzutreffen. 

Es schien mir, als hätte ich auf der einen Seite zu viel 
gehofft, auf der anderen zu wenig erwartet; es gelang nämlich 
nur selten, den Schenkelkopf in der geplanten Weise unter der 
oberen Pfannenkante verlässlich einzuhaken, während die re- 
lative Leichtigkeit einer unmittelbaren Eintreibung des Schenkel- 
kopfes in die Pfannentasche meine Erwartungen übertraf. Der 
ursprüngliche Plan erfuhr daher schon nach den ersten Ver- 
suchen insofern eine Umgestaltung, als die Reposition nicht über 
den oberen, sondern über den hinteren Pfannenrand vorge- 
nommen wurde. Die ersten gelungenen Einrenkungen wurden 
im Centralblatt für Chirurgie 1895, Nr. 33. gemeldet; es 
heisst dort: 

..Die Herabholung des Schenkelkopfes in das Pfannen- 
niveau erfolgt ohne jede vorbereitende Extensionsbehandlung auf 
dem Wege forcirter, manueller oder instrumenteller (Schrauben-) 
Extension in Narkose des Patienten. Hundertfache Erfahrung bei 
der blutigen Reposition hat die Möglichkeit der Erreichung dieses 
Zieles ausser jeden Zweifel gestellt. Nach vollzogener Herabholung 
des Schenkelkopfes wird die Reposition desselben in die Pfannen- 
tasche auf dem Wege starker Abduction. eventuell unter 
Beihilfe der Flexion erzielt. Ueber die vollzogene Reposition 
kann, falls dieselbe gelang, nicht der leiseste Zweifel herrschen. 
Der Schenkelkopf überspringt nämlich den hinteren Pfannenrand 
unter dem akustischen Phänomen eines dumpfen Trommel- 
schlages, der oft weithin vernehmbar ist und unter dem palpato- 
rischen Phänomen einer ruckweisen Erschütterung, welche wie 
ein elektrischer Schlag von allen, den Körper des Kindes fixi- 
renden Händen empfunden wird. Diese Phänome können bei 
wiederholter Ein- und Ausrenkung jedesmal nach Belieben 
neuerdings erzeugt werden. Das Einrenkungsgeräusch und die 
Einrenkungserschütterung sind von solcher Prägnanz, dass sie 
der Wahrnehmuno - absolut nicht entgehen können. 



— 16 - 

Noch niemals wurde bisher der Umstand ins Auge gefasst, 
dass in Folge des stets vorhandenen Grössenmissverhältnisses 
zwischen Schenkelkopf und Gelenkspfanne eine solide, mecha- 
nische Einrenkung bei indifferenter Streckstellung des 
Beines unmöglich bestehen kann. Vielmehr ist es eine 
natürliche Folge dieses Grössenmissverhältnisses der beiden Ge- 
lenkskörper, dass die erzielte Einrenkung zunächst nur 
bei extremer Abdu ctionshaltung des Schenkels Bestand 
haben kann, und bei dem vorsichtigsten Versuche einer Ver- 
minderung dieser Abduction, geschweige denn bei Ueberführung 
des Beines in eine indifferente Streckhaltung sofort die Reluxation 
erfolgen muss. 

Die Einrenkung kann vielmehr erst nach der Vertiefung 
der flachen Pfanne auch bei allmählich verminderter Abductions- 
haltung des Beines erhalten bleiben. Die Vertiefung, respective 
Ausweitung der defecten Pfanne wird zunächst unter Beibehal- 
tung der extremen Abductionslage des eingerenkten Beines ein- 
geleitet und durch in der Längsachse des Femur gegen den 
Pfannenboden wirkenden, mechanischen Druck, also durch eine 
Belastungsbehandlung erreicht. So lange die Abductionshaltung 
eine extreme ist, wird die Einpressung des in die Pfanne ein- 
gelassenen Schenkelkopfes gegen den Pfannenboden durch Druck- 
verbände bewerkstelligt. Etappenweise wird die extreme Abduc- 
tion allmählich vermindert, so weit dies jeweilig ohne Reluxation 
des Schenkelkopfes über den hinteren Pfannenrand möglich ist, 
bis endlich das Bein in einer bis zu jenem Grade corrigirten 
Abductionshaltung sich befindet, bei welcher das Stehen und 
Gehen, wenn auch vor der Hand noch in unbequemer Weise, 
so doch überhaupt möglich wird. Von diesem Zeitpunkte ab 
steht der vor und unter dem hinteren Pfannenwalle befindliche 
Schenkelkopf, respective der Pfannenboden unter dem Drucke 
der Rumpflast, welche somit zur Ausweitung der engen Pfanne 
in den Dienst der Therapie gestellt wird." 

Die Repositionsmethode konnte damals noch nicht präcise 
formulirt werden, während die Retention noch in den Kinder- 
schuhen stak und mit unnützem Beiwerk arbeitete. 

Immerhin konnte der Methode gegenüber den damals be- 
kannten Goncurrenzmethoden bereits eine vollständige Sonder- 
stellung zuerkannt werden. Zur Charakteristik meiner unblutigen 



— 17 — 

Behandlung habe ich damals Folgendes angeführt (Chirurg. 
Centralblatt 1895, 33): 

„1. Dieselbe ist eine rein chirurgische, d. h. sie wird vom 
Anfang zum Ende „mit der Hand'' durchgeführt, im Gegen- 
satze zu allen anderen bisher geübten Appar atmethoden. 

2. Meine Methode ist eine Belastungsmethode im strengsten 
Gegensatze zu allen anderen mechanischen Methoden, welche 
durchwegs Ext ensionsmethoden sind. Es ist ohneweiters klar, 
dass die Extension nur insolange angezeigt sein kann, als es sich 
um die Herabholung des Schenkelkopfes in das Pfannenniveau 
handelt. Von dem Moment der gelungenen Reposition 
angefangen ist die Extension geradezu zweckwidrig, 
vielmehr besteht dann die gegentheilige Indication zu 
Recht. Dementsprechend wird von diesem Augenblicke an die 
Vertiefung und Erweiterung des Pfannengrübchens durch Druck 
gegen den Pfannenboden vornehmlich durch die Rumpflast 
selbst, also durch die Function des Gelenkes erreicht. Meine Me- 
thode könnte daher auch die functionelle Methode genannt 
werden. Die Tragfunction der Knochen wird bei diesem Vor- 
gehen kaum unterbrochen und dadurch jene schwere Schädi- 
gung des Wachsthums und der Festigkeit der Knochen hintan- 
gehalten, welche bei der eine Reihe von Jahren durchgeführten 
Extensionsbehandlung (Apparatotherapie) schliesslich unvermeid- 
lich wird. Während also die Extensionsbehandlung das luxirte 
Bein viele Jahre hindurch schont, gewissermassen ausser Function 
setzt und den Patienten geradezu in ähnlicher oder vielmehr 
gleicher Weise behandelt, wie einen Amputirten, verlangt meine 
functionelle Methode im Gegentheile die möglichste Belastung 
des behandelten Beines durch dauerndes Stehen, Gehen und 
Gelenksbewegung. Das qualvolle, jahrelange Niederbinden der 
Kinder auf Streckbetten wird vollständig umgangen; der Patient 
ist bis auf wenige Wochen, während welcher derselbe immer noch 
passiv mobil bleibt, d. h. getragen und gefahren werden kann, 
stets, und zwar möglichst viel auf seinen eigenen Beinen, ohne 
auf Stützapparaten oder Schienenhülsen zu reiten. 

Meine Methode unterscheidet die Herabholung und Reposition 
des Schenkelkopfes streng von der weiteren Nachbehandlung, 
weil diese Behandlungsphasen ganz conträre Indicationen bieten, 
im Gegensatze zu den anderen Methoden, welche sich über das 

Lorenz, Hüftveirenkung. 9 



— 18 — 

Gelungensein oder Misslingen der Reposition niemals klar sind 
und entgegengesetzten Indicationen cumulativ gerecht zu werden 
suchen." 

Die erste etwas eingehendere aber immer noch lückenhafte 
Darstellung meiner Methode erfolgte 1896 in der Volkmann- 
schen Sammlung klinischer Vorträge Nr. 151, 152 unter dem 
Titel: ,Die unblutige chirurgische Behandlung- der angeborenen 
Hüftverrenkung mittelst der functionellen Belastungsmethode." 
Die Einrenkungsmethode selbst gewann in dieser Publication 
einigermassen bestimmtere Formen, aber die Retentionstechnik 
schwankte noch zwischen unsicheren Regeln. 

Zu ihrer Ausbildung gehörte eben viel Zeit und reichere 
Erfahrung. 

Am 25. Congress der deutschen Gesellschaft für Chirurgie 
in Berlin 1896 war ich bereits in der Lage, Behandlungsresultate 
zu demonstriren, welche zum Theile alle bisherigen Leistungen 
der operativen Behandlung in den Schatten stellten. 

Kaum vom Stapel gelassen, war meine Mittheilung, wie 
kaum anders zu erwarten, Gegenstand der schärfsten Angriffe. 
(Ich komme auf dieselben im letzten Capitel zurück.) 

Die Aufforderung des Präsidenten v. Bergmann, meine 
Behauptungen vor dem versammelten Congresse durch die De- 
monstration meiner Einrenkungsmethode zu erweisen, hatte für 
mich in jener Situation etwas Erlösendes. 

Körperlich leidend und psychisch verstimmt, trat ich mit 
einigem Bangen an meine Aufgabe heran, denn meine Technik 
war damals noch recht unsicher. Glücklicherweise gelang alles 
nach Wunsch und ich konnte den versammelten deutschen 
Chirurgen die Einrenkung und ihre physikalischen Phänomene in 
klarster Weise demonstriren. Darauf kam es mir vor allem an, 
denn nur die Möglichkeit der Reposition hatte ich fest 
behauptet, während ich bezüglich alles Weiteren vorsichtiger- 
weise den Boden einer allerdings hoffnungsvollen Vermuthung 
nicht verlassen hatte. 

Seit diesem Zeitpunkte war ich unablässig bemüht, die Kenntnis 
meiner Einrenkungsmethode in ärztlichen Kreisen zu verbreiten. 

Zahlreichen Collegen aus dem In- und Auslande, welche 
mich in Wien besuchten, habe ich die reichlichste Gelegenheit 
geboten, sich über die Methode in jeder Richtung zu informiren. 



— 19 — 

Ich habe das Verfahren gelegentlich in Paris, Bologna, 
Turin ausgeführt. 

Auf der 69. Versammlung deutscher Naturforscher und 
Aerzte in Frankfurt am Main hatte ich Gelegenheit, die Ein- 
renkung einem grösseren Kreise von Aerzten zu demonstriren. 

Auch auf dem XII. internationalen medicinischen Congress 
in Moskau habe ich die Gelegenheit wahrgenommen, geheilte 
Fälle vorzustellen und durch Ausführung der unblutigen Ein- 
renkung im Interesse der Verbreitung der Methode zu wirken. 

Dass die Demonstration allgemeines Interesse erregte, be- 
wies mir der bis auf das letzte Plätzchen gefüllte Hörsaal der 
chirurgischen Klinik des Herrn Professors Bobrow, für dessen 
liebenswürdige Gastfreundschaft ich zu stetem Danke ver- 
pflichtet bleibe. 

Leider war es mir in Folge einer B.eihe von Zufälligkeiten 
nicht möglich, einen für Demonstrationszwecke geeigneten Luxa- 
tionsfall aufzubringen und ich war gezwungen, mich der wenig 
verlockenden Aufgabe zu unterziehen, die Einrenkung bei einem 
8jährigen Kinde mit doppelseitiger Luxation ohne jede Vor- 
bereitung der Patientin zu versuchen. Da das Kind fast an der 
äussersten Altersgrenze stand, musste das Gelingen der Ein- 
renkung von vornherein als zweifelhaft bezeichnet werden. 
Herr R.edard (Paris) lieh mir seine freundliche Mitwirkung. 
Was ich befürchtet hatte, sah ich näher und näher kommen. 
Unter dem Einflüsse der entsetzlichen Hitze im Saale erschöpften 
sich meine Kräfte früher als es sonst der Fall gewesen wäre 
und die Demonstration drohte ein klägliches Ende zu nehmen, als 
Albert Hoffa, mir zu Hilfe eilend, mit frischen Kräften ein- 
setzte, die letzten Schwierigkeiten überwand und die Einrenkung 
schliesslich doch noch zu Stande brachte. Ebensogut hätte die 
Sache misslingen können, da ein 8j ähriges Kind mit doppel- 
seitiger Verrenkung die Machtsphäre der unblutigen Einrenkung 
eigentlich schon überschritten hat. Nunmehr konnten auch in 
diesem Falle die plrysikalischen Phänomene der Einrenkung und 
die Proben der primären Stabilität demonstrirt werden. 

Auf der 70. Versammlung deutscher Naturforscher und 
Aerzte in Düsseldorf (September 1898) habe ich zu dem Gegen- 
stande gesprochen und sowohl die Einrenkung demonstrirt als 
auch geheilte Fälle vorgestellt. 

2* 



— -20 - 

In der Wiener k. k. Gesellschaft der Aerzte habe ich zu 
wiederholtenmalen eine Reihe von idealen Heilungen vorgeführt. 

Ich beschliesse meine durch fünf Jahre währende ununter- 
brochene Arbeit nunmehr mit der detaillirten Darstellung meiner 
Methode auf Grundlage der Erfahrungen an weit über 400 
nach der unblutigen Methode behandelten Luxationsfällen. Ein 
Resume der erreichten Resultate werde ich dem XIII. internatio- 
nalen medicinischen Gongresse in Paris vorlegen und glaube 
damit für die Verbreitung der Kenntnis meines Verfahrens in 
den ärztlichen Kreisen genug gethan zu haben. Ich hege die feste 
Ueberzeugung, dass die Resultate meiner Methode „von nun 
ab allein" für die weitere Verbreitung derselben sorgen werden. 



II. Bemerkungen über die humanitäre Bedeutung der 
angeborenen Hüftverrenkung. 

Alle Chirurgen waren darüber einig und haben es genug- 
sam beklagt, dass ihre durch zwei Menschenalter fortgesetzten 
Bemühungen und Heilversuche der angeborenen Hüftverrenkung 
gegenüber sich als ohnmächtig erwiesen. 

Die Verbesserungen, welche von einzelnen Aerzten durch 
eine schier endlose, 7- bis sjährige, für alle Theile gleich mühe- 
volle Behandlung in seltenen, früh genug in Angriff genommenen 
Fällen erreicht wurden, stellen diese Thatsache in ein um so 
schärferes Licht. 

Als dieser Bann durch die blutige Reposition gebrochen 
schien und auf dem Boden derselben die unblutige Einrenkung 
ihre segensreiche Wirksamkeit begann, vergass man völlig der 
früheren Klagen und der eingestandenen Ohnmacht. Gerade so 
als ob man über ein besseres zu verfügen gehabt hätte, wurde 
das neugewonnene Arbeitsfeld als ein voraussichtlich unfrucht- 
bares, die vorläufigen Ergebnisse seiner Bearbeitung als exaltirte 
Hoffnungen eines Sanguinikers bezeichnet; die thatsächlich er- 
reichten Resultate wurden bemängelt, d. h. sowohl ihrem Cha- 
rakter als Heilung des Gebrechens, als auch ihrer Dauer nach 
bezweifelt und die Freude über die neue Errungenschaft mit 
dem Hinweise auf die geringe humanitäre Bedeutung der ganzen 
Frage gedämpft. 



— 21 — 

Ehemals wurde die humanitäre Bedeutung der angeborenen 
Hüftverrenkung nicht in Frage gezogen. Erst als es den An- 
schein hatte, dass man sich auf dem richtigen Wege befand, 
dem Uebel beizukommen und als schon Resultate vorlagen 
welche den früheren Methoden einfach unerreichbar geblieben 
waren, wurde dieselbe mit einemmale als eine zu geringe be- 
funden, als dass es die Mühe lohnte, sich darüber aufzuregen. 

Eine allgemeine humanitäre Bedeutung kann eine solche 
Specialfrage natürlich weder besitzen, noch hat sie dieselbe je- 
mals beansprucht. Aber für die speciell Betroffenen ist die hu- 
manitäre Bedeutung der Luxationsfrage gerade gross genug und 
die immerwährend sich ergänzende und erneuernde Gemeinde 
der mit congenitaler Hüftverrenkung Behafteten ist leider auch 
zahlreich genug, um jedem Chirurgen die Wichtigkeit der Luxa- 
tionsfrage jedenfalls öfter als ihm bisher lieb gewesen sein mag. 
immer wieder aufzudrängen und in Erinnerung zu bringen. Es 
kann wohl keinem Zweifel unterliegen, dass die Hüftverrenkung 
das häufigste aller angeborenen Gebrechen ist. Nach meiner 
Statistik kommt die congenitale Hüftverrenkung mindestens vier- 
mal so oft vor als der angeborene Klumpfuss, welchen man in 
der Häufigkeitsscala der angeborenen Gebrechen bisher immer 
obenan zu stellen gewohnt war. Für die früher so oft beklagte 
Ohnmacht der ärztlichen Kunst war die richtiggestellte Häufig- 
keit des Gebrechens der angeborenen Hüftverrenkung eine sehr 
unbequeme und daher gerne übersehene Thatsache. 

Schon angesichts der Häufigkeit des Gebrechens wird man 
der Heilung der angeborenen Hüftverrenkung eine eminent hu- 
manitäre Bedeutung zuerkennen dürfen. Es kommt hierzu noch 
ein anderes Moment, welches diese Bedeutung womöglich noch 
erhöht. Die mit angeborener Hüftverrenkung behafteten Kinder 
sind nämlich im Uebrigen in der Regel vollkommen gesunde 
und lebensfrohe junge Krüppel, deren Lebensfrühling und deren 
Zukunft durch die Beseitigung des Gebrechens von einem 
schweren Fluche befreit wird. Erwägt man noch, dass die 
Mädchen wenigstens siebenmal häufiger betroffen erscheinen als 
die Knaben, und dass die Heilung des Gebrechens für die Mäd- 
chen noch viel grössere Wichtigkeit hat, so wird man zugeben 
müssen, dass die humanitäre Bedeutung der Frage eine in die 
Augen springende ist. 



- 22 — 

Besonderen Reiz erhalt die gestellte Aufgabe durch den 
Umstand, dass die mit angeborener Hüftluxation behafteten 
Mädchen im Uebrigen von der Natur meist verschwenderisch 
ausgestattete, liebliche und liebenswürdige Geschöpfe sind, denen 
helfen zu können, jeden Arzt mit wahrer Herzensfreude erfüllen 
muss. 

Die Heilung der angeborenen Hüftverrenkung ist eine Frage, 
die etwa nicht nur eine cosmetische Seite hat. Vielmehr tritt 
diese letztere Bedeutung vollkommen zurück gegenüber der be- 
trächtlichen Störung der Gehfähigkeit, respective der Aus- 
dauer im Gehen, welche durch die Hüftverrenkung bedingt ist. 

Diese weit ernstere Seite des Leidens steht bei dem zarten 
Kinde und in der ersten Jugend allerdings weniger im Vorder- 
grunde der Erscheinungen, um sich dafür schon gegen die 
Zwanzigerjahre um so peinlicher geltend zu machen. 

„Wenn ich auch fort hinke, wenn ich nur „gehen" 
könnte", lautet dann vielfach der bescheidene Wunsch und die 
rührende Klage der Kranken. 

In der That nimmt die Gehfähigkeit bei zunehmendem 
Alter ab und das Hinken im selben Maasse zu. 

Das Ermüdungsgefühl steigert sich bis zu unerträglichen 
Hüft- und Knieschmerzen, welche schliesslich zur Einstellung 
jeder Bewegung zwingen. 

Der schon durch kurzes Gehen verursachte Schweissaus- 
bruch zeugt für die Grösse der damit verbundenen Anstrengung. 
Schliesslich sehen sich die Patienten mehr oder weniger zur Ruhe 
verurtheilt und erleiden eine beträchtliche Zunahme der Körper- 
fülle, wodurch ihre Gehfähigkeit noch weitere Einbusse er- 
leidet. 

Diese Thatsache ist dem scharfen Beobachter Zola nicht 
entgangen, da er im „Assomoir" Gervaise ihre Rührigkeit ver- 
lieren, fetter werden und stärker hinken lässt. 

Es ist eine bekannte Thatsache, dass die Gehfähigkeit der 
Patienten vornehmlich im mittleren, manchmal auch schon im 
jüngeren Lebensalter durch plötzliche, an acut einsetzende Co- 
xitis erinnernde lancinirende Schmerzen in Hüfte und Knie zeit- 
weise gänzlich aufgehoben ist. Jede Bewegung wird unmöglich, 
die Gelenksgegend zeigt eventuell sogar leichte Schwellung und 
die gesammte Muskulatur befindet sich, gerade so wie bei be- 



— 23 — 

ginnender Coxitis im Zustande reflectorischer Spannung. Die 
gegen Druck empfindlichsten Stellen entsprechen in der Regel 
dem Schenkelkopfe oder finden sich in der Verschiebungsrich- 
tung desselben. Nach dem Vorübergehen eines solchen Anfalles 
wird zuweilen eine raschere Zunahme der Verkürzung beob- 
achtet. 

Nach Halst ed's Statistik sind 31 Procent der Patienten 
von Schmerzen gequält, welche besonders nach Ermüdung, aber 
auch während der Perioden der grössten Körperentwickelung 
eintreten. 

Dubreuil und Del anglade haben Fälle von intercurrenter, 
monatelang andauernder und zur Bettruhe zwingender Schmerz- 
haftigkeit luxirter Hüftgelenke beschrieben und empfehlen die 
Behandlung mittelst Extension. 

Dubreuil vermuthet. dass es sich um Synovitis handelt. 
Ich möchte die Ursache der Schmerzen eher in einer trauma- 
tisch entzündlichen Reaction aller Weichtheile suchen, durch 
deren fortwährende Zerrung und Anspannung die Suspension 
des R.umpfes am oberen Femurende vermittelt wird. 

Jedenfalls gehören jene Patienten, welche ihre Luxation 
ohne wesentliche Beeinträchtigung durch Schmerzen und ohne 
empfindliche Herabsetzung ihrer Gehfähigkeit auch jenseits der 
Jugend ertragen, zu den Ausnahmen und bleiben den angedeu- 
teten Zufällen immerwährend ausgesetzt. In meinem Buche über 
Pathologie und Therapie der angeborenen Hüftverrenkung (p. 136) 
hatte ich als besondere Ausnahmen den Fall eines 19jährigen 
Mädchens und einer 27jährigen Frau notirt, bei welchen das Hinken 
trotz des beträchtlichen Hochstandes des Trochanters kaum merk- 
lich war und auch die Gehfähigkeit nicht beeinträchtigt schien. 

In beiden Fällen sind mittlerweile schwere Störungen mit 
zeitweiliger vollständiger Aufhebung der Gehfälligkeit eingetreten, 
so dass langwierige Extensions- und Apparatbehandlung noth- 
wendig wurde. 

Niemand weiss die Grösse des Vortheils, welcher einem mit 
Hüftluxation behafteten Kinde durch gelungene Reposition und 
Retention geschaffen wird, besser zu würdigen, als jene Mütter, 
welche selbst an dem genannten Gebrechen leiden. 



24 — 



III. Welche Arten der angeborenen Hüftverrenkung sind der 
unblutigen Einrenkung zu unterziehen? 

Noch vor kurzem konnte diese Frage als überflüssig er- 
scheinen, da man die angeborene Hüftverrenkung, von seltensten 
Ausnahmen abgesehen, mit der iliacalen Luxation identificirte 
und demnach stets nur die Therapie dieser letzteren Form im 
Auge hatte. 

Nun hat Kölliker darauf aufmerksam gemacht, dass die 
Luxatio femoris congenita primär eine Luxatio supracotyloidea, also 
eine vordere Luxation nach oben sei, welche erst secundär in die 
Stellung der hinteren iliacalen Luxation übergehe. Dieser Ueber- 
gang werde veranlasst durch die bei der Belastung im Gehen 
sich entwickelnde Beckenneigung, welche das Uebergleiten des 
Schenkelkopfes auf das Darmbein einleitet und vermittelt. 
Kölliker wies auch daraufhin, dass diese Stellungsveränderung 
nicht nothwendig eintreten müsse, jedenfalls aber häufiger bei 
der doppelseitigen als bei der einseitigen Luxation erfolge. 

Die tägliche Erfahrung macht es über jeden Zweifel erhaben, 
dass diese Umwandlung der vorderen in die hintere Luxation 
in der ungeheueren Mehrzahl der Fälle erfolgt und dass die 
Therapie sich demnach fast ausschliesslich mit der iliacalen 
Luxation zu beschäftigen hat. 

Es ist demnach eine praktisch ziemlich belanglose Frage, 
was mit jenen Fällen zu geschehen hat, in welchen sich 
dieser Uebergang nicht vollzieht, bei denen also die Luxation 
eine vordere bleibt, so dass der Schenkelkopf eine knöcherne 
Stützung an der spina anterior inferior oder überhaupt irgendwo 
an der vorderen Kante der Darmbeinschaufel gewinnt. 

Delanglade hat mit Recht hervorgehoben, dass diese 
Fälle eine Art physiologische Heilung der congenitalen Luxation 
vorstellen, da das Becken knöchern gestützt bleibe, die Lordose 
fehle, der Gang ausdauernd und bei Ausgleich der resultirenden 
Verkürzung mit kaum merklichem Hinken verbunden sei. 

Thatsächlich können mit diesen relativ vollkommenen Re- 
sultaten der Naturheilung jene Fälle gar nicht in Vergleich ge- 
bracht werden, bei denen der Schenkelkopf eine minimale Delle 
an der hinteren Fläche des Darmbeines eingedrückt hat, denn 



— 25 — 

nicht nur ist die hierdurch gebotene knöcherne Stützung eine 
vollkommen unzureichende, sondern die pathologische Statik des 
Körpers entspricht nach wie vor jener der iliacalen Luxation. 

Es wird wohl kaum jemandem einfallen, diese Art Natur- 
heilung durch eine unblutige Einrenkung verbessern zu wollen. 
Die einzige Aufgabe der Therapie könnte in einem solchen, 
leider recht seltenen Falle, doch wohl nur darin bestehen, die 
günstige Stellung des Schenkelkopfes zu erhalten und ihn gegen 
die Dislocation nach hinten zu schützen. Da diese Fälle eine 
gewisse Analogie mit jenen Behandlungsresultaten aufweisen, 
welche wir als vordere Reluxation nach oben unter die anatomi- 
schen Misserfolge einreihen, so ist es nahe gelegen, ihnen gegen- 
über sich einfach auf jene Vorsichtsmaassregeln zu beschränken, 
welche wir der vorderen Reluxation nach oben angedeihen 
lassen, um eine hintere Reluxation hintanzuhalten. Man wird 
sich also auf passive und active Ueberstreckungs- und Ab- 
ductionsgymnastik beschränken, diese Stellung eventuell temporär 
durch abnehmbare Hülsen fixiren. kurz genau so vorgehen wie 
bei der Nachbehandlung der einseitigen Reposition, wenn die- 
selbe mit der Reluxation nach oben geendigt hat. 

Leider bleibt, wie gesagt, die supracotyloide Luxation selten 
als solche bestehen. Die Verschiebungsrichtung nach oben 
hat von vornherein immer eine Tendenz nach aussen, 
so dass der Schenkelkopf nach aussen von der Spina zu liegen 
kommt und sich bald hinter der Pfanne auf der hinteren Fläche 
des Darmbeines nachweisen lässt, womit der Thatbestand einer 
Luxatio iliaca gegeben ist. 

Uebrigens ist es gewiss nicht richtig, dass die iliacale Luxa- 
tion sich immer aus der Vorstufe einer supracotyloiden Ver- 
renkung entwickelt. Ich habe schon viele ganz junge Kinder von 
zwei bis drei Jahren behandelt, bei denen schon hochgradig ent- 
wickelte iliacale Luxationen vorlagen, deren Reposition zum 
Theile mit grosser Schwierigkeit gelang. Viele andere Autoren 
haben ähnliche Beobachtungen gemacht: ebenso wurde eine 
ganze Reihe voll ausgebildeter iliacaler Luxationen an neugebore- 
nen Kindern anatomisch verificirt. 

Zwischen der supracotyloiden und iliacalenForm der Luxation 
noch die Zwischenstufe einer Luxatio supracotyloidea et iliaca 
aufzustellen (Lange), bei welcher der Schenkelkopf am flectirten 



- 26 — 

Gelenke an der hinteren Darmbeinfläche zu palpiren ist, während 
derselbe bei Streckung noch in der Inguinalgegend ausserhalb 
der Spina anterior superior erscheint, halte ich für vollkommen 
überflüssig. 

Da es lediglich eine Frage der vorhandenen Verkürzung 
ist. ob der Schenkelkopf noch in der Leiste nachweisbar bleibt 
oder nicht, so könnte man mit eben demselben Rechte die 
iliacalen Luxationen nach der Millimeterscala eintheilen. 

Ob sich nun der Schenkelkopf in die Leiste herabziehen lässt 
oder nicht, in beiden Fällen liegt die Indication der Reposition 
vor. Nur wird man gut thun, im letzteren Falle eine vorbereitende 
Behandlung vorauszuschicken; jedenfalls ist es ein Trrthum, zu 
glauben, dass die Reposition nicht mehr gelingen könne, wenn 
sich der Schenkelkopf nicht ohneweiters in die Leiste herab- 
ziehen lässt. 

Viel wichtiger als diese künstliche Untertheilung der iliacalen 
Luxation erscheint mir in praktischer Beziehung der Unterschied 
zwischen iliacaler Subluxation und der vollständigen Verrenkung 
zu sein. 

Da bei der Subluxation nach hinten der Schenkelkopf ent- 
weder gar nicht oder doch wenigstens nicht entfernt so präcise 
an der hinteren Darmbeinfläche palpirt werden kann, wie dies 
bei der iliacalen Luxation der Fall ist, während derselbe in der 
Leistengegend in der Höhe der Spina anterior inferior und etwas 
nach aussen von ihr noch sehr deutlich nachgewiesen werden 
kann, da die Verkürzung ausserordentlich gering, manchmal 
kaum messbar und auch die Functionsstörung wenigstens zu 
Anfang der Subluxation eine minimale ist, so hat man die Existenz 
derselben bisher überhaupt angezweifelt. Ich selbst habe in 
meiner Darstellung der pathologischen Anatomie der angeborenen 
Hüftverrenkung (Pathol. und Therap., p. 38) die Meinung aus- 
gesprochen, die Unterscheidung zwischen Luxation und Sub- 
luxation habe ein wesentlich theoretisches Interesse. Jedenfalls 
stelle die unvollständige Luxation nur eine sehr kurz dauernde 
Entwickelungsphase der completen Luxation vor und gehe sehr 
rasch in letztere über. Hierzu benöthige es gar nicht der 
Belastung des Beines mit dem Körpergewichte, sondern es 
genüge einfache Muskelwirkung, um den Kopf bei primär defecter 
Pfanne oder widerstandslosem Pfannenrand nach oben zu ver- 



— 27 — 

schieben. Thatsächlich konnte ich bei ganz kleinen Kindern von 
zehn bis zwölf Monaten, welche noch niemals auf ihren Füssen 
gestanden hatten, die bestehende Luxation ganz zweifellos als 
eine bereits vollständige constatiren; auch bei meinen zahlreichen 
Operationen war ich niemals so glücklich gewesen, einen Fall 
von incompleter Luxation zu Gesichte zu bekommen. Selbst in 
den Fällen, bei welchen ich aus den täuschenden klinischen 
Symptomen eine unvollständige Luxation anzunehmen geneigt 
gewesen wäre, fand ich den Kopf immer schon zweifellos jen- 
seits des hinteren Pfannenrandes situirt. 

Die Durchleuchtung der luxirten oder luxationsverdächtigen 
Gelenke hat diesen Irrthum längst aufgeklärt und die mannig- 
fachsten Ueberraschungen gebracht. 

Zunächst wurde die Häufigkeit und langdauernde Persistenz 
der Subluxation als eine zweifellose Thatsache constatirt. Häufig 
genug wurde die Subluxation als überraschender Befund auf 
den Actinogrammen anscheinend nur einseitig luxirter Fälle er- 
hoben, welche sich damit als thatsächliche doppelseitige Ver- 
renkung documentirten; ebenso kommt es gar nicht selten vor, 
dass ein blosser Verdacht auf Luxation, der durch die blosse 
klinische Untersuchung nicht gerechtfertigt werden konnte, erst 
durch das eine Subluxation anzeigende Röntgenbild voll er- 
härtet wird. 

Die klinische Beobachtung lehrt, dass der eine Fall von 
Subluxation mit hochgradiger, der andere mit geringfügiger, oft 
genug kaum merkbarer Functionsstörung verbunden sein kann, 
ohne dass aus dem Actinogramm ein plausibler Grund dieser Ver- 
schiedenheit zu ersehen ist. Ebensowenig lässt das Actinogramm 
erkennen, ob die Subluxation strenge über den oberen oder 
über den oberen hinteren Abschnitt des Pfannenrandes erfolgt. 

Wenn nun keineswegs in Abrede gestellt werden soll, dass 
in vielen Fällen eine streng supracotyloide Luxation im Sinne 
Kölliker's die Wanderung des Schenkelkopfes einleitet (ich 
selbst habe 1895 unabhängig von Kölliker schon darauf hin- 
gewiesen, dass die Fälle, in welchen die Dislocation nicht nach 
hinten, sondern mehr direct nach oben erfolgt, nicht gerade 
allzu selten sind [Lorenz, Path. und Therap., p. 39]), so bleibt 
es doch unzweifelhaft, dass diese letztere in der weitaus grösseren 
Mehrzahl der Fälle von vornherein eine ausgesprochene Tendenz 



nach hinten besitzt und die congenitale Luxation somit meistens 
alsiliacale Subluxation beginnt. Sicher ist, dass der Weg, welchen 
der luxirte Schenkelkopf allmählich durchläuft, am oberen oder 
oberen hinteren Antheil des Pfannenrandes beginnt und sich in 
einer Curve immer weiter von dem hinteren Pfannenrande in 
der Richtung nach hinten oben entfernt. Es bleibt Kölliker's 
Verdienst, die Aufmerksamkeit auf die Anfangsstadien dieses 
Weges gelenkt zu haben. 

Ob eine iliacale Subluxation reponirt werden soll oder nicht, 
hängt in erster Linie von der vorhandenen Functionsstörung ab. 
Die meist geringgradige Deformität, speciell bei der doppelseitigen 
Verrenkung bietet hierzu sicher keine Veranlassung. 

Bei bedeutender Gehstörung wird die Subluxation gerade 
so behandelt wie die complete Verrenkung. Die Reposition bietet 
in diesen Fällen nicht die geringste Schwierigkeit und erfolgt 
aus selbstverständlichen Gründen unter unscheinbaren Symptomen, 
welche erst nach gründlicher Erweiterung der vorderen fibrösen 
Wand der Pfannentasche deutlicher gemacht werden können. 

Die Hauptaufgabe bleibt die Retention, welche in den 
Subluxationsfällen durchaus nicht mit geringeren Schwierig- 
keiten verknüpft ist, als bei vollständigen, eventuell schwierig zu 
reponirenden Verrenkungen. Es ist sogar zu empfehlen, die Vor- 
sichtsmaassregeln gegen die Reluxation in diesen Fällen besonders 
strenge zu handhaben, denn der Erfolg der Behandlung ist an- 
gesichts der geringgradigen Deformität hier ausschliesslich in der 
Functionsverbesserung zu suchen. 

Kurz gesagt, werden alle jene Luxationen der Reposition 
unterzogen, bei welchen die Grösse der functionellen 
Störung hierzu auffordert, mag nun der Schenkelkopf durch 
die klinische Untersuchung allein, oder bei sich ergebendem 
Zweifel mit Hilfe der Durchleuchtung als ganz oder theilweise 
ausserhalb der Pfanne befindlich nachgewiesen werden. 

IV. Welche Anforderungen sind an eine rationelle unblutige 
Behandlungsmethode der angeborenen Hüftverrenkung zu 

stellen? 

Wenn wir auch nur die bisherigen Erfolge der unblutigen 
Einrenkunarsbehandlung trotz ihres Procentsatzes von Misserfolgen 



— 29 - 

als Vergleichsbasis wählen, so dürfen die Anforderungen, welche 
man an irgend welche andere rivalisirende Methode stellen darf, 
schon heute beträchtlich höher geschraubt werden als dies früher 
der Fall war. 

Jede rivalisirende unblutige Methode muss vor allem wirk- 
sam sein; wenigstens muss sie im Stande sein, die Vorbedin- 
gungen des zu erreichenden Erfolges, nämlich die Verlagerung 
des Schenkelkopfes auf die rudimentäre Pfanne zu bewirken, um 
sich damit eine Basis für ihre weitere Arbeit zu schaffen. 

Schon diese blosse Vorbedingung vermögen die meisten 
unblutigen Methoden nicht zu erfüllen. 

Was die vielgerühmten Leistungen der Apparatbehancllung 
betrifft, deren Ausbildung namentlich Hessing sich angelegen 
sein liess, so dürfte es jedem Wissenden klar sein, dass die 
portativen Extensionsapparate selbst durch eine viele Jahre fort- 
gesetzte Anwendung nicht im Stande sein können, den Schenkel- 
kopf auch nur bis in das Niveau der rudimentären Pfanne herab- 
zuholen, selbst wenn von älteren Kindern vollständig abgesehen 
wird. Und wenn es wirklich einmal gelungen ist den Schenkel- 
kopf genügend weit herabzuziehen, mit welchen Mitteln soll der- 
selbe sodann in die Pfannentasche eingetrieben werden? Etwa 
durch eine Trochanterpelotte oder durch einen Trochanterbügel? 
Auf welche Weise soll die Pfannenbildung vor sich gehen, wenn 
der Schenkelkopf in die Pfannentasche gar nicht eingebracht 
wurde und dergleichen Fragen mehr! 

üebrigens habe ich Gelegenheit gehabt, einige Erfolge viel- 
jähriger Behandlung theils mit Lagerungs-, theils mit portativen 
Apparaten zu sehen. Ein zur Zeit der Vorstellung zehnjähriges 
Mädchen war sozusagen seit ihrer Geburt ohne Unterbrechung 
mechanisch behandelt worden. Noch bevor das Stehen und 
Gehen recht begonnen hatte, war die Verrenkung entdeckt 
worden. Durch volle drei Jahre hatte man das Kind auf einen 
transportablen Lagerungsapparat niedergebunden und der Ex- 
tension und Abduction unterworfen. Als das Kind Schaden zu 
nehmen anfing, beschränkte man die Extension auf die Nacht 
und liess das Kind auf einem portativen Extensionsapparate unter 
Beihilfe zweier Stöcke gehen. Diese Behandlung wurde fast sieben 
Jahre lang fortgesetzt. Als mir das Kind vorgestellt wurde, hatte 
der kranke Fuss bis zu diesem Augenblicke die Bekanntschaft 



— 30 — 

mit der Erde noch nicht gemacht und wäre auch in seinem da- 
maligen Zustand hierzu völlig ungeeignet gewesen. Es hatte sich 
nämlich unter der jahrelangen Wirkung der Extension und der 
eigenen Schwere des suspendirten Fusses ein arger Equinovarus 
herausgebildet, dessen Rigidität einem angeborenen Klumpfusse 
alle Ehre gemacht hätte. Das Bein und das Gesäss war in Folge 
der langjährigen Unterdrückung der Muskelthätigkeit so hoch- 
gradig atrophisch, dass man auf den ersten Blick eine spinale 
Lähmung und nicht eine blosse Verrenkung vor sich zu haben 
glauben konnte. Die Verkürzung des Beines betrug fast 5 Centi- 
meter. Die Patientin war nicht im Stande, ohne den Apparat 
auch nur einen Schritt zu gehen und hüpfte auf einem Beine. 
Die Luxation war intact. Angesichts dieser Thatsachen dürfte 
wohl der Ausspruch gerechtfertigt sein, dass die bisherige Be- 
handlung schlimmer gewesen war als die Krankheit selbst und 
dass das Kind, ganz abgesehen von der Vergällung seiner Jugend, 
ungleich besser daran gewesen wäre, wenn man das Uebel von 
Anfang an einfach sich selbst überlassen hätte. 

Dieses eine Beispiel möge für viele nicht minder drastische 
Erfolge der Apparatbehandlung genügen, welche mir im Laufe 
der Jahre vor die Augen gekommen sind. Die Erfolge sind ein- 
fach negative und die eingebildeten Besserungen, welche selbst 
von Aerzten manchmal angenommen wurden, sind nichts weiter 
als kläglichste Misserfolge, wenn sie mit jenem Maassstabe ge- 
messen werden, mit welchem wir die Ergebnisse der unblutigen 
Behandlung prüfen. 

Auf Grundlage dieser Erfahrungen muss ich mein Urtheil 
über den Effect einer derartigen mechanischen Behandlung dahin 
zusammenfassen, dass derselbe curativ nicht nur gleich Null ist, 
sondern in Folge der nothwendigen Ausdehnung der Behand- 
lung auf eine lange Reihe von Jahren sehr häufig ein direct 
schädlicher genannt werden muss. Die viele Jahre hindurch fort- 
gesetzte Functionsbehinderung der Muskulatur, die jahrelange 
vollständige Unterbrechung der Function des Extremitätskeletes, 
welches auf seine Druck- und Zugfestigkeit gar nicht mehr in 
Anspruch genommen wird, da der Patient gerade so wie ein 
Amputirter auf seiner Hülse reitet, all das muss schliesslich nach 
physiologischen Gesetzen eine weit hochgradigere Atrophie der 
ihrer natürlichen Functionen beraubten Extremität, und zwar 



- 31 — 

aller ihrer Constituentien zur unausbleiblichen Folge haben, als 
wir dies an den sich vollständig üb erlassenen luxirten Extremi- 
täten zu sehen gewohnt sind. 

Wie kommt es nun. dass die Extensionsbehandlung mit den 
portativen Apparaten trotzdem noch so im Schwünge ist? Die 
Sache erklärt sich sehr einfach: Es ist nämlich eine ebenso 
traurige als zweifellose Thatsache. dass die Chirurgie bis vor 
wenigen Jahren noch dem Gebrechen der angeborenen Hüftver- 
renkung o- e o-enüber eine klägliche, wenn ich nicht eigentlich 
sagen sollte schmachvolle Rolle gespielt hat. Oder war es etwa 
keine Schmach, wenn Hilfe suchende Eltern in den grössten wie 
in den kleinsten Kliniken von dem Professor der Chirurgie mit 
einem Achselzucken und der wenig tröstlichen Auskunft regalirt 
wurden, dass sich gegen dieses angeborene Gebrechen nichts 
ausrichten liesse. Es ist bekannt, dass sich kaum jemals ein Laie 
mit einer solchen Antwort zufrieden gibt und käme sie aus dem 
vertrauenswürdigsten Munde. Er schenkt derselben ganz einfach 
keinen Glauben und findet leicht jene Orte, wo man um eine 
tröstlichere Auskunft nicht verlegen ist und in der Regel gar 
nicht zögert, rundweg die völlige Heilung zu versprechen. 

Die Zeit dieses beklagenswerthen Unvermögens der Chirurgie 
ist nun Gott sei dank vorüber und mit der Einführung der un- 
blutigen Einrenkungsmethode hat die chirurgische Behandlung 
nunmehr glücklicherweise auch die Schrecken des Messers ver- 
loren. 

Wenn wir von den portativen Extensionsapparaten zu den 
Lagerungsvorrichtungen übergehen, welche durch Extension in 
differ enter Stellung des Beines die Einrenkung herbeizuführen 
suchen, so muss zugestanden werden, dass in dieser Beziehung 
gegenüber der alten französischen Methode Pravaz' insofern ein 
Fortschritt zu verzeichnen ist, als man erkannt hat. dass über- 
haupt nur die allerjüngsten Kinder erfolgversprechende Objecte 
dieser Behandlung abgeben können, und es ist ein Verdienst 
v. Mikulicz' und Kirmisson's. auf die Notwendigkeit einer 
möglichst frühzeitigen mechanischen Behandlung der Luxation 
hingewiesen zu haben. 

Wäre die unblutige Einrenkungsbehandlung in ihren Be- 
strebungen gescheitert, so müsste man das möglichst sofortige 
Einspannen der kleinen and kleinsten Kinder in das Mikulicz- 



— 32 — 

sehe (von Kirmisson unwesentlich modificirte) Extensionsbett 
als das einzig radicale Mittel empfehlen, mit welchem Erfolge 
erreicht werden können und thatsächlich auch erreicht worden sind. 

Aber schon in der angedeuteten Beschränkung ihrer Wirk- 
samkeit liegt ein offenbarer Mangel der Methode. 

Schon vom vierten und fünften Jahre ab wird man lange 
extendiren und abduciren können, ehe man auch nur die Herab- 
holung des Schenkelkopfes fertig bringt. 

Ist das Niederbinden auf ein Streckbett bei den kleinen 
Kindern, welche noch nicht stehen und gehen, wegen der Un- 
reinlichkeit und nicht minder wegen der Kleinheit und Zartheit 
der kaum der Säuglingsperiode entwachsenen Patienten eine 
schwierige Sache (deren exaete Durchführung ich mir übrigens 
gar nicht vorstellen kann), so wird die genannte Maassregel bei 
jenen Kindern, welche schon laufen können, zu einer evidenten 
Grausamkeit und bei ihrer nothwendig langen Dauer auch zu 
einer Gesundheitsschädigung. Ich habe noch keine Mutter ge- 
sehen, welche dieser Behandlung gegenüber der manuellen Re- 
position den Vorzug gegeben hätte; die Quälerei bezieht sich 
nämlich nicht nur auf das Kind, sondern, und dies nicht zum 
wenigsten, auch auf die Mutter. 

Was mich betrifft, so muss ich gestehen, dass ich gegen 
diese Art der Behandlung voreingenommen bin und mich von 
dieser Antipathie auch dann noch nicht emaneipiren könnte, 
wenn die Erfolge dieser Methode zahlreicher wären als sie es 
wirklich sind; wenn die Altersgrenzen, innerhalb deren ein 
solcher Erfolg in absehbarer Zeit erreichbar bliebe, viel weiter 
gesteckt wären als sie es in der That sind, und wenn schliesslich 
das Verfahren weit weniger quälerisch und umständlich wäre 
als es zweifellos de facto ist. 

Was mir die Extensionsbehandlung mittelst des Abductions- 
streckbettes so sehr antipathisch macht, das ist der Umstand, 
dass gewissermassen dem Instincte einer simplen Maschine am 
unbestimmten Termin die Lösung einer Aufgabe zugemuthet 
wird, welcher nur ein ungleich feineres, von anatomischem Ver- 
stände dirigirtes und durch Uebung geschultes Instrument — die 
chirurgische Hand, allein gewachsen ist. Dieselbe vermag 
ihre Aufgabe in ebensoviel Minuten und mit voller Sicherheit 
zu vollbringen, als die Maschine im besten Falle Monate dazu 



— 33 - 

braucht, um schliesslich ein Resultat zweifelhaften Charakters, 
möglicherweise auch gar keines zu produciren. 

Bei diesem Vergleiche stelle ich mich übrigens nur auf den 
Standpunkt, dass man mit der unblutigen Einrenkung gar nichts 
weiter zu erreichen vermöchte als jene Transposition des 
Schenkelkopfes in die Nähe der Pfanne, mit welcher sich Kir- 
misson als Resultat der Behandlung mit dem Extensionsbette 
begnügt. 

Wenn ich aber in Betracht ziehe, dass ein derartiges Re- 
sultat nichts weiter als einen anatomischen Miss erfolg der un- 
blutigen Einrenkungsbehandlung bedeutet, und dass die anato- 
mischen Erfolge der unblutigen Reposition, selbst wenn sie 
vorläufig nur in einem gewissen, aber immerhin sehr ansehn- 
lichen Procentsatz erreichbar sind, förmlichen Restitution des 
Gelenkes gleichkommen, dann lassen sich die beiden Methoden 
überhaupt gar nicht miteinander vergleichen. 

Meine persönliche Aversion gegen die Behandlung mit 
Streckbetten wäre natürlich an und für sich eine vollkommen 
gleichgiltige Sache und könnte dem Werthe der Methode nicht 
im mindesten abträglich sein. 

Aber ich glaube, dass alle jene Chirurgen diese Antipathie 
mit mir theilen dürften, welche von einer gewissen nervösen 
Unruhe befallen werden, wenn sie die Hände in den Taschen 
halten und zusehen müssen, wenn ein Anderer etwas schlecht 
macht und mit einer Arbeit nicht zu Ende kommt, welche man 
selber ungleich schneller und besser bewältigen könnte. Diese 
Nervosität wird leicht zur Explosion führen, wenn man dazu 
verurtheilt wird, einer langsam und ganz unsicher arbeitenden 
Maschine monate- und jahrelang unthätig zusehen zu müssen. 

An eine rationelle Behandlung stellen wir nicht nur den 
Anspruch, dass sie überhaupt wirksam sei, ihre Resultate 
müssen auch in einer absehbaren Zeit erreicht werden können. 

Binnen Jahresfrist wenigstens muss die Deformität voll- 
ständig beseitigt und die Ausdauer im Gehen eine zufrieden- 
stellende sein. Hat man einmal diesen Erfolg erreicht, so lässt 
sich die noch fehlende Gleichmässigkeit des Ganges leicht er- 
warten. Die Methode darf aber auch nicht quälerisch sein, 
sie muss sich überall und mit den einfachsten Mitteln durch- 
führen lassen und soll das bewegungsfrohe Kind nicht zu dau- 

Lorenz, Hüftvenenkung. ß 



— 34 — 

erncler Bettruhe verurtheilen. Dadurch wird die Behandlung 
nicht nur zu einer Gesundheitsschädigung, sondern sie verzichtet 
damit gleichzeitig auf den wichtigsten therapeutischen Factor, 
nämlich auf die Belastung des Pfannenbodens durch Vermittlung 
des eingerenkten Schenkelkopfes. 

Schliesslich und endlich darf die Methode nicht gefähr- 
lich sein. ., • 

Allen diesen Anforderungen entspricht die unblutige Ein- 
renkungsbehandlung weitaus am vollkommensten. 

V. Das therapeutische Problem der angeborenen Hüft- 
verrenkung. 

Das klinische Bild der angeborenen Hüftverrenkung setzt 
sich aus der Deformität und der Functionsstörung zusammen: 
eine solche ist sowohl mit Beziehung auf die Gleichmässigkeit 
als auch auf die Ausdauer des Ganges vorhanden. 

Die therapeutische Aufgabe würde demnach in praktischer 
Beziehung lauten: 

Beseitigung der Deformität und des Hinkens bei 
Schaffung normaler Ausdauer im Gehen. 

Die Lösung dieser Aufgabe wird offenbar am sichersten 
durch eine Restitution des Hüftgelenkes erreicht werden können. 
Wenn es gelungen ist, das obere Femurende (sei es auch bis zu 
einem gewissen Maasse verbildet), in einer normal situirten und 
hinreichend tiefen Pfanne (sei dieselbe auch mit einer absolut 
normalen Pfanne nicht vergleichbar) solide zu fixiren, und die 
Muskulatur wieder leistungsfähig zu machen, so muss dies als 
eine ideale Lösung der therapeutischen Aufgabe betrachtet werden. 

Die integrirende Wachsthumsverkürzung kommt als irre- 
levantes Moment hier nicht in Betracht. Bei jenen Kindern, welche 
der unblutigen Einrenkungstherapie noch nicht entwachsen sind, 
ist dieselbe überhaupt gering und beträgt durchschnittlich wenig 
mehr als 1 Gentimeter; sie stellt die mindeste Ursache der Geh- 
störung vor und hat mit der Rumpf-Deformität überhaupt wenig 
zu thun. 

Indem die Therapie normale Functionsverhältnisse der Ex- 
tremität schafft, kommt sie auf indirectem Wege auch der Wachs- 
thumsverkürzung bei. 



— 35 - 

Ihre wesentliche Aufgabe bleibt die Beseitigung der patho- 
logischen Verbindung des Oberschenkels mit dem Becken. 

Es entsteht die Frage, ob es unter allen Umständen einer 
anatomischen Restitution des Hüftgelenkes bedarf, um den oben 
aufgestellten Forderungen der Therapie Genüge zu leisten. 

Vergegenwärtigen wir uns das Wesen der pathologischen 
Verbindung zwischen Becken und Femur bei der angeborenen 
Hüftverrenkung! Vom coxalen Femurende als Gentrum strahlen 
alle Weichgebilde des Gelenkes wie ein trichterförmig sich 
erweiternder Schlauch in der Richtung gegen die hintere 
Beckenfläche. Durch Vermittlung dieses elastischen, fibromusku- 
lären Schlauches ist das Becken mit seiner hinteren Fläche 
an dem oberen Femurende suspendirt. Der Knochenring 
des Beckens und das coxale Femurende liegen nicht über- 
einander, sondern hintereinander, daher die Deformität; ihre 
Verbindung geschieht nicht durch gegenseitige knöcherne 
Unterstützung, sondern durch fibromuskuläre elastische Sus- 
pension, daher das Hinken (soweit dies nicht schon durch die 
Deformität bedingt ist), und daher vor allem die mangelhafte 
Ausdauer des Ganges. 

Vergleichsweise wird das Becken von dem coxalen 
Femurende gerade so getragen, wie der Orangenmann seinen 
Korb an einem Nackenbande vor sich herträgt. Der Korb zieht 
seinen Oberkörper nach vorne; um nicht zu fallen, muss er den- 
selben zurücknehmen, genau so wie das vornüberfallende luxirte 
Becken durch eine ähnliche Gleichgewichtsstörung zum Zurück- 
legen des Oberkörpers zwingt. 

Aus dieser Betrachtungsweise ergibt sich, dass es zur Her- 
stellung normaler Belastungsverhältnisse vor allem darauf an- 
kommt, den elastischen fibromuskulären Schlauch als Trageband 
auszuschalten und das „vor- und hintereinander" der Skelet- 
theile in ein „über- und untereinander" zu verwandeln, mit 
einem Worte, dem Becken die Oberschenkelköpfe zu unterstellen, 
oder das Becken mit den Oberschenkelköpfen zu unterfahren, 
um dadurch die Suspension der Knochen aneinander in eine 
knöcherne Unterstützung derselben gegeneinander zu verwandeln. 
Eine Ueber- oder Untereinanderstellung der Skelettheile ist nur 
möglich, wenn die vordere Fläche des Beckens als Unterstützungs- 
fläche gewählt wird. 

3* 



— 36 — 

Das therapeutische Problem würde also im allgemeinen auf 
Folgendes hinauslaufen: „die fibromuskuläre, elastische 
Suspension der hinteren Fläche des Beckens an den 
Schenkelköpfen ist in eine directe knöcherne Unter- 
stützung der vorderen Fläche des Beckens durch die 
Schenkelköpfe zu verwandeln. 

Um das drastische, aber zutreffende Gleichnis mit dem 
Orangenmanne fortzuspinnen, müsste derselbe sein Tragband ab- 
legen und seinen Korb auf dem 'Kopfe tragen, um die bezweckte 
directe Unterstützung des Beckens durch den Schenkelkopf zu 
versinnlichen. 

Zweifellos ist die rudimentäre Pfanne der entsprechendste, 
weil natürliche Punkt für die directe knöcherne Unterstützung 
des Beckens, und präcise genommen müsste das therapeutische 
Problem der angeborenen Luxation dahin definirt werden, dass 
die fibrösligamentöse Supension der hinteren Fläche des Beckens 
an den Schenkelköpfen in eine directe knöcherne Unterstützung 
der rudimentären Pfannen durch die Schenkelköpfe zu ver- 
wandeln ist. 

Es kann jedoch nicht in Abrede gestellt werden, dass auch 
jeder beliebige andere Punkt, soferne derselbe nur an der 
vorderen Beckenfläche gelegen ist, den Schenkelköpfen als 
directer knöcherner Unterstützungspunkt dienen kann, so z. B. 
der horizontale Schambeinast, und die ganze Erstreckung der 
Vorderfläche der Darmbeinkante, der obere Pfannenrand, die 
leichte Depression zwischen diesem und der Spina anterior 
inferior, diese letztere selbst, oder die seichte Incision zwischen 
Spina anterior superior et inferior. 

Unter solchen Umständen bleibt das Becken immer noch 
knöchern und direct unterstützt, und der therapeutischen Forderung 
ist wenigstens in der Hauptsache eben noch Genüge gethan. 

Es ist dies allerdings keine ausgebreitete, flächenhafte, 
sondern eine mehr umschriebene, lineare oder selbst punktförmige 
Unterstützung, aber es ist immerhin knöcherne Unterstützung. 

Die Luxationsverkürzung wird unter solchen Umständen 
nur einigermassen oder vielleicht gar nicht verringert, aber die 
Suspension der hinteren Fläche des Beckens an den Schenkel- 
köpfen ist in eine knöcherne Unterstützung der vorderen Fläche 
des Beckens durch die Schenkelköpfe verwandelt worden. 



ii( 

Ausser der fortbestehenden oder doch nur bis zu einem 
gewissen Maasse verminderten Verkürzung hätte eine derartige, 
immerhin unvollkommene Lösung des therapeutischen Pro- 
blems gegenüber der Erreichung des idealen Zieles einer ge- 
nügenden Restitution der rudimentären Pfanne keine absoluten 
Nachtheile, da die Deformität ebenso gut corrigirt und die Aus- 
dauer der Function ebenso gut erreicht wird, während eine voll- 
ständige Beseitigung des Hinkens sowohl im Falle des anatomisch 
idealen als des anatomisch inferioren Resultates in gleicher 
Weise von dem Maasse der erreichbaren Muskelrestitution ab- 
hängig bleibt. 

Diese Erörterungen waren nothwendig, da es bisher that- 
sächlich bei vielen und namentlich bei doppelseitigen Fällen 
nicht gelungen ist. den Schenkelkopf auf der rudimentären 
Pfanne zu erhalten. Die nachträgliche actinographische Controle 
deckte eine Verschiebung des Schenkelkopfes von seinem neuen 
Standplatze auf und auch die klinische Untersuchung vermochte 
diese Thatsache bald festzustellen. 

Wir werden uns mit derselben später eingehend zu be- 
fassen haben. 

VI. Ultraphysiologische Schenkelstellungen durch Ueber- 

bewegung. 

Es ist ein für die Methode der unblutigen Einrenkung der con- 
genitalen Hüftverrenkung charakteristisches Moment, dass sie in 
der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Fälle sowohl zum 
Zwecke der Reposition als auch zum Zwecke der Retention zu 
Schenkelstellungen greift, welche jenseits der Grenzen der phy- 
siologischen Gelenksexcursionen gelegen sind. Wir wollen dieselben 
als ultraphysiologische, durch Ueberbewegung entstandene Stel- 
lungen bezeichnen. 

Zum Zwecke der späteren besseren Verständigung muss 
zunächst über die Nomenclatur gewisser Stellungen eine Ver- 
einbarung getroffen werden. Von der indifferenten Streckstellung 
als Ursprungsstellung ausgehend, unterscheiden wir die reine 
Beugung und Streckung. Beide Bewegungen erfolgen streng in der 
sagittalen Ebene. Die reine Beugung wird jenseits der activen 
Bewegungsgrenze zur ultraphysiologischen, extremen Beugung. 



— 38 — 

Diese letztere ist bekanntlich ohne irgendwelche Läsion und ohne 
jede Schwierigkeit durch einfaches Andrücken der vorderen 
Fläche des Oberschenkels gegen den Thorax zu erreichen. 

Hingegen stellt die activ erreichbare volle Strecklage des 
Hüftgelenkes eine absolute Bewegungsgrenze vor, denn das 
mächtige ligamentum ileofemorale setzt der Fortführung der ex- 
tremen Strecklage in eine Ueberstreckung (Hyperextension) ein 
starres Hindernis entgegen. Thatsächlich ist eine Ueberstreckung 
als ultraphysiologische Gelenksexcursion selbst bei schlaffem Band- 
apparate nicht möglich; es kann unter solchen Umständen durch 
die nach vorne gedrückte Symphysis ossium pubis bei gleich- 
zeitig vermehrter Lendenlordose höchstens der Anschein einer 
Ueberstreckung vorgetäuscht werden. 

Eine thatsächliche Ueberstreckung lässt sich nur auf dem 
Wege der ziemlich schwierigen Dehnung und Verlängerung der 
vorderen Hüftgelenksbänder in Narkose des Patienten, also nur 
durch ein Gelenkstrauma erzielen. Deshalb kann nur die that- 
sächliche Hyperextension als eine ultraphysiologische Gelenks- 
excursion, als eine Ueberbewegung bezeichnet werden. Nur 
durch eine solche gelangt der Schenkel, ohne gleichzeitige 
Lordosirung der Lende in eine hinter der Frontalebene des 
Rumpfes gelegene Stellung. 

Das congenital luxirte Hüftgelenk erlaubt an jungen In- 
dividuen eine Ueberstreckung viel leichter, da die vorderen Hüft- 
gelenksbänder durch die Dislocation des Schenkelkopfes nach 
hinten oben bis zu einem gewissen Maasse in ihrer Function als 
Streckhemmer beeinträchtigt sind. 

Die reine Anziehung und Abziehung (Adduction und Ab- 
duction) des Schenkels erfolgt in der Frontalebene. Beide Bewe- 
gungen liegen innerhalb ziemlich enger Grenzen, wenn^ sie rein 
ausgeführt werden. 

Bekanntlich findet die reine Abduction bei festgestelltem 
Becken ihre Grenzen schon beträchtlich innerhalb 40 Graden. 
Ohne speciell darauf abzielende Uebung ist es nicht entfernt 
möglich, mit beiden Schenkeln einen rechten Winkel einzu- 
schliessen. Akrobaten, welche von Kindesbeinen auf an 
Kretschungen der Beine gewöhnt sind, bringen es allerdings 
schliesslich zu Stande, die Schenkel so weit auseinander zu spreizen, 
dass sie mit dem Perineum auf den Boden zu sitzen kommen. 



39 



Aber es handelt sich hier kaum um eine reine, cl. h. streng in 
der Frontal ebene ausgeführte Bewegung, sondern es unterläuft 
dabei auch ein gewisser, durch Beckendrehung ausgeführter 
Kunstgriff. 

Als physiologische Abductionsexcursion ist jener Ausschlag 
zu betrachten, welchem durch die schmerzhaft empfundene An- 
spannung der Adductoren ein Ziel gesetzt wird. 

Bekanntlich ist die physiologische Excursion des congenital 
luxirten Hüftgelenkes im Sinne der Abduction durch die 
Schrumpfungsverkürzung der Adductoren sehr wesentlich ein- 
geschränkt. Die ultraphysiologische Hyperabduction beginnt daher 
hier viel früher als beim normalen Gelenke. 

Bei der unblutigen Einrenkung des congenital luxirten 
Hüftgelenkes haben wir mit Hyperabductionen 
bis zu 90 Graden zu rechnen. Es ist klar, dass 
dieselben erst dann ausgeführt werden können, 
wenn die physiologischen Hemmungen der Ab- 
ductionsbewegung auf irgend eine Weise vorher 
ausgeschaltet wurden. Ungünstige Verhältnisse 
können eine Abduction von über 90 Graden 
erfordern. Dieser Abductionsgrad bedarf sowohl 
einer Benennung als auch einer Erklärung, a-b 
sei eine gerade in o articulirte Stange (Fig. 1), 
o—a repräsentire ein linkes Bein, o-b den Rumpf, 
o das linke Hüftgelenk. Die Ebene des Papiers 
falle mit der Frontalebene des Körpers zusammen; die Bewe- 
gung des Schenkels o — a in der Richtung des Pfeiles stellt dann 
die reine Abductionsbewegung vor. In der Stellung o—e sei die 
physiologische Abductionsgrenze erreicht. Nach Ausschaltung 
der physiologischen Hemmungen kann die Bewegung in der 
Richtung des Pfeiles noch weiter geführt werden und o—f stellt 
bereits einen bedeutenden Grad von Hyperabduction vor, welche 
in der Stellung o—c den rechten Winkel erreicht. Bis zu diesem 
Punkte wurde der Schenkel durch seine Excursion in der 
Richtung des Pfeiles von der Mittelebene des Körpers entfernt. 

Wird die Bewegung noch weiter getrieben, etwa bis zur 
Stellung o — d, so findet wieder eine Annäherung des Schenkels 
an die Mittellinie des Körpers statt, und man kann deshalb die 
über 90 Grade hinausgehende Bewegung als Abduction über der 




— 40 — 

Horizontalen oder der Kürze halber als negative Abduction be- 
zeichnen. 

Im Schema (Fig. 1) geschahen die Bewegungen des Schen- 
kels o — a strenge in der Frontalebene unter Voraussetzung einer 
vollen Strecklage des Hüftgelenkes bis zur physiologischen Grenze. 

Denkt man sich das periphere Ende des Schenkels o—a in 
irgend einer der vorgeführten Stellungen (o — e, o—f, o — c, o — d). 
nicht mehr in der Ebene des Papieres gelegen, sondern hinter 
dieselbe gedrückt (also hinter der Frontalebene gelegen), so 
haben wir die Combination beziehungsweise eines physiologischen, 
ultraphysiologischen rechtwinkeligen oder negativen Abductions- 
grades mit Ueberstreckung vor uns und sprechen in einem 
solchen Falle der Kürze halber von überstreckter Abduction 
(a potiori fit denominatio). 

Die Combination negativer Abduction mit Ueberstreckung 
(überstreckte negative Abduction) stellt den extremsten Grad 
einer differenten Stellung des Hüftgelenkes dar. 

Das ist nicht theoretisirt, sondern von grosser praktischer 
Wichtigkeit; mittelst dieser extremen differenten Stellung habe ich 
selbst in anscheinend verzweifelten Fällen noch durchschlagende 
Erfolge erreicht. 

Wir haben bisher die Exkursionen des Hüftgelenkes nur in 
zwei aufeinander senkrechten Ebenen betrachtet und die Beugung 
und Streckung in der sagittalen, die Ad- und Abduction in der 
frontalen Ebene ablaufen lassen. Es ist nun selbstverständlich, 
dass die Beugung des Hüftgelenkes sich mit jedem beliebigen 
physiologischen Abductionsgrade combiniren kann. Der Ein- 
fachheit halber denken wir uns eine Folge solcher Beugungen 
aus voller Strecklage nur bis zum rechten Winkel ausgeführt, 
und mit allmählich zunehmendem Abductionsgrade combinirt. 
bis die physiologische Excursionsgrenze Halt gebietet. Denken 
wir uns die Abductionshcmmungen ausgeschaltet, so kann die 
rechtwinkelige Beugung mit einem noch weiter an Grösse zu- 
nehmenden Abductionswinkel combinirt werden, bis die Beuge- 
und Streckbewegungen schliesslich in der Frontalebene ablaufen 
und damit die rechtwinkelige Beugung zur rechtwinkeligen Ab- 
duction geworden ist (Stellung o — c). 

In die Stellung o — c (rechtwinkelige Abduction), kann der 
Schenkel aber nicht nur durch die Combination der Beugung 



41 



mit Abduction unter allmählicher Zunahme der Abductions- 
componente gelangen, sondern auch, und zwar viel einfacher. 
auf dem Wege der vollständigen Zerlegung der Bewegungs- 
combination in ihre Componenten. Denkt man sich den 
Schenkel o—a zuerst in der Sagittalebene um 90 Grade bewegt, 
also in rechtwinkelige reine Flexion als Ausgangsstellung ge- 
bracht und hierauf in der auf o—c errichteten senkrechten 
Ebene (also' der Horizontalebene bei aufrechter Körperhaltung) 
bis zur physiologischen Grenze und nach Ausschaltung der 
Widerstände bis 90 Grade bewegt, so resultirt als Schluss- 
stellung abermals die rechtwinkelige Abduction (o—c). 





Fig. 3. 



Sehr einfach vergegenwärtigt man sich diese für den Ein- 
renkungsmechanismus ausserordentlich wichtige Bewegung an 
seinem eigenen Körper, indem man den Schenkel aus voller 
Strecklage in der Sagittalebene bis auf 90 Grade Beugung er- 
hebt (Fig. 2), hierauf in der horizontalen Ebene bis zur physio- 
logischen Abductionshemmung bewegt und sich diese Bewegung 
(bei ausgeschalteten Hindernissen) bis 90 Grad fortgesetzt denkt 
(Fig. 3). 

Rechtwinkel ige Beugung, gefolgt von rechtwinkeliger 
Abduction bildet gewissermassen die Grundlage des 
Einrenkuna-smanövers. 



- 42 — 

Es muss betont werden, dass diese beiden Manöver keine 
gleichzeitige Gombination, sondern eine Folge von Bewegungen 
darstellen. 

Die auf diesem Wege erreichte rechtwinkelige Abduction 
ist als ultraphysiologische Stellung weiterer Modificationen fähig 
und kann in einfachster Weise in negative Abduction überführt 
und mit Ueberstreckung combinirt werden. 

Die rechtwinkelige Abduction (mit oder ohne Ueberstreckung) 
kann jedoch auch aus spitzwinkeliger Beugestellung des Hüft- 
gelenkes producirt werden, vorausgesetzt, dass die physiologischen 
Abductionshemmungen gründlich ausgeschaltet wurden. 

Denkt man sich der leichteren Vorstellung halber am 
eigenen aufrechten Körper die Streckseite des Oberschenkels auf 
die vordere Rumpffläche, also das Knie auf die Brust gelegt (in 
Fig. 1 würden o—a und o — b aufeinander zu liegen kommen), und 
überführt man nun den Schenkel in allmählich zunehmende Ab- 
duction, so findet diese Bewegung sehr bald ihre physiologische 
Hemmung. Denkt man sich diese letztere ausgeschaltet, so kommt 
bei Fortführung der Abduction die in der Ausgangsstellung 
direct nach vorne gerichtete Patella allmählich immer stärker 
seitlich zu liegen, bis dieselbe mit der Frontalebene eine streng 
seitliche Richtung erreicht. Die Abduction ist auf kurzem Wege 
eine überhorizontale, negative geworden, kann in eine recht- 
winkelige überführt und mit Ueberstreckung combinirt werden. 

Wir haben nun noch die B.ollstellungen zu betrachten, 
welche zwar nicht in das ultraphysiologische Gebiet outrirt werden, 
aber sowohl für die Reposition als auch für die Retention von 
Bedeutung siud. 

Die Rotationen sind Bewegungen des Schenkels um seine 
Längsachse. 

Die annähernde Abschätzung derselben pflegt man aus der 
Lage der Patella zu ermitteln; es ist jedoch ersichtlich, dass 
dies nur dann zulässig ist, wenn die Rollung bei indifferenter 
Streckstellung des Beines erfolgt. 

Auswärtsrollung bringt die Patella nach aussen, Einwärts- 
rollung nach innen, bei indifferenter Rollung ist die Kniescheibe 
nach vorne gerichtet. Erfolgt aber beispielsweise die Rollung bei 
rechtwinkeliger Beugung des Schenkels, so kann die Lage der 
Patella nicht mehr als Maass dieser Bewegung dienen, denn 



— 43 — 

dieselbe sieht sowohl bei Einwärts- als auch bei Auswärtsrollung 
unverändert nach vorne. 

Es dürfte daher empfehlenswerther sein, die Rotation nach 
der Lage der inneren Fläche des Condylus internus zu be- 
urtheilen. 

Bei indifferenter Streckstellung sieht der innere Condylus 
nach innen, bei Auswärtsrollung des gestreckten Schenkels um 
90 Grad ist derselbe nach vorne grichtet. 

Geschieht die Rollung bei rechtwinkelig gebeugtem Schenkel, 
so wird durch eine Aussenrotation desselben die innere Fläche des 
medialen Condyls nach oben, durch eine Innenrotation nach 
unten gewendet. Der Condylus internus erfährt also durch die 
Rotation unter allen Umständen einen auffälligen Richtungswechsel. 

Am freiesten ist die Rotation in Verbindung mit Beuge- 
stellung, also bei einer gewissen mittleren Gelenkslage. 

Die Rollbewegungen vermitteln in bequemer Weise die 
Combination von Flexion und Abduction. 

Versucht man z. B. mit dem Schenkel zuerst in der 
sagittalen Ebene Beugung und Streckung auszuführen, und ver- 
legt man nach und nach diese Bewegungen in immer stärker 
diagonal gerichtete (Abductions-) Ebenen, so ist dies nur möglich, 
wenn man jeder neuen Beugung und Streckung eine leichte 
Aussenrollung vorangehen lässt. 

Ganz anders liegen die Verhältnisse, wenn der Schenkel in 
der Sagittalebene zuerst rechtwinkelig gebeugt und dann erst 
in der Horizontalebene über die physiologische Grenze hinaus 
bis 90 Grad abducirt wird. Dann sieht die innere Fläche des 
medialen Condyls nach vorne, ohne dass eine Aussenrollung 
des Beines um seine Längsaxe stattgefunden hat (vgl. Fig. 3). 
Bei einer solchen müsste die innere Fläche des medialen Con- 
dils nach oben sehen- 

Es ergibt sich aus dieser Betrachtung, dass rechtwinkelige 
Abduction, wenn sie aus der Grundstellung der rechtwinkeligen 
Beugung erzeugt wird, durch die Vornewendung des inneren 
Condyls eine Aussenrollung vortäuscht. 

Nur bei indifferenter Streckstellung des Beines ist die 
Vornewendung des inneren Condyls ein Zeichen der Aussen- 
rollung. Bei aus rechtwinkeliger Beugung erzeugter recht- 
winkeliger Abduction hingegen ist die Vornewendung des inneren 



— 44 — 

Gondyls lediglich ein Attribut der Abduction, während eine that- 
sächliche Aussenrollung des Schenkels in dieser Stellung den 
inneren Condyl nach oben richtet. 

Diese vorläufigen Bemerkungen sollen als Orientirung zu 
den späteren Gapiteln der Reposition und Retention dienen. 



VII. Begriff der Reposition der congenitalen Hüftverrenkung. 

Man könnte es auf den ersten Blick für überflüssig halten, 
über diese anscheinend selbstverständliche Sache auch nur ein 
Wort zu verlieren; aber die ebenso eingefleischte als irrthüm- 
liche Tradition, welche in der traumatischen und congenitalen 
Luxation annähernd identische pathologische Zustände erblickt, 
macht eine nähere Betrachtung des Begriffes der Reposition des 
congenital luxirten Hüftgelenkes nothwendig. 

Die vollständig differenten anatomischen Verhältnisse machen 
es von vorneherein begreiflich, dass die Reposition der trauma- 
tischen und jene der congenitalen Hüftverrenkung ebenfalls 
differente Dinge sein müssen. 

Unter Reposition im Allgemeinen versteht man nach Kir- 
misson: „Die Wiederherstellung normaler Lagebeziehungen 
zwischen den Gelenkflächen, also mit Beziehung auf das Hüft- 
gelenk das Eindringen des Schenkelkopfes in die Pfannenhöhlung, 
das sich mit einem Aspirationsgeräusche vollzieht, welches nie- 
mals täuscht und allen jenen bekannt ist, die jemals die Ein- 
renkung traumatischer Luxation gemacht haben." 

An dieser Definition ist nichts Wesentliches auszusetzen, 
wenn sie sich eben nur auf die traumatische Verrenkung bezieht. 
Was das Aspirationsgeräusch betrifft, so ist es selbstverständlich, 
dass dasselbe als aerostatisches Repositionsphänomen nur dann 
entstehen kann, wenn die Gelenkskapsel geöffnet, also dem Luft- 
eintritt zugänglich geworden ist. 

Die Kirmisson'sche Definition würde also streng genommen 
nur auf die Reposition nach vorausgegangener Arthrotomie oder 
sonst irgendwie stattgefundener Gelenkseröffnung passen. Weitaus 
in der Regel sind die traumatischen Verrenkungen nicht mit 
einer offenen Kapselverletzung complicirt und die Reposition 
kann deshalb von einem wirklichen Aspirationsgeräusch niemals 



— 45 — 

begleitet sein. Hingegen ist es eine bekannte Thatsache, dass 
die Reposition der traumatischen Verrenkung in Folge des In- 
einanderschnappens der ausgedehnten und vollkommen con- 
gruenten Gelenksfläehen sich allerdings unter Erscheinungen 
vollzieht, welche niemals täuschen. 

Soll diese selbe Definition auch für die unblutige Reposition 
der congenitalen Luxation gelten!? Und wenn sie auf diese 
letztere nicht passt, soll man dann überhaupt von einer Repo- 
sition nicht sprechen dürfen?! 

Fast könnte ich mich verleitet fühlen, an ein absichtliches 
Missverständnis zu glauben, wenn mir zugemuthet wird, ich 
hätte irgendwo behauptet, eine Reposition ..in diesem Sinne" 
auch bei der congenitalen Luxation zu erzielen oder auch nur 
erzielen zu wollen. 

Solche Behauptungen hätte ein Schäfer oder ein Abbe 
aufstellen mögen, aber nicht ein Operateur, der die rudimentäre 
Hüftpfanne hundertemale bei geöffnetem Gelenke untersucht und 
beurtheilt hatte, ehe er mit aller nur gebotenen Vorsicht seine 
ersten Mittheilungen machte. 

Wie hätte ich behaupten wollen, dass der Schenkelkopf bei 
der unblutigen Reposition der congenitalen Hüftverrenkung in 
die rudimentäre Pfanne, welche doch nur einen höchst ungenügen- 
den Fassungsraum hat, „mit einemmale" (d'emblee) eindringe, 
dass eine normale Lagebeziehung abnorm gestalteter Gelenks- 
körper „sofort" zu erzielen sei, oder dass die Stabilität der Re- 
position der congenitalen Luxation auch nur im allerentferntesten 
derjenigen nach Reposition einer traumatischen Verrenkung 
gleichen könne! 

Solche Absurditäten hätten doch wohl nur jemandem zu- 
gemuthet werden dürfen, dem die Erkenntnis der völligen Ver- 
schiedenheit des Wesens der congenitalen und traumatischen 
Verrenkung vollkommen fremd ist und der an der Aeusserlichkeit 
des gleichlautenden Namens haften geblieben war. 

So wie die traumatische und congenitale Luxation im Wesen 
verschiedene Dinge sind, ebenso verschieden ist der Begriff der 
Reposition in dem einen und in dem anderen Falle. 

Wäre dem nicht so, so hätte die Frage nach einer ratio- 
nellen Therapie der congenitalen Luxation wohl eine frühere und 
endgiltige Lösung gefunden, denn an rationellen und wirksamen 



— 46 — 

Repositionsmethoden der traumatischen Luxation hat es bisher 
wahrlich nicht gefehlt. Man brauchte nur zuzugreifen. 

Wenn ich von einer Reposition der congenitalen Hüftver- 
renkung gesprochen habe, so ist damit vernünftigerweise nur ge- 
meint, dass durch dieselbe die Gelenkskörper „überhaupt" in 
unmittelbaren gegenseitigen Contact gebracht wurden. 

Je nach der Grösse des bestehenden Missverhältnisses konnte 
dieser Contact bald ein oberflächlicher, bald ein innigerer, aber 
niemals ein „normaler" sein; es handelt sich hier zunächst um 
den Contact „überhaupt". 

Und nun frage ich, ist der Schenkelkopf etwa nicht repo- 
riirt, wenn er concentrisch auf der Pfanne liegt, gleichviel ob 
er mehr oder weniger in dieselbe eindringt. 

Wenn ich zu einem Gleichnis greife und eine Kugel auf 
einen Ring lege, welche mit einem gewissen Abschnitt ihres 
Körpers in denselben eindringt; und wenn ich dann die Kugel 
auf einen kleineren Ring lege, so dass dieselbe viel weniger 
tief in die Lichtung desselben eindringen kann; handelt es sich 
dann nicht etwa in beiden Fällen um eine Einfügung der Kugel 
in den Ring? Im ersten Falle durchdringt die Kugel den Ring 
mit einem grösseren, im zweiten Falle mit einem kleineren Ab- 
schnitte ihres Körpers, aber in beiden Fällen sitzt die Kugel 
auf dem Ringe und bis zu einem gewissen Maasse in dem 
Ringe. 

Der erste Fall passt auf die Reposition der traumatischen, 
der letzte Fall auf jene der congenitalen Luxation. 

Worin liegt der Unterschied? Offenbar liegt die Kugel im 
ersten Falle fest, im zweiten locker in dem Ringe. 

Auf die Reposition übertragen würde man sagen, die Sta- 
bilität derselben ist im Falle der traumatischen Luxation eine 
grosse, im Falle der congenitalen Luxation eine sehr geringe 
oder labile. 

Und wenn die Reposition labil ist, ist sie darum keine Re- 
position? 

Wenn ich den Fall setzte, eine traumatische Luxation sei 
mit einem Abbruche, z. R. des hinteren Pfannenrandes compli- 
cirt, so dass der reponirte Schenkelkopf keinen Halt in der 
Pfanne findet oder diesen Halt nur unter gewissen Redingungen, 
z. B. nur bei einer ganz bestimmten Schenkelstellung findet, ist 



— 47 — 

es darum keine Reposition? In der That passt dieser Fall, der 
sich ja nicht allzu selten ereignet, einigermassen auf die Re- 
position bei congenitaler Luxation, denn auch hier findet der 
Schenkelkopf nur bei ganz bestimmten Schenkelstellungen Halt 
in der Pfanne. 

Wenn also angeführt wird (Kirmisson), dass die Reposition 
der congenitalen Verrenkung schon deshalb nicht als Reposition 
angesprochen werden könne, weil der Schenkelkopf nicht in der 
Pfanne hält, so ist diese Argumentation eine hinfällige. Noch 
hinfälliger wird sie durch die Thatsache, dass es vor allem gar 
nicht richtig ist, dass der reponirte Schenkelkopf bei der con- 
genitalen Hüftverrenkung in der rudimentären Pfanne gar keinen 
Halt findet. Ganz im Gegentheile findet er oft genug einen über- 
raschend guten Halt. Wenn jemand sagt, der reponirte Schenkel- 
kopf reluxirt in dem Augenblicke als man das Bein sich selbst 
überlässt, so kann aus einer solchen Angabe nur der Schluss 
gezogen werden, dass ihm die unblutige Reposition des conge- 
nital luxirten Schenkelkopfes nicht gelungen sei. Es ist dies 
nämlich nicht nur vollkommen unrichtig, sondern das sich selbst 
überlassene Bein behält eine starre, federnde, mehr oder weniger 
differente Stellung und trägt sich in dieser Haltung selbst und 
ganz frei in der Luft. Es ist dies sogar ein sehr sicheres und 
jedenfalls ausserordentlich charakteristisches Symptom der ge- 
lungenen Reposition. 

Die Reluxation findet thatsächlich erst dann statt, wenn 
man diese federnde, einigermassen an spastische Paralyse er- 
innernde rigide Schenkelhaltung zu corrigiren trachtet. 

Offenbar ist also die Behauptung gänzlich unzulässig, die Re- 
position sei deshalb keine Reposition, wenn dieselbe vorläufig nur 
bei gewissen Schenkelstellungen stabil erhalten werden kann. 

Es wurde auch behauptet, dass man schon aus dem Um- 
stände, dass der angeblich reponirte Schenkelkopf in der Leisten- 
furche prominent sei, schliessen dürfe, dass es sich um keine 
wahre Reposition handle! Sicherlich um keine Reposition im 
Sinne der traumatischen Luxation. Wenn aber diese Prominenz 
des reponirten Schenkelkopfes an normaler Stelle sitzt, also 
etwas nach aussen von der Leistenmitte unmittelbar neben der 
Schenkelarterie, dann schliesst die klinische Untersuchung aus 
diesem Umstände mit Recht auf eine thatsächliche Reposition 



— 48 — 

und die stärkere Prominenz des Schenkelkopfes ist nichts weiter 
als eine nothwendige Folge des Grössenmissverhältnisses zwischen 
Kopf und Pfanne. 

Wer von den falschen Analogien zwischen traumatischer 
und congenitaler Luxation nicht lassen will und diese Analogien 
auch auf die Reposition ausdehnt, bewegt sich in Utopien, die 
ihn niemals zu einem brauchbaren praktischen Resultate führen 
werden. 

Ist doch die bisherige Unfruchtbarkeit der unblutigen 
Therapie der congenitalen Hüftverrenkung wesentlich auf das 
starre Festhalten an diesen trügerischen Analogien zurückzu- 
führen. Was für die traumatische Luxation zweckmässig war, 
soll es auch für die congenitale Verrenkung sein. 

Dieser Trugschluss hat die unblutige Therapie der conge- 
nitalen Luxation bisher immer noch auf den Sand geführt. 

Mit dieser falschen Tradition musste gründlich gebrochen 
werden, ehe die gestrandeten Hoffnungen wieder in ein sicheres 
Fahrwasser gelangen konnten. 

Mit der Lösung des Problems, den Schenkelkopf mit der 
rudimentären Pfanne des congenital luxirten Hüftgelenkes auf 
unblutigem Wege überhaupt in unmittelbaren und zweifellosen 
Flächencontact gebracht zu haben, war ein bedeutender Schritt 
nach vorwärts gethan. Aber es war nur eine Etappe 
auf dem Wege zu dem noch fernen Ziele. 

In richtiger Erkenntnis dieses Umstandes habe ich in meiner 
seinerzeitigen ersten Mittheilung (Volkmann's Sammlung kli- 
nischer Vorträge 151/152, p. 514) Folgendes gesagt: „Mit dem 
glücklich erzwungenen Sprunge des Schenkelkopfes über den 
hinteren Pfannenrand ist die Reposition an sich eigentlich voll- 
endet, aber dem Ziele einer dauerhaften und soliden 
Einrenkung ist man dadurch kaum einen Schritt näher 
gekommen." 

Um die Reposition des Schenkelkopfes bei der congenitalen 
Hüftverrenkung jener bei der traumatischen Luxation ähnlich 
zu machen, bedarf es demnach noch der Lösung einer weiteren 
wichtigen Hauptaufgabe, und zwar der Stabilisirung der 
labilen Reposition. 

Da Pravaz schon vor mir zweifellose Repositionen des 
congenital verrenkten Hüftgelenkes in jenem Sinne, in welchem 



— 49 — 

solche überhaupt möglich sind, zu Stande gebracht hatte, so 
vindicire ich mir kein wesentliches Verdienst, die Möglichkeit 
der Reposition auf unblutigem Wege neuerdings dargethan zu 
haben. Dass dieses vorläufige Ziel in einfacherer Weise und 
ohne Zeitverlust in einer und derselben Sitzung ausgeführt 
werden konnte, ist lediglich der verbesserten Technik und der 
Beihilfe der Narkose zu verdanken. 

Wenn ich ein Verdienst für mich in Anspruch nehme, so 
ist es die Erkenntnis, dass mit der gelungenen Reposition der 
congenitalen Hüftverrenkung nicht das gesteckte Ziel erreicht, 
sondern lediglich eine Basis, allerdings die einzig richtige Basis, 
für die Erreichung des Zieles geschaffen war. 

Konnte die labile Reposition, welche an die Bedingung 
mehr weniger extremer Schenkelstellung gebunden war, nicht 
auch für indifferente Schenkelstellungen stabil gemacht werden, 
dann hatte die gelungene Reposition lediglich ein theoretisches 
und nicht das mindeste praktische Interesse. 

Die falschen Analogien zwischen congenitaler und trauma- 
tischer Luxation mussten über Bord geworfen werden. 

Die labile Einrenkung musste zu einer stabilen Reposition 
umgeschaffen werden. 

Dies gelang durch eine auf mühevollem Wege geschaffene 
und allmählich vervollkommnete Methode der Retention — 
eine Aufgabe, mit welcher die Therapie der traumatischen 
Luxation so gut wie gar nicht zu rechnen braucht. 

Gerade in der Retention beruht der durchgreifende Unter- 
schied zwischen der Therapie der traumatischen und congenitalen 
Luxation und erst durch das Gelingen der Retention konnte das 
mit der Reposition begonnene Werk seine Vollendung erfahren. 

Aber man hat es für gut befunden, lediglich immer nur von 
meiner Reposition zu sprechen und meine Retentionsmethode 
einfach zu ignoriren, um meine lediglich auf die Reposition sich 
beziehenden Behauptungen als recht absurd hinzustellen. 

VIII. Beziehungen zwischen der unblutigen Reposition der 

congenitalen und der unblutigen Reposition der traumatischen 

Hüftgelenksverrenkung. 

Wenn man die grossen Unterschiede der anatomischen 
Verhältnisse bei der congenitalen und traumatischen Verrenkung 

Lorenz, Büftverrenkuug". a 



— 50 — 

in Betracht zieht, so begreift sich, dass die Therapie in beiden 
Fällen nur sehr entfernte Analogien aufweisen kann. Selbstver- 
ständlich muss die Voraussetzung gelten, dass in dem einen 
wie in dem anderen Falle eine Einrenkung überhaupt noch 
möglich ist. 

In dieser Beziehung überrascht die Thatsache, dass das 
congenital verrenkte Hüftgelenk, im Allgemeinen gesprochen, 
durchschnittlich während des ersten Lebensdecenniums der Ein- 
renkung zugänglich bleibt, während die traumatische Luxation 
schon nach einigen Monaten irreponibel sein kann. 

Der Umstand, dass es sich im ersten Falle um Kinder, im 
zweiten fast ausschliesslich um Erwachsene handelt, fällt hierbei 
sicher weniger ins Gewicht als die in beiden Fällen grundver- 
schiedenen Kapselverhältnisse. 

Die rasch erfolgende Retraction oder gänzliche Vernarbung des 
Kapselrisses wird die unblutige Reposition einer traumatischen 
Verrenkung gar bald unmöglich machen, während der weite und 
unverletzte Kapselsack des congenital verrenkten Hüftgelenkes 
die Reposition insolang gestattet, als derselbe dehnbar genug 
geblieben ist. 

Während die Repositionsmanöver bei der traumatischen 
Verrenkung stets durch die Lage des Kapselrisses bestimmt 
werden, braucht die unblutige Reposition der congenitalen Luxa- 
tion mit diesem Umstände gar nicht zu rechnen. 

Dadurch bleibt ihrer Technik ein freier Spielraum ge- 
sichert und es ist im Grunde genommen eigentlich gleichgiltig, 
ob die Reposition über den oberen, oder über den hinteren, 
oder gar über den unteren Pfannenrand vorgenommen wird, 
wenn sie nur auf die eine oder andere Weise überhaupt gelingt. 

Sehen wir von complicirenden Knochenverletzungen ab, so 
liegen bei der traumatischen Luxation vollkommen normale, bei 
der congenitalen Verrenkung hingegen mehr weniger verbildete 
Gelenkskörper vor. Vor allem ist die Pfanne rudimentär entwickelt. 

Mit der gelungenen Reposition der traumatischen Luxation 
hat die Therapie ihre Aufgabe eigentlich schon vollendet. 

Mit der gelungenen Reposition der congenitalen Verrenkung 
hat die Therapie ihre Aufgabe erst begonnen, ja man kann 
sagen, dass sie ihre eigentliche, ihre Hauptaufgabe damit erst 
angebahnt und vorbereitet hat. 



— 51 — 

Eine indifferente Gelenkstellung sichert die Reposition der 
traumatische q Verrenkung mit grosser Präcision, denn die nor- 
male Pfanne bietet dem normalen Schenkelkopfe auch in der 
indifferenten Streckstellung den verlässlichsten Halt und mit der 
rasch erfolgenden Verheilung des Kapselrisses ist die restitutio 
ad integrum vollendet. 

Der Fixationsverband ist in diesem Falle im Grunde ge- 
nommen eine übertriebene Vorsichtsmaassregel, denn die Re- 
position ist schon durch die blosse Vermeidung jener extremen 
Gelenkstellung, durch welche die Luxation herbeigeführt worden 
war, hinreichend gesichert. 

Ganz anders liegen die Dinge nach der gelungenen Reposition 
der congenitalen Verrenkung. 

Die unsufficiente Pfanne vermag dem Schenkelkopf, auch 
wenn derselbe nur unbedeutend verändert wäre, keinen ge- 
nügenden Halt zu bieten. Um einen solchen Halt vorläufig künst- 
lich zu schaffen, wird es nothwendig, dem eingerenkten Beine 
eine mehr weniger extreme Stellung zu geben, welche die Re- 
luxation nicht erlaubt, respective zur mechanischen Unmöglich- 
keit macht. 

Die Stabilität der Reposition einer traumatischen Ver- 
renkung ist mit einem Worte eine nahezu normale, die Stabilität 
der Reposition einer congenitalen Verrenkung hingegen ist in 
der Regel gering. 

Hieraus ergibt sich, dass die Therapie der congenitalen 
Luxation ihre Hauptaufgabe erst in der Retention, d. h. in der 
Erhaltung des geschaffenen Gontactes der Gelenkskörper zu 
suchen hat, eine Aufgabe, mit welcher sich die Therapie der 
traumatischen Luxation, wie gesagt, kaum näher zu befassen 
braucht. 

Zur Einrenkung traumatischer Luxationen genügen Gelenks- 
bewegungen, welche noch innerhalb der physiologischen Grenzen 
ablaufen, zur Reposition der congenitalen Verrenkung sind in 
der Regel Einrenkungsmanöver nothwendig, welche jenseits der 
physiologischen Bewegungsgrenzen liegen, deren Gebiet durch 
Beseitigung der Bewegungshemmungen erst erschlossen werden 
muss. 

Zur Retention der traumatischen Luxation genügt in- 
differente Streckstellung des eingerenkten Beines, die Retention 

4* 



bei congenitaler Luxation erfordert häufig selbst extremere Ein- 
stellungen des Schenkels, als solche zur Reposition nothwendig 
waren. 

Der Muskelapparat des traumatisch luxirten Gelenkes ist 
von Anfang an intact und etwaige Verletzungen desselben sind einer 
raschen Restitution fähig. Die Muskulatur des congenital luxirten 
Gelenkes ist ab origine schlecht entwickelt und durch jahrelange 
Functionsbehinderung und mangelhaften Gebrauch in ihrer 
Leistungsfähigkeit noch weiter herabgesetzt. 

Wir sehen also kaum entfernte Analogien in den Aufgaben 
der Therapie gegenüber der traumatischen und der congenitalen 
Luxation. Auf jeden Fall ist die Therapie der letzteren um ein 
zehnfaches schwieriger als jene der ersteren. 

Schon aus dieser Ueberlegung geht hervor, dass jede Be- 
handlungsmethode der congenitalen Luxation, welche auf dem 
Boden der Therapie traumatischer Luxationen fusst, geschweige 
denn sich mit derselben identificirt, von vornherein scheitern 
musste. 

Mochte man die Capacität der Pfanne des congenital 
luxirten Gelenkes überschätzen oder mochte man dieselbe 
unterschätzen oder gar für absolut insufficient halten und von 
der Existenz einer rudimentären Pfanne überhaupt keine Notiz 
nehmen, in beiden Fällen hatte man den Boden der anatomischen 
Thatsachen verlassen; übertrug man nun auf diese in dem einen 
wie in dem anderen Falle falschen anatomischen Voraussetzungen 
die Principien der Therapie traumatischer Luxationen, so war 
der Misserfolg dadurch von vornherein so gut wie besiegelt. 

Die traumatische und congenitale Luxation haben nichts als 
den Namen miteinander gemein; in ihrem anatomischen Ver- 
halten bieten sie keine Aehnlichkeiten, sondern vielmehr lauter 
Gegensätze. Ebenso different wie ihre Anatomie wird demnach 
auch ihre Behandlung sein müssen. 

IX. Anatomische Hindernisse der unblutigen Reposition und 
ihre Ueberwindung. 

Nur die operative Eröffnung des Gelenkes konnte die klare 
Erkenntnis der Hindernisse bringen, welche bei der mechanischen 
Reposition zu überwinden waren. Diese Hindernisse schienen 



— 53 — 

anfänglich so gross, dass es zahlreicher blutiger Opera- 
tionen bedurfte, ehe durch ab und zu unterlaufene günstige 
Fälle der Gedanke an eine Ueberwindung derselben auf un- 
blutigem Wege angeregt wurde. 

Die Hindernisse der Reposition sind fast ausschliesslich in 
den Weichtheilen zu suchen; diesen gegenüber spielen die 
Knochen eine untergeordnete Rolle. 

So weit die verkürzten Muskeln und Fascien als Einrenkungs- 
hindernisse in Retracht kommen, konnten sie den Plan der un- 
blutigen Einrenkung nicht erschüttern, denn sie blieben im 
äussersten Falle allen jenen Mitteln zugänglich, welche der 
blutigen Reposition zur Verfügung standen; manuelle und 
maschinelle Extension, eventuell unterstützt durch Tenotomien, 
hatte sich in hundertfältiger Erfahrung bei der blutigen Repo- 
sition auch gegenüber hochgradigsten Verkürzungen vollkommen 
bewährt. 

Meine anatomischen Untersuchungen hatten ergeben, dass 
hauptsächlich die langen pelvifemoralen und pelvicruralen Mus- 
keln der Schrumpfungsverkürzung verfallen und die wesentlichsten 
Hindernisse gegen die Herabholung des Schenkelkopfes in das 
Pfannenniveau abgeben, während die functionell so ausser- 
ordentlich wichtigen pelvitrochanteren Muskeln in dieser Re- 
ziehung kaum in Retracht kommen. 

Das Tenotom hatte also im äussersten Falle lediglich 
gegen die ersteren in Anwendung zu kommen. Die subcutane 
Tenotomie der Kniekehlensehnen und der an der Spina 
anterior superior inserirenden (subspinalen) Weichtheile, sowie 
die subcutane Durchtrennung der coulissenartig vorspringenden 
Adductoren wurde also von vornherein als äusserstes Hilfsmittel 
in den Plan der Herabholung des Schenkelkopfes aufgenommen. 

Es zeigte sich indes, dass die Tenotomie der Kniekehlen- 
sehnen und der subspinalen Weichtheile gerade bei den jüngeren 
Kindern, welche für die unblutige Reposition in erster Linie in 
Retracht kommen, durch methodische Ausbildung der maschinellen 
Extension vollständig zu umgehen war, und dass die seilartig 
gespannte Aclductorencoulisse auf stumpfem Wege durch Walken 
und Dehnen zur Dehiscenz gebracht werden konnte (Myorhexis 
adcluctorum), während die Chancen der älteren Fälle, welche 
der unblutigen Therapie bereits entwachsen waren, selbst durch 



— 54 — 

Anwendung der Tenotomie nicht wesentlich gebessert werden 
konnten. 

Der Widerstand der verkürzten Muskeln, Fascien und 
Sehnen gegen die Herabholung des Schenkelkopfes konnte dem- 
nach von der unblutigen Therapie auf rein mechanischem Wege 
beseitigt werden. 

Kamen die Widerstände der verkürzten Muskeln gar nicht 
wesentlich in Betracht, so musste das von der pathologisch ver- 
änderten Gelenkskapsel gebotene Hindernis um so höher ange- 
schlagen werden. 

Die operative Reposition glitt über dieses Hindernis leicht 
hinweg; die Kapsel wurde einfach gespalten, ihre stark ge- 
spannten Partien mit dem Knopfmesser eingekerbt. 

Die unblutige Therapie hingegen war gegenüber dem von 
der Kapsel gebotenen Hindernisse vollkommen machtlos und 
thatsächlich wird auch zur Stunde noch das Gebiet der 
unblutigen Reposition fast einzig und allein durch den 
Kapselwiderstand bestimmt. 

Mit Beziehung auf diesen letzteren haben wir vor allem 
jene älteren Fälle zu betrachten, bei welchen der Gelenksraum 
gewissermassen aus drei Abtheilungen besteht, und zwar: 1. Aus 
der mehr oder weniger frontal verlaufenden spaltförmigen 
Pfannentasche, deren hintere Wand von der flachen knöchernen 
Pfanne und deren vordere Wand von der verdickten vorderen 
Kapsel gebildet wird; 2. aus der kugelförmigen fibrösen Kapsel- 
haube des Schenkelkopfes und 3. aus dem diese beiden Ab- 
theilungen verbindenden Isthmus. 

Die Pfannentasche und der Kapselisthmus sind ausser Function 
gesetzt und der Schrumpfung verfallen, während lediglich der 
obere Blindsack der Kapsel als fibröse Surrogatpfanne dient, 
welche an ihrer äusseren Fläche sowohl Verwachsungen mit den 
überlagernden Muskeln als auch mit dem Darmbeinperioste ein- 
gehen kann. 

Es ist klar, dass die Kuppel der Gelenkskapsel der Herab- 
holung des Schenkelkopfes ein Hindernis bietet, falls dieselbe 
mit den Nachbargebilden innig verbunden ist. 

Von ungleich grösserer Wichtigkeit ist in dieser Beziehung 
der Isthmus der Kapsel, falls derselbe so enge geworden ist, 
dass der nach abwärts bewegte Gelenkskopf nicht passiren kann. 



— 55 — 

Es ist anzunehmen, dass ein zu enger Kapselisthmus 
das wichtigste und wesentlichste Hindernis der un- 
blutigen Reposition darstellt. Zum mindesten haben die 
Erfahrungen bei der Reposition mittelst Arthrotomie ergeben, 
dass durch Spaltung der Kapsel noch Einrenkungen ermöglicht 
werden, welche auf unblutigem Wege absolut nicht zu Stande 
gebracht werden konnten. War es möglich gewesen, den Ge- 
lenkskopf durch den Engpass der Kapsel hindurch zu zwängen, 
so steht derselbe vor einem weiteren Hindernis, da die straffe 
vordere Kapsel den Eintritt des Gelenkskopfes in die Pfannen- 
tasche nicht zulässt. 

Die fixirte Kopfhaube der Kapsel und der Isthmus der- 
selben stellen der Herabholung des Schenkelkopfes Hindernisse 
entgegen, während die fibröse vordere Wand der Pfannentasche 
der Reposition im engeren Sinne Schwierigkeiten bietet. 

Während die fixirte Kopfhaube und der Isthmus vorzugs- 
weise bei älteren Fällen als Hindernis der Reposition in Betracht 
kommt und letztere eventuell vollkommen unmöglich macht, spielt 
die fibröse vordere Wand der Pfannentasche auch bei jüngeren 
Fällen als Repositionshindernis eine wesentliche Rolle. 

Glücklicherweise ist die Technik der unblutigen Reposition 
in der Lage, diesem letzteren Hindernisse wirksam zu begegnen 
und die Reposition scheint gesichert, sobald die beiden erst- 
genannten Kapselhindernisse glücklich überwunden wurden. 

Die Obliteration der Pfannentasche wäre an sich ein ab- 
solutes R.epositionshindernis; glücklicherweise ist dieser Fall so 
ausserordentlich selten, dass er praktisch nicht in Betracht 
kommt. 

Es ist einleuchtend, dass die Kapselhindernisse durch die 
jeweilige Stellung des Schenkels modificirt werden können. Wenn 
die Fixirung der fibrösen Kopfhaube als minderwerthiges 
Moment ausser Betracht kommen kann, so ist bezüglich des 
Isthmus klar, dass ein Hindurchzwängen des Schenkelkopfes am 
leichtesten durch eine Extension des indifferent gestellten 
Schenkels die günstigsten Chancen haben wird, weil unter diesen 
Umständen der Kapselschlauch nach unten zu offen bleibt und 
der Schenkelkopf unter der Gewalt der Extension von oben her 
in denselben hineingezogen wird und als Keil im Sinne einer 
Erweiterung des Engpasses wirken kann. 



— 50 — 

Wird der Schenkel hingegen spitzwinkelig gebeugt, so ist 
klar, dass der Kapselschlauch dadurch eine Abknickung erfährt 
und vollständig obturirt wird, so dass unter diesen Umständen 
ein Passiren des Gelenkskopfes durch den Engpass vollständig 
unmöglich wird. 

Wenn daher der Isthmus durch den Schenkelkopf über- 
haupt noch forcirt werden kann, so wird dies nur durch Ex- 
tension bei indifferent gestelltem Schenkel möglieh sein. 

Aus dieser Ueberlegung geht hervor, dass man bei älteren 
Fällen gut thun wird, den Schenkelkopf durch Extension vor- 
erst gründlich herabzuholen, ehe man an die eigentliche Repo- 
sition schreitet, während bei den jüngeren Fällen, welche eine 
Differenzirung der Kapsel in die erwähnten Abschnitte ver- 
missen lassen, eine vorhergehende Extension nicht unbedingt 
nöthig ist. 

Was nun das von der vorderen Kapsel gebotene Pteposi- 
tionshindernis anbelangt, so ist klar, dass die Extension sowohl 
des indifferent gestellten als des abducirten Beines zu einer ver- 
mehrten Anspannung der vorderen fibrösen Wand der Pfannen- 
tasche, zu einer Anpressung derselben gegen die plane Pfannen- 
flache, also zu einem vollständigen Verschlusse der Pfannen- 
tasche führt, ein Umstand, der das Hineinarbeiten, das Ein- 
pressen des Schenkelkopfes in die Pfannentasche nothwendig 
erschweren muss. 

Eine Entspannung der fibrösen vorderen Wand der Pfannen- 
tasche wird die Reposition offenbar erleichtern, da unter diesen 
Verhältnissen der Eingang zur Pfannentasche erweitert und auch 
ihr Fassungsraum vergrössert wird. 

Eine solche Entspannung der vorderen Kapsel wird offen- 
bar durch rechtwinkelige Beugung des Schenkels erreicht. 

Ist die Herabholung des Schenkelkopfes gelungen, so wird 
die Eintreibung desselben in die Pfannentasche demnach am 
besten aus der rechtwinkeligen Beugestellung erfolgen. 

Daraus ergibt sich der Weg über den hinteren Pfannen- 
rand von selbst, da durch rechtwinkelige Beugung der Schenkel- 
kopf hinter dem letzteren eingestellt wird. 

Neben den durch die eigenthümliche Configuration der 
Kapsel des luxirten Gelenkes bedingten Repositionshindernissen 
fällt selbstredend die unter Umständen kolossale Verdickung 



— o / — 

(oft fast bis 1 Centimeter) und die damit Hand in Hand gehende 
Starrheit und Unnachgiebigkeit derselben ins Gewicht. 

Sehr häufig habe ich gelegentlich der blutigen Repositionen 
beobachtet, dass der mittelst Extension allmählich tiefer herab- 
gezogene Schenkelkopf an seinem medialen Pole eine Kapsel- 
duplicatur mit sich nahm, welche sich wie eine Coulisse über 
den oberen Pfannenrand herabschob und den Kopf am Ein- 
treten in die künstlich vertiefte Pfanne hinderte. Selbstverständ- 
lich können sich derartige Kapselduplicaturen auch bei der un- 
blutigen Reposition bilden und der Reposition auf dem Wege 
der einfachen Extension Schwierigkeiten bereiten. 

Es bleibt noch die Frage zu erörtern, bis zu welchem 
Grade das Ligamentum teres als Repositionshindernis in Betracht 
kommt. 

Wenn auch zugestanden werden muss, dass ein noch 
vorhandenes und stark hypertrophirtes Ligamentum teres den 
Fassungsraum der Pfannentasche naturgemäss entsprechend ver- 
ringern und in dieser Beziehung als Repositionshindernis wirken 
kann, so wird diese Thatsache doch wesentlich dadurch ab- 
geschwächt, dass das runde Band schon im dritten Lebensjahre 
ebenso oft fehlt als es noch vorhanden ist und dass schon vom 
vierten Lebensjahre ab die Destruction desselben zur Regel ge- 
worden ist. 

Bei jenen ganz jungen und zarten Kindern, bei denen sich 
das Ligamentum teres noch findet, ist die Kapseltasche so dehn- 
bar, dass die raumbeengende Wirkung des Bandes wohl nicht 
ins Gewicht fallen kann. Noch irrelevanter sind selbstverständlich 
die drüsigen Fettläppchen, welche sich in der Pfannentasche 
zuweilen vorfinden. 

In meiner anfänglichen Repositionspraxis ist mir an einem 
etwa 3jährigen Kinde mit doppelseitiger Verrenkung die 
unblutige Reposition misslungen. Die nachträglich anderwärts 
vorgenommene blutige Einrenkung mittelst künstlicher Pfannen- 
vertiefung ergab beiderseits ein stark entwickeltes Ligamentum 
teres und dieser Umstand w T urde von dem Operateur für das 
Misslingen der unblutigen Einrenkung verantwortlich gemacht. 
Vielleicht hat das hypertrophische Ligamentum teres dieses Miss- 
lingen in geringerem Maasse verschuldet, als meine damals noch 
sehr unentwickelte und timide Repositionstechnik. Ich glaube 



— 58 — 

auch nicht, dass ein noch vorhandenes Ligamentum teres die 
Chancen der Retention des Kopfes und der angestrebten Aus- 
gestaltung des Pfannenlagers wesentlich ungünstig zu beeinflussen 
vermag, dass vielmehr das Band von dem Augenblicke an, in welchem 
es nicht mehr als Suspensionsorgan der Rumpf last fungirt, all- 
mählich der Schrumpfung verfällt und in diesem Zustande später 
sogar ein Retentionsmoment abgeben kann. 

Im grossen Ganzen kann demnach das runde Band, ab- 
gesehen von seinem gewöhnlichen Fehlen jenseits des vierten Lebens- 
jahres als Repositionshindernis keine Bedeutung für sich be- 
anspruchen und auch die an sich höchst unsichere Diagnose auf 
das Fehlen oder Vorhandensein des Bandes ist in praktischer 
Beziehung glücklicherweise belanglos. 

Betrachten wir die Repositionshindernisse, welche von den 
knöchernen Gonstituentien des Hüftgelenkes geboten werden, so 
können wir dieselben, wie schon erwähnt, gegenüber den Weich- 
theilshindernissen als irrelevant bezeichnen. 

Das einzige Repositionshindernis von Seite der Gelenks- 
körper ist der hintere Pfannenrand. 

So unerwünscht und lästig alle bisher besprochenen Re- 
positionshindernisse sind, ebenso willkommen ist dieses letztere, 
denn es ist niemals unüberwindlich, wenn die vorhergehenden 
Schwierigkeiten glücklich beseitigt wurden und es verleiht der 
gelungenen Reposition Chancen des Bestandes, welche seiner 
Grösse adäquat sind. Man möchte also sagen, je grösser dieses 
Hindernis, um so sicherer der Erfolg. 

Was den Schenkelkopf betrifft, so kann derselbe ein wesent- 
liches Repositionshindernis kaum bieten; selbst seine Abplattung 
fällt diesbezüglich nicht ins Gewicht, denn dieselbe ist keine 
streng mediale, sondern eine medioposteriore. Im ersteren Falle 
würde der Kopf zu einer Scheibe umgestaltet, welche zum Ein- 
dringen in die Kapseltasche allerdings wenig geeignet wäre. Die 
medioposteriore Abplattung hingegen verleiht dem Schenkelkopf 
eine nach vorne gerichtete Zuschärfung, durch welche häufig 
der Schein einer Anteversion desselben herbeigeführt wird. Der 
nach vorne innen zugespitzte Kopfpol ist nicht nur nicht 
ein Repositionshindernis, sondern derselbe ist im Gegentheile 
zum Eindringen in die Pfannentasche dadurch nur um so ge- 
eigneter; Bedingung bleibt, dass Kopf und Hals durch Ein- 



— 59 — 

wärtsdrehung des Schenkels in die Richtung der frontal 
sich erstreckenden Pfannentasche gebracht wird. 

Bei thatsächlich vorhandener Anteversion des Schenkel- 
halses wird die Einwärtsrollung des Schenkels natürlich um so 
wichtiger. 

Von Seite des Halses werden keine Repositionshindernisse 
geboten; mag derselbe kurz oder lang, steil gestellt, flach ge- 
legt oder antevertirt sein, für den Act der Reposition ist dies 
ziemlich gleichgiltig. Ein flachgelegter Schenkelhals würde die 
Herabholung des Schenkelkopfes sogar insofern erleichtern, als 
die zurückzulegende Wegstrecke durch diesen Umstand etwas 
verkürzt wird. 

Uebrigens ist es ein grosser Irrthum, zu glauben, dass die 
Flachlegung des Schenkelhalses bei der angeborenen Hüftver- 
renkung etwa häufig vorkäme, geschweige denn die Regel sei: 
Ganz im Gegent heile ist der Befund der Flachlegung im Ganzen 
ein recht seltener und findet sich überhaupt nur bei schon etwas 
älteren Kindern. 

Hingegen trifft die Kürze des Schenkelhalses als Regel zu 
und veranlasst recht häufig den Eindruck einer etwas grösseren 
Steilstellung desselben. 

Die nicht selten vorkommende Valgität des Schenkelhalses 
muss die Aufgabe der Herabholung des Schenkelkopfes natürlich 
etwas erschweren. 

So irrelevant im grossen Ganzen die von Seite der knöchernen 
Gelenkskörper verursachten Repositionshindernisse sind, umso 
grössere Schwierigkeiten bieten dieselben der Retention d. h. der 
Erhaltung ihrer durch die Reposition erreichten Lagebeziehung. 

X. Einrenkungsphänomene und Diagnose der Reposition. 

Die einzige wenigstens einigermassen zutreffende Analogie 
zwischen der traumatischen und congenitalen Verrenkung be- 
zieht sich auf eine gewisse Aehnlichkeit der physikalischen 
Symptome, von welchen die Einrenkung begleitet ist. 

Allerdings darf man nicht erwarten, dass dieselben im 
Falle der congenitalen Luxation immer und allemal von jener 
Prägnanz sind, welche jedermann von der traumatischen Luxation 
her kennt; sie sind vielmehr eine Miniaturausgabe der letzteren. 



- 60 — 

Trotzdem haben die Einrenkungserscheinungen der con- 
genitalen Luxation mit jenen bei der traumatischen Verrenkung 
das Gemeinsame, dass sie ebenso unverkennbar und präcise 
sind wie die letzteren und deshalb der Aufmerksamkeit selbst 
des Achtlosesten ganz unmöglich entgehen können. 

Wenn man bei vorhandener Luxation des Hüftgelenkes 
verschiedene passive Bewegungen, namentlich Rollungen des 
Schenkels vornimmt, so können, besonders wenn diese Be- 
wegungen mit einer gewissen Energie bis an die physiologische 
Grenze fortgeführt werden, verschiedene accidentelle Geräusche 
entstehen, welche ihren Ursprung momentanen Anspannungen 
des schlaffen Kapselschlauches bei forcirten Bewegungen des 
Schenkelkopfes verdanken. Man wird sich hüten müssen, der- 
artige höchst variable Geräusche etwa für Einrenkungs- 
erscheinungen zu halten. 

Hoffa hat aus dem Fehlen oder Vorhandensein solcher 
Geräusche (sehr unverlässliche) Schlüsse auf das Vorhandensein 
oder Fehlen des Ligamentum teres ziehen wollen. Nach meiner 
Erfahrung kann man namentlich durch forcirte Rollung fast 
immer ziemlich deutliche Geräusche erzeugen, welche dem Ton 
einer angerissenen Saite gleichen und auch in ziemlich analoger Weise 
entstehen. Diese variablen Geräusche haben einen ganz anderen 
Charakter als das Einrenkungsgeräusch und sind nur höchst 
selten von einer minimalen Erschütterung begleitet. 

Uebrigens ist das classische, gleichmässig sonore und con- 
stante Einrenkungsgeräusch vor einer Verwechslung mit den 
accidentellen Geräuschen schon durch den Umstand geschützt, 
dass es erst bei Bewegungen jenseits der physiologischen 
Grenzen, also erst nach Ausschaltung der physiologischen Be- 
wegungshemmungen producirt werden kann. 

Meine ersten Versuche der Einrenkung geschahen bei den 
operativen Repositionen und wurzelten zunächst in meinen Be- 
strebungen, die Grösse des Eingriffes wenn möglich zu ver- 
mindern. Nach Blosslegung der Gelenkskapsel habe ich bei 
jüngeren Kindern häufig den Versuch gemacht, ob es nicht mög- 
lich wäre, den Schenkelkopf ohne Gelenkseröffnung einzurenken. 
Einigemale gelang es mir, durch starke Abduction des Beines 
den Gelenkskopf unter deutlichem Geräusche und deutlicher Er- 
schütterung über den hinteren Pfannenrand zu treiben. Der Halt, 



— 61 — 

welchen derselbe hiermit gefunden hatte, schien mir immer viel 
zu gering, als dass ich es gewagt hätte, mich mit dieser 
Einrenkung zu begnügen. Es schien mir damals jedesmal noth- 
wendig, das Gelenk zu öffnen und die Pfanne künstlich zu ver- 
tiefen. 

Bei älteren Kindern habe ich damals an die Möglichkeit 
einer Einrenkung ohne Kapseleröffnung gar nicht gedacht. 

Auch nach vollzogener Kapselspaltung blieb mein Augen- 
merk während der operativen Repositionen immer auf die Grösse 
des bestehenden Missverhältnisses zwischen Fassungsraum der 
Pfanne und Schenkelkopf gerichtet; ich habe immer wieder ver- 
sucht, den Schenkelkopf in die intacte Gelenkspfanne einzurenken, 
wenn mir diese genügend gut erhalten schien, und wiederholt ist es 
mir durch starke Abduction des Schenkels gelungen, den Kopf über 
den hinteren Pfannenrand einzutreiben. Dabei entstand jedes- 
mal ein höchst deutliches, klackendes, von einer Erschütterung 
begleitetes Geräusch; ein Aspirationsphänomen wurde nicht be- 
obachtet, was bei der geringen Ausdehnung, Incongruenz und mehr 
weniger planen Beschaffenheit der zur Berührung gelangenden 
Gelenkskörper nicht zu verwundern ist. 

Der Halt, welchen der Schenkelkopf in der intacten Pfanne 
fand, schien mir damals immer absolut ungenügend und ich 
habe es deshalb niemals unterlassen, die Pfanne durch Aus- 
hebung einiger Knorpelhohlschalen aus dem pfannenseitigen Ab- 
hang des hinteren, knorpeligen Pfannenwalles zu erweitern und 
zu vertiefen. 

Jedenfalls war durch diese Operationserfahrung festgestellt, 
dass sowohl mit als ohne Kapselspaltung der Gelenkskopf durch 
starke Abduction unter deutlichen physikalischen Erscheinungen 
über den hinteren Pfannenrand in die rudimentäre Pfanne ein- 
getrieben werden konnte; in dem einen, wie in dem anderen 
Falle konnte man die Bewegungen des Schenkelkopfes mit den 
Fingern oder mit dem Auge direct verfolgen. 

Es war durch diese Erfahrungen zweifellos geworden, dass 
eine solche Einrenkung selbst schon bei noch jungen Kindern 
recht schwierig sei und jedenfalls Bewegungsmanöver erfordere, 
welche schon jenseits der physiologischen Excursionsgrenzen 
des Gelenkes gelegen sind. An ältere Kinder war unter solchen 
Umständen vorläufig gar nicht zu denken. 



— 62 — 

Zu meinen ersten Versuchen, die Einrenkung auf völlig 
unblutigem Wege, also ohne vorherige Blosslegung der Gelenks- 
kapsel zu erzielen, wählte ich deshalb nur die jüngsten Kinder. 

Als es mir nun thatsächlich, wenn auch recht schwierig 
und mit zaghaft unsicherer Technik zum erstenmale gelungen 
war, den Schenkelkopf nach vorheriger Herabholung desselben 
in das Pfannenniveau mittelst forcirter Abduction über den 
hinteren Pfannenrand zu treiben und als ich dabei die mir von 
früher her so genau bekannten Einrenkungsphänomene mit einer 
jeden Zweifel ausschliessenden Sicherheit fühlen und hören 
konnte, stand ich unter dem Eindrucke einer mir ge- 
wordenen Offenbarung. 

Mit jeder neuen unter gleich classischen Phänomenen ge- 
lungenen Einrenkung wuchs meine Sicherheit. Da ich damals 
die unblutige Einrenkung bei älteren Kindern für vollständig 
unmöglich hielt und nur jüngere Kinder zu meinen Versuchen 
wählte, hatte ich unter den ersten 30 Fällen nicht einen ein- 
zigen Misserfolg gehabt. 

In meiner damaligen Mittheilung habe ich mit absoluter 
Sicherheit nur das eine behauptet, dass innerhalb gewisser ziem- 
lich enger Altersgrenzen die Eintreibung des Schenkelkopfes in 
die Pfannentasche über den hinteren Pfannenrand auf unblutigem 
Wege möglich ist; dass damit zwar die schwierigste Arbeit ge- 
than, aber der Sieg deshalb noch lange nicht gewonnen sei, da 
die ausserordentlich labile Einrenkung nur bei mehr weniger 
hochgradiger Abduction einigen Bestand habe und dass die 
weitere Hauptaufgabe in der Stabilisirung der Einrenkung auch 
für eine indifferente Streckstellung des Beines bestehe. 

Niemals und nirgends hatte ich also behauptet, 
oder auch nur daran gedacht zu behaupten, die congeni- 
tale Luxation in dem Sinne einer traumatischen Verrenkung zu 
reponiren. 

Wohl aber habe ich mit voller Absicht und gutem 
Grunde die physikalischen Phänomene, welche mit dem Ueber- 
springen des hinteren Pfannenrandes durch den Schenkelkopf 
veranlasst werden, in einer Weise beschrieben, welche mit der 
üblichen Trockenheit einer wissenschaftlichen Abhandlung 
vielleicht schlecht harmonirte. wohl aber geeignet war. die Auf- 
merksamkeit des Lesers auf sich zu ziehen. 



•— 63 — 

Diese Absicht habe ich voll erreicht und tröste mich des- 
halb leicht über den Spott, zu welchem meine gewagten Gleich- 
nisse reizen mochten. Uebrigens wurde denselben trotzdem die 
Ehre zutheil, sowohl in die französische als in die englische 
Sprache wörtlich übertragen zu werden. 

Heute ist es völlig überflüssig geworden, zu so drastischen 
Darstellungsmitteln die Zuflucht zu nehmen, denn das akustische 
und palpatorische Einrenkungsphänomen ist mittlerweile so vielen 
Operateuren bekannt und gewissermassen zum geistigen Eigen- 
thum geworden ; dass ich mich heute mit einer einfachen Be- 
schreibung der Erscheinungen begnügen kann. 

Ich hatte vorausgesehen, was man mir entgegnen würde 
und der Spott Kirmisson's hat mich nicht überrascht. 

„Valait-il bien la peine d'entonner ainsi la trompette pour 
celebrer un fait bien simple, le passage de la tete femorale par- 
dessus l'arrete vive que forme le rebord posterieur de la cavite 
cotyloide? Non, mille fois non. Et c'est le cas de repeter 
une fois de plus: Voilä bien du bruit pour rien! 

Ich bedauere ausserordentlich, dass Herr Kirmisson sich 
derartig abfällig über einen wirklichen Fortschritt der ortho- 
pädischen Kunst geäussert hat. Die Zukunft wird über sein 
Urtheil richten, und ich fürchte sehr, er hat sich selbst damit 
mehr geschadet als der guten Sache. 

Und womit begründet Herr Kirmisson sein „tant de bruit 
pour une omelette"? Weil er die Passage des Schenkelkopfes 
über den hinteren Pfannenrand, diesen plötzlichen Sprung des 
Schenkelkopfes, begleitet von starker Knochenreibung (gros 
frottement osseux) schon oft gehört und mit allen seinen 
Assistenten gefühlt hat — wenn der Schenkelkopf bei der 
blutigen Reposition in den künstlich vertieften Pfannenboden 
eingelassen wurde. 

Ich brauche nicht zu versichern, dass mich ein so alltäg- 
liches Ereignis, wie die physikalischen Phänomene bei der 
blutigen Reposition des Schenkelkopfes in die künstlich ver- 
tiefte Pfanne zu keiner exaltirten Beschreibung hätten verleiten 
können. Darum hat es sich ja überhaupt nicht ge- 
handelt. Meine Beschreibung bezog sich doch evidenterweise 
nur auf die unblutige Reposition bei vollkommen intactem 
Gelenke. 



— 64 — 

Aber auch bei den Versuchen mit der Paci'schen Methode, 
mit welcher er übrigens ebenso wenig als ich selbst Erfolge er- 
zielt hatte, will Kirmisson dieselben Phänomene beobachtet 
haben. Ich komme darauf später noch zurück. Hier genüge die 
Bemerkung, dass die von mir gemeinten Phänomene der un- 
blutigen Reposition über den hinteren Pfannenrand überhaupt 
nur durch Gelenksexcursionen, welche die physiologische Be- 
wegungsgrenze weit überschreiten und der Paci'schen Me- 
thode vollkommen fremd sind, erzeugt werden können. 

Es entstehen bei Gircumduction des luxirten Schenkels 
mancherlei Geräusche und vielleicht hin und wieder auch leichte 
Erschütterungen, aber es gibt bei der unblutigen Reposition nur 
ein Einrenkungsgeräusch und es gibt nur eine Einrenkungs- 
erschütterung, und wem immer das Glück zutheil geworden wäre, 
dieses eine Geräusch zuerst zu hören und diese eine Er- 
schütterung zuerst zu fühlen und ihre Bedeutung für 
den unblutigen Heilplan zu erfassen, dem wären bei der 
Beschreibung dieser Erscheinungen und der gleichzeitigen, blitz- 
artigen Umwandlung des ganzen Symptomencomplexes der De- 
formität wahrscheinlich ebenso wie mir exaltirte Worte in die 
Feder geflossen. 

Solche Erscheinungen können weder dem Gehör, noch dem 
Gefühl, noch dem Gesicht entgehen, ausser man wäre mit Taub- 
heit, Fühllosigkeit und Blindheit geschlagen. 

Wer diese Symptome erlebt hat, musste sie aber nicht nur 
hören, sehen und fühlen, sondern musste von ihnen wie von 
einem unerwarteten Naturereignisse überrascht und gleichzeitig 
erschreckt sein; ich möchte den Mann kennen, der ein solches 
erstmaliges Erlebnis als eine banale Selbstverständlichkeit be- 
trachtet hätte und mit Schweigen darüber hinweggegangen wäre. 
Heute ist es durch seine Alltäglichkeit allerdings banal ge- 
worden. 

Ebenso wenig hätte es einen Operateur geben können, 
der sich nicht sofort über die fundamentale Bedeutung der ge- 
lungenen unblutigen Einrenkung hätte klar sein müssen. 

Der Contact der Gelenkskörper, gleichgiltig, ob innig oder 
oberflächlich, musste sich ja doch ganz von selbst jedem Un- 
befangenen als die erste Etappe auf dem schwierigen Wege 
zum Ziele aufdrängen. Es galt dann nur noch den Gelenkskopf 



- Co — 

irgendwie an Ort und Stelle zu halten und für das weitere den 
lieben Gott sorgen zu lassen. 

Die erste gelungene Reposition hat mich thatsächlich über- 
rascht und zugleich erschreckt. Eine unerwartet erfolgende Re- 
position erschreckt mich auch heute noch ein wenig, da man 
im Augenblicke niemals wissen kann, ob nicht statt der Reposi- 
tion irgend ein complicirendes Ereignis eintrat. 

Weitaus in der Regel überrascht die Reposition den Operateur 
nicht mehr, sondern derselbe weiss jeden Augenblick genau, 
wie weit die Sache gediehen ist und welche Schwierigkeiten 
noch zu überwinden sind; wenn der Schenkelkopf den hinteren 
Wall des Pfannenrandes erklommen hat und sich dem Grate 
desselben nähert, so kann der Moment der Reposition fast auf 
die Secunde erwartet werden. 

Der Schenkelkopf gleitet über eine Stufe und fällt jenseits 
derselben in eine grössere oder geringere Vertiefung, geradeso 
wie ein Schlitten, der auf glatter Eahn langsam vorwärts ge- 
schoben wird und nach schwieriger Ueberwindung einer kleinen 
Terrainwelle von der Höhe derselben unter der Wucht seiner 
Schwere über den jenseitigen Abhang der Rodenwelle abgleitet 
und am Fusse derselben durch ein Hindernis, z. B. eine kleine 
Grube, mit plötzlichem Puick zum Stillstande gebracht wird. 

Da die Bewegung des glatt überknorpelten Gelenkskopfes 
auf dem glatten und durch Synovialflüssigkeit schlüpfrigen Boden 
der Kapsel über den glatten, knorpeligen Pfannenrand auf den 
glatten, knorpeligen Pfannengrund stattfindet, so begreift sich, 
dass das Geräusch, welches durch diese Bewegung erzeugt wird, 
niemals ein „gros frottement osseux" sein kann, wie unter Um- 
ständen bei der blutigen Reposition. Ganz im Gegentheile handelt 
es sich bei der unblutigen Einrenkung durchaus nicht um ein 
Reiben, sondern um ein plötzliches, glattes, ich möchte sagen 
selbstthätiges, gewissermassen ohne das Zuthun des Operateurs 
sich von selbst auslösendes momentanes Gleiten des Schenkel- 
kopfes, das, kaum entstanden, mit einem ebenso plötzlichen 
Rucke auch schon wieder zu Ende ist. Dieses ruckhafte 
Ende der Bewegung ist die Einrenkungserschütterung. 
Nicht selten ist dieselbe so kräftig, dass sie wie ein elektrischer 
Schlag von allen mit dem Körper des Patienten irgendwie in 
Verbindung stehenden Händen auf das deutlichste empfunden 

Lorenz, Iliiftverrenkung'. ^ 



— 66 — 

wird und bis zu einem gewissen Maasse sich dem ganzen 
Rumpfe des Patienten mittheilt, so dass sie dem Auge deutlich 
sichtbar wird. 

Häufiger ist sie allerdings schwach, aber doch niemals so 
undeutlich, dass nicht wenigstens der Operateur sie fühlen oder 
der aufgelegten Hand eines Anderen fühlbar machen könnte. 
Auch der leiseste Ruck kann ebenso wenig täuschen wie das 
klatschende Einschnappen des Schenkelkopfes in die Pfanne bei 
der Einrenkung einer traumatischen Luxation. 

Auch der den Ruck begleitende Schall — das Repositions- 
geräusch — ist von ausserordentlich variabler Intensität. 

Bald ist es ein Klacken, das auf ziemliche Distanz hörbar 
ist, bald ist es ein leiser, kaum percipirbarer Anschlag, wie 
wenn zwei elastische Körper aufeinander stossen. 

Das Repositionsgeräusch hat immer eine gewisse Sonorität. 
da die lufthaltigen Rumpfhöhlen als R.esonanzkasten fungiren. 

Von anderen zufälligen und variablen Geräuschen unter- 
scheidet es sich ausserdem durch die absolute Constanz, mit 
welcher es bei wiederholten Einrenkungen jedesmal in demselben 
Augenblicke entsteht. 

Während die Erschütterung, mag sie noch so gering sein, 
niemals fehlt, wird das Geräusch hin und wieder vermisst, 
kann aber dann oft noch künstlich producirt werden. 

Die Intensität beider Symptome hängt nämlich sowohl von den 
anatomischen Verhältnissen, als auch von der Art der Ausführung 
der Reposition und von dem Spannungsgrade derWeichtheile ab. 

Ist der Pfannenrand flach, seine Kante abgerundet und die 
Pfanne besonders seicht, erfolgt das Passiren des Schenkelkopfes 
über denselben mit einer gewissen Langsamkeit und sind die 
Weichtheile erschlafft, so wird sowohl der Ruck als der 
Schall, namentlich der letztere, entsprechend abgeschwächt sein 
müssen. 

Hieraus folgt, dass man die Phänomene verstärken kann, 
falls sie an sich sehr schwach und undeutlich sein sollten. 

Lässt man nämlich bei öfterer Wiederholung der Ein- 
renkung, namentlich nach gehöriger Ausweitung der Vorder- 
kapsel den Schenkelkopf durch künstlichen Antrieb des 
Trochanters mit einer gewissen Energie und Beschleunigung den 
hinteren Pfannenrand überspringen, so wird der Ruck viel stärker 



— 67 — 

und ist jetzt vielleicht von einem deutlichen Klack begleitet, der 
vorher nicht wahrnehmbar war. 

Wenn im Verlaufe der Manipulationen die Narkose sich 
zufällig verflacht und die Muskelaction erwacht, so beobachtet 
man sehr häufig die gleiche Erscheinung. Ruck und Schall sind 
jetzt viel deutlicher geworden. 

Ja, es kommt nicht selten vor, class die Reposition, welche 
gerade vorher noch sehr leicht und ohne besonders eclatante 
Phänomene gelungen war, nach zufällig erwachter Muskelaction 
nunmehr schwierig oder vorübergehend überhaupt insolange nicht 
mehr gelingt, als der Muskelwiderstand durch Vertiefung der 
Narkose nicht ausgeschaltet wurde. 

Die Stärke der Repositionsphänomene hängt auch davon 
ab, ob über den oberen oder den hinteren Pfannenrand ein- 
gerenkt wird. 

Die geringere Entwicklung des oberen Pfannenrandes und 
das langsame Passiren des Schenkelkopfes über die niedrige 
Stufe lassen das nicht seltene Fehlen namentlich akustischer 
Symptome erklärlich erscheinen. 

Noch weniger konnte die langwierige Extensionsmethode 
Pravaz' Repositionssymptome produciren, die auch nur entferntest 
an die Reposition traumatischer Luxationen hätten erinnern 
können. Was aber Pravaz beschreibt, ist unverkennbar das leichte 
Erschütterungsphänomen, welches bei der Reposition über den 
oberen Pfannenrand in dem Momente entsteht, in welchem 
während der Extension des Beines die medialwärts gegen den 
Trochanter drückende Hand des Operateurs den Knochenvor- 
sprung des letzteren plötzlich in die Tiefe versinken fühlt. 

Es ist also nicht nothwendig, dass jedesmal und unter allen 
Umständen bei der Reposition ein Geräusch entsteht, obwohl die 
Fälle, in denen sich dasselbe nicht doch noch produciren lässt, 
als höchst seltene Ausnahmen gelten müssen: aber die Er- 
schütterung, ob stark oder gering, wird niemals fehlen und meist 
auch gesehen werden können. 

Indessen ist die gelungene Reposition auch mit klinischen 
Erscheinungen verknüpft, welche für sich allein schon den Be- 
weis der stattgefundenen Einrenkung erbringen könnten. 

Wenn man während der Repositionsmanöver den Schenkel- 
kopf durch schlappe Weichtheile hindurch zwischen die Finger 



— 6$ — 

fast und genau verfolgt, so verschwindet derselbe in dem 
Momente der Reposition von der hinteren Beckenfläche, um in 
demselben Augenblicke an der vorderen Beckenfläche in der 
Leistenmitte, genau entsprechend dem Pfannenorte wieder auf- 
zutauchen. Fasst man den Trochanter und die leichte Prominenz 
des Schenkelkopfes in der Leiste zwischen die Finger und führt 
mit dem Schenkel Rotationen aus, so fühlt man den Gelenks- 
kopf knapp nach aussen von den Gefässen mitrollen. Die Grenze 
zwischen der hinteren und vorderen Beckenwand ist nun nichts 
anderes als der Knochengrat der hinteren Pfannenkante. Im 
Momente der Reposition passirt eben der Schenkelkopf jene 
scharfe Ecke, welche den Markstein gegen die hintere Luxation 
darstellt. 

Von dem Augenblicke angefangen, in welchem der Gelenks- 
kopf die Grenzkante zwischen vorderer und hinterer Beckenfläche 
überschritten hat, ist die ganze Situation des Beines eine derart 
veränderte, dass die Diagnose der stattgefundenen Reposition mit 
einem Blicke gestellt werden kann. Der Oberschenkel ist nämlich 
nunmehr ein ganzes Stück länger geworden. Diese Verlängerung 
ist so bedeutend, dass sie für das blosse Augenmaass unzweifel- 
haft ist; sie kommt fast der Gesammtverkürzung des luxirten 
Beines gleich. 

Namentlich bei doppelseitiger Verrenkung ist der Vergleich 
zwischen dem zuerst eingerenkten Schenkel und dem anderen in 
dieser Beziehung geradezu frappant. 

Die vorher tief eindrückbare, weil leere Leistenfurche ist 
im Momente der Einrenkung voll und unnachgiebig geworden. 

Der an der vorderen Beckenfläche emportauchende Schenkel- 
kopf hat die Leiste ausgefüllt, ihre Tiefe applanirt, ja in eine 
leichte Convexität umgestaltet. Unter dieser flachen Gonvexität 
ist die umschriebene Prominenz des Schenkelkopfes etwas weniges 
nach aussen von der Leistenmitte nachweisbar. Aus der Grösse 
dieser Prominenz lässt sich ein Schluss auf die geringere oder 
grössere Gapacität der rudimentären Pfanne ziehen. 

Ein höchst charakteristisches Symptom der gelungenen 
Reposition besteht darin, dass der kurz vorher noch nach allen 
Richtungen über die physiologischen Grenzen hinaus be- 
wegliche Schenkel von dem Momente des Ruckes angefangen 
in jener finalen Abductionsstellung. durch welche die Einrenkung 



— 69 — 

soeben gelungen war, mehr weniger rigide fixirt erscheint und 
sein Eigengewicht ohne Unterstützung frei tragend in die 
Luft ragt. 

Aus dem Schlottergelenk ist also mit einem Schlage ein 
mehr weniger rigides Gelenk geworden. 

Mit einer gewissen Gewalt kann die Rigidität allerdings 
überwunden werden, ganz geringen Krafteinwirkungen gegen- 
über bietet jedoch der in mehr weniger hochgradiger Abduction 
und geringer Beugung sich frei tragende Schenkel einen gewissen 
federnden Widerstand, ähnlich demjenigen, welchen die Gelenke 
bei der angeborenen spastischen Paralyse zeigen. 

. Das Federn des eingerenkten Schenkels wird durch passive 
Anspannung fast der gesammten Gelenksmuskulatur bedingt, 
welche in dem Augenblicke, in welchem der Gelenkskopf die 
Kante des Pfannenrandes passirt hat, zu einer permanenten wird. 

Aus der passiven Anspannung der Weichtheile, besonders 
der Muskulatur an der Beugeseite des eingerenkten Gelenkes 
erklärt sich die entschiedene Tendenz zur Beugestellung des- 
selben. Durch Streckung wird diese Spannung vermehrt. 

Die hinteren Längsmuskeln verrathen ihre passive An- 
spannung durch federnde Beugestellung des Kniegelenkes, welche 
der Streckung öfter recht ansehnliche Hindernisse bietet. 

Die federnde Streckhemmung des Kniegelenkes ist demnach 
ein nicht weniger charakteristisches Zeichen der bestehenden 
Reposition. 

Auch die versuchte Gorrectur der vorhandenen Abductions- 
stellung des eingerenkten Gelenkes findet in den hierdurch zur 
Anspannung gelangenden pelvitrochanteren Muskeln einen federn- 
den Widerstand. 

Schliesslich bildet die in Scene gesetzte Reluxation einen 
nicht minder verlässlichen Beweis für die gelungene Reposition. 
Die Reluxationsphänomene sind deshalb von ausserordentlicher 
diagnostischer Wichtigkeit. 

Versucht man den federnden Widerstand des in starker 
Abduction und geringer Beugung sich freitragenden Schenkels 
zu überwinden, indem man den Unterschenkel, ohne denselben 
irgendwie zu fixiren, ganz leicht zwischen Daumen und Zeige- 
finger fasst, und die Abduction des Schenkels etwas vermindert, 
so sieht man. wie derselbe unter einem deutlich fühlbaren und 



— 70 — 

nicht minder deutlich sichtbaren Ruck aus seiner freitragenden 
Stellung plötzlich herausfällt und wie vorhin schlottrig baumelt. 

Ein Geräusch wird man bei der Reluxation in der Regel 
vermissen; wenn vorhanden, ist es jedenfalls ungleich schwächer 
als der Repositionsklack. 

Mit der freitragenden Haltung des Oberschenkels ist die 
passive Muskelspannung mit einem Schlage verschwunden, das 
Knie streckt sich von selbst, die Leiste ist wieder leer und 
tief eindrückbar geworden und der Schenkelkopf lässt sich 
an der hinteren Fläche des Darmbeines zwischen die Finger 
fassen. 

Reponirt man abermals, was ausserordentlich leicht gelingt, 
nachdem die Einrenkung einmal zu Stnnde gebracht war, so re- 
producirt man in dem Momente der Passage des Gelenkskopfes 
über den hinteren Pfannenrand genau dieselben physikalischen 
Phänomene wie bei der ersten Einrenkung und das ganze Bild 
ist mit einem Schlage wieder verändert. 

Ganz besonders instructiv sind die Reluxationserscheinungen, 
wenn sie nach vollzogener Einrenkung einer doppelseitigen Lu- 
xation an beiden Gelenken gleichzeitig producirt werden. Fasst 
man in der obigen Weise beide Fussspitzen und übt einen leichten 
Zug an denselben nach abwärts aus, so vermindert man damit 
die federnde Abduction beider sich frei tragender Schenkel und 
beobachtet dann, namentlich wenn beide Gelenke zu gleicher 
Zeit reluxiren, eine dem ganzen Körper des Kindes sich mit- 
theilende Erschütterung, während im selben Augenblicke 
beide Beine unter spontaner Innenrollung plötzlich wieder 
schlotterig werden. Reluxiren beide Schenkelköpfe nicht im selben 
Momente, so entstehen zwei aufeinanderfolgende Erschütterungen. 
Fasst man dann beide Unterschenkel knapp unterhalb der Knie- 
gelenke kräftig mit je einer Hand und renkt abermals ein, was 
bei öfterer Wiederholung immer leichter gelingt, so kann man 
unter Umständen die Einrenkungsphänomene durch ihre Dupli- 
cität besonders markant zur Erscheinung bringen. 

Man sieht also, dass ausser dem Repositionsgeräusch noch 
eine ganze Reihe von Symptomen für die gelungene Einrenkung 
Zeugnis ablegen, und dass es eigentlich nur eines Blickes auf 
die eingerenkte Extremität bedarf, um den Thatbestand der 
gelungenen Reposition festzustellen. 



— 71 — 

Diese Symptome sind so klar, dass derjenige, 
welcher an der gelungenen Einrenkung auch nur einen 
Moment zweifelt, schon aus diesem Grunde annehmen 
darf, dass sie ihm misslungen ist. 

Ich halte es deshalb praktisch für vollkommen überflüssig, 
sich über die Reposition sofort auf actinographischem Wege zu 
vergewissern. 

Wenn alle weiteren Aufgaben immer so gut und sicher 
gelängen wie die Verlagerung des dislocirten Schenkelkopfes auf 
die rudimentäre Pfanne, so wäre die Frage der Therapie bis 
in die Details gelöst. 

Die Hauptschwierigkeit besteht vielmehr darin, den Ge- 
lenkskopf auch in seiner Repositionsstellung zu erhalten und die 
im weiteren Verlaufe der Retentionsbehandlung nicht selten 
erfolgenden Verschiebungen desselben zu verhüten. 

XI. Prognose der Einrenkung auf klinischer und actino- 
graphischer Basis. 

Offenbar wird die Prognose der Einrenkung um so günstiger 
gestellt werden können, je weniger weit die anatomischen Ver- 
änderungen der Gelenksconstituentien vorgeschritten sind, je besser 
also der Schenkelkopf und die Pfannenhöhlung erhalten blieb, je 
weiter und dehnsamer der Kapselschlauch und je geringer und 
nachgiebiger die Verkürzung ist. 

Die klinische Untersuchung erlaubt eine ziemlich genaue 
Messung der vorhandenen Dislocation und bei einiger Uebung 
ist man auch bald im Stande, das obere Femurende auf 
dem Wege der Palpation ziemlich gut zu beurtheilen, sich 
über die Länge und Richtung des Schenkelhalses, über die Form 
des Schenkelkopfes, über seine Vorderkante und obere Spitze 
(ein Product seiner medioposterioren Abplattung) zu orientiren. 

Man erkennt leicht, ob der Schenkelhals eine medial ge- 
gerichtete Erstreckung zeigt oder ob pathologische Anteversion 
vorhanden, ob er verkürzt oder von genügender Länge ist. 

Mit Beziehung auf diesen letzteren prognostisch ausser- 
ordentlich wichtigen Umstand muss ganz besonders darauf hin- 
gewiesen werden, dass schon der blosse Anblick des Patienten 
von vorne her einen Schluss auf die Länge des Schenkelhalses, 



respective auf die gesammte mediale Ausladung des oberen 
Femurendes erlaubt. 

Stellt man das Kind vor sich hin und richtet man die krank- 
seitige Fussspitze direct nach vorne oder gar ein Minimum 
nach einwärts, um den Schenkelhals möglichst in die Frontal- 
ebene zu bringen, so bedeutet ein laterahvärts mächtig vor- 
springender Trochanter (wie man dies bei einseitigen Luxa- 
tionen glücklicherweise gar nicht selten findet) eine genügende 
mediale Ausladung des oberen Femurendes, also auch einen 
genügend langen Schenkelhals. 

Diese das obere Fcmurende betreffenden Gon- 
statirungen sind vielleicht von noch grösserer Wichtig- 
keit als die Erhebungen über die Pfanne selbst. 

Ist das obere Femurende günstig entwickelt, so weiss man 
sich vorerst im glücklichen Besitze eines guten Hammers, und sollte 
sich auch der Amboss als schlecht erweisen, der Hammer bleibt 
immer das wichtigere Werkzeug. 

Auch über dieDehnsamkeit der vorhandenen Verkürzung gibt 
die klinische Untersuchung ziemlich guten Aufschluss. Man muss 
nur. namentlich bei kleineren Kindern, den Kunstgriff gebrauchen, 
die Aufmerksamkeit der Patienten abzulenken und die prüfende 
Traction ganz langsam und ohne Schmerz zu verursachen vor- 
nehmen, um keine activen Muskelwiderstände wachzurufen. 

lieber die näheren Kapselverhältnisse, namentlich über die 
Weite und Dehnsamkeit des Kapselschlauches gibt die klinische 
Untersuchung allerdings keine stricte Auskunft. Immerhin wird 
man aus einer grösseren Beweglichkeit des Schenkelkopfes bei 
extremen Schenkelexcursionen auf einen weiten und dehnsamen 
Kapselschlauch schliessen dürfen. Voraussetzung bleibt immer, dass 
der betreffende Patient noch innerhalb der durch Erfahrung fest- 
gestellten Altersgrenze steht. 

Was die Pfanne anbelangt, so lässt die klinische Unter- 
suchung zunächst im Stiche. Erst gelegentlich der Einrenkung ver- 
mag dieselbe sehr massgebende Anhaltspunkte für die Beurtheilung 
der Pfannenverhältnisse zu liefern. Mit dieser Frage werden wir 
uns bei der Untersuchung der primären Stabilität der Einrenkung 
noch näher zu befassen haben. 

Im Ganzen können wir also aus der klinischen Untersuchung 
allein eine ziemlich gute prognostische Orientirung bezüglich der 



— 73 — 

Möglichkeit der Reposition gewinnen. Hat das Kind die Alters- 
grenze noch nicht überschritten und zeigt das obere Femurende 
eine halbwegs günstige Bildung, so wird man mit ziemlicher 
Sicherheit auf das Gelingen der Einrenkung schliessen dürfen, 
denn die Weichtheilshindernisse sind bei solchen Kindern in der 
Regel nicht allzu schwierig zu überwinden. 

Man hat sich der Hoffnung hingegeben, class die actino- 
graphische Aufnahme des luxirten Gelenkes absolut verlässliche 
Anhaltspunkte für die Prognose nicht nur der Einrenkung, sondern 
der ganzen Behandlung liefern werde. 

Ich bemerke vorweg, dass diese Hoffnungen gründlich ge- 
täuscht worden sind. 

Ueber die Nachgiebigkeit der Verkürzung, über die Weite 
und Dehnsamkeit des Kapselschlauches gibt das Röntgenbild 
natürlich nicht den allergeringsten Aufschluss. Die wesentlichsten 
Hindernisse der Einrenkung, nämlich der Engpass der Kapsel, so- 
wie die vordere fibröse Wand der Pfannentasche kommen auf 
dem Röntgenbild gar nicht zum Ausdruck. 

Man hätte sich aber von vornherein auch sagen müssen, 
dass aus dem trügerischen Schattenbilde des Knochenkörpers 
nur ein vorsichtiger Schluss auf die Form desselben erlaubt sein 
könne. Je nach der Einstellung z. B. des oberen Femurendes 
müssten die verschiedensten Gontouren resultiren und selbst aus 
einer ganzen Serie solcher Gontouren könnte man sich nur müh- 
sam und unsicher die plastische Gestalt desselben reconstruiren. 
Ein einziger Handgriff gibt in dieser Beziehung besseren 
Aufschluss als eine Reihe von Röntgenbildern. 

Es kommt aber noch ein anderer, weit wichtigerer Um- 
stand in Betracht. Das Röntgenbild liefert den Schatten des 
Gelenkskörpers nur insoweit derselbe vollständig verknöchert ist. 
Der hyaline Knorpelüberzug, welcher den äusseren Contour 
des Gelenkskörpers bestimmt, ist vollkommen diaphan und wirft 
kaum den leisesten Schatten. 

So weit es sich um den Schenkelkopf handelt, ist dieser 
Umstand allerdings nicht von wesentlicher Bedeutung, da man 
sich das Schattenbild des Knochens durch eine gleichmässig 
dicke Knorpelauflage einfach ergänzt zu denken braucht. 

Ist aber die Verknöcherung des Schenkelkopfes noch un- 
vollkommen, wie dies für ganz kleine Kinder zutrifft, so kann es 



— 74 — 

vorkommen, dass das Röntgenbild von dem Kopfe überhaupt kaum 
Andeutungen bringt. 

Ungleich schwerer fällt die Diaphanität des hyalinen Knorpels 
für die Beurtheilung des Fassungsraumes der rudimentären Pfanne 
bei der congenitalen Luxation ins Gewicht. Hier bildet bekannt- 
lich der Gelenksknorpel keineswegs einen gleichmässigen Ueber- 
zug der knöchernen Pfannengrundlage wie am normalen Hüft- 
gelenke, sondern derselbe erfüllt die Knochenschale der Pfanne 
wie eine flüssige und nachträglich erstarrte Masse und aplanirt 
die vorhandene Vertiefung. 

Ueber die ganze Formation des Pfannenknorpels gibt das 
Röntgenbild nicht den geringsten Aufschluss. 

Es kommt daher vor, dass das Schattenbild eine gut ge- 
bildete Pfanne vermuthen lässt, während die Einrenkung nach- 
träglich einen vollständig planen Pfannenboden ohne jeden 
Fassungsraum feststellt. 

Die Einrenkung mittelst Ai throtomie vermag diese Täuschung 
durch das Schattenbild noch sinnenfälliger aufzudecken. 

Man wird daher nach dem Röntgenbilde eine mehr oder 
minder günstige Ausbildung der knöchernen Pfannengrundlage 
annehmen dürfen, wird sich aber hüten müssen, aus diesem Um- 
stände auch auf den Fassungsraum, auf welchen es vor allem 
anderen ankommt, einen sicheren Schluss zu ziehen. 

Immerhin wird man es als ein günstiges Moment in Rechnung 
ziehen dürfen, wenn das Schattenbild eine tiefe knöcherne Pfannen- 
mulde zur Anschauung bringt ; das Fehlen einer solchen berechtigt 
andererseits nicht zu einer absolut ungünstigen Vorhersage. 

Wie sehr die actinographische Prognose täuschen kann, 
zeigt beispielsweise der seiner principiellen Bedeutung halber im 
Gapitel XIII, p. 93, ausführlich wiedergegebene Fall. 

Einen anderen, ebenso drastischen, aber entgegengesetzten 
Fall, welcher nach einem verunglückten Versuche der unblutigen 
Einrenkung schliesslich der operativen Behandlung anheim fiel, 
darf ich ebenfalls hier erwähnen, da er ganz besonders geeignet 
ist, die Unsicherheit einer lediglich auf actinographischer Basis 
gestellten Prognose zu zeigen. 

Es handelte sich um ein 9 Jahre altes Mädchen mit ein- 
seitiger Luxation bei 5 cm betragender Verkürzung und hoch- 
gradiger Functionsstörunff. 



— 75 - 

Zwei erfolglose Versuche unblutiger Einrenkung waren 
anderwärts bereits gemacht worden. Das obere Femurende schien 
sehr gut entwickelt, speciell der Schenkelhals war auffallend lang 
und schlank. Die Eltern brachten mehrere Röntgenbilder mit; 
eine prachtvoll gehöhlte Pfannengrube schien förmlich plastisch 
aus denselben hervorzutreten. Die Verkürzung war durch die 
vorausgegangenen Behandlungsversuche ziemlich dehnsam ge- 
worden; die Prognose wurde demnach; trotz des relativ vorge- 
schrittenen Alters, durchaus günstig gestellt. 

Die Einrenkung brachte eine arge Enttäuschung. Zwar ge- 
lang dieselbe zweifellos, aber der Schenkelkopf entbehrte so 
völlig jedes Haltes, dass ich die Fortsetzung der Behandlung für 
aussichtslos hielt und demnach ablehnte. Von einer operativen 
Einrenkung wollten die Eltern nichts wissen. 

Aber das kleine Fräulein liess sich nicht abschrecken, sondern 
setzte ein halbes Jahr später seinen Willen durch und wurde der 
operativen Einrenkung unterzogen. Nach Eröffnung des Gelenkes 
konnte ich mich davon überzeugen, dass das Schattenbild ein 
arges Trugbild war. Der Pfannenboden stellte eine plane 
Fläche mit kaum fühlbaren Rändern vor und erst nach 
einiger Vertiefung des hinteren, oberen Pfannenquadranten fand 
der Schenkelkopf bei starker Abduction des Beines genügen- 
den Halt. 

Die spätere actinographische Controle ergab ein voll- 
kommenes anatomisches Resultat. Auch der functionelle Erfolg 
ist ein ausgezeichneter geworden. 

Ich könnte noch eine ganze Reihe ähnlicher Fälle anführen. 
Das Gesagte möge indes genügen. In der bescheidensten Ca- 
suistik werden häufige Disharmonien zwischen dem actinographi- 
schen und dem Einrenkungsbefunde nicht fehlen. 

Meine Erfahrungen haben mich dazu geführt, die Prognose 
der Einrenkung vor allem auf die klinische Untersuchung zu 
stützen. Die Schattenbilder betrachte ich als eine sehr schätzens- 
werthe Beihilfe in der Beurtheilung lediglich der knöchernen 
Pfannengrundlage und warne vor sicheren Schlüssen auf die 
reale Tiefe derselben, da diese letztere lediglich durch das 
Knorpelpolster bestimmt wird. Prognostisch noch wichtiger als 
die Pfanne selbst scheint mir ein gutgebildeter, auf nicht allzu 
kurzem und normal gerichtetem Schenkelhalse sitzender Gelenks- 



— TG — 

köpf zu sein und speciell für diese Feststellung ist die klinische 
Untersuchung von weitaus grösserer Wichtigkeit als das 
Röntgenbild. 

XII. Anatomische Hindernisse der Retention. 

Mit Beziehung auf die Erhaltung der Reposition spielen die 
Weichtheile und die knöchernen Gelenkskörper eine diametral 
entgegengesetzte Rolle. 

Während alle pathologischen Veränderungen der knöchernen 
Gelenkskörper die Aufgabe der Retention in ganz ausserordent- 
licher Weise erschweren, ja unter besonders ungünstigen Ver- 
hältnissen sogar unmöglich machen, stellen die Weichtheile der 
dauerhaften Retention nicht nur keine Schwierigkeiten entgegen, 
sondern können ganz im Gegentheile den Zwecken derselben 
dienstbar werden, indem ihre durch die Reposition entstandene 
elastische Spannung die Gelenkskörper stärker gegeneinander 
presst. 

Unter den von Seife der knöchernen Gelenksconstituentien 
gebotenen Retentionshindernissen steht natürlich das Grössen- 
missverhältnis der Gelenkskörper obenan. Dasselbe ist durch 
die pathologische Kleinheit des Schenkelkopfes allerdings einiger- 
massen vermindert, bleibt aber doch immer noch so bedeutend, 
dass es begreiflich erscheint, wenn die Aufgabe der Retention 
ohne Zuhilfenahme einer künstlichen Pfannenvergrösserung in 
das Reich der Unmöglichkeiten verwiesen wurde. 

Thatsächlich steht fest, dass die rudimentärePfanne 
des congenital luxirten Hüftgelenkes unter allen Um- 
ständen unzureichend ist, so dass sie dem Schenkelkopf 
ein verlässliches Lager nicht zu bieten vermag. 

Es kann unter Hunderten von Fällen ab und zu einmal 
vorkommen, dass die rudimentäre Pfanne eine derartig gute 
Ausbildung zeigt, dass dieselbe einen gleichfalls günstig formirten 
Schenkelkopf sofort aufzunehmen und festzuhalten im Stande ist. 

Was meine Erfahrungen in dieser Richtung anbelangt, so 
muss ich gestehen, dass mir ein solcher Fall bei 260 operativen 
Eröffnungen des congenital luxirten Hüftgelenkes, wo mir die 
Gelegenheit geboten war, mich über die rudimentäre Pfanne sehr 
genau zu informiren, nicht ein einzigesmal vorgekommen ist. 



— 77 - 

Es fand sich eine ziemlich grosse Anzahl recht gut er- 
haltener Pfannen vor, aber niemals vermochten dieselben 
den Schenkelkopf auch nur so weit zu fassen, dass derselbe 
bei indifferenter Stellung des Beines eine verlässliche Stützung 
hätte finden können. 

Die Erfahrungen, welche man in dieser Beziehung ge- 
legentlich der unblutigen Repositionen zuweilen macht, könnten 
dazu verleiten, eine gute und genügende Ausbildung der rudi- 
mentären Pfanne öfter anzunehmen, als es den anatomischen 
Verhältnissen entspricht. 

Thatsächlich konnte ich gelegentlich der unblutigen Repo- 
sitionen weit öfter constatiren, dass der eingerenkte Schenkel- 
kopf von der rudimentären Pfanne so vollständig umfasst und 
gestützt schien, dass der Schenkel in eine fast normale in- 
differente Streckstellung überführt werden konnte, ohne dass 
eine Reluxation erfolgte. Das berechtigt aber keineswegs zu dem 
Schlüsse, dass die rudimentäre Pfanne thatsächlich so gut er- 
halten sei, wie es durch die Stabilität der Reposition vorge- 
täuscht wird. 

Man darf eben nicht vergessen, dass mit der gelungenen 
Reposition viele Weichtheile in Anspannung versetzt werden; 
dadurch kann jene an sich vielleicht ganz geringe und völlig 
unzureichende knöcherne Stabilität der Reposition — d. h. 
jene Stabilität, welche durch die erreichte Ineinander- oder 
Aneinanderfügung der knöchernen Gelenkskörper geschaffen 
wurde, eine täuschende Sicherung erfahren. 

Diesen Irrthum habe ich in der Praxis oft genug theuer 
bezahlen müssen. 

Classische Einrenkung, wunderbare Stabilität, Fixation des 
Schenkels in günstiger, fast normaler Stellung — so lautete 
nicht selten der Anfang der Skizze mancher Krankengeschichte. 
Beim ersten Verbandwechsel kam hinterher die deprimirende 
Enttäuschung in Form einer vollständigen Reluxation nach hinten. 

Von meinem anfänglichen Vertrauen zu den gut erhaltenen 
rudimentären Pfannen bin ich gründlich geheilt worden. 

Die rudimentäre Pfanne ist immer und allemal inssufficient. 

Das kann nicht Wunder nehmen, wenn man bedenkt, dass 
nach den gediegenen Untersuchungen Sainton's auch die nor- 
male Pfanne des neugeborenen Kindes nur ein Dritttheil des 



relativ grossen Schenkelkopfes aufzunehmen vermag und dass 
erst vom 5. Lebensjahre ab eine Umschliessung des letzteren bis 
zur Hälfte stattfindet. 

Auf der anderen Seite aber ist hervorzuheben, dass die 
rudimentäre Pfanne nach übereinstimmenden Beobachtungen der 
Operateure immer vorhanden ist und niemals fehlt. Selbst in 
den ausserordentlich seltenen Fällen, welche übrigens fast aus- 
schliesslich Erwachsene betrafen, in denen der Pfannenboden 
direct convex gestaltet oder wohl gar von einer Exostose ein- 
genommen wurde, kann man von einem vollständigen Mangel 
der Pfanne nicht sprechen, da der functionell wichtigste Bestand- 
theil derselben — der hintere, obere Pfannenrand erhalten 
geblieben war. 

Dieser Knochengrat — ,.une crete osseuse saillante", nach 
der Beschreibung der Franzosen — fehlt niemals. Vor ihm 
liegt der Pfannenort, mag derselbe nun ein Grübchen oder 
eine ebene Fläche darstellen, oder wie immer beschaffen 
und an seinen übrigen Rändern und Grenzen wie immer 
differenzirt sein. 

Der Knochengrat des hinteren Pfannenrandes ist insofern 
auch von entwicklungsgeschichtlichem Interesse, als derselbe 
schon an der embryonalen, noch ganz flachen Pfanne als mäch- 
tiger Vorsprung vorhanden ist und dem Schenkelkopf gewisser- 
massen den einzigen soliden Halt bietet. 

Der vordere Pfannenrand ist sowohl am Embryo als auch 
am Kinde in der Entwickelung gegenüber dem hinteren merklich 
zurück. 

Wer die rudimentäre Pfanne eines congenital luxirten Hüft- 
gelenkes auch nur eines aufmerksamen Blickes gewürdigt hat, 
dem kann dieser mächtige Knochenwall nicht entgehen. Jeder 
Operateur hat ihn gefunden und beschrieben, jedem war derselbe 
ein Wegweiser, wo er die Pfanne zu suchen habe. 

Es macht geradezu den Eindruck, als sei der hintere obere 
Theil des Pfannenbodens von diesem hypertrophirten Knochen- 
walle überlagert und dadurch sowohl verflacht, als auch ver- 
kleinert. Ja, die ganze Richtung des Pfannenbodens wird durch 
den Knochen wall des hinteren Pfannenrandes verändert, so dass 
die Fläche der rudimentären Pfanne fast direct nach 
vorne sieht. 



— 79 — 

Dieser Umstand ist von grosser Wichtigkeit bei der Beur- 
theilung der Lage des reponirten Schenkelkopfes, welcher da- 
durch in der Leiste noch stärker prominent wird. 

Man möchte sagen, die rudimentäre Pfanne ist zum Theile 
unter ihrem hinteren Rande begraben. 

So misslich dieser Umstand mit Rücksicht auf die hierdurch 
bedingte Verkleinerung des Fassungsraumes der rudimentären 
Pfanne auch sein mag, ebenso sehr erleichtert derselbe auf der 
anderen Seite die Aufgabe der Retention. 

Sehr zutreffend hat Saint on den Knochenwall des hinteren 
Pfannenrandes ,,le butoir de la cavite cotyloi'de", — die Brust- 
wehr der Pfannengrube genannt. 

Bot der pfannenseitige Abhang dieser Brustwehr die günstigste 
Stelle für die künstliche Vertiefung der Pfanne bei der blutigen 
Reposition, so ist der intact gelassene Knochenwall des hinteren 
Pfannenrandes dazu berufen, dem unblutig reponirten Schenkel- 
kopfe unter Erfüllung gewisser Bedingungen eine Barriere gegen 
die hintere Reluxation entgegenzusetzen. 

Allerdings stellt diese Barriere, wie schon erwähnt, auch 
ein wesentliches Repositionshindernis dar. 

Neben dem absoluten Grössenmissverhältnis zwischen rudi- 
mentärer Pfanne, respective der Pfannentasche und dem Schenkel- 
kopfe kommt als Retentionshindernis auch die Incongruenz der 
Gelenkskörper in Betracht. Ein nicht zu unterschätzendes Moment 
ist in der regelmässigen Kürze und der nicht seltenen Steil- 
stellung des Schenkelhalses gelegen, denn durch beide Umstände 
wird die mediale Ausladung des Schenkelkopfes vermindert und 
derselbe zum Eingreifen in die rudimentäre Pfanne weniger 
geeignet. 

Von einem sofortigen Eingreifen der in ihre normale Lage- 
beziehung zurückgeführten Gelenkskörper kann übrigens selbst 
bei im Ganzen günstiger Knochenformation kaum die Rede sein. 

Der Halt, welchen der Schenkelkopf in der rudimentären 
Pfanne unter Voraussetzung einer indifferenten Streck- 
stellung des Beines unmittelbar findet, kann mit seltenen 
Ausnahmen gleich Null angesetzt werden. 

Unter solchen Umständen, d. h. bei indifferenter Streck- 
stellung des Beines kann daher die durch eine vorgängige 
Herabholung des Schenkelkopfes bewirkte Anspannung der 



- 80 — 

Muskulatur, namentlich der Längsmuskeln, ein R.etentionshindemis 
sein, denn die geweckte Muskelspannung wird die Reluxation nach 
hinten oben herbeizuführen suchen. 

In der richtigen Beurtheilung der namentlich durch das 
Grössenmissverhältnis der Gelenkskörper, also vor allem durch 
die rudimentäre Entwickelung der Pfanne bedingten Retentions- 
hindernisse liegt das Geheimnis der Erfolge der unblutigen 
Reposition. 

Pravaz hatte diese Retentionshindernisse schon unterschätzt, 
als er glaubte, dass die Pfanne eine Gapacität bewahre, ,.si 
non pour emboiter la tete femorale, du moins pour Ja contenir"; 
er muthete damit der rudimentären Pfanne schon eine zu grosse 
Aufgabe zu, denn dieselbe ist im Allgemeinen nicht einmal im 
Stande, den Kopf festzuhalten, wenn dem Schenkel sofort 
eine indifferente Streckstellung, ja selbst eine leichte 
Abduction gegeben wird. 

Für diese Schenkelstellungen ist die rudimentäre Pfanne 
immer insufficient. 

Aber diese Insufficienz ist keine absolute, sondern nur eine 
relative, denn selbst die schlechtest entwickelte rudimentäre 
Pfanne wird augenblicklich sufficient, d. h. sie vermag den 
Schenkelkopf sofort festzuhalten, wenn dem Schenkel nach ge- 
lungener Reposition eine mehr weniger hochgradige Ab- 
ductionsstellung aufgezwungen wird. 

Die Erkenntnis von der unmittelbaren Sufficienz 
der rudimentären Pfanne bei mehr weniger extremen 
Abductionsstellungen des eingerenkten Beines bildet 
den Fundamentalsatz der unblutigen Einrenkungsbe- 
handlung'. 

Jede Methode, welche den Anspruch macht, eine Ein- 
renkungsmethode genannt zu werden, kann dieser mehr oder 
weniger extremen Abductionsstellungen nicht entrathen, denn 
dieselben sind nicht nur für die Erreichung der Reposition, 
sondern — im Anfange wenigtens — auch für die Sicherung 
der Retention unerlässlich. 

Wäre thatsächlich in einem besonders günstigen Falle ein- 
mal eine Einrenkung ohne stärkere Abduction gelungen, so 
könnte dieselbe ohne mehr weniger extreme Abduction nicht 
sicher erhalten werden, und dies umsoweniger, als gerade die 



- 81 — 

leicht gelingenden Repositionen sich durch eine sehr geringe 
Stabilität auszeichnen; so dass die Retention gerade dieser Fälle 
die Anwendung stärkerer Abductionsgrade erfordert. 

Wir streifen hiermit schon das Capitel der R.etention, welche 
zunächst einer allgemeinen Betrachtung unterzogen werden soll. 

XIII. lieber die Retention im Allgemeinen. 

Durch die ausserordentlich schwierige Aufgabe der Fest- 
haltung des auf die rudimentäre Pfanne verlagerten Gelenks- 
kopfes an seinem neuen Standorte unterscheidet sich, wie schon 
erwähnt wurde, das therapeutische Problem der congenitalen 
Hüftverrenkung principiell von jenem der traumatischen Luxation, 
denn diese letztere hat, von seltenen Ausnahmsfällen abgesehen, 
mit Retentionsschwierigkeiten kaum zu rechnen. Ist die Ein- 
renkung des traumatisch luxirten Schenkelkopfes gelungen, so 
kann die Aufgabe der chirurgischen Therapie als so gut wie 
vollendet gelten. 

Mit der Einrenkung der congenitalen Hüftverrenkung ist 
jedoch, wie immer wieder betont werden muss, nur eine Vor- 
arbeit gethan, durch welche die Erfüllung der Hauptaufgabe 
erst ermöglicht wird. 

Die ersten gelungenen Repositionen schienen mir seinerzeit 
so schwierig, dass ich zu dem Glauben neigte, die schwerste 
Arbeit sei mit der gelungenen Einrenkung gethan. Leider war 
diese Vermuthung nur im physischen Sinne richtig. Die schwerste 
körperliche Arbeit war damit allerdings gethan, aber dieErfahrung 
lehrte bald, dass die Aufgabe der Retention ungleich mehr Witz 
erfordere, als die Reposition Kraft in Anspruch genommen hatte. 

Als die zunächst liegende Aufgabe der Pietention 
musste betrachtet werden, den Gelenkskopf vor allem in jener 
mehr weniger extremen Primärstellnng auf der Pfanne fest- 
zuhalten, bei welcher derselbe sofort eine gewisse Stabilität 
erkennen Hess. 

Die entferntere Aufgabe der Retention hatte darin zu 
bestehen, die Reposition allmählich auch mit minder extremen 
Gelenksstellungen verträglich zu machen. Ihr Endziel war die 
Stabilität der Reposition auch bei indifferenter Streckhaltung 
des Gelenkes. 

Lorenz, IIüfLvenenkun^. s* 



- 82 — 

Eine so ausserordentlich complicirte Aufgabe konnte un- 
möglich mit einem Schlage und auf geradem Wege gelöst 
werden. Irrthümer waren selbstverständlich. Langwierige Versuche 
brachten oft keinen anderen Nutzen als die Erkenntnis, dass 
man sich auf falscher Fährte befand. Ein Nutzen war es 
immerhin. 

Das grösste Hindernis, dem fernen Ziele näher zu kommen, 
war und ist zur Stunde noch die vorwärts hastende Ungeduld. 
Dieser Fehler wird vor allem abgelegt werden müssen. 

Vor der Hand steht das eine fest, dass die nähere Aufgabe 
der Retention, nämlich den Gelenkskopf während der mehr 
weniger extremen Primärstellung des Schenkels auf der Pfanne 
zu halten, so gut wie ausnahmslos gelingt. Dieser Umstand wird 
durch grössere Geduld in Zukunft besser auszunützen sein. 

Welche Momente sind es nun, denen das Festhalten des 
Gelenkskopfes auf der rudimentären Pfanne während der mehr 
weniger extremen Primärstellung zu danken ist? 

In dieser Beziehung muss vorerst daran erinnert werden, 
dass der reponirte Schenkelkopf nicht nur auf jenen vielleicht 
minimalen Halt angewiesen ist, welchen derselbe etwa durch 
das Umfasstwerden eines flachen Kugelabschnittes von Seite der 
rudimentären Pfanne gewinnt, sondern dass derselbe vor allem 
durch die bei den Repositionsmanövern erweiterte Vorderkapsel 
eine Anpressung gegen den knorpeligen Pfannengrund und damit 
eine gewisse Fixirung erfährt. Der Gelenkskopf liegt eben nicht 
nur locker auf der rudimentären Pfanne, sondern ist durch die 
Reposition fest in die Pfannentasche eingekeilt. 

Ein weiteres Retentionsmoment liegt in der passiven 
Muskelanspannung, welche im Momente der Reposition entsteht 
und bei Erhaltung derselben zum mindesten so lange fortdauert, 
als sich die Weichtheile der ihnen aufgezwungenen Verlängerung 
noch nicht völlig angepasst haben. 

Zu dieser passiven Anspannung der Muskulatur kommt als 
weiteres Retentionsmoment der Muskeltonus und die gesammte 
active Muskelarbeit, welche von dem Momente an, in welchem 
der Patient aus der Narkose erwacht, während der Dauer des 
Repositionsbestandes überhaupt geleistet wird. 

Welche grosse Wichtigkeit der activen Muskelthätigkeit als 
Retentionsmoment zukommt, kann man am besten ermessen, 



83 — 

wenn der Patient während der Vornahme der unblutigen Repo- 
sition durch zufällige Verflachung der Narkose mit den Muskeln 
zu reagiren beginnt. Die Stabilität der Reposition wird mit dem 
Einsetzen der Muskelaction sofort eine grössere, die Reluxation 
gelingt nicht mehr, wie noch kurz vorher beim leisesten Anstoss; 
die abermals vorgenommene Reposition ist schwieriger als früher, 
oder misslingt wegen des Muskelwiderstandes vorübergehend 
vollkommen. 

Alle bisher erwähnten Retentionsmomente, die Einkeilung 
des Schenkelkopfes in die Pfannentasche, sowie die passive und 
active Muskelspannung müssen bei indifferenter Streck- 
haltung des reponirten Schenkels in Folge der ungenügenden 
Pfannenentwickelung viel eher im Sinne der Reluxation als der 
Retention wirken. Die Empfehlung der Extension als Retentions- 
mittel liesse sich deshalb nur für den Fall begreifen, wenn die 
indifferente Streckstellung als Primärhaltung gewählt würde. Für 
die differente Primärstellung des eingerenkten Beines hingegen 
ist die Extension als R.etentionsmittel offenbar zweckwidrig, cla 
die in den geschaffenen Weichtheilsspannungen gelegenen Re- 
tentionsmomente hierdurch eine Abschwächung erfahren würden. 
Die differente Primärstellung macht diese Momente von vorne- 
herein der Retention dienstbar. 

Zu diesen unmittelbar aus dem Acte der Reposition selbst 
resultirenden und durch differente Schenkelstellung nutzbar ge- 
machten primären Retentionsmomenten gesellen sich durch die 
längere Fixirung der clifferenten Schenkelstellung noch weitere, 
gewissermassen secundäre Retentionsmomente hinzu. 

Durch die differente Primärstellung des Schenkels, welche 
im Wesentlichen durch eine mehr minder hochgradige Abduction 
charakterisirt ist, werden nämlich die Insertionspunkte sämmtlicher 
im Scheitel des Einstellungswinkels gelegener Weichtheile, vor 
allem der pelvitrochanteren Muskeln, einander genähert und ver- 
fallen schon im Verlaufe von Wochen und Monaten einer be- 
trächtlichen S chrumpfungs Verkürzung. 

Durch diese Anpassung der Weichtheile auf dem Wege der 
Schrumpfungsverkürzung gewinnt die Reposition weiter an Sta- 
bilität. 

Während man unmittelbar nach der Einrenkung die extreme 
Abduction vielleicht nur um ein Weniges zu vermindern brauchte, 



— 84 — 

um sofort die Reluxation nach hinten zu erzeugen, findet der 
Versuch einer Verminderung der durch eine gewisse Zeit unver- 
ändert fixirten Abductionshaltung einen oft recht bedeutenden 
Widerstand, welcher eben durch die geschrumpften pelvitrochan- 
teren Muskeln bedingt wird. Durch die Verminderung der 
primären Abduction werden die verkürzten Gebilde in passive 
Spannung versetzt und diese Spannung stellt abermals ein 
Moment dar, welches die Lage des Schenkelkopfes nicht nur 
sichert, sondern denselben fester gegen sein Lager und in die 
Pfannentasche hineinpresst. 

Auch die Vorderkapsel wird sich der Form des in die 
Pfannentasche eingekeilten Schenkelkopfes anpassen müssen und 
durch Ergänzung der unzulänglichen Pfanne zu einem congruent 
geformten fibrösen Hohlräume zur Stabilisirung der Reposition 
beitragen. 

Ausser diesen durch die Einrenkung selbst bedingten 
Retentionsmomenten sollte aber noch ein anderer, wichtiger 
Retentionsbehelf in den Heilplan eingeführt werden, nämlich 
die Belastung des eingerenkten Schenkelkopfes mit dem 
Körpergewichte. 

Bei der indifferenten Streckstellung des Schenkels und 
selbst noch bei einer ziemlich bedeutenden Abduction desselben 
müsste die Belastung des eingerenkten Gelenkskopfes mit dem 
Körpergewichte in Anbetracht der misslichen Pfannenverhältnisse 
des congenital luxirten Hüftgelenkes nothwendig als reluxhendes 
Moment wirken. Ein in medialer Richtung gegen den Trochanter 
wirkender Druck, wie ein solcher in der ursprünglichen Schede- 
schen Methode vorgesehen ist, kann der Reluxationstendenz des 
Körpergewichtes unter solchen Umständen unmöglich ein aus- 
reichendes Gegengewicht bieten. 

Um einer solchen, von vorneherein als ungenügend er- 
kannten Versicherung des Trochanters gänzlich entbehren zu 
können und die Körperlast trotzdem voll und direct mittelst 
des eingerenkten Gelenkskopfes gegen die Pfanne wirken zu 
lassen, wurde eine Abductionshaltung nothwendig, welche die 
physiologische Bewegungsgrenze überschritt und mit einer 
bequemen Function nicht mehr vereinbar blieb. Die Erfahrung 
lehrte, dass trotz dieser oft recht bedeutenden Abduction des 
Schenkels, welche in Folge der Labilität der Reposition noth- 



— 85 



wendig wurde, die Patienten nicht nur das Stehen und Gehen 
erlernten, sondern sich darin allmählich eine Fertigkeit aneigneten, 
die man anfänglich für unmöglich gehalten hätte. 

Je länger diese Abductionsstellung innegehalten wird, je 
länger demnach der Pfannenboden der vollen Wucht des Körper- 
gewichtes durch Vermittlung des eingerenkten Gelenkskopfes aus- 
gesetzt bleibt, um so günstiger werden die Chancen der Retention 
werden müssen. 

Das beifolgende Roentgogramm (Fig. 4) illustrirt die Situation 
der knöchernen Gelenks- 
körper während der pri- 
mären Abductionshaltung 
des eingerenkten Schenkels. 

Der Gelenkskopf zielt 
wie ein Pfeil auf die Sitz- 
darmbeinfuge und muss die 
Capacität der rudimentären 
Pfanne schliesslich beein- 
flussen, vorausgesetzt, 
dass seine mechanische 
Einwirkung genügend 
lange Zeit dauert. 

Die grosse Zahl der 
anfänglichen Misserfolge ist 
wohl in erster Linie auf 
die Ungeduld zurückzu- 
führen, welche der be- 
absichtigten Einwirkung des Schenkelkopfes auf die 
rudimentäre Pfanne einen ungenügenden Zeitraum zu- 
mass. 

Ein so wesentlicher therapeutischer Factor die Belastung 
des rudimentären Pfannenbodens durch das Körpergewicht auch 
sein mag, so ist doch Elliot zu weit gegangen, wenn er meint, 
dass ohne Stehen und Gehen des Patienten die Methode ver- 
sagen müsse. Man darf nicht vergessen, dass auch ohne Be- 
lastung des Pfannenbodens noch eine ganze Reihe von Retentions- 
momenten wirksam bleiben. Uebrigens kommt es selbst bei ein- 
seitigen Luxationen manchmal vor, dass die primäre Abductions- 
stellung wegen ganz besonderer Labilität der Reposition so 




Fig. 4. Belastung des Pfannenbodens mit dem 
Körpergewichte durch den eingerenkten Sehenkel- 
kopf während der primären Abductionshaltung des 
Oberschenkels. 



— 86 — 

extrem gewählt werden muss, dass an eine sofortige Belastung 
des Pfannenbodens überhaupt nicht gedacht werden kann. 

Bei der gleichzeitigen Reposition doppelseitiger Luxationen 
ist dies selbstverständlich die Regel. 

So lange die Belastung der Pfanne mit dem Körpergewichte 
nicht möglich ist, bleibt der Pfannenboden wenigstens der Be- 
lastung durch die active Muskelthätigkeit und durch die passive 
Muskelspannung unterworfen, welche durch die Reposition ge- 
weckt wurden; auch die einfache Erhaltung der neugewonnenen 
Lage des Schenkelkopfes auf dem Pfannenboden durch längere 
Zeit hindurch wird als ein die therapeutischen Ziele förderndes 
Moment zu betrachten sein. 

Sollte also in Folge sehr ungünstiger Primärstellung die 
sofortige functionelle Belastung des Pfannenbodens unmöglich 
sein, so geht dieser Zeitabschnitt für die Zwecke der Retention 
doch nicht verloren. 

Mittlerweile wurde in der Schrumpfungsverkürzung der 
pelvitrochanteren Weichtheile ein neues Retentionsmoment ge- 
Avonnen, welches eine Verminderung der primären Abduction 
bis zu dem Grade möglich macht, dass der Pfannenboden nun- 
mehr der Belastung mit dem Körpergewichte unterworfen 
werden kann. 

Dieses wichtigste Retentionsmoment kann also häufig nicht 
sofort, sondern erst auf einem Umwege in den Dienst der 
Therapie gestellt werden. 

Inwiefern ist nun die Belastung des Pfannenbodens mit 
dem Körpergewichte als ein Retentionsmittel zu betrachten? 
So lange die primäre Abductionsstellung, wie etwa in Fig. 4, 
beibehalten wird, presst die Körperlast den Schenkelkopf in 
voller Wirkung gegen den Pfannenboden und fixirt ihn daselbst. 
In diesem Sinne ist die Körperlast ein Retentionsmoment für die 
mehr weniger extreme primäre Abductionshaltung des Schenkels. 

So lange das Retentionsmoment der Körperlast an diese 
extreme Schenkelstellung gebunden bleibt, ist für die Gonsoli- 
dirung der Reposition nichts gewonnen, denn in dem Augen- 
blicke, in welchem diese extreme Haltung aufgegeben wird, 
würde die Belastung des Pfannenbodens unter den gegebenen 
anatomischen Verhältnissen kein Retentionsmoment mehr ab- 
geben können, sondern vielmehr im Sinne einer Reluxation wirken. 



- 87 — 

Die Belastung des Pfannenbodens mit dem Körper- 
gewichte durch Vermittlung des eingerenkten Gelenks- 
kopfessoll aber die rudimentäre Pfanne ausserdem wenig- 
stens so weit ausgestalten, dass dieselbe den Schenkel- 
kopf auch bei indifferenter Beinstellung zurückzuhalten 
vermag; die künstliche Retention des Schenkelkopfes soll also 
schliesslich durch jene natürliche Retention ersetzt werden, 
welche die Pfannenhöhlung selbst dem Schenkelkopfe bietet. 

Zur Zeit meiner ersten vorläufigen Mittheilung über den 
Gegenstand konnte ich in dieser Beziehung nur vagen Hoffnungen 
Raum geben, die ich in folgender Betrachtung zum Ausdrucke 
brachte (Volkmann 's Sammlung klinischer Vorträge 151, 152 7 
p. 518): 

„Wenn der Schenkelkopf irgendwie gezwungen wird, in 
der Pfannentasche zu verbleiben, müssen dann, ganz abgesehen 
von irgendwelchen auf ihn ausgeübten Druckwirkungen, die 
Chancen der Solidität der erzielten Einrenkung nicht schon 
einzig und allein durch seine längere Gegenwart an diesem Orte 
bessere werden? Darf man nicht hoffen, dass der Schenkelkopf 
schon durch die Andauer seiner blossen Gegenwart an dem ihm 
gebührenden Platze die lebhaften Wachsthumsvorgänge im 
Epiphysenkreuze des Pfannenbodens beeinflussen, modificiren 
und im Sinne der Ausgestaltung des defecten Pfannenlagers be- 
stimmen könne? Ist es absurd anzunehmen, dass die Pfanne 
gezwungen werden könnte, um ihren Inwohner herumzuwachsen, 
ihn einzuschliessen, gewissennassen zu überwallen und den Ein- 
dringling dadurch für immer fest zu halten? Ich glaube, es wird 
niemand die Zulässigkeit dieser Erwägungen und Hoffnungen 
ernstlich in Zweifel ziehen können. Liefert uns die Natur- 
beobachtung nicht etwa ermuthigende Bestätigungen? Ist die be- 
kannte Schrumpfung der Pfannenhöhle nach traumatischer 
Luxation nicht ein vollkommen analoger, wenn auch entgegen- 
gesetzter Vorgang?" 

Trotzdem ich schon damals Fälle aufzuweisen hatte, welche 
diese Hoffnungen zu bestätigen schienen (und, wie die Folge 
lehrte, auch thatsächlich bestätigt haben), hat Herr Professor 
König den Versuch gemacht, dieselben nicht nur zu erschüttern, 
sondern in das Reich der Fabel zu verweisen. Der Altmeister 
sagte (Berliner klin. Wochenschrift 1897, 6): „Alle Erwägungen, 



— 88 — 

welche darüber (i. e. über die Reposition) hinausgehen, sind 
zunächst unverständig, sie gemahnen uns an das Ver- 
ständnis des Kindes. Wer seine pathologische Mechanik und 
seine pathologische Anatomie der Gelenke gelernt hat, wer weiss, 
wie unendlich geringfügig die Bildung von Gruben und Schliff- 
flachen, beispielsweise bei resecirten Gelenken zu sein pflegt, der 
muss vorläufig auch bescheiden und vorsichtig sein in der Er- 
wartung dessen, was aus den eingerichteten Gelenken wird. 
A priori wird er die Bildung einer tiefen, haltbaren Pfanne für 
unwahrscheinlich halten, aber er muss es entschieden in das 
R.eich der Fabel verweisen, wenn erzählt wird, dass bereits nach 
V4. nach V2 J anr eni vollkommen bewegliches haltbares Gelenk 
gebildet sei, er wird es für wahrscheinlich halten, dass überhaupt 
nur in einem geringen Procentsatz wirklich haltbare Gelenke 
geschaffen, in einem grösseren Procentsatz aber das Vergnügen 
des Eingerichtetseins nur kurz dauern wird. Es ist ohne jede 
Analogie in der Mechanik der Gelenksbildung, dass ein über- 
knorpelter Kopf eine flache, bindegewebig ausgekleidete Grube 
zu einer tiefen Pfanne umgestaltet, derart, dass ein Gelenk 
entsteht, welches in der Folge den Anforderungen, die man an 
die Haltbarkeit eines menschlichen Hüftgelenkes stellt, Genüge 
leistet." 

Die Erfahrung hat mittlerweile gelehrt, dass ab und zu 
thatsächlich schon nach halbjähriger Behandlung ideale Resultate 
erreicht wurden. Während eines so kurzen Zeitraumes kann sich 
eine stark rudimentäre Pfanne selbstverständlich nicht zu einer 
genügenden Tiefe ausgestalten, aber es kommt dann und wann, 
leider im Ganzen ziemlich selten vor. dass man auf merkwürdig 
gut erhaltene Pfannen trifft, welche von vornherein eine bessere 
Capacität zeigen und zu ihrer Ausgestaltung einen entsprechend 
geringeren Zeitabschnitt brauchen. Solche Fälle wurden auch von 
Anderen beobachtet und actinographisch controlirt, so dass die- 
selben über jeden Zweifel erhaben sind. 

Was die Heranziehung des Beispieles ungenügender Neu- 
bildung von Gelenksflächen nach Resectionen anbelangt, so passl 
dasselbe durchaus nicht auf den vorliegenden Fall des auf den 
rudimentären Pfannenboden reponirten Schenkelkopfes. Hier 
brauchen zunächst gar keine neuen Gelenksflächen gebildet zu 
werden, sondern die vorhandenen brauchen einfach in Function 



— 89 — 

zu treten, zunächst wenigstens in Tragefunction. Es kommen in 
diesem Falle auch nicht schwer verletzte, ihres Knorpels ent- 
blösste und dann in knöchernen Gontact miteinander gebrachte 
Gelenkskörper in Frage, sondern es werden bei der unblutigen 
Reposition vollkommen intacte und namentlich bei jugendlichen 
Individuen mit reichlichem und ebenfalls intactem Knorpel über- 
kleidete Gelenkskörper in innige Lagebeziehung zu einander 
gebracht. Es handelt sich hier also gar nicht um knöchernen, 
sondern um knorpeligen Gontact, und selbst in dieser Beziehung 
liegen bei der congenitalen Luxation kindlicher Individuen ganz 
besonders günstige Verhältnisse vor. Hier war nämlich der 
Pfannenboden, so lange die Luxation bestanden hatte, dem form- 
gebenden Einflüsse des Schenkelkopfes entrückt geblieben, die 
offenbar energischen Wachsthumsvorgänge in den Epiphysen- 
fugen der Pfanne hatten Ziel und Richtung verloren. Das produ- 
cirte Baumaterial wurde in ungeformten Haufen abgelagert, und 
statt dazu verwendet zu werden, die noch flache Pfannengrube 
zu einer gleichmässig gerundeten Hohlschale auszugestalten, 
bedingt es gewissermassen eine knotige Verdickung und Ver- 
flachung des Pfannenbodens, so class der Gelenkskopf keinen 
genügenden Platz in der Pfannengrube finden kann. R.eponirt 
man denselben auf die Epiphysenfugen des Pfannenbodens, so 
findet er bei entsprechend jugendlichen Patienten eine in Wachs- 
thumsblähung begriffene und demgemäss plastische Knorpelunter- 
lage vor. 

Es würde mit allen Analogien aus der pathologischen 
Anatomie disharmoniren, wenn die erzwungene blosse An- 
wesenheit des Schenkelkopfes auf diesem plastischen Lager, 
vorausgesetzt, dass sie genügend lange dauert, nicht eine 
gewisse Wirkung auf dasselbe äussern sollte, und wenn diese 
Wirkung vorläufig in gar nichts anderem bestände als in einer 
Beeinflussung der Wachsthumsvorgänge in dem Knorpelpolster, 
denen dadurch eine gewisse Richtung gegeben würde. Wenn 
man aber bedenkt, dass es sich nicht nur um eine blosse, 
gewissermassen indifferente Anwesenheit des Schenkelkopfes 
auf dem Knorpelpolster der rudimentären Pfanne handelt, 
sondern dass derselbe durch Muskelspannung und Körperlast 
dauernd gegen sein neues Lager angepresst wird, so vermag ich 
auf gar keinen Fall einzusehen, weshalb es „unverständig" 



90 — 

sein sollte und an das ..Verständnis des Kindes" gemahne, 
wenn jemand die Hoffnung ausgesprochen hätte, dass das 
plastische Knorpelpolster der rudimentären Pfanne sich dieser 
gewisserm assen potenzirten Anwesenheit des eingerenkten Ge- 
lenkskopfes nach kürzerer oder längerer Zeit bis zu einem ge- 
wissen Maasse anpassen werde. 

Bildlich gesprochen wurde gesagt, der Patient trete 
sich den eingerenkten Schenkelkopf mit seinem eigenen 
Körpergewichte tiefer in die Pfanne hinein. Das Gleichnis 
ist für den Laien anschaulich, entspricht aber der Vorstellung 
von der Ausgestaltung der rudimentären Pfanne insofern nur 
unvollkommen, als in der Druckwirkung mehr das Moment eines 
Waehsthumsreizes oder einer veränderten Wachsthumsrichtung 
gesucht wurde. 

Keinesfalls habe ich behauptet, dass die rudimentäre Pfanne 
auf dem Wege der Anpassung an einen pathologisch veränderten 
Gelenkskopf sich in eine normale Pfanne verwandle. 

Die Vermessenheit einer solchen Behauptung läge zu klar 
am Tage. 

Vielmehr wurde lediglich der Hoffnung Raum gegeben, die 
rudimentäre Pfanne werde sich dem eingerenkten Schenkelkopf 
wenigstens insoweit accommodiren. dass sie denselben schliesslich 
auch bei indifferenter Streckstellung des Beines festzuhalten ver- 
möchte. So sehr nun auch eine normale Einschachtelung des 
eingerenkten Schenkelkopfes durch die rudimentäre Pfanne ganz 
ausserhalb des Bereiches jeder Hoffnung stand, ebenso gewiss 
ist es, dass dieses Ziel gegen alle Erwartung in zahlreichen 
Fällen thatsächlich erreicht wurde, dass also die rudimentäre 
Pfanne unter Umständen einer derartigen Ausgestaltung fähig 
ist. dass man von einer Restitutio ad integrum sprechen kann, 
welche thatsächlich kaum einen actinographischen Unterschied 
von der anatomischen Norm erkennen lässt. 

Eine derartig vollkommene Ausgestaltung setzt natürlich 
eine Reihe von günstigen Bedingungen voraus, welche sich nicht 
allzu häufig vereinigt finden. Glücklicherweise ist diese anatomische 
Restitutio ad integrum für die Endziele der Therapie gar nicht 
noth wendig und es genügt selbst den höchsten Anforderungen 
vollkommen wenn der Schenkelkopf überhaupt in der Pfanne 
festgehalten wird. 



Ein stringenter Beweis ad oeulos dafür, dass eine rudi- 
mentäre Pfanne im Verlaufe körzerer oder längerer Zeit, sagen 
wir. wenigstens eines Jahres, bei einem jungen Kinde sich unter 
der Einwirkung des reponirten Sehenkeltopfes so - weit auszu- 
gestalten vermag, ss man von einer Restitutio ad integrum 
sprechen kann, lässt sieh allerdings nicht erbringen. 

Selbst auf rein anatomischem Wege würde dieser Beweis 
auf unüberwindHehe Schwierigkeiten stossen. da er den un- 
möglich zu beschaffenden Vergleich des Zustandes der Pfanne 
vor und nach der Behandlung erfordert. Wenn sich bei 
Gelegenheit einer Au~jps:e r.?.:-h ~:Ü5:".~ iir :.".:r?i:^r: v ihr:rr 
Behandlung eine annähernd normale Pfanne vorfände, so wüsste 
man noch immer nicht, wie dieselbe Pfanne vor der Reposition 
beschaffen war, und man würde aus der Erfahrungstatsache. 
dass sich eine derartig wohlgebildete Pfanne bei der congeni- 
talen Hüftverrenkung kaum jemals findet, nur zu dem Wahr- 
scheinlichkeitsschlusse berechtigt sein, es habe eine Ausgestaltung 
stattgefunden. Würde sich in einem solchen Falle eine genaue Con- 
gruenz derPfannengrube mit dempathologisch veränderten Sehenkel- 
kopf vorfinden, - : ""Ire die Ausgestaltung schon sicherer bewiesen. 

Man sollte nun glauben, dass der stricte Beweis für die 
Ummodelung der rudimentären Pfanne auf aetinographischem 
Wege durch den Vergleich der Bilder vor und nach durchge- 
führter Behandlung leicht zu erbringen sei. Aber auch die Durch- 
leuchtung liefert nicht unbedingt verlässliche Anhaltspunkte, da 
sie wohl die knöcherne Pfannengrundlage, nicht aber auch das 
dicke Knorpelpolster derselben wiedergibt. Es ist klar, dass eine 
Anpassung dieses letzteren an den reponirten Schenkelkopi 
schon als eine Ausgestaltung des Pfannenlagers angesehen 
werden muss. von weicher auf dem Schattenbilde keine Spur 
zu erkennen ist. Femer Hegt es im Charakter des Schatten- 
bildes, dass schon kleine Variationen der Stellung des Objectes 
grosse Verschiedenheiten der Contouren ergeben und auf diese 
Weise zur Täuschung führen können. Eine Umgestaltung des 
Knorpeipolsters der knöchernen Pfannengrondlage könnte 
auf aetinographischem Wege aus dem Vergleiche einer Reihe 
von Bildern desselben Objectes während der verschiedenen 
Phasen der Behandlung bis zu ihrer Vollendung und darüber 
hinaus nur verniuthet werden. 



— 92 — 

Zeigt sich der Knochenschatten des soeben eingerenkten Ge- 
lenkkopfes von dem Schatten der knöchernen Pfannengrundlage 
durch eine diaphane Zone von gewisser Dicke getrennt, so würde 
aus einer späterhin allmählich erfolgenden Verdünnung dieser 
die Knochenschatten trennenden Zone auf ein allmähliches tie- 
feres Eindringen des Schenkelkopfes in das Knorpelpolster 
geschlossen werden können. Aber man wüsste dann noch immer 
nicht, welchen Antheil der Kopfknorpel an der diaphanen Zone 
hat; auch würde die Messung so geringer Distanzen auf einem 
Schattenbilde keinen Anspruch auf Genauigkeit machen können. 

Ich habe zu so subtilen und schwierigen Untersuchungen 
beim besten Willen bisher nicht die Zeit finden können; in- 
dessen hat J. Wolff bereits erfolgreiche Anfänge gemacht, die 
fortschreitende, fimctionelle Transformation der rudimentären 
Pfanne unter der Einwirkung des eingerenkten Schenkelkopfes 
actinographisch nachzuweisen. 

Vom praktischen Standpunkte aus habe ich in folgender 
Weise argumentirt: Wenn unmittelbar nach der Einrenkung zu 
constatiren ist. dass schon eine ganz geringe Verminderung- 
extremer Abduction die sofortige Reluxation des Gelenkkopfes 
nach hinten zur Folge hat. während nach Schluss der Be- 
handlung die Stabilität der Reposition nicht nur mit der indif- 
ferenten Streckstellung vereinbar bleibt, sondern selbst durch 
Adduction des Schenkels nicht mehr gefährdet wird und wenn 
das Röntgenbild ergibt, dass der Schenkelkopf von der Pfanne, 
wenn auch nicht in normaler Weise, so doch wenigstens theil- 
weise eingeschachtelt, zum mindesten aber von einem opaken 
Pfannendache festgehalten wird, so ist daraus der Schluss er- 
laubt, dass die Pfanne selbst eine Ausgestaltung erfahren haben 
müsse, denn eine blosse Anpassung der W'eichtheile an die 
neuen Lagebeziehungen der Gelenkskörper vermöchte weder 
für den Moment und noch viel weniger für die Dauer eine 
derartige Stabilität der Reposition zu bewirken. Bei dieser Ar- 
gumentirung sind zum mindesten alle Täuschungen ausge- 
schlossen, welche sich aus irrthümlicher Deutung der Actino- 
gramme mit Beziehung auf die durch den reponirten Schenkel- 
kopf bewirkten Pfannenveränderungen ergeben können. 

Zu Anfang meiner Repositionspraxis stand mir die Durch- 
leuchtung überhaupt noch nicht zur Verfügung; auch lieferte 



— 93 — 

dieselbe anfänglich nur höchst unvollkommene und unbrauchbare 
Bilder. Leider habe ich auch später in zu weit gehender Unter- 
schätzung des praktischen Werthes der Actinographie vielfach 
unterlassen, die Gelenke auch vor Inangriffnahme der Behandlung 
durchleuchten zu lassen; für die Prognose der Einrenkung sind 
nämlich, wie schon erwähnt wurde, die Ergebnisse der Durch- 
leuchtung meist von ebenso zweifelhaftem Werthe wie für den 
Nachweis der Veränderungen des diaphanen Knorpelpolsters, auf 
welche es bei der Anpassung des Pfannenbodens an den ein- 
gerenkten Schenkelkopf doch zunächst ankommt. Hingegen sind 
die Actinogramme von Wichtigkeit für das Studium der even- 
tuellen Veränderungen der knöchernen Pfannengrundlage durch 
der* eingerenkten Schenkelkopf. 

Glücklicherweise besitze ich eine Reihe von Bildern. 
welche unwiderleglich beweisen, dass die knöcherne 
Pfannengrundlage einer Umgestaltung fähig ist und 
dass wir demnach mit um so grösserem Rechte auch die 
Adaptirung des Knorpelpolsters an den eingerenkten 
Schenkelkopf annehmen dürfen, auch wenn sich dieselbe 
actinographisch nicht nachweisen Hesse. 

Im Folgenden sollen einige besonders lehrreiche Actino- 
gramme einer näheren Betrachtung unterzogen werden; da die 
zugehörigen Krankengeschichten auch in therapeutischer Beziehung- 
lehrreich sind, so glaubte ich, dieselben beifügen zu sollen. 

Gretchen L., 8 Jahre, Schlesien. Lux. cox. sin. Das 
gross gewachsene, schlanke Kind geht hinkend auf den 
linken Zehenspitzen. Die Sohle des kranken Fasses steht in 
Knöchelhöhe des gesunden. Die Verkürzung beträgt reichlich 
4*5 bis 5 Gentimeter. Rasche Ermüdung und Knieschmerz tritt 
bei geringster Anstrengung auf. So sah der Erfolg der ver- 
schiedenen mechanischen Behandlungsmethoden aus, denen das 
Kind seit der Entdeckung des Gebrechens, also seit einer ganzen 
Reihe von Jahren, theils in orthopädischen Anstalten, theils 
ausserhalb derselben unterzogen worden war. Ich sollte noch 
einen Versuch mit der unblutigen Einrenkung unternehmen, 
denn zur operativen Behandlung konnte man sich unter gar 
keinen Umständen entschliessen. Die Untersuchung ergab bezüglich 
des oberen Femurendes keineswegs ungünstige Verhältnisse. Der 
Trochanter war stark prominent, der Hals gut entwickelt, medial 



94 — 



gerichtet, deutlich steiler gestellt, der Schenkelkopf an seinem 
medialen Pole abgeplattet, nach oben ziemlich spitzig, vorne und 
hinten gut gerundet. Das Röntgenbild, welches von den Eltern 
des Kindes mitgebracht wurde, bestätigte diesen klinischen 
Befund am oberen Femurende vollkommen (Fig. 5). Leider aber 
begründete es auch die Vermuthung, dass kaum die Spur einer 
Pfannendepression vorhanden sein könne. Der laterale Contour 
der Beckenwand liess weder die Andeutung einer oberen, noch 
einer unteren Pfannenkante erkennen; die Sitzdarmbeinfuge 
beginnt an der linea innominata als helles Band, welches sich 

gegen den Pfannenort 
zu etwas verbreitert; 
von einer knöchernen 
Pfannenmulde ist also 
nicht einmal andeu- 
tungsweise eine Spur 
vorhanden. Nach dem 
Bilde hätte man dem- 
nach von Seite der 
Pfanne die denkbar 
ungünstigsten Verhält- 
nisse erwarten müssen. 
Die gute Ausbildung 
•des oberenFemurendes 
liess dessenungeachtet 
den Versuch der un- 




Pig. 5. Linkes Hüftgelenk vor der Einrenkung. 



Einrenkung 



blutigen 

gerechtfertigt erscheinen, obwohl ich, offen gestanden, in diesem 
Falle der blutigen Reposition damals noch unbedingt den Vorzug- 
gegeben hätte, wenn mir die Wahl des Verfahrens frei gestellt worden 
wäre. Die unblutige Reposition war schwierig genug. Immerhin 
bedurfte die Herabholung des Schenkelkopfes mit Hilfe der 
Extensionsschraube keiner Tenotomie. Die Ausschaltung des 
Adductorenwiderstandes konnte durch blosse Dehnung der 
Muskeln nicht erreicht werden, es bedurfte vielmehr ausgiebiger 
Myorhexis. Die Einrenkung gelang nach langen Bemühungen 
und unter der fortwährenden Befürchtung, eine Fractur zu er- 
zeugen, durch maximale, über 90 Grad betragende Abduction 
auf dem Keile (vgl. hierzu Gap. XVII ß). Die Repositions- 



— 95 

phänomene waren gegen alles Erwarten ganz prägnant. Noch 
überraschender wirkte die Thatsache, dass die primäre Sta- 
bilität der Reposition viel grösser war, als man nach dem 
Röntgenbilde hätte erwarten dürfen. Zum mindesten erfor- 
derte dieselbe keine extremste Primärstellung. Bei 45 Grad 
leicht überstreckter Abduction schien die Lage des Schenkel- 
kopfes auf der rudimentären Pfanne gesichert zu sein. Offenbar 
musste also doch eine Knorpelgrube am lateralen Ende der 
Sitzdarmbeinfuge vorhanden sein, welche auf dem Röntgenbilde 
nicht zum Ausdrucke kommen konnte. Der erste Verband wurde 
drei Monate belassen. Das Kind konnte mittlerweile sehr gut 
umhergehen. Leider war vernachlässigt' worden, das Kniegelenk 
während dieser Zeit fleissig zu strecken; die stark verkürzten 
Kniebeuger setzten der vollen Streckung ein nicht unbedeutendes 
Hindernis entgegen, welchem gegenüber die aufgewendete Re- 
dressionskraft nicht genügte. Es hatte sich dem entsprechend 
eine stumpfwinkelige Kniegelenkscontractur entwickelt, deren 
Beseitigung später viel Mühe kostete. Die Verminderung der 
Abduction unter Auflassung der Ueberstreckung gestaltete sich 
ziemlich schwierig. Mit 3 Gentimeter Sohlenunterlage unter dem 
gesunden Fusse konnte die Patientin nunmehr ganz ungehindert 
und ausdauernd gehen. Gesammtdauer der Fixation 7 Monate. 
Das Bein behielt zunächst eine ziemlich rigide Abductionsstellung 
und leichte Auswärtsrollung bei. Diese letztere wurde einfach 
sich selbst überlassen und lediglich gegen die rigide Abduction 
mittelst eines elastischen Adductionsgürtels und passiver Gymnastik 
angekämpft. Das Knie war mittlerweile vollkommen streckfähig 
geworden. Ein Jahr nach Beginn der Behandlung wurde das Kind 
wieder vorgestellt. Schon jetzt konnte der Gang als normal 
gelten. Die Ausdauer liess nichts zu wünschen übrig. Die Be- 
wegungen waren nach allen Richtungen frei, nur die Einwärts- 
rollung und Adduction stösst auf Knochenwiderstand. Das 
Abductionsgebiet ist wesentlich erweitert, Beugung und Streckung 
bis etwas über den rechten Winkel frei. Der Schenkelkopf rollt 
knapp neben dem Arterienpulse in der Leiste, eine Verkürzung 
ist kaum nachweisbar. 

Einen [im höchsten Grade überraschenden Befund bietet 
das nunmehr aufgenommene Röntgenbild (Fig. 6). Da wo früher 
nicht die leiseste Andeutung einer oberen Pfannenkante vor- 



96 



hanclen war, findet sich ein am innersten Ende der Sitzdarm- 
beinfuge beginnendes, mit unterer etwas wellig gestalteter Grenze 
versehenes und mit einer lateralen, scharf gespitzten, sogar 
etwas nach aussen gekrümmten, barriereartigen Knochenspitze 
endigendes Hüftbeindach von selbst grösserer Breitenausdehnung 
als auf der gesunden Seite. 

Unter dem lateralen Theile dieses mächtigen Pfannendaches 
etwas oberhalb der Knorpelfuge steht in leichter Vornewendung 
der Schenkelkopf. Der Vergleich der beiden Bilder macht den 
Eindruck, als sei das laterale Ende des Fugenknorpels erweitert 
worden und es habe sich eine mächtige obere Pfannenkante 
neu gebildet. Jedenfalls steht fest, dass die Patientin seit zwei 

Jahren in jeder Be- 
ziehung vollkommen 
normal ist, ohne dass 
irgend welche weiteren 
therapeutischenMaass- 
regeln nothwendig ge- 
wesen wären. 

Unter den mir 
augenblicklich zurVer- 

fügung stehenden 
Doppelbildern, welche 
einen guten Vergleich 
des Pfannenortes vor und nach der Einrenkung gestatten, ist das 
soeben geschilderte besonders interessant und wäre für sich allein 
schon imStande, den formgebenden Einfluss des reponirten Schenkel- 
kopfes auf die knöcherne Pfannengrundlage darzuthun. Inso- 
fern eine evidente Erweiterung der Knorpelfuge unter dem 
Einflüsse des auflastenden Schenkelkopfes stattgefunden hat, ist 
damit auch eine formgebende Einwirkung auf die knorpeligen 
Pfannenantheile nachgewiesen. 

Aus dem Vergleiche der beiden Bilder geht des Weiteren 
hervor, dass selbst eine Pfanne, deren knöcherne Grundlage 
kaum die Andeutung einer Delle vermuthen lässt, unter dem 
Einflüsse des mit dem Körpergewichte belasteten Schenkelkopfes 
zu einem förmlichen Knochenkrater auswächst, dessen Ränder 
gerade dort in mächtigster Entfaltung begriffen sind, wo der 
grösste functionelle Reiz stattfindet. Als Ausdruck dieser ge- 




Fig. 6. Dasselbe linke Hüftgelenk nach der Einrenkung. 



97 



wissennassen überstürzten Knochenentwickelung ist die tiefe 
Schattirung des ganzen oberen Pfannenrandes aufzufassen, 
welcher an drei Stellen localisirte Anschwellungen zeigt, die als 
Knochenknäufe auf dem Schattenbilde zum Ausdrucke kommen. 
Der medialste liegt knapp am lateralen Ende der Sitzdarm- 
beinfuge, der mittlere nimmt etwa die Mitte der Pfannennische 
ein, während der äusserste das scharfkantige, etwas nach oben 
umgekrempelte Ende des Pfannendaches darstellt. Leider sind 
die feinsten Details, welche nach der Platte beschrieben wurden, 
auf der Fieproduction weniger deutlich erkennbar. 




Fig. 7. Linkes Hüftgelenk vor der Einrenkung 



Nicht minder instructiv ist der folgende Fall: 
Milan W., 6 J., Böhmen. Lux. cox. sin. Der zarte schwäch- 
liche Knabe hatte bisher noch keinerlei Behandlung erfahren. 
Zu den orthopädischen Apparaten konnten die Eltern kein 
Vertrauen fassen und eine operative Behandlung verbot sich 
mit Rücksicht auf den zarten Gesundheitszustand des Kindes von 
selbst. Die Verkürzung betrug 4 Centimeter, der Knabe ging auf 
der Fussspitze. hatte aber dank seinem geringen Körpergewichte, 
niemals Schmerzen gehabt und war überhaupt durch sein Ge- 
brechen bisher wenig behindert gewesen. Der Schenkelkopf gut 
entwickelt, der Hals relativ lang, normal gerichtet, nicht flach 
gelegt, der Trochanter stark prominent. 

Lorenz, Hüftverrenkung'. m 



— 98 — 

Was die Pfanne anbelangt, so liess das Röntgenbild (Fig. 7) 
kaum die Andeutung einer knöchernen Delle vermuthen. Der 
äussere Knochencontour des Darmbeines verläuft von dem nach 
aussen prominentesten Punkte der Darmbeinschaufel ohne jede 
Differenzirung in der Pfannengegend nach abwärts zum Sitzbein. 
Durch die Eversion des letzteren wird eine gleichmässig flache, 
nach aussen gerichtete Concavität des ganzen Knochencontours 
bedingt. Die Pfannengegend ist an der äusseren Fläche des 
Beckens kaum angedeutet und wird lediglich durch eine gegen 
die Beckenhöhle schnabelförmig vorspringende Spitze in der 
linea innominata markirt. Von einer oberen Pfannenkante ist 
keine Spur zu erkennen. Der Trochanter minor steht ein klein 
wenig unterhalb der Sitzdarmbeinfuge. Die mit Rücksicht auf 
das obere Femurende recht guten Aussichten der unblutigen 
Reposition wurden durch die höchst ungünstigen Verhältnisse 
der knöchernen Pfannengrundlage sehr wesentlich getrübt. 
Selbstverständlich vermochten diese actinographischen Enthül- 
lungen den Plan der unblutigen Behandlung nicht zu er- 
schüttern. Die Herabholung des Schenkelkopfes und die Erweiterung 
des Abductionsgebietes machte dank der Dehnsamkeit der Weich- 
theile gar keine Schwierigkeiten; ebenso leicht gelang die Re- 
position durch forcirte Abduction auf dem Keile. Die Repositions- 
phänomene waren zunächst ausserordentlich mangelhaft. Erst 
nach gründlicher Ausweitung der Vorderkapsel konnte die Stufe 
des hinteren Pfannenrandes mit Sicherheit festgestellt werden. 
Offenbar war die rudimentäre Pfanne durch ihr knorpeliges Auf- 
lager doch einigermassen differenzirt. Der primäre Halt erwies 
sich als ausserordentlich labil. Nicht nur bei der geringsten Ver- 
minderung der extremen Abduction, sondern auch bei den Ver- 
suchen leichtester Innenrollung erfolgt sofort Reluxation. Fixation 
des Schenkels in extremer Primärstellung (negative Abduction 
und deutliche Ueberstreckung bei indifferenter Rollung); längere 
Fixationsdauer in Aussicht genommen. Nach 4 Monaten wird 
der Verband entfernt. Da die Haut stellenweise ekzematös ge- 
worden war, wurde mit der Anlegung des zweiten Verbandes 
gezögert. Unter Beibehaltung der hohen Sohle unter dem kranken 
Fusse behielt der Knabe die ziemlich rigid gewordene Primär- 
stellung auch ohne den Verband bei und bewegte sich genau 
in derselben Weise wie bisher. Erst nach vierwöchentlicher 



99 — 



Freiheit des Patienten wurde die Gorrectur der Abductions- 
contractur vorgenommen. Die Schwierigkeit derselben erforderte 
eine oberflächliche Narkose. Die Ueb erstreckung' wurde auf- 
gelassen und eine ganz leichte Beugestellung angestrebt, um die 
Prominenz des Schenkelkopfes in der Leiste zu vermindern. Die 
negative Äbduction wurde auf circa 30 Grad corrigirt. Nach 
weiteren 4 Monaten übergeht der Patient in definitive Freiheit. 
Es besteht immer noch Äbduction und ziemliche Rigidität des 
Gelenkes, welche sich indes unter mobilisirender Behandlung 
sehr rasch bessert. Die restirende Verkürzung beträgt 1 Genti- 
meter. Der Fuss blieb durch lange Zeit hindurch ziemlich stark 
evertirt und das reponirte Hüftgelenk behielt eine leichte habituelle 
Abductionshaltung bei. 
welche gerade zum Aus- 
gleiche der restirenden 
Verkürzung hinreichte. 

Zweieinhalb Jahre 
nach der stattgefundenen 
Einrenkung wurde der 
Knabe, welcher sich ausser- 
ordentlich gekräftigt hatte 
und als Fussgänger so 
leistungsfähig geworden 
war wie irgend ein Ge- 
sunder, neuerlich der 
Durchleuchtung des Hüft- 
gelenkes unterzogen ,(Fig. 8). Die knöcherne Grundlage des- 
selben hat sich mittlerweile vollständig verändert; der ehe- 
mals gieichmässige, flachconcave Contour der äusseren Darm- 
beinfläche ist annähernd genau in der Höhe des gesund- 
seitigen Pfannendaches durch eine scharf vorspringende Kante 
unterbrochen, welche die laterale Spitze einer relativ tiefen, bis 
zur Sitzdarmbeinfuge reichenden Knochendepression darstellt. 
Unterhalb der genannten vollständig opaken Spitze zeigt die 
Platte einige detachirte, etwas hellere Schatten, welche wahr- 
scheinlich auf einen noch weiteren knöchernen Ausbau der 
lateralen Pfannenkante hindeuten. Das Pfannendach ist in seiner 
gegenwärtigen Ausgestaltung noch wesentlich steiler gestellt, als 
auf der gesunden Seite, vermag aber den etwas antevertirten 




Fig. 8. Gegenbild zu Fig. 7. Dasselbe Gelenk nach 
der Einrenkung. 



— 100 — 

Schenkelkopf von oben her wenigstens in seiner medialen Hälfte 
zu decken. Die äussere Configuration des Gelenkes ist vollständig 
normal. 3 Jahre nach der Einrenkung ist das Gelenk im Sinne 
der Beugung nicht ganz bis zum rechten Winkel beweglich und 
wird noch immer leicht abducirt gehalten. Doch ist passive 
Adduction einigermassen möglich. Der Gang ist bei einiger Auf- 
merksamkeit vollkommen gleichmässig und die Ausdauer so 
normal, dass das Resultat als vollständige Heilung bezeichnet 
werden kann. 

Auch der folgende Fall ist durch ein Doppelbild illustrirt, 
welches eine Umformung der knöchernen Pfannengrundlage er- 
kennen lässt. 

Irma Z., 11 Jahre, Baden. Lux. cox. sin. Die Patientin 
ist das einzige Kind ihrer mit doppelseitiger Luxation be- 
hafteten Mutter, welche seit der Entdeckung des Gebrechens 
an der Tochter nichts unversucht gelassen hatte, um wenig- 
stens eine Besserung zu erzielen. Alle zur Anwendung ge- 
langten und jahrelang gewissenhaft befolgten Heilmethoden 
(namentlich das Tragen von Schienenhülsenapparaten) hatten 
auch nicht den geringsten Erfolg gehabt. Der blutigen Operation 
waren die Eltern grundsätzlich abgeneigt und hatten sich trotz 
mehrfacher Vorschläge niemals dazu entschliessen können. Es 
wurde die Anfrage an mich gestellt, ob der veraltete Fall 
möglicherweise doch noch der unblutigen Einrenkung zugänglich 
sei. Der Versuch müsse jedenfalls gemacht werden, lautete meine 
Antwort. Unverzüglich waren die Eltern dazu entschlossen. Das 
schlank gewachsene Kind ging auf der äussersten linken Fussr 
spitze; die Verkürzung betrug 5V 2 Gentimeter, leichte Ermüdbarkeit 
und Hüftschmerzen waren häufig, starkes Hinken unter allen 
Umständen vorhanden. Der Trochanter bildete an der Aussen- 
fläche des Beckens einen mächtigen Vorsprung, der Schenkelkopf 
■war merklich verkleinert, der Schenkelhals gut entwickelt, normal 
gerichtet, keinesfalls flach gelegt, die Einrenkungschancen mit 
Bezug auf das obere Femurende daher günstig. Die grosse Ver- 
kürzung liess allerdings einige Schwierigkeiten erwarten. Das vor 
der Operation aufgenommene Röntgenbild (Fig. 9) bestätigte 
den klinischen Befund am oberen Femurende, zeigte aber leider 
auch eine sehr mangelhafte, nach oben schlecht abgegrenzte 
Pfannendepression. Dem Einrenkungsversuche wurde gründliche 



— 101 — 

Myörhexis adductorum und subcutane Tenotomie des Biceps, 
Semimembranosus und Semitendinosus in der Kniekehle voraus- 
geschickt. Hierauf wurde das Bein einer langsamen Schrauben- 
extension unterworfen, während der mächtige Vorsprung des Tro- 
chanters von oben nach unten mit kräftigem Händedruck herunter 
geschoben wurde. Plötzlich polterte der Schenkelkopf wie über 
ein paar flache Stufen und die Trochanterprominenz war ver- 
schwunden. Der Schenkelkopf hatte aber keinen Halt und 
rutschte mit dem Nachlassen der Extension immer wieder in 
die Höhe. Ich wollte die Reposition über den hinteren Pfannen- 




Fig. 9. Linksseitige Luxation vor der Behandlung. 



rand versuchen, kam aber nicht rasch genug damit zu Stande. 
Um die Dauer der Narkose nicht ungebührlich auszudehnen, 
versuchte ich die Einrenkung durch Extension in Streckstellung 
des Beines noch einmal und als dieselbe abermals unter 
deutlichen Symptomen gelungen war, überführte ich unter fort- 
dauernder Extension und genauer Gontrole des Trochanters den 
Schenkel in eine Abduction von circa 50 Grad und fügte zu 
dieser Stellung noch markante Ueberstreckung hinzu. Nunmehr 
stand der Schenkelkopf als deutlich sichtbare Prominenz in der 
Leistenfurche fest und das Bein bot einen eigenthümlich 
federnden Widerstand, wenn man mit ganz geringer Kraft die 
Stellung etwas zu ändern versuchte. Fixation des Schenkels in 
dieser Stellung durch 2 Monate. Hierauf ziemlich schwierige 



102 — 



Correction auf 3 Centimeter Abduction in vollkommener Strecklage 
und Fixation durch weitere 7 Monate, während welcher Zeit das Kind 
auf vollen Sohlen ausdauernd gehen konnte. Nach einer Gesammt- 
fixationsdauer von 9 Monaten wurde das Kind vollständig frei 
gelassen. Der Schenkelkopf rollte in der ganz flach convex ge- 
wordenen Leistenmitte. Das functionelle Resultat war zunächst 
durch eine ziemliche Rigidität des Gelenkes, sowie durch den 
beibehaltenen Abductionsgang einigermassen beeinträchtigt. Die 
vorgeschriebene gymnastische Behandlung wurde von der sehr 
gewissenhaften Mutter zu Hause über ein Jahr fortgesetzt. Metho- 
dische Gehübungen, Dreiradfahren. Berg- und Stiegensteigen 

waren in das Programm 
aufgenommen worden. 
Zwei Jahre nach der Re- 
position geht das Kind 
auf vollen Sohlen ebenso 
gleichmässig als aus- 
dauernd. Der Schenkel- 
kopfist unmittelbar neben 
dem Arterienpulse nach- 
weisbar, sämmtliche Be- 
wegungen sind frei, das 
Abductionsgebiet be- 
trächtlich erweitert. Die 
restirende Verkürzung be- 
trägt 1*5 Centimeter. In functioneller Beziehung kann das 
Kind als vollständig geheilt betrachtet werden. Das nach 
Schluss der Behandlung aufgenommene Röntgenbild (Fig. 10) 
ist leider etwas undeutlich. Immerhin zeigt der Knochenschatten 
des Beckenringes etwas oberhalb der auf dem Bilde nicht sicht- 
baren Sitzdarmbeinfuge eine auffällige Verbreiterung und Ver- 
dichtung, welche nach aussen zu etwas verschwommen ist. 
Unterhalb dieses breiten knöchernen Daches, welches offenbar 
noch in Fortbildung begriffen ist und gegen dasselbe angestemmt, 
sitzt der Schenkelkopf unverrückbar fest. Dem ausgezeichneten 
functionellen Resultate entspricht demnach ein annähernd gleich- 
werthiger anatomischer Erfolg. 

Ein weiterer Fall, welcher ein mit doppelseitiger Hüftver- 
renkung behaftetes Mädchen von 9 Jahren betrifft, ist sowohl mit 




Fig. 10. Linksseitige Reposition; lljähriges Kind: 
Gegenstück zu Fig. 9. 



— 103 — 

Bezug auf die durch Reposition inscenirte Ausgestaltung der 
Pfanne, als auch in technisch-therapeutischer Beziehung interessant. 
Wegen der ausserordentlichen Schwierigkeiten der Reposition 
war eine gleichzeitige Behandlung beider Gelenke vollständig 
unmöglich. Als nach abgelaufener und von einem idealen Erfolge 
gekrönter unblutiger Behandlung des rechten Hüftgelenkes auch 
die Einrenkung des linken Gelenkes auf unblutigem Wege vor- 
genommen werden sollte, erwies sich dieselbe trotz mehr- 
wöchentlicher präparatorischer Extensionsbehandlung und trotz 
aller bis zur Erschöpfung fortgesetzten Bemühungen als undurch- 
führbar, so dass von derselben definitiv Abstand genommen 
werden musste. Nachträglich wurde eine Schenkelhalsfractur 
constatirt, welche die Fortsetzung der Behandlung auf Monate 
hinaus unterbrach. Die definitive Reposition konnte linkerseits 
schliesslich nur durch Zuhilfenahme der Arthrotomie zu Stande 
gebracht werden. Die fast 1 Centimeter dicke, im Isthmus eng 
geschnürte Kapsel erklärte zur Genüge das Misslingen der un- 
blutigen Reposition. Auch nach vollzogener Arthrotomie blieb 
die Herabholung des Schenkelkopfes schwierig genug. Das Ge- 
sammtresultat ist gegenwärtig noch nicht spruchreif, lässt aber 
das Beste erwarten. Mit Beziehung auf das unblutig eingerenkte 
Hüftgelenk ist der Fall jedoch als abgelaufen zu betrachten. 
Derselbe soll hier lediglich mit Rücksicht auf die aus dem 
Doppelbilde ersichtliche Pfannenausgestaltung verwertet werden. 
Johanna L.. 9 Jahre, Frankreich. Lux. cox. bilat. Das zart- 
gebaute, sonst gesunde Mädchen, das einzige Kind ihrer Eltern, 
war seit der Feststellung des Gebrechens unausgesetzt nach den 
verschiedensten mechanischen Verfahren ohne jeden Erfolg be- 
handelt worden. Die von mehreren Seiten vorgeschlagene 
operative Behandlung wurde consequent abgelehnt. Für die 
unblutige Einrenkung lagen die Verhältnisse in Anbetracht der 
starren Verkürzung (7 Centimeter Trochanter-Hochstand). sowie 
des vorgeschrittenen Alters der Patientin entschieden ungünstig. 
Die höchst auffällige Verunstaltung des Kindes durch eine enorme 
Lordose bei gleichzeitiger Beugehaltung der Kniegelenke und 
beiderseitigem Zehenspitzengang, vor allem aber die vollständige 
Unfähigkeit, länger als l / 4 , höchstens \/ 2 Stunde ohne Schmerzen 
in Knie und Hüften sich auf den Beinen zu halten, bewog die 
ängstliche Mutter nach langem Zweifeln und Zögern, doch 



— 104 — 

wenigstens den Versuch einer unblutigen Reposition vornehmen 
zu lassen. Das vor der Operation aufgenommene Röntgenbild 
(Fig. 11) zeigt ziemlich gute Verhältnisse an den beiden Ober- 
schenkelenden, was auch durch die klinische Untersuchung 
erhoben werden konnte. Die Schenkelhälse scheinen eher steil 
gestellt. Der obere Pol der Schenkelköpfe steht hoch über der 
Sitzdarmbeinfuge und tangirt eine Linie, welche durch die 
beiden Spinae post. inf. gelegt wird; der Schenkelkopf ist so weit 
auf die hintere Darmbeinfläche verlagert, dass der Kopfschatten 
fast ins Centrum des Darmbeinschattens fällt. Entsprechend dem 




Fig. 11. Lux. bilat.; Ojähriges Kind, vor der Reposition. 



äusseren Ende der Sitzdarmbeinfuge ist links auf dem leider 
etwas verschwommenen Bilde eine flache, ziemlich ausgedehnte, 
undeutlich differenzirte Depression vorhanden. Rechts ist die 
unregelmässig gestaltete Pfannendepression deutlicher zu sehen. 
Offenbar war, nach der Platte zu urtheilen, eher eine un- 
günstige Ausbildung der knöchernen Pfannengrundlage zu er- 
warten. Die unblutige Reposition des rechten Gelenkes ge- 
staltete sich zu einer der schwierigsten ihrer Art und erforderte 
IV2 Stunden angestrengter Arbeitszeit. Nach vollzogener My- 
orhexis adductorum liess sich die Verkürzung unter Anwendung 
grösster Vorsicht theils durch manuelle, theils durch Schrauben- 
extension ohne Tenotomie allmählich so weit vermindern, dass 



105 



man zu den eigentlichen Repositionsmanövem schreiten konnte. 
Die Einrenkungsversuche aus freier Hand (vgl.|Cap. XVII) waren 
vollständig fruchtlos; ebenso misslang die Reposition durch Ex- 
tension und gleichzeitige Abduction; erst die Versuche, auf dem 
Keile zu reponiren, führten nach langer schwerer Arbeit unter 
fortwährender Fracturgefahr zu überraschend plötzlichen und 
unerwartet guten Phänomenen. Nach modellirender Ausweitung der 
Vorderkapsel war die Stabilität der Reposition besser, als nach dem 
Actinogramm hätte vermuthet werden dürfen. Jedenfalls musste 




Fig. 12. Lux. bilat. Gegenbild zu Fig. 11. Das rechte Gelenk reponirt. Die rechte Pfanne ist 
erweitert. Das^etwas steiler verlaufende obere Pfannendach endigt mit [scharf geprägter nach 

abwärts gerichteter Spitze. 



der hintere Pfannenrand, welcher mittelst des Schenkelkopfes deut- 
lich gefühlt werden konnte, besser entwickelt sein, als nach dem 
Bilde anzunehmen war. Bei circa 60 Grad i^bduction, ganz ge- 
ringer Beugung und indifferenter Rollung schien die Reposition 
genügend gesichert zu sein. Nach viermonatlicher Fixation des 
Beines in dieser Stellung wurde das Kind vollständig frei gegeben 
und die Correctur der Primärstellung ganz allmählich durch active 
und passiv-active Gymnastik bis auf einen ganz geringen Rest 
der ehemaligen Abduction bewerkstelligt. Die anfängliche Rigidität 
des Gelenkes liess sich leicht bewältigen. Die Gonfiguration der 
Gelenkgegend war nach jeder Richtung eine vollständig normale, 



— 106 — 

der Schenkelkopf rollte in der Leistenmitte. Auf dem Rücken 
liegend, hat das Mädchen die Gewohnheit, das Bein in eine 
Abductionshaltung zu bringen, welche nur wenig von der ehe- 
maligen Primärstellung differirt. Leider hat die Patientin diese 
Lieblingsstellung auch während der Durchleuchtung des Gelenkes 
beibehalten. Die Abductionshaltung hätte von dem Kinde selbst 
bis auf einen kleinen Rest corrigirt werden können, wenn es 
dazu aufgefordert worden wäre. 

Es sollen aus diesem Bilde (Fig. 12) keine weitgehenden 
Schlüsse gezogen werden, aber das Eine darf aus dem Vergleiche 
desselben mit dem Anfangsbilde des rechten Hüftgelenkes 
(Fig. 11) angenommen werden, dass die rechte Pfanne durch die 
zwölfmonatliche Beherbergung des Schenkelkopfes sowohl eine 
Erweiterung als auch eine Vertiefung erfahren hat, ohne deshalb 
einer normalen Pfanne zu gleichen. Das Hüftbeindach scheint 
grössereDimensionenzubesitzen, als dieselben einer normalen Pfanne 
zukommen, es scheint weiter nach aussen auszuladen, als es für 
eine sichere Stützung des Schenkelkopfes von obenher nothwendig 
wäre; dabei fehlt die gleichmässige Concavität der normalen 
Pfannenhohlkugel. Die obere Hälfte des Frontalschnittes der 
in Ausgestaltung begriffenen Pfanne verläuft ausserdem zu steil, 
das laterale Ende desselben endigt mit einer zu massigen Kante. 
Wenn man sich auch alle Täuschungen vor Augen hält, zu welchen 
das Schattenbild Veranlassung geben kann, so möchte man doch 
sagen, dass sich dieses Bild einer in Umformung begriffenen 
Pfanne von jenem der rudimentären und leeren Pfanne eines 
congenital luxirten Hüftgelenkes ebenso sehr unterscheidet, als 
von dem Schattenbilde einer normalen Pfanne. 

Von der Plasticität des Pfannenlagers beim Kinde gibt 
folgender Fall, welcher typisch ist, einen klaren Beweis: 

Ruth M., 4 Jahre, Pommern. Lux. cox. bilat. Beide 
Schenkelköpfe sind auf der hinteren Fläche des Darmbeines 
tastbar, anscheinend nicht deformirt, die Schenkelhälse sind 
beiderseits gut entwickelt, keinesfalls flach gelegt. Das vor der 
Operation aufgenommene Röntgenbild (Fig. 13) zeigt beiderseits 
eine gut entwickelte knöcherne Pfannendepression, besonders 
links ist der obere Pfannenrand gut markirt. Die Trochanter- 
spitzen stehen beiderseits fast 4 Gentimeter hoch, Rumpfdefor- 
mität und Gehstörung ist classich entwickelt. Nach vorausgeschickter 



— 107 — 

Myorhexis adductorum gelingt die typische Reposition beider Hüft- 
gelenke durch rectanguläre Extension und gleichzeitige Abduction 
aus freier Hand unter höchst auffälligen und markanten Sym- 
ptomen. Die primäre Stabilität schien so gut zu sein, dass die 
nothwendige Abduction schon in dem ersten Verbände mit dem 
Stehen und Gehen vereinbar gewesen wäre. Thatsächlich hatte 
ich die Stabilität überschätzt, denn während der Anlegung des 
Fixationsverbandes erfolgte die Reluxation des linken Schenkel- 
kopfes nach hinten oben unter deutlich fühlbarem Ruck. Der 
Verband wurde sofort entfernt, die Reposition des linken Hüft- 




Fig. 13. Lux. bilat. ; 4jähriges Kind; die knöcherne Pfannengrundlage beiderseits ziemlich gut 

entwickelt. 



gelenkes neuerdings vorgenommen und der linke Schenkel nun- 
mehr in circa 70 Grad leicht überstreckter Abduction fixirt. Der 
rechte Schenkel behält eine annähernde Mittellage in circa 30 Grad 
Abduction bei. Nach 5 Monaten wird der Verband gewechselt. 
Der linke Schenkelkopf ist in der Leistenfurche ausserordentlich 
stark prominent und liegt auf dem horizontalen Schambeinaste 
(vordere Reluxation nach innen). Durch Beugung und Adduction 
wird derselbe in die Tiefe auf die Pfanne zurückverlagert und 
der linke Schenkel nunmehr in geringfügiger Abduction und 
leichter Beugung neuerdings fixirt. Das rechte Hüftgelenk wird 
frei gelassen. Hier rollt der Schenkelkopf knapp nach aussen 
von der Mitte der vollen Leistenfurche. Von nun ab kann die 
Patientin schon recht gut gehen. Nach weiteren 4 Monaten wird 



108 



auch das linke Bein freigegeben und mit der gymnastischen 
Behandlung begonnen. Die früher vorhandene Rumpfdeformität 
ist vollkommen verschwunden, die Ausdauer im Gehen war in 
kurzer Zeit eine vollkommen normale. Die seitlichen Rumpf- 
schwankungen sind nach Ablauf eines Jahres in kaum noch 
störendem Grade vorhanden und können bei einiger Aufmerk- 
samkeit von dem Kinde auch gänzlich unterdrückt werden. 

Das nach Jahresfrist aufgenommene Röntgenbild (Fig. 14) zeigt 
beide Schenkelköpfe in Sabluxationsstellung, nach oben von der 
Sitzdarmbeinfuge verschoben. Rechterseits ist vou einer auf- 
fälligen Pfannenveränderung auf dem Bilde nichts zu ersehen; 

der linke Schenkelkopf 
hingegen hat das rudi- 
mentäre Pfannendach in 
der Weise verändert, dass 
die ehemalige laterale 
Kante desselben in einer 
neu entstandenen, an die 
vorhandene Delle sich un- 
mittelbar nach oben zu 
anschliessenden knöcher- 
nen Vertiefung zum Theile 
aufgegangen ist. Der linke 
S chenkelko p f vermo chte 
sich also ebenso wenig 
wie der rechte in der rudimentären Pfannendelle zu erhalten, 
aber er erweiterte sich dieselbe in der Richtung nach oben und 
gewann ein neugebildetes Pfannendach, unter welchem er ge- 
nügende Stützung fand. Das ursprüngliche rudimentäre Pfannen- 
dach erfuhr auf Kosten des neuentstandenen eine deutlich ersicht- 
liche Einschränkung. 

Es liegt hier ein Beispiel der typisch vorkommenden 
excentrischen Ausgestaltung der rudimentären Pfanne, eine Art 
Pfannenwanderung vor, welche indes nicht minder wie die con- 
centrische Pfannenausgestaltung ein sprechender Beweis für die 
Plasticität der knöchernen Pfannengrundlage beim Kinde ist. 

Ein weiteres Doppelbild bezieht sich auf einen Fall von gerade- 
zu idealer functioneller Heilung. Derselbe betrifft ein 6jähriges 
Mädchen (Johanna C.) aus Mähren, mit Lux. cox. sin. Das sehr 




Fig. 14. Gegenbild zu Fig. 13; Luxat. bilat. Beider- 
seits reponirt. Das linke obere Ff'annendaeh is-t über 
die originäre obere Pfannenkante hinaus erweitert. Die 
neugebildete obere Pfaonenkante hl an ihrem Ende 
etwas nach aussen umgekrempelt (excentrische Aus- 
gestaltung). 



109 



starke und gesunde Kind hat erst mit V/ 2 Jahren gehen gelernt und 
zeigte sofort ein auffälliges Hinken linkerseits. Schliesslich hatte 
die Verkürzung 5 Centmeter erreicht und war sehr starr geworden. 
Das Kind ging nur mehr auf der Fussspitze. Der Schenkelkopf 
sehr mobil, gut vorwälzbar, anscheinend sehr gut entwickelt, 
der Hals lang, schlank, nicht depressionirt, sondern eher etwas 
aufgerichtet. Dementsprechend starke Trochanterprominenz 
verhanden. Das vor der Einrenkung aufgenommene Röntgenbild 
(Fig. 15) bestätigte den klinischen Befund bezüglich der aus- 
nahmsweise guten Kopfentwickelung vollkommen. Hingegen 




Fig. 15. Lux. sin.; öjäuriges Kind; kaum differenzirte knöcherne Pfanne. 



musste aus dem Bilde geschlossen werden, dass die Pfanne 
höchst mangelhaft entwickelt sei, da sie durch eine ganz seichte 
Depression in der Gegend des (nicht sichtbaren) Fugenkreuzes 
kaum angedeutet schien. Angesichts der sehr unnachgiebigen 
Verkürzung mussten grosse Schwierigkeiten bei der Reposition 
vorhergesehen werden, und in der That gesaltete sich die Ein- 
renkung äusserst mühsam. Die Abduction Hess sich nur sehr 
allmählich genügend erweitern, unter hörbarer Zerreissung der 
innersten Muskelbündel. Zur Herabholung des Schenkelkopfes 
musste kräftige Schraubenextension herangezogen werden. Die 
Extension an dem rechtwinkelig gebeugten Oberschenkel com- 
binirt mit Abduction hatte gar keinen Erfolg. Es musste vielmehr 



— 110 — 

von diesem Modus ganz abgesehen und das Einrenkungsmanöver 
über dem gepolsterten Holzkeile in Anwendung gezogen werden. 
Während das Becken festgehalten wurde und der Trochanter 
mit seiner äusseren Fläche auf der Spitze des Keiles lag, stei- 
gerte ich die Abduction aus der rechtwinkeligen Beugung all- 
mählich auf 90 Grad. Auch das war ohne Erfolg. Als aber 
die Abduction in die Hyperextension überging, d. h. als das 
Bein allmählich hinter die Frontalebene zu liegen kam, gelang 
es endlich, den Schenkelkopf über die hintere Pfannenkante zu 
treiben. Dieselbe erwies sich viel besser entwickelt, als es nach 
dem Röntgenbilde den Anschein hatte. Auch der primäre Halt 




Fig. lü. Gegenbild zu Fig. 15. Lux. sin. in Bauchlage durchleuchtet, daher rechts und links 
mit Beziehung auf Fig. 15 verkehrt. Das linke Pfannendach nach aussen erweitert, steil 
gerichtet, mit deutlicher lateraler Kante endigend. Die originäre obere Pfannenkante erscheint 
durch den Kopf nach abwärts gedrückt und ist durch eine opake Spitze oberhalb der Sitz- 
darmbeinfuge angedeutet. 



war nach möglichster Ausdehnung der vorderen Kapsel ein bes- 
serer, als vorher erhofft werden konnte. Immerhin war eine 
Abduction von 50 Grad mit ziemlicher Ueberstreckung zur 
Sicherung der Reposition nothwendig. Diese Primärstellung wird 
nach 6 Monaten auf 2 Gentimeter Abduction corrigirt, ohne dass be- 
sondere Widerstände zu überwinden gewesen wären. Der Schenkel- 
kopf blieb in der Leiste stark prominent. Mit 2 Gentimeter Sohlen- 
erhöhung unter dem gesunden Fusse geht das Kind auf voller 
Sohle ohne jedes Einsinken. Gesammtdauer der Fixation 10 Monate. 
Die restirende habituelle Abduction wird gymnastisch beseitigt. 
Die restirende Wachsthumsverkürzung beträgt kaum 1 Gentimeter. 
Was Ausdauer und Gleichmässigkeit des Ganges betrifft, konnte 



— 111 — 

das Kind 2 Jahre nach der Einrenkung als vollkommen normal 
bezeichnet werden. 

Das nunmehr aufgenommene Röntgenbild (Fig. 16) zeigt 
eine bemerkenswerte Veränderung der rudimentären Pfanne. 
(Die Aufnahme geschah diesmal von vorne, so dass mit 
Beziehung auf Fig. 15 rechts und links verkehrt erscheint.) 
Die ehemals unscheinbare Pfannendepression an der Seiten- 
fläche des Darmbeines (Fig. 15) ist nunmehr zu einem breiten 
Keilausschnitte geworden, dessen Spitze der Darmbeinfuge ent- 
spricht (Fig. 16). Das opake Pfannendach ist steil, seine laterale 
Kante reicht über die Mitte des oberen Kopfpoles hinaus. Die 
Pfannenfläche selbst ist einigermassen unregelmässig; etwas 
weniges oberhalb des lateralen Endes der Sitzdarmbeinfuge zeigt 
dieselbe eine nach unten innen gerichtete opake Spitze. Es macht 
den Eindruck, als sei dies die abgeplattete und nach abwärts 
gedrückte originäre obere Pfannenkante, über welche hinaus 
lateralwärts die Verbreiterung des Pfannendaches erfolgte. 

Der Nachweis einer stattgehabten, oder im Gange begriffenen 
Umwandlung und Ausgestaltung der rudimentären Pfanne unter 
dem Einflüsse des reponirten Schenkelkopfes ist jedoch durchaus 
nicht an die Beibringung von mehreren Schattenbildern des- 
selben Objectes vor und längere Zeit nach ausgeführter Repo- 
sition gebunden. Vielmehr kann eine solche Ausgestaltung auch 
aus dem Solitärbilde eines reponirten Gelenkes erschlossen 
werden, falls dieses letztere eine derartig vorgeschrittene Tiefen- 
und Grössenentwickelung zeigt, wie eine solche der knöchernen 
Grundlage der leeren, nicht functionirenden, rudimentären 
Pfanne des congenital luxirten Hüftgelenkes erfahrungsgemäss 
niemals zukommt; oder wenn das Actinogranmi ganz specielle 
Gonfigurationen an der Pfanne des reponirten Gelenkes zeigt, 
welche als detachirte, die Pfannenhöhle ergänzende opake 
Schatten, oder als stalaktitenähnliche Schattenfiguren auftreten, 
deren Opacität untrüglich auf die stattfindende Knochenneu- 
bildung im Sinne einer Ergänzung oder Vertiefung und Ausgestaltung 
der rudimentären Pfanne hinweist. Da dergleichen Bildungen an der 
leeren Pfanne des congenital luxirten Hüftgelenkes niemals gesehen 
werden, so können dieselben auch ohne Bilderserie als beweisend 
für die durch den eingerenkten Schenkelkopf in Scene gesetzten 
und die Lage desselben sichernden Knochenneubildungen gelten. 



— 112 — 

Einige Beispiele dieser Art mögen hier in extenso Platz 
finden: 

Jilka Sv., 9 Jahre. Groatien. Lux. cox. sin. Sehr kräftiges, über 
sein Alter entwickeltes Kind mit hochgradiger, 5 Centimeter betra- 
gender, dabei sehr starrer Verkürzung des linken Beines, welches 
in maximalster Spitzfassstellung auf den Boden gesetzt wird. 
Der Gang ausserordentlich stark hinkend und ohne jede Aus- 
dauer. (Es war schon früher die blutige Operation vorgeschlagen, 
von den Eltern jedoch entschiedenst abgelehnt worden.) Der 
Schenkelkopf imponirt als massige, etwas unregelmässig ge- 
staltete Halbkugel; der Schenkelhals ist kurz und dick, vielleicht 
auch etwas flach gelegt. Die Chancen der unblutigen Repo- 
sition erschienen zweifelhaft, jedenfalls waren grosse Schwierig- 
keiten zu erwarten. Die Ausführung der Einrenkung rechtfertigte 
diese Befürchtungen im vollsten Maasse. Zunächst war die Herab- 
holung des Schenkelkopfes (trotz vorausgeschickter gründlicher 
Myorhexis adductorum) selbst durch scharfe Schraubenextension 
nicht in ausreichendem Maasse zu erreichen und ich musste zur 
Tenotomie des Biceps. Semitendinosus und Semimembranosus 
(in der Kniekehle) meine Zuflucht nehmen. Bei fortgesetzter 
Schraubenextension und unter scharfem Nachschieben des 
Trochanters von oben her rutschte derselbe unter plötz- 
lichem Ruck in die Tiefe. Bei Nachlass der Extension und 
leichter Verminderung der Abduction glitt er ziemlich lautlos 
wieder in die Höhe. Jedenfalls war damit das Gelingen der 
Reposition so viel wie gesichert. Bei dem Versuche forcirter 
Abduction auf dem Keile passirte der Schenkelkopf den ziemlich 
entwickelten hinteren Pfannenrand unter starkem Ruck und 
lautem Schall, während gleichzeitig in der Leistenmitte die Kopf- 
geschwulst sichtbar wurde. Das Bein stand starr und trug sich 
selbst freischwebend in starker Abduction. Vorsichtshalber wurde 
als Primärstellung eine Abduction von circa 60 Grad ohne 
Ueberstreckung gewählt und durch 3 Monate fixirt. Die 
Stellungscorrectur bis auf 2 Centimeter Abduction war ziem- 
lich schwierig. Der zweite Verband blieb 4 Monate liegen; so- 
dann volle Freiheit bei Tag und Nacht. Nach ganz kurzer 
gymnastischer Behandlung war der Gang zwar noch etwas steif, 
aber vollkommen sicher und ausdauernd und geschah auf 
vollen Sohlen. Das Mädchen blieb weiterhin sich selbst über- 



— 11- 



lassen. l'/ 2 Jahre nach der Einrenkung wurde constatirt, dass 
der Schenkelkopf knapp neben dem Arterienpulse in der ganz 
leicht convex gewordenen Leistenfurche rollte. Die restirende 
Verkürzung betrug kaum 1 Centimeter; Beugung und Streckung 
war bis über den rechten Winkel hinaus vollkommen frei, das 
Abductionsgebiet wesentlich erweitert, Adduction und Innen- 
rollung behindert. Der Gang vollkommen gleichmässig und aus- 
dauernd. Nach der klinischen Untersuchung konnte auf eine 
ziemlich gelungene Restitution geschlossen werden. Das Röntgen- 
bild (Fig. 17) bestätigte diese Annahme. Der klobige Schenkel- 
kopf steht der Sitz darmbeinfuge genau gegenüber und ist durch 
ein ziemlich steiles und 
etwas unregelmässig 
gestaltetes Pfannen- 
dach vollkommen ge- 
stützt. Etwas unterhalb 
und ausserhalb der 
scharf markirten, aber 
doch sehr wenig pro- 
minenten lateralen 
Kante des Hüftbein- 
daches ist ein ganz 
leichter, unregelmässig 
dreieckig gestalteter 
Knochenschatten sicht- 
bar, welcher das an sich steile Pfannendach durch eine laterale, 
den Kopf von oben her vollständig deckende Kante ergänzt. 
(Leider sind diese feinen auf der Platte vollkommen deutlichen 
Details in der Reproduction etwas verwischt.) So wenig diese 
Pfanne, trotz ihrer tadellosen Function in anatomischer Be- 
ziehung als normal gelten kann, ebenso wenig (oder eigentlich 
noch viel weniger) gleicht das actinographische Bild dieses 
seit nunmehr drei Jahren normal functionirenden Hüftgelenkes 
irgend welchem Pfannenbefunde des leeren, congenital luxirten 
Gelenkes. 

Noch deutlicher ist die Ausgestaltung des oberen Pfannen- 
daches durch eine zweifellos neugebildete Knochenkante in dem 
folgenden Falle, der auch in therapeutischer Beziehung einiger 
Beachtung wert erscheint. 

Lorenz, Hüftverrenkung. Q 




Fig. 17. Linkes Hüftgelenk durch unblutige Reposition 
restituirt. 



— 114 — 

Wilhelm S. 5 J., Deutschland. Lux. cox. bilat. Der ausser- 
ordentlich kräftige Junge bot das klinische Bild einer unilateralen, 
linksseitigen Hüft Verrenkung; der Oberkörper kippte beim Auf- 
treten auf das linke Bein stark nach dieser Seite, während erst 
nach längerem Gehen bei eintretender Ermüdung eine leichte 
Gegenschwankung nach der Seite des rechten Beines bemerkbar 
wurde. Das linke Bein zeigte eine sehr starke und unnachgiebige 
Verkürzung von 4 Gentimeter. Der linke Schenkelkopf liess 
sich an der hinteren Fläche des Darmbeines deutlich durchfühlen 
und schien gut geformt. Auch das rechte Hüftgelenk ist zweifellos 
gelockert, der rechte Schenkelkopf ist an seiner hinteren Fläche 
der Betastung deutlich zugänglich, lässt sich aber nicht entfernt 
so stark nach hinten vorwälzen, als der linke. Offenbar war 
auch das rechte Gelenk luxirt, aber der Schenkelkopf musste 
in Anbetracht der guten Function noch eine ausreichende 
knöcherne Stützung besitzen. Die vorhandene Lendenlordose 
überschritt kaum das physiologische Maass. Wegen der un- 
bedeutenden functionellen Störung von Seite des rechten Hüft- 
gelenkes wurde der Fall in therapeutischer Beziehung als 
unilaterale linksseitige Hüftverrenkung aufgefasst und demgemäss 
vorläufig nur das linke Gelenk der unblutigen Reposition unter- 
worfen. Dieselbe gestaltete sich wegen der starren Verkürzung 
recht schwierig und gelang nach mehr als halbstündiger 
anstrengender Arbeit durch bis zur Ueberstreckung gesteigerte 
Abduction auf dem Keile unter classischen Phänomenen. Die 
primäre Stabilität war recht gut, das Bein trug sich federnd 
in circa 45 Grad Abduction, leichter Beugung und geringer 
Auswärtsrollung frei in der Luft. Fixation dieser Primärstellung 
durch 5 Monate, während welcher Zeit mit Ausnahme der 
ersten Woche der Knabe sich ungebunden tummelte. Ein 
zweiter Verband wurde nicht mehr angelegt und die Gorrectur 
der Primärstellung ganz allmählich auf gymnastischem Wege 
durchgeführt bis zu einem kaum noch merklichen Abductions- 
grade, welcher sich selbst überlassen blieb. — Ein Jahr nach 
der Reposition wurde die Durchleuchtung der Hüftgelenke 
vorgenommen (Fig. 18). Das rechte, nicht behandelte Gelenk 
zeigt den Schenkelkopf gegen die ganze flache obere Kante der 
rudimentären Pfanne gestützt. Als Actinogramm gleicht dieses 
Bild vollkommen jenen Fällen von theilweise missglückter 



— 115 - 

Retention. welche als Subluxation des reponirten Schenkel- 
kopfes nach oben (Kantenstellung) zu bezeichnen sind. (Vgl. 
Gap. XXII.) 

Das linke. reponirte Hüftgelenk ist ebenfalls von zweifellos rudi- 
mentärer Bildung, das Pfannendach ist steil und von der originären 
lateralen Pfannenkante nach oben zu kaum andeutungsweise 
abgegrenzt. Dieser fehlende Abschluss wurde durch den func- 
tionellen Pteiz des Schenkelkopfes in Gestalt einer barriereartigen 
Knochenwucherung geschaffen, welche lateral von der originären 
Pfannenkante mit breiter Basis entspringt und mit stalaktiten- 




Fig. IS. Das linke obere Pfannendach durch eine stalaktitenförmige Knoehenneubildtmg erweitert. 



förmiger, scharfer unterer Spitze die deutlich sichtbare Kopf- 
epiphyse fast umgreift. Die knöcherne Grundlage des oberen 
Pfannendaches hat sich unter dem Einflüsse des reponirten und 
functionirenden Schenkelkopfes offenbar erweitert. Denkt man 
sich die Unregelmässigkeiten dieser erweiterten knöchernen 
Pfannengrundlage durch das deckende (diaphane, also auf dem 
Bilde unsichtbare) Knorpelpolster ausgeglichen, so resultirt eine 
zweifellos nicht normale, aber doch vollkommen functionstüchtige 
Pfanne, welche den Kopf sicher festzuhalten vermag und eine 
weitere Verschiebung desselben nach oben nicht mehr gestattet. 
An einer leeren, cl. h. nicht functionirenden, rudimentären Pfanne 
werden solche Knochenneabildungen niemals gefunden. 

8* 



— 116 — 

In functioneller Beziehung ist V[ 2 Jahre nach Beginn der 
Behandlung ein vollkommenes Resultat zu verzeichnen. Der 
Gang des Kindes ist mit Beziehung auf das linke Bein geradezu 
normal; die Functionsstörung am rechten, nicht behandelten 
Hüftgelenke hat durch die Behandlang des linken keineswegs 
zugenommen. Das rechte Gelenk wird daher bis auf weiteres 
sich selbst überlassen, obwohl der Knabe wiederholt die be- 
stimmte Angabe macht, seine Beine seien nunmehr vertauscht, 
denn das rechte sei jetzt das kranke. Im Falle einer thatsäch- 
lichen Zunahme der functionellen Störung wird auch die rechte 
Hüfte derselben Behandlung unterzogen werden. 

Ein weiteres imposantes Beispiel von barriereartiger Knochen- 
neubildung, durch welche der rudimentäre obere Pfannenrand nach 
oben zu weiter fortgeführt wurde, so dass gewissermassen eine neue 
knöcherne Pfanne entstand, liefert ein nächster Fall, welcher 
besonderes Interesse durch den Umstand erweckt, dass hier die 
Reposition mittelst Arthrotomie durchgeführt wurde. 

Maria S., 8 Jahre, Holland. Lux. cox. bilat. Das selten 
schöne und blühende, von Gesundheit strotzende Mädchen stand 
seit Jahren sowohl in ärztlicher als auch in Laienbehandlung. Trotz 
aller Versprechungen vollständiger Heilung war der erreichte 
Erfolg schliesslich gleich Null. Die Trochanterspitzen standen 
6 Centimeter hoch, die Schenkelköpfe Hessen sich beiderseits stark 
nach hinten vorwälzen; dieselben waren klobig, stark abgeplattet und 
sassen auf kurzem steilen Halse. Die Verkürzung schien starr 
und unnachgiebig zu sein. Die Rumpfdeformität war nicht sehr 
hochgradig entwickelt, immerhin hielt das Kind die Kniegelenke 
leicht gebeugt. Auch beim Gehen, welches mit starken Seiten- 
schwankungen des Oberkörpers verbunden war, werden die Knie 
gebeugt gehalten, und die Neigung zum Zehengang ist unver- 
kennbar. Die Ausdauer in der Bewegung mangelt vollständig. Als 
mir das Mädchen vorgestellt wurde, konnte von einer unblutigen 
Einrenkung nicht die Rede sein, vielmehr kam damals noch 
lediglich die operative Reposition in Frage. Ich schwankte lange, 
ehe ich einen Entschluss fassen konnte, obwohl die Mutter zur 
Operation drängte, denn „so" könne und dürfe ihre Tochter 
nicht bleiben. Das liebenswürdige Kind meinte, jetzt müsse doch 
einmal „etwas ordentliches" geschehen, ehe es ganz zu spät 
werde. Ich fürchtete die starre Verkürzung, die minder günstige 



— 117 — 

Form des Schenkelkopfes, vor allem aber die spätere Rigidität 
der operirten Gelenke. Ich wollte deshalb zunächst das eine 
Hüftgelenk reponiren und die Beweglichkeit desselben abwarten, 
ehe über das andere zu entscheiden wäre. Mit der linken Hüfte 
wurde begonnen. Die Starrheit der Verkürzung war lediglich 
durch die stramme Muskulatur des Kindes vorgetäuscht worden. 
Unter der Schraubenextension gaben die Weichtheile überraschend 
gut nach, ohne dass die Tenotomie der Kniekehlensehnen noth- 
wendig gewesen wäre. Lediglich die Adductoren wurden sub- 
cutan getrennt. Nach Eröffnung der ausserordentlich stark ver- 
dickten Gelenkskapsel constatirte der in die Wunde eingeführte 
Zeigefinger ein gut gebildetes und von einem deutlich vorsprin- 
genden oberen Rande überragtes Pfännchen, das wohl auch in 
seinem dermaligen Zustande geeignet schien, dem Schenkelkopf 
wenigstens bei Abductionsstellung des Beines einen ausreichenden 
Halt zu bieten. Die vordere Kapsel wurde bis in die Nähe des 
inneren Pfannenrandes gespalten, um die Passage für den 
Schenkelkopf völlig frei zu machen. Durch scharfe Schrauben- 
extension und starken Druck gegen den Trochanter in der Richtung 
von aussen nach innen schnalzte der Schenkelkopf mit lautem 
Geräusche über den oberen hinteren Pfannenrand und sass bei 
circa 30 Grad Abduction und ganz geringer Ueberstreckung an- 
scheinend verlässlich fest. Die Chancen der späteren Beweglich- 
keit des operirten Gelenkes waren nunmehr günstigere geworden, 
da die Knorpelfläche der rudimentären Pfanne vollständig intact 
blieb. Auch die Reluxationsgefahr konnte gering angeschlagen 
werden, wenn man die Correctur der primären Abductions- 
stellung erst nach völlig solider Vernarbung der Operations- 
wunde in Aussicht nahm. Bei der unverhofften Wendung der 
Sachlage beschloss ich, die Reposition des rechten Hüftgelenkes 
sofort folgen zu lassen. Es wurde hier genau in derselben 
Weise vorgegangen. 

Die rechtseitige Pfanne war ebenfalls recht gut ausgeprägt, 
doch bedeutend flacher. Sowohl die Reposition, als auch die 
Retention gestaltete sich schwieriger. Das rechte Bein musste 
stärker abducirt werden, um den Schenkelkopf in der Pfanne 
zu erhalten. Trotzdem glaubte ich, von der operativen Vertiefung 1 
derselben absehen zu können. Beide Wunden wurden complet 
genäht und durch aseptische Rollbinden, welche um das Becken 



— 3 18 — 

und die Oberschenkel geschlungen wurden, fest comprimirt. Als 
der Gipsverband eben fertig geworden war. schlüpfte unter 
deutlichem Geräusch der rechte Schenkelkopf aus der Pfanne. 
Es war eine peinliche Situation. Ich stand vor der Alternative, 
entweder die Wunde abermals zu öffnen und nachträglich die 
Pfanne doch etwas zu vertiefen, oder aber den Versuch zu 
machen, die Reposition bei intactem aseptischen Verbände noch 
einmal zu bewerkstelligen und die Lage des Schenkelkopfes 
durch noch stärkere Spreizung des Schenkels verlässlicher zu 
sichern. Um die Asepsis nicht zu gefährden, wählte ich das 
letztere Auskunftsmittel. Der Gipsverband wurde entfernt. 
Durch Extension und Abduction gelang dann die Wiederein- 
renkung ohne grosse Schwierigkeit und unter unverkennbaren 
Symptomen. Der Schenkel wurde stärker abducirt und nunmehr 
abermals mit der Anlegung des Gontentivverbandes begonnen. 
Kaum war derselbe zur Hälfte fertig, als die Reluxation des 
rechten Schenkelkopfes ein zweitesmal erfolgte. Abermals wurde 
der Gipsverband entfernt und abermals die Wiedereinrenkung 
ohne Lüftung des aseptischen Compressionsverbandes vorgenommen. 
Der Schenke] wurde diesmal fast rechtwinkelig gespreizt, etwas 
überstreckt und in dieser Stellung durch einen knappen Gips- 
verband fixirt. Nunmehr hielt der Kopf. Nachträglich machte ich 
mir Vorwürfe, dass ich nicht doch die Pfanne künstlich vertieft 
hatte, denn ich musste nach den gemachten Erfahrungen das 
Gelingen der Retention bezweifeln. Der Wundverlauf war tadellos. 
Heilung per primam unter dem ersten Verbände, welcher sechs 
Wochen unangetastet liegen blieb. Die Stellungscorrectur wurde 
unter grosser Vorsicht etappenweise durchgeführt, ohne dass nun- 
mehr eine Reluxation des Schenkelkopfes nach hinten erfolgte. 
Etwa 3 Monate nach der Operation waren die Schenkel einander 
so weit genähert, dass das Kind stehen und gehen konnte. Nach 
fünfmonatlicher Fixation wurde die Patientin frei gelassen. Es 
hatte sich unter dem Einfluss der Ueberstreckung der Hüftgelenke 
eine leichte Lumbalkyphose ausgebildet, welche mit dem Re- 
ginne der Mobilisirung der Gelenke sich spontan zurückbildete. 
Leider ist meine auf die intacte Erhaltung der Pfanne 
basirte Hoffnung einer tadellosen Reweglichkeit der operirten 
Gelenke nur zum Theile in Erfüllung gegangen. Wohl ist die 
Reweglichkeit zweifellos besser, als dieselbe nach künstlicher 



119 — 



Vertiefung der Pfanne bei einem Kinde dieses Alters hätte 
erwartet werden können, aber 2 Jahre nach der Operation ist 
das linke Gelenk nur etwa 20 Grad, das rechte bis zum halben 
rechten Winkel beweglich. Die Abduction ist rechts ziemlich 
frei, links besteht. Adductionsneigung. welche jedoch leicht unter- 
drückt werden kann; dessen ungeachtet kann ich die Prognose 
als günstig bezeichnen, denn es ist doch von Monat zu Monat 
ein Fortschritt zu verzeichnen und die passiven Mobilisirungen 
sind vollständig schmerzlos. Da Patientin mit dem rechten Beine 
genügend ausschreiten kann, ist der Gang sehr gut, bei einiger 
Achtsamkeit kann sie sogar normal gehen. Die Ausdauer ist 
tadellos. Die Gestalt 
lässt auch nicht die 
geringste Spur der 
ehemaligen Deformi- 
tät entdecken. Beide 
Schenkelköpfe sind in 
der äusseren Hälfte 
der etwas volleren 
Leistenfurche promi- 
nent und liegen unter- 
halb und einwärts der 
Spina ant. sup. Beide 

Trochanterspitzen 
stehen deutlich ober- 
halb der Linien. (Genaue Maasse sind wegen der Körperfülle des 
Kindes kaum möglich.) Das linke Bein ist gegen das rechte nicht ganz 
1 Centimeter verkürzt. Nach den Erfahrungen bei der Operation hätte 
man erwarten dürfen, dass das linke Gelenk das bessere Resultat 
ergeben werde, da hier die Pfanne besser entwickelt und die 
primäre Stabilität eine entschieden grössere war; aber gerade 
das Gegentheil traf zu. da das rechte Gelenk nicht nur weitaus 
beweglicher, sondern auch tragfähiger ist als das linke. 

Das 2 Jahre nach der Operation aufgenommene Röntgen- 
bild (Fig. 19) gab diesbezüglich interessante Aufschlüsse. Beide 
Schenkelköpfe stehen oberhalb der Sitzdarmbeinfugen ziemlich 
stark antevertirt. Man kann eigentlich nicht sagen, die 
Schenkelköpfe sind nach oben reluxirt. vielmehr zeigt das 
Bild, dass die Pfannen sich nach oben zu erweitert haben, 




Fig. 19. Die rechte Seite zeigt Pfannenwanderung; der rechte 

Schenkelkopf ist durch einen mächtigen, nengebildeten 

Pfannenrand gestützt, welcher an ein nach abwärts gekehrtes 

Schwalbennest erinnert. 



— 120 — 

dass also eine Art Pfannenwanderung stattgefunden hat. That- 
sächlich ist von einer normal situirten oberen Pfannenkante 
nichts zu entdecken. Vielmehr ist auf der linken Seite eine 
in der Gegend der Knorpelfuge beginnende flache Depression 
der Darmbeinfläche wahrzunehmen, welche nach oben mit einem 
massig scharf geprägten Rande endigt. Dieser Depression liegt 
der sichtlich abgeplattete Schenkelkopf derart gegenüber, dass 
sein oberer, in eine Spitze ausgezogener Pol den oberen Rand 
der Pfannen Vertiefung seitlich etwas überragt. Es ist klar, dass 
ein derartig steil verlaufendes Pfannendach eine weniger gute 
Stütze zu bieten vermag, als ein horizontales. Immerhin muss 
die Stützung, nach der Function und nach der Prominenz des 
Schenkelkopfes in der Leiste zu urtheilen, eine ausreichende 
sein. Ganz anders liegen die Verhältnisse an der rechten Seite. 
Auch hier hat eine Pfannenwanderung nach oben stattgefunden, 
das Pfannendach verläuft jedoch nicht steil, sondern ist voll- 
kommen flach; es bedeckt den oberen Pol des antevertirten 
Schenkelkopfes nicht nur vollkommen, sondern überragt den- 
selben mit einer messerscharfen Spitze sogar noch etwas nach 
aussen. Dieser imposant entwickelte obere Pfannenrand, welcher 
den Vergleich mit einem umgekehrten Schwalbenneste heraus- 
fordert, stellt offenbar die functionelle Neubildung einer 
mächtigen Knochenbarriere vor, welche dem Schenkel- 
kopfe, der unter der Last des Körpers den zu flachen oberen 
Rand der rudimentären Pfanne überschritten hatte und einen 
formativen Reiz auf das überlagernde Darmbein ausübte, 
schliesslich Halt gebot. Die Gongruenz dieses Schwalbennestes 
mit dem Schenkelkopfe erklärt die bessere Beweglichkeit der 
rechten Hüfte. Möglicherweise hat die durch lange Zeit ein- 
gehaltene starke Abduction des rechten Schenkels zur Neubildung 
dieses mächtigen Pfannendaches beigetragen, während der linke 
Schenkelkopf bei der von vornherein geringen Abductionsstellung 
des linken Beines nur einen entsprechend geringeren neoplastischen 
Reiz auszuüben vermochte, welcher sich in der Neubildung einer 
Knochenbarriere von geringerer seitlicher Ausladung erschöpfte. 

Nicht minder deutlich wird die Neubildung eines Pfannen- 
daches durch das Röntgenbild des folgenden Falles illustrirt. 

Julie B., 8 Jahre, Deutschland. Lux. cox. dextr. Patientin 
ist ein blühend gesundes, kräftiges Mädchen. Der Fehler wurde 



— 121 — 

entdeckt, als das Kind mit l 1 /* Jahren allein zu laufen begann. 
Seitdem wurde die Kleine ununterbrochen, aber ohne jeden 
Erfolg behandelt. Die Verkürzung ist sehr bedeutend. Die Fuss- 
sohle des luxirten Beines steht knapp unterhalb des Malleolus 
int. der gesunden Seite. Durch Zug lässt sich die Längendifferenz 
bis auf 2 Centimeter ausgleichen. Patientin ist Zehengängerin. 
Schenkelkopf und Schenkelhals sind gut entwickelt. Die Ein- 
renkung war schwierig und reich an Ueberraschungen. Es wurde 
mit der Dehnung der Adductoren begonnen, welche schliesslich 
mit deutlichem Rupturgeräusche nachgaben. Hierauf in vielen 
Reprisen energische Schraubenextension unter gleichzeitigem 
manuellen Drucke auf den Trochanter. Bei grösster Anstrengung 
konnte die Einrenkung über den oberen Pfannenrand nicht 
erreicht werden. Der Schenkel wurde nunmehr rechtwinkelig ge- 
beugt, in seiner Längsachse stark extendirt und auf dem Keile 
allmählich immer stärker abducirt, bis die Einrenkung über den 
hinteren Pfannenrand unter einem so lauten Knall und einer 
so heftigen Erschütterung erfolgte, dass alle Anwesenden 
und ich selbst an eine Fractur glaubten. Glücklicherweise war 
diese Befürchtung grundlos, vielmehr zeigte es sich, dass die 
Reposition eine überraschend gute primäre Stabilität bot. Bei 
den Versuchen, die zweckmässigste Fixationsstellung zu eruiren, 
rutschte der Schenkelkopf gelegentlich einer versuchten Ueb er- 
streckung mit deutlichem Geräusch aus seiner Repositionslage 
heraus, überschritt wahrscheinlich den oberen Pfannenrand nach 
vorne innen und verankerte sich derart fest, dass alle Versuche 
scheiterten, ihn aus seiner neuen, offenbar nicht ganz correcten 
Stellung zu dislociren. Der Schenkelkopf blieb unverrückbar 
unterhalb und beträchtlich einwärts von der Spina ant. sup. 
stehen und zeigte gegenüber der Verminderung der Abduction 
eine derart solide Stabilität, dass eine vollkommen indifferente 
Strecklage als Primärstellung gewählt werden konnte. Das kranke 
Bein zeigte in dieser Stellung eine Verkürzung von 2 Centimeter, 
welche für alle Zukunft bestehen blieb. Nach dreimonatlicher 
Fixation wird das Kind vollkommen frei gelassen und der 
gymnastischen Behandlung unterzogen. Das Gelenk ist ziemlich 
rigide, es lässt sich jedoch unschwer genügend freie Beugung 
und Streckung bis über den rechten Winkel hinaus erreichen. 
Die klinische Untersuchung vermittelt den Eindruck, als ob der 



122 



Schenkelkopf den horizontalen Schambeinast gegen die Becken- 
höhle zu etwas überragen würde. Augenscheinlich war in diesem 
Falle der Schenkelkopf durch die Reposition nicht concentrisch 
in die rudimentäre Pfanne eingestellt worden, sondern hatte 
dieselbe von vornherein in der Richtung nach oben innen 
etwas überschritten. Der Gang des Kindes ist bei künstlichem 
Ausgleich der Verkürzung ausgezeichnet und von normaler Ausdauer. 
Das Röntgenbild (Fig. 20) bot nicht geringere Ueber- 
raschungen, als die Einrenkung selbst. Die Pfanne erscheint 




Fig. 20. Der neugebildete obere I'fannenrand des rechten Hüftgelenkes deckt den reponirten 
Schenkelkopf wie ein knöcherner Helm. 



nach oben zu gewissermassen in die Länge gezogen, der Kopf 
steht reichlich 2 Gentimeter oberhalb der Knorpelfuge. Der obere 
Rand der Pfanne liegt beträchtlich höher als jener der normalen 
Seite, zeigt einen so scharfen Zuschnitt und ragt so auffällig 
weit nach aussen vor, dass derselbe wohl unzweifelhaft als neu- 
gebildet angesehen werden darf. Es ist gerade so, als ob der 
Schenkelkopf von oben her mit einem Knochenhelm bedeckt wäre. 
Der nachstehende Fall mag sowohl wegen der ausser- 
ordentlichen Schwierigkeit der Behandlung, als auch wegen der 
Deutlichkeit der Pfannenausgestaltung, welche dem durch eine 
Fractur deformirten Schenkelkopfe vollständig conform vor sich 
gegangen ist, hier Aufnahme finden. 



- 123 — 

Anna L.. 10 J.. Deutschland. Lux. cox. bilat. Die anderwärts 
vorgeschlagene blutige Reposition war verweigert worden und 
das Kind wurde mir mit dem Ansinnen zugeführt, die unblutige 
Einrenkung wenigstens noch zu versuchen. In Anbetracht der 
Hochgradigkeit der Deformität musste ich eine zweifelhafte 
Prognose bezüglich des Gelingens der Einrenkung stellen. Immerhin 
hielt ich einen Versuch für gerechtfertigt. Die Zickzackdeformität 
des Körpers war in diesem Falle eine selten hochgradige. Beide 
Knie- und Hüftgelenke befanden sich in stumpfwinkeliger Beugung, 
die Lendenwirbelsäule zeigte eine scharfe Lordose, die Unterbauch- 
gegend w T ar fast horizontal gestellt. Beide Trochanteren sind im 
hinteren oberen Abschnitte der Gesässgegend in unmittelbarer 
Nähe der Crista ilium als prominente Tumoren sichtbar und 
scheinen die Weichtheile durchbohren zu wollen. Ihre Spitzen 
stehen 7 Centimeter oberhalb der Linie. Die Verkürzung ist 
sehr unnachgiebig. Der rechte Oberschenkelkopf ist gut entwickelt 
und normal gestellt, der linke hingegen deutlich abgeplattet, 
ringförmig aufgetrieben, aber frontal gerichtet. Ohne weitere 
vorbereitende Behandlung wurde die Reposition an der rechten 
Seite versucht. Dieselbe gelang nach subcutaner Tenotomie 
der Kniekehlensehnen, der subspinalen Weichtheile und stumpfer 
Ausschaltung der Adductorenwiderstände durch starke, allmählich 
gesteigerte Schraubenextension bei gleichzeitiger Abduction des 
Beines unter deutlichem Ruck und Schall. Der primäre Halt war 
schlecht. Der Schenkel wurde in circa 70 Grad Abduction, 
leichter Ueb erstreckung und geringer spontaner Aussenrollung 
durch 4 Monate fixirt. Die Stellungscorrectur auf 45 Grad 
Abduction (unter Auflassung der Ueberstreckung) war ziemlich 
schwierig und geschah unter Beihilfe meines Hüftredresseurs. 
Der Schenkelkopf blieb dabei unverrückt in der Leiste stehen. 
Nach weiteren 4 Monaten liess sich die noch vorhandene 
Abduction bis auf einen kleinen Rest leicht corrigiren. Ohne 
Intervall wurde nunmehr sofort zur Einrenkung der linken 
Hüfte geschritten. Auch diesmal wurden die Kniekehlensehnen, 
sowie die subspinalen Weichtheile tenotomirt und die Adductoren 
auf stumpfem Wege getrennt. Trotz aller Bemühungen erwies 
sich die Einrenkung auf dem Wege der Extension und Abduction 
diesmal als unmöglich: erst durch Ueberführung des Beines aus 
starker Beugung in Abduction und Ueberstreckung (auf dem 



— 124 — 

Keile) passirt der Schenkelkopf unter deutlichem Ruck die 
hintere untere Pfannenkante und taucht präcise in der verflachten 
Leistenfurche auf. Die primäre Stabilität vertrug sich mit etwa 
50 Grad leicht überstreckter Abduction. In dieser Stellung wurde 
der linke Schenkel fixirt und der rechte frei gelassen. Diesmal 
erlernte das Kind nur mit Unterstützung zu gehen. Nach 
4 Monaten wurde die starre Abduction des linken Schenkels in 
kurzer Narkose bis auf einen kleinen Ptest beseitigt. Das linke 
Kniegelenk war trotz der vorgeschriebenen, aber mangelhaft 
ausgeführten passiven und activen Streckübungen in stumpfem 
Winkel contract geworden. Diese Beugestellung liess sich manuell, 
ohne besonderen Widerstand auf kurzem Wege beseitigen. Das 
Knie wurde in voller Streckstellung provisorisch in den Verband ein- 
bezogen. Sofort nach dem Erwachen der Patientin aus der Narkose 
wurde constatirt, dass der vorher vollkommen normal bewegliche 
Fuss die active Pronation nicht mehr ausführen konnte. Die 
Lähmung blieb bestehen, trotzdem das Knie augenblicklich frei- 
gegeben wurde. Zur Verhütung der zu gewärtigenden Klumpfuss- 
stellung wird eine Unterschenkelfusshülse mit dorsalem Streck- 
zug angelegt. Die passiven und activen Streckungen des linken 
Kniegelenkes werden fortgesetzt. Nach weiteren 4 Monaten wird 
das linke Bein ebenfalls frei gegeben. Die linksseitige Peroneus- 
paralyse besteht fort. Da der linke Schenkelkopf in der Leiste 
stark prominent und die Beugung des Hüftgelenkes dadurch 
behindert ist, wird derselbe (ohne Narkose) durch allmählich 
erzwungene Flexion des Hüftgelenkes depressionirt und das Gelenk 
in Mittelstellung durch 8 Tage neuerdings fixirt. Das linke Gelenk 
behält nach der Abnahme des Verbandes eine geringere Abductions- 
stellung bei, welche mittelst elastischer Adductionsbandage be- 
handelt wird. Zur Zeit der vorläufigen Entlassung des Kindes 
kann das rechte Hüftgelenk als vollkommen normal gelten: 
Beugung und Streckung ist völlig frei. Der Schenkelkopf lässt 
sich nicht mehr nach hinten vorwälzen, sondern bleibt in der 
flachen Leiste unverrückt stehen. Das Zickzack der Gestalt ist 
vollständig verschwunden, der Gang ist rechterseits normal, 
linkerseits noch durch leichte Abductionsstellung der Hüfte und 
durch die Supinationsneigung des Fusses einigermassen gestört. 
Zwei Jahre nach der ersten Operation machen beide Hüftgelenke 
sowohl nach ihrer Function, als nach der klinischen Untersuchung 



125 



den Eindruck einer vollständigen Restitution. Das cosmetische 
Resultat lässt mit Reziehung auf die Gleichmässigkeit des Ganges 
noch zu wünschen übrig, da die Muskulatur stark atrophisch ist. 
Die Peroneusparalyse ist verschwunden. 

Das zwei Jahre nach der ersten Operation aufgenommene 
Röntgenbild (Fig. 21) zeigt linkerseits eine knöcherne Pfanne von 
ganz abnorm ausgedehnten Dimensionen und merkwürdig unregel- 
mässiger Gestalt. Der Roden derselben ist in der Gegend der Knorpel- 
fuge flach und wird oben von einer scharf geprägten Pfannenkante 




Fig. 21. Beiderseitige Reposition bei einem ]Ojährigen Kinde; links hat sich oberhalb der ori- 
ginären eine supplementäre Pfannenkante gebildet; dadurch erscheint die erweiterte Pfanne 
dem durch Fraetur deformirten coxalen Femurende angepasst. Rechts scheint die obere Pfannen- 
kante durch eine hakenschnabelförmig gestaltete (neugebildete) Knochenspitze verlängert. 



begrenzt; eine von hier nach abwärts gefällte Senkrechte trifft den 
Schenkelkopf in seiner äussersten Peripherie, so dass derselbe voll- 
ständig sicher von oben her gestützt erscheint. Oberhalb dieser 
ihrer Lage nach originären Pfannenkante ist ein mächtiges, offenbar 
neugebildetes Knochendach aufgetreten, welches die rudimentäre 
Pfanne über ihre ursprüngliche Grenze hinaus um mehrere Genti- 
meter vergrössert. Zwischen der originären und der neugebildeten 
Pfannenkante ist eine sichelförmig gestaltete Aufhellung des 
opaken Knochenschattens zu bemerken. Offenbar ist die Ver- 
knöcherung der Neubildung an dieser Stelle noch nicht vollendet. 
Gegenüber dem nach innen oben gerichteten Kopfpole zeigt der 



— 120 — 

Pfannenboden eine ganz massige Depression, nach unten innen 
verläuft derselbe bis zum winkelig anschliessenden Sitzbeinaste 
vollkommen flach. Denkt man sich diese unregelmässige Begrenzung 
der Knochenmulde durch das Knorpelpolster einigermassen 
geglättet, so resultirt eine enorm grosse, von der normalen voll- 
ständig verschiedene Form eines in Folge der Reposition eigen- 
thümlich ausgestalteten Pfannengehäuses. Indessen ist auch das 
obere Femurende vollkommen unregelmässig gestaltet: An den 
normal nach oben innen gerichteten Schenkelhals schliesst sich 
ein in der Richtung nach oben aussen abgeknickter atrophischer 
Schenkelkopf. An der inneren Halsperipherie sind diffuse Schatten 
vorhanden, welche wahrscheinlich der Ausdruck eines vom 
Schenkelhalse ausgehenden Knochencallus sein dürften. Zweifellos 
hatte im Momente der Reposition eine damals übersehene 
Schenkelhalsfractur stattgefunden, welche erst durch das Röntgen- 
bild aufgedeckt wurde. Die winkelig geheilte Fractur hatte eine 
vollständige Deformirung des coxalen Femurendes zur Folge. 
Die unregelmässige Gestalt der Pfanne stellt den Ab- 
klatsch der unregelmässigen Gestalt des Schenkel- 
kopfes vor. Aus diesem Umstände kann ein Schluss auf die 
stattgefundene Ausgestaltung derselben gemacht werden. Der 
Schenkelhalsstumpf war durch die möglicherweise etwas pro- 
minenter gewordene originäre Pfannenkante anscheinend genügend 
gestützt. Der nach aussen gerichtete abgebrochene Schenkelkopf 
scheint jedoch die Entstehung einer supplementären Pfannen- 
kante veranlasst zu haben, welche ohne die abnorme Richtung 
des Schenkelkopfes vollkommen unmotivirt gewesen wäre. Auch 
das rechte Hüftgelenk zeigt eine etwas höher gelagerte, stark 
prominente, wie ein Hakenschnabel nach abwärts gekrümmte, 
wahrscheinlich neugebildete laterale Pfannenkante, deren Spitze 
die Mitte des oberen Kopfpoles trifft. 

Die drei folgenden Fälle, welche Kinder mit doppelseitiger 
Luxation nahe oder schon jenseits der günstigen Altersgrenze 
betreffen, verdienen sowohl wegen der deutlichen Pfannen- 
erweiterung, als auch wegen der schwierigen Reposition einige 
Beachtung. Dieselbe misslang in allen drei Fällen auf je einer 
Seite, so dass auf der anderen zur blutigen Operation geschritten 
werden musste. Diese letztere wurde zweimal mit, einmal ohne 
Pfannenvertiefung vorgenommen. Die Fälle bilden sprechende 



— 127 — 

Belege der unvergleichlichen Ueberlegenheit der unblutigen 
Reposition gegenüber der operativen Behandlung. 

Birgit H., 8 J., Norwegen. Lux. cox. bilat. Das stramme 
gesunde Nordlandsmädchen wurde mir durch eine andere 
norwegische Patientin, welche ich der. blutigen Reposition mit 
vorzüglichem Erfolge unterzogen hatte, wärmstens empfohlen. 
Die Wahl der Methode blieb mir anheimgestellt. Obwohl die 
lordotische Deformität ausserordentlich hochgradig war und die 
Trochanterspitzen reichlich 5 Gentimeter ober der Linie standen, 
glaubte ich doch noch die unblutige Reposition versuchen zu 
sollen. Die Schenkelköpfe waren beiderseits gut tastbar und in 
evidenter Weise horizontal gelegt. In Anbetracht der mit 
Sicherheit zu erwartenden Schwierigkeiten konnte in diesem 
Falle von vorneherein nur eine zweizeitige Einrenkung ins Auge 
gefasst werden. Es wurde mit der linken Seite begonnen. Nach 
subcutaner Tenotomie des Semitendinosus, Semimembranosus und 
Biceps in der Kniekehle, gründlicher subcutaner Durchtrennung 
der Weichtheile unterhalb der Spina ant. sup. und stumpfer 
Ausschaltung des Adductorenwiderstandes auf dem Wege der 
Dehnung und Rhexis wurde die Extensionschraube mit grosser 
Vorsicht in Thätigkeit gesetzt und der Trochanter ganz langsam 
herabgeholt. Der Widerstand war nicht allzu gross. Die Einrenkung 
selbst stiess hingegen auf enorme Schwierigkeiten. Durch Extension 
und Abduction war nichts zu erreichen. Ich versuchte die Ab- 
duction auf dem Keile, kam aber auch damit nicht zu Stande. 
Immerhin war das Gelenk durch diese Manipulationen schon 
sehr gelockert. Ich brachte nunmehr den Schenkel in spitz- 
winkelige Flexion, combinirte dieselbe allmählich immer stärker 
mit Abduction und schliesslich auf dem Keile mit Ueberstreckung, 
so dass der abducirte Schenkel hinter die Frontalebene zu liegen 
kam. Plötzlich gaben die noch immer auf das äusserste gespannten 
Adcluctoren mit einem dumpfen Geräusche nach und fast in 
demselben Augenblicke schnellte der Schenkelkopf unter deutlichem 
Ruck und sonorem Geräusche über den hinteren unteren Pfannen- 
rand. Der primäre Halt war nicht allzu schlecht. Auch die 
Reluxationsphänomene waren ausserordentlich deutlich. Der 
Schenkel wurde in circa 70 Grad überstreckter Abduction fixirt. 
14 Tage später corrigirte ich die Stellung unter grosser Vorsicht 
auf 45 Grad Abduction unter Beibehalt der Ueberstreckung, 



— 128 — 

ohne dass Reluxation eintrat. Um Zeit zu gewinnen, wurde die 
Heilung des linken Gelenkes nicht abgewartet, sondern schon 
nach 4 Monaten mit der Behandlung der rechten Seite begonnen. 
Der linke Schenkel behielt nach Abnahme des Fixationsverbandes 
seine federnde, starre Abductionsstellung bei. Hätte ich den an 
der gelungenen linken Seite bereits bewährten Modus procedendi 
beibehalten, so hätte ich wahrscheinlich auch rechts reussirt. 
Ich wollte jedoch, wenn möglich, die Tenotomien umgehen und 
beugte (nach Ausschaltung der Adductoren auf stumpfen Wege) 
den Schenkel ad maximum, während ich das Knie allmählich 
zu strecken versuchte, um die Kniebeuger durch Dehnung 
möglichst zu verlängern. Ich war fast damit zu Stande gekommen, 
als der Schenkelkopf mit dumpfem Krach abbrach. Die Operation 
musste unterbrochen werden, noch ehe ein eigentlicher Re- 
positionsversuch vorgenommen worden war. Der Schenkelkopf 
war in der Richtung von oben nach unten deutlich verschieblich, 
in der Richtung von vorn nach hinten war eine pathologische 
Beweglichkeit desselben kaum nachzuweisen; wahrscheinlich 
handelte es sich um eine subperiostale Infraction. Das Bein 
wurde in ganz leichter Abduction unter scharfer Extension fixirt 
und auch weiterhin mit einem portativen Extensionsverbande 
behandelt. Es war nun meine Absicht, wenigstens 5 bis 6 Monate 
verstreichen zu lassen und dann den unblutigen Repositions- 
versuch neuerdings vorzunehmen. Leider liess ich mich durch 
das Drängen der Mutter beeinflussen und bemass das Interim 
auf nur 8 Wochen. Da ich es nicht wagen durfte, nach so kurzer 
Frist den Schenkelkopf dem mechanischen Insulte einer un- 
blutigen Einrenkung auszusetzen, schlug ich die blutige Re- 
position vor. welche genehmigt wurde. 

Ich führte die Operation in ganz typischer Weise aus. 
Nach Eröffnung der ausserordentlich stark verdickten Kapsel 
zeigte sich, dass der Schenkelkopf in etwas retrovertirter Stellung 
an dem kurzen Schenkelhalse scheinbar sehr fest angeheilt war. 
Das Pfännchen hatte einen sehr gut entwickelten oberen und 
hinteren Rand und einen flachen Boden. Durch Aushebung 
einiger Knorpelschalen wurde es auf eine entsprechende Tiefe 
gebracht. (Die Reposition mittelst blosser Arthrotomie übte ich 
damals noch nicht methodisch aus.) Die der Gelenkseröffnung 
vorausgeschickten Tenotomien erleichterten die Einpflanzung des 



— 129 — 

Schenkelkopfes in sein künstlich vertieftes Lager. Das Bein stand 
in leichter, federnder Abduction. Das in der ersten Sitzung un- 
blutig eingerenkte linke Bein wurde in den Fixationsverband 
mit eingeschlossen und bei dieser Gelegenheit die Abductions- 
stellung desselben etwas verbessert. Der Gipsverband war 
nahezu fertig, als ich den Versuch machte, die beiden Beine 
einander noch etwas weniges zu nähern, um dem Kinde das 
Stehen und Gehen einigermassen zu erleichtern. In der Aus- 
führung dieser löblichen Absicht wurde ich von dem Schicksal 
ein zweitesmal ereilt. Die abducirten Beine folgten einem ganz 
leichten Zuge; als ich gerade damit innehalten wollte, erfolgte 
auf der rechten Seite ein dumpfes Geräusch und das eben noch 
federnde Bein war plötzlich beweglich geworden. Es musste ver- 
muthet werden, dass der soeben eingerenkte Schenkelkopf in 
Folge der Verminderung der Abduction aus der künstlich ver- 
tieften Pfanne entweder nach hinten reluxirt, oder dass — und 
diese Annahme war die wahrscheinlichere — der Schenkelkopf 
an der noch nicht genügend consolidirten Bruchstelle abermals 
fracturirt war. Es blieb nichts übrig, als den Gipsverband zu 
entfernen, neuerdings die Asepsis zu besorgen und die eben 
vernähte Wunde zu lüften. Der eingeführte Zeigefinger fand den 
Schenkelkopf tadellos in der Pfanne sitzend, den Trochanter 
aber an der äusseren Fläche des Darmbeines hoch in die Höhe 
geschoben. Ein von der inneren Fläche des oberen Femurendes 
abgelöster und in die Länge gezogener Perioststreifen ver- 
mittelte die Verbindung der Bruchflächen. Ich liess den Tro- 
chanter durch manuelle Extension herabholen und das Bein 
allmählich in immer stärkere Abduction bringen, bis die 
Spitze des Trochanters an der äusseren Darmbeinfläche An- 
lehnung gewonnen hatte und die Bruchflächen, wenn auch 
unter Klaffen, einander möglichst genähert waren. Die Wunde 
wurde neuerdings versorgt und der Schenkel in sehr starker 
Abduction fixirt. Das unblutig eingerenkte Bein blieb frei. Der 
Wundverlauf war vollkommen reactionslos. Am zweiten Tage 
wurden paretische Erscheinungen an den Zehen bemerkt. Um 
die Spannung des Ischiadicus zu vermindern, durchschnitt ich 
den Verband am Knie circulär und stellte das Kniegelenk in 
Beugung. Der Effect schien evident zu sein, wenigstens konnten 
die Zehen einige Tage später wieder vollkommen frei bewegt 

Lorenz, Hüftverrenkung-. 9 



— 130 — 

werden. Die weitere Behandlung war ein Geduldspiel. Erst nach 
8 Wochen wagte ich es, die Abductionsstellung etwas- zu corri- 
giren und fuhr in Etappen von je 14 Tagen damit fort, bis das 
Kind — post tot discrimina rerum — endlich auf die noch 
immer etwas gespreizten Beine zu stehen kam. Das linke, un- 
blutig operirte Gelenk functionirte unter der folgenden gymna- 
stischen Behandlung bald ganz ausgezeichnet. Auf der blutig ope- 
rirten Seite hingegen stellte sich eine fast unüberwindliche Neigung 
zur Abductionsbeugestellung ein, welche dreimal mit corrigi- 
renden Verbänden und weiterhin mit mühseliger Gymnastik be- 
handelt wurde. Wäre es gelungen, beide Hüften auf unblutigem 
Wege einzurenken, so hätte die ganze Behandlung etwa den 
Zeitraum eines Jahres beansprucht. Das blutig operirte Gelenk 
erforderte die sorgsamste Pflege einer 2 Jahre dauernden gym- 
nastischen Nachbehandlung. Schliesslich gelang es, die Abduction 
zu beseitigen, aber eine ganz leichte Beugung blieb unver- 
besserlich zurück. Bei dieser an Wechselfällen so reichen und 
darum ebenso lehrreichen Behandlung habe ich so recht 
eindringlich die Ueberlegenheit der unblutigen Methode über 
das blutige Verfahren kennen und schätzen gelernt. Nach 
zweieinhalbjähriger Behandlung, ein Zeitraum, welcher aus- 
reichte, die nordische Art und Sprache des Kindes auf den 
Wiener Localton zu stimmen — wurde die Patientin in ihre 
Heimat entlassen. Die Gestalt derselben kann als normal gelten. 
In Folge der vorhandenen geringen Beugestellung des rechten 
Hüftgelenkes ist allerdings eine ganz leicht gesteigerte Lenden- 
lordose vorhanden. Dieselbe erreicht aber nicht entfernt einen 
pathologischen Grad. Die Kniegelenke, welche früher in stumpf- 
winkeliger Beugestellung gehalten wurden, sind vollständig 
durchgestreckt. Das blutig operirte Bein ist 1*5 Gentimeter kürzer 
als das mechanisch eingerenkte. Die Trochanterspitze überragt 
beiderseits die Nelaton'sche Linie, was in diesem Falle in erster 
Linie auf die beträchtliche, rechterseits durch die Schenkelhals- 
fractur noch gesteigerte Varität der Schenkelhälse zurück- 
zuführen ist. 

Das 2 Jahre nach der ersten Operation aufgenommene 
Röntgenbild (Fig. 22) zeigt, dass an der blutig operirten rechten 
Hüfte der Schenkelhals (in Folge der zweimaligen Fractur) noch 
stärker nach abwärts gedrückt ist, als links. Der Schenkelkopf 



— 131 



steht der Knorpelfuge gegenüber. An der mechanisch einge- 
renkten linken Hüfte, welche hier vor allem interessirt, steht der 
horizontal gerichtete Schenkelkopf in einer seichten Pfannen- 
depression, genau gegenüber der Sitzdarmbeinfuge. Von der 
oberhalb der Pfanne gelegenen Partie der Darmbeinfläche ragt 
ein nach unten spitz endigender stalaktitenähnlicher Knochen- 
schatten bis fast auf die obere Fläche des Schenkels herab. 
Dieser Schatten dürfte auf eine periostale Knochenwucherung 
zurückzuführen sein, welche das obere Pfannendach zu erweitern 
bestimmt ist. Aus dem Bilde geht des weiteren hervor, dass der 
Schenkelkopf in der durch das Knorpelpolster ergänzt zu den- 
kenden, nach oben erweiterten 
Pfannendepression eine solide 
Stütze gefunden hat. Trotz der 
habituellen Abduction des an- 
derenblutigreponirten Hüftge- 
lenkes ist der Kopf dem Fugen- 
knorpel gegenüber gestellt ge- 
blieben, ohne dass das Gelenk 
nach der nur 4 Monate dauern- 
den Fixation einer besonderen 
B ehandlung unterzogen wurde, 
denn die ganze Sorge war 
durch das rechte blutig ope- 
rirte Gelenk in Anspruch ge- 
nommen. Der erreichte functionelle Erfolg ist auf der unblutigen 
Seite ein geradezu tadelloser; die Beweglichkeit des Gelenkes ist 
nach allen Seiten vollständig frei, das Abductionsgebiet erweitert. 
An der blutig operirten Seite ist Beugung und Streckung nur im 
Umfange von circa 30 Grad unter Gombination mit gleichzeitiger 
Abduction möglich. Der Gang der Patientin wird durch die man- 
gelhafte Beweglichkeit und leichte Beugestellung des rechten 
Gelenkes etwas beeinträchtigt, ist jedoch, brieflichen Nachrichten 
zufolge, in fortschreitender Besserung begriffen. 

Paula R., 10 Jahre, Preussen. Lux. cox. bilat. Das zarte, 
aber für ihr Alter grosse Mädchen zeigt die denkbar hoch- 
gradigste Pmmpfdeformität, verbunden mit einer entsprechend 
grossen Functionsstörung; beide Kniegelenke werden in Beuge- 
stellung gehalten, die untere Bauchgegend zeigt eine Tendenz 

9* 




Fig. 22. Rechts blutige Reposition mit Schenkel- 

halsfractur complicirt. Linkes Hüftgelenk unblutig 

eingerenkt; Erweiterung des oberen Pfannendaches 

durch stalaktitenförmige Knochenwucherung. 



— 132 — 

zur Horizontalen, die Lende ist tief gesattelt, das Gesäss mächtig 
nach rückwärts prominent. Die Trochanterspitzen drängen die 
dünne Weichtheildecke nach rückwärts empor und stehen 
7 Gentimeter oberhalb der Linie. Der linke Schenkelkopf ist 
unregelmässig gestaltet, scheibenförmig abgeplattet und sitzt auf 
kurzem, deutlich horizontal gelegtem Halse; der rechte Schenkel- 
kopf scheint regelmässiger gerundet, der Schenkelhals ist länger, 
aber ebenfalls flach gelegt. Die Verkürzung ist beiderseits sehr 
unnachgiebig, trotzdem das Kind vielfach mit Extensions- und 
Schienenhülsenapparaten behandelt worden war. Die Mutter 
übergab mir ihr muthiges Töchterchen mit dem Wunsche, es 
möge die Behandlung auf unblutigem Wege gelingen. Wenn 
nicht, dann überlasse sie mir die Wahl der Mittel. Die rechte 
Hüfte schien wegen der günstigeren Verhältnisse des oberen 
Femurendes zu einem Versuche mit der unblutigen Ein- 
renkung aufzufordern. Nach vorheriger subcutaner Tenotomie 
der Kniekehlensehnen, Adductoren und subspinalen Weichtheile 
wurde durch 8 Tage eine scharfe Extensionsbehandlung ein- 
geleitet. Hierauf Repositionsversuch mittelst Extension des abdu- 
cirten und leicht einwärts gerollten Beines unter gleichzeitigem 
Druck auf den Trochanter von oben nach unten und von innen 
nach aussen. Die Weichtheile gaben bei vorsichtiger und lang- 
samer Steigerung des Schraubenzuges in erfreulichster Weise nach. 
Um die Weichtheile nicht zu sehr in Anspruch zu nehmen, 
wurde die Extension intermittirend angewendet. Als der Schenkel- 
kopf schätzungsweise im Niveau der Pfanne stand, glitt er unter 
dem Drucke der gegen den Trochanter wirkenden Hand plötzlich 
etwas in die Tiefe und stand beim Nachlassen der Extension 
einen kurzen Moment fest, um sofort nach oben zu reluxiren. 
Die Reposition über den oberen Pfannenrand wurde öfters, aber 
jedesmal mit demselben Piesultate wiederholt. Der Schenkelkopf 
konnte keinen genügenden Halt am oberen Pfannenrande finden. 
Ich nahm daher zu den Gircumductionsmanövern meine Zuflucht 
und erweiterte vor allem das Abductionsgebiet durch nach- 
trägliche Rhexis einiger stark gespannter Adductorenbündel, 
welche dem Tenotom entgangen waren. Durch Abduction auf 
dem Keile gelang es dann, den Schenkelkopf unter deutlichen 
Erscheinungen über den hinteren Pfannenrand zu zwingen. Nach 
tleissiger Einbohrimg des Schenkelkopfes in die Pfannentasche 



- 133 — 

durch Rollbewegungen und gleichzeitig wirkendem Schub in 
medialer Richtung konnte für denselben allmählich genügend 
Raum gewonnen werden. Immerhin war die Stabilität für eine 
mittlere Abductionsstellung zu gering und es schien räthlich, 
den Schenkel zunächst in fast rechtwinkeliger Abduction und 
deutlicher Ueb erstreckung zu fixiren. Nach 14 Tagen wurde die 
extreme Stellung auf circa 60 Grad Abduction vermindert und 
die Ueberstreckung auf volle Strecklage reducirt. Der Fixations- 
verband blieb durch 7 Monate unangetastet. Während dieser 
Frist konnte das Kind leidlich gut umhergehen. Nach Ablauf 
derselben wurde das Bein in fast indifferente Stellung gebracht 
und mittelst einer abnehmbaren Hülse temporär fixirt. Das ein- 
gerenkte rechte Bein war 6 Centimeter länger geworden. Mit 
einer entsprechend hohen Sohle unter dem linken Fusse ging 
das Mädchen genau so, wie es einer unilateralen linksseitigen 
Luxation zukommt. Die Behandlung der linken Hüfte begann 
14 Monate nach der rechtsseitigen Reposition. Auch diesmal 
wurden die Kniekehlensehnen, die Adductoren und die sub- 
spinalen Weichtheile tenotomirt und nach einigen kräftigen 
manuellen Tractionen die präparatorische Extensionsbehandlung 
unter stärkerer Belastung durch 8 Tage fortgeführt. Bei dem 
Einrenkungsversuche wurde genau in derselben Weise vor- 
gegangen wie seinerzeit. Leider waren alle Bemühungen gänzlich 
vergebens. Weder gelang es, den Schenkelkopf über den 
oberen, noch über den hinteren oder unteren Pfannenrand 
zu treiben. Wohl Hess sich derselbe in das Niveau der 
Pfanne herabholen, aber mit keinem Mittel und selbst nicht auf 
dem Wege extremster Abduction und stärkerer Ueberstreckung, 
wollte es gelingen, denselben nach vorne zu führen und über 
den Pfannenrand zu pressen. Der rechte Schenkelkopf war trotz 
aller gewaltsamen Manipulationen und trotz des ümstandes, dass 
die Perinealschlinge gelegentlich auf den rechten Oberschenkel 
abglitt, unverrückt an seinem Platze geblieben. Es war zu ver- 
wundern, dass die gracilen Knochen des Kindes den Gewalt- 
einwirkungen, welchen dieselben ausgesetzt worden waren, so gut 
widerstanden. Obwohl eine Fractur trotz genauester Untersuchung 
nicht gefunden werden konnte, schien doch eine auffallende 
Beweglichkeit der linken Darmbeinschaufel vorhanden zu sein. 
Möglicherweise war die ganze linke Beckenhälfte in der Symphysis 



— 184 — 

sacro-iliaca und in der Symphysis ossium pubis etwas gelockert 
worden. Unter solchen Umständen musste jede weitere Bemühung 
eingestellt werden. Auch die Erschöpfung der physischen Kräfte 
des Operateurs und der Assistenten geboten Halt. Das Bein 
wurde durch 4 Wochen fixirt. Glücklicherweise war auch nicht 
die geringste Motilitätsstörung eingetreten. Trotz der allgemeinen 
Enttäuschung bestanden Mutter und Tochter auf der Fortsetzung 
der Behandlung. Es konnte selbstverständlich jetzt nur mehr die 
blutige Reposition in Frage kommen. Ich beabsichtigte, dieselbe 
ohne künstliche Vertiefung der Pfanne mit blosser Hilfe der 
Arthrotomie auszuführen. Vier Wochen nach dem verunglückten 
Versuche der unblutigen Reposition eröffnete ich das linke Hüft- 
gelenk in typischer Weise. Vor allem fiel die ganz kolossale, 
schätzungsweise 1 Gentimeter erreichende Verdickung der Kapsel 
auf. Ferner constatirte der in die Gelenkshöhle eingeführte Finger 
den ausserordentlich engen schlitzförmigen Zugang zur Pfannen- 
tasche, deren vordere fibröse Wand der knöchernen Pfanne 
direct aufgelagert war. Unter solchen Verhältnissen hatte die 
unblutige Reposition begreiflicherweise misslingen müssen. Die 
Pfanne selbst war zwar abgeflacht, stellte aber eine immerhin 
genügend tiefe Nische dar, um den glücklich eingebrachten 
Schenkelkopf festzuhalten. Durch Verlängerung des Kapsel- 
schnittes eröffnete ich einen breiteren Zugang zur Pfannentasche 
und trennte unter einem die Vorderkapsel bis in die Nähe des 
inneren Pfannenrandes. Nunmehr war die Passage für den 
Schenkelkopf frei. Sowie derselbe jedoch in die Nähe des 
hinteren oberen Pfannenrandes herabrückte, schob sich eine 
dicke Kapselfalte wie eine trennende Coulisse von obenher 
zwischen Schenkelkopf und Pfannenrand ein. Unter einiger 
Schwierigkeit wurde dieselbe excidirt. Nunmehr zeigte sich, dass 
trotz energischer Schraubentraction der Schenkelkopf wohl bis 
an den Pfannenrand herabrückte, aber die letzten wenigen 
Millimeter waren nicht zu überwinden. Den starrsten Widerstand 
bietend, stand der Schenkelkopf wie angewurzelt fest. Auch die 
Einkerbung des ziemlich scharfen Limbus cartilagineus mit dem 
Knopfmesser half nicht aus der Verlegenheit. Das Ziel war 
einfach nicht zu erreichen. Ich musste den Plan einer that- 
sächlichen Reposition des Schenkelkopfes in die unverletzte 
Pfanne aufgeben und höhlte mittelst des scharfen Löffels eine 



— 135 — 

ganz flache Nische zwischen dem oberen Pfannenrande und der 
Spina ant. inf. aus. Ein Theil der Spina wurde mit 
entfernt. Diese Nische stellte einen kleinen Einschnitt in 
die Basis der Vorderkante des Darmbeines dar. hatte also, 
was ausdrücklich betont werden muss, mit der hinteren 
Fläche des Darmbeines absolut nichts zu thun. Durch Ueber- 
streckung des Schenkels und kräftiges Vortreiben des Trochanters 
liess sich der Schenkelkopf gegen die künstlich geschaffene 
Nische anstemmen. Die Stellung des Schenkelkopfes entsprach 
nunmehr einer vorderen Reluxation nach oben auf die Spina 
ant. inf., wie eine solche nach der unblutigen Reposition 
so häufig beobachtet wird. Meine Absicht war, das Becken, 
wenn schon nicht in die Pfanne selbst, so doch wenigstens an 
seiner Vorderkante durch den Schenkelkopf direct und knöchern 
zu unterstützen. Die Wunde wurde versorgt, complet genäht, 
der Trochanter durch fest angezogene, das Becken umkreisende 
Rollbinden aus aseptischer Gaze gegen sein neues Lager an- 
gepresst und das Bein in massiger Abduction und evidenter 
Ueberstreckung mittelst Gipsverbandes fixirt. Der Wundverlauf 
war tadellos. Der erste Verband blieb 6 Wochen liegen. Nach 
Ablauf dieser Zeit (während welcher prima intentio eingetreten 
war) wurde die Ueberstreckung und Abduction um ein Geringes 
verbessert und das Kind nach Hause entlassen. Mit einem hohen 
Schuh unter dem linken Fusse erlernte die Patientin das Gehen 
recht gut. Nach sechsmonatlicher Fixation wurde das blutig 
operirte Gelenk frei gelassen und die noch vorhandene Abductions- 
stellung gymnastisch behandelt. Der rechte, unblutig reponirte 
Schenkelkopf stand unverrückt in seiner Pfanne, obwohl dieses 
Gelenk monatelang einer gewissen Reluxationsgefahr ausgesetzt 
war, da die künstlich fixirte Abduction der blutig reponirten 
Hüfte eine habituelle Adduction des rechten, mechanisch repo- 
nirten Gelenkes nahe legte. Es ist bemerkenswert, dass der 
operativ reponirte Schenkelkopf leicht mobilisirt werden konnte, 
indem sehr bald eine Flexionsfähigkeit bis über den halben 
rechten Winkel erreicht war. Zweifellos functionirt das unblutig 
reponirte Gelenk ungleich besser als das operativ behandelte, ja 
man darf sagen, dass das erstere in jeder Beziehung völlig nor- 
mal ist. Beugung und Streckung sind bis zum spitzen Winkel 
frei, das Abcluctionsgebiet ist beträchtlich erweitert, nur Ad- 



— 130 — 

duction und Innenrotation ist eingeschränkt. Der Schenkelkopf 
rollt knapp nach aussen von der Mitte der voll gewordenen Leiste. 
Der Trochanter steht nur ganz wenig oberhalb der Linie, ein 
Umstand, der wesentlich durch Flachlegung des Schenkelhalses 
bedingt erscheint. Der linke, operativ reponirte Schenkelkopf ist 
in der Leiste unterhalb und etwas einwärts von der Spina ant. 
sup. prominent. Das linke Bein ist entsprechend dem höheren 
Stande des Schenkelkopfes 1*5 Centimeter gegenüber dem 
anderen verkürzt. Die Gestalt des Mädchens ist eine vollständig 
normale geworden; von der ehemals hochgradig entwickelten 
Lordose ist auch nicht die geringste Spur zurückgeblieben. 




Fig. 23. Rechterseits unblutige Reposition. Das erweiterte obere Pfannendach reicht wie eine 
Klaue über den Schenkelkopf hinaus und scheint sich in die obere Furche des Schenkelhalses 

einzugraben. 



Auch der Gang ist gegen früher unvergleichlich gebessert und 
kann, so weit das rechte Bein in Frage kommt, als vollkommen 
normal bezeichnet werden. Beim Auftreten auf das linke Bein ist 
noch ein leichtes Einsinken vorhanden. Wird die vorhandene Ver- 
kürzung dieses Beines zum Ausgleich gebracht, so vermag das Kind 
fast ganz gleichmässig zu gehen. Die Ausdauer lässt nichts zu 
wünschen übrig. 

Das Röntgenbild (Fig. 23), welches 2 Jahre nach Be- 
ginn der Behandlung angefertigt wurde, lässt rechterseits, 
also an dem unblutig behandelten Gelenke, eine enorm in 
die Länge ausgedehnte, nach unten zu offene Pfanne erkennen, 
deren oberes, fast horizontal verlaufendes Dach mächtig nach 
aussen vorspringt. Die lateralste Kante desselben ist klauenförmig 



— 137 — 

nach unten abgebogen und umklammert den Schenkelkopf derart 
von oben her. dass sie mit ihrer Spitze sich in die obere Furche 
des Schenkelhalses einzugraben scheint. Eine derartige Pfannen- 
bildung kann weder als normal bezeichnet werden, noch gleicht 
sie auch nur im Entferntesten einer leeren, nicht functionirenden 
Pfanne. Es bleibt nur die Annahme offen, dass diese letztere 
unter dem Einflüsse des eingerenkten Schenkelkopfes sich um- 
gestaltet haben müsse. Das Röntgenbild des linken, blutig ope- 
rirten Gelenkes kommt für die uns hier beschäftigende Frage 
nicht in Betracht. 

Marie X., 7 Jahre, Böhmen. Lux. cox. bilat. Im Alter 
von 2 Jahren war mir das Kind zum erstenmale vorgestellt 
worden. Schon damals entsprach der Gang vollständig einer 
doppelseitigen Verrenkung; auf der rechten Seite schien die 
Functionsstörung grösser zu sein als links. Von einer Be- 
handlung wurde damals abgesehen, da mir der Fall für eine 
operative Reposition nicht geeignet schien. Der Schenkel- 
hals war beiderseits ausserordentlich kurz und der Schen- 
kelkopf schien mir sowohl deshalb, als auch wegen seiner 
Abplattung eine zu geringe mediale Ausladung zu haben. 5 Jahre 
später sah ich das Kind abermals. Die Deformität des Rumpfes 
hatte sich bis zu dem denkbar höchsten Grade entwickelt. 
Die Trochanteren waren fast bis an die Grista ilium hinauf ge- 
schoben, standen reichlich 6 Gentimeter hoch und Hessen sich 
durch Extension nur sehr wenig nach abwärts dislociren. Die 
Schenkelköpfe machen nunmehr, ganz entgegengesetzt dem ehe- 
maligen Befunde, den Eindruck einer ziemlich guten Ent- 
wickelung und auch der Schenkelhals ist nicht allzu kurz und 
jedenfalls normal gerichtet. Bei der Hochgradigkeit der Dis- 
location und der Starrheit der Verkürzung schien sich die ein- 
zeitige Reposition beider Gelenke von vornherein zu verbieten. 
Die Herabholung des rechten Schenkelkopfes erforderte die sub- 
cutane Tenotomie der Kniekehlensehnen und der subspinalen 
Weichtheile. Die anfänglich angewendete Schraubenextension 
wurde aus Furcht vor zu energischer Wirkung schliesslich durch 
intermittirende, aber sehr starke manuelle Tractionen ersetzt. 
Die Einrenkungsversuche durch forcirte Abduction auf dem 
Keile hatten trotz der grössten Anstrengungen lange Zeit keinen 
Erfolg, bis endlich, als ich die Sache als aussichtslos schon auf- 



— 138 — 

geben wollte, unter lautem Geräusche die Einrenkung erfolgte. 
Der primäre Halt war ziemlich gut und der Schenkel konnte in 
circa 45 Grad leicht überstreckter Abduction fixirt werden. 
Die Reposition hatte über eine Stunde gedauert. Leider zeigte 
sich nach dem Erwachen des Kindes aus der Narkose eine 
complete Peronäusparalyse, ohne dass indess neuralgische 
Schmerzen hinzutraten. Die Verhältnisse des Kindes hatten es 
mir wünschenswert erscheinen lassen, eine präparatorische 
Extensionsbehandlung zu umgehen. Angesichts der erzeugten 
Zerrungslähmung bedauerte ich zu spät, diese wichtige Vor- 
sichtsmassregel ausser Acht gelassen zu haben. Schon nach 
3 Monaten wurde der Verband vom rechten Schenkel ent- 
fernt. Die Peronäuslähmung bestand unverändert fort. Der 
Schenkelkopf rollte knapp nach aussen von der Leistenmitte 
und die Bewegungen des Gelenkes waren sofort ziemlich 
frei. Um die Behandlung nicht zu sehr in die Länge zu 
ziehen, wurde schon jetzt die unblutige Reposition auch des 
linken Hüftgelenkes ins Auge gefasst. In Anbetracht der Schwie- 
rigkeiten, welche die rechte Seite geboten hatte und um eine 
neue Zerrungslähmung zu vermeiden, wurde diesmal eine prä- 
paratorische Extensionsbehandlung beschlossen. Die Einleitung 
derselben bildete die subcutane Tenotomie der Kniekehlen- 
sehnen und der subspinalen Weichtheile; die Adductoren wurden 
auf stumpfem Wege zur Dehiscenz gebracht. Durch einige ma- 
nuelle und vorsichtige instrumentelle Tractionen konnten sofort 
einige Gentimeter gewonnen werden. Nach Beendigung der 
kurzen Narkose wurde die permanente Gewichtsextension durch 
8 Tage angewendet und hierauf zur Reposition geschritten. 
Dank der vorbereitenden Behandlung gelang es ohne grosse 
Schwierigkeit, den Schenkelkopf bis unter die Spina ant. sup. 
herabzuziehen. Nach mannigfachen Bemühungen konnte der 
Schenkel so weit mobilisirt werden, dass jede gewünschte Ein- 
stellung, selbst die extremste Abduction und Ueberstreckung 
unschwer zu erreichen war. Trotzdem blieb es unmöglich, die 
Einrenkung zu erzwingen. Der Schenkelkopf war einfach nicht 
nach vorne zu bringen. Wahrscheinlich war derselbe zu gross, 
die Kapsel zu starr und unnachgiebig, der Eingang zur Pfannen- 
tasche zu eng und durch die extremen Abduetionsstellungen 
verlegt. Durch die fortgesetzten Einrenkungsversuche war die 



— 139 — 

ganze linke Beckenhälfte schliesslich gelockert. Eine Fractnr 
Hess sich nirgends nachweisen, hingegen schien die Symphysis 
ossinm pubis, sowie die Symphysis sacroiliaca deutlich nach- 
giebig zu sein und die Darmbeinschaufel liess sich etwas 
hin und her bewegen. Unter solchen Umständen mussten 
alle weiteren Einrenkungsversuche sistirt werden. Die unblu- 
tige Reposition des linken Gelenkes war also einfach miss- 
lungen. Das Becken und der linke Oberschenkel wurden durch 
einen Verband fixirt. Glücklicherweise war dank der vorberei- 
tenden Extension diesmal eine Zerrungslähmung nicht erzeugt 
worden. Patientin hatte gar keine besonderen Beschwerden zu 
erdulden. Ich wollte die weitere Behandlung aufgeben, aber der 
Vater des Kindes war damit nicht einverstanden. Wenn die 
unblutige Einrenkung nicht möglich sei, so solle ich es mit der 
blutigen Operation versuchen. So unternahm ich 3 Monate 
nach dem misslungenen unblutigen Einrenkungsversuche die 
operative Reposition mittelst Arthrotomie. Unter andauernder 
manueller Extension wurde der gewöhnliche Hautschnitt ge- 
macht, zwischen hinterem Rande des Tensor fasciae latae und 
vorderem Rande des Glut, medius in die Tiefe bis auf die Kapsel 
vorgedrungen und dieselbe eröffnet; sie war über 0*5 Milli- 
meter dick und ihr Gewebe knirschte unter dem Messer. Der 
tastende Finger constatirte ein ziemlich gut entwickeltes Pfännchen 
mit scharfem hinteren Rande. Der Boden desselben war aller- 
dings flach. Das Bein wurde nunmehr in Einwärtsrollung ge- 
stellt und scharfer Extension in Abductionsstellung unter- 
worfen. Zeige- und Mittelfinger beider Hände blieben in der 
Wunde, um das Herabsteigen des Schenkelkopfes zu controliren, 
während beide Daumen von aussen auf den Trochanter gelegt 
wurden, um im geeigneten Momente einen kräftigen, medial gerich- 
teten Druck gegen denselben auszuüben. Trotz aller Bemühungen 
gelang dies nicht. Die Finger erlahmten, aber der Kopf war 
nicht zu zwingen, den Pfannenrand zu überschreiten. Nun ver- 
suchte ich die gewöhnlichen Repositionsmanöver. Auch diese 
misslangen. Wurde der Schenkel rechtwinkelig gebeugt, so stand 
der Schenkelkopf gerade so weit hinter dem hinteren Pfannen- 
rande, als er bei indifferenter Streckstellung oberhalb des oberen 
Randes lagerte. Bei spitzwinkeliger Beugung des Schenkels hin- 
wider stellte er sich weit unterhalb des unteren Pfannenrandes 



— 140 - 

ein. Auf diesem Wege war also nichts zu erreichen. Auch die 
Asepsis schien dabei aus naheliegenden Gründen Gefahr zu laufen. 
Es blieb nichts übrig, als das Extensionsmanöver neuerdings aufzu- 
nehmen und langsam fortzusetzen. Als es nach den grössten Anstren- 
gungen wieder einmal gelungen war, den einwärts rotirten Schenkel- 
kopf in das Niveau des Pfannenrandes zu bringen, schnappte 
derselbe unter Nachhilfe eines mit Aufgebot aller Körperkräfte 
gegen den Trochanter wirkenden medialen Druckes unter deut- 
lichem Schnalzen endlich über die Pfannenkante und stand fest. 
Unter dauernder Extension des abducirten und einwärts gerollten 




Fig. 24. Beiderseitige Reposition ; rechts unblutig massig entwickeltes oberes Pfannendacli, 
links durch Arthrotomie 7jähriges Kind. 



Schenkels wurde zunächst die Wunde versorgt, bis auf eine kleine 
mediale Lücke (ohne Drainage) vollständig genäht und mit asep- 
tischen Gaze-Rollbinden comprimirt. Hierauf legte ich unter an- 
dauernder Extension und Beibehaltung der oben angedeuteten 
Stellung den Gontentivverband zunächst bis zum Kniegelenke 
an. Nach dem Erhärten desselben liess ich die Extension bei- 
seite, beugte das Kniegelenk stumpfwinkelig (um die Spannung des 
Ischiadicus zu vermindern) und verlängerte den Verband bis zu 
den Malleolen. Die Motilität des Fusses wurde glücklicherweise 
nicht im mindesten beeinträchtigt. Der Wundverlauf war voll- 
kommen fieberlos. Es erfolgte Heilung per primam unter dem 
ersten Verbände, welcher (J Wochen liegen blieb. Hierauf vor- 



— 141 — 

sichtige Gorrectur der Abduction in mehreren Etappen. Das 
schliesslich erreichte cosmetische und functionelle Resultat konnte 
2 Jahre nach der ersten Operation, nachdem auch die recht- 
seitige Peroneusparalyse verschwunden war. als ein vollkommenes 
bezeichnet werden. 

Das nunmehr aufgenommene Röntgenbild (Fig. 24) zeigt 
beiderseits, sowohl an der rechten unblutig reponirten, als 
auch an der linken mit Zuhilfenahme der Arthrotomie ein- 
gerenkten Hüfte, die charakteristischen, nach unten zu offenen, 
oben hingegen durch ein mächtiges Knochendach abgeschlossenen 
Pfannengruben. In den tief gehöhlten oberen Nischen derselben 
sitzt der linke Schenkelkopf vollkommen eingeschachtelt: der 
rechte Schenkelkopf überragt die mächtige, horizontal nach aussen 
strebende, rechtseitige obere Pfannenkante um ein Minimum. Auch 
diese Pfannen (namentlich die rechtseitige) sind offenbar weder 
von normaler, noch weniger aber von rudimentärer Bildung und 
können nur als das Product einer Ausgestaltung durch die re- 
ponirten Schenkelköpfe aufgefasst werden. 

Auch der folgende Fall ist für die Frage der Pfannenaus- 
gestaltung von Interesse, indem er nach doppelseitiger, zwei- 
zeitiger, unblutiger Reposition die rudimentäre Pfanne in ver- 
schiedenen Phasen der Umformung zeigt. Diese letztere ist aus 
den strahlen- oder zackenförmigen Knochenschatten zu vermuthen, 
welche vornehmlich an jenen Stellen der rudimentären Pfanne auf- 
treten, die eines ergänzenden Ausbaues bedürfen, also beson- 
ders an dem lateralen Ende des rudimentären Pfannendaches. 

Regine P. ; 5 J., Galizien. Lux. cox. bilat. Die Haltung des 
Kindes entspricht einer doppelseitigen Verrenkung: nach dem 
Gange könnte man eine unilaterale rechtsseitige Luxation ver- 
muthen. Jedenfalls schwankt das Kind ungleich stärker nach der 
rechten als nach der linken Seite. Die rechte Trochanter- 
spitze steht 4 Centimeter hoch, die linke überragt die Linie nur 
um ein Geringes. Der rechte Schenkelkopf lässt sich völlig nach 
hinten vorstülpen, ist gut entwickelt und frontal gerichtet. Der 
linke sitzt locker, lässt sich zwar deutlich als luxirt erkennen, 
aber nicht entfernt so stark vorwälzen, als der rechte. In An- 
betracht der auf der rechten Seite ungleich stärker entwickelten 
Deformität wird der Fall therapeutisch vorderhand als unilaterale 
Luxation behandelt und das rechte Gelenk der Reposition unter- 



— 142 — 

zogen. Dieselbe gelang ohne Schwierigkeit nach Myorhexis adduc- 
torum und manueller Extension durch forcirte Abduction auf 
dem Keile unter eclatanten Symptomen und bot sofort einen 
ziemlich guten Primärhalt, so dass der Schenkel in der verhältnis- 
mässig geringen Abduction von circa 30 Grad bei leichter 
Beugung und massiger, spontaner Aussenrotation (primäre Mittel- 
lage) fixirt und nach 5 Monaten vollständig frei gelassen werden 
konnte. Die klinische Untersuchung constatirte nunmehr rechts 
anscheinend absolut normale Gelenksverhältnisse. Links war eine 
Verschlimmerung der Situation weder anatomisch noch functionell 
nachweisbar; wohl aber war sofort evident, dass das rechte 
reponirte Gelenk ungleich besser functionirte als das andere, 
bisher sich selbst überlassene. Das Kind ging nämlich jetzt 
genau so, wie es einer linksseitigen Verrenkung entsprach, Das 
Schwanken des Körpers war nur beim Auftreten auf den linken 
Fuss vorhanden. Es wurde daher auch die Reposition des linken 
Schenkelkopfes beschlossen und 6 Monate nach der ersten 
Einrenkung ausgeführt. Dieselbe gelang ebenso leicht, wie seinerzeit 
auf der rechten Seite, aber die primäre Stabilität war viel 
geringer. Der Schenkel musste der Sicherheit halber diesmal in 
fast rechtwinkeliger, leicht überstreckter Abduction fixirt werden. 
Nach 4 Monaten wurde die Abduction auf circa 30 Grad ver- 
mindert und die Ueberstreckung in ganz geringe Beugestellung 
überführt (secundäre Mittellage). In diesem zweiten Verbände, 
welcher 5 Monate getragen wurde, machte die Patientin Masern 
durch. Sie wurde angewiesen, den Verband zu Hause im warmen 
Bade abzulösen. Um eine Ansteckungsgefahr zu vermeiden, 
wurde die abermalige Vorstellung des Kindes erst 8 Wochen 
später zugelassen. Mittlerweile blieb die Patientin sich selbst 
überlassen. Das rechte Gelenk schien vollkommen normal geblieben 
zu sein, an dem linken war noch ziemlich starke Abduction 
vorhanden, welche gymnastisch behandelt wurde. Das cosmetische 
und functionelle Resultat gestaltete sich in kurzer Zeit zu einem 
so vorzüglichen, dass man von absoluter Heilung sprechen 
konnte. 

Das IV2 Jahre nach der ersten, rechten (1 Jahr nach 
der zweiten, linksseitigen) Einrenkung aufgenommene Röntgen- 
bild (Fig. 25) zeigt rechterseits eine abnorm grosse und tiefe, 
nach unten offene, oben von einer hakenförmig nach abwärts 



143 



gebogenen Spitze abgeschlossene Pfanne. Von dieser Spitze, 
also von der lateralsten Kante des oberen Pfannendaches, gehen 
strahlenförmige Schattenbündel aus, welche muthmasslich der 
Ausdruck einer stattgefundenen Knochenneubildung sind. (In der 
Reproduction sind diese strahligen Schattenbündel verwischt. 
auf der Glasplatte hingegen von ausserordentlicher Deutlichkeit.) 
Wenngleich diese Pfanne, nach der guten Primärstabilität zu 
urtheilen, von Anfang an eine bessere Ausbildung besessen 
haben mochte, so war diese letztere jedenfalls nicht genügend, 




Fig. 25. Beiderseitige unblutige Reposition mit charakteristischen nach unten offenen, oben 
durch ein weitausladendes mit hakenförmig nach abwärts gebogener Spitze endigendes Pfannen- 
dach geschlossen; von der lateralsten Kante desselben gehen büschelförmig geordnete, opake 

Knochenschatten aus. 



den Schenkelkopf bei indifferenter Beinstellung zu fixiren. Erst 
nach der Vertiefung der Pfanne auf dem Wege eines Ausbaues 
der oberen Pfannenkante wurde die Reposition nicht nur für 
die indifferente Streckstellung, sondern sogar für die Adduction 
stabil. Die linke Pfanne ist ungleich flacher, nach unten zu 
offen, nach oben zu verschwommen abgegrenzt. Der Schenkel- 
kopf tritt mit seiner lateralen Hälfte unter dem wenig ent- 
wickelten Pfannendache vor. Aber an der lateralsten Kante 
desselben sind büschelförmig nach unten und aussen aus- 
strahlende opake Knochenschatten aufgetreten, welche in eine 
nach unten ragende Spitze — die in Neubildung begriffene 



144 



obere Pfannenkante — zusammenfliessen. (Diese strahlig an- 
geordneten Schatten sind auf der Reproduction wenigstens 
angedeutet, auf dem Originale aber vollkommen deutlich und 
bieten den zierlichsten Anblick.) Allem Anscheine nach dürfte 
auch diese von vornherein viel mangelhafter entwickelte Pfanne 
im Laufe der Zeit eine der rechtsseitigen analoge Ausbildung- 
erfahren. 

Dass der in die Pfanne reponirte und mit dem Körper- 
gewichte belastete Schenkelkopf einen normativen Reiz auf sein 




Fig. 2ii. Beiderseitige operative Reposition ; Ojähriges Kind. Die Pfannenränder sind besonders 
links durch neugebildete Knochengrate fortgeführt 



Lager ausübt, welcher eine knöcherne Fortführung und Aus- 
gestaltung der Pfannenränder durch barriereartige Knochen- 
leisten zur Folge hat, zeigt sich auch deutlich an den Röntgen- 
bildern operativ reponirter Gelenke. Es möge hier ein Beispiel 
für viele genügen. Fig. 26 zeigt das Durchleuchtungsbild der Hüft- 
gelenke eines 9jährigen Mädchens, welches nach misslungener 
unblutiger Reposition beiderseits der operativen Einrenkung mit 
künstlicher Pfannenvertiefung unterzogen worden war. zwei Jahre 
nach dem Eingriffe. Selbstverständlich kann hier nicht die Tiefe 
des Bodens der Pfanne als beweisend für ihre Ausgestaltung 
durch den Schenkelkopf herangezogen werden, da diese Tiefe ja 
künstlich geschaffen wurde. Wohl aber kann mit Bestimmtheit 



— 145 — 

behauptet werden, dass die Gestalt des oberen Pfannenrandes , 
namentlich am linken Gelenke, ganz gewiss kein Kunstproduct 
des scharten Löffels ist, sondern eine barriereartige Knochen- 
neubildung vorstellt, welche unter dem Functionsreize des Schenkel- 
kopfes genau in derselben Weise entstanden ist, wie nach der 
unblutigen Reposition des Schenkelkopfes auf den intacten 
Pfannenboden. Auch in rein morphologischer Beziehung entspricht 
diese Knochenneubildung vollkommen jenen nach der unblutigen 
Einrenkung entstehenden Knochengraten, durch welche der obere 
Pfannenrand in lateraler Richtung fortgebildet und die rudi- 
mentäre Pfanne auf eine genügende Tiefe gebracht wird. 

Wer seinUrtheil über einen Behandlungserfolg ausschliesslich 
oder auch nur vorwiegend von dem Röntgenbilde abhängig 
macht, würde durch Fig. 26 in drastischer Weise über seinen 
Irrthum belehrt werden. Es kann ja gar keinem Zweifel unter- 
liegen, dass die blutige Reposition einwandfreiere anatomische 
Resultate liefert als die unblutige Einrenkung. Aber dieselben 
brilliren häufig nur auf der Röntgenplatte. In der That sehen 
sie oft genug ganz anders aus. Man könnte sich verleitet fühlen, 
nach dem obigen Schattenbilde (Fig. 26) auf einen ausgezeichneten 
Erfolg zu schliessen; dass aber hier eine doppelseitige Operations- 
ankylose vorliegt, welche allen bisherigen Bemühungen Trotz 
geboten hat, davon lässt das Röntgenbild nichts vermuthen. Es 
ist nicht unwahrscheinlich, dass die Fortführung der Pfannen- 
ränder durch die neugebildeten Knochenbarrieren zu der 
Bewegungshemmung beiträgt. 

Einer späteren von allem Anfange hierauf abzielenden 
Untersuchung, welche allerdings weder die Mühe noch die 
Kosten der im Laufe mehrerer Jahre immer wieder neuerdings 
vorzunehmenden Durchleuchtungen desselben Gelenkes scheuen 
darf, wird es leicht fallen, die hier vorgeführten Beispiele nach 
Belieben zu vermehren. 

Vorderhand dürften auch diese letzteren vollauf genügen, 
unl die Behauptung zu unterstützen, dass der eingerenkte 
Schenkelkopf, falls es gelingt, ihn überhaupt auf der Pfanne zu 
halten, ganz zweifellos im Stande ist, umgestaltend auf sein neues 
Lager einzuwirken und dadurch die Reposition für jede beliebige 
Beinstellung stabil zu machen. Misslingt es aus irgend welchem 
Grunde, den Schenkelkopf an seinem neuen Standplatze künstlich 

Lorenz, Hüftverrenkunjr. -j ß 



— 146 — 

zu fixiren, so entfällt damit auch seine plastische Wirkung auf 
die rudimentäre Pfanne und diese letztere bleibt unverändert. 
Von der Richtung der Verschiebung des Schenkelkopfes hängt 
es dann ab, ob noch ein functionelles Resultat zu gewärtigen 
ist. oder ob die therapeutischen Bemühungen vollständig scheitern. 

Dass es „nicht immer" gelingen würde, den eingerenkten 
Schenkelkopf auf der Pfanne zu erhalten, das war in Anbetracht 
der unendlichen Schwierigkeit des Problems wohl vorauszusehen 
und wird unter besonders ungünstigen anatomischen Ver- 
hältnissen vielleicht für immer unerreichbar bleiben. 

Zweifellos gelingt die Erhaltung der Reposition einer ver- 
besserten Technik schon heute ungleich häufiger als früher und 
es steht zu erwarten, dass dieses Gelingen bald die Regel sein 
werde. 

Vorläufig darf behauptet werden, dass für jene Fälle, in 
welchen die künstliche Erhaltung des Schenkelkopfes auf der 
rudimentären Pfanne während eines genügend langen Zeitraumes 
durchgeführt werden konnte, diese künstliche Retention von 
einer durch die Umgestaltung der rudimentären Pfanne bewirkten 
natürlichen Retention abgelöst wurde, dass also die rudimentäre 
Pfanne den Schenkelkopf schliesslich festzuhalten vermochte, und 
dass das „Verständnis des Kindes" diesmal Recht behalten hat. 

XIV. Transposition oder Reluxation? 

In starrem Festhalten an der falschen Analogie zwischen 
traumatischer und congenitaler Hüftverrenkung verlangte man 
von der Reposition der letzteren die sofortige und vollständige 
Wiederherstellung der Integrität des Gelenkes. Da die unblutige 
Einrenkungsbehandlung diese Integrität weder sofort, noch über- 
haupt in jenem Sinne herstelle, wie die Reposition des traumatisch 
verrenkten Gelenkes, so könne man im ersteren Falle eigentlich 
von einer Reposition nicht sprechen. Was man schliesslich 
erreiche, sei keine Reposition, sondern eine blosse Transposition 
des Schenkelkopfes nach vorne. Der Schenkelkopf mag wohl im 
unmittelbaren Contact mit der Pfanne sein, aber er werde von 
derselben nicht nur nicht eingeschachtelt, sondern lasse sich 
kaum für den Augenblick, geschweige denn für die Dauer auf 
derselben festhalten. 



— 147 — 

Mit diesen und ähnlichen Einwendungen suchte man mit 
wenig Glück den Wert der unblutigen Einrenkung herabzusetzen, 
geradeso, als ob ich nicht selbst immer wieder auf die grosse 
Labilität der Reposition hingewiesen und nicht bei jeder Gelegenheit 
betont hätte, dass jenes Resultat, welches die Reposition einer 
traumatischen Verrenkung mit einem Schlage erreicht, bei der 
congenitalen Luxation erst nach längerer Zeit wenigstens annähernd 
gewonnen werden könne, wenn die gelungene Retention zu einer 
plastischen Umbildung der rudimentären Pfanne geführt hat. 

Ob der Name „Transposition nach vorne" bezeichnender 
ist, als der Ausdruck Reposition wollen wir sofort untersuchen. 

Transposition des Schenkelkopfes bedeutet im Grunde 
genommen nichts anderes als eine Lageveränderung desselben ; 
eine Transposition nach vorne ist demnach eine Lageveränderung 
des Schenkelkopfes in der Richtung nach vorne. 

Selbst das erklärende Epitheton entkleidet den Ausdruck 
nicht seines Charakters als Sammelname. Ueber die Grösse der 
Verlagerung ist damit gar nichts gesagt. 

Eine Transposition des Schenkelkopfes nach vorne gegen 
den hinteren Pfannenrand bedeutet in therapeutischer Beziehung 
lediglich eine Stellungsverbesserung desselben. Selbst wenn 
diese Verlagerung bis auf die iliacale Böschung des hinteren 
Pfannenrandes gediehen wäre, kann man nur von einer Stellungs- 
verbesserung sprechen, denn die Luxation nach hinten bleibt 
nach wie vor als solche bestehen. 

Gelingt es, den Schenkelkopf noch weiter nach vorne über 
den Grat des hinteren Pfannen randes hinüberzutreiben, dann 
kommt diese „Transposition nach vorne" einer Reposition im 
Sinne der congenitalen Verrenkung gleich. 

Nun bildet der hintere Pfannengrat gewissermassen die 
'Grenzscheide zwischen der radicalen und palliativen Therapie. 
Jede Methode, welche den Schenkelkopf nicht über den hinteren 
Pfannenrand hinüber „nach vorne" transponirt. muss immer 
nur eine palliative bleiben. Jede Methode hingegen, welche bewirkt, 
dass der Schenkelkopf so weit „nach vorne" transponirt wird, 
dass er den hinteren Pfannengrat überschreitet, muss zu den 
radicalen gezählt werden, da sie, wenn die Retention gelingt, 
auch radicale Heilung zu erzielen im Stande ist. Der Sammel- 
name ..Transposition nach vorne" bietet demnach keine Hand- 

10* 



— 148 — 

habe zur Unterscheidung einer radicalen von einer bloss palliativen 
Methode. 

Wenn der Schenkelkopf, wie dies vorkommt, den Boden 
der Pfanne in der Richtung nach innen verlässt und sich auf 
dem horizontalen Schambeinaste postirt, so ist die Schluss- 
position wieder eine „Transposition nach vorne"; und wenn der 
Schenkelkopf, wie dies noch häufiger vorkommt, den Pfannen- 
boden in der Richtung nach oben wieder verlässt und sich 
oberhalb des oberen Pfannenrandes an die Spin. ant. inf., oder 
noch höher oben verankert, so ist diese Schlussstellung abermals 
eine „Transposition" nach vorne. 

Dieser vage Ausdruck bezeichnet also weder die Grösse der 
Stellungsveränderung des Schenkelkopfes, noch den Weg auf 
welchem derselbe seine Schlussstellung erreichte, indem voll- 
kommen unklar bleibt, ob dieser Weg über die Pfanne führte 
oder nicht; ebenso wenig präcisirt derselbe die schliessliche Lage- 
beziehung des Schenkelkopfes zur Pfanne überhaupt. 

Ich kann aus diesen Gründen die Bezeichnung ..Trans- 
position nach vorne" als eine viel zu allgemeine nicht acceptiren, 
sondern würde empfehlen, den Namen „Reposition" beizubehalten, 
dabei aber von der Reposition im Sinne der traumatischen 
Verrenkung zu abstrahiren und an jene Reposition im Sinne der 
congenitalen Verrenkung zu denken, welcher unter den gegebenen 
anatomischen Verhältnissen jeweilig möglich ist. Ist diese Reposition 
in Folge ungünstiger Grössenverhältnisse der Gelenkskörper eine 
labile, so bleibt sie nichtsdestoweniger doch immer noch eine 
Reposition. Wenn schon nicht in der Pfanne, so sitzt der 
Gelenkskopf doch wenigstens auf der Pfanne. Man bezeichne 
eine solche Reposition ganz einfach als eine labile. Sind die 
Grössenverhältnisse der Gelenkskörper günstiger, so wird die 
Reposition zu einer entsprechend stabilen. 

Hat der Schenkelkopf den Pfannenboden wieder verlassen, 
dann spreche man naturgemäss von Relaxation. 

Geschieht die Reluxation auf den horizontalen Schambein- 
ast, so ist dies eine Reluxation nach innen, und da der Schenkel- 
kopf dabei an der vorderen Beckenwandung verbleibt, eine 
„vordere Reluxation nach innen". 

Verlässt der auf die Pfanne gesetzte Schenkelkopf diese 
letztere in der Richtung nach oben und verbleibt derselbe an 



— 149 — 

der vorderen Fläche des Beckens, respective der Darmbeinschaufel, 
so besteht eine ,, vordere Reluxation nach oben". Recidivirt der 
Status quo ante, so haben wir eine „Reluxation nach hinten" vor uns. 

Der Ausdruck „Transposition nach vorne" bleibe demnach 
für jene Fälle reservirt. in denen die Reposition misslang und 
der Schenkelkopf nur bis in eine grössere, oder geringere Nähe 
des hinteren Pfannenrandes nach vorne verlagert werden konnte. 
Die Transposition nach vorne ist demnach eine Pseudoreposition. 

Es liegt durchaus nicht in meiner Absicht, die Dinge etwa 
schöner zu färben, als sie in Wirklichkeit sind, und durch den 
Namen Reposition auf eine vollständige Analogie mit der 
Reposition bei der traumatischen Verrenkung hinweisen zu 
wollen; ich bevorzuge lediglich eine klare und präcise Nomen- 
clatur gegenüber einem vagen Sammelnamen und bleibe bei der 
Bezeichnung Reposition und Reluxation. so lange keine bessere 
an ihre Stelle gesetzt wurde. 

Wie ich fürchten muss. handelt es sich hier aber gar nicht 
um einen Streit um den Namen. Dieser kann ja gleichgiltig sein, 
wenn man nur den richtigen Begriff damit verbindet. 

Der Name Reposition ist auch für die congenitale Luxation 
ein vollkommen zutreffender, wenn man demselben jenen Sinn 
unterlegt, welcher für die obwaltenden anatomischen Verhältnisse 
der einzig mögliche ist. 

Aber man wollte die Möglichkeit einer Reposition der 
congenitalen Hüftverrenkung überhaupt nicht zugeben und so 
fand die wenigst glückliche Benennung den grössten Anklang. 

Hatte man doch mit der „Transposition nach vorne" ein 
gelegenes Schlagwort gewonnen, um die unblutige Reposition zu 
discreditiren. 

Der neue Name machte es so bequem, die Frage nach 
dem „wieweit'' nach vorne vollständig zu übersehen und damit 
die radicalen und palliativen Methoden in einen und denselben 
Sack zu stecken. 

Unter den vielen Gradationen einer „Transposition nach 
vorne" ist eben die thatsächliche Reposition des Schenkelkopfes 
auf die Pfanne (im Sinne der congenitalen Verrenkung) gerade 
die richtige und einzig angemessene. 

Diese eine Transposition nach vorne, welche mit der 
Reposition zusammenfällt, also die Verlagerung des dislocirten 



— 150 — 

Schenkelkopfes in oder auf die rudimentäre Pfanne ist die einzig- 
rationelle Basis der weiteren Behandlung. 

Wenn ich gesagt habe, „dass die Methode der unblutigen 
Einrenkung keinesfalls darin besteht, die Stellung des Schenkel- 
kopfes zu verbessern und denselben in dieser verbesserten Stellung 
zu fixiren, sondern dass die unblutige Einrenkung ebenso wie 
die blutige Reposition ein radicales und kein palliatives Mittel 
sei", so konnte dies vernünftigerweise doch nur auf die Reposition 
bezogen werden: einem ernsten Menschen hätte es schlechterdings 
nicht einfallen können, von vornherein zu behaupten, dass auch 
die Retention ebenso oft gelingen müsse als die Reposition. 
Mit Rücksicht auf diese letztere Frage habe ich mich stets sehr 
reservirt ausgesprochen und immer nur Hoffnungen Raum ge- 
geben. 

Die Erfahrung hat gezeigt, dass sich diese Hoffnungen zum 
mindesten in einem grossen Theile der Fälle erfällt haben. 

Umsoweniger habe ich Grund, meinen obigen Ausspruch 
heute zu widerrufen. Die unblutige Einrenkungsbehandlung 
ist thatsächlich eine radicale Methode, da sie radicale 
Heilung erzielen kann. Wenn die Retention oft misslingt, so 
liegt der Grund hiefür jedenfalls nicht in der mangelhaften Re- 
position, sondern lediglich in der noch unzulänglichen Reten- 
tionsmethode. welche gewiss noch weiterer Verbesserung- 
fähig ist. 

Auch die blutige Reposition wird eine radicale Methode 
genannt, obgleich ihre Resultate im allgemeinen sicherlich gegen 
jene der unblutigen Methode zurückstehen, und obgleich auch die 
Refutationen bei der blutigen Methode nichts Seltenes sind. 

Einem hartnäckigen Gegner meiner Methode — Herrn 
Kirmisson in Paris — bereitet es offenbar grosse Genugthuung. 
die Thatsache der häufigen Reluxationen bei der unblutigen 
Methode mit meinem obigen Ausspruche bei jeder sich ergebenden 
Gelegenheit unter besonderem Nachdrucke zu confrontiren. 

Ich verarge dem geehrten Herrn Gollegen ein wenig 
Schadenfreude nicht, aber eine Verbesserung der Mängel der 
Retentionsmethode wäre jedenfalls verdienstlicher, freilich auch 
viel schwieriger gewesen als der wohlfeile Spott, über den ich 
mich zu trösten weiss. 



151 



XV. Altersgrenzen der unblutigen Einrenkung. 

Bis zu welchem Alter bleibt die congenitale Hüftverrenkung 
der unblutigen Einrenkung zugänglich? 

Selbstverständlich lässt sich auf diese Frage nur eine 
Durchschnittsantwort geben. Im einzelnen Falle kann eine be- 
sonders sorgfältige und ohne Rücksicht auf Zeit und Mühen 
durchgeführte Behandlung, können nachgiebige Weichtheile. 
lockere Beschaffenheit der Gelenksbänder bei gracilem Knochen- 
bau und sonstige individuelle Momente die Altersgrenze nach 
oben verschieben, während in einem anderen Falle entgegen- 
gesetzte Verhältnisse diese Grenze herabdrücken. 

Die besonderen Umstände eines oder des anderen günstigen 
Falles können mich jedoch keinesfalls veranlassen, die durch- 
schnittliche Altersgrenze der Einrenkbarkeit höher anzusetzen. 

Zur Zeit meiner ersten Mittheilung über die unblutige Me- 
thode habe ich auf Grund meiner damaligen Erfahrungen den 
Satz aufgestellt, dass die unblutige Reposition des congenital 
luxirten Hüftgelenkes bei doppelseitigen Verrenkungen noch im 
fünften, bei einseitigen Verrenkungen noch im sechsten Lebens- 
jahre mit der allergrössten Wahrscheinlichkeit erreichbar ist 
(1. c. p. 531). 

Die verbesserte Technik erlaubte allmählich eine Verschie- 
bung der Altersgrenzen nach oben hin bis über das zehnte 
Lebensjahr hinaus; aber damit begannen sich auch die Rubriken 
der Unfallsstatistik zu füllen und es kam an den Tag. dass die 
Einrenkung, namentlich wenn sie bei grösseren Widerständen 
entsprechend forcirt werden musste, nicht ohne Gefahren ist. 

Die gereiftere Erfahrung muss daher, nach manchem 
schmerzlichen Lehrgelde, die Altersgrenze wieder tiefer stellen, 
dabei aber einen durchgreifenden Unterschied zwischen der ein- 
seitigen und doppelseitigen Verrenkung machen. 

Bezüglich der einseitigen Verrenkung kann man sagen, dass 
dieselbe im Allgemeinen bis in das zehnte Lebensjahr der un- 
blutigen Einrenkung zugänglich bleibt: man wird aber schon 
vom siebenten oder achten Jahre an von vornherein mit Schwie- 
rigkeiten rechnen müssen. Ja ich zähle diesseits des zehnten 
Lebensjahres drei einseitige Luxationen im Alter von 6, 8 und 
9 Jahren, deren unblutige Reposition misslang. 



— 152 — 

Gegenüber der doppelseitigen Verrenkung ist die Macht- 
sphäre der unblutigen Reposition wesentlich beschränkter und 
man wird wenig fehlen, wenn man das siebente, höchstens das 
achte Lebensjahr im Allgemeinen als das Grenzalter betrachtet. 

Im grossen Ganzen liegen also die Altersgrenzen, inner- 
halb welcher die unblutige Einrenkung ein vollkommen unge- 
fährliches und wahrscheinlich erfolgreiches Unternehmen dar- 
stellt, nicht sehr viel höher als meinen ersten Angaben ent- 
spricht. 

Schon im sechsten und siebenten Lebensjahre kann die un- 
blutige Reposition der doppelseitigen Verrenkung in einzelnen 
Fällen schon recht bedeutenden, ja sogar unüberwindlichen 
Schwierigkeiten begegnen. Im achten Jahre ist das Gelingen 
schon recht unsicher und darüber hinaus darf man auf das 
wahrscheinliche Misslingen rechnen. Vereinzelte glückliche Aus- 
nahmen beweisen nichts dagegen. 

Die Ursache, weshalb die beiderseitigen Luxationen der 
unblutigen Einrenkung viel weniger lang zugänglich bleiben 
als die einseitigen, liegt vor allem in der grösseren und unnach- 
giebigeren Verkürzung. Während der einseitig luxirte Patient das 
kranke Bein durch stärkere Beanspruchung des gesunden Beines 
schont, bleibt dem Träger einer doppelseitigen Luxation dieser 
Vortheil nicht nur versagt, sondern die Belastung der Gelenke er- 
fährt durch das Trägheitsmoment des hin- und herschwingenden 
Oberkörpers noch eine weitere Steigerung. Der Kapselschlauch 
wird sich dem entsprechend durch Verdickung seiner Wand 
bedeutend verengern und die gewöhnlich hochgradigeren Ver- 
änderungen der Gelenkskörper selbst tragen ein Uebriges dazu bei, 
die doppelseitige Luxation der unblutigen Einrenkung frühzeitig 
unzugänglich zu machen. 

Die ältesten Kinder mit einseitiger Verrenkung, deren Re- 
position mir noch gelang, zählten in drei Fällen 11. in vier Fällen 
12, je einmal 13 und 15 Jahre. Als eine ganz besondere Aus- 
nahme erwähne ich den Fall einer 25jährigen jungen Dame mit 
einseitiger Luxation, deren unblutige Einrenkung wider Erwarten 
ohne allzu grosse Schwierigkeit gelang. Allerdings lagen alle 
Vorbedingungen ausnahmsweise günstig. Die Behandlung war in 
diesem Falle wegen quälender Schmerzen und zeitweilig voll- 
ständigem Unvermögen zu gehen unternommen worden. 



— 153 — 

Die ältesten Kinder mit doppelseitiger Luxation, deren Re- 
position beiderseits gelang, zählten in zwei Fällen 8, in einem 
Falle 10 Jahre. 

Einseitig gelang die unblutige Reposition bei bilateraler 
Luxation noch an einem 9- und an einem 10jährigen Kinde. 

Meine Unfallsstatistik lehrt, dass man gut thun wird, an 
den bezeichneten Altersgrenzen festzuhalten und jede Forcirung 
der Einrenkung auch innerhalb derselben zu vermeiden. 

Glücklicherweise steht in sicherer Aussicht, dass die während 
der letzten Jahre so wichtige Frage der Altersgrenze ihre Actualität 
bald verloren haben wird. 

Das interessirte Publicum nimmt sehr lebhaften Antheil an 
den Fortschritten der Luxationstherapie und ist nach meinen 
Erfahrungen darüber in der Regel weit besser unterrichtet als 
im Allgemeinen selbst die Aerzte. 

Es wird also wenigstens in gebildeten Kreisen zukünftig 
nicht leicht vorkommen, dass ein Termin versäumt wird, welcher 
immerhin den Zeitraum von wenigstens 6 Jahren umfasst. 

Ganz im Gegentheile habe ich die Wahrnehmung gemacht, 
dass die Luxationskinder schon gegenwärtig sehr früh, oft genug 
zu früh zur Behandlung gebracht werden. 

Es erübrigt daher, auch die untere Altersgrenze für die 
Inangriffnahme der Behandlung anzusetzen. 

Während die Anhänger der mechanischen Extensions- 
therapie natürlich darauf dringen müssen, dass der kleine 
Patient möglichst frühzeitig, sobald das Gebrechen überhaupt 
diagnosticirbar geworden ist, der Gefangenschaft im Streckbette 
unterworfen werde, hat die unblutige Einrenkungsbehandlung 
gar keine Ursache, dem kleinen Weltbürger so früh zur Last zu 
fallen. Ihre Aufgabe ist während der ersten Lebensjahre so leicht, 
dass sie in aller Müsse warten kann, bis das Gebrechen sich 
gehörig declarirt. 

In der Regel sind die Kinder l 1 4 bis l 1 , 2 Jahre alt geworden, 
ehenian auf das Gebrechen der Luxation überhaupt aufmerksam wird. 

Aus den schwankenden Erstlingsschritten eines kleinen 
Kindes wird man nicht gleich auf eine Luxation schliessen 
dürfen: erst das bleibende oder zunehmende Schwanken oder 
das dauernde und sich verschlimmernde einseitige Hinken wird 
den Verdacht auf Luxation erregen. 



— 154 — 

Man wird also überhaupt selten in der Lage sein, ganz 
kleine Kinder zur Untersuchung zu bekommen. 

Auf jeden Fall soll die Repositionsbehandlung, wenn sie 
als nothwendig erkannt wurde, erst dann in Angriff genommen 
werden, wenn der kleine Patient bettrein geworden ist, denn 
ohne strenge Reinlichkeit ist die Behandlung mit Dauerverbänden 
schwer durchführbar. 

Demnach wird die Einrenkungsbehandlung frühestens Mitte 
des zweiten oder noch besser im Verlaufe des dritten Lebens- 
jahres zu beginnen sein. 

Ich halte es für vollkommen überflüssig, die Kinder mittler- 
weile mit irgendwelcher Präventivmassregel zu quälen; vielmehr 
sollen sie ohne jede Paieksicht auf das luxirte Bein die völligste 
Freiheit geniessen. 

Schwächliche Kinder schliesse man von der Einrenkungs- 
behandlung überhaupt insolange aus, als sie sich nicht gekräftigt 
haben. 

Der Grundsatz: „Je früher, um so besser," darf also im 
Falle der congenitalen Luxation ohne Schaden für den Patienten 
viel laxer gehandhabt werden als z. B. beim congenitalen 
Klumpfusse. 

Im Allgemeinen wird man also mit der Behandlung beginnen 
können, wenn das Kind bettrein geworden und sonst gesund ist. 

XVI. Ueber die Behandlung jener Fälle von angeborener 
Hüftverrenkung, welche der unblutigen Reposition nicht mehr 

zugänglich sind. 

Trotz des langen Termines, innerhalb dessen die unblutige 
Reposition noch gelingt, wird es immer Nachzügler geben, 
welche denselben versäumen. 

Aber auch selbst innerhalb der Altersgrenzen gibt es ab 
und zu Fälle, bei denen die unblutige Reposition nicht zum 
Ziele führt. Die Ursachen des Misslingens scheinen gewöhnlich 
in besonders ungünstigen Kapselverhältnissen gelegen zu sein. 
Die Gefahren, welche das gewaltsame Forciren der R.epositions- 
hindernisse mit sich bringt, vor allem die Fracturen, lassen es 
als gerathen erscheinen, in besonders schwierigen Fällen, auch 
wenn sie noch innerhalb der durchschnittlichen Altersgrenze 



— 155 — 

gelegen sind, den unblutigen Einrenkungsversuch lieber recht- 
zeitig aufzugeben. 

Es entsteht die Frage, was die Therapie in diesen Fällen 
noch zu leisten vermag? 

a) Behandlung mit Pseudoreposition. 

Im Falle der absoluten Verweigerung eines blutigen Ein- 
griffes käme der Versuch einer Stellungsverbesserung des luxirten 
Schenkelkopfes in Betracht. 

Ich verstehe darunter die möglichste Annäherung desselben 
an den hinteren Pfannenrand. Hier wäre also die Methode 
Paci's am Platze. 

Ich habe dieselbe bisher noch niemals nach den Vorschriften 
ihres Autors durchgeführt. Der Grund ist folgender: in der Regel 
stand nämlich die blosse Stellungsverbesserung von vornherein 
nicht auf meinem Programm, sondern wurde mir durch das 
Fehlschlagen der Repositionsversuche nachträglich erst aul- 
gezwungen. Die mittelst der Fiepositionsbemühungen erreichte 
Mobilisining des Schenkels namentlich im Sinne der Abduction 
legte es nahe genug, die Fixirung der verbesserten Stellung des 
Schenkelkopfes nicht auf dem Wege der für den Kranken höchst 
beschwerlichen, weil mit dauernder Bettlage verknüpften Exten- 
sion, sondern gerade so wie nach der gelungenen Reposition, 
auf dem entgegengesetzten Wege der Compression, also einer 
Belastungsbehandlung zu erreichen, bei welcher die Locomotion 
zwar behindert, aber keineswegs unmöglich gemacht wird. 

Der bis in die Nähe des hinteren Pfannenrandes, ja viel- 
leicht bis auf die Höhe desselben geführte Schenkelkopf kann 
bei mehr weniger extremer und mit Ueberstreckung combinirter 
Abductionsstellung des Schenkels durch die Belastung mit dem 
Rumpfgewichte genau in derselben Weise gegen die iliacale 
Böschung des hinteren Pfannenwalles angepresst werden, wie 
derselbe nach gelungener Reposition gegen den Pfannenboden 
und gegen die pfannenseitige Böschung des hinteren Pfannen - 
walles angedrückt wird. Die hinter der rudimentären Pfanne be- 
absichtigte Xearthrose wird sich unter dem Einflüsse der func- 
tionellen Belastung jedenfalls viel leichter bilden können, als 
bei der durch die Extension bedingten künstlichen Druck- 
verminderung der in Contact gebrachten Knochenflächen. 



— 156 — 

Als die erweiterte Erfahrung das Misslingen der unblutigen 
Reposition der hier in Betracht kommenden Fälle voraussehen 
lehrte und demnach schon von vornherein eine blosse Stellungs- 
correctur in Aussicht genommen werden konnte, habe ich die 
Sicherung der erreichten Gorrectur ganz in derselben Weise, 
wie nach gelungener Reposition, also durch Compression und 
nicht durch Extension bewerkstelligt. Es bewegt sich also zum 
mindesten die Nachbehandlung jener Fälle, bei denen ich mich mit 
einer blossen Stellungsverbesserung des Schenkelkopfes, also 
mit einer möglichsten Annäherung desselben an den hinteren 
Pfannenrand begnügen musste, in einer den Vorschriften Paci's 
diametral entgegengesetzten Richtung. 

Die Erfahrungen, welche ich mit diesen Pseudorepositionen 
gemacht habe, sind nicht sonderlich ermuthigend; die Erfolge 
derselben sind jedenfalls auch nicht entfernt mit jenen nach der 
wirklichen Reposition zu vergleichen. Dies kann für die Fälle, 
in welchen es gelingt, den eingerenkten Schenkelkopf dauerhaft 
in der ausgestalteten rudimentären Pfanne zu erhalten, eigentlich 
als selbstverständlich gelten. Aber auch die anatomisch miss- 
glückten Fälle von vorderer Reluxation nach oben stellen ungleich 
bessere Resultate vor. als sie mit der Pseudoreposition zu er- 
reichen sind. 

Der Grund ist klar genug. Die Pseudoreposition ändert 
nicht den Charakter der Luxation. Mag der Schenkelkopf selbst 
auf der iliacalen Böschung des hinteren Pfannenwalles sitzen 
und sich dort fixiren, so bleibt die Luxation immer noch eine 
hintere. 

Erst mit dem Ueberschreiten des hinteren Pfannengrates 
wird die pathologische Statik der Luxation in der Richtung zur 
Norm verändert. 

Der über den hinteren Pfannengrat auf den Pfannenboden 
reponirte und secundär nach oben reluxirte Schenkelkopf be- 
dingt in seiner Schlussstellung eine diametrale Veränderung des 
Gharakters der congenitalen Luxation: aus der hinteren Luxation 
ist eine vordere geworden; die frühere Suspension des Beckens 
wurde aber trotz der Reluxation durch eine knöcherne Unter- 
stützung desselben ersetzt. 

Der reponirte Schenkelkopf geräth fast immer nur secundär 
in die Stellung der vorderen Reluxation nach oben, weil dem- 



- 157 — 

selben unmittelbar nach seiner Reposition die hintere Reluxation 
viel näher gelegen ist als die obere. Wird die hintere Reluxation 
verhindert und vermag der Kopf auf der Pfanne nicht festen 
Halt zu gewinnen, so bleibt ihm kein anderer Ausweg als die 
Reluxation nach oben. 

Schon aus dieser Ueberlegung ergibt sich, dass eine Pseudo- 
reposition kaum jemals zu jenen subspinalen Schlussstellungen 
des Schenkelkopfes führen kann, wie wir dieselben nach miss- 
glückter Retention bei der vorderen Reluxation nach oben 
finden. 

Der pseudoreponirte Schenkelkopf bleibt immer ein nach 
hinten luxirter Schenkelkopf und lässt die Leistenfurche 
leer und nach wie vor eindrückbar. 

Die Pseudoreposition wird demnach die mit der congenitalen 
Luxation verknüpfte Deformität wohl abschwächen, ihren Cha- 
rakter aber so wenig ändern können, als sie den Charakter der 
Luxation selbst zu verändern vermag. Die pathologische Lordose 
wird eventuell etwas vermindert werden, aber sie wird niemals 
verschwinden, geschweige denn in eine virtuelle Kyphose über- 
gehen. Die Verbesserung der Ausdauer im Gehen wird von dem 
Grade der erreichten Fixirung des Schenkelkopfes in seiner ver- 
besserten Stellung abhängig bleiben. 

Diese Vorbedingung des functionellen Erfolges wird sich 
kaum jemals in jener vollkommenen Weise erreichen lassen, wie 
nach der gelungenen R.etention des reponirten Schenkelkopfes. 

Die Resultate sind also begreiflicherweise minderwertige. 

Dies ist um so bedauerlicher, als gerade die doppelseitige 
Luxation in erster Linie auf die unblutige Behandlung an- 
gewiesen bleibt. 

Die mit Schenkelhalsfractur complicirten Pseudorepositionen 
(deren ich fünf zähle) unterscheiden sich bezüglich ihres End- 
ergebnisses nicht wesentlich von den Fällen, in welchen der 
Schenkelhals intact erhalten blieb. 

Nur mit Beziehung auf die Beweglichkeit standen sie hinter 
den letzteren vorerst zurück, waren aber der mechanischen Mo- 
bilisirung ziemlich leicht zugänglich. 

Mit Rücksicht auf den Umstand, dass die Behandlung in 
allen diesen Fällen eigentlich hauptsächlich wegen der absolut 
mangelhaften Ausdauer des Ganges unternommen worden war, 



158 — 

konnten die erreichten Resultate im Allgemeinen immerhin be- 
friedigen. Wenigstens waren die Patienten mit dem Gewinne, 
welchen sie in dieser Beziehung erreicht hatten, ziemlich zufrieden. 
Auch eine deutliche Verbesserung der pathologischen Lordose 
konnte erreicht werden. 

Aber der auf der einen Seite erreichte Gewinn wird durch 
einen unangenehmen Nachtheil erkauft. Nach vollendeter Correctur 
der primären Abductionsstellung ergibt sich nämlich eine maxi- 
male Aussenrollung der Schenkel bis zu dem Grade, dass die 
Fussspitzen direct nach aussen gerichtet sind, ja selbst eine 
leichte Tendenz nach hinten erkennen lassen: sowohl die active 
als die passive Einwärtsrollung ist dabei wesentlich behindert. 

Der Thatbestand dieser maximalen Auswärtsrollung ist für 
die Pseudoreposition charakteristisch. 

Eine gewisse, aber unvergleichlich geringere und der spon- 
tanen oder gymnastischen Correctur leicht zugängliche Aussen- 
rollung oder wenigstens eine Tendenz zu habitueller Aussen- 
rollung ist dem Oberschenkel auch nach einer wahren Repo- 
sition und gelungenen Retention eigenthümlich. Das erklärt sich 
ganz einfach aus dem flachen Pfannenboden, welcher zudem bei 
der congenitalen Luxation weit stärker nach vorne gerichtet ist 
als de norma. Aus demselben Grunde müsste sich beim nor- 
malen Hüftgelenke der Schenkel allmählich in Aussenrollung be- 
geben, wenn man sich vorstellt, dass der Pfannenboden allmählich 
seichter und der Schenkelkopf dadurch nach vorne gedrängt wird. 

Ganz anders liegen die Verhältnisse bei der Pseudoreposition. 
Hier liegt der Schenkelkopf bestenfalls auf der iliacalen Böschung 
des hinteren Pfannenwalles, also noch auf der hinteren Beckeu- 
i lache. Setzen wir eine doppelseitige Luxation voraus, so diver- 
giren die beiden Ebenen, auf welchen die pseudoreponirten 
Schenkelköpfe lagern, nach aussen. Auf einer nach vorne 
aussen sich erstreckenden Unterlage muss ganz selbstverständlich 
der Schenkelkopf in eine Stellung gerathen, welche einer ent- 
sprechend starken Auswärtsrollung des ganzen Schenkels ent- 
spricht. Je stärker die Lagerungsebenen der Schenkelköpfe nach 
aussen divergiren, um so hochgradiger muss diese Rotation aus- 
fallen. Dieselbe kann bei der Pseudoreposition manchmal so 
stark werden, dass die queren Knieaxen nahezu eine Sagittal- 
st eilung erreichen. 



- 159 — 

Der frontal gestellte Fuss rollt sich dann mit seiner 
queren Axe vom Boden ab, functionirt dem entsprechend schlecht 
und neigt zur Deformirung im Sinne des Valgus. 

Die Pseudorepositionen könnten demnach, wenigstens wenn 
es sich um doppelseitige Luxationen handelt, die Nachoperation 
der subtrochanteren linearen Osteotomie erfordern, falls sich die 
Gorrectur der Aussenrollung auf anderem Wege nicht erreichen 
Hesse. Ich habe mich indes zu einem solchen Eingriffe bisher 
nicht entschliessen können und es vorgezogen, auf dem Wege 
einer allerdings mühsamen gymnastischen Behandlung die Aussen- 
rollung bis zu einem erträglichen Grade zu vermindern. 

Bei einseitiger Pseudoreposition dürfte diese Nachoperation 
überflüssig sein, da die Patienten instinctiv bestrebt sind, durch 
eine Vorwärtsschiebung der krankseitigen Körperhälfte die 
Auswärtsrollung des Schenkels zu compensiren. 

Ich betrachte die Pseudoreposition nur als den äussersten 
Nothbehelf im Falle der absoluten Verweigerung eines blutigen 
Eingriffes. Wenn nun die Erlaubnis zu einem solchen ertheilt 
wird, welchem Verfahren wird man den Vorzug zu geben haben? 
Diese Frage führt uns zunächst auf eine Kritik der operativen 
Reposition. 

h) Nachtheile der blutigen Reposition mittelst künst- 
licher Pfannenvertiefung. 

Man hätte glauben dürfen, dass mit der vollendeten Aus- 
bildung der Technik des operativen Verfahrens die Frage der 
Therapie der angeborenen Hüftverrenkung zum endgiltigen 
Abschluss gebracht wurde. In der That scheint es kaum aus- 
zudenken, welcher weiteren Verbesserung eine Operationsmethode 
noch fähig sein könnte, welche die Reposition des Schenkel- 
kopfes in die künstlich vertiefte Pfanne ohne Verletzung einer 
Muskelfiber, lediglich mittelst einer linearen Kapselspaltung zu 
Stande zu bringen vermag. 

Und dennoch ist diese technisch vollendete Methode nach 
einer Herrschaft von nur wenigen Jahren als überholt zu bezeichnen. 
Aber sie ist nicht unrühmlich in den Hintergrund getreten, denn 
als Entwickelungsphase der unblutigen Reposition hat sie etwas 
Besseres schaffen geholfen und das Bessere ist stets des Guten 
Feind gewesen. 



— 160 — 

Ihre Resultate waren, allerdings nur in der Hand „Weniger", 
zum Theile befriedigende, zum Theile sogar glänzende. Mit der 
selbst tadellos ausgeführten Operation war nämlich die Aufgabe 
nicht gelöst und das Resultat nichts weniger als gesichert. Die 
langwierige Nachbehandlung erforderte eine persönliche Hingabe 
und Beharrlichkeit in der Verfolgung des vorgesteckten Zieles, 
die nicht jedermanns Sache ist und vor allem von den Nach- 
prüfern der Methode kaum gefordert werden konnte. An den 
chirurgischen Kliniken war es überdies kaum möglich, jene 
schier endlose Sorgfalt, welche die Nachbehandlung der operativ 
reponirten Hüftgelenksverrenkungen nun einmal fordert, auf die 
vereinzelten Fälle zu verwenden. Ohne die jahrelange peinliche 
Ueberwachung der Stellung des Beines und der Beweglichkeit 
des operirten Gelenkes durfte man, zum mindesten bei den nur 
einigermassen älteren Kindern, auf Contracturen (gewöhnlich im 
Sinne der Beugung und Adduction) und auf fibröse Ankylosen 
rechnen. Die Resultate waren unter solchen Umständen nur in 
Bezug auf die Ausdauer des Ganges lohnende, die Deformität 
war eher vermehrt und das Hinken hatte nur einen veränderten 
Charakter angenommen. Aus dem einseitigen Wiegen des Luxations- 
ganges war das steife Hinken der Goxitiker geworden. 

Was die fehlerhafte Einstellung der operirten Hüften an- 
belangt, so muss betont werden, dass dies niemals Schuld der 
Methode, sondern immer nur Schuld der mangelhaften Nach- 
behandlung ist. Die Gontracturstellungen lassen sich, bei nöthiger 
Umsicht und Geduld, mit absoluter Sicherheit verhüten, respective 
definitiv beseitigen. In dieser Beziehung darf die operative Re- 
position kein Vorwurf treffen. Ein solcher würde auf seinen 
Urheber zurückfallen. Hoffa meinte, dass die Ursache der häufigen 
Contracturstellung durch den von mir empfohlenen, schrägen 
vorderen Hautschnitt (von der Spin. ant. sup. längs des äusseren 
Randes des Tensor fasciae latae nach abwärts und auswärts) 
die Entstehung der Contractur begünstige und glaubt durch 
seinen seitlichen geraden Hautschnitt diesem Uebelstande zu 
begegnen. Ich halte dies nicht für richtig und glaube vielmehr, 
dass die Contractur überhaupt niemals durch die Hautnarbe, 
sondern in erster Linie durch die Kapselnarbe bedingt wird. 
Aber ihr letzter Grund liegt viel tiefer und ist schliesslich derselbe, 
welcher auch die Schlussstellung der coxitischen Contractur 



— 161 — 

bestimmt; derselbe kann ebenso gut als statisch wie als functionell 
bezeichnet werden. So lange nämlich der Patient das mangelhaft 
functionirende und noch empfindliche Bein schont und die Last 
des Körpers vornehmlich dem anderen gesunden Bein über- 
antwortet, wird schon dadurch eine habituelle Beugeadductions- 
haltung des operirten Gelenkes bedingt, deren längere Andauer 
die Contractur zur unausbleiblichen Folge hat. Der vordere schräge 
oder seitliche gerade Hautschnitt hat mit dieser Frage so gut 
wie nichts zu thun und ist an und für sich vollkommen gleich- 
giltig. 

Anders liegt die Frage bezüglich der fibrösen Ankylosen. 

Aus meinen sehr ausgedehnten Erfahrungen resultirt die 
Thatsache, dass die sichere Garantie der späteren ge- 
nügenden Beweglichkeit der operirten Gelenke einfach 
nicht gegeben werden kann. Nach glattester Operation und 
tadellosestem Wundverlaufe kann fibröse Ankylose entstehen. 

Bei jüngeren Kindern ist diese Gefahr allerdings bedeutend 
geringer und ich habe eine grosse Reihe von Fällen zu verzeichnen, 
bei denen thatsächlich keinerlei Einschränkung der Beweglichkeit 
des operirten Gelenkes eingetreten ist. Mit zunehmendem Alter 
aber wächst die Gefahr und bei jenen Kindern, welche der un- 
blutigen Reposition entwachsen sind, darf man mit ziemlicher 
Sicherheit auf die spätere Ankylose oder doch auf eine solche 
Einschränkung der Beweglichkeit des Gelenkes rechnen, welche 
functionell einer Ankylose gleichkommt. Es genügt nämlich 
durchaus nicht, dass eine gewisse passive Beweglichkeit des 
operirten Gelenkes vorhanden ist, sondern die Bewegung muss 
auch vollkommen glatt sein und leicht ansprechen, sonst ist sie 
functionell so gut wie nicht vorhanden, denn die Patienten 
machen einfach keinen Gebrauch davon. 

Sofern es sich um einseitige Verrenkungen handelt, wäre 
an dieser misslichen Thatsache im Grunde nicht viel gelegen, 
denn der Gang kann bei einseitiger Hüftankylose unter der 
Voraussetzung indifferenter Streckstellung des ankylosirten 
Gelenkes in Folge der vicarirenden Bewegungen des anderen 
gesunden Gelenkes bekanntlich ein vorzüglicher und selbst 
tadelloser sein. 

Ernster wird dieser bedauerliche Umstand bei den doppel- 
seitigen, operativ reponirten Luxationen, wenn die Ankylose z. B. 

Lorenz, Hiiftverrenkung-. 11 



— 162 — 

das eine Gelenk betrifft, während das andere eine zu geringe 
Beweglichkeit erreicht, um für das rigide Gelenk eintreten zu 
können. Selbst eine geringe Einschränkung der Beweglichkeit 
macht sich unter solchen Umständen schon sehr unangenehm fühlbar. 

Als ein directes Unglück aber muss die beiderseitige 
operative Ankylose bezeichnet werden; dieselbe erfordert un- 
bedingte Abhilfe, und auch diese kann nur theilweise durch 
eine nachträgliche Exstirpation des in die Pfanne unbeweglich 
eingewachsenen Schenkelkopfes oder durch die von Hoffa 
empfohlene subtrochantere Resection „en bloc" geboten werden. 

Auf Grund meiner Erfahrungen muss ich die operative 
Reposition mit künstlicher Pfannenvertiefung bei den der un- 
blutigen Einrenkungsbehandlung bereits entwachsenen Fällen 
von doppelseitiger Hüftverrenkung auf das dringendste wider- 
rathen. 

Es ergibt sich die Frage, wodurch die Ankylose bedingt 
wird. So gut wie niemals ist eine knöcherne Verwachsung des 
Schenkelkopfes mit der künstlich vertieften Pfanne die Ursache. 
In der Regel handelt es sich um die Bildung fibröser Schwarten, 
welche den ganzen Kapselsack erfüllen und den Kopf mit tausend 
Fibern in der Pfanne fixiren, so dass die Exstirpation desselben 
sich recht schwierig gestalten kann. 

Die Versuche, den Schenkelkopf in Narkose zu lockern, 
haben ergeben, dass dies in der Regel leicht gelingt, und dass 
freie Beweglichkeit des Gelenkes vorhanden zu sein scheint. 
Aber die Bewegung ist meist rauh und scharrend, gerade als 
ob aufgefrischte, ihres Knorpellagers entblösste Gelenksflächen 
miteinander in Verkehr stünden. Nach dem Erwachen des 
Patienten ist die functionelle Ankylose wieder da, ja dieselbe 
ist womöglich noch starrer als früher, da der reflectorische 
Muskelspasmus ängstlich über der strengsten Fixirung des 
Gelenkes wacht. 

Mit Gewalt richtet man gegen diese Ankylosen gar nichts 
aus und die langsame, vorsichtige und allmähliche Mobilisirung 
derselben gehört zu den mühsamsten Aufgaben ärztlicher Thätigkeit. 
Jedes Zuviel, ja jeder Schmerz, welchen man bei der Mobilisirung 
verursacht hat, wirft zurück, anstatt vorwärts zu bringen. 

Oft genug ist die Beweglichkeit innerhalb gewisser enger 
Grenzen frei; darüber hinaus findet dieselbe absoluten knöchernen 



— 163 — 

Widerstand. Hier handelt es sich thatsächlich um die Knochen- 
hemmungen, welche die Pfannenränder einem zu tief eingelassenen 
Schenkelkopfe bieten. 

Nicht selten erscheinen auf den Röntgenbildern die Pfannen- 
ränder durch knöcherne Neubildung fortgeführt. Dadurch wird die 
Beweglichkeit noch weiter beeinträchtigt. 

Gerade jene Fälle, deren Operation den Eindruck eines 
besonders glücklichen Gelingens gemacht hatte, bei denen die con- 
gruente Ineinanderschachtelung der Gelenkskörper besonders be- 
friedigte, gerade diese haben nach meinen Erfahrungen später fibröse 
Ankylosen ergeben; andererseits hat so manche operative Reposition 
welche wegen der Incongruenz zwischen Kopf und Pfanne und 
wegen der Schenkelstellung, bei welcher allein für den Kopf 
ein gewisser Halt in der künstlich vertieften Pfanne zu finden 
war, die zweifelhafteste Prognose gerechtfertigt erscheinen liess, 
später das beste Resultat bei genügend freier Beweglichkeit des 
Gelenkes ergeben. 

Nach meinem Dafürhalten ist die operative Ankylose 
aber nicht nur auf eine überflüssig tiefe Anlage der 
künstlichen Pfanne, sondern auf die Verletzung des 
Pfannenbodens als solche zurückzuführen. 

Zur fibrösen Verwachsung zweier Gelenkskörper genügt 
auch die Anfrischung des einen von ihnen; um so wahrschein- 
licher wird sie in einem speciellen Falle stattfinden, wenn auch 
der Knopfknorpel lädirt wurde. 

Für den Augenblick droht die künstliche Vertiefung der 
rudimentären Pfanne mit Ankylosengefahr. Schon diese Ueber- 
legung könnte es nahe legen, den bezüglichen Operationsact 
aufzugeben. 

Aber nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die 
Zukunft droht die Pfannenvertiefung mit schweren Nachtheilen. 
Es handelt sich diesbezüglich allerdings nur um eine Befürchtung. 
Aber die Art und Weise, in welcher gegen die rudimentäre 
Pfanne vielfach gewüthet wurde, lässt diese Befürchtung als 
sehr begründet erscheinen. Zur traurigen Gewissheit wird die- 
selbe für den Fall der Perforation, d. h. der Exstirpation des 
Pfannenbodens. Als ich mich unterfangen hatte, dem Autor 
dieses Vorschlages seinerzeit nahezulegen, dass dies einer ganz 
unnothwendigen Erschwerung einer ohnehin eingreifenden Operation 

11* 



— 164 — 

gleichkomme, bin ich bei demselben in schwere Ungnade gefallen: 
ich fürchte, dieselbe wird zu einer hoffnungslosen werden, wenn 
ich heute hinzufüge, dass die Perforation des Pfannenbodens auch 
eine Exstirpation .der epiphysären Wachsthumszonen, und damit 
folgerichtig die traurige Gewissheit einer späteren Wachsthums- 
hemmung des knöchernen Beckenringes bedeutet. 

Und die verschiedenen Acetabulotome (Ghillini, Leisrinck, 
Doyen etc.) — im Grunde genommen doch nur sinnreich er- 
dachte Hobelmaschinen — involviren sie mit ihrer gründlichen 
Arbeit nicht auch die Befürchtung, dass dem Schenkelkopfe 
auf Kosten der späteren Wachsthumsentfaltung des 
knöchernen Becken ring es ein ganz unnütz, ja zweckwidrig- 
tiefes Lager geschaffen wurde? 

Haben die Erfahrungen am Kniegelenk umsonst gelehrt, 
dass man den Wachsthumszonen ungestraft nicht einmal nahe 
kommen dürfe? Handelt es sich bei der angeborenen Hüft- 
verrenkung nicht leider fast nur um Mädchen, bei denen man 
die Gefahr einer Wachsthumshemmung des Beckenringes doppelt 
vermeiden sollte? Ich war bei meinen Operationen immer darauf 
bedacht, der Sitzdarmb einfuge möglichst auszuweichen und die 
Vertiefung der Pfanne oberhalb dieser Fuge, also in der Pfannen- 
wurzel des Darmbeines, entsprechend dem hinteren oberen Qua- 
dranten der Pfanne vorzunehmen. Ich hoffe auf diese Weise der 
Gefahr einer späteren Wachsthumshemmung nach Möglichkeit 
vorgebeugt zu haben. 

Wenn wir vorher in der künstlichen Pfannenvertiefung eine 
Hauptursache der Operationsankylosen erblickt haben und schon 
aus diesem Grunde geneigt gewesen waren, dieselbe zu verlassen, 
so muss angesichts der blossen Möglichkeit einer hierdurch be- 
dingten späteren Wachsthumshemmung des knöchernen Becken- 
ringes der Pfannengrund in Hinkunft als sacrosancter 
Boden erklärt werden. 

Aber damit sind die Nachtheile der operativen Pfannen- 
vertiefung noch nicht erschöpft. 

Erst durch die Verwundung des Pfannenbodens wird 
nämlich die relative Gefährlichkeit der operativen Reposition 
bedingt. Ich habe unter 260 blutigen Einrenkungen, welche in 
einer Wiener Privatheilanstalt ausgeführt wurden, zwei Todes- 
fälle an Sepsis zu beklagen gehabt ; dazu kommen noch zwei 



— 165 — 

letale Ausgänge, ebenfalls an Sepsis, welche aus der Zeit meiner 
ersten Versuche an der Klinik meines Lehrers Albert stammen. 
Ich glaube, dass diese Statistik sehr günstig und wenn ich nicht 
irre die günstigste unter den bisher veröffentlichten Statistiken 
ist. Viele andere Operateure haben weit mehr letale Ausgänge 
(bis zu 10% Mortalität) zu beklagen gehabt, und fast immer ist, 
wie Kirmisson richtig hervorgehoben hat, acuteste Sepsis die 
Todesursache gewesen. Wir haben also gerade bei dieser Operation 
mit einer erhöhten Sepsisgefahr zu rechnen und ich halte es mit 
Kirmisson für mehr als wahrscheinlich, dass dieser fatale Um- 
stand darauf zurückzuführen ist. dass bei der künstlichen Pfannen- 
vertiefung durch Eröffnung zahlreicher Spongiosamaschen günsti- 
gere Bedingungen für die Entstehung der septischen Infection 
geschaffen werden. 

Einen wie strengen Massstab man auch an die Mortalität 
einer orthopädischen Operation anlegen mag, so muss doch zu- 
gestanden werden, dass ein so geringer Procentsatz von letalen 
Fällen wie in meiner Statistik nicht als unverbesserlicher Nach- 
theil der operativen Reposition gelten könnte, denn derselbe wäre 
durch erhöhte Vorsicht später gewiss noch einer Verminderung 
fähig gewesen. 

Aber mit der Ungefährlichkeit der unblutigen Reposition, 
vorausgesetzt, dass die ihr zugewiesenen Grenzen nicht über- 
schritten werden, würde die operative Reposition in alle Zukunft 
nicht verglichen werden können, denn die menschliche Vorsicht 
hat ihre Grenzen und auch dem rigorosesten Aseptiker können 
Unglücksfälle vorkommen. 

Wenn aus dem Gesagten hervorgeht, dass die operative 
Pfannenvertiefung die Gefahr der Ankylose, sowie die Befürchtung 
einer späteren Wachsthumshemmung des knöchernen Becken- 
ringes bedingt und ausserdem die Gefährlichkeit des Eingriffes 
erhöht, respective wesentlich verursacht, so wären dies der 
Gründe genug, auf ein Retentionsresultat um so hohen Preis 
von vornherein zu verzichten und die operative Pfannenvertiefung 
für alle Zukunft zu verlassen, auch wenn wir keinen Ersatz 
dafür hätten. 

Nachdem aber die unblutige Reposition bewiesen hat, dass der 
auf den Pfannenboden reponirte Schenkelkopf sich sein Lager 
selbst ausgestaltet, wenn es gelingt, ihn genügend lange Zeit 



- 166 — 

darauf festzuhalten und dass selbst im Falle des Misslingens der 
Retention die vordere Reluxation nach oben immer noch zum 
mindesten ein der operativen Behandlung gleichwertiges, oft 
sogar ein ihr überlegenes Schlussresultat darstellt, dann bedart 
die Forderung der 'vollständigen Ausmerzung der künstlichen 
Pfannenvertiefung aus dem Heilplane der blutigen Therapie 
wahrlich keiner weiteren Begründung. 

Wir können die operative Behandlung noch nicht entbehren, 
denn die Machtsphäre der unblutigen Reposition ist eine zu 
eng begrenzte. Aber die blutige Therapie bedarf einer Rege- 
neration durch die Erkenntnisse, welche uns aus der un- 
blutigen Einrenkungsbehandlung geworden sind: die operative 
Reposition verzichte auf die künstliche Pfannenvertiefung und 
adoptire für die Nachbehandlung die Grundsätze der unblutigen 
Reposition. Schliesslich ist ja doch die Gelenkskapsel das 
wesentliche Hindernis der unblutigen Reposition bei den älteren 
Kindern. Man schalte also dieses Hindernis auf blutigem Wege 
aus und behandle im Uebrigen streng nach den Grundsätzen der 
unblutigen Therapie. 

Ich empfehle demnach für die der unblutigen 
Therapie entwachsenen Kinder eine Gombination des 
blutigen und unblutigen Verfahrens, d. h. die Reposition 
mit Hilfe der Arthrotomie ohne künstliche Pfannen- 
vertiefung und die Nachbehandlung nach den Grund- 
sätzen der unblutigen Methode. 

c) Reposition durch Arthrotomie. 

Viele Operateure sind bei ihren blutigen Repositionen ab 
und zu auf rudimentäre Pfannen gestossen, welche so weit erhalten 
waren, dass sie auch ohne künstliche Vertiefung den Schenkel- 
kopf halbwegs aufzunehmen oder doch genügend zu stützen 
vermochten. Mit der Reposition des Schenkelkopfes in die intact 
gelassene Pfanne führten sie genau dieselbe Operation aus, 
welche ich unter dem obigen Titel zur methodischen Ausführung 
empfehle, mag die Pfanne wie immer beschaffen sein. 

Broca. Kirrnisson, v. Mikulicz. Hoffa, Bradford u. A. 
berichten von solchen Repositionen, ohne künstliche Vertiefung 
der gut erhaltenen rudimentären Pfanne. 



— 167 — 

Trotz der aufmunternden Erfahrungen mit der unblutigen 
Pfannenbildung wurden die richtigen Gonsequenzen hieraus 
nicht gezogen. Im Gegentheil hat sich Hoffa abfällig über ein 
solches Vorgehen ausgesprochen. „Er habe sich in einigen Fällen 
verleiten lassen, weil der Kopf mit einem hörbaren Ruck ein- 
schnappte, von der Vertiefung der Pfanne abzusehen, habe aber 
in diesen Fällen theilweise Misserfolge erlebt, da der Kopf zu 
weit nach vorne und oben rutschte, um sich hier unterhalb der 
Darmbeinstachel einzustellen." 

Diese theilweisen Misserfolge hätten nicht abschrecken 
sollen, denn eine vervollkommnete Retentionstechnik wäre viel- 
leicht im Stande gewesen, die vordere Reluxation nach oben zu 
verhindern; und wenn dies auch wirklich im gegebenen Falle 
unmöglich gewesen wäre, so ist ein solcher relativer Misserfolg 
sicher immer noch ein ungleich besseres Resultat als eine 
eventuelle Operationsankylose nach künstlicher Pfannenbildung. 

Ich selbst war mir seit längerer Zeit darüber klar, dass 
das Princip der natürlichen (unblutigen) Pfannenbildung auf dem 
Belastungswege der künstlichen operativen Pfannenbildung un- 
bedingt vorzuziehen und an ihre Stelle zu setzen sei. 

Ich habe es nicht bedauert, sondern mich sehr darüber 
gefreut, dass mir Senger mit seinem diesbezüglichen Vorschlage 
zuvorgekommen ist. Senger gebührt das Verdienst, die not- 
wendige Rückwirkung der unblutigen Behandlung auf die 
operative Therapie abstrahirt zu haben. Wenn dieselben Gedanken 
sich gleichzeitig mehreren Köpfen aufdrängen, so ist das ein 
gutes Omen für ihre Richtigkeit. 

Senger perhorrescirt die künstliche Pfannenvertiefung und 
empfahl als der Erste bei den der unblutigen Reposition ent- 
wachsenen Kindern die Einrenkung des Schenkelkopfes auf die 
intact gelassene rudimentäre Pfanne nach Eröffnung der Gelenks- 
kapsel. 

Auch Bradford hat bei seinen letzten operirten Fällen 
von einer künstlichen Vertiefung der Pfanne abgesehen. Ebenso 
hat Royal Whitman in zwei Fällen die blutige Reposition 
ohne Pfannenvertiefung vorgenommen. In dem einen Falle folgte 
Reluxation, in dem anderen schien der Schenkelkopf nicht voll- 
ständig von der Pfanne umfasst, „so that if the method is adopted, 
one should carry out the further steps of the Lorenz treatment 



— 168 — 

by prolonged fixation in the abducted position in order that the 
acetabulum may be enlarged by the natural means. 

This intermediate Operation seams worthy of 
further trial." (Medical News, octob. 1899.) 

Ich habe diese Operation seit zwei Jahren methodisch 
geübt. 

Die Ausführung derselben begegnet aus vielen Gründen 
recht bedeutenden Schwierigkeiten. 

Nur wenn man es mit den relativ sehr seltenen, noch 
junge Kinder diesseits der Altersgrenze betreffenden Fällen zu 
thun hat, bei welchen die unblutige Reposition einzig und allein 
durch besonders schwierige Kapselverhältnisse vereitelt wird, 
gelingt die Operation ziemlich leicht, weil diese Schwierigkeiten 
mit der Ausschaltung der Kapselhindernisse beseitigt sind. Fast 
in der Regel handelt es sich aber um ältere Kinder, welche der 
unblutigen Reposition entwachsen, also wahrscheinlich schon 
10 bis 12 Jahre alt sind. Ueber diese Altersgrenze hinaus zu 
gehen, würde ich überhaupt widerrathen. 

Man hat also von vornherein stets mit einer bedeutenden 
Verkürzung zu rechnen und wird einer vorbereitenden (ambula- 
torischen) Extensionsbehandlung kaum entbehren können, um die 
Retraction der Weichtheile noch vor der Operation nach 
Möglichkeit zu überwinden und der Gefahr einer Zerrungslähmung 
des Ischiadicus zu entgehen. 

Aber auch nach der Eröffnung der Gelenkskapsel bleibt 
die Herabholung des Schenkelkopfes in das Pfannenniveau 
schwieriger, als bei der operativen Reposition mittelst künstlicher 
Pfannenvertiefung; hier hat man in schwierigen Fällen ein sehr 
bequemes Auskunftsmittel zur Hand, nämlich die Höherlagerung 
des oberen Pfannenrandes durch Niederwirken seines Grates mit 
dem scharfen Löffel. Man erspart sich damit in der Herabholung 
des Schenkelkopfes allerdings nur wenige Millimeter, aber gerade 
um dieses letzte Stückchen Weges handelt es sich, und gerade 
der letzte Millimeter kann unüberwindbar sein. 

Bei der Reposition durch blosse Arthrotomie soll der 
Schenkelkopf gerade so wie bei der unblutigen Reposition über 
den intacten Wall des hinteren Pfannenrandes hinüber gebracht 
werden und man kann sich diesen schwierigen Weg nicht im 
mindesten erleichtern. 



— 169 •- 

Im alleräussersten Falle könnte man einem etwa vor- 
findlichen Spitzkopfe den obersten Scheitel abtragen, aber selbst 
diese kleine Beihilfe würde schon gegen das Princip der voll- 
ständigen Intacterhaltung der Gelenkskörper Verstössen und die 
Chancen der späteren Beweglichkeit sicher nicht vermehren. 

Unter solchen Umständen wird man der Beseitigung der 
Weichtheilshindernisse gegen die Herabholung des Schenkelkopfes 
eine erhöhte Aufmerksamkeit zuwenden und eventuell zu mehr- 
fachen Tenotomien seine Zuflucht nehmen müssen. 

Ist die Herabholung gelungen, so bietet die Reposition 
selbst neue Schwierigkeiten. Wohl ist der Schenkelkopf in offener 
Wunde der Untersuchung frei zugänglich und jede Bewegung 
desselben genau controlirbar, aber die offene Wunde legt auf 
der anderen Seite den Repositionsmanövern durch die in aller- 
erster Linie stehende Rücksicht auf die Asepsis nicht geringe 
Beschränkungen auf. Schon aus dem letzteren Grunde sind die 
Circumductionsmanöver zu widerrathen, weil die Hand des 
Operateurs jedes Anfassen des Beines vorsichtshalber vermeiden 
und die Wunde schon deshalb nicht verlassen soll, um die Be- 
wegungen des Schenkelkopfes zu controliren und die demselben 
entgegenstehenden Hindernisse richtig zu beurtheilen. Aus diesen 
Gründen empfiehlt es sich, die Reposition stets auf dem Wege 
der mit Abduction combinirten Extension bei medial wirkendem 
Druck gegen den Trochanter maior zu bewerkstelligen. 

Nach der gelungenen Reposition des Gelenkskopfes wird 
die Retention desselben auf der Pfanne schon wegen des offenen 
Gelenkes und wegen der ausgeschalteten Vorderkapsel erhöhter 
Vorsichtsmassregeln bedürfen; ausserdem ist die Reluxation 
bei intacter Pfanne naturgemäss viel mehr zu befürchten als nach 
der künstlichen Pfannenvertiefung. 

Man wird nach dem Gesagten die blutige Reposition mittelst 
künstlicher Pfannenvertiefung gut beherrschen müssen, um den 
Schwierigkeiten der Reposition mittelst blosser Arthrotomie 
einigermassen gewachsen zu bleiben. 

Im Nachfolgenden soll die Methode genauer beschrieben 
werden : 

Eine vorbereitende Behandlung ist meistens unerlässlich. In 
kurzer Narkose werden die Kniekehlensehnen und die Adductoren 
subcutan tenotomirt (die subspinalen Weichtheile bleiben intact) 



— 170 — 

und einige energische manuelle oder instrumentelle (Schrauben-) 
Tractionen vorgenommen. Patient wird hierauf für einige Tage 
zu Bette gebracht und das Bein mittlerweile extendirt, um die 
Zeit, welche die Heilung der Tenotomstiche erfordert, nicht ganz 
ungenützt vorübergehen zu lassen. Nach etwa acht Tagen ver- 
lässt Patient das Bett; die weitere Extensionsbehandlung wird 
ambulatorisch durchgeführt. Jeden Tag wird die Extremität 
extendirt, so weit dies unter erträglichen Schmerzen möglich ist. 
Da es sich um ältere, vernünftige Kinder handelt, die ihre Lage 
schon gut begreifen und zur Mithilfe sehr bereit sind, hat man 
in dieser Beziehung keine Schwierigkeiten und darf den Patienten 
schon etwas zumuthen. Dafür geniessen sie den Vortheil, nicht 
ans Bett gefesselt, zu sein, sondern die nöthige Bewegung machen 
zu können. Ich habe es nicht einmal für nothwendig gefunden, 
diese letztere wesentlich einzuschränken. 

Dafür machen die Patienten das Zugeständnis, sich während 
1 oder 2 Stunden des Tages (am besten nach dem Mittag- 
essen) einer scharfen Gewichtsextension mittelst Ledergamasche 
und Schrotsack zu unterziehen. Die gewonnene Verlängerung 
geht trotz des Umhergehens der Kinder nicht verloren, wenn die 
Behandlung regelmässig fortgesetzt wird. Diese intermittirende 
Extensionsbehandlung hat so lange zu dauern, bis die Verkürzung 
doch wenigstens auf 2 bis 3 Centimeter vermindert worden 
ist. Der Best wird voraussichtlich durch Ausschaltung der 
Weichtheilshindernisse gelegentlich der Operation zu be- 
seitigen sein. 

Die Eröffnung des Gelenkes geschieht genau in derselben 
Weise wie bei der üblichen operativen Reposition: ob der Haut- 
schnitt nun an der Seitenfläche des Femur vom Trochanter maior 
gerade herab verläuft (Hoffa), oder von der Spina anterior sup. 
längs des äusseren Randes des Tensor fasciae latae schräg nach 
unten aussen zielt (Lorenz), ist vollkommen gleichgiltig, denn 
es wurde schon darauf hingewiesen, dass die spätere Hautnarbe 
weder eine Contracturstellung, noch eine Gelenksrigidität be- 
dingen kann. Die einzige und alleinige Hauptsache wird immer 
bleiben, dass die Gelenkseröffnung ohne Muskelverletzung erfolge. 
Ein kleiner Vortheil bleibt übrigens auf Seite meines schrägen 
Schnittes. Derselbe verläuft dem Muskelinterstitium, zwischen dem 
äusseren Rande des Tensor fasciae latae und vorderen Rande 



— 171 — 

des Glutaeus medius parallel, wodurch das Eindringen in den 
Muskelspalt und weiterhin in grössere Tiefe nicht unwesentlich 
erleichtert wird. Nachdem die beiden Muskeln durch einige flache 
Messerzüge aus ihrer Bindegewebsscheide herausgelöst und kräftig 
auseinander gezogen wurden, erscheint in der Tiefe die weisse 
Wand der vorderen Gelenkskapsel. 

Das schon vorher oberhalb der Knöchel angeschlungene Bein 
wird nun einer langsamen und vorsichtigen Schraub entraction 
unterworfen, bis der herabrückende Schenkelkopf die vordere 
Kapselwand vorbaucht. Durch starke Auswärtsrollung des 
Beines wird diese Vorbauchung der Kapsel noch prägnanter 
gemacht. Nun spaltet man letztere in der Richtung des Schenkel- 
halses durch einen von der Gegend der Spin. ant. inf. zur Linea 
intertrochanterica anterior reichenden, kräftig bis auf den Knochen 
geführten Längsschnitt. Durch vermehrte Aussenrollung 'des 
Schenkels wird der Gelenkskopf vorgewälzt und ist nunmehr der 
Untersuchung zugänglich geworden. Ein Ligamentum teres findet 
sich bei diesen Fällen kaum jemals. Wird die Extension ausge- 
setzt, das Bein massig gebeugt und etwas einwärts gerollt, so 
ist dadurch die Pfannentasche und der Boden der rudimentären 
Pfanne der Untersuchung mit dem Finger bequem zugänglich 
geworden. Sollte die fibröse Vorderwand der Pfannentasche 
durch den ersten Kapselschnitt nicht hinreichend eröffnet worden 
sein, so muss das Fehlende nachgetragen werden, so dass die 
Pfanne vollkommen zugänglich wird und für den Schenkelkopf 
genügend Raum geschaffen ist. Nun kommt das Schwierigste, 
nämlich die genügende Herabholung des letzteren. 

Während die Schraube langsam ihre Thätigkeit wieder be- 
ginnt; fahndet der in der Wunde befindliche Finger des Operateurs 
nach gespannten Kapselpartien, welche, wenn sie zu wenig dehn- 
bar sind, der Einkerbung mit dem Knopfmesser verfallen, und 
überwacht das langsame Herabsteigen des Schenkelkopfes. Häufig 
wird man finden, dass in demselben Maasse, in welchem sich 
letzterer dem hinteren oberen Pfannenrande nähert, eine Kapsel- 
duplicatur gleich einer wulstigen Goulisse mit herabsteigt, wie 
ein Diaphragma den Pfannenrand überragt und den Eintritt des 
Kopfes hindert. Eine Exstirpation dieser Kapselduplicatur ist kaum 
nothwendig; mehrfache lineare Einkerbungen genügen in der 
Regel zur Beseitigung des Hindernisses und vermeiden eine im- 



— 172 - 

nöthig grosse Verletzung der Kapsel. Die nothwendige Rücksicht 
auf das Perineum nöthigt zu wiederholten Unterbrechungen der 
Extension, so dass die ganze Operation gewissermassen nur 
etappenweise durchgeführt werden kann. Je näher der Schenkel- 
kopf dem hinteren Pfannenrande kommt, desto schwieriger wird 
jeder weitere Millimeter Weges zurückgelegt. Es ist eine mühe- 
volle und aufregende Arbeit, die hier zu leisten ist. 

Erst wenn der obere Pol des Gelenkskopfes in die Nähe 
des oberen Pfannenrandes kommt, kann man mit den eigentlichen 
Repositionsmanövern beginnen. Ein Assistent hat die Aufgabe, 
das Bein nach dem Commando des Operateurs in stärkerer oder 
geringerer Einwärtsrollung zu halten, denn nur unter dieser 
Voraussetzung wird der Schenkelkopf jene frontale Einstellung 
erhalten, welche der Erstreckung der geöffneten Pfannentasche 
entspricht; ein zweiter Assistent überwacht die Extension, welche 
sich mit einem um so stärkeren Abductionsgrade combinirt, je 
kräftiger sie wird. Der Operateur behält seine beiden Zeigefinger 
in der Wunde, um den Gelenkskopf genau zu controliren und 
presst beide Daumen, respective beide Daumenballen mit aller 
Kraft gegen die äussere Fläche des Trochanters, um den Schenkel- 
kopf in jenem Augenblicke, in welchem derselbe die Höhe des 
Pfannenrandes erreicht hat, über den letzteren hinüber auf den 
Pfannenboden zu stossen. Das gelingt in der Regel nicht so 
leicht und man wird den Versuch immer wieder erneuern 
müssen, bis die Daumen zu erlahmen drohen, ehe das ersehnte 
Signal des Einschnappens des Schenkelkopfes die schwere Arbeit 
mit einem vorläufigen Erfolge krönt. 

Die Stabilität der Reposition ist natürlich womöglich 
noch geringer, als sie es bei gelungener unblutiger Einrenkung 
voraussichtlich gewesen wäre, denn die Fixation des reponirten 
Schenkelkopfes durch die erweiterte Pfannentasche fällt voll- 
ständig weg. da die vordere fibröse Wand derselben gespalten 
wurde. 

Die Retention wird daher besondere Vorsichtsmassregeln 
erheischen. Jede Aussenrollung des Schenkels soll ver- 
mieden werden, da die Anlehnung des Schenkelkopfes an die 
Vorderkapsel fehlt. Vielmehr ist eine leichte Einwärtsrollung zu 
empfehlen; um diese letztere zu sichern, ist Beugung des Knie- 
gelenkes erforderlich. 



173 




Diese letztere wird überdies durch die Rücksieht auf den 
Ischiadicus geboten sein, dessen permanent gewordene Anspannung 
durch Flexion des Kniegelenkes verhindert wird; starke Abduction 
drängt sich als nothwendige Retentionsmassregel von selbst auf. 

Die Primärstellung der Extremität nach Reposition durch 
blosse Arthrotomie ist demnach durch massige Einwärts- 
rollung und starke Abduction 
des gestreckten Hüftgelenkes bei 
gleichzeitiger Reugestellung des 
Kniegelenkes charakterisirt. 

Die Fixirung dieser Stellung durch 
den Verband macht einige Schwierigkeit 
und bedarf einer näheren Reschreibung. 

Vor allem muss die Wunde ver- 
sorgt werden. Da es sich um eine 
lineare Weichtheilsverletzung handelt, 
habe ich immer die vollständige Naht 
derselben gemacht. 

Während der Anlegung des asep- 
tischen Verbandes, dessen Becken- 
touren um den Trochanter möglichst 
fest angezogen werden, wird das Bein 
in extremer Abduction und massiger 
Einwärtsr ollung gehalten. Das Knie- 
gelenk bleibt vorläufig gestreckt, um 
zunächst die sichere Fixirung der Ab- 
duction zu garantiren. Nach Vollendung 
des aseptischen Verbandes wird ein 
exact modellirter Gipsverband applicirt, 
welcher vorläufig nur bis zu dem 

immerfort gestreckt gehaltenen Kniegelenke reicht. Erst nach- 
dem derselbe erstarrt ist, wird das Kniegelenk stumpfwinkelig 
gebeugt und der Contentivverband über einer entsprechenden 
Polsterung nunmehr bis zu den Knöcheln verlängert. Durch dieses 
Schlussmanöver wird die leichte Einwärtsrollung des Oberschenkels 
gesichert und der Ischiadicus gleichzeitig entspannt. 

Diesen ersten Verband habe ich stets drei Monate liegen 
gelassen und fand die (mit Gatgut genähte) Wunde am Schlüsse 
dieser Periode immer solid verheilt. 




Fig. 27 



— 174 — 

Während dieser Zeit ist das Gehen natürlich sehr erschwert, 
aber nicht unmöglich. Das Liegen im Bette erfordert wegen der 
Spreizimg und Einwärtsrollung des Schenkels, namentlich aber 
wegen der Beugestellung des Kniegelenkes ein besonderes Arran- 
gement der Matratzen. Am besten lässt man den gebeugten 
Unterschenkel den Rand des Bettes überragen und stützt den 
Fuss durch einen zweckmässigen Unterbau. 

Fig. 27 zeigt den ersten Verband nach Reposition mittelst 
Arthrotomie an einem neunjährigen Kinde, bei welchem die 
unblutige Reposition misslungen war. Die Abduction ist durch 
starke Beckensenkung latent. Das Kind hatte in dem Verbände 
ganz gut gehen gelernt. 

Gelegentlich des ersten Verbandwechsels wird die Abduction 
etwas vermindert und das Kniegelenk gestreckt. Durch eine hohe 
Prothese unter der gesundseitigen Sohle ist nunmehr auch das 
Gehen bequemer geworden, so dass es mit der weiteren Gorrectur 
keine Eile mehr hat. Besondere Vorsichtsmassregeln zur Erhaltung 
der Einwärtsrollung habe ich während dieser späteren Behandlungs- 
methode nicht angewendet, da die vernarbte Vorderkapsel mittler- 
weile in Action getreten sein musste und eine genügende 
Fixirung des Gelenkskopfes zu gewährleisten schien. 

Die vermehrten Schwierigkeiten der Reposition und Retention 
mittelst blosser Arthrotomie bezahlen sich mit der Verminderung 
und selbst Aufhebung aller jener Nachtheile, welche der 
operativen Reposition mittelst künstlicher Pfannenvertiefung 
anhaften. 

Da es sich um eine blosse Weichtheilsoperation handelt, 
so ist vor allem die Gefahr des Eingriffes unvergleichlich geringer 
geworden; ferner sind die Chancen der späteren Beweglichkeit 
der vollständig intact erhaltenen Gelenkskörper unzweifelhaft 
bessere; endlich ist auch der Schatten der Gefahr einer späteren 
Wachsthumsbeeinträchtigung des knöchernen Becken- 
ringes ausgeschlossen. Die gelungene Retention wird dem 
Schenkelkopfe auf natürlichem Wege ein Lager schaffen, welches 
demselben vollkommen congruent und sicher entsprechender ist 
als eine künstlich gebohrte Pfanne. Die misslungene Retention 
hingegen kann bei exacten Vorkehrungen gegen eine hintere 
Reluxation im schlimmsten Falle zu einer vorderen Reluxation 
nach oben führen, deren functionelles Resultat häufig weit besser 



— 175 — 

ist als jenes der gelungenen Retention nach künstlicher Pfannen- 
vertiefung. 

Der Seite 116 bis 120 in extenso beschriebene Fall ist geeignet, 
die Schwierigkeiten der Methode zu beleuchten; gleichzeitig er- 
bringt derselbe aber auch den Beweis, dass der reponirte 
Schenkelkopf auf dem Wege der Function Knochenneubildung 
im Sinne der Ausgestaltung des unzulänglichen Pfannenlagers 
anzuregen vermag. Die Kapselnarbe kann selbstverständlich 
ebenfalls eine Beweglichkeitsbeschränkung der operirten Gelenke 
herbeiführen, aber dieselbe reicht nicht entfernt an die Operations- 
ankylosen nach künstlicher Pfannenvertiefung hinan und ist der 
Mobilisirung ungleich leichter zugänglich. 

Durch die von der unblutigen Einrenkungsbehandlung zu 
Hilfe genommene Arthrotomie bleibt also noch eine weitere 
Altersclasse, namentlich beiderseitiger Luxationen bis etwa zum 
elften und zwölften Lebensjahre, einer wesentlichen Besserung 
und selbst der Heilung zugänglich, welche auf unblutigem Wege 
nicht mehr zu erreichen gewesen wäre. 

Jenseits dieses Alters beginnen die palliativen Operationen, 
wie solche von Hoffa, Kirmisson, Ghillini, Senger u. A. 
angegeben wurden, Operationen, deren Betrachtung umsomehr 
ausserhalb meines Vorwurfes liegt, als zu hoffen steht, dass alle 
diese Vorschläge, und ich möchte wünschen, auch die Reposition 
mittelst Arthrotomie, an Actualität verlieren werden, da in. 
Zukunft das günstige Alter für die Durchführung der unblutigen 
Repositionsbehandlung sorgfältiger wahrgenommen werden wird, 
als es bisher geschehen ist. 

Einen ausführlichen Bericht über die Resultate der Repo- 
sition mittelst Arthrotomie behalte ich mir für spätere Zeit vor. 

XVII. Beschreibung der Lorenz'schen Methode. 

1. Präparatorische Behandlung. 

Während bei jüngeren Kindern eine präparatorische Exten- 
sionsbehandlung vollkommen überflüssig ist, erscheint es aus 
mehrfachen Gründen angezeigt, der Reposition wenigstens in 
jenen Fällen eine vorbereitende Behandlung vorausgehen zu 
lassen, welche sich der Altersgrenze nähern oder dieselbe gar 



— 176 — 

schon überschritten haben und dabei eine unnachgiebige Ver- 
kürzung von etwa 4 Centiraeter und darüber aufweisen. 

Man erleichtert sich durch diese Vorbereitung nicht nur die 
Arbeit bei der Reposition, sondern gewinnt auch grössere 
Chancen des Gelingens; ausserdem sichert man den Patienten 
auf diesem Wege am besten gegen Zerrungslähmungen und 
Neuralgien des Ischiadicus und nicht minder gegen Fracturen 
des Schenkelhalses. 

Ich pflege in solchen Fällen (gewöhnlich sind es Grenzfälle) 
in folgender Weise vorzugehen: In kurzer Narkose wird zunächst 
die subcutane Tenotomie der Kniekehlensehnen (Semitendinosus, 
Semimembranosus, Biceps) und sodann die subcutane Durch- 
schneidung der an der Spina ant. sup. inserirenden Weichtheile 
(Sartorius, Tensor fasciae) und endlich die Myotomie der Ad- 
ductorencoulisse vorgenommen. Ich bevorzuge gelegentlich der 
Vorbereitung des Patienten zur Einrenkung die operative Durch- 
trennung der Adductoren gegenüber der Myorhexis deshalb, 
weil bei der Präparation keine Einrenkungsmanöver, vor allem 
also nicht jene hochgradigen Abductionen vorgenommen werden, 
durch welche die Dehnung und der schliessliche Einriss der 
Muskelcoulisse herbeigeführt wird. 

An diese kurze Operation schliessen sich einige kräftige, 
aber vorsichtige Schraubentractionen. Da ich den gleichmässigen, 
jeden Widerstand spielend und unmerklich überwindenden Zug 
der Extensionsschraube fürchten gelernt habe, so halte ich dieses 
Instrument immer nur für den äussersten Nothfall in Bereitschaft 
und bevorzuge seit längerer Zeit die manuelle Traction durch 
zwei Assistenten, welche je ein Ende der um den Knöchel ge- 
schlungenen Extensionsquele fassen und im Rhythmus langsam, 
aber kräftig anziehen und wieder nachlassen. Bei dieser rhythmi- 
schen Traction habe ich niemals Verletzungen des Perineums gesehen. 

Dieselbe wird fortgesetzt, bis die Verkürzung auf einen 
grösseren oder geringeren Rest reducirt erscheint. Dieser letztere 
wird übrigens leicht unterschätzt. Bei Arthrotomien konnte ich 
mich davon überzeugen, dass die Ueberwältigung eines scheinbar 
ganz geringen Restes der Verkürzung manchmal recht grosse 
Schwierigkeiten bot. 

Der Patient bleibt nun acht Tage zu Bette, bis die Teno- 
tomstiche verheilt sind, und wird während dieser Zeit einer 



177 — 



— \a' 



Gewichtsextension mittelst Ledergamasche (bis zu 10 Kilogramm 
Schrotbelastung) unterworfen. Von nun an bleiben die Kinder 
ausser Bett, werden aber täglich mehreren kräftigen Schrauben- 
tractionen unterworfen, so weit dieselben bei erträglichen Schmerzen 
möglich sind. Nachtsüber wird mit der Gamasche extendirt. 
Mittelst dieser ambulatorischen Behandlung lässt sich die quälerische 
und gesundheitsschädigende continuirliche Bettextension ver- 
meiden. Länger als 3 bis 4 Wochen habe ich die vorbereitende 
Behandlung nicht ausgedehnt. 

Häufig genug wird man die Erfahrung machen, dass der 
Einrenkungsversuch trotz erfolgreicher Präparation schliesslich 
misslingt. Man darf eben nicht 
vergessen, dass die ausschlag- 
gebenden Kapselhindernisse durch 
die vorbereitende Extension sehr 
wenig oder gar nicht beeinflusst 
worden sind. Mit Rücksicht auf 
diesen Umstand habe ich in solchen 
Fällen den Versuch niemals wieder- 
holt, sondern lieber meine Zuflucht 
zur Arthrotomie genommen. 

Da die vorbereitende Behand- 
lung bei den rechtzeitig der Repo- 
sition unterzogenen Fällen fast 
immer überflüssig ist, so kann 

dieselbe nicht als ein charakteristischer und integrirender 
Factor meiner Methode betrachtet werden. Wohl aber ist die 
Extension als Repositionsmanöver ein solcher, zum wenigsten 
dann, wenn es sich um eine Einrenkung über den hinteren 
Pfannenrand handelt. Davon wird später die Rede sein. 

Hier bietet sich indes Gelegenheit, die Frage zu be- 
sprechen, ob man der bestehenden Luxationsverkürzung auch 
auf einem anderen Wege als dem der Extension, respective der 
Muskel- und Weichtheilsdehnung beikommen könne! 

Nehmen wir an, der Schenkelkopf (Fig. 28) a liege bei 
voller Streckstellung des Beines 4 Centimeter oberhalb der 
Pfanne (o); bei rechtwinkeliger Beugestellung des Schenkels wird 
derselbe (a'J ebenso weit hinter der Pfanne liegen müssen; bei 
spitzwinkeliger Beugung des Beines rückt derselbe (a") in gleicher 




Fig. 23. 



Lorenz, Hüftverrenkung. 



12 



— 178 — 

Distanz von der Pfanne nach abwärts. Die Flexion lässt also den 
Schenkelkopf einen Kreis um die Pfanne beschreiben und bringt 
denselben zwar in ein tieferes Niveau, aber seine Pfannendistanz 
bleibt dieselbe. 

Mit Beziehung auf die hierdurch angestrebte Annäherung 
des Schenkelkopfes an die Pfanne ist die Flexion demnach ein 
Kunstgriff ohne jede Bedeutung. 

Wohl aber ändert sich der Muskelwiderstand gegen die 
Annäherung des Kopfes an die Pfanne je nach der Streck- oder 
Beugestellung des Schenkels. In der Strecklage hat die Extension 
offenbar den Gesammtwiderstand der langen Schenkelmuskeln zu 
überwinden. In rechtwinkeliger Flexion hingegen sind die Beugv- 
muskeln erschlafft und der Dehnung zugänglicher, so dass ihr 
Widerstand weniger ins Gewicht fällt. Die Adductoren aber 
werden sich der Annäherung des Kopfes an die Pfanne bei 
rechtwinkeliger Beugung des Schenkels offenbar mit derselben 
Kraft widersetzen, als in Streckstellung oder in jeder beliebigen 
anderen Haltung des Schenkels. 

Die an dem rechtwinkelig gebeugten Schenkel (in der Rich- 
tung a' &', Fig. 28) angreifende, also senkrecht zur Längsaxe 
des Rumpfes wirkende Extension (wie dieselbe als Repositions- 
manöver angewendet wird) stösst demnach zwar auf einen ver- 
minderten Muskelwiderstand, bleibt aber in ihrer Wirkung immer 
von dem Adductorenhindernisse abhängig und kann erst nach 
Ausschaltung dieser Muskelgruppe eine Annäherung des Kopfes an 
die Pfanne bewirken. 

Auch bei spitzwinkeliger Beugung bleibt der Adductoren- 
widerstand gegen eine solche Annäherung unvermindert bestehen. 

Durch Kunstgriffe lassen sich demnach die bestehenden 
Muskelretractionen nicht hinwegtäuschen oder umgehen, am aller- 
wenigsten jene der Adductoren. Vielmehr müssen diese Hinder- 
nisse auf dem einen oder anderen Wege vorher thatsächlich 
ausgeschaltet werden, ehe an eine Annäherung des Kopfes an 
die Pfanne gedacht werden kann. 

Ich übergehe nunmehr zur detaillirten Beschreibung der 

2. Repositionstechnik, 

welche eine verschiedene ist, je nachdem die Einrenkung über 
den oberen, den hinteren oder den unteren Pfannenrand erfolgt. 



— 179 — 

Allen diesen verschiedenen Einrenkungsarten gemeinsam ist die 
Mobilisirung des Schenkelkopfes. Dieser Act ist zwar auch ein 
vorbereitender, geschieht aber in derselben Sitzung wie die Ein- 
renkung und ist von dieser zeitlich nicht in jenem Sinne getrennt, 
wie die präparatorische Behandlung. 

Als Mobilisirung kann im Allgemeinen jede Verminderung 
der zu erwartenden Muskelwiderstände gegen die Reposition be- 
zeichnet werden. 

Bei ganz jungen Kindern ist die Mobilisirung des 
Gelenkes nicht nothwendig, da hier die Weichtheils- 
widerstände so gering sind, dass dieselben unter einem 
durch die Repositionsmanöver überwunden werden 
können. 

In letzter Linie besteht die Mobilisirung in der Ausschal- 
tung der Adductoren. als jener Muskelgruppe, deren Widerstand 
gegen eine Annäherung des Schenkelkopfes an die Pfanne unter 
allen Bedingungen und bei allen Stellungen des Beines der un- 
verändert gleiche bleibt. 

Diese Ausschaltung erfolgt auf stumpfem Wege durch 
Dehnen, Walken und eventuelles Zerreissen der prominentesten, 
wie eine Saite gespannten Muskelfasern (Myorhexis). 

Am schnellsten kommt man zum Ziele, wenn man bei 
kräftig abducirtem Schenkel die ulnare Kante der Hand wie ein 
stumpfes Messer auf die Muskelcoulisse möglichst nahe ihrer 
Insertion am horizontalen Schambeinast auflegt und dieselbe mit 
schneidenden oder sägenden Bewegungen so lange bearbeitet, bis 
sie verschwunden ist. Manchmal fühlt man ganz deutlich das 
Nachgeben der gespannten Muskelstränge. Ein grösseres Hämatom 
habe ich bei dieser Art des Vorgehens niemals entstehen gesehen: 
in der Regel verräth sich die stattgehabte Blutung nur durch einige 
blaue Flecken. 

Nach sorgfältiger Stützung des Perineum mittelst einer 
durch dicke Kautschukplatten gepolsterten Schlinge werden 
einige manuelle Tractionen an dem gestreckten Beine vor- 
genommen, um sich über die Nachgiebigkeit auch der anderen 
Längsmuskeln an der vorderen und hinteren Fläche des 
Schenkels zu orientiren und dieselben einer Dehnung zu unter- 
ziehen. Diese Tractionen haben nunmehr gewöhnlich einen 
ganz ausserordentlichen Effect, da dieselben nach der Myo- 

12* 



— 180 — 

rhexis adductorum nur mehr auf den Widerstand der Beuger 
und Strecker des Hüftgelenkes stossen. Ab und zu erfolgt bei 
leichteren Fällen während dieser mit Abduction verbundenen 
Tractionen an dem in Strecklage befindlichen Hüftgelenke 

a) die Einrenkung über den oberen Pfannenrand, 

ohne dass man dieses Ereignis zunächst erwartet hätte. Beab- 
sichtigt man die Reposition in Strecklage des Hüftgelenkes, so 
empfiehlt es sich, die Wirkung der Extension durch kräftigen 
Händedruck auf den Trochanter von oben her zu unterstützen, 
während das Bein in prononcirter Einwärtsrollung gehalten wird. 
Durch diese letztere wird der Trochanter zum besseren Vor- 
springen gebracht, so dass er eine breitere Druckfläche bietet; 
gleichzeitig aber wird durch die Einwärtsrollung des Beines der 
Schenkelhals frontal gestellt und damit in die Richtung der 
Pfannentasche gebracht. Die von zwei Assistenten an den beiden 
Enden der Tractionsquele bei Abductionslage des Beines ausge- 
übte Extension geschieht auf Zählcommando vollkommen rhyth- 
misch, während die den Trochanter nach unten und innen 
drückende Hand des Operateurs in gleichem Rhythmus ihre 
grösstmögliche Kraft auf dem Höbepunkte der Tractionswirkung 
zur Geltung kommen lässt. Auf diese Weise v/erden nicht nur 
die Extensionsapparate überflüssig, sondern auch deren Gefahren 
umgangen. Es ist selbstverständlich, dass durch die Traction an 
dem Beine das Hüftgelenk in sehr starke Abductionsstellung 
geräth. 

Das Einrenkungsgeräusch ist bei dieser Reposition über den 
oberen Pfannenrand wegen der geringen Entwickelung desselben 
in der Regel sehr schwach oder fehlt auch wohl ganz ; hingegen 
wird die leichte Erschütterung, welche die drückende Hand 
beim plötzlichen Versinken des Trochanters, respective des 
Schenkelkopfes, in das Pfannengrübchen fühlt, immer gut wahr- 
genommen . 

Nur in einigen wenigen Fällen schien mir der Kopf nach 
der Einrenkung so sicher und fest zu sitzen, dass ich von allen 
weiteren Bemühungen absah und das Bein sofort in entsprechender 
Abduction fixirte. 

Mit dieser oft unbeabsichtigt gelingenden Einrenkung über 
den oberen Pfannenrand gebe ich mich indes nicht zufrieden, 



— 181 — 

da ich ein zu grosses Gewicht auf das modellirende Eintreiben 
des Schenkelkopfes in die Pfannentasche lege, und verfolge das 
Ziel der Einrenkung über den hinteren Pfannenrand weiterhin 
gerade so. als ob die Reposition über den oberen Pfannenrand 
nicht gelungen wäre. Wie schon erwähnt, ziehe ich die Einrenkung 
über den hinteren Pfannenrand deshalb vor. weil sie unter deut- 
licheren Erscheinungen gelingt, und weil der hintere Pfannenrand 
in der ganzen unblutigen Luxationstherapie namentlich in Be- 
ziehung auf die Retention eine viel wichtigere Rolle spielt als 
der obere. 

b) Einrenkung über den hinteren Pfannenrand. 

Dieselbe setzt rechtwinkelige Beugestellung des Schenkels 
voraus, denn nur durch diese wird der Schenkelkopf hinter den 
hinteren Pfannenrand verlagert. In Folge der Muskelschrumpfung 
wird der Kopf bei rechtwinkeliger Beugestellung des Schenkels 
genau ebenso weit von dem hinteren Pfannenrande entfernt sein 
müssen, als er in der früheren Streckstellung von dem oberen 
entfernt war. Schon aus dieser Betrachtung geht die Bedeutung 
der vorhergehenden Mobilisirung des Schenkelkopfes hervor. 
Nicht nur bleibt der Schenkelkopf dem Pfannenrande dadurch 
näher, sondern die restliche Distanz lässt sich nunmehr in Folge 
der Ausschaltung oder Abschwächung der Muskelhindernisse 
durch leichten Zug überwinden. Ist dies der Fall, so gelingt die 
Einrenkung über den hinteren Pfannenrand ..aus freier Hand". 
Sind die noch bestehenden restlichen Muskelhindernisse zu gross, 
so nimmt man zur „Einrenkung auf dem Keile" seine 
Zuflucht. 

a) Einrenkung aus freier Hand. 

Der Modus derselben ergibt sich aus der oben geschilderten 
Situation der Theile von selbst. Während ein Assistent mit beiden 
Händen das Becken des Kindes durch Andrücken gegen die 
Unterlage fixirt. erfasst der Operateur das untere Ende des recht- 
winkelig gebeugten und leicht einwärts gerollten (z. B. linken, 
Fig. 29) Oberschenkels mit der rechten Hand, während der 
Daumen seiner linken Hand auf die obere Fläche des Trochanters 
zu liegen kommt; nun übt die rechte Hand einen kräftigen Zug 
in der Richtung des Schenkels, also senkrecht zur Länesaxe 



182 




- 183 — 

des Körpers, der linke Daumen gleichzeitig einen medial wirkenden 
Druck gegen den Trochanter aus, während eine kräftige Abduction 
dieses Manöver begleitet. Die Einrenkung wird, eventuell nach 
mehrfacher Wiederholung der beschriebenen Technik, unter den 
deutlichsten Erscheinungen gelingen. 

Ich halte diese Einrenkung über den hinteren 
Pfannenrand aus freier Hand (rechtwinkeliger Zug, medialer 
Druck gegen den Trochanter und Abduction) für den ein- 
fachsten und wichtigsten Repositionstypus, welcher 
in Zukunft wohl am häufigsten zur Anwendung gelangen 
dürfte. Derselbe gelingt nämlich nur bei noch ziemlich jungen 
Kindern im Alter von 2 bis 4, höchstens 5 Jahren, aber gerade 
diese Altersclasse wird in Zukunft wohl am häufigsten der un- 
blutigen Einrenkung unterzogen werden. 

Die Einrenkung aus freier Hand hat ihre Besonderheiten: 
sie benöthigt nicht der geringsten mechanischen Vor- 
richtungen und Behelfe, zwei kräftige Arme sind der ganze 
Bedarf; jede Möglichkeit einer Fractur ist dabei ausgeschlossen, 
da keine Hebelmanöver am Oberschenkel zur Ausführung kommen; 
nicht die geringste Zerrung des Ischiadicus oder Gruralis kann 
dabei unterlaufen; die zur Reposition nothwendige Abduction 
ist eine verhältnismässig geringe, denn die Einrenkung aus 
freier Hand ist kein Hebelverfahren, sondern eine reine Extensions- 
methode, welche allerdings nicht wie gewöhnlich auf das ge- 
streckte, sondern auf das rechtwinkelig gebeugte Hüftgelenk 
wirkt. Bei den entsprechend jungen Kindern gelingt die Reposition 
aus freier Hand spielend leicht, fast immer unter den classischen 
Erscheinungen, und es ist ein wahres Vergnügen, dieselbe aus- 
zuführen, weil jeder üble Zufall dabei ausgeschlossen ist. Die 
Einrenkung eines rechtsseitigen Gelenkes gelingt schwerer, weil 
in diesem Falle die gewöhnlich schwächere linke Hand die 
rectanguläre Extension übernimmt. 

ß) Einrenkung auf dem Keile. 

Trotz Mobilisirung des Hüftgelenkes durch Muskeldehnung, 
ja selbst durch Muskelausschaltung (Myorhexis adductorum) ge- 
lingt es schon bei den über 4 Jahre alten Kindern häufig nicht 
mehr, den Schenkelkopf der Pfanne so nahe zu bringen, dass eine 
manuelle rechtwinkelige Extension aus freier Hand die Einrenkung 



— 184 — 

zu Stande bringen könnte. Da sich eine instrumentelle Extension 
rechtwinkelig zur Längsaxe des Körpers schwer ausführen lässt, 
und da in diesen Fällen auch schon die Kapselhindernisse zur 
Geltung kommen, gegen welche die Extension zum Theile unwirk- 
sam ist, muss die Repositionstechnik zu den Hebelmanövern ihre 
Zuflucht nehmen und betritt damit immer schon das gefährliche 
Terrain der üblen Zufälle. 

Zum besseren Verständnis der Technik der Einrenkung auf 
dem Keile vergegenwärtige man sich in Fig. 27 die Stellung des 
rechtwinkelig gebeugten Hüftgelenkes a' b', von der Seite ge- 
sehen. Die rectanguläre Extension sei nicht im Stande, die Ent- 
fernung des Kopfes a' von der Pfanne zu überwinden. Denkt man 
sich auf die Linie a' b' eine senkrechte Ebene errichtet und die 
genannte Linie um den festgelegten Punkt a' in dieser Ebene 
bewegt, bis sie auf a' senkrecht steht, so bedeutet dies am Hüft- 
gelenke eine rechtwinkelige Abduction, welche aus rechtwinkeliger 
Beugung hervorgegangen ist. Denkt man sich die Bewegung in 
derselben Ebene über den rechten Winkel fortgesetzt, so über- 
schreitet die Abduction 90 Grad und wird zurUeberstreckung; der 
Schenkel liegt dabei hinter der Frontalebene. Bildlich gesprochen 
wird der Femur durch diese Bewegung auf den (festgelegten) 
Kopf gestellt und ist im Begriffe, sich wie bei einem Purzelbaume 
zu überschlagen, wenn er die senkrechte Stellung überschritten 
hat. In dem Momente, in welchem das „auf dem Kopfe stehen" 
in den Purzelbaum übergeht, muss sich der Schenkelkopf in 
entgegengesetzter Richtung gegen die Pfanne zu bewegen und 
auf diese Weise der Reposition unterliegen. 

Genau dasselbe geschieht bei der Einrenkung auf dem Keile. 
Durch das Hypomochlion desselben wird der Schenkelkopf an 
seinem Drehpunkte festgehalten. Im Momente des beginnenden 
Ueberschlagens, d. h. im Momente des Ueberganges der recht- 
winkeligen Abduction in die Ueberstreckung wird der Schenkel- 
kopf mobil und nach vorne gegen die Pfanne getrieben. Als In- 
strument dient ein mit Leder gepolsterter Holzkeil, welcher 
mittelst zweier Zapfen in der Mitte der beiden Seitenränder des 
Operationstisches, schräg zur Längsaxe desselben abnehmbar, 
befestigt ist. (Fig. 30 zeigt rechts die zur Aufnahme der Zapfen 
bestimmten Löcher in der Tischplatte, links den Keil in diesen 
letzteren eingesteckt.) 



— 185 



Die Einrenkimg auf dem Keile wird in folgender Weise 
ausgeführt: Zunächst werden einige Tractionen an dem Beine 
vorgenommen, um die Längsmuskeln gehörig auszudehnen, oder 
den Effect der eventuell vorausgegangenen präparatorischen Ex- 
tensionsbehandlung zu prüfen. Ein sehr wirksames Mittel, die an 
der hinteren Fläche des Oberschenkels verlaufenden Längsmuskeln 
(Kniebeuger) auch ohne Extension 
einer starken Dehnung zu unterziehen, 
besteht darin, das Hüftgelenk ad ma- 
ximum zu beugen und das Knie- 
gelenk unter allmählicher Ueberwin- 
dung des Muskelwiderstandes zu 
strecken, bis die Fassspitze in Schulter- 
nähe zu liegen kommt. Es ist aber 
bei diesem Manöver grosse Vorsicht 
geboten; einmal habe ich bei dieser 
Gelegenheit eine Schenkelhalsfractur 
erzeugt. 

Auch die vorderen Längsmuskeln 
des Oberschenkels können durchUeber- 
streckung des Hüftgelenkes bei maxi- 
mal gebeugtem Knie einer Dehnung 
unterworfen werden. Sodann wird 
die Myorhexis adductorum durch 
Walken und Dehnen derselben bei 
allmählich gesteigerter Abduction aus- 
geführt. Glaubt man das Gelenk ge- 
hörig mobilisirt zu haben, so wird 
man es nicht unterlassen, wenigstens 
den Versuch der Einrenkung aus 

freier Hand vorzunehmen. Wenn es auch nicht gelingt, so trägt 
die rectanguläre Extension immerhin dazu bei, den Schenkel- 
kopf dem hinteren Pfannenrande wenigstens etwas näher zu 
bringen. 

Hat man sich vergebens müde gearbeitet, so wird der Keil 
eingesteckt und der Patient derart gelagert, dass der betreffende 
Trochanter gerade auf die Kante des Keiles zu liegen kommt, 
während das Becken durch Assistentenhände gegen die Tisch- 
platte angedrückt erhalten wird. Die aus rechtwinkeliger Beugung 




— 186 — 

begonnene Abduction wird nun im Sinne des modellirenden 
Redressement ganz allmählich und langsam gesteigert, wobei 
die etwa noch gespannten Adductorenbündel einer weiteren 
Dehnung anheimfallen. Der Schenkel stellt um einen zweiarmigen 
Hebel vor, dessen Hypomochlion auf der Keilkante liegt. Man 
wird darauf zu achten haben, den peripheren, längeren Hebelarm 
kurz zu fassen, um einer Diaphysenfractur des Femur zu ent- 
gehen. Ehe man die rechtwinkelige Abduction des Femur nicht 
erreicht hat, darf man die Reposition nicht erwarten; erst mit 
dem Beginne der Ueberschreitung des rechten Winkels 
steht dieses Ereignis in Sicht. Wie nahe man seinem Ziele 
ist, wird sich aus der fortwährenden Gontrole des Schenkel- 
kopfes und der Leistenbeuge ergeben. So lange sich diese 
letztere tief eindrücken lässt, hat es mit der Einrenkung noch 
gute Wege. Erst wenn sie sich abzuflachen und der Schenkel- 
kopf aus der Tiefe derselben gegen die Oberfläche gewisser- 
massen aufzutauchen beginnt, dürfen die Phänomene jeden 
Augenblick erwartet werden. Mittlerweile wird man der ge- 
spannten Haut über der Adductoreninsertion seine Aufmerksam- 
keit zuwenden müssen und dieselbe durch Heranschiebung der 
benachbarten schlaffen Hautpartie zu entlasten suchen. Im 
Allgemeinen ist die Einrenkung auf dem Keile eine wenig 
angenehme und aufregende Arbeit, weil man jeden Augen- 
blick statt der erwarteten Repositionsphänomene irgend eines 
Unfalles gewärtig sein muss. Man unterbricht seine Bemühungen 
zuweilen, um die grössere Verschiebbarkeit des Schenkel- 
kopfes zu prüfen, und versucht mittlerweile vielleicht noch 
einmal die Einrenkung mit rectangulärer Extension. Erscheint 
der Schenkelkopf trotz erreichter Ueberstreckung nicht in der 
Leiste, so forcire man nicht weiter und gebe das Unmög- 
liche lieber auf. Zuweilen helfen noch die Manöver, von welchen 
weiter unten die Rede sein soll. 

Auf alle Fälle vergewissere man sich während der Arbeits- 
pausen, ob der Schenkelkopf noch in fester Verbindung mit 
dem Halse steht. Man orientirt sich hierüber am besten, wenn 
man denselben zwischen die Finger fasst und kräftig fixirt, während 
die andere Hand Rollungen des Oberschenkels ausführt. Man 
wird dann ein genaues Urtheil darüber haben, ob der Kopf die 
Rotationsbewegung mitmacht oder nicht. Lässt sich derselbe 



— 187 — 

während der Rollungen des Femur festhalten, und fühlt man 
leichtes Grepitiren, so liegt eine Schenkelhalsfractur vor. welche 
allen weiteren Bemühungen ein Ziel setzt. In einem solchen 
Falle wird das Bein in einem portativen Extensionsverbande 
fixirt und die Reposition erst nach verlässlicher Heilung der 
Fractur auf dem Wege der Arthrotomie in Aussicht genommen. 
Es ist gerathen, mit der Operation etwa drei Monate zu warten, 
da gelegentlich derselben an die Fracturstelle Bei astungsanf For- 
derungen gestellt werden, welchen dieselbe zu einem früheren 
Zeitpunkte möglicherweise noch nicht gewachsen ist. 

Nicht immer verräth sich die stattgehabte Fractur im Momente 
ihres Entstehens. Das Einknicken des Schenkelhalses geschieht 
bei dem immer stärkeren Andrängen desselben gegen seinen 
Standort gelegentlich des kritischen Momentes des Ueberganges 
in die Ueberstreckung so allmählich, dass man häufig weder 
ein Geräusch, noch eine Erschütterung wahrnehmen kann und 
erst durch eine ad hoc unternommene Untersuchung sich über 
den Unfall orientirt. Eine Verwechslung mit den Phänomenen 
der Reposition wird dadurch nicht leicht veranlasst werden; zum 
mindesten würde man seinen Irrthum sehr bald erkennen müssen. 

Manchmal erfolgt die Reposition allerdings mit solcher Ve- 
hemenz, dass man eine stattgehabte Fractur fürchten könnte. 
Auch in diesem Falle wird man sich leicht darüber vergewissern 
können, ob man das letztere Ereignis zu beklagen hat oder sich 
über das erstere freuen darf. Ist die Reposition unter deutlichen 
oder schwachen Phänomenen gelungen, so präsentirt sich der 
Schenkelkopf als harter Tumor am horizontalen Schambeinast 
neben der Schenkelarterie und füllt die früher leere und tief 
eindrückbare Leistengrube nicht nur vollständig aus, sondern 
verleiht ihr sogar eine leichte Convexität. 

In derart schwierigen Fällen, welche hart an der Grenze 
der Einrenkbarkeit stehen, sei es, dass die Kapselverhältnisse 
besonders ungünstig liegen, oder dass der letzte Rest der vor- 
handenen Verkürzung nicht bewältigt werden kann, kommt man 
manchmal noch mit der 

c) Einrenkung über den unteren Pfannenrand 

zum erwünschten Ziele. Dieselbe wird mit Vortheil ebenfalls auf 
dem Keile vorgenommen und hat selbstverständlich eine maxi- 



— 188 — 

male Flexion des Schenkels zur Ausgangsstellung. Dadurch 
wird der Schenkelkopf unter dem unteren Pfannenrande eingestellt. 
Aus dieser maximalen Beugestellung treibt man den Schenkel wie 
bei einem modellirenden Redressement allmählich in rechtwin- 
kelinge Abduction und erreicht beim Uebergange in die Ueber- 
streckung, d. h. bei Ueberführung des Schenkels hinter die fron- 
tale Ebene manchmal noch die Passage des Schenkelkopfes über 
die unteren niedrigeren Partien des hinteren Pfannenwalles, 
wenn auch nicht auf einmal, so doch vielleicht bei öfterer 
Wiederholung der immer leichter ausführbaren Bewegungen. 
Hoffa hat das Hin- und Herführen des abducirten, indifferent 
gerollten und überstreckten Beines in der Horizontalen das 
Pumpenschwengelmanöver genannt und improvisirt die Keilwir- 
kung mittelst des unter den Trochanter geschobenen Vorderarmes. 

Ich habe diese Hebelmanöver sowohl in der einen als auch 
in der anderen Form fürchten gelernt, denn sie sind die Ursache 
aller üblen Zufälle, sowohl der Fracturen als der Zerrungsinsulte 
der Nerven, vor allem des Cruralis. Aber es bleibt zur Erreichung 
des Zieles bei älteren Kindern meist kein anderer Weg übrig. 

Auf gar keinen Fall aber soll man an dem Plane der un- 
blutigen Einrenkung festhalten, wenn sich demselben Hindernisse 
in den Weg stellen, deren Ueberwindung grössere Kraft erfordert 
als der Femurhals voraussichtlich auszuhalten vermag. Das Be- 
streben, die Altersgrenze der unblutigen Einrenkung zu er- 
weitern, hat. gerade genug Unfälle veranlasst. Wenn die Repo- 
sition mit massiger Gewalt nicht gelingt, dann ist das Messer 
das schonendere Instrument als der Keil. Meist sind es ja die 
von der Kapsel gebotenen Hindernisse, welche die unblutige Re- 
position vereiteln. Man wird daher in solchen von vorneherein 
zweifelhaften Grenzfällen besser thun, nach einem mit möglichster 
Vorsicht ausgeführten Versuche der unblutigen Reposition lieber 
zur Arthrotomie zu greifen oder die Kapselspaltung gleich von 
vorneherein in Aussicht zu nehmen. 

Das Ideal der unblutigen Reposition wird für mich 
immer die Einrenkung aus freier Hand mittelst rectan- 
gulärer Extension und gleichzeitiger Abduction bleiben, 
und wenn die Kinder in Zukunft rechtzeitig zur Behandlung 
kommen, wird man der riskanten Hebelmanöver überhaupt nicht 
mehr bedürfen. 



189 



3. Retention. 



a) Primäre Stabilität der Reposition und ihre künstliche 

Vergrösserung. 

Aus anatomischen Gründen ist die primäre Stabilität der 
Reposition natürlich sehr gering und auch nicht im entferntesten 
mit jener nach der Reposition einer traumatischen Verrenkung 
zu vergleichen. Bei dem Versuche, die mehr weniger extreme 
Abductionsstellung, durch welche die Einrenkung gelungen war, 
zu vermindern, erfolgt unter deutlichen Phänomenen (vgl. Cap. X) 
die Reluxation nach hinten schon viel früher, ehe eine Mittellage 
des Gelenkes, geschweige denn eine indifferente Streckstellung 
erreicht wurde. 

Die geringste Abductionsstellung, bei welcher die 
Reposition noch bestehen bleibt, kann als das Maass der 
primären Stabilität betrachtet werden. Im Allgemeinen ist 
davor zu warnen, diese Primärstabilität zu überschätzen, denn 
dies verleitet zur Wahl einer günstigeren Primärstellung, als mit 
dem Fortbestande der Reposition auf die Dauer vereinbar ist. 
In der Mehrzahl der Beobachtungen erweist sich die primäre 
Stabilität als so ausserordentlich labil, dass man von vorneherein 
an seiner Aufgabe verzweifeln könnte. 

Die Lorenz 'sehe Methode bietet indes ein Mittel, die pri- 
märe Stabilität sofort wenigstens einigermassen zu vermehren; 
auf diesen Umstand ist um so grösseres Gewicht zu legen, als 
alle anderen Methoden in dieser Beziehung im Stiche lassen. 

Die unmittelbare Vergrösserung der primären Stabilität er- 
folgt durch eine Erweiterung der Pfannentasche auf Kosten ihrer 
fibrösen Antheile, i. e. durch Dehnung ihrer vorderen Wand 
mittelst des durch medial gerichteten Druck und bohrende Rol- 
lungen in die Pfannentasche einzutreibenden Schenkelkopfes. 

Man erfasst zu diesem Zwecke das reponirte Bein mit 
beiden Händen, bringt es in rechtwinkelige Abdnction und presst 
durch medial gerichteten Druck den Schenkelkopf tiefer in den 
Spalt der Pfannentasche hinein, während man gleichzeitig boh- 
rende Rollungen im Sinne der Aussenrotation vornimmt, um den 
Schenkelkopf gegen die vordere fibröse Wand der Pfannentasche 
anzupressen und dieselbe dadurch auszubauchen und zu er- 
weitern. 



— 190 — 

In diesem letzteren Sinne werden die bohrenden Rollungen 
noch wirksamer, wenn man die Abduction mit leichter Ueber- 
streckung combinirt, weil hierdurch der Druck des Schenkelkopfes 
direct gegen die vordere Wand der Pfannentasche gerichtet wird. 
Es ist hervorzuheben, dass die (bohrende) Aussenrollung 
hier nicht als Repositionsmanöver zur Anwendung 
kommt, sondern lediglich den Zweck verfolgt, dem be- 
reits reponirten Schenkelkopfe auf dem Pfannenboden 
mehr Raum zu schaffen. Als Repositionsmanöver kommt immer 
nur die Innenrollung in Frage. 

Dem Zwecke der tieferen Eintreibung des Schenkelkopfes 
in die Pfannentasche ist es auch dienlich, wenn das durch die 
Reposition wegen Anspannung der Beuger gewissermassen 
spastisch flectirte Kniegelenk bei diesen Manipulationen unter 
Ueberwindung des Muskelwiderstandes in Streckstellung gebracht 
wird. Die verschärfte Muskelspannung wird dann den Schenkel- 
kopf tiefer in die Pfannentasche eindrücken. Wurden diese 
Manipulationen im Sinne des modellirenden Redressement eine 
Zeit lang rhythmisch wiederholt, so lässt sich constatiren, dass 
der Schenkelkopf schon jetzt deutlich nachweisbar besser sitzt, 
denn die Reluxation erfolgt nun nicht mehr wie vorher beim 
leisesten Anstossse. 

Ist das Mögliche in dieser Richtung erreicht, so kommt 
nunmehr die 

h) Wahl der Primärstellung 

in Frage. Leider handelt es sich hier meistens nicht um eine 
„freie" Wahl, sondern man muss seine Entschliessungen den je- 
weiligen anatomischen Verhältnissen, d. h. der jeweiligen primären 
Stabilität der Reposition accommodiren. Nur wenn diese letztere 
zweifellos eine genügende ist. was im Ganzen nur selten zutrifft, 
wird man jene „natürliche" Primärstellung wählen können, 
bei welcher der Schenkelkopf mit dem Pfannenboden 
in möglichst ausgiebigem Flächencontacte steht. Es ist 
diesohne Zweifel eine annäherndeMittellage des Gelenkes. 

Dieselbe ist im Allgemeinen durch Flexion, Abduction 
und ziemlich indifferente Rollstellung charakterisirt. 

Im Falle der möglichen Wahl würde also eine Primärstellung 
zu bevorzugen sein, welche etwa dem Initialstadium der Coxitis 



— 191 — 

mit der Einschränkung eines Ueberwiegens der Abduction über 
die Beugung entsprechen würde. 

Ich nenne die Primärstellung, welche einigermassen der 
mittleren Gelenkslage entspräche, eine „natürliche", weil sich 
dieselbe ohne jedes künstliche Hinzuthun gewissermassen von 
selbst ergibt. Dabei stehen die Gelenkskörper in einem möglichst 
ausgebreiteten, man möchte sagen, indifferenten Contacte, da sich 
„aus der Stellung an sich" kein Moment ergibt, durch welches 
die Gelenkskörper auch gegeneinander angepresst würden. 

Die Wahl der Mittellage als Primärstellung setzt günstige ana- 
tomische Verhältnisse, respective eine verlässliche Primärstabilität 
voraus, denn die Beugung bietet gegen eine hintere Reluxation 
nicht nur keine Garantie, sondern kann dieselbe viel eher sogar 
begünstigen. 

Unter allen Eventualitäten, welche die Retention des 
Schenkelkopfes auf dem Pfannenboden zu verhüten hat. ist die 
hintere Reluxation die weitaus schlimmste, denn dieselbe ist mit 
dem Status quo ante. d. h. mit dem completen Misserfolge 
identisch. 

Um eine hintere Reluxation zu verhüten, wird man sich 
sogar der Möglichkeit anderer Eventualitäten von geringerer 
praktischer Bedeutung aussetzen und auf diese Weise unter 
mehreren Uebeln das kleinste wählen. 

Das einfachste Mittel gegen die hintere Luxation ist mehr 
weniger extreme Abduction; i eine weitere, besonders ver- 
lässliche Garantie gegen die hintere R.eluxation ist die Ueber- 
streckung. Die Combination beider, also überstreckte, ultra- 
physiologische, bis 90 Grad betragende, eventuell selbst negative 
Abduction (vgl. p. 40) stellt jene Primärstellung vor. welche 
die mechanische Unmöglichkeit einer hinteren Reluxation in sich 
schliesst. 

Da die primäre Stabilität in der ungeheuren Mehrzahl der 
Fälle sehr viel, manchmal sogar alles zu wünschen übrig lässt, so er- 
gibt sich hieraus die Regel, als Primärstellung die leicht über- 
streckte Abduction zu wählen. In dieser Stellungscombination 
stellt die Ueberstreckung den constanten. die Abduction den 
variablen Factor vor, so weit der Grad der Stellung in Betracht 
kommt. Für die Ueberstreckung genügt jenes Maass, bei welchem 
der Schenkel nicht viel, aber doch deutlich hinter der Frontal- 



- 192 — 

ebene liegt; die Abduction kann von 45 bis 90 Grad variiren 
und selbst negativ werden. 

Ueberstreckte, negative Abduction stellt die extremste Primär- 
stellung vor. Bei derselben liegt der Schenkel hinter der Frontal- 
ebene und bildet mit der Seitenfläche der Rumpfes einen spitzen 
Winkel. 

Es ist hier am Platze, auch die Bedeutung der Rollung für 
die Primärstellung zu würdigen. Ich habe in meinen bisherigen 
Mittheilungen angegeben, die Primärstellung sei durch über- 
streckte, ultraphysiologische Abduction und Aussenrollung charak- 
terisirt. Was diese letztere betrifft, so habe ich einen 
Irrthum richtig zu stellen, welcher mir unterlaufen ist. 

Wenn man sich das Zustandekommen einer beispielsweise 
rechtwinkeligen Abduction (von der für diese Frage irrelevanten 
Ueberstreckung sei hier abgesehen) reconstruirt, also den Ober- 
schenkel aus der indifferenten Streckstellung in der sagittalen 
Ebene 90 Grad flectirt und sodann in der horizontalen Ebene 
90 Grad abducirt, so sieht der Gondylus internus in der resul- 
tirenden Schlussstellung direct nach vorne (Fig. 3) gerade so, wie 
derselbe durch eine Aussenrollung des Schenkels aus der indiffe- 
renten Streckstellung nach vorne sieht. 

Aus der Genese der rechtwinkeligen Abduction geht aber 
hervor, dass diese Richtung des Gondylus internus nach vorne 
ohne die Spur einer Aussenrollung zu Stande gekommen 
ist, sondern lediglich ein Attribut der Abduction aus der recht- 
winkeligen Flexion darstellt. 

Durch eine thatsächliche Aussenrollung des in rechtwinke- 
liger Abduction befindlichen Schenkels müsste der innere Gon- 
dylus nach oben (die Patella also bei gestrecktem Knie nach 
hinten) gerichtet sein. Denkt man sich die rechtwinkelige Ab- 
duction des Oberschenkels mit der sich naturgemäss hinzugesel- 
lenden rechtwinkeligen Flexion des Kniegelenkes combinirt 
(Fig. 3), so müsste der Unterschenkel durch eine Aussenrollung 
des Oberschenkels einen Ausschlag nach vorne machen, in Fig. 3 
also aus der Ebene des Papieres hervortreten, so dass beispielsweise 
bei einer Aussenrollung um 90 Grad die Fusssohle dem Beschauer 
gerade zugewendet wäre. Eine Aussenrotation des rechtwinke- 
lig abducirten Schenkels Hesse sich nur durch einen Verband 
erhalten, welcher auch den Unterschenkel umfasst. Sobald 



— 193 - 

dieser aber frei bleibt, muss die dem Oberschenkel 
etwa aufgezwungene Aussenrotation durch das Eigen- 
gewicht des Unterschenkels nothwendig wieder aufge- 
hoben werden, da dieser letztere wieder in die senkrechte 
Lage zurückpendelt. 

Hieraus folgt, dass die ultraphysiologische Abduc- 
tion des Oberschenkels bei frei beweglichem Unter- 
schenkel gar niemals mit einer Aussenrotation, sondern 
immer nur mit einer indifferenten Rollstellung des 
ersteren verknüpft sein kann. 

Ich habe demnach meine seinerzeitigen Angaben 
dahin richtig zu stellen, dass die Primärstellung durch 
ultraphysiologische, eventuell überstreckte Abduction 
und indifferente Rollstellung charakterisirt ist. 

Ich wiederhole nochmals, dass die Aussenrollung in meinem 
Retentionsplane keine Rolle spielen kann, da sich dieselbe bei 
freiem Unterschenkel gar nicht fixiren lässt. Auch in 
meinem Repositionsplane kommt die Aussenrollung nicht vor, 
denn hier ist stets nur die Innenrollung am Platze. Lediglich 
zur Dilatation der fibrösen vorderen Wand der Pfannentasche 
mittelst des bereits reponirten Schenkelkopfes spielt die 
Aussenrollung eine vorübergehende Rolle. 

Uebrigens ist die Rollung in sehr vielen Fällen überhaupt 
nicht Sache der Wahl, da unmittelbar nach der Reposition von 
einer Freiheit der Stellungsgebung im Sinne der Rotation kaum 
die Rede sein kann, wenn der Schenkelkopf in den engen Raum 
der Pfannentasche eingezwängt wurde. Es ergibt sich dann von 
selbst und ohne Zuthun des Operateurs eine indifferente Rollstellung, 
ja vielfach sogar eine leichte Innenrotation. Dieser letztere 
Fall liess sich deutlich an einem Präparate nachweisen, das von 
einem achtjährigen Mädchen stammt, welches nach der unblutigen 
Reposition einer rechtsseitigen congenitalen Luxation synkoptisch 
in der Narkose verstarb, als die Wahl der Primärstellung ge- 
troffen und mit der Fixation derselben begonnen worden war. 
Die Einrenkung war in diesem Falle nach der classischen Me- 
thode aus freier Hand unter charakteristischen Symptomen ge- 
lungen und bot eine ziemlich gute primäre Stabilität. An dem 
Präparate konnte die Reposition genau in derselben Weise 
wie in vivo reproducirt und die Wahl der Primärstellung 



Lorenz, Hüftvenenkung 



13 



— 194 — 

controllirt werden; an der äusseren Darmbeinfläche zeigte sich das 
gewöhnliche Bild des von der Kapsel gänzlich eingehüllten Kopfes, 
von dessen vorderer unterer Peripherie ein enger Kapselschlauch 
nach vorne unten innen gegen den Pfannenrand zog. Nach 
Spaltung der Kapsel mittelst eines vorderen Längsschnittes und 








Fig. 31. Präparat einer rechtsseitigen Luxation 
bei eröffneter Kapsel. 



Fig. 32. Dasselbe Präparat nach Reposition des 
Schenkelkopfes in die Pfannentasche. 



Auseinanderziehung der Schnittränder präsentirte sich der Zu- 
gang zur Pfannentasche (Fig. 31) als eine für die Spitze des 
Zeigefingers durchgängige Tunnelöffnung, eingefasst von dem 
Muskelbauche des Ileopsoas. Der Kopf stand, überkleidet von 
seiner Kapselhaube, circa 4 Gentimeter oberhalb des Einganges 
zur Pfannentasche. In diese selbst konnte der Daumen eingezwängt 
und so weit medianwärts vorgeschoben werden, dass die ganze 



— 195 — 

Länge seiner ersten Phalanx darin Platz fand. Der knöcherne 
Antheil der Pfannentasche, die eigentliche Pfanne, war flach und 
zeigte einen ziemlich niedrigen oberen und einen besser aus- 
geprägten hinteren Rand; durch allmähliche Ausweitung des 
geschrumpften fibrösen Antheiles der Pfannentasche (also der 
vorderen Kapsel) mit dem Finger konnte die flache Pfannentasche 
zu einem gleichmässig weiten Hohlraum umgestaltet werden, 
wohl geeignet, dem ziemlich regelmässigen und auf gut ent- 
wickeltem Schenkelhalse aufsitzenden Kopfe eine ganz verlässliche 
Lagerstätte zu bieten. Nach Wiederausdehnung der durch Al- 
kohol geschrumpften Weichtheile gelingt es leicht, den Schenkel- 
kopf über den hinteren Pfannenrand in die Pfannentasche ein- 
zutreiben. Man braucht den Oberschenkel nur rechtwinkelig zu 
beugen, in seiner Längsrichtung, also senkrecht zur Längsaxe 
des Rumpfes, Extension zu üben und gleichzeitig so weit zu 
abduciren, bis der Schenkelkopf den hinteren Pfannenrand über- 
springt und in die Pfannentasche gleitet. Der Schenkel nimmt 
dabei ganz von selbst eine leichte Einwärtsrollung an. 
Der Kopf steht dann so tief in der Pfannentasche (Fig. 32), dass 
eine spätere Reluxation auf gar keinen Fall zu befürchten ge- 
wesen wäre — eine durch die Section verificirte Prognose, die 
unmittelbar nach dem Gelingen der Reposition schon gestellt 
werden konnte. Zunächst gehörte allerdings zur vollständig 
sicheren Stabilisirung der Reposition eine Abduction von fast 
90 Grad (Fig. 33). Rei einer gewissen Verminderung derselben 
trat in vivo, schon lange bevor eine mittlere Abductionsstellung 
erreicht war, die Reluxation nach hinten ein. Am Präparate ist 
die primäre Stabilität der Reposition weit grösser, und man 
kann das Bein fast in eine Mittellage bringen, ehe der Kopf nach 
hinten reluxirt. Die Ursache der grösseren Stabilität am Präparate 
ist offenbar darin gelegen, dass die Kapsel nebst ihrer Elasticität 
auch ihre schlüpfrigglatte Oberfläche durch den Alkohol ver- 
loren hat. 

Wenn wir nach diesem Beispiele einer pathologisch-ana- 
tomischen Verificirung der Reposition und Prüfung der ge- 
wählten Primärstellung zu unserem Thema zurückkehren und 
die physiologische Primärstellung (Gelenksmittellage) mit der ex- 
tremen Primärstellung (ultraphysiologische, überstreckte Abduc- 
tion) mit Beziehung auf ihre Zweckmässigkeit gegeneinander 

13* 



196 



abwägen, so kann es gar keinem Zweifel unterliegen, dass der 
physiologischen Mittellage des Gelenkes als Primärstel- 
lung der Vorzug gebührt, weil dieselbe einen ungleich 
ausgedehnteren Flächencontact der Gelenkskörper ga- 
rantirt als die extreme Primärstellung. Hingegen bietet diese 
letztere eine fast absolute Garantie gegen die hintere Reluxation. 
Gegenüber dieser Thatsache schweigen alle Bedenken, welche 
man gegen die extreme Primärstellung haben mag. So wünschens- 




Fig. 33. Dasselbe Präparat nach Wahl einer Primärstellung von fast rechtwinkeliger Abductipn 
bei ganz geringer spontaner Innenrollung des Oberschenkels. 



wert die plrysiologische Mittellage vom Standpunkte der Er- 
zielung eines grösstmöglichen Flächencontactes der Gelenkskörper 
auch wäre, so sehr wird man sich in der grossen Mehrzahl der 
Fälle wegen der geringen Stabilität der Reposition zur Wahl der 
extremen Primärlage gezwungen sehen, um dadurch vorerst 
die hintere Reluxation zu vermeiden. Unter solchen Um- 
ständen kann die physiologische Mittellage erst später, 
gewissermassen auf dem Umwege der extremen Pri- 
märstellung erreicht werden. Davon soll später die Rede 
sein. 



— 197 - 

Als allgemeine Richtschnur bei der Wahl der Primärstellung 
hat zu gelten, dass man sich bei Bestimmung derselben lediglich 
durch die absolute Garantie gegen die hintere Reluxa- 
tion und durchaus nicht durch Rücksichten auf die grössere 
Bequemlichkeit der Function leiten lassen soll. Man prüfe also 
jedesmal genau, in welcher mindest extremen Beinstel- 
lung die Reluxation nach hinten erfolgt, und wähle 
sodann eine extremere Schenkellage als Primärstellung. 

c) Fixirung der Primärstellung. 

Der diesem Zwecke dienende Gipsverband muss der Bedingung 
entsprechen können, die Erhaltung der gewählten Primärstellung 
für Monate hinaus vollständig sicher zu stellen; derselbe muss 
also sehr stark sein und das Becken mit dem Oberschenkel 
zu einer absolut starren Einheit verbinden, er darf aber die 
durch eine extreme Beinstellung ohnehin wesentlich behin- 
derte Function des Stehens und Gehens nicht noch weiter er- 
schweren, sondern soll dieselbe erleichtern, ja eigentlich erst er- 
möglichen. 

Da die extreme Beinstellung equilibristischePaimpfbewegungen 
nothwendig macht, so ist es eine wichtige Bedingung, dass der 
Verband die Wirbelsäule vollkommen freilässt; auch der 
Unterleib soll aus selbstverständlichen Gründen möglichst 
frei bleiben. Da die volle Beweglichkeit des Kniegelenkes die 
Locomotion ausserordentlich erleichtert, so darf der Verband 
weder die Streckung, noch die Beugung dieses Gelenkes auch nur 
im mindesten beeinträchtigen. Hieraus ergibt sich, dass die Fixa- 
tionnachobennurbisinclusivezuden Darmbeinkämmen, 
nach unten nur bis gegen das untere Ende der Femur- 
condylen reichen darf. Die beiden Beckenhälften müssen 
von dem Verbände wie durch zwei seitlich aufgelegte Hohlhände 
umklammert sein. Dieser Forderung kann durch ein blosses 
Umwickeln der Gipsbinden keineswegs Genüge gethan werden, 
sondern dieselben müssen den Contouren förmlich anmodellirt 
werden, denn nur dadurch kann man auch mit einem compen- 
diösen Verbände strenge Fixation erreichen. Die ausserordent- 
liche Wichtigkeit exacter Verbandtechnik möge eine detaillirte 
Beschreibung derselben rechtfertigen. 



198 



Eine dünne, leicht concave, kartenherzförmig ausgeschnittene 
Beckenstütze (Fig. 34), dient zum Unterfangen des Kreuzbeines, ein 
gepolstertes Bänkchen zur Unterstützung des Bumpfes. Je nach dem 
Grade der zu fixirendenUeberstreckung wird die Beckenstütze über 
dem Niveau des Bänkchens eingestellt, um das Becken entsprechend 
hoch zu lagern. Ein verlässlicher Assistent hält die beiden Unter- 
schenkel des Kindes oberhalb der Knöchel mit je einer Hand fest, 
und zwar das gesunde Bein in indifferenter Strecklage, das einge- 
renkte hingegen in der gewählten extremen Primärstellung, bei- 
spielsweise in rechtwinkeliger, leicht üb erstreckter Abduction 
(Fig. 35). Um dieselbe richtig zu erhalten, darf er den Unter- 
schenkel weder gegen sich anziehen, noch von sich weg- 




Fig. 34. Stellbare Beckenstiitze und Rumpfbänkchen. 



stossen. Im letzteren Falle würde er die Abduction vermehren 
(negativ machen), im ersteren Falle aber vermindern. Die leichte 
Ueberstreckung des Schenkels kann dadurch gesichert werden, 
dass derselbe etwas unter der Frontalebene gehalten wird. Jede 
Art Rollung wird hierbei unterlassen, der Schenkel befindet 
sich vielmehr in indifferenter Rollstellung oder in ganz 
leichter Einwärtsrollung. 

Aus Fig. 35 lässt sich leicht abstrahiren, dass durch eine 
solche Rollung des Oberschenkels um seine Längsaxe nach 
innen der Fusstheil des Unterschenkels tiefer, respective weiter 
hinter die Frontalebene zu liegen kommt als der obere Theil 
desselben. Sicher entspricht die zu fixirende Stellung des Ober- 
schenkels nicht einer Aussenrollung, denn durch eine solche 
müsste der Fusstheil des Unterschenkels (vgl. Fig. 35) über die 



199 



Ebene des Papiers, welche die Frontalebene darstellt, empor- 
steigen, was niemals zutrifft. (Es wurde schon erwähnt, dass 
eine solche Auswärtsrolluns durch einen nur bis zur Kniegelenks- 




linie reichenden Verband auch gar nicht fixirt werden könnte, 
da der Unterschenkel mit seinem eigenen Gewichte sofort in die 
indifferente Rollstellung zurückpendeln würde.) 

Ist der Schenkel nunmehr richtig eingestellt, so wird die 
Haut desselben, namentlich am Adductorenansatz. einer genauen 



— 200 — 

Untersuchung unterzogen; etwaige kleine Verletzungen derselben 
werden sofort mit Lanolingaze bedeckt. Es folgt die Unter- 
polsterung mit Rollbinden aus geleimter Watte, unter deren un- 
terste Schichte reichlich gewöhnliches Reismehl (zur Verminderung 
des Hautjuckens) eingetragen wird. Die Wattebinden werden in 
doppelter Lage um Oberschenkel (inclusive Streckfläche des 
Knies) und Recken aufgewickelt, während der Condylus internus, 
die beiden Spinae und die Kreuzbeingegend mit eigens hierzu 
vorbereiteten Polstern bedacht werden. Diese Unterpolsterung, 
welche also ziemlich reichlich ist, wird durch Calicotbinden 
möglichst fest angedrückt, um für den Gipsverband eine 
gleichmässige pralle Unterlage vorzubereiten und die Darmbein- 
kämme deutlich vorspringend zu machen. Namentlich diesen 
letzteren werden die nunmehr aufzutragenden Gipsbinden sorg- 
fältig anmodellirt. Selbstverständlich darf nur tadelloser Alabaster- 
gips (in Organtinbinden von reichlichem Stärkegehalt) zur An- 
wendung gelangen. Es empfiehlt sich, die Rindentouren in ein- 
zelne Systeme anzuordnen; ein solches umschliesst als flache 
Ellipse das Recken, sowie die vordere und hintere Fläche des 
Oberschenkels, wobei vorläufig auch die Streckfläche des recht- 
winkelig gebeugten Kniegelenkes in den Verband mit einbezogen 
wird; ein zweites System umkreist den Oberschenkel und ergänzt 
die an der vorderen und hin leren Fläche gelegenen Gipsbänder 
zu einer vollständigen Hülse: eine dritte Folge von Rinden um- 
fasst die Darmbeinkämme. Die Touren steigen von der Symphyse 
zur Spina, folgen dem Darmbeinkamme nach rückwärts, über- 
schreiten das Kreuzbein, um längs der anderen Crista wieder 
nach vorne zur Symphyse zu gelangen; hier wird die Rinde nach 
oben umgeschlagen, und die Tour von neuem begonnen. 

Da die Rindentouren über den beabsichtigten Fixationsbezirk 
des Verbandes weit hinausreichen, so können die definitiven 
Grenzen desselben erst durch Reschneidung seiner Ränder ge- 
gewonnen werden. Man verwendet dazu am besten Scalpell und 
Höllischere. Der obere Rand des Verbandes überragt die Darm- 
beinschaufel um ein Weniges; vorne lässt derselbe die Unter- 
bauchgegend, sowie die Rima pudendi vollständig frei. Der vor- 
dere Beckentheil des Verbandes stellt also eigentlich nur eine 
Spange vor, welche den horizontalen Schambeinast nur wenig 
nach oben überragt. 



— 201 — 

Da der Umschlag der Binden gerade über der Symphyse 
erfolgt, so ist dafür gesorgt, dass diese Spange die nöthige 
Stärke und Widerstandskraft bekommt. Auch die Femoro-labial- 
falte muss reichlich freigelegt werden. Zum Schlüsse wird der 
Verband am Kniegelenke derart beschnitten, dass er vorne ober- 
halb des oberen Patellarrandes. hinten oberhalb der Beugefalte 
des Gelenkes endigt, während die beiden zungenförmig gestalteten 
Seitentheile desselben die Condylen bedecken und bis zur Gelenks- 
linie herabreichen. Namentlich die innere Kante der Schnitt- 
ränder muss sorgfältig geglättet werden. Bei ganz kleinen Kindern 
wird man gut thun. in die hintere Fläche des Verbandes dach- 
ziegelförmig sich deckende Fournirholzstreifen zum Schutze gegen 
Durchnässung einzufügen. Endlich versichert man sich mittelst 
des unter den Verband eingeführten Fingers, dass namentlich an 
der Spina kein Druck stattfindet. In diesem Falle wird die 
Druckstelle von aussen linear eingeschnitten und die betreffende 
Gegend durch Fingerdruck von innen her etwas ausgebaucht. 

Dieser Verband ist so compendiös, dass alle Theile der 
gedeckten Hautbezirke von seinen Rändern her zugänglich bleiben. 
Es ist als wesentlich hervorzuheben und besonders zu betonen, 
dass der Verband lediglich die gewählte Schenkelstellung 
zu fixiren und durchaus nicht die Aufgabe hat. etwa gegen 
den Trochanter einen Druck auszuüben: jeder künstliche 
Druck ist meiner Methode fremd. 

Nach Vollendung des Fixationsverbandes wird das Kind zu 
Bette gebracht und das Becken durch ein unterschobenes Ross- 
haarpolster hoch gelagert. 

d) Erste Fixationsperiode. 

Mit der Vollendung des die gewählte Primärstellung fixirenden 
Verbandes hat die erste Fixationsperiode begonnen. Die Schmerzen 
dauern nur kurze Zeit und sind weit geringer, als man erwarten 
sollte. Die meisten Patienten klagen kaum wenige Stunden, 
kleine Kinder fast gar nicht. Eigentlich sind nur die ersten Nächte 
unruhig, und zwar weniger wegen der Schmerzen, als wegen des 
Aufschreckens aus dem Schlafe, welches mit der bekannten ana- 
logen Erscheinung während des schmerzhaften Stadiums der 
Goxitis völlig identisch ist. 



— 202 — 

An dem der Operation folgenden Tage haben sich die 
kleinen Patienten gewöhnlich vollkommen beruhigt. Das nächtliche 
Aufschrecken hält während einiger Tage an und ist häufig nur durch 
die Traumvorstellung des Herausfallens aus dem Bette bedingt. 

Das Kniegelenk halten die Kinder zunächst meist spitz- 
winkelig gebeugt und sind gegen Streckversuche wegen der 
hierdurch erhöhten Muskelspannimg anfänglich sehr empfindlich. 
Man wartet mit allem Weiteren, bis vollständige Beruhigung ein- 
getreten ist. Von grosser Wichtigkeit für die Schmerzverminderung 
scheint es mir zu sein, dass der Adductorenwiderstand gelegent- 
lich der Reposition gründlich beseitigt wurde, denn durch die 
dauernde Anspannung eines Muskels müssen namentlich dessen 
Insertionspunkte schmerzhaft werden, während ein dehisc 
Muskel einer Anspannung nicht zugänglich ist. In einigen Fällen 
war ich wegen andauernder Schmerzhaftigkeit der Insertionsstelle 
der intact gebliebenen Adductoren nahe daran, dieselben nachträg- 
lich unter dem Verbände zu tenotomiren. 

Der Grad der Abduction ist mit Beziehung auf den da- 
durch veranlassten Schmerz nach meiner Erfahrung ziemlich 
gleichgiltig, falls keine Adductorenspannung besteht. Ist diese 
vorhanden, so können durch eine relativ sehr unbedeutende 
Abduction unverhältnismässige Schmerzen ausgelöst werden. 

Sowie die Pieaction (nach 2 bis 3 Tagen) vorüber ist, wird 
der kleine Patient zunächst in Sitzhaltung gebracht und an- 
gewiesen, mit dem rechtwinkelig flectirten Unterschenkel active 
Beuge- und Streckbewegungen auszuführen. Die Flexion gelingt 
sofort in prompter Weise, die Streckung hingegen wird häufig 
längere Zeit hindurch der Schmerzhaftigkeit wegen verweigert 
und erfährt übrigens auch durch die passiv angespannten Beuger 
eine schwer zu überwindende Hemmung. Ueber die Actions- 
fähigkeit des Quadriceps kann man beruhigt sein, wenn das 
Kind, vorausgesetzt dass es willig ist, den Unterschenkel auch 
nur um einige Grade aus der rechtwinkeligen Beugestellung 
activ zu strecken vermag, bis die Beugerhemmung zur Geltung 
kommt. 

Es ist eine wichtige und nicht genug zu betonende Auf- 
gabe der Nachbehandlung, dass die activen und passiven 
Streckungen des Kniegelenkes bis 180 Grad fleissig geübt werden, 
da sonst lästige Beugecontracturen entstehen, deren Beseitigung 



— 203 — 

ungleich mehr Zeit und Mühe kostet, als ihre Vorbeugung und 
Verhütung erfordert. Die allmähliche Ueberwindung des Wider- 
standes der durch die Reposition in Spannung versetzten Beuger 
wirkt gerade so im Sinne der Anpressung des Schenkelkopfes 
gegen den Pfannenboden, wie wenn das Kniegelenk von vorne- 
herein in Streckstellung fixirt worden wäre. 

Vermag der Patient nach dem Vorübergehen der traumati- 
schen Reaction trotz seiner hierauf gerichteten Anstrengungen das 
Kniegelenk auch nicht um ein Minimum activ zu strecken, so 
liegt eine Zerrungslähmung des N. cruralis vor. welche bei sehr 
schwierigen Repositionen älterer Fälle zu fürchten ist. Glücklicher- 
weise hat dieselbe nicht entfernt jene Bedeutung wie die Zerrungs- 
lähmungen des Ischiadicus und geht ohne jede Medication 
in kurzer Frist (längstens in einigen Monaten) wieder voll- 
ständig zurück. Uebrigens dürfte die Actionsunfähigkeit des 
Quadriceps nicht in jedem solchen Falle auf einen Gruralisinsult 
zurückzuführen sein, sondern ist zum Theil wenigstens gewiss 
auch der extremen Stellung des Beines, respective der hierdurch 
bedingten ungünstigen Actionsverhältnisse des Muskels zuzu- 
schreiben. 

Neben diesen activen und passiven Knieübungen ist auch 
die Massage des Unterschenkels sofort in Angriff zu nehmen; 
etwaigen Anschwellungen desselben ist mit Flanell - Einwick- 
lungen zu begegnen. Im äussersten Falle wäre die lineare 
Spaltung der Oberschenkelhülse und der die Polsterung 
fixirenden Galicotbinde vorzunehmen; in den Spaltrand wird 
etwas Watte geklemmt und die Hülse durch eine Organtinbinde 
wieder geschlossen. Auf diese Weise kann das Abnehmen des Ver- 
bandes umgangen werden. 

Die Bettruhe des Patienten wird auf das unumgäng- 
lich nothwendige Maass eingeschränkt. Zur Ermöglichung 
des Stehens und Gehens wird der krankseitige Fuss mit einem 
erhöhten Schuh versehen. Es ist durchaus nicht nothwendig. die 
durch das rechtwinkelig gebeugte Knie verursachte Verkürzung der 
functionellen Beinlänge vollständig auszugleichen, denn der Schuh 
würde dadurch zu einer höchst unsicheren Stelze werden: vielmehr 
genügt eine Sohlenunterlage von 4 bis 5 Centimeter. Der Rest 
der Verkürzung wird von den Patienten selbstthätig durch Becken- 
senkung ausgeglichen. Es ist für die Beinstellung charakte- 



204 



ristisch, dass der innere Fussrand tiefer steht als der 
äussere, also den Boden zuerst berührt. Die Ursache 
liegt in einer ganz leichten Hintenwendung der Fuss- 
sohle. Da die Fusssohle des rechtwinkelig gebeugten Unter- 
schenkels, wie schon erwähnt wurde, durch eine Aussenrollung 
des rechtwinkelig abducirten Oberschenkels eine Vorwärtswendung 

erfahren müsste, so dass der Fuss 
mit seinem äusseren Rande den 
Boden zuerst berühren müsste, so 
ist die oben bezeichnete Fuss- 
stellung zum mindesten ein Be- 
weis dafür, dass dieAuswärts- 
rollung an der Primärstellung 
keinen Antheil hat, dass viel- 
mehr eine spontane, aber ganz 
minimale Innenrollung, zum 
wenigsten aber eine indifferente 
Rollstellung vorhanden ist. 

Aus dieser Thatsache ergibt sich 
auch die Nothwendigkeit, den äusseren 
Rand der Sohlenprothese um 1 bis 
1*5 Gentimeter höher machen zu 
lassen als den inneren, denn nur 
unter dieser Bedingung gewinnt 
die etwas nach hinten gewendete 
Sohle vollen Flächencontact mit 
dem Boden. 

Anfänglich vermögen die kleinen 
Patienten natürlich nur mit Unter- 
stützung zu stehen und zu gehen, all- 
mählich erlangen sie aber, je nach ihrer Lebendigkeit und Unter- 
nehmungslust, eine ganz unglaubliche Geschicklichkeit, sich zu 
bewegen, zu hüpfen, zu laufen, zu springen, Stiegen auf und ab 
zu klettern, und sind trotz der Behinderung durch den Verband 
auf ihrem kranken Beine womöglich ausdauernder als auf dem 
gesunden. 

Fig. 36 zeigt einen durch 5 Monate getragenen Verband, 
durch welchen eine leicht überstreckte primäre Abductionsstellung 
von 90 Grad fixirt wurde, kurz vor seiner Abnahme. In Folge der 




Fig. 3tj. Erster Fixationsverband in ex 
tremer Primiirstellung. 



205 — 



Beckensenkung scheint die Abduction etwas geringer zu sein. 
In der Abbildung (Fig. 37) entspricht die fixirte Primärstellung 
etwa dem halben rechten Winkel, die Beckensenkung ist geringer, 
die Sohlenprothese niedriger. Dieselbe ist entsprechend der 
leichten Rückwärtswendung 
der Fusssohle an der äusseren 
Seite deutlich höher als an der 
inneren. 

Es entsteht die Frage, wie 
lange die erste Fixationsperiode 
zu dauern hat? Wie in der 
ganzen Behandlung, so gibt es 
auch hier keine Schablone. 
War die primäre Stabilität 
sehr gering, musste dieselbe 
also durch eine entsprechend 
extreme Primärstellung ver- 
sichert werden, so wird man 
mit Rücksicht auf den ersteren 
Umstand geneigt sein, die 
Dauer der ersten Fixations- 
periode länger auszudehnen, 
mit Rücksicht auf den zweiten 
Umstand aber eine Ein- 
schränkung derselben wün- 
schen müssen. Zwischen diesen 
beiden Standpunkten wird 
das richtige Gompromiss zu 
schliessen sein. Bei den 
jüngeren Kindern ist eine 
längere 'Dauer der ersten Fi- 
xationsperiode selbst in ex- 
tremer Primärstellung zu be- 
vorzugen, denn hier wird 
als Ziel vor Augen haben 




Fig. 37. Erster Fixati onsverband in primärer Mittel- 
stellung des reponirten Gelenkes. 



man immer die Radicalheilung 
müssen. Andererseits sind die 
Inconvenienzen der extremen Stellung bei kleineren Kindern 
weniger fühlbar und werden leichter ertragen. Im Allgemeinen 
wird es zu empfehlen sein, die erste Fixationsperiode lieber 
etwas zu lang als zu kurz zu bemessen. Selbst in den 



— 200 — 

seltenen Fällen ausnehmend guter primärer Stabilität bin ich 
unter 3 Monate nicht herabgegangen. Die mittlere Dauer der 
ersten Fixationsperiode habe ich auf 4 bis 5 Monate be- 
messen. Es ist mir nicht vorgekommen, dass ein Kind mit ein- 
seitiger Luxation, selbst unter dem erschwerenden Umstände 
einer extremsten Primärstellung, das Gehen nicht erlernt hätte, 
und ebenso wenig ist es vorgekommen, dass die Eltern sich 
über die Länge dieses Termines beklagt hätten. Die einzige Mit- 
hilfe, welche von den letzteren während der Fixation verlangt 
wird, ist die peinlichste Sorgfalt in der Reinhaltung des Ver- 
bandes. 

e) Gorrectur der Primärstellung" und zweite Fixations- 
periode. 

Nach Abnahme des ersten Verbandes wird die Haut einer 
gründlichen Reinigung mittelst Lanolin und Reismehl unterzogen 
und die vertrocknete Epidermis entfernt (Seife und Wasser ist 
wegen des leichten Wundwerdens der zarten Haut zu vermeiden). 
Nur selten habe ich die Haut stellenweise ekzematös gefunden. 
Man warte in diesen Fällen mit der Anlegung des zweiten Ver- 
bandes bis zur völligen Gesundung derselben und braucht durch- 
aus nicht zu fürchten, dass der vollständig frei gelassene Schenkel 
nun reluxiren müsse. Ganz im Gegentheile wird die Primär- 
stellung desselben auch ohne jede Fixation von den Kindern 
ängstlich beibehalten, und ich habe dieselben unter Belassung 
ihrer Sohlenprothese manchmal sogar einige Zeit frei herumlaufen 
lassen, ehe der zweite Verband angelegt wurde. Selbstverständ- 
lich war die Locomotion mangels der gewohnten Stützung ent- 
sprechend schwieriger. Ich will diesen Modus nicht empfehlen, 
aber er beweist, dass man nach vier- bis fünfmonatlicher Fixation 
ein solches Kind aus Furcht vor Reluxation nicht mehr mit 
Sammthandschuhen anzufassen braucht, wie ich es selbst an- 
fänglich für nothwendig gehalten hatte. 

Die Gefahr der Reluxation beginnt vielmehr erst mit der 
Correctur der Primärstellung. 

Ehe man an diese Aufgabe herantritt, ist eine Contrölle der 
Primärstellung, respective der durch die Reposition geschaffenen 
Lageverhältnisse der Gelenkskörper zu einander nothwendiL;-. 



— 207 — 

Wichtiger noch als die Actinographie ist für diese Feststellung 
die klinische Untersuchung, welche unter Beibehaltung der pri- 
mären Abduction den Schenkelkopf als harten, runden Tumor 
knapp neben der Schenkelarterie in der voller gewordenen, ja 
leicht convex gestalteten Leistenbeuge nachweist. 

Die Möglichkeit einer Reluxation nach oben ist während 
der extremen Primärstellung ebenso ausgeschlossen, wie die 
Reluxation nach hinten. 

Wohl aber könnte während der ersten Fixationsperiode in 
extremer Abduction der Schenkelkopf vom Pfannenboden nach 
innen zu abgleiten, d. h. es kann sich eine Reluxation 
nach innen auf den horizontalen Schambeinast eingestellt 
haben. 

Das klinische Bild dieser vorderen Reluxation nach innen 
ist unverkennbar, da der Schenkelkopf als runder, harter Tumor 
eine höchst auffällige Prominenz auf dem horizontalen Scham- 
beinast bildet. Es macht förmlich den Eindruck, als sei derselbe 
subcutan gelegen, so deutlich lässt sich der grösste Theil seiner 
Oberfläche abtasten. Die leicht auszuführende Rückverlagerung 
des Schenkelkopfes auf den Pfannenboden beweist, dass diese 
Reluxation eine intracapsuläre ist und nicht auf dem Wege der 
Zerreissung, sondern der langsamen Dehnung der Vorderkapsel 
zu Stande kam; anderenfalls müsste der längst vernarbte Kapsel- 
schlitz die Reposition vollständig unmöglich machen. 

Die Rückverlagerung des nach innen reluxirten Schenkel- 
kopfes auf den Pfannenboden erfolgt in der Weise, dass man 
den Oberschenkel mit der einen Hand erfasst und denselben 
unter gleichzeitiger Extension in der Richtung seiner Längsaxe 
aus der rechtwinkeligen und etwas überstreckten Abduction in 
eine Stellung bringt, welche einer prononcirten Flexion mit 
wesentlich verminderter Abduction entspricht und dabei gleich- 
zeitig mit dem Daumen der anderen Hand einen kräftigen 
Druck auf die Kopfgeschwulst in der Richtung nach aussen 
ausübt. Bei diesem Manöver wird der Schenkelkopf in die Tiefe 
gedrückt (depressionirt) und unter oft deutlichen Phänomenen 
auf den Pfannenboden zurückverlagert. Reluxirt der Gelenkskopf 
trotz dieser neuen Stellung abermals, so fixirt man den Schenkel 
nach neuerlicher Reposition des Kopfes in Flexion und aus- 
gesprochener Adduction. 



— 208 - 

N 

Trotz der eclatanten Gefahr einer hinteren Reluxation bei 
Adductionsstellung des Schenkels habe ich eine solche nicht 
mehr eintreten gesehen. 

Im Wesen entspricht die Correctur der extremen Primär- 
stellung jenem Manöver, durch welches der nach innen reluxirte 
Schenkelkopf auf den Pfannenboden zurückverlagert wurde. Es 
handelt sich um die Verminderung der Abduction, um die Be- 
seitigung der Ueberstreckung und die Erreichung einer leichten 
Flexion, kurz gesagt: um die Etablirung einer Mittellage 
des Gelenkes. Die extreme Primärstellung ist ja nichts 
weiter als ein Umweg, auf welchem schliesslich die Mittellage 
des Gelenkes unter Ausschluss der Gefahr einer hinteren Reluxation 
erreicht werden soll. 

Die Stabilitätszunahme der Reposition gegen die hintere 
Reluxation erfolgt durch Schrumpfungsverkürzung aller im Scheitel 
des primären Einstellungswinkels gelegenenpelvitrochanteren Weich- 
theile, der Fascien, Muskeln, Sehnen und vor allem der Hinterkapsel. 

Die allmähliche Ueberführung der extremen Primärstellung 
in die Gelenksmittellage auf dem Wege der Etappencorrectur 
ist eine Klippe, an welcher man nur zu leicht scheitert. Ich habe 
in dieser Beziehung anfänglich viele Fehler gemacht und bin erst 
durch den Schaden klug geworden. Jedes Ueberhasten, jede An- 
wendung von Gewalt ist hier von Uebel. 

Gegen die hintere Reluxation, also gegen das vollständige 
Scheitern aller Bestrebungen ist man allerdings schon heute fast 
sichergestellt. Die vordere Reluxation nach oben hingegen stellt 
noch zur Stunde ein sehr häufiges Ereignis vor. Von der 
Kunst, die extreme Primärstellung richtig in die Gelenks- 
mittellage zu überführen, wird die Vermeidung auch 
der vorderen Reluxation nach oben abhängig bleiben. 

Nachdem ich mit der Ueberhastung der Correctur üble Er- 
fahrungen gemacht habe, bevorzuge ich zur Zeit den Modus, 
die Correctur, so weit dies möglich ist, von dem Patienten 
selbstthätig ausführen zu lassen. Wenn die Kinder aufgefordert 
werden, das Bein herunterzuholen, d. h. die Abduction zu 
vermindern, so vermögen sie dieser Aufforderung thatsächlich 
bis zu einem gewissen Grade nachzukommen. Passiv wird diese 
Correctur nur so weit vermehrt, als dies ohne jeden Widerstand 
möglich ist. 



— 209 - 

Nicht selten ist dieser, vornehmlich durch Weichtheils- 
schrampfung gebotene Widerstand allerdings so gross, dass an 
eine active Ueberwindung desselben nicht zu denken ist. In 
diesem Falle wird die Correctur, aber auch nur so weit es ohne 
Anwendung von Gewalt möglich ist, auf passivem Wege vor- 
genommen. Die Anwendung einer kurzen Narkose zu diesem 
Zwecke habe ich vollständig aufgegeben, weil man dann leicht 
des Guten zu viel thut. 

Die active Correctur bezieht sich jedoch lediglich auf die 
Verminderung der primären Abduction, während die Auflassung 
der Ueberstreckung und die Ueberführung des Schenkels in 
leichte Beugung auf activem Wege niemals erreicht werden kann, 
sondern stets der passiven Correctur vorbehalten bleibt. Das Resultat 
dieser combinirten Correctur ist geringe Beugung, verbunden mit 
noch immer beträchtlicher Abduction, welche um den halben 
rechten Winkel schwankt, also eine Stellung, welche sich einer 
Mittellage des Gelenkes wenigstens nähert. Die B.otation bleibt 
dabei vollkommen indifferent und wird in keiner Weise 
künstlich beeinflusst. 

Bei dieser Stellung des Beines stehen die Gelenkskörper 
nunmehr in viel innigerem und ausgedehnterem Flächencontacte 
als bei der extremen Primärstellung. 

Häufig genug ist die während der ersten Fixationsperiode 
gewonnene Stabilitätsvermehrung der Reposition so zweifelhaft, 
dass man Bedenken haben kann, die Ueberstreckung — jene 
Panacee gegen die hintere Reluxation — aufzugeben oder gar 
in leichte Beugung zu überführen, denn diese letztere würde 
die Gefahr der hinteren Reluxation ja evident vermehren. 

In solchen Fällen habe ich, namentlich im Anfange meiner 
Praxis, die Ueberstreckung auch während der zweiten Fixations- 
periode und eventuell auch noch späterhin beibehalten. Dadurch 
wird die hintere Reluxation vermieden, der vorderen oberen 
Reluxation jedoch geradezu Vorschub geleistet. Es ist 
nicht unwahrscheinlich, dass ein grosser Theil der vorderen 
Reluxationen nach oben auf die Ueberstreckung zurückzuführen ist. 

Immerhin hat man dabei von zwei Uebeln das unverhältnis- 
mässig kleinere gewählt. Zwischen Scylla und Charybdis wird 
es immer schwierig bleiben, den richtigen Weg zu treffen. Fast 
möchte ich glauben, die Gefahr der hinteren Reluxation nach 

I. o r enz, Hüftverrenkung. ij 



— 210 — 

Absolvirung der ersten Fixationsperiode überschätzt zu haben, 
und gehe aus der Ueberstreckung nunmehr etwas dreister auf 
die leichte Beugung los als früher. 

Bei Vermeidung jeder Gewalt braucht es häufig mehrerer 
Correcturen, ehe eine annähernde Mittellage des Gelenkes er- 
reicht ist. 

Der zweiten Fixationsperiode obliegt die Festhaltung dieser 
Gelenksstellung. Es muss ganz besonders hervorgehoben werden, 
dass diese Phase der Behandlung eine besonders wichtige ist und 
am längsten zu dauern hat. Ich pflege die zweite Fixations- 
periode auf fünf bis sechs Monate zu veranschlagen. Die Technik 
der Verbandanlegung bleibt die bereits geschilderte. 

Die durch Abductionsverminderung herbeigeführte Aende- 
rung der Statik des Bumpfes erfordert selbstverständlich auch 
entsprechende Veränderungen der die Locomotion erleichternden 
Sohlenprothesen. Wurde die Abduction nur so weit corrigirt, 
dass das Kniegelenk noch Beugestellung zeigt, so ist vielleicht 
noch eine Sohlenerhöhung unter dem kranken Fusse nothwendig. 
Jedenfalls aber ist dieselbe ungleich niedriger als während der 
ersten Fixationsperiode und beträgt höchstens 1 bis 2 Gentimeter. 

Meistens wurde die Abduction so weit corrigirt, dass das 
Kniegelenk in gestreckter Stellung functionirt. Dadurch kommt 
die scheinbare Abductionsverlängerung des eingerenkten Beines 
zur vollen Geltung und verlangt den Längenausgleich am ge- 
sunden Beine. Demnach wird die Sohlenprothese nunmehr an der 
gesundseitigen Sohle angebracht und die nothwendige Höhe der- 
selben (in der Begel 2 bis 3 Centimeter) durch unterlegte 
Brettchen festgestellt. (Vgl. Fig. 38; achtjähriges Mädchen im 
zweiten Fixationsverbande mit gesundseitig erhöhter Sohlenpro- 
these.) 

Nunmehr ist die Locomotion des Patienten in keiner Weise 
beeinträchtigt. Der Rumpf kann vollständig aufgerichtet getragen 
werden und die Patienten stehen wieder gerade da. Der Kinder- 
mund hat die Beinhaltung während der ersten und während der 
zweiten Fixationsperiode recht treffend durch den kurzen Aus- 
druck: „der krumme Gips und der gerade Gips" gekennzeichnet. 
Ist einmal der „gerade Gips" erreicht, dann hat alle Noth ein 
Ende, denn die Kleinen werden durch denselben so gut wie 
gar nicht mehr belästigt und behindert. Der Erfolg der Behand- 



— 211 — 



lung ist schon jetzt evident geworden, denn das charakteristische 
Einsinken des Körpers beim Auftreten auf das kranke Bein ist 
vollständig verschwunden und hat einem festen Auftreten Platz 
gemacht, die Kinder gehen nicht mehr auf der Fussspitze, sondern 
auf voller Sohle und die frühere rasche 
Ermüdbarkeit ist in eine überraschend 
gute, häufig genug normale Ausdauer 
verwandelt worden. Unter solchen Um- 
ständen ist es nicht nur den Kindern, 
welche sich nach Belieben tummeln 
können, sondern auch den Eltern wahr- 
lich leicht gemacht, die etwas längere 
Dauer der zweiten Fixationsperiode ab- 
zuwarten. 

Eine im Verbände während der 
zweiten Fixationsperiode etwa auftretende 
Reluxation nach hinten würde sich sofort 
durch den Gang bemerklich machen. Das 
Einsinken des Rumpfes beim Auftreten, 
die Wiederkehr des Zehenganges und 
namentlich die rasche Ermüdbarkeit wären 
die untrüglichen Anzeichen hiefür. 

Uebrigens gestattet der compendiöse 
Verband sowohl die Untersuchung der 
Leistenbeuge als der hinteren Darmbein- 
fläche mit dem von dem Rande her ein- 
geführten Finger. Derselbe würde statt 
der vollen Leistenbeuge, in deren Mitte 
der durch Rotation des Schenkels in 
Bewegung versetzte Kopf deutlich nach- 
weisbar bleiben muss, eine tief eindrück- 
bare, also leere Inguinalfurche constatiren 
und an der hinteren Darmbeinfläche 

neben dem Trochanter auch den reluxirten Schenkelkopf nach- 
weisen können. Diese klinischen Erhebungen sind weit sicherer, 
einfacher und jedenfalls billiger als die Durchleuchtung des im 
Verbände eingeschlossenen Hüftgelenkes. 

Beide Fixationsperioden zusammen umfassen rund den 
Zeitraum von zehn Monaten; die grössere Hälfte der Fixations- 

14* 




Fig. 38. Zweiter Fixationsver- 

band in secundärer Mittelstellung 

des reponirten Gelenkes. 



— 212 — 

dauer ist einer nahezu ungehinderten und möglichst fleissigen 
Bethätigung im Gehen und Laufen gewidmet: während der 
kleineren Hälfte ist eine solche Behinderung allerdings vorhanden, 
aber nur während der ersten zwei, höchstens drei Wochen ver- 
mögen die Patienten theils gar nicht, theils nur unter fremder 
Beihilfe sich zu bewegen. 

4. Gymnastische und Massage-Nachbehandlung. 

Die mechanische Nachbehandlung nach der unblutigen Re- 
position hat eine unendlich viel leichtere Aufgabe zu lösen, wie 
nach der operativen Einrenkung, denn mit der Narbe fällt vor 
allem der endlose Kampf gegen die Gontractur und Ankylose 
fort, und als sozusagen einzige und wichtigste Aufgabe bleibt 
lediglich die Muskelpflege übrig. Daneben ist allerdings auch die 
Beweglichkeit des Gelenkes zu fördern und die Stellungscorrectur 
zu vollenden, aber diese beiden Aufgaben erledigen sich meistens 
fast von selbst. Uebrigens erstarkt auch die Muskulatur ganz von 
selbst, wenn sie nach Abnahme des Verbandes den functionellen 
Ansprüchen genügen muss. So wird es erklärlich, dass in vielen 
Fällen, bei welchen die Verhältnisse die Durchführung einer 
Nachbehandlung überhaupt nicht gestatteten, trotzdem das Schluss- 
resultat ein glänzendes geworden ist. Damit soll indes der Wert 
der mechanischen Nachbehandlung nicht herabgesetzt werden, 
denn im Allgemeinen bleibt der Vollendungsgrad der Endresultate 
in letzter Linie von dem erreichbaren Restitutionsgrade der 
Muskulatur abhängig. Die Beobachtung der spinalen Kinder- 
lähmung zeigt zur Genüge, in welch hohem Maasse selbst kleine 
und kaum messbare Insuffizienzen der motorischen Kraft des Hüft- 
gelenkes die Function beeinträchtigen und sich durch auffälliges 
Hinken verrathen — selbst wenn die Gelenksconstituentien voll- 
kommen normal geblieben sind. In gleicher Weise wird das best- 
gelungene anatomische Resultat der unblutigen Repostion zum 
mindesten in cosmetischer Beziehung zu wünschen übrig lassen, 
so lange die Muskulatur nicht genügend restituirt ist. 

Einer ganz besonderen Pflege bedürfen die pelvitrochan- 
teren Muskeln, denn nicht nur wurde ihre Action während des 
Bestandes der Luxation beeinträchtigt, sondern ihre contractilen 
Elemente haben durch die immerwährenden Zerrungsinsulte mehr 
oder weniger Schaden gelitten. 



213 



Die wichtigste Mnskelübung bleibt deshalb die 
active Abduction. Für die Fortsetzung der mechanischen Be- 
handlung im elterlichen Hause ist es von Wichtigkeit, von allen 
gymnastischen Apparaten Umgang zu nehmen und sich lediglich 
auf Freiübungen zu beschränken. Demnach erfolgt die Abduction 
als activ-passive Bewegung zunächst im Stehen durch Seitwärts- 
kretschen des kranken Beines in der Frontalebene. Ist das Gelenk 
etwas schlottrig, so lässt man die Kretschung nach der Seite 
und etwas nach hinten ausführen (Fig. 39). Als active Uebung 
wird die Abduction vorerst in Rückenlage ausgeführt, wobei die 
Reibung gegen die Unterlage 
und das Eigengewicht des 
Beines überwunden werden 
muss. Wie vollständig kraftlos 
im Anfange die Gesässmuskeln 
sind, kann man am besten 
daraus ersehen, dass das Bein 
anfänglich mit Hilfe der Ferse 
auf der Unterlage gewisser- 
maassen klettert und die Kinder 
geneigt sind, die Hand zu Hilfe 
zu nehmen, um den Schenkel 
zu abduciren. Allmählich wird 
diese Uebung immer kräftiger 
ausgeführt. Zu bemerken ist, 
dass der auf diese Weise er- 
reichte active Abductions- 
grad meistens die physiologischen Grenzen überschreitet. 

Sodann werden die activen Abductionen in Seitenlage des 
Körpers ausgeführt. Das kranke Bein wird dabei langsam, even- 
tuell unter leichtem Widerstände von Seite des Gymnasten von 
dem gesunden ab und in die Höhe gehoben. Letzterer achtet 
darauf, dass die Excursion in der Frontalebene stattfindet, oder 
leitet das Bein eher etwas nach rückwärts. Auch bei dieser An- 
ordnung der Uebung abduciren die Kinder das kranke Bein weit 
über die physiologischen Grenzen hinaus und erreichen sehr 
häufig 90 Grad und selbst darüber. Allerdings ist diese negative Ab- 
duction, bei welcher sich das abducirte Bein der Seitenfläche 
des Rumpfes wieder nähert, keine active, sondern erfolgt unter 




Fig. 30. Activ-passive Abduction nach seitwärts 
hinten. 



— 214 — 

dem Eigengewichte des Beines. Fig. 40 stellt die Ausführung 
dieser Uebung vor. Das betreffende Kind konnte die negative 
Abduction spielend ausführen, was auf dem Bilde allerdings 
nicht zum deutlichen Ausdrucke kommt. 

Endlich erfolgt die active Abduction unter Ueberwindung 
des Rumpfgewichtes, indem die Kinder angehalten werden, auf 
dem kranken Beine stehend, die gesunde Beckenhälfte in die 




Fig. 40. Active Abduction bis HO Grad und darüber. 



Höhe zu ziehen und mit hochgehobenem, gesundseitigem Gesäss 
auf dem kranken Beine zu hüpfen. 

Wie Trendelen bürg richtig beobachtet hat, ist ein 
Patient mit Hüftluxation gar niemals im Stande, die gesunde 
Beckenhälfte zu erheben, geschweige denn auf dem kranken 
Beine zu hüpfen. Die reponirten Kinder aber führen diese 
schwierige Uebung nicht nur mit Passion, sondern bald mit 
grösserer Ausdauer aus, als ein ungeübter Gesunder dies vermag. 

Was die Massage anbelangt, so wird dieselbe lediglich als 
Petrissage geübt und von den Müttern leicht erlernt. Dieselbe 



— 215 — 

kommt für sämmtliche Muskeln der Extremität, ganz besonders 
aber für die Gesässmuskeln in Betracht. 

Die Beweglichkeit des Gelenkes wird anfangs nur in be- 
stimmten Bahnen gepflegt: so geschieht die Beugung und Streckung 
zunächst nur in der Frontalebene, ist also eigentlich nichts 
anderes als eine abwechselnde Vermehrung und Verminderung 
der Abduction. Der Gymnast erfasst zu diesem Zwecke den 
Unterschenkel des in Rückenlage befindlichen Kindes und 
führt denselben nach aufwärts und abwärts, ohne dass der 
Schenkel bei dieser Bewegung von seiner Unterlage abgehoben 
wird. Dieselbe Bewegung wird activ oder unter leichter Wider- 
standsgebung ausgeführt. Erst allmählich combinirt man diese 
Bewegung in der Frontalebene auch mit leichter Beugung, während 
die reine Flexion in der Sagittalebene einer späteren Zeit vor- 
behalten bleibt. Erscheint die Stabilität der Reposition zweifellos 
verlässlich, so kann mit reinen Beuge- und Streckbewegungen 
begonnen werden. Jedes Forciren der Mobilisirung ist überflüssig 
und bereitet dem Patienten nur unnöthige Schmerzen. Die Sache 
macht sich nach längerer Function des freigegebenen Gelenkes 
ganz von selbst. 

Nebst der Mobilisirung ist die definitive und vollständige 
Stellungscorrectur des Gelenkes die Schlussaufgabe der mecha- 
nischen Nachbehandlung. Auch hier ist jedes Ueberhasten und 
Forciren dringend zu widerrathen. Seit längerer Zeit habe ich 
die restirende habituelle Abduction überhaupt nur mehr voll- 
kommen exspectativ behandelt. 

Die der zweiten Fixationsperiode entsprechende Stellung des 
Beines wird nach Abnahme des Verbandes zunächst vollkommen 
unverändert fortbestehen gelassen. Selbstverständlich wird auch 
die Sohlenprothese unter dem gesunden Fusse beibehalten, um 
den vorhandenen Abductionsgrad vorderhand zu sichern. Von 
der Abnahme des zweiten Fixationsverbandes angefangen bleiben 
die Patienten wenigstens bei Tage vollständig frei, d. h. ohne 
jeden Unterstützungs- oder Fixationsapparat. 

In suspecten Fällen wird höchstens nachtsüber eine nach 
dem zweiten Fixationsverbande modellirte abnehmbare Abductions- 
hülse in Verwendung gezogen. 

Bei allmählich fortschreitender Verminderung der habituellen 
Abductionslage des reponirten Gelenkes wird die Sohlenprothese 



— 216 — 

unter dem gesunden Fusse nach und nach bis auf 1 Gentimeter 
erniedrigt. Passive Adductionen werden nur bei vollständig starrer 
Abductionscontractur ausgeführt. 

Active Adductionen sind in der Regel nicht möglich, zum 
Theile wegen der abgeschwächten Function der Adductoren, 
zum Theile wegen des Widerstandes der verkürzten pelvitrochan- 
teren Muskeln. Aber auch ohne dass diese Hindernisse in ersicht- 
lichem Maasse vorhanden zu sein brauchen, setzen die Patienten 
den für sie offenbar schmerzhaften Versuchen der passiven 
Adduction spastischen Muskelwiderstand entgegen. Man unter- 
lässt deshalb die Adductionsübungen lieber ganz. Diese Bewegung 
ist nicht nur functionell sehr wenig wichtig, sondern sie stellt 
geradezu ein Reluxationsmittel vor. 

Es dauert oft Jahr und Tag, ehe das reponirte Gelenk seine 
habituelle Abductionslage vollständig aufgegeben hat; die Sohlen- 
prothese unter dem gesunden Fusse wurde mittlerweile abgelegt, 
so dass die Kinder schliesslich auf gleich hohen Sohlen laufen. 
Erst ganz zum Schlüsse, wenn selbst stärkere Adductionen nicht 
mehr zu fürchten sind, wird die restirende Verkürzung des 
kranken Beines zum Ausgleiche gebracht. 

Ebenso indifferent verhalte ich mich gegenüber der an- 
fänglich ziemlich bedeutenden Auswärtswendung der Fussspitze. 
welche um so stärker in Erscheinung tritt, je mehr das Bein 
herabgeholt, respective je mehr die Abduction vermindert wird. 
Die Erklärung dieser Erscheinung ist schwieriger, als man auf 
den ersten Blick glaubt. 

Es wurde oben auseinandergesetzt, dass die extreme Primär- 
stellung (durch rechtwinkelige Beugung und rechtwinkelige Abduc- 
tion entstanden) nicht die geringste Aussenrotation in sich 
schliesst, trotzdem der mediale Condyl dabei direct nach vorne 
gewendet ist. Wird der Schenkel aus seiner rechtwinkeligen 
Abduction in die indifferente Strecklage herabgeholt, so bleibt 
der mediale Gondyl nach vorne gewendet, und das Schluss- 
resultat ist eine Aussenrollung, ohne dass eine Drehung des 
Femur um seine Längsaxe im Sinne der Aussenrollung dabei 
stattzufinden braucht. 

Markirt man die Bewegungen, welche zur extremen Primär- 
stellimg führen, an seinem eigenen Schenkel, und holt man den- 
selben aus dieser letzteren in die indifferente Streckstellung 



— 217 — 

herab, so findet während dieser Bewegung eine Innenrollung des 
Schenkels statt, so dass in der Schlussstellung die Patella wieder 
nach vorne, der mediale Condyl wieder nach innen gerichtet ist. 

Offenbar findet diese Innenrotation bei der Herabholung 
des Schenkels aus der extremen Primärstellung ein Hindernis 
in der flachen Pfanne, welche das mit der Innenrollung einher- 
gehende Eintauchen des Kopfes in dieselbe nicht gestattet. Aus 
demselben Grunde müsste, wie schon erwähnt, die Extremität 
allmählig in Aussenrollung gerathen. wenn man sich vorstellt, 
eine normale Pfanne werde durch irgendwelchen pathologischen 
Process seichter und seichter, dränge den ohnehin etwas nach 
vorne gerichteten Schenkelkopf immer weiter nach vorne und 
veranlasse hierdurch eine Drehung des Femur um seine Längs- 
axe im Sinne der Aussenrotation. 

Die Aussenrotation der Schlussstellung ist also nicht auf 
dem Wege einer Drehung des Femur um seine Längsaxe in diesem 
Sinne zu Stande gekommen zu denken, sondern als das Ergebnis 
einer Behinderung jener Innenrollung aufzufassen, welche normaliter 
mit der Herabholung des Schenkels aus extremer Abduction ver- 
bunden ist. 

Es wäre nahe genug gelegen gewesen, diese aus der Stellungs- 
correctur sich ergebende Auswärtswendung der Fussspitze durch 
eine maschinelle Innenrollung des Beines zu bekämpfen. Es hätte 
hierzu eines ziemlich complicirten Apparates mit Beckengurt be- 
durft, an welch letzteren die im Sinne der Einwärtsrollung be- 
wegliche Beinhülse anzubringen gewesen wäre. Ich hätte mich 
bei diesem Vorgehen bemüssigt gesehen, die Kinder am Schlüsse 
der Fixationsbehandlung, statt sie völlig frei zu geben, in einen 
viel unangenehmeren, weil die ganze Länge des Beines inclusive 
Fusses umfassenden, Apparat einzuschliessen, als es der compendiöse 
Gipsverband war. Derartige Apparate mit künstlichen Druck- 
wirkungen haben mir. offen gestanden, in der Behandlung der 
congenitalen Hüftverrenkung stets widerstrebt. Ich stellte mich 
daher von vorneherein auf den Standpunkt des ruhigen Beob- 
achters und liess die Aussenrollung Aussenrollung sein. 

Es unterliegt keinem Zweifel, dass die bleibende Quer- 
stellung der Längsaxe des Fusses eine höchst fatale Complication 
wäre und selbst operative Abhilfe rechtfertigen würde, da die 
Abrollung des Fusses vom Boden in querer Richtung, ganz ab- 



— 218 — 

gesehen von cosmetischen Rücksichten, auf die Dauer grosse 
Unzukömmlichkeiten mit sich bringen müsste. 

Das war aber durchaus nicht der Fall, sondern die Kinder 
haben sich in einer ingeniösen Weise selbst geholfen. Da ihnen 
die Einwärtsrollung des Oberschenkels zunächst misslang, so 
brachten sie den zu stark nach aussen gestellten Fuss dadurch 
in eine bessere Stellung nach vorne, dass sie die krankseitige 
Körperhälfte im Ganzen etwas nach vorne schoben und demnach 
„die krankseitige Schulter voraus" einhergingen. Dadurch erhielt 
der andere, gesunde Fuss eine Tendenz zur Einwärtswendung, und 
so kam es, dass selbst ziemlich starke Eversionen des kranken 
Fusses kaum auffällig wurden. 

Immerhin war die Deformität durch dieses Manöver, welches 
man sehr leicht versteht, wenn man es selber nachahmt, doch 
nur cachirt, und diese Cachirung veranlasste eine schiefe Haltung 
beim Gehen. 

Trotzdem wurde nichts weiter dagegen veranlasst. Mit der 
allmählich zunehmenden Mobilisirung des Gelenkes waren die 
instinctiven Bestrebungen der Patienten, den Fuss durch Einwärts- 
rollung des Schenkels in eine bessere Richtung nach vorne zu 
bringen, von Erfolg begleitet, das Vorschieben der krankseitigen 
Schulter verminderte sich immer mehr, die Kinder fingen an. 
mit gerade nach vorne gerichteter Brust zu gehen, und die noch 
restirende Aussenwendung der Fussspitze wurde schliesslich so 
unbedeutend, dass eher von einem cosmetischen Vortheile, als 
von einer Störung die Rede sein konnte. Dieses gänzlich spontane 
Verschwinden der Aussenrollung beim Gehen trat immer ein, ob 
es nun gelang, den Schenkelkopf in der Pfanne zu erhalten, oder 
ob vordere Reluxation nach oben eingetreten war. In der Rücken- 
lage verräth sich das kranke Bein auch späterhin durch seine 
Neigung, stärker nach aussen zu rollen als das gesunde. 

Das allmähliche spontane Verschwinden der Auswärts- 
kehrung der Fussspitze kann man am besten bei der zweizeitigen 
Behandlung doppelseitiger Luxationen beobachten, da der Fuss der 
erstoperirten Seite seinem Partner in Bezug auf die Stellung immer 
um ein Entsprechendes voraus ist und gewissermassen die 
Wege weist. 

Nach im Ganzen 1- bis l 1 / 2 jähriger Behandlung, deren 
Hälfte in vollkommen freier Dressur bestand, ist das erreichte 



— 219 — 

Resultat bereits ein eclatantes geworden, und die strengen Exer- 
citien haben ihr Ende gefunden. Um das Nützliche mit dem An- 
genehmen zu verbinden, empfehle ich zum Schlüsse Radfahr- 
übungen, eine Verordnung, welche bei den kleinen Damen grossen 
Anklang findet. 

5. Die Behandlung der beiderseitigen Hüftverrenkung 

bietet so viele Besonderheiten, dass ihrer Beschreibung ein 
eigenes Capitel gewidmet bleiben muss. Leider werden diese 
Besonderheiten durch lauter Schwierigkeiten repräsentirt, welche 
sich schon in dem Umstände manifestiren, dass die Altersgrenzen 
der Reponibilität der beiderseitigen Hüftverrenkungen beträchtlich 
enger sind als jene der einseitigen Luxation (vgl. S. 152). 

Ich glaube, dass hiefür hauptsächlich die grössere und un- 
nachgiebigere Verkürzung der Weichtheile, ausserdem aber auch 
die häufig hochgradigeren Verbildungen der Gelenkskörper selbst 
verantwortlich zu machen sind. 

Eine Hauptschwierigkeit liegt auch in der Dupiicität des 
Leidens. 

Es wirft sich zunächst die Frage auf, ob beide Hüftgelenke 
gleichzeitig, oder ob eines nach dem anderen zu behandeln ist. 
Obwohl es gar keinem Zweifel unterliegen kann, dass die meisten 
Vortheile auf Seite der gleichzeitigen Behandlung gelegen sind, 
so gibt es doch genug — namentlich ältere Fälle, in welchen 
die Behandlung nur zweizeitig durchgeführt werden kann, und 
es ist deshalb nothwendig, sowohl den einen als den anderen 
Modus procedendi etwas näher zu besprechen. 

ajZweizeitigeBehandlungder doppelseitigen Verrenkung. 

Als ich meine ersten Versuche mit der Behandlung der 
doppelseitigen Verrenkung begann, hatte ich meistentheils gar 
nicht die Wahl zwischen zweizeitiger und gleichzeitiger Behand- 
lung, sondern musste mich dem ebenso begreiflichen als be- 
rechtigten Wunsche der Eltern fügen, welche den Versuch der 
Behandlung zuerst auf der einen Seite durchgeführt sehen 
wollten, um je nach dem erreichten Resultate über das Weitere 
zu entscheiden. Aus diesem Grunde habe ich, zum Theile gegen 
meine Ueberzeugung, die Behandlung in 18 Fällen zweizeitig 
durchführen müssen. 



— 220 — 

Es ist ein sprechendes Zeugnis für die Wirksamkeit der 
Methode, dass mir auch nicht ein einziger Fall vorgekommen 
ist, in welchem die Behandlung der anderen Seite verweigert 
worden ist. Der Erfolg war jedesmal ein so ersichtlicher, dass ich 
vielmehr dazu gedrängt wurde, die Behandlung der anderen Hüfte 
früher zu beginnen, als ich ursprünglich beabsichtigt hatte. 

In einigen Fällen trat in Folge zu günstiger Primärstellung 
im ersten Fixationsverbande auf der einen Seite Pieluxation nach 
hinten ein, weshalb die Behandlung nach dem zweizeitigen Typus 
fortgeführt wurde. 

Nicht selten beobachtet man bekanntlich bei der doppel- 
seitigen Verrenkung sehr differente Entwicklung der Luxation auf 
der einen und der anderen Seite, so dass man bei oberfläch- 
licher Untersuchung und nach dem Gange zu urtheilen manchmal 
sogar in den Irrthum verfällt, eine einseitige Luxation anzu- 
nehmen, während thatsächlich eine bilaterale Verrenkung vorliegt. 
In solchen Fällen wird man geneigt sein, den stärker dislocirten 
Kopf zuerst einzurenken und abzuwarten, ob das erreichte 
Resultat den Ansprüchen genügt. Gewöhnlich ist das eingerenkte 
Gelenk dem nicht behandelten so sehr überlegen, dass sich die 
Indication für die Reposition auch dieses letzteren von selbst 
ergibt. Es resultirt also auch hier der zweizeitige Typus der 
Behandlung. 

In all den gedachten Fällen ist die zweizeitige Behandlung 
ein Verfahren der Wahl. Wenn aber, wie namentlich bei Kindern 
nahe der Altersgrenze, grosse Schwierigkeiten und eine dem- 
entsprechend lange Dauer der Operation vorauszusehen sind, 
ist von vorneherein die zweizeitige Behandlung in Aussicht zu 
nehmen; meistens wird man sich dazu geradezu gezwungen 
sehen, da man weder dem Patienten, noch sich selbst eine 
Wiederholung der Reposition in derselben Sitzung zumuthen 
kann. Es ist ausserdem nicht zu vergessen, dass es sich hier 
schon um grössere Kinder handelt, welche durch eine einzeitige 
beiderseitige Reposition vollkommen hilflos werden und der 
Pflege grosse Schwierigkeiten bieten. 

Für diese Fälle von nothgedrungener zweizeitiger Behand- 
lung wird man Folgendes im Auge zu behalten haben: 

Die Behandlung des ersteingerenkten Gelenkes erfolgt selbst- 
verständlich genau in derselben Weise, wie wenn es sich um 



- 221 — 

eine einseitige Luxation handeln würde. Das andere Gelenk soll 
in Angriff genommen werden, während die habituelle Abductions- 
lage des erstoperirten Gelenkes noch besteht. 

Es liegt der Einwand nahe, dass die dauernde Abduction 
des zweitoperirten Gelenkes eine Adduction der zuerst einge- 
renkten Hüfte herbeiführen und dadurch eine Reluxation dieser 
letzteren nach hinten bedingen könne. 

Diesem theoretisch berechtigten Einwände steht die That- 
sache gegenüber, dass in keinem meiner zweizeitig behandelten 
Fälle eine Reluxation des erstoperirten Gelenkes nach hinten 
eingetreten ist. 

Meinen Vorbeugungsmaassregeln gegen dieses gefürchtete 
Ereignis, von welchen weiter unten die Rede sein soll, lege ich 
weit geringere Eedeutung bei, als der Thatsache, dass ein kürz- 
lich reponirtes Gelenk eine Adduction überhaupt nicht zulässt. 
Wäre dies aber auch bereits der Fall, dann ist das Gelenk schon so 
fest geworden, dass selbst eine längere Zeit andauernde Adduc- 
tion keine Reluxationsgefahr nach hinten in sich schliesst. 

Einen sprechenden Beweis hiefür liefert eine Reihe von 
Fällen, in welchen nur an der erstoperirten Seite die unblutige 
Einrenkung gelang, während die andere Hüfte der blutigen Re- 
position mittelst Arthrotomie unterzogen werden musste; die 
monatelang andauernde, schwer zu beseitigende Abductions- 
contractur der blutig reponirten Hüfte zwang das unblutig 
eingerenkte Gelenk in evidente permanente Adductionsstellung 
und doch vermochte diese letztere eine Reluxation des Schenkel- 
kopfes nach hinten nicht herbeizuführen. Immerhin wird es zweck- 
mässig bleiben, solche Adductionen zu vermeiden. Namentlich in 
den Fällen von nothgedrungener Gombination von unblutiger 
Reposition und Arthrotomie wird die unblutig reponirte Hüfte 
durch Fixirung einer leichten Abductionsstellung gegen die ge- 
nannte Eventualität zu schützen sein. 

Wurde das zweite Gelenk ebenfalls unblutig eingerenkt, so 
kann die zuerst reponirte Hüfte gegen Adduction dadurch ge- 
schützt werden, dass man die Beckensenkung nach der Seite 
des zweiteingerenkten Gelenkes hindert, d. h. dass man für eine 
dauernde Horizontalstellung der queren Beckenaxe 
sorgt. Zu diesem Behufe muss die aus der primären Fixations- 
stellung des zweiteingerenkten Gelenkes resultirende Verkürzung 



222 



der functionellen Beinlänge mindestens zum vollständigen Aus- 
gleiche gebracht oder gar etwas übercorrigirt werden. Bei ex- 
tremer Primärstellung kommt diese Verkürzung fast der Länge 
des Oberschenkels gleich. Eine Sohlenprothese reicht zum Aus- 
gleiche derselben nicht mehr hin; vielmehr muss der Schuh auf 
einen hohen Metallbügel gestellt und zur Vermeidung des seitlichen 
Kippens mit Unterschenkelschienen versehen werden. (Vgl. Fig. 41, 

sechsjähriger Knabe unmittelbar 
vor der Abnahme des durch vier 
Monate getragenen ersten Fixa- 
tionsverbandes des zweiteinge- 
renkten linken Beines. Das erst- 
eingerenkte rechte Gelenk ist 
durch eine kurze, bis zum 
halben Oberschenkel reichende 
[übrigens unnöthige] Gipshülse 
und durch die eine Becken- 
senkung nicht zulassende Bügel- 
prothese gegen Adduction ge- 
schützt.) 

Selbstverständlich wird die 
Locomotion dadurch ausser- 
ordentlich erschwert. und manche 
Kinderhaben es überhaupt nicht 
gelernt, unter solchen Umständen 
ohne fremde Beihilfe zu gehen. 
Wie erfinderisch der Bewegungs- 
trieb macht, bewies ein kleiner 
Junge, der es gelernt hatte, sich 
ausschliesslich durch Seiten- 
Das fixirte Bein voraus, galoppirte er 
Geschicklichkeit in querer Richtung 




Fig. 41. Das ersteingerenkte rechte Gelenk ist 

durch Horizontalstellung des Beckens gegen 

Adduction geschützt. 



sprünge zu bewegen, 
mit staunenswerther 
einher. 

Der Schutz gegen Adduction des ersteingerenkten Gelenkes 
macht die Behandlung des zweiten zu einer immerhin peniblen 
Sache. Uebrigens braucht man in dieser Beziehung nicht so ri- 
goros zu sein, wie ich es anfänglich für nothwendig gehalten 
habe, denn die Reluxationen nach hinten sind weit weniger zu 
fürchten als man gewöhnlich glaubt. 



— 223 — 

Was das Intervall bei zweizeitiger Behandlung betrifft, so hat 
dasselbe, vielfach durch äussere Umstände bestimmt, in meinen 
Fällen von 3 Monaten bis zu 2 Jahren geschwankt. Am zweck- 
mässigsten ist es, die Abnahme des zweiten Fixationsverbandes 
vom ersteingerenkten Gelenke gleich mit der Reposition des zweiten 
Gelenkes zu verbinden. Das entspricht einem Intervall von un- 
gefähr 9 bis Monaten. 

Ausser in der schwierigeren Technik und der längeren 
Behandlungsdauer ist ein weiterer Nachtheil der zweizeitigen 
Behandlung au>h darin begründet, dass beide Gelenke sich stets 
in verschiedenen I ehcindlungsphasen, demnach in ungleichen 
Stellungen befinden 

Hat das erstoperirte Gelenk z. B. seine indifferente Stellung 
bereits erreicht, so ist das andere noch immer abducirt und 
wird auch in manifester Abduction gehalten, denn die Kinder 
verschmähen es. den Parallelstand der Beine anzustreben; offen- 
bar deshalb, weil das ersteingerenkte Gelenk die hierzu nöthige 
Adduction nicht zulässt. Es bleibt also folgerichtig eine einseitige 
Spreizstellung durch längere Zeit bestehen. Haben beide Beine 
die indifferente Stellung erreicht, so wird eine weitere Ungleich- 
mässigkeit dadurch bedingt, dass der Fuss des letztoperirten 
Beines eine stärkere Aussenwendung zeigt als der andere. Häufig 
wird dieser letztere des angestrebten Ausgleiches halber sogar 
in leichter Einwärtskehrung gehalten. 

Infolge aller dieser Umstände bedarf es eines viel längeren 
Zeitraumes, ehe der Gang die gewünschte Gleichmässigkeit 
erhält. 

Man wird daher die zweizeitige Behandlung in Zukunft 
niemals wählen, sondern sich derselben nur dann bedienen, 
wenn man durch die Schwierigkeit und lange Dauer der ersten 
Einrenkung oder das Misslingen der zweiten hierzu gezwungen ist. 

Alle erwähnten Uebelstände werden vermieden durch die 

h) einzeitige Behandlung der beiderseitigen Hüftver- 
renkung. 

Nicht nur spart man auf diesem Wege fast die halbe Zeit 
und eine Narkose, sondern sichert sich in kürzerer Frist eine 
gleichmässigere Function, da beide Beine sich gleichzeitig in 
annähernd derselben Stellung befinden. 



— 224 — 

In der Regel handelt es sich um jüngere Kinder, so dass 
die Einrenkung meist auf dem Wege der rectangulären Extension 
bei gleichzeitiger Abduction aus freier Hand gelingt. 

Da — mit seltenen Ausnahmen — die Möglichkeit der 
Locomotion während der ersten Fixationsperiode ohnehin aus- 
geschlossen ist, so hat man sich bei der Bestimmung der 
primären Stellung ganz ausschliesslich von der Sicherheit gegen 
die hintere Reluxation leiten zu lassen. Man überschätze dem- 
nach niemals die primäre Stabilität und muthe ihr lieber zu 
wenig als zu viel zu. Die Fälle von hinterer Reluxation, welche 
ich beobachtet habe, sind fast ausschliesslich auf die Wahl 
einer zu günstigen Primärstellung zurückzuführen. Wiederholt 
ist es gelungen, durch die abermalige Reposition dieser hinteren 
Reluxation unter nunmehriger Heranziehung extremer Primär- 
stellung anatomisch tadellose Restitutionen des Gelenkes zu er- 
zielen. 

War es, zumal bei beiderseitiger schlechter Stabilität, 
nothwendig gewesen, beiderseits eine extreme Primärstellung 
(überstreckte rechtwinkelige Abduction) zu wählen, um gegen 
die Eventualität einer Reluxation nach hinten vollkommen ge- 
sichert zu sein, so ergibt sich aus der Beiderseitigkeit dieser 
Stellung ein ganz ungewöhnliches und auf den ersten Anblick 
überraschendes Bild. Glücklicherweise ist die Sache lange nicht 
so schlimm, als sie aussieht, und ich kann aus hundertfältiger 
Erfahrung versichern, dass sich die Kinder gleich schnell an 
mehr oder weniger extreme Stellungen gewöhnen, falls nur die 
Spannung der Weichtheile, vor allem der Adductoren. vorher 
beseitigt wurde. Binnen wenigen Tagen gewinnen sie ihren 
früheren Humor wieder zurück, und ich habe weder von den 
Eltern jemals gehört, noch selbst gesehen, dass die Kleinen 
nicht während der ganzen Zeit der Fixation munter und guter 
Dinge gewesen wären oder an ihrer Gesundheit dadurch auch 
nur den allergeringsten Schaden gelitten hätten. 

In einem einzigen Falle ist es mir vorgekommen, dass die 
beiderseitige rechtwinkelige Abduction der Schenkel eine der- 
artige Anspannung der Haut über der Symphysis ossium pubis 
bewirkte, dass dieselbe strichweise anämisch wurde; um einer 
Spannungsgangrän vorzubeugen, wurde die Abduction trotz der 
grossen Labilität der Reposition vermindert und mit pronon- 



— 225 — 

eirter Beugung combinirt, also von vornherein eine annähernde 
Mittellage der Gelenke fixirt. 

Die sichere Fixation der beiderseitigen Primärstellung durch 




einen compendiösen Verband erfordert eine exacte Technik. 
Einige Kunstgriffe derselben seien im Folgenden angedeutet: 
Das Kind wird auf der Beckenstütze und] dem Rumpfbänkchen 
genau so, wie zur Anlegung eines einseitigen Verbandes ge- 

Lorenz , Hüftverrenknng. -i r 



226 



lagert (Fig. 42) ; der zwischen den Beinen des Kindes stehende Assi- 
stent erfasst beide Unterschenkel desselben und sorgt für die Bei- 
behaltung der vorher noch einmal genau controllirten Abductions- 
stellung der Oberschenkel, während die Kniegelenke in recht- 
winkeliger Flexion eingestellt bleiben. Ist eine Ueberstreckung 
wünschenswert, so wird dieselbe durch leichten Druck nach 
abwärts gesichert, so dass die innere Fläche der Oberschenkel 
etwas hinter die Frontalebene zu liegen kommt. Die Unter- 
polsterung, sowie die Fixirung derselben mittelst Calicotbinde 
erfolgt in der schon geschilderten Weise (vgl. S. 200). Sowohl 
in der Führung der Watterollen als der Calicot- und Gips- 




Fig. 43. Schema der Bindentouren. 



binden empfiehlt es sich auch hier, die einzelnen Touren in 
Systeme zu gliedern, um den Verband überall gleichmässig 
stark und dadurch dauerhaft zu machen. Man beginnt mit 
Touren, welche als flache Ellipsen die vordere und hintere 
Fläche der Oberschenkel, die Symphyse und die mittlere 
Kreuzbeingegend, sowie die Streckseite der Kniegelenke be- 
decken. Die Binden verlaufen demnach beispielsweise von der 
rechten Patella längs der inneren (vorderen) Fläche des rechten 
Oberschenkels über die Symphyse zur inneren (vorderen) Fläche 
des linken Oberschenkels und gelangen über die linke Patella 
zur hinteren Fläche dieses letzteren, um über das Kreuzbein 
und die hintere Fläche des rechten Oberschenkels zum Aus- 
gangspunkte zurückzukehren (Fig. 43; 1). Durch je ein System 



— 227 — 

circulärer Touren um den einen und den anderen Oberschenkel 
wird dieses elliptische Gipsband zu einer vollständigen Hülse 
für den letzteren (Fig. 43: 2, 3), während der über der 
Symphyse und der mittleren Kreuzbeinpartie gelegene Theil der 
Ellipse die Grundlage der vorderen und hinteren Becken- 
spange abgibt; ein viertes System von Touren (Fig. 43; 4) 
beginnt an der Symphyse und folgt circulär dem Darmbein- 
kamme, um über die obere Partie des Kreuzbeines längs der 
Crista und Spina ant. sup. zum Ausgangspunkte zurückzukehren. 
Nach einem Umschlage der Binde an dieser Stelle beginnt die 
Tour von neuem. Ein letztes System von Touren (Fig. 43; 5) 
hat einen Achter zur Grundlage, dessen Kreuzungsstelle über 
dem unteren Theile des Kreuzbeines liegt, und dessen Schlingen 
die oberen Partien des Oberschenkels umkreisen. Die Tour 
beginnt also beispielsweise an der vorderen Fläche des linken 
Oberschenkels, läuft in dem Winkel zwischen seitlicher Becken- 
fläche und Oberschenkelansatz nach hinten, gelangt in diagonaler 
Richtung über das Kreuzbein absteigend zur vorderen Fläche 
des rechten Oberschenkels, traversirt dieselbe und kehrt in dem 
analogen Winkel zwischen seitlicher Beckenfläche und Ober- 
schenkel zur hinteren Kreuzbeinfläche zurück, überquert dieselbe 
in diagonaler Richtung nach abwärts, um an der vorderen 
Fläche des linken Oberschenkels zu ihrem Ausgangspunkte 
zurückzugelangen. 

Alle diese Touren sind viel schwerer zu beschreiben als 
auszuführen. Ich habe indes die detaillirte Darstellung der Ver- 
bandtechnik nicht für überflüssig gehalten, weil nur auf diese 
Weise ein compendiöser und dennoch haltbarer Verband her- 
gestellt werden kann. 

Die Ränder desselben werden sofort nach seiner Voll- 
endung so weit beschnitten, dass die Symphyse nur von einer 
starken Spange bedeckt bleibt, der Unterleib also fast voll- 
ständig freigelassen ist. Ebenso sind die Genitalien und die 
Glutaealfalten vollständig freizulegen. Die oberen Ränder der 
Beckenhülse überragen den Darmbeinkamm nur um ein Weniges 
und werden demselben gut angemodelt. Die Oberschenkelhülsen 
werden an ihrem unteren Ende genau so beschnitten, wie es S. 200 
für die einseitige Fixation angegeben wurde, damit Beugung 
und Streckung des Kniegelenkes vollkommen ungehindert aus- 

15* 



228 



geführt werden kann. Jeder Punkt der bedeckten Haut- 
fläche bleibt auf diese Weise von den Rändern des Ver- 
bandes her zugänglich. Durch ein unterschobenes Rosshaar- 
kissen wird das Kind in seinem Bette mit dem Becken hoch 
gelagert. Die Angewöhnung an den Verband findet fast ebenso 
rasch statt wie nach einseitiger Reposition. Schon nach wenigen 
Tagen wird das Kind rittlings auf einen gewöhnlichen, mit 




Fig. 44. Erster Fixationsverband nach beiderseitiger Reposition in der Ansicht von vorne. 

Rückenpolster versehenen Stuhl gesetzt und dieser an einen 
Tisch von gewöhnlicher Höhe herangeschoben. Sehr bald fangen 
die kleinen Patienten an, eifrig zu spielen, als ob sie immer in 
dieser Situation gewesen wären. 

Der einzige Nachtheil der gleichzeitigen Reposition besteht 
darin, dass die Kinder in der Regel während der ersten Fixations- 
periode nicht gehen können und nur passiv mobil sind, d. h. 
getragen und gefahren werden können. Der Pfannenboden steht 
während dieser Zeit nur unter dem Belastungsdrucke der 
passiven Muskelspannung, welche an den wie spastisch gebeugten 



229 



Kniegelenken zum sichtbaren Ausdrucke kommt. So lange die 

Bewegungen, namentlich die Streckung des Kniegelenkes noch 

schmerzhaft sind, lässt man die Kinder am besten in Ruhe. 

Sie beginnen sitzend bald von selbst mit den Unterschenkeln 

hin und her zu baumeln, und lernen dieselben allmählich immer 

stärker activ zu strecken. Sind 

die Widerstände gross, so muss 

mit passiver Streckung, welche 

allmählich einen Winkel von 

180 Grad erreicht, nachgeholfen 

werden. Die Unterlassung dieser 

wichtigen Maassregel führt un- 

abweislich zur Kniegelenkscon- 

tractur. 

Es wäre ja nahe gelegen 
die Kniegelenke unter Ueber- 
windung des Widerstandes der 
Beugemuskeln schon gelegent- 
lich der Reposition gerade zu 
strecken und durch einen bis 
zu den Knöcheln verlängerten 
Verband diese Streckung zu 
fixiren; aber dadurch wird die 
Situation des Kindes wegen 
der permanenten und deshalb 
schmerzhaften Muskelspannung 
nur noch peinlicher, und die 
einzige ihm in der freien Be- 
weglichkeit der Unterschenkel 
noch gebliebene Muskelbethä- 
tigung wäre unmöglich ge- 
macht. 

Fig. 44 zeigt die Sitzhaltung eines solchen Kindes in der 
Ansicht von vorne, Fig. 45 in der Ansicht von der Seite, wo- 
durch die überstreckte Stellung der Oberschenkel, d. h. ihre 
Position hinter der Frontalebene zum Ausdrucke kommt. 

Aus Fig. 46 ist zu ersehen, dass es den Kindern nach 
einiger Uebung gelingt, die myogene Kniecontractur allmählich 
zu überwinden und die Unterschenkel gerade zu strecken. 




Fig. 45. Gegenstück zu Fig. 44; Ansicht von der 

Seite, um die Ueberstreckung der Gelenke zur 

Anschauung zu bringen. 



— 230 — 

Man sollte es nicht für möglich halten, dass manche be- 
sonders unternehmende Kinder trotz der mehr weniger recht- 
winkeligen Spreizung der Oberschenkel mit einiger Unterstützung 
im Stande sind, sich auf den Füssen zu halten und sich einiger- 
massen zu bewegen. Ganz besonders findig war ein kleines 
Mädchen, welches einen Schemel, dessen Höhe der Länge seiner 
Unterschenkel entsprach, durch Anstemmen der Füsse gegen den 
Boden in rasche, gleitende Bewegung zu versetzen erlernte und 
sein Fahrzeug mit grosser Geschicklichkeit in alle Winkel der 





h 4^ 






i^nt 






^ , f^ 






jflH m ';^ ^H 




^m 


1H 


jm.\ 



Fig. 4G. Active Streckung der Kniegelenke im ersten Fixationsverbande nach beiderseitiger 

Reposition. 



Wohnung steuerte. Durch angeschraubte Fauteuilrädchen wurde 
dieser Gleitschemel zu einem leicht beweglichen Wägelchen um- 
gestaltet. Besonders construirte Sitzvorrichtungen sind vollkommen 
überflüssig. Wenn es vorgezogen wird, die kleinen Patienten auf 
gewöhnlichen Sesseln zu placiren, so ist ausser einem Rücken- 
polster höchstens die Anbringung einer Fussrast an beiden Seiten 
der Stuhlfüsse zu empfehlen. 

Da die Kinder absolut nicht leiden, so wird das Ende der 
ersten Fixationsperiode, welche auch hier auf 4 bis 5 Monate zu 
bemessen ist, sehr leicht erwartet. 

Nach Abnahme des Verbandes werden die kleinen Patienten 
behufs Reinigung und Pflege der Haut am besten 2 oder 3 Tage 



— 231 — 

vollständig frei gelassen. Man braucht deshalb eine Reluxation 
durchaus nicht zu fürchten. Die actinographische Controlle wird 
nach richtig ausgeführter Reposition stets ergeben, dass die 
Schenkelköpfe dem Fugenkreuze des Pfannenbodens genau gegen- 
überstehen, ja sogar ein wenig in die Pfanne eintauchen (vgl. 
Fig. 47). 

Die Betrachtung eines solchen Bildes, welches die Er- 
füllung aller Vorbedingungen einer radicalen Heilung ad 
oculos demonstrirt, drängt mir immer wieder von neuem dieUeber- 
zeugung auf, dass das bisher so häufige Misslingen der Retention 




Fig. 47. Lagebeziehung der Gelenkskürper im ersten Fixationsverbande nach beiderseitiger 

Reposition. 

der Schenkelköpfe in ihrer ideal richtigen Stellung ebenso wohl 
auf eine zukurzeBemessung derFixationsperiode, als auch 
auf eine überhastete Gorrectur der Primärstellung zurück- 
zuführen ist; ich habe deshalb auch bei der doppelseitigen Ver- 
renkung meinen Retentionsplan in der letzten Zeit wesentlich 
modificirt und vor allem die forcirte und voreilige Correctur der 
Primärstellung vollkommen aufgegeben. 

Die Patienten behalten auch ohne jede Fixation ihre 
Primärstellung sorgsam bei und sträuben sich mit aller Kraft 
gegen eine Veränderung derselben im Sinne der Gorrectur. Ganz 
im Gegentheile ziehen sie die Beine noch höher, so dass der 
Winkel zwischen der Seitenfläche des Rumpfes und der oberen 



232 



Oberschenkelfläche ein spitzer wird (negative Abduction, Fig. 47, 
links). Auch die Ueberstreckung vermögen sie durch Anspannung 
der Gesässmuskeln zu steigern; hingegen sind sie ausser Stande, 
dieselbe activ zu vermindern. 

Die passive Correctur bezieht sich daher vor allem auf 
die Ueberstreckung, welche in leichte Beugung überführt wird, 
so dass die Oberschenkel, welche vorher „hinter" der Frontalebene 

gelegen waren, nunmehr deut- 
lich „vor" dieselbe zu liegen 
kommen. Die Abduction wird 
nur so weit vermindert, als 
die Kinder es auf activem 
Wege zu Stande bringen. Bei 
Widerspenstigkeit muss auch 
diese Correctur passiv, aber 
ohne jede Gewaltanwendung 
erfolgen. 

Das Resultat einer auf 
diesem vorsichtigen Wege vor- 
genommenen Stellungscorrec- 
tur ist allerdings ein massiges. 
Die Oberschenkel sind ganz 
leicht gebeugt, aber immer 
noch sehr stark abducirt, 
während die Rollung, wie bis- 
her, indifferent geblieben ist. 
Diese Stellung wird durch 
einen compendiösen Verband 
nach bekannter Technik neuer- 
dings fixirt. Bei besonders lebhaften Kindern habe ich die beiden 
Oberschenkelhülsen durch einen verbindenden Henkel verfestigt, 
welcher zwar das Sitzen beeinträchtigt, aber die Dauerhaftigkeit 
des Verbandes sehr erhöht (Fig. 48). Bei ruhigen Kindern ist 
diese Maassregel überflüssig (vgl. Fig. 49, welche das in Fig. 44 
und 45 abgebildete Kind in seinem letzten Fixationsverbande 
darstellt). 

Nach der eventuell nur geringen Stellungscorrectur erlernen 
die Patienten nunmehr doch das Stehen und Gehen, wenngleich 
mit noch ziemlich weit gespreizten Beinen. Eine kleine Erhöhung 




Fig. 48. Zweiter Fixationsverband durch einen 
Henkel verfestigt. 



233 



des beiderseitigen äusseren Sohlenrandes erleichtert das Auf- 
treten. 

Die aufrechte Haltung findet manchmal einige Schwierigkeit 
in der lumbalen Kyphose, welche sich unter dem Einflüsse der 
Ueb erstreckung der Hüftgelenke mehr oder weniger stark aus- 
gebildet hatte. In der Regel corrigirt sich dieselbe ganz von 
selbst. Nur in einigen Fällen, in denen 
die Ueberstreckung offenbar zu stark 
ausgefallen war, erforderte die lum- 
bale Kyphose während der späteren 
Nachbehandlung eine ad hoc einge- 
richtete redressive Gymnastik. 

Die zweite Fixationsperiode wird 
ebenfalls auf mindestens 5 bis 6 Monate 
veranschlagt. Die verminderte Spreiz- 
stellung der Beine macht das Sitzen 
nunmehr etwas unbequemer als früher, 
und die Kinder sind gezwungen, ent- 
weder auf der Stuhlecke zu sitzen 
oder man lässt eine Art Reitbock ein- 
fachster Construction zimmern und 
mit gepolstertem Sattel versehen. Ein 
etwa vorhandenes Schaukelpferd kann 
zu demselben Zwecke adaptirt werden, 
indem es auf die richtige Höhe ge- 
bracht, festgestellt und mit einer Sattel- 
lehne versehen wird. In der Regel ziehen 
es die Kinder vor, so lange irgend mög- 
lich, auf den Beinen zu sein und sich 
dann auf den Rücken zu legen. 

Nach Absolvirung der zweiten Fixationsperiode, also etwa 
vom 10. bis 11. Monate ab, lasse ich die Kinder tagsüber voll- 
ständig frei und nur des Nachts wird eine abnehmbare Spreiz- 
hülse aus Leder oder Celluloid verwendet, welche etwa die 
Stellung der zweiten Fixationsperiode während der Schlafens- 
zeit erhält. 

Die weitere Gorrectur der Primärstellung, also etwa die 
Hälfte dieser ganzen Aufgabe pflege ich überhaupt nicht 
mehr zu urgiren. Die Kinder laufen mit ihren gespreizten, aber 




Fig. 49. Fixation einer (secundären) 

Gelenksmittellage nach beiderseitiger 

Reposition. 



- 234 — 

vollständig freien Beinchen so munter umher, dass jede Ver- 
anlassung zu schädlicher Uebereilung vollständig fehlt. 

Die vollständige Correctur erfolgt im Laufe etwa eines Jahres — 
manchmal gehört ein noch grösserer Zeitraum dazu — zum Theile 
allmählich ganz von selbst, respective unter den instinctiven Be- 
strebungen des Patienten, nach und nach eine bequemere Bein- 
stellung zu erringen; zum Theile wird in schonendster Weise 
durch mobilisirende active und passive Gymnastik nachgeholfen. 
Diese Gymnastik vollzieht sich zunächst in der Frontalebene, 
besteht also in activer Verminderung der Abduction. Patient, 
liegt zu diesem Behufe auf dem Rücken und versucht unter 




Fig. 50. Active mit Ueberstreckung combinirte Abduction in der Bauchlage. 

möglichst geringer fremder Beihilfe seine Schenkel herabzuholen, 
d. h. die bestehende Abduction zu vermindern, ohne dass die 
Beine dabei von der Tischunterlage abgehoben werden. Das 
Hinaufziehen und Wiederherablassen der Schenkel erinnert an 
die Bewegungen eines Hampelmannes (Hampelbewegung). Nach 
und nach werden diese Bewegungen aus der Frontalebene in eine 
diagonale Ebene geleitet, bis sie schliesslich in der Sagittalebene 
erfolgen. Die activen Abductionen zur Kräftigung der pelvitro- 
chanteren Muskeln werden genau in derselben Weise in der Rücken- 
lage geübt wie nach einseitiger Reposition. Zu ganz besonderer 
Bethätigung gelangen diese Muskeln, wenn die activen Abductionen 
in der Bauchlage ausgeführt werden. Dieselben combiniren sich 
ganz von selbst mit Ueberstreckung und sind besonders dann am 
Platze, wenn es sich darum handelt, bei zweifelhaften Fällen 



235 



vor allem bei vorderer Reluxation nach oben, die Schenkelköpfe 
verlässlich an der vorderen Beckenwand zu erhalten. In Fig. 50 
ist diese „Abductions-Ueberstreckungsübung in Bauchlage" photo- 
graphisch festgehalten. Es handelt sich lediglich darum, dass 
die abducirten Schenkel durch Ueberstreckung in den Hüft- 
gelenken von ihrer Unterlage abgehoben werden; selbstverständ- 
lich wird auch das Becken dabei einigermassen hoch gehoben. 
Fig. 51 zeigt die active Ueberstreckung der Hüftgelenke bei 
gleichzeitiger activer Lendenlordose. Fig. 52 zeigt dieselbe 
Uebung in der Ansicht von vorne, um die gleichzeitig vorhandene 




Fig. 51. Ueberstreckungsübung bei gleichzeitiger Elevation des Beckens (Mitbewegung) in 

Seitenansicht. 



ultraphysiologische Abduction zum Ausdruck zu bringen. Die 
Kinder bringen es in diesen Uebungen meistens sehr bald zu 
einer unglaublichen Virtuosität. 

Rollungen des Schenkels werden weder activ noch passiv 
vorgenommen. Mit zunehmender Verminderung der Abduction 
wird, genau aus demselben Grunde wie nach einseitiger Re- 
position, die Auswärtskehrung der Fussspitzen um so auffälliger, 
als hier wegen der Beiderseitigkeit dieser Eversion eine Gachirung 
nicht möglich ist (vgl. S. 218). Der Gang der Kinder ist anfänglich 
höchst eigenthümlich und erinnert lebhaft an die gezierten Tanz- 
schritte der javanischen Schauspieler. Die Schenkel greifen nicht 



— 236 — 

nach vorne, sondern mehr nach der Seite aus, die Schritte sind 
also kurz und wenig fördernd. 

Aus demselben Grunde wie nach einseitiger Reposition 
habe ich auch hier die Sachen ruhig ihren natürlichen Verlauf 
nehmen lassen und konnte jedesmal beobachten, wie nach 
kürzerer oder längerer Frist die Kinder diese ihnen offenbar un- 
bequeme Auswärtsrollung instinctiv eigenthätig zu unterdrücken 
vermochten und nach und nach mehr in der Richtung nach 
vorne ausschritten. Zum Schlüsse weisen die Fussspitzen aller- 
dings immer noch merklich nach aussen: aber diese restirende 




Fig. 52. Active Hyperabduction und Ueberstreckung in Bauchlage. Ansicht von vorne. 



Eversion ist durchaus nicht mehr auffällig und ganz 
sicher kein cosmetischer Fehler. Ganz im Gegentheile wird 
dieselbe vielfach sogar als ein cosmetischer Vortheil betrachtet. 

Es wurde schon erwähnt, dass die in Folge der Ueber- 
streckung eintretende Lumbalkyphose in der Regel von selbst 
wieder verschwindet und nur selten einer redressiven Behand- 
lung bedarf. 

Wenn jedoch vordere Reluxation nach oben eingetreten 
sein sollte, so wird es sich empfehlen, eine virtuelle oder that- 
sächliche Kyphose der Lende ruhig fortbestehen zu lassen. Die- 
selbe ist gewissermassen ein Ausdruck der noch vorhandenen 
Ueberstreckung der Hüftgelenke, welche ihrerseits das unendlich 



— 237 — 

viel grössere Uebel, nämlich die Reluxation nach hinten, mit 
Sicherheit verhütet. 

Ein Stützapparat kommt bei der Nachbehandlung 
der doppelseitigen Verrenkung ebenso wenig zur An- 
wendung als nach der einseitigen Reposition. Vielmehr 
bleiben die Patienten vom Schlüsse der Fixation ab voll- 
ständig frei. 

Besondere Sorgfalt erfordern jene Fälle, bei denen die un- 
blutige Reposition nur auf der einen Seite gelang, während die 
andere Hüfte nur mehr auf dem Wege der Arthrotomie reponirt 
werden konnte (combinirte Reposition). Hier ist namentlich die 
Stellung der blutig reponirt en Hüfte strenge zu überwachen. 
Eine Abductions-Beuge-Gontractur derselben schliesst zweifellos 
die Möglichkeit einer hinteren Reluxation des unblutig reponirten 
Gelenkes in sich, obwohl diese Eventualität in meinen Fällen 
glücklicherweise niemals eingetreten ist. 

An diesen Patienten konnte ich mich recht eindringlich 
davon überzeugen, wie sehr die unblutige Einrenkung der opera- 
tiven Reposition überlegen ist, denn ohne jede Gefahr, ohne 
mühsame und langwierige Nachbehandlung konnte in meinen 
Fällen in dem vierten Theile der Zeit ein weit besseres End- 
resultat an der unblutig als an der blutig reponirten Hüfte er- 
reicht werden. Nicht genug daran, wurde auch das Gesammt- 
resultat durch den minderwerthigen Effect der blutigen Reposition 
sehr wesentlich beeinträchtigt. 

Es mag hier noch die Gelegenheit wahrgenommen werden, 
einige Worte an die Frage zu verlieren, welche Verrenkung 
leichter zu ertragen ist, die einseitige oder die doppelseitige. 
Nur Menschen, welche nicht selbst an Hüftverrenkung leiden, 
konnten der irrigen Meinung sein, dass die doppelseitige Luxation 
als „symmetrische" Deformität das geringere Gebrechen sei. 
Auch unter den Aerzten ist diese Meinung noch vielfach ver- 
breitet, und das ist wohl der Grund, weshalb die Eltern so 
häufig mit der Aussicht auf ein Auswachsen des kaum störenden 
Wackeins getröstet werden. 

In der That stellt die doppelseitige Verrenkung 
sowohl vom cosmetischen als vom functionellen Stand- 
punkte aus gegenüber der einseitigen Luxation das 
doppelt schwere Gebrechen vor. Deshalb würde die Re- 



— 238 - 

position auch nur des einen Gelenkes bei doppelseitiger 
Verrenkung noch immer einen grossen Vortheil bedeuten, da 
der Patient nunmehr wenigstens über „ein" tragfähiges Bein 
verfügt. 

6. Kurze Charakteristik der Lorenz'schen Methode. 

Die nothwendig gewordene, etwas breitere Beschreibung 
meiner Methode und ihrer Technik mag die nochmalige Zu- 
sammenfassung einiger wesentlicher Punkte rechtfertigen. 

1. Die präparatorische Extensionsbehandlung ist bei Kindern 
innerhalb der Altersgrenze überflüssig; bei älteren Kindern 
wird dieselbe nach subcutaner Tenotomie der Längsmuskeln 
ambulatorisch durchgeführt. 

2. Bei jungen Kindern gelingt die typische Einrenkung 
über den hinteren Pfannenrand ,,aus freier Hand" durch Ex- 
tension und gleichzeitige Abduction des rechtwinkelig gebeugten, 
einwärts gerollten Oberschenkels. Diese „typische Reposition 
aus freier Hand" durch rechtwinkelige Extension und Ab- 
duction führt immer und vollständig gefahrlos zum Ziele, 
wenn die Patienten rechtzeitig der Behandlung unterzogen 
werden. 

3. Zur Erleichterung der Einrenkung und zur Vermeidung 
der schmerzhaften Muskelspannung empfiehlt sich die vor- 
gängige Mobilisirung des Gelenkes im Sinne der Abduction 
durch Myorhexis adductorum. 

4. In schwierigen Fällen älterer Kinder erfolgt, eventuell 
nach einer vorbereitenden Behandlung die Einrenkung über den 
oberen Pfannenrand durch Extension des gestreckten Schenkels, 
oder über den hinteren respective unteren Pfannenrand durch 
das Hebelmanöver der allmählich bis zu 90 Grad und darüber 
gesteigerten Abduction „auf dem Keile". Die Schwierigkeit der 
Reposition verleitet in solchen Fällen zur Forcirung der Hebel- 
manöver, welche unter solchen Umständen leicht Schenkel- 
fracturen im Gefolge haben kann. Deshalb ist vor jeder Gewalt- 
thätigkeit zu warnen. 

5. Misslingt die unblutige Reposition unter Anwendung 
massiger Gewalt, so tritt die Reposition durch Arthrotomie 
(ohne künstliche Vertiefung der rudimentären Pfanne) in ihr 



— 239 - 

Recht, während die weitere Nachbehandlung conform den Prin- 
cipien der unblutigen Methode durchgeführt wird. 

6. Nach gelungener unblutiger Reposition wird eine unmittel- 
bare Vermehrung der primären Stabilität derselben durch Dehnung 
der vorderen fibrösen Wand der Pfannentasche mittelst bohren- 
der Ausw^rtsrollungen angestrebt. 

7. Als Primärstellung kann nur bei sehr günstigen anato- 
mischen Verhältnissen eine Gelenksmittellage gewählt werden 
(primäre Mittellage). In der Mehrzahl der Fälle wird man zu 
einer mehr weniger hochgradigen, jedenfalls ultraphysiologischen, 
eventuell leicht überstreckten Abduction greifen müssen, welche 
die Möglichkeit einer Reluxation nach hinten ausschliesst. Die 
Primärstellung ist im Allgemeinen durch eine indifferente Rollung 
des Schenkels ausgezeichnet. 

8. Die Fixation der Primärstellung erfolgt durch einen 
compendiösen Verband ohne Anwendung irgendwelches „künst- 
liehen" Druckes. 

9. Wenn die Reposition während der 4 bis 5 Monate 
dauernden ersten Fixationsperiode gegen eine Reluxation 
nach hinten verlässlich stabil geworden ist. wird die 
Primärstellung eventuell in mehreren Sitzungen vorsichtig so 
weit corrigirt. dass wenigstens annähernd eine Mittellage des 
Gelenkes (in Flexion und Abduction) erreicht wird (secundäre 
Mittellage). Dieselbe wird während einer zweiten, 5 bis 5 Monate 
dauernden Periode mittelst compendiösen Verbandes fixirt. 

10. Gerade so, wie sich die Methode durch die eventuell mit 
leichter Ueberstreckung combinirte stärkere Abduction während 
der ersten Fixationsperiode vor allem gegen das grössere Uebel 
der hinteren Reluxation sicherstellt, sucht sie in der (secun- 
dären) Flexion der späteren Fixationsperiode einen Schutz gegen 
das kleinere Uebel der vorderen Reluxation nach oben. 

11. Die vollständige Gorrectur der Primärstellung erfolgt 
nicht durch Verbände, sondern ganz allmählich auf dem Wege 
activer Gymnastik, also unter vornehmlicher Mithilfe des in voll- 
ständiger Freiheit behandelten Kindes. 

12. Als Retentionsbehelf bedient sich die Methode lediglich 
der differenten, durch compendiöse Verbände exact fixirten 
Stellungen, ohne irgendwelche künstlichen Druckwir- 
kungen, ferner der durch die Reposition erzeugten Muskel- 



— 240 — 

Spannungen, hauptsächlich aber der functionellen Belastung des 
Pfannenbodens mit dem Körpergewichte durch den reponirten 
Schenkelkopf. Zur Nachbehandlung verwendet die Methode keine 
wie immer geartete Stütz- oder Druckmaschine, sondern erblickt 
als die wichtigste Aufgabe dieser Behandlungsphase die Restitution 
der Muskelkräfte, welche durch drückende und pressende Stütz- 
apparate keinesfalls gefördert wird. Indem sich die Methode nur 
jener natürlichen Retentionsmittel bedient, welche aus der 
gelungenen Reposition gewissermassen von selbst resultiren, und 
dabei ebenso gleichmässig als kraftvoll wirken, erlangt sie bei 
völligem Verzicht auf alle durch künstliche mechanische Mittel 
aufgebrachten ungleichmässigen und unverlässlichen Druck- 
wirkungen eine charakteristische Einfachheit. 

13. Sowohl aus diesem Grunde als auch wegen der gänz- 
lichen Entbehrlichkeit eines kostspieligen Instrumentarium — 
dieses letztere wird einzig und allein durch die chirurgische Hand, 
im äussersten Falle durch einen leicht improvisirten Holzkeil dar- 
gestellt — ist die Methode der grössten Verallgemeinerung fähig; 
sie soll und darf in Zukunft nicht das Monopol der Spe- 
zialisten bleiben, sondern kann wegen der vollständigen 
Unabhängigkeit des Arztes vom Schienentechniker 
an jedweder entlegensten chirurgischen Station gerade 
so wie an jeder Klinik mit Erfolg geübt werden — und 
dies umsomehr, als die Behandlung bis auf wenige Tage 
eine ambulante ist, und durchaus nicht jene mühsame und 
langwierige Nachbehandlung erfordert, wie die operative Repo- 
sition, welche nur in der Hand einzelner, in dieser Aufgabe völlig 
aufgehender Specialisten Erfolge erreichen konnte. Ausserdem 
erlaubt die Methode auch die Behandlung weit entfernt wohnender 
Patienten ; da äussersten Falles nur ein zweimaliger und jedes- 
mal nur wenige Tage dauernder Aufenthalt des Kindes am Be- 
handlungsorte nothwendig ist, ein Vortheil, der speciell für chi- 
rurgische Kliniken und Abtheilungen nicht zu unterschätzen ist. 

14. Die Reposition der doppelseitigen Hüftverrenkung ist 
nur dann zweizeitig durchzuführen, wenn die Umstände (grosse 
Schwierigkeit und lange Dauer oder gänzliches Misslingen der 
Reposition an der einen Seite bei schon älteren Kindern) dazu 
zwingen. Bei jüngeren Kindern ist unter allen Umständen die 
gleichzeitige Behandlung vorzuziehen. 



— 241 — 

15. Die myogene Kniecontractur ist als ein wichtiges kli- 
nisches Symptom der gelungenen und fortbestehenden Reposition 
zu betrachten, muss jedoch während der Fixationsperiode durch 
Dehnung der angespannten Beuger mittelst activer und passiver 
Gymnastik beseitigt werden. Die Gorrectur der Primärstellung 
erfolgt auch hier mittelst der Verbände nur bis zur Erreichung 
einer annähernden Mittellage der Gelenke. Die Vollendung der 
Correctur geschieht auf ganz langsame Weise vornehmlich durch 
active Gymnastik von Seite der Patienten. 



XVIII. Die unblutige Reposition und ihre Rückwirkung auf 
die Skoliose und Lordose der Wirbelsäule. 

Bekanntlich sind die Verkrümmungen der Wirbelsäule so- 
wohl nach der Seite als auch in anteroposteriorer Richtung als 
statische Folgen der angeborenen Hüftverrenkung auch die 
treuen Begleiter derselben. 

Behalten wir zunächst die seitliche Verkrümmung der 
Wirbelsäule (Skoliose) im Auge. Sofern die congenitale Hüft- 
verrenkung eine Beinverkürzung zur Folge hat, bedingt sie eine 
statische Skoliose. Beim gleichmässigen Stand auf beiden Beinen 
wird die Lendenwirbelsäule einen nach der verkürzten Seite con- 
vexen Ausschlag zeigen müssen. In dieser Abweichung fixirt sich 
die Skoliose indes nur selten. 

Vielmehr entsteht gewöhnlich eine primäre Lumbaiskoliose, 
deren Gonvexität gegen die gesunde Seite gerichtet ist. Die 
Ursache ist in Folgendem gelegen: 

Sobald die Verkürzung nur einigermassen grösser wird, 
gleicht der Patient die Differenz nicht mehr durch Senkung des 
Beckens aus, sondern zieht es vor, die krankseitige Beckenhälfte 
durch Spitzfussstellung zu eleviren und erreicht dadurch eine 
Uebercorrectur der Längendifferenz. 

Die Lendenwirbelsäule erhält dementsprechend eine Gon- 
vexität nach der gesunden Seite. 

Diese Einstellung wird durch die pathologische Statik des 
Ganges noch weiter gefördert. Beim Auftreten auf das kranke 
Bein senkt sich das Becken in Folge der mangelhaften Actions- 
fäkigkeit der pelvitrochanteren Muskeln, welche ausser Stande 

Lorenz, Hüftverrenkung. Iß 



— 242 — 

sind, dasselbe gegen den Oberschenkel zu fixiren, nach der 
Seite des Spielbeines beträchtlich herab (Trend elenburg). Dem- 
entsprechend schlägt die Lendenwirbelsäule beim Auftreten auf 
das luxirte Bein blitzartig schnell einen nach der gesunden Seite 
convexen Bogen. Dieser wird sich bei vorhandener Disposition 
ganz allmählich fixiren und es entsteht demnach bei der ein- 
seitigen Hüftverrenkung primär eine lumbale oder lumbodorsale 
contralateral convexe Skoliose, welche sich im ersteren Falle 
auch mit einer nach Seite des luxirten Beines convexen Ab- 
weichung des Dorsalsegmentes combinirt; die Dorsalskoliose kann 
die lumbale Abweichung schliesslich überwiegen. 

Bei doppelseitiger Hüftverrenkung kann die consecutive 
Skoliose fehlen. Die seitlichen Excursionen der Wirbelsäule beim 
Gehen sind in diesem Falle wohl in der Grösse gesteigert, denn 
die Lendenwirbelsäule krümmt sich blitzartig schnell aus einem 
scharfen Bogen in den entgegengesetzten anderen; aber diese 
einander entgegengesetzt gerichteten Ausschläge nehmen die 
Wirbelsäule nach beiden Seiten gleichmässig in Anspruch. Es 
entsteht eine grosse Mobilität des lumbodorsalen Segmentes, aber 
keine Skoliose desselben. Bei ungleich weit gediehener Dislocation 
der Schenkelköpfe, einem häufigen Vorkommnis, gestalten sich 
die seitlichen Excursionen der Wirbelsäule beim Gehen ebenfalls 
asymmetrisch und geben bei vorhandener Disposition zur Ent- 
stehung einer Skoliose Veranlassung, deren primäre Lendenkrüm- 
mung nach Seite des weniger dislocirten Hüftgelenkes convex ist. 

Während die skoliotische Verkrümmung der Wirbelsäule 
eine sehr häufige, aber nicht unbedingt nothwendige Begleit- 
erscheinung der congenitalen Hüftverrenkung darstellt, ist die 
pathologische Steigerung der Lendenlordose ein integrirender 
und namentlich für die doppelseitige Verrenkung ausschlag- 
gebender Factor der Luxationsdeformität. Das auffallende Ueber- 
hängen des Unterleibes nach vorne, die förmliche Horizontal- 
stellung der hinteren Kreuzbeinfläche, die tiefe Einsattelung der 
Lende, die hässliche Prominenz des Gesässes, das Zickzack der 
ganzen Körperhaltung, zu welchem die gebeugt gehaltenen Knie- 
und Hüftgelenke einen wesentlichen Beitrag liefern, bilden ein 
auch dem Laien bekanntes Ensemble von Hässlichkeiten. 

Es ergibt sich die Frage, in welcher Weise die frontalen 
und sagittalen Abweichungen der Wirbelsäule durch die in 



243 



statischer Beziehung so eingreifende Repositionsbehandlung be 
einflusst werden. 

Bleiben wir zunächst bei der Skoliose! 

Die Fixation des eingerenkten 
Beines in mehr weniger extremer Ab- 
duction bedeutet eine vollständige 
Umkehrung der pathologischen Statik 
sowohl des Standes als des Ganges; 
sie zwingt zur dauernden Senkung der 
krankseitigen Beckenhälfte und stellt 
die lumbale Wirbelsäule in einem nach 
der kranken Seite convexen Bogen 
ein, verkehrt also die bestehende Lum- 
balskoliose in ihr Gegentheil. 

Vielleicht ist diese Beobachtung 
in Zukunft auch für die Therapie der 
habituellen Skoliose fruchtbar. 

Zwar wäre damit kein neues Be- 
handlungsprincip, sondern nur eine 
energischere Durchführung des alten 
Principes der Antistatik gegeben, deren 
ununterbrochene und genügend lange 
Einwirkungsdauer einen mächtigen 
Hebel bieten könnte, um der complexen 
Deformität der Skoliose in Zukunft 
vielleicht wirksamer als bisher bei- 
zukommen. Man müsste sich nur ein- 
mal entschliessen, der Skoliose gleich 
von allem Anfang an mit etwas kräfti- 
geren antistatischen Mitteln zu be- 
gegnen, als sie bisher üblich waren. 

Fig. 53 stellt die Einwirkung des 
(zweiten) Fixationsverbandes auf die 
Wirbelsäule dar; dieselbe bildet einen 

nach der kranken Seite convexen Bogen. Noch schärfere Um- 
krümmungen beobachtet man bei der Fixation stärkerer Spreiz- 
haltungen. Jedenfalls wirkt die durch den Verband bedingte 
schiefe Haltung im Sinne der Correction auf die bestehende 
Skoliose ein. 

16* 




Fig. 53. Ansicht des zweiten Fixa- 
tionsverbandes von rückwärts. Die 
Lendenwirbelsäule nach der Seite 
des fixirten Gelenkes convex aus- 
gebogen. 



— 244 — 

Geradezu imposant ist die antistatische Wirkung der Repo- 
sition und Retention auf die sagittalen Krümmungen der 
Wirbelsäule. Man sollte es nicht für möglich halten, dass das 
antistatische Mittel einer blossen Ueberstreckung der Hüftgelenke 
als Retentionsbehelf, selbst wenn es nur wenige Monate, aber 
während dieser Zeit permanent zur Wirkung gelangt, thatsächlich 
im Stande ist, die pathologische Lordose der Lendenwirbel- 
säule nicht nur zu corrigiren, sondern dieselbe direct in eine 
starre Lumbalkyphose zu verwandeln, so dass man Spondylitis 
vor sich zu haben glaubt. 

Noch auffallender wird diese Thatsache durch den Umstand, 
dass diese Umwandlung der einen Krümmung in die andere 
lediglich während der Sitzhaltung zu Stande kommt. 

Ich verweise zur Illustrirung dieser Thatsache auf die im 
Gap. XXII vorgelegten Beobachtungen. 

Aus denselben geht jedenfalls hervor, dass sich die Wirbel- 
säule den statischen Nothwendigkeiten unbedingt fügt. Vielleicht 
wird es doch noch gelingen, diese Nothwendigkeiten auch gegen 
die habituelle Skoliose mit Erfolg ins Treffen zu führen. 



XIX. Ueble Zufälle und Gefahren der unblutigen Reposition. 

Gelegentlich der Discussiom, welche sich an die praktische 
Demonstration meiner Methode am XII. internationalen medi- 
cinischen Congresse in Moskau anschloss, hatte ich im Eifer der- 
selben die Behauptung aufgestellt, dass die unblutige Einrenkung 
im Vergleiche zur blutigen Reposition ein absolut gefahrloses 
Unternehmen sei. In dem Sinne, dass bei der unblutigen Ein- 
renkung jedwede Gefahr unter allen Umständen ausgeschlossen 
sei, ist diese Behauptung nicht ganz richtig. Bis dahin hatte ich 
allerdings noch kein ernstliches Unglück zu beklagen gehabt. 
Wohl deshalb, weil ich mich anfangs wohlweislich und vor- 
sichtigerweise immer nur möglichst weit innerhalb der sicheren 
Grenzen der Machtsphäre der unblutigen Einrenkung gehalten hatte. 

Als es dann galt, sich diesen Grenzen immer mehr zu 
nähern, um dieselben festzustellen, konnten Unglücksfälle nicht 
ausbleiben. War es doch ein vollkommen unbekanntes Terrain, 
auf welchem man sich recht unsicher bewegte. 



— 245 — 

Wer aber auf unbekanntem Terrain einen neuen Pfad finden 
will, ist leicht geneigt, die Gefahren desselben zu unterschätzen, wenn 
er mit heiler Haut eine längere Strecke des gesuchten Weges 
zurückgelegt hat; er thut sich wohl auch auf seine Vorsicht zu 
viel zugute, wenn er oft genug ahnungslos einer lauernden Ge- 
fahr entging, gegen welche seine Achtsamkeit gar nicht ge- 
richtet war. Er weiss niemals genau, wo er der Gefahr begegnen 
wird und wappnet sich unnöthigerweise vielleicht gerade dort, 
wo der Weg am sichersten ist, und die wirkliche Gefahr trifft 
ihn unvorbereitet. Die blosse Erkenntnis der Gefahren fordert 
ihre Opfer. Ohne Unglücksfälle ist kaum jemals ein unbekannter 
Weg aufgedeckt worden. Dieselben sind ein trauriges Vorrecht 
des Pfadsuchers, der erst dann zum Pfadfinder wird, wenn er 
auf das strengste die Pflicht erfüllt, seine Unglücksfälle darzu- 
legen, um damit zum Schutze des Nachfolgenden Warnungs- 
tafeln an jenen Stellen zu errichten, wo er die richtige Fährte 
verloren hatte. Dieser Pflicht will ich mich gewissenhaft ent- 
ledigen, gestehe aber offen, dass mir die Erfüllung derselben 
schwer fällt, denn das Aufwühlen der schmerzlichen Erinnerungen 
an den glücklicherweise einzigen, wirklich tragischen Fall 
meiner bisherigen Erfahrungen lässt meine damalige Gemüths- 
erschütterung noch heute lebhaft in mir nachklingen. Es handelte 
sich um ein ziemlich zartes, 13j ähriges Mädchen mit linksseitiger 
Hüftgelenksverrenkung und hochgradiger Verkürzung des Beines 
(6 Centimeter). Der Versuch einer unblutigen Einrenkung wurde ge- 
wünscht, im Falle des Misslingens sollte die operative Reposition vor- 
genommen werden. Wenige Tage vorher war mir die Einrenkung 
bei einem fast zwei Jahre älteren, viel kräftigeren Mädchen ohne 
allzu grosse Schwierigkeiten gelungen und ich ging deshalb mit 
ziemlicher Zuversicht an meine Aufgabe. Die Herabholung des 
Schenkelkopfes gelang unerwartet leicht, ohne dass Tenotomien 
nothwendig wurden; lediglich die Adductoren waren auf stumpfem 
Wege ausgeschaltet worden. Die Einrenkung wurde auf dem 
Keile durch spitzwinkelige Flexion, Abduction und Ueberstreckung 
zu erreichen gesucht, nachdem mehrere Repositionsversuche durch 
Extension misslungen waren. Der Schenkelkopf war schliesslich so 
mobil geworden, dass man dem Beine die extremsten Einstellungen 
geben konnte. Es gelang aber auf gar keine Weise, den Kopf 
nach vorne zu treiben, noch weniger denselben über den hinteren 



— 246 — 

Pfannenrand zu zwingen, obwohl es den Anschein hatte, als 
müsse der Sprung desselben jeden Augenblick erfolgen. Dieser 
hartnäckige Widerstand so nahe vor dem Ziele wirkte auf- 
reizend, und das Ringen mit der Schwierigkeit verleitete zu 
übermässiger Kraftentfaltung. Bei einem Versuche, den abducirten 
und stark überstreckten Femurschaft in der Richtung seiner Axe 
nach vorne und innen zu stossen und den Schenkelkopf dadurch 
über die Pfannenkante in die Leistenbeuge zu treiben, erfolgte unter 
gleichzeitigem Nachgeben des Schenkels ein scharfes Geräusch. 
Ich vermuthete einen Schenkelhalsbruch, aber der Kopf 
sass fest. Wohl aber war eine Abreissung der an der Spina 
anterior superior inserirenden Weichtheile zu constatiren, so dass 
die Spina, von der intact gebliebenen 'Haut bedeckt, sich wie 
skeletirt anfühlte. Nunmehr wurden die weiteren Einrenkungs- 
versuche aufgegeben, und die an sich gleichgiltige und unbe- 
deutende Verletzung hätte gar nichts auf sich gehabt, wenn ich 
nicht die bei der vorhandenen Sachlage unglückliche Idee gefasst 
hätte, die erreichte Mobilisirung des Schenkelkopfes zu einer 
möglichsten Stellungsverbesserung desselben zu benützen, wenn 
schon die Einrenkung selbst unmöglich war. Thatsächlich liess 
sich der Schenkelkopf jetzt ganz gut in der Gegend unterhalb 
der Spina anterior superior einstellen, und ich hoffte, denselben 
durch stärkere Ueb erstreckung des Beines hier festhalten und 
eine Functionsverbesserung erreichen zu können. Der Schenkel 
wurde in etwa 45 Grad Abduction und deutlicher Ueberstreckung 
mittelst eines bis zum Kniegelenke reichenden und dieses letztere 
frei lassenden Verbandes fixirt und das Mädchen in seinem 
Bette derart gelagert, dass der über den Bettrand herabhängende, 
rechtwinkelig gebeugte Unterschenkel durch eine entsprechende 
Unterlage unter dem Fusse unterstützt blieb. Die Circulation war 
gut aber der Fuss konnte activ nicht bewegt werden. Die Patientin 
war munter und klagte über geringe Schmerzen. Am Nachmittage 
wurde der Unterschenkel etwas cyanotisch und deshalb mit einer 
Flanellbinde eingewickelt. Am nächsten Morgen hatte die Gyanose 
zugenommen, so dass die Assistenten den Verband spalteten und 
mich herbeiriefen. Die Nachricht traf mich verspätet, und ich sah 
die Patientin erst am Nachmittage. Meine Intervention kam am 
Nachmittage ebenso zu spät, wie sie des Morgens zu spät gekommen 
wäre. Sie hätte während der Nacht vielleicht noch Erfolg gehabt, 



— 247 — 

als niemand das drohende Unheil ahnte. Ich fand die Extremität bis 
zum halben Oberschenkel ohne Girculation. Der Gedanke an eine 
Gefässzerreissung wäre der naheliegendste gewesen, musste aber 
von vorneherein ausgeschlossen werden, denn es war weder 
während der Operation ein Extravasat zu bemerken gewesen, 
noch konnte augenblicklich ein solches constatirt werden. Der 
Femoralispuls war am horizontalen Schambeinaste fühlbar. Ich 
konnte nur eine Erklärungsursache finden und diese dürfte wohl 
auch zutreffen. Durch den Abriss der Weichtheile von der 
Spina anterior superior war der Schenkel offenbar sehr stark 
überstreckbar geworden. Durch den Verband selbst war eine 
Ueberstreckungshaltung des Gelenkes fixirt worden, welche nach 
allen bisherigen Erfahrungen die Circulation gar niemals beein- 
trächtigt hatte, selbst wenn der Schenkelkopf richtig in der 
Pfanne, also in unmittelbarer und jedenfalls grösserer Nähe an 
den Gefässen lagerte, als es hier der Fall sein konnte. Hätte der 
Verband bis zu den Knöcheln gereicht, so wäre die Gefahr be- 
schworen gewesen. Da derselbe aber, wie in allen bisherigen und 
auch späteren Fällen am Knie endigte, so dürfte während der 
Rückenlage der Patientin die in dem Verbände ungenügend 
fixirte Ueberstreckung durch das Gewicht des über den Bettrand 
hängenden Unterschenkels vermehrt worden sein, da die von 
der Spina abgerissenen Weichtheile keine Hemmung boten. Auf 
diese Weise wurden die Gefässe durch den von unten her an- 
drängenden Schenkelkopf gegen die harte vordere Wand des 
Verbandes angedrückt und comprimirt; es kam zur allmählichen 
Verlangsamung und schliesslich zum Stillstande der Girculation 
durch Thrombosirung der Arterie. Die dagegen ergriffenen Maass- 
nahmen, Spaltung des Verbandes, Correctur der Stellung, kamen 
leider zu spät. Das unglückliche Kind fieberte einige Tage sehr 
stark und befand sich dann relativ wohl. Die Zehen fingen schon 
am zweiten Tage an zu mumificiren. Ich will in das weitere 
Detail des Falles, welchem ich die schmerzlichste Erinnerung 
bewahre, nicht weiter eingehen, da sein Interesse für den Gegen- 
stand mit dem Eintritte der fürchterlichen Katastrophe eigentlich 
erschöpft ist. Die Patientin wurde durch einen das ganze Bein 
fixirenden Verband transportfähig gemacht und nach Hause über- 
führt, wo sie der Enucleation des Oberschenkels unterzogen Avurde 
und nach schwerem Leiden genas. 



— 248 — 

Eine Combination verhängnisvoller Zufälle hatte zusammen- 
gewirkt, den Ausgang der Behandlung so tragisch zu gestalten. 
An die Möglichkeit einer nachträglichen Steigerung der Ueber- 
streckung in Folge der Abreissung der an der Spina superior 
inserirenden Weichtheile war nicht gedacht worden. Hierin lag 
eine Gefahr, die erst nachträglich und viel zu spät als solche 
erkannt wurde. Wie leicht wäre ihr sonst zu begegnen gewesen! 
In erster Linie wurde diese anfangs verkannte Gefahr durch das 
Forciren des Einrenkungsversuches heraufbeschworen. Der „Fluch 
der bösen That" war die subperiostale Abreissung der Spina- 
weichtheile, welche ihrerseits eine Steigerung der Ueberstreckung 
ermöglichte. Der Mangel einer zuverlässigen Fixirung eines un- 
schädlichen Ueberstreckungsgrades machte das Unheil voll. 

Die Nutzanwendung aus dieser schrecklichen Erfahrung 
ergibt sich von selbst. Man respectire die Altersgrenzen und 
forcire vor allem niemals! Eventuell wiederhole man den Ver- 
such lieber ein zweitesmal. 

Gelingt derselbe unter Anwendung massiger Gewalt nicht, 
dann verzichte man lieber ganz auf die unblutige Behandlung 
und greife zur Arthrotomie. 

Ein Unglück kommt selten allein. Die bekannte Duplicität 
der Fälle ereignet sich leider mit Vorliebe auch in der Unglücks- 
statistik. So hatte ich in einer und derselben Woche drei Chloroform- 
unglücke zu beklagen. 

Ein 8 jähriges Kind mit einseitiger Luxation verstarb syn- 
koptisch in der Chloroformnarkose, als nach gut gelungener und 
prognostisch günstiger Reposition eben der Fixationsverband 
angelegt wurde. Die Nekroskopie ergab Status thymicus. Dieser 
bedauerliche Unglücksfall hat als solcher mit der Reposition 
nichts zu thun und ist lediglich in die Statistik der Narkose- 
todesfälle zu rangiren. Im Anschlüsse hieran hatte ich an zwei 
aufeinander folgenden Tagen je einen zweiten und dritten 
Narkosetodesfall zu beklagen. 

Es handelte sich um ein 6j ähriges und um ein 3V 2 jähriges 
Mädchen mit doppelseitiger Verrenkung. Die Reposition und 
Retention beider Gelenke wurde ohne besondere Schwierigkeiten 
und ohne jede Forcirung der Extension einzeitig in etwa 3 / 4 stündiger 
Narkose vollzogen. Die Kinder befanden sich nach dem Erwachen 
aus der Narkose ziemlich wohl, waren vollständig bei Bewusst- 



— 249 — 

sein und klagten nicht über Schmerzen. Im Verlaufe der nächsten 
Stunden trat allgemeine Unruhe mit allmählich sich steigernder 
Pulsfrequenz ein und beide Kinder gingen trotz sofortiger Ab- 
nahme der Verbände 24, beziehungsweise 16 Stunden nach der 
Reposition unter chockähnlichen Erscheinungen zugrunde. 

Einen ganz ähnlichen Fall hat Hoffa gemeldet. Wahr- 
scheinlich handelt es sich hier nicht allein um protrahirte Chloro- 
formwirkung, sondern auch um eine durch das Repositionstrauma 
bedingte Chockwirkung. 

Meine beiden Fälle betrafen schwächliche, schlecht ge- 
nährte und nervöse Kinder, welche aus den Balkanländern 
stammten. Die Vulnerabilität der Orientalen ist den Wiener 
Chirurgen nicht unbekannt und mag auch in diesen beiden 
tragischen Fällen eine Rolle spielen. 

Eine Nutzanwendung lässt sich aus den geschilderten 
Unglücksfällen leider nicht ziehen. So harmlos die Chloroform- 
narkose im kindlichen Alter im Allgemeinen auch sein mag, so 
ist man vor der Gefahr unter Umständen doch nicht absolut sicher. 

Die Cumulirung der Unglücksfälle in meiner Praxis kann 
nur auf Rechnung eines tückischen Zufalles gesetzt werden. Ich 
brauche nicht zu erwähnen, dass das Chloroform (Pictet) chemisch 
untersucht und vollständig rein befunden wurde. Uebrigens waren 
zahlreiche Narkosen mit demselben Chloroform nicht nur vor, 
sondern auch während der kritischen Tage, sowie auch später 
an Individuen verschiedenen Alters ohne jeden Zwischenfall in 
der Anstalt durchgeführt worden. 

Mit der Generalbeichte bin ich Gott sei Dank zu Ende und 
wende mich nun verhältnismässig harmlosem Missgeschicke zu. 

Zweifellos liegt ein grosser Trost in der Thatsache, dass 
alle weiteren üblen Zufälle fast nur bei solchen Patienten zur 
Beobachtung kamen, welche die Altersgrenze der unblutigen Ein- 
renkung schon mehr weniger überschritten hatten. Da wohl mit 
Sicherheit anzunehmen ist, dass in Zukunft die Repositions- 
behandlung der angeborenen Hüftgelenksverrenkung rechtzeitig 
eingeleitet werden wird, so dürften derartige Zufälle in einer 
späteren Statistik nicht mehr figuriren. Anfänglich waren sie 
nicht zu vermeiden, da die Grenzen der Anwendbarkeit der 
Methode schliesslich nur durch Unfallserfahrungen festgestellt 
werden konnten. 



— 250 — 

Die zu besprechenden üblen Zufälle beziehen sich zunächst 
auf Fracturen, vor allem des Schenkelhalses, da dieser als Hypo- 
mochlion des Femurhebels der Gewalteinwirkung in erster Linie 
ausgesetzt ist. Unter 450 Einrenkungen ist die Fractur des 
Schenkelhalses viermal bei einseitiger Luxation vorgekommen. 
Die betreffenden Patienten zählten zur Zeit der Einrenkung 
9, 9, 11 und 16 Jahre, standen also knapp an der Altersgrenze, 
oder hatten dieselbe wesentlich überschritten. Bei einem neun- 
jährigen Mädchen konnte der abgebrochene Schenkelkopf mittelst 
des peripheren Fragmentes noch reponirt werden. Bei einem 
11jährigen Kinde handelte es sich um eine leichte Infraction, 
welche bei einem orientirenden und wegen der evidenten Schwierig- 
keiten sofort aufgegebenen Einrenkungsversuch zu Stande ge- 
kommen war. Die Infraction wurde erst gelegentlich der später 
vorgenommenen Arthrotomie entdeckt. Bei dem 16jährigen Mädchen 
erfolgte die Fractur schon bei verhältnismässig geringer Bean- 
spruchung der Knochenfestigkeit. 

Bei den Einrenkungsversuchen doppelseitiger Luxationen 
ereignete sich die Schenkelhalsfractur siebenmal. Die jüngste 
Patientin zählte 8 Jahre. Dieselbe wurde nach Ausheilung der 
Fractur der operativen Reposition unterzogen ; bei einem 10jährigen 
Kinde gelang nach Heilung der Fractur die unblutige Einrenkung 
bei einem zweiten Versuche ohne Unfall. Bei einem 11jährigen 
Knaben und bei einem 13jährigen Mädchen ereignete sich bei 
einem zweizeitig vorgenommenen Einrenkungsversuche jedesmal 
eine Schenkelhalsfractur; bei einem 12jährigen Kinde an der 
linken Seite. 

In den letztgenannten 5 Fällen wurde der Stumpf des 
Schenkelhalses möglichst weit nach vorn getrieben und gegen 
die Spina anterior superior angestemmt. Diese Stellungsverbesse- 
rung gelang nach stattgehabter Fractur leichter als vorher. 

Es sind demnach in Summa 11 Schenkelhalsfracturen zu 
verzeichnen, welche sich sämmtlich bei Fällen jenseits der Alters- 
grenze ereigneten. Wird diese letztere in Zukunft respectirt, so 
dürfte die Schenkelhalsfractur aus der Rubrik der Unfälle 
ziemlich sicher verschwinden. 

Neben dem Schenkelhals wird bei schwierigen Einrenkungen 
auch der Beckenring auf seine Festigkeit ziemlich stark in An- 
spruch genommen. In dem Falle eines 12jährigen Mädchens mit 



— 251 — 

einseitiger Luxation glaubte ich dem Ziele der Reposition so 
nahe zu sein, dass ich jeden Augenblick das Auftauchen des 
Schenkelkopfes in der Leiste erwartete. Das Bein stand in recht- 
winkeliger Abduction und geringer Ueberstreckung. Plötzlich gab 
dasselbe unter leichtem Geräusche etwas nach und ich hatte 
anfänglich die Empfindung, als sei die Einrenkung geglückt. Bei 
näherer Untersuchung fand sich, dass dieses plötzliche Nach- 
geben des Oberschenkels durch eine Rissfractur des horizontalen 
Schambeinastes unmittelbar neben der Symphysis ossium pubis 
bedingt war. Bei einem gewissen Abductionsgrade stellte sich 
das mediale Ende des horizontalen Schambeinastes auf und hob 
die deckende Haut in die Höhe. Die weiteren Einrenkungsver- 
suche mussten natürlich aufgegeben werden. Der Schenkelkopf 
war durch die langwierigen Manöver so mobil geworden, dass 
er sich, wenn auch nicht in der Leistenbeuge, so doch in einer 
wesentlich günstigeren, vorderen Position einstellen liess, so dass 
die Patientin nach völlig glatter Heilung der Fractur von dem 
missglückten Einrenkungsversuche immerhin noch wesentlichen 
Vortheil hatte, da die hochgradige Verkürzung um ein Beträcht- 
liches vermindert und die Ausdauer im Gehen sehr gebessert 
wurde. 

Einmal ist eine lineare Fractur der Darmbeinschaufel vor- 
gekommen, welche vom freien Rande der Crista etwas hinter 
der Spina anterior superior gegen die Linea innominata verlief. 
Der Fall betraf ein erst 6jähriges Kind mit doppelseitiger Ver- 
renkung. Die rechtsseitige Reposition war unter grösster Schwierig- 
keit gelungen, wogegen alle Versuche an der linken Seite 
scheiterten. Wegen auffallender Beweglichkeit der linken Darm- 
beinschaufel mussten die weiteren Versuche sistirt werden. Als 
Grund dieser Beweglichkeit wurde erst nachträglich die Fractur 
entdeckt. Die Heilung erfolgte ohne irgend welchen Zufall. Das 
Gelenk wurde später mittelst Arthrotomie ohne Schwierigkeit re- 
poniri Das Schlussresultat war ein vorzügliches. Die Ursache 
des Misslingens der unblutigen Einrenkung war auch in diesem 
Falle lediglich in der Unnachgiebigkeit des ausserordentlich ver- 
dickten Kapselschlauches gelegen. 

Die erste Fractur des Beckenringes betraf demnach eine 
Patientin jenseits der Altersgrenze, die zweite ein Kind, zwar 
noch diesseits, aber doch schon nahe der Altersgrenze. Nur 



— 252 — 

dieser letzte Fall verdient besondere Berücksichtigung, da der- 
selbe einerseits sehr drastisch zeigt, dass bei doppelseitiger Ver- 
renkung schon vom 6. Jahre ab die Repositionsschwierigkeiten 
unüberwindlich sein können, und andererseits zur grössten Vor- 
sicht mahnt, wenn die Widerstände sich nicht mit gemässigter 
Gewalt überwinden lassen. 

Ich möchte in einem solchen Falle, in welchem das Re- 
positionshindernis evident nicht in der ungenügenden Herab- 
holung des Schenkelkopfes gelegen ist, bei dem sich also der in 
richtiger Pfannenhöhe stehende Schenkelkopf einfach nicht nach 
vorne treiben lässt, die Wiederholung des unblutigen Einrenkungs- 
versuches widerrathen, sondern empfehle vielmehr direct die 
Zuhilfenahme der Arthrotomie. 

Dauernde üble Folgen wurden in keinem der erwähnten 
Fälle beobachtet. Es wurde lediglich eine Verzögerung der Be- 
handlung dadurch herbeigeführt. 

Eine zweite Serie von üblen Zufällen hat sich aus der 
Reaction der Nervenstämme gegen die Einrenkungsmanöver er- 
geben. Glücklicherweise kamen Zerrungslähmungen in Gestalt 
von Peroneusparalysen nur dreimal zur Beobachtung. 

Die in dieser Beziehung weit ungünstigeren Erfahrungen 
bei der blutigen Reposition hatten nicht umsonst gelehrt, 
dass die Ausgleichung grosser Verkürzungen nur ganz allmählich 
geschehen dürfe. Auch die drei Peroneusparalysen hätten sich 
bei grösserer Geduld vermeiden lassen. Frühere Erfahrungen 
haben gezeigt, dass den Zerrungslähmungen eine günstige 
Prognose zukommt und dass dieselben auch ohne irgend 
welches therapeutisches Zuthun allmählich von selbst zurück- 
gehen. 

Es ist höchst auffallend und bis zur Stunde unaufgeklärt, 
weshalb immer nur der Ischiadicus und nicht auch der Nervus 
femoralis von den Folgen der Zerrung bei zu raschem Ausgleich 
der Verkürzung betroffen wurde, da evidenterweise beide Nerven- 
stämme gleich starken Dehnungen ausgesetzt waren. 

Ebenso merkwürdig bleibt die Thatsache, dass bei Zerrungs- 
affectionen des Ischiadicus immer in erster Linie der Nervus 
peroneus betroffen wird. Es liegt zur Erklärung dieses Um- 
standes die Vermuthung nahe, dass eine stärkere bindegewebige 
Fixirung des genannten Nerven am Capitulum fibulae bei seinem 



— 253 — 

Eintritte in die Insertionsköpfe der Mm. peronei denselben einem 
Zerrungsinsult in besonderem Maasse aussetzt. 

Der Glaube an die Immunität des Nervus femoralis gegen- 
über dem Einrenkungstrauma wurde übrigens durch die Er- 
fahrungen mit der unblutigen Reposition leider bedenklich er- 
schüttert. 

Merkwürdigerweise wurde ich erst in der Mitte des dritten 
Hundert meiner Einrenkungsfälle auf die Thatsache aufmerksam, 
dass die unblutige Reposition unter gewissen Umständen un- 
mittelbar von einer Quadricepslähmung gefolgt sein kann. 

Es ist nicht zu verwundern, dass die active Streckung des 
Kniegelenkes unmittelbar nach der Einrenkung häufig unmöglich 
ist, wenn man bedenkt, dass der Oberschenkel in einer Abduc- 
tionsstellung fixirt ist, welche um 90 Grad schwankt. Man könnte 
sich vorstellen, dass in dieser Stellung allein schon ein Hinder- 
nis für die Muskelaction gegeben sei. Dazu kommt noch, dass 
die Kniegelenksbeuger in Folge der Reposition in um so grössere 
Spannung versetzt werden, je hochgradiger die Verkürzung war 
und deshalb zunächst nicht nur eine active, sondern sogar eine 
passive Streckung des Kniegelenkes verhindern. Ferner ist so- 
wohl die active als passive Streckung des Kniegelenkes un- 
mittelbar nach der Reposition schmerzhaft und die Kinder 
sträuben sich instinctiv gegen die ihnen zugemutheten Bewegungs- 
versuche, auch wenn sie im Vollbesitze der Muskelkraft des 
Quadriceps geblieben sind. Immerhin müssen sie im Stande 
sein, wenigstens mit dem Nachlass des sehr häufig hauptsächlich 
im Kniegelenke empfundenen Schmerzes die active Streckung 
des Kniegelenkes wenigstens andeutungsweise so weit aus- 
zuführen, als die gespannten Beuger es zulassen. Bei einem 
12jährigen Mädchen mit einseitiger Luxation fiel mir auf. dass 
die active Kniegelenksstreckung auch nach vollständigem Auf- 
hören des Knieschmerzes unmöglich blieb. Die vorgenommene 
Stellungscorrectur änderte zunächst nichts an dem Functions- 
ausfalle. Ohne irgend welche Medication stellte sich jedoch er- 
freulicherweise die volle Muskelkraft des Quadriceps innerhalb 
kurzer Zeit wieder ein. Bei einem 15jährigen Mädchen mit ein- 
seitiger Luxation wurde eine merkliche Abschwächung der 
Function des Quadriceps constatirt, welche sich ebenfalls spontan 
zurückbildete. Ein weiterer ganz ähnlicher Fall betraf ein 



— 254 — 

3 ^jähriges Kind mit doppelseitiger Luxation, bei welchem nach 
ganz aussergewöhnlich schwieriger Reposition des linken Hüft- 
gelenkes Quadricepsparese entstand. Dieselbe bildete sich noch 
während der ersten Fixationsperiode spontan zurück. Bei einem 
7jährigen und bei einem 9jährigen Kinde mit doppelseitiger Ver- 
renkung wurde nach schwieriger Reposition beiderseitige com- 
plete Paralyse des Quadriceps entdeckt. In diesem Falle nahm 
die Rückbildung der Lähmung mehrere Monate in Anspruch, 
aber es erfolgte schliesslich restitutio ad integrum, und zwar 
ohne jede Medication. Ohne die absolut günstige Prognose 
würde die Quadricepslähmung selbstverständlich nicht nur eine 
bedenklich schwere Folge der Reposition darstellen, sondern es 
müsste die Möglichkeit ihrer Entstehung geradezu als eine Con- 
traindication der Operation gelten. 

Betreffs der Ursache der Lähmung kann man folgenden 
Erwägungen Raum geben: Man könnte vor allem die Fixation 
des Hüftgelenkes in Ueberstreckung als ursächliches Moment be- 
schuldigen, denn durch die Ueberstreckung wird der Nervus 
femoralis einem Zuge und durch den in der Leiste prominenten 
Schenkelkopf unter diesen Umständen vielleicht sogar einem 
directen Drucke ausgesetzt. Thatsächlich war in einigen mit 
Lähmung des Quadriceps complicirten Repositionsfällen das 
Hüftgelenk in leichter Ueberstreckung fixirt worden. Aber in 
einem der doppelseitigen Fälle war die primäre Fixationsstellung 
keineswegs durch Ueberstreckung, sondern im Gegentheile durch 
leichte Beugung charakterisirt und doch war die Lähmung ein- 
getreten. Wenn die Fixation einer geringen Ueberstreckung, die 
als wichtiges Retentionsmittel in der Mehrzahl aller Repositions- 
fälle zur Anwendung gekommen war, die Ursache der Quadri- 
cepslähmung gewesen sein sollte, so wäre es doch im höchsten 
Grade auffallend, dass die voll entwickelte Lähmung unter 
einigen hundert Fällen glücklicherweise nur fünfmal zur Be- 
obachtung gelangte. 

Aus demselben Grunde kann man nicht annehmen, dass 
die Fixation einer um 90 Grad schwankenden Abductions- 
stellung des Oberschenkels das ursächliche Moment der Quadri- 
cepslähmung abgebe, denn gerade in jenen Fällen, bei denen 
der Oberschenkel in negativer Abduction fixirt wurde, ist die 
Lähmung nicht eingetreten. 



- 255 — 

Wenn man die mit Quadricepslähmung complicirten Repo- 
sitionsfälle überblickt, so fällt auf, dass dieselben mit einer ein- 
zigen Ausnahme schon jenseits der günstigen Altersgrenze ge- 
legen sind und dass dementsprechend die Reposition in allen 
diesen Fällen sehr schwierig war: auch in dem Falle des 
3 Vsj ährigen Kindes mit doppelseitger Verrenkung hatte die Ein- 
renkung ganz aussergewöhnliche Schwierigkeiten zu überwinden 
gehabt. 

Es ist demnach die Annahme gerechtfertigt, dass die Qua- 
dricepslähmung eben durch die langwierigen Einrenkungsmanöver, 
respective durch die vielfach unvermeidlichen, extremen, wenn 
auch passageren Beinstellungen herbeigeführt wird. 

Die Läsion der Nerven, sei es durch Druck, sei es durch 
Zerrung, wird also nicht durch die Fixation einer wenn auch 
extremen, so doch erfahrungsgemäss für den Femoralis unschäd- 
lichen Primärstellung herbeigeführt. Thatsächlich sind die in 
schwierigen Fällen zur Reposition nothwendigen Ueberstreckungs- 
und Abductionsstellungen des Schenkels weit hochgradiger, als 
die fixirte Primärstellung selbst bei grosser Labilität der Repo- 
sition jemals zu sein braucht. 

Als die kritischen Manöver müssen nun allerdings die Ueber- 
streckung und Abduction bezeichnet werden, denn bei ersterer 
kann der Femoralis vor allem einer Zerrung, bei letzterer auch 
einem Drucke gegen die Vorderkante des Darmbeines ausgesetzt 
sein. 

Es muss betont werden, dass die von mir beobachteten 
Quadricepslähmungen von ganz anderem, entschieden gutartigerem 
Charakter sind als die Zerrungslähmungen des Ischiadicus. welche 
durch einen zu raschen Ausgleich hochgradiger Verkürzungen 
zuweilen herbeigeführt werden. In manchen dieser letzteren Fälle 
war der centrale Ursprung der Lähmung nicht unwahrscheinlich. 
Fast niemals fehlte der unliebsame Anschluss heftiger Zehen- 
neuralgien und die Rückbildung der Lähmung erfolgte immer 
sehr langsam. Die wenigen Fälle von Quadricepsparalysen, welche 
beobachtet wurden, waren niemals mit Neuralgie complicirt, ihre 
Rückbildung zur vollständigen Restitutio ad integrum vollzog 
sich stets innerhalb einiger Monate ohne jedwede Behandlung 
und die Sensibilität hat niemals eine Störung erlitten. Die 
Lähmung war ausgesprochen peripherer Natur und erinnert sehr 



— 256 — 

an die Narkoselähmungen des Deltoideus bei extremer Ein- 
stellung des Schultergelenkes. 

Die Nutzanwendung aus diesen neurologischen Unfällen ist 
genau dieselbe, welche aus der Fracturenstatistik bereits gezogen 
wurde. 

Sollte dem Nervus femoralis trotz aller Vorsicht einmal 
zu viel zugemuthet worden sein, so ist das Unglück nicht 
gross, denn man darf mit Sicherheit auf rasche und spontane 
vollständige Heilung rechnen. 

Zu den entfernteren Gefahren der unblutigen Reposition ist 
die spätere Entstehung von eigenthümlichen Gruralhernien zu 
rechnen, auf welche Narath zuerst hingewiesen hat. Dieselben 
beginnen nach Narath dicht unterhalb des Ligamentum Pou- 
partii und parallel mit diesem als eine leichte Vorwölbung von 
länglicher Gestalt. Die Vorwölbung ist beim Liegen, Gehen oder 
Stehen nicht zu sehen und erscheint erst, wenn Patient presst 
oder hustet; ihr Umriss gleicht einem Kreissegmente, dessen 
Sehne dem Ligamentum Poupartii entspricht und dessen Bogen 
nach abwärts gerichtet ist. Die Sehne dieses Bogens ist zum 
Unterschied von anderen Cruralhernien immer ziemlich breit. 

Während die gewöhnliche Schenkelhernie die Lacuna va- 
sorum zwischen Ligamentum Gimbernati und der Vena femoralis 
als Passage benützt, um an den Oberschenkel zu gelangen, fun- 
girt bei der in Rede stehenden „praevasculären" Hernie der 
ganze Spalt zwischen den Gefässen und dem Ligamentum Pou- 
partii, von der Vereinigungsstelle der Fascia iliaca mit dem 
Leistenbande angefangen bis zum Ligamentum Gimbernati als 
breite Bruchpforte. 

Als Grund dieser nachträglichen Hernienbildung betrachtet 
Narath die Schwächung des Fascienverschlusses und die Er- 
weiterung der Lacuna vasorum durch die Repositionsmanöver, 
vor allem durch Abduction und Extension. 

Die von Vrolik schon vor 60 Jahren aus der grösseren 
Weite der Lacuna vasorum abgeleitete Prädisposition der Luxa- 
tionspatienten zu Cruralhernien, welche immer nur citirt, meines 
Wissens aber durch die Erfahrung bisher nicht bestätigt wurde, 
scheint nach den Beobachtungen Narath's thatsächlich dann 
zu bestehen, wenn die unblutige Reposition besonders bei älteren 
Kindern mit grösseren Schwierigkeiten verbunden war. Die von 



- 257 — 

Narath beschriebenen Fälle hatten mit einer Ausnahme (7jähriges 
Mädchen mit einseitiger Verrenkung) die Altersgrenze im Grunde 
genommen schon überschritten (lljähriger Knabe mit einseitiger, 
zwei 8jährige Mädchen mit doppelseitiger Verrenkung) und die 
Einrenkung scheint in allen Fällen schwierig gewesen zu sein. 

Bisher habe ich eine der Narath'schen Beschreibung voll- 
ständig entsprechende Hernie nur einmal bei einem 10jährigen 
Mädchen mit doppelseitiger Verrenkung an der einen, unter den 
grössten Schwierigkeiten unblutig reponirten Seite gesehen; an 
der anderen Hüfte misslang die unblutige Reposition und es 
musste zur operativen Einrenkung geschritten werden, welche 
zwar keine Hernie, wohl aber eine Ankylose zur Folge hatte. 
Die ganz flache, überhaupt nur beim Pressen sichtbare diffuse 
Vorwölbung über der Lacuna vasorum wurde erst drei Jahre nach 
der unblutigen Reposition von mir entdeckt und hatte nicht die 
geringsten Beschwerden verursacht. In einem weiteren Falle von 
doppelseitiger Luxation bei einem 5jährigen Kinde beobachtete 
ich nach der sehr schwierigen Reposition beiderseits eine ganz 
flache Prominenz über der Lacuna vasorum, die sich vielleicht 
zu einer Hernie ausbilden wird. 

Ich bin weit entfernt, die Wichtigkeit des Narath'schen 
Fundes zu unterschätzen; aber ich kann auf Grundlage meiner 
eigenen Erfahrungen weder Narath's Befürchtungen bezüglich 
der Häufigkeit der Hernienbildung theilen, noch könnte ich 
hierin überhaupt eine absolute Contraindication gegen die un- 
blutige Einrenkung erblicken. Wenn durch gewaltsame und 
schwierige Einrenkungsmanöver thatsächlich ein punctum minoris 
resistentiae an der Lacuna vasorum und hiermit eine Prädisposition 
zur Hernienbildung geschaffen wird, so liegt hierin nur eine 
Verschärfung meiner des öfteren wiederholten Warnung, die 
Altersgrenzen zu respectiren und auch innerhalb derselben nicht 
zu forciren. 

XX. Bisherige Verbreitung der unblutigen Reposition und 
fremde Urtheiie über dieselbe. 

Während meine Methode der unblutigen Reposition in der 
alten Welt anfangs mehr Gegner als Freunde fand, haben die 
Amerikaner ihren praktischen Sinn in der sofortigen Erkenntnis 

Lorenz, Hüftverrenkung'. J*J 



— 258 — 

und vorurtheilslosen Entgegennahme des errungenen Fortschrittes 
neuerdings bethätigt. 

G. R. Elliot hat meines Wissens die Methode zuerst in 
Amerika geübt und die ideale Heilung eines 5jährigen Kindes 
nach kurz dauernder Behandlung mitgetheilt (medical Record 
Vol. 51, Nr. 20, 22. Mai 1897). Mit vollem Verständnisse werden 
die einzelnen Acte der Operation besprochen. Beispielsweise be- 
merkt Elliot zur Flexion: „The acetabular space (The dormant- 
lying acetabulum pocket) must be opened as much as possible. 
This is largely accomplished by flexing the leg on the thigh 
and the latter at right angles, which relaxes the anterior cap- 
sular wall." 

Auch die Stabilitätsproben werden voll gewürdigt, wie aus 
Folgendem hervorgeht: „Having accomplished then a real and 
true reposition, owing to a great disproportion between the rudi- 
mentary acetabulum and the head of the femur, the reposition 
is not stable,-a redislocation readily occurs. This takes 
place, when you lessen the extreme abduction and the 
head goes back into its dislocated position. It can be 
reposed and dislocated at will. This I have had occasion 
to observe over and over again." 

In dieser Beschreibung allein liegt der sicherste Beweis, dass 
Elliot wirkliche Repositionen erreicht hat. 

MitBeziehung auf die Einrenkungsphänomene bemerktElliot 
zu meiner enthusiastischen Schilderung derselben, welche er in 
die englische Sprache übersetzt: „In piain Anglo-Saxon the suc- 
cessful reposition produces at this point a distinct noise 
that may be heard some little distance from the patient, 
but is chiefly appreciated by the Operator." 

Sein Urtheil über den Werth der Operation fasst Elliot in 
folgende Worte: „Finally, the Operation we have just considered 
is a real addition to surgery, and, throwing all enthu- 
siasm aside, I feel confident, that it will soon be per- 
formed with strikingly goodresults in all civilised parts 
of the world." 

A. C. Wiener in Chicago hält die Methode bei Kindern 
bis zum Alter von sechs Jahren für das ausschliesslich zu 
übende Verfahren, mit welchem er ausgezeichnete Resultate er- 
zielt hat. 



— 259 — 

Auch Royal Whitman hat die Methode erfolgreich zur 
Anwendung gebracht und sich anerkennend über dieselbe ge- 
äussert (preliminary observations on the treatment of congenital 
dislocations of the hip by the Lorenz method of forcible correction 
with the report of a successfull case" [Pediatrics, Vol. V, 1898]). 

Zu dem vollständigen Erfolge der Methode bemerkt Royal 
Whitman gelegentlich der Vorstellung eines geheilten Falles: 
„This case is presented because the Operation is a new one, thus 
a positive and authentic eure may be encouraging to 
other workers in this field." 

Zu den Einrenkungsphänomenen bemerkt Royal Whitman: 
„If this is successfully aecomplished, on hears and feels a 
distinet sound and shock and the leg remains fixed in 
an attitude of flexion and abduetion; from this semi-repla- 
cement the bone is at once displaced, when the leg is addueted 
or extended." 

Bezüglich der Prognose des Erfolges äussert sich Royal 
Whitman sehr klar: „At the time of Operation on is able to 
make a fair prediction as to its outcome from the character of 
the reposition and its stability." 

Auch Misserfolge und vordere Reluxationen nach oben sind 
Royal Whitman nicht erspart geblieben und scheinen sein 
anfänglich sehr günstiges Urtheil schliesslich etwas modificirt zu 
haben, da nur 20 Procent Heilungen mit der unblutigen Methode 
erzielt werden konnten. Whitman schreibt: „For this reason 
I am inclined to look upon it as a preliminary or preparatory 
treatment in which the prospect of success is dubious 
except in children at a very early age." 

Immerhin konnte Whitman an einem 5jährigen Mädchen 
mit einseitiger Luxation noch einen vollen Erfolg mit der un- 
blutigen Methode erzielen. (The leg was l 3 / 4 inches shorter than 
its fellow, and the child could hardly walk a block without 
fatigue and discomfort. She is now as strong as other children 
and shows no trace of deformity other than a slight atrophy 
of the hip muscles and a slight reminiscence of the former spinal 
deviation.) 

Dessenungeachtet ist Royal Whitman im Grunde ein An- 
hänger der blutigen Methode geblieben, da die Chancen der 
unblutigen Reposition bei jungen Kindern zwar ausgezeichnete 

17* 



— 260 — 

seien, mit zunehmendem Alter jedoch rasch abnehmen, 
so dass die Methode bei den älteren Patienten gewöhnlich nur 
eine Vorbereitung für die blutige Operation sei. 

Für den Augenblick genügt es mir, die erfreuliche That- 
sache zu constatiren, dass Royal Whitman mit meiner Methode 
schlagende Erfolge „überhaupt" erzielt hat. Dass die unblutige 
Methode ihre Grenzen hat, ist ebenso gewiss, als dass Royal 
Whitman diese Grenzen zur Zeit als zu enge betrachtet. 

Die blutige Methode wird selbstverständlich kaum jemals 
ganz zu entbehren sein und naturgemäss auch bessere Resultate 
in anatomischer Hinsicht aufweisen als die unblutige Einren- 
kung; aber die functionellen Resultate dieser letzteren werden 
jenen der blutigen Reposition doch überlegen bleiben. 

In der 12. Jahresversammlung der ., American Orthopedic 
Association" (1898) hat Ri dl on und Royal Whitman von weiteren 
günstigen Erfahrungen berichtet. Auch Rradford räumte der 
Methode, wenn auch mit dem Hinweise auf die vorläufige Un- 
sicherheit der Resultate in anatomischer Beziehung, den ihr ge- 
bührenden Platz in der Therapie ein. 

Auch in der 13. Jahresversammlung derselben Gesellschaft 
in New-York (Mai 1899) kam die Methode zur Erörterung. Royal 
Whitman stellte eine Anzahl von Patienten vor, welche nach 
der unblutigen Einrenkungsmethode behandelt worden waren. 
Ebenso berichtete Halsted Meyers über hierher gehörige Fälle. 
Leider liegt mir zur Stunde noch kein detaillirter Bericht über 
diese Mittheilungen und die sich daran knüpfende Discussion 
vor, an welcher sich Ridlon, Wirt, G. G. Davis, Mckenzie, 
Weigel, H. A. Wilson, G. R. Elliot, Sherman und Whit- 
man betheiligten. 

In Italien wird die Methode, so viel ich weiss, von Carle, 
Motta, Oliva, Ghillini, Panzeri, Murri, Codivila, Romano, 
Bastianelli und wohl noch von manchen Anderen geübt; ihre 
Ausbreitung fand naturgemäss in der palliativen Methode Paci 's 
einen hartnäckigen Gegner. 

Manche Anzeichen lassen erwarten, dass die radicale Methode 
den Vorrang erhalten wird. 

So berichtet C. Ghillini (Arch. f. klin. Ghir. 56, 2) dass 
er drei Fälle nach Paci ohne Erfolg behandelt habe, während 
er in 14 Fällen nach Lorenz stets befriedigenden Erfolg erzielte. 



— 261 — 

Ghillini glaubt, dass man sich bei der heutigen Behandlung 
stets nur mit befriedigenden Resultaten werde begnügen müssen, 
aber niemals perfecte Heilungen erzielen könne, weil das Hinken 
bei der Luxation nicht nur von einer Verschiebung des Schenkel- 
kopfes nach oben abhänge, sondern auch von Ursachen, welche 
durchaus unabhängig vom Hüftgelenke sind. Ghillini sucht diese 
Ursachen vor allem in der mangelhaften Function der die Wirbel- 
säule stützenden Musculatur. 

Auch nach meiner Meinung ist der letzte Grund des Hinkens 
in der mangelhaften Muskelfunction zu suchen und die Be- 
seitigung desselben bleibt von dem Grade der erreich- 
baren Restitution der Muskelkraft abhängig. Aber noch 
viel wichtiger als die Wirbelsäulenmusculatur ist in dieser Be- 
ziehung offenbar die Hüftgelenksmusculatur, vor allem die 
pelvitrochanteren Muskeln, von deren Erstarkung schliesslich der 
Grad des cosmetisch-functionellen Erfolges abhängig bleibt. 

Ein ähnlich günstiges Urtheil finde ich bei Motta (Arch. 
di ortop. XV, 4) welcher 13 Fälle mit der unblutigen Einrenkung 
nach Lorenz behandelte und sich in folgender Weise äusserte: 
„e debbo dire, senza entrare per ora in dettagli d'averne ottenuto 
dei risuitati convincentisimi". 

Was mich bei Motta besonders erfreut, das ist seine Ein- 
wendung, welche er gegen die Methode vorbringt: „Altro e ridurre 
una disartria congenita col metodo di Lorenz: (il cui scopo 
assoluto e la riduzione!) altro e mantenere la riduzione etc." 
Aus dieser Einwendung ersehe ich mit Vergnügen, dass 
Motta der Methode das nothwendige Verständnis entgegenbringt, 
indem er Reposition und Retention als zwei vollkommen von- 
einander verschiedene Dinge betrachtet. Das „mantenere" ist 
aber von dem „ridurre'' nicht nur an sich verschieden, sondern 
auch ungleich schwieriger. Das „ridurre'' schafft die Basis der 
Behandlung, aber erst das gelungene „mantenere" sichert den 
radicalen Erfolg. 

Auch die französischen Aerzte, welche die Methode ver- 
suchten,, haben das Wesen derselben richtig erfasst und die 
Reposition strenge von der Retention geschieden. Dass man mit 
der Reposition allein nicht sofort und mit einemmale auch nur 
annähernd jene Verhältnisse schaffen könne, welche durch die 
Reposition einer traumatischen Verrenkung herbeigeführt werden, 



— 262 — 

sondern dass erst das gelungene Zurückhalten des Schenkelkopfes 
auf der rudimentären Pfanne ein entferntes Analogon jener Ver- 
hältnisse schaffen könne, galt beispielsweise Herrn Prof. Brun 
als etwas Selbstverständliches. In der Sitzung der Societe de 
Chirurgie vom 15. März 1899 in Paris theilte Herr Brun mit, 
dass er in den letzten Jahren wiederholt Versuche mit der un- 
blutigen Beposition gemacht habe. Anfangs misslangen dieselben. 
Als er aber Gelegenheit gehabt hatte, einer von mir auf seiner Ab- 
theilung in Paris ausgeführten unblutigen Beposition beizuwohnen 
(ich bin Herrn Brun für diese Gelegenheit, die Kenntnis meiner 
Methode zu verbreiten, ausserordentlich dankbar) konnte er sich 
nach seiner eigenen Aussage über die Ursachen des Misslingens seiner 
ersten Versuche leicht Bechenschaft geben. Er sagt: „En me confor- 
mant ä la maniere de faire de M.Lorenz, en agissant avec vigeur, 
je dirais volontiers avec brutalite, j'ai obtenu un resultat 
parfait chez une fillette, qui m'avait ete adressee par mon 
collegue et ami Mr. Felicet. La perfection du resultat m'a 
ete affirmee non seulement par la disparition de toute 
claudication, mais encore par la radiographie, que je 
vous presente. Toutefois, chez plusieurs autres malades, chez 
lesquels j'avais nettement la Sensation de reduction vraie, j'avais 
ä la fin du traitement constate que je n'avais obtenu q'une 
transposition, d'ailleurs accompagnee d'une amelioration 
fonctionelle manifeste etc." 

Herr Brun war nicht im Zweifel darüber, dass es sich hier 
um eine secundäre Beluxation handle, welche durch eine Verbesse- 
rung der Methode in Zukunft nach Möglichkeit zu verhüten sei. 
An fünf Böntgenbildern, welche unmittelbar nach der Reposition 
aufgenommen worden waren, führte Herr Brun den Nachweis, 
dass der Schenkelkopf durch die Reposition auf seinen 
normalen Platz geführt war und genau dem Pfannen- 
boden, respective demY-Knorpel gegenüberstand; dass 
mithin die Möglichkeit erwiesen sei, bei jungen Indivi- 
duen die Reduction der congenitalen Hüftverrenkung 
zu erreichen, „d'une fa§on presque constante". 

Herr Brun trennt die Betention strenge von der Reduc- 
tion und fügt hinzu: „La reduction obtenu se maintiendra-t-elle? 
L'avenir nous l'apprendra, mais il me semble que les resultats 
jusqu'ä present constates ne peuvent que nous autoriser 



- 263 — 

ä perseverer, dans une voie, oü les travaux de Mr. Lorenz 
ont surtout contribue ä nous engager." 

Es ist mir eine angenehme Pflicht, Herrn Brun für dieses 
gerechte Urtheil zu danken. 

Herr Monod präsentirte in derselben Sitzung ein nach der 
Methode Lorenz unblutig operirtes Mädchen mit linksseitiger 
Hüftluxation : „Bien, que cette reduction date de deux ans. le 
resultat obtenu parait excellent, tant au point de vue de 
la forme que de la fonction du membre." 

Herr Ricard theilte mit, dass er das Verfahren nach Lorenz 
in drei Fällen angewendet habe. Zweimal habe er eine bemer- 
kenswerthe Besserung erreicht, ohne dass er behaupten wolle, 
eine thatsächliche Reduction erzielt zu haben. In einem dritten 
Falle konnte er die charakteristischen Einrenkungssymptome sehr 
deutlich constatiren, „de sorte, q'il j a lieu de croire. que le 
resultat sera dans ce cas definitivement parfait." 

Herr Broca bemerkte in der Discussion, dass er ein Actino- 
gramm von einer congenitalen Hüft Verrenkung besitze, „reduite 
par le procede de Lorenz depuis plusieurs annees, et sur 
laquelle on peut constater, que la tete femorale a conserve ses 
rapports normaux avec le cotyl". Herr Broca glaubt indessen, 
dass diese Fälle von vollkommener Reduction selten sind und 
dass man mit der Lorenz 'sehen Methode weitaus häufiger eine 
Transposition des Schenkelkopfes erreiche, welche nur eine rela- 
tive Heilung garantiren könne. 

Dieses Zugeständnis des Herrn Broca scheint mir von 
um so grösserer Bedeutung, als derselbe noch auf dem franzö- 
sischen Chirurgencongresse zu Bordeaux (August 1895) die Lei- 
stungsfähigkeit der mechanischen Therapie rundweg leugnete. 

Denuce stellte in der Sitzung der Societe de Medecine et 
de Chirurgie de Bordeaux vom 23. Juni 1899 einen nach der 
Lorenz 'sehen Methode geheilten Fall von doppelseitiger Ver- 
renkung vor. 

Einen besonders eifrigen Vertheidiger hat das unblutige 
Verfahren in Herrn D u er oqu et gefunden, welcher sich wesentliche 
Verdienste in der actinographischen Gontrole der erreichten Repo- 
sitionsresultate erworben hat und diese letzteren demnächst ver- 
öffentlichen wird. Nach mündlichen Versicherungen des genannten 
Collegen, welchen ich als meinen Gast zu begrüssen die Ehre 



— 264 — 

hatte, sind die von ihm erreichten Resultate in jeder Beziehung 
einwandfrei. 

Delcroix berichtet (la Presse medicale Beige Nr. 10, 1899) 
von einem 6jährigen Mädchen mit einseitiger Verrenkung, 
welche er nach präparatorischer maschineller Extension der un- 
blutigen Reposition mit nachfolgender functioneller Belastung 
des eingerenkten Schenkelkopfes unterworfen hatte. Das actino- 
graphisch controlirte Resultat wird folgendermassen beschrieben: 
„La boiterie si caracteristique de la luxation congenitale a dis- 
paru. Le membre est allonge de 2 centimetres. La seconde radio- 
graphie (v. planche II) fait voir la tete femorale logee dans la 
cavite cotylo'ide. 

Bei einem 4jährigen Kinde mit beiderseitiger Luxation 
misslang Delcroix die unblutige Reposition des rechten Gelenkes. 
Dasselbe wurde daher eröffnet, der Schenkelkopf in die (intact 
gelassene) Pfanne reponirt und das Bein in Abduction fixirt. Links 
gelang die unblutige Reposition. Die gewonnenen Actinogramme 
zeigen, dass die Schenkelköpfe thatsächlich dem Fugenkreuze 
gegenüber ihre normale Situation beibehalten haben. Herr 
Delcroix hat die Principien meiner Methode, welcher er diese 
schönen Resultate verdankt, auf das genaueste befolgt, ist aber 
dem Namen ihres Autors auf das sorgfältigste aus dem Wege 
gegangen und benennt die Methode, den reponirten Schenkel- 
kopf mit dem Körpergewichte zu belasten, nach Paci. 

Mit diesem offenbaren Irrthume des Herrn Delcroix ver- 
söhnt mich ein in seinen Conclusionen enthaltener selbstständiger 
Vorschlag, der sich vollständig mit dem meinigen deckt: „Es ist 
die Reposition des Schenkelkopfes auf die unverletzte Pfanne 
mittelst Arthrotomie im Falle der Unmöglichkeit der unblutigen 
Einrenkung." 

Herr Delanglade (Marseille) war mit seinen ersten Ver- 
suchen, nach meiner Methode zu arbeiten, nicht glücklicher als 
Herr Brun, dürfte aber mittlerweile die Anfangsschwierigkeiten 
überwunden haben. 

Jedenfalls hat er sich durch das Misslingen nicht entmuthigen 
lassen, da er sagt: „Toutes nos preferences sont pour la methode 
de Lorenz." 

Herr Prof. Bide (Glermont) macht in seinen Vorlesungen 
über die angeborene Hüftverrenkung (La luxation congenitale de 



— 265 — 

la hanche et son traitement. Gentre Medical 1899) mit Beziehung 
auf seine Erfahrungen über die unblutige Reposition folgende Be- 
merkung: 

„Vous entendrez, au moinent precis oü se fait la reduction, 
un bruit ou claquement tres net, moins violent mais analogue 
ä celui qui se manifeste quand on reduit une luxation traumatique. 
Vous percevrez egalement ä la main une secousse brusque comme 
si l'os se remettait en place. J'ai toujours note ce bruit et 
cette secousse dans les reductions que j'ai faites et je n'ai 
jamais manque - de vous le faire constater. II faut proceder avec 
douceur et patience ä l'execution de ces manoeuvres qui durent 
quelquefois longtemps; c'est souvent au moment oü l'on desespere 
de reussir que le claquement si impatiemment attendu se fait 
entendre." 

Bezüglich der Stabilitätsprobe heisst es weiter: „Une fois 
la reduction reussie, on diminue progressivement le degre d'ab- 
duction jusqu' ä ce que la tete se luxe de nouveau; on la 
reintroduit par les memes manoeuvres. On peut repeter cette ex- 
perience plusieurs fois de suite etl'onconstate qu' ä chaque reprise 
la reintroduction est plus facile et que le degre d'abduction ne- 
cessaire au maintien de la reduction diminue." 

Mit Beziehung auf die bisher erreichten Resultate sagt 
Bide sehr treffend: ,,Ce qui veut dire pour nous, que si 
la guerison au point de vue anatomique pur, n'est obtenue 
qu'un petit nombre de fois, la guerison au point de 
vue fonctionel Test le plus souvent. Que nous faut il de 
mieux, que faut il de plus au malade?" 

Phocas macht in einem chirurgischen Jahresberichte des 
Sanatoriums St. Pol-sur-Mer zu der unblutigen Methode folgende 
Bemerkung: -„Au point de vue du traitement, j'avoue que le 
traitement qu'il a ete institue par Lorenz me parait repondre 
ä toutes les indications. Je ne disconviens pas que de temps en 
temps on rencontre des insucces, mais j'ai vu chez Lorenz et 
par moi-meme des resultats suffisamment probants pour 
me declarer partisan resolu de ce traitement. Je n'ai pas 
vu d'autre part d'accident serieux imputable ä cette methode." 
Zur Beurtheilung der mit der Methode erreichbaren Resultate 
macht Phocas folgende Bemerkung: „C'est un remarque que 
je tenais ä faire pour montrer qu'il ne faut pas s'appuyer 



— 266 — 

exclusivement sur la radiographie pour condamner un traite- 
ment qui a donne d'excellents resultats et qui sera suivi de 
meilleurs au für et ä mesure qu'on y sera habitue et qu'on le 
pratiquera mieux et plutöt." 

Herr Redard erklärte sich (XIII. Congres francais de 
Chirurgie, October 1899) gleichfalls für einen „partisan absolu' 1 
der unblutigen Einrenkungsmethode, auf Grundlage der aus- 
gezeichneten Resultate, welche er in 30 Fällen erzielt und 
actinographisch controlirt hatte. Die Altersgrenze reicht vom 
zweiten bis höchstens zum zwölften Lebensjahre. In seinem 
Resume sagt Redard: ,,la reduction non sanglante, executee 
chex de jeunes sujets, avec une technique reguliere, est exempte 
de dangers et donne, dans la generalite des cas, d'excellents 
resultats." 

Herr Goudray (ibidem) hat nach der unblutigen Reposition 
den Unterschenkel und Fuss in den fixirenden Verband mit ein- 
bezogen und vollständige, d. h. anatomische und functionelle 
Heilung der Luxation erzielt. Die Resultate wurden auf actino- 
graphischem Wege strenge controlirt. Ausserdem bestätigt Herr 
Goudray, dass die Erfolge in functioneller Beziehung selbst 
dann sehr zufriedenstellende sind, wenn dieselben vom ana- 
tomischen Standpunkte aus mangelhaft sein sollten. 

Desgleichten berichtet Nove Josserand (Lyon) von einem aus- 
gezeichneten Resultat bei einem 57 2 jährigen Mädchen und von 
guten Erfolgen der Methode im Allgemeinen. 

Gourdon de Bordeaux stellte in der paediatrischen Ge- 
sellschaft (Januar 1900) ein 6j ähriges Mädchen vor, welches 
wegen einseitiger Hüftverrenkung von Prof. Piechaud (Januar 
1899) der unblutigen Reposition unterzogen worden war. Die 
actinographisch controlirte) Heilung der Patientin war eine so 
vollkommene, ,, qu'on ne se douterait pas maintenant qu'elle 
etait atteinte de luxation congenitale". 

Die Urtheile der französischen Fachgenossen, welche meine 
Methode versucht haben, lauten also im Ganzen sehr günstig 
und stimmen darin überein, dass die unblutige Reposition des 
Schenkelkopfes auf den Boden der Pfanne, respective auf den 
Y-Knorpel innerhalb gewisser Altersgrenzen fast immer möglich ist, 
und dass es vorläufig allerdings nur in einem Theile der Fälle 
auch gelungen ist, denselben an seinem normalen Standplatze 



— 267 — 

zu erhalten. Die Verbesserung der Retentionsmethode wird dieses 
Ziel in Zukunft gewiss öfter als bisher erreichen lassen. 

In Holland wurde die Methode von Narath (Utrecht) der 
Nachprüfung unterzogen. In functioneller und anatomischer Be- 
ziehung haben die mitgetheilten Fälle gute Resultate ergeben, 
obwohl eigentlich nur ein Fall innerhalb der günstigen Alters- 
grenzen stand. 

Allerdings hatte die Narath 'sehe Mittheilung weniger den 
Zweck, auf die günstigen Resultate der Einrenkungsbehandlung, 
als vielmehr auf die durch dieselbe geschaffene Prädisposition zu 
Gruralhernien hinzuweisen. (Vgl. Cap. XIX.) 

In Russland hat Herr Dr. Anders (Petersburg) Versuche 
mit der Methode unternommen und über eine vollständig gelungene 
Heilung bei einem 5jährigen Mädchen berichtet. (Societe de 
pediatrie de Saint-Petersbourg, 15. März 1899.) 

In Oesterreich-Ungarn wurde meine Methode von Dollinger 
adoptirt, der mir brieflich von gelungenen Fällen berichtete. In 
der Sitzung der ungarischen königl. Gesellschaft der Aerzte vom 
7. Mai 1898 stellte Horvath zwei nachweislich auf anatomischer 
Basis gelungene Heilungen vor. Auch Rudy gier hat sich des 
Verfahrens warm angenommen. 

In Deutschland hat meine Methode der unblutigen Repo- 
sition ausserordentlich rasche Verbreitung gefunden und ich 
glaube, dass sie heute überall, wenn auch zum Theile in etwas 
modificirter Form, ausgeübt wird. 

So hat Schede in meinen Mittheilungen die Anregung ge- 
funden, seine ursprüngliche unblutige Methode derart umzu- 
gestalten, dass er die Reposition mittelst forcirter maschineller 
Extension des abducirten Beines in einer Sitzung ausführt und 
den Schenkel hierauf mittelst Gipsverbandes in jener Abductions- 
stellung fixirt, welche mit dem Fortbestande der Reposition noch 
vereinbar ist. Die vorbereitende Extension, welche ich meiner 
unblutigen Einrenkung in der Regel vorausschicke, wurde damit 
zu einer selbstständigen Repositionsmethode ausgebildet. 

Wer mit dieser Art von Operationen vertraut ist, wird es 
selbstverständlich finden, dass mir bei der präparatorischen 
Schraubenextension die Einrenkung manchmal gänzlich uner- 
wartet, ja ich möchte sagen verfrüht und gegen meine Absicht 
gelang. Aber ich habe mich niemals damit zufrieden gegeben, 



— 268 — 

da die Eintreibung des Schenkelkopfes in die Pfannentasche 
mittelst des modellirenden Redressement unter solchen Umständen 
wegfällt. 

Offenbar hat auch Schede diesen Mangel empfunden, denn 
nach dem Gelingen der Extensionsreposition schaltet er nunmehr 
die Loren z 'sehen Manöver ein, „um ihre extreme Circumduction 
in zweckmässiger Reihenfolge zu dem schwierigen und wich- 
tigen Acte des Erweiterns der vorderen Pfannentasche und des 
Einbohrens des Kopfes noch mit heranzuziehen". 

Die Möglichkeit, den congenital luxirten Schenkelkopf in 
oder au/ die Pfanne zu verlagern und mit dem Y-Knorpel in 
directen und unmittelbaren Contact zu bringen, wurde von 
Schede hundertfältig bestätigt, obwohl die physikalischen Sym- 
ptome bei dieser Art der Reposition ungleich schwächer zur 
Geltung kommen. 

Dass damit eine Reposition im Sinne der traumatischen 
Verrenkung erreicht worden sei, wird Schede ebensowenig 
erwartet haben, als es mir beikommen konnte, dies zu be- 
haupten. 

Petersen berichtet (Deutsche Zeitschrift f. Chir. 50, 5. u. 6.) 
aus der Schede'schen Klinik von 109 Repositionen, 10 primären 
Transpositionen (sub spinam) und 5 Misserfolgen. 

Was die Retention betrifft, so ist das vorläufig so häufige 
Misslingen derselben bei dem fieberhaften Suchen nach Ver- 
besserungen der Technik und bei dem fortwährenden Wechsel der- 
selben vorderhand bei Schede so wenig zu verwundern, wie 
bei allen anderen Operateuren. 

Auf 102 Fälle zählt Schede 43 Enderfolge, und zwar 
13 Restitutionen und 30 Transpositionen. 

Es ist also auch von dieser maassgebenden Seite bestätigt 
worden, dass die Reposition und die Retention in einem, wenn 
auch vorläufig noch geringen Procentsatze der Fälle gelingt und 
dass in diesen Fällen mit der unblutigen Reposition thatsächlich 
radicale, d. h. nicht nur functionelle, sondern auch anatomische 
Heilungen erzielt werden konnten. Dass diese schwere Aufgabe 
mit einem Wurfe gelingen werde, war von vorneherein nicht 
anzunehmen und ich selbst habe dies am allerwenigsten erwartet. 

Wichtig erscheint mir die Constatirung Schede 's, dass 
selbst die in anatomischer Beziehung mangelhaften Re- 



— 269 - 

sultate der unblutigen Reposition der blutigen Opera- 
tion mit ihrer fast sicheren Aussicht auf Ankylose und 
auf immer wiederkehrende Adductionsstellung bei- 
weitem vorzuziehen sind. 

Einen ebenso eifrigen als erfolgreichen Anwalt hat die un- 
blutige Reposition in Julius Wolff gefunden. Zunächst meldete 
J. Wolff den auf unblutigem Wege radical geheilten Fall von 
congenitaler Hüftverrenkung bei einem 4 1 ojährigen Knaben und 
sagt darüber Folgendes aus: 

„Da der Schenkelkopf nunmehr länger als ein Jahr unter- 
halb des Hüftbeindaches stehen geblieben ist und darunter die 
letzten neun Monate ohne irgend welche Stütze durch einen 
Verband oder Apparat, so darf man wohl mit Sicherheit an- 
nehmen, dass er nachträglich nicht wieder in seine frühere fehler- 
hafte Stellung zurückkehren werde. Unter allen Umständen 
würde dieser Fall, selbst wenn er nur der einzige in seiner 
Art wäre und nicht vielmehr einer unter vielen, in welchen 
die Retention des Kopfes unterhalb des Hüftbeindaches bereits 
nahezu ebenso lang bestehen geblieben ist. den sicheren Beweis 
von der Unrichtigkeit der noch ziemlich weit verbreiteten An- 
schauung liefern, nach welcher nach der Lorenz 'sehen unblutigen 
Reposition der Femurkopf nachträglich j edesmal bald wieder 
in seine frühere Stellung zurückschlüpfen soll. 

In der 97. Sitzung der „Freien Vereinigung der Chirurgen 
Berlins" am 14. November 1899 berichtete J. Wolff weiterhin 
über seine vorläufigen Erfahrungen (Gentralbl. f. Ghir. Nr. 4, 1899) 
an 125 Gelenken. Der Enderfolg der unblutigen Reposition war 
bis damals bei 13 Kranken (14 Gelenken) ein idealer, 
d. i. vollkommen normaler Gang und ausgezeichnetes 
anatomisches Verhalten des an richtiger Stelle befindlichen 
Gelenkes im Röntgenbilde. Bei zehn Gelenken war der Enderfolg 
ein nahezu idealer. Bei 52 Gelenken war die Behandlung noch 
nicht abgeschlossen, und Wolff hofft, dass auch in diesen Fällen 
der Enderfolg ein idealer sein wird. In zwei Fällen hatten die 
reponirten Gelenke, obwohl sie an ihrer richtigen Stelle ver- 
blieben sind, trotz vieler Bemühungen eine hartnäckige Steifheit 
beibehalten und wurden von Wolff vorläufig zu den Misserfolgen 
gerechnet. Der Vortragende stellte zwei Fälle von doppelseitiger 
und drei Fälle von einseitiger Verrenkung vor. in denen der End- 



— 270 — 

erfolg dreimal ein idealer und zweimal ein nahezu idealer ist. 
An den Röntgenbildern dieser fünf Fälle und mehrerer anderer 
Fälle mit idealem Enderfolge zeigte er die nach der Reposition 
allmählich eintretenden anatomischen Veränderungen der Pfanne. 

Wolff 's Resume lautet: „Aus allen Demonstrationen geht 
hervor, dass die bis jetzt ziemlich allgemein verbreitete Ansicht, 
nach welcher von dem Lorenz'schen unblutigen Verfahren nicht 
sehr viel zu halten sei, eine durchaus irrige ist, dass es viel- 
mehr Pflicht ist. dieses Verfahren auf das eifrigste weiter 
zu erproben, und dass wir nur versuchen müssen, die Re- 
dingungen festzustellen, unter welchen das ideale Resul- 
tat des Verfahrens in allen Fällen erreicht werden kann." 

In der Discussion bemerkte Herr Karewski, dass auch er 
an seinem Materiale mit dem Lorenz' sehen Verfahren durch- 
weg gute, wenig schlechte Erfahrungen gemacht habe und 
dass, wenn mitunter die Röntgenbilder anscheinend nur einen 
zweifelhaften Erfolg vermuthen liessen, doch das functionelle 
Resultat ein günstiges gewesen sei. 

Herr J. Wolff darf mit dem Erfolge seiner Krankenvor- 
stellung und der Demonstration seiner Röntgenbilder, welche er 
auf einen Schirm projicirte, so dass auf diese Weise der in der 
ausgestalteten Pfanne sitzende Schenkelkopf dem Auditorium 
gleichzeitig vorgeführt werden konnte, wohl zufrieden sein, denn 
Vorsitzender Herr Prof. Koenig sah sich zu dem Schlussworte 
veranlasst, dass er im Sinne der Versammlung zu sprechen 
glaube, wenn er Herrn Wolff Anerkennung zolle für die guten 
Resultate, die derselbe mit dem unblutigen Verfahren zu er- 
zielen im Stande gewesen sei und durch welche er den 
Werth desselben bewiesen habe. 

Ich brauche nicht hervorzuheben, dass dieses günstige Ur- 
theil des Meisters um so schwerer wiegt, als sich derselbe im 
Anfange vollständig ablehnend gegen die Methode verhalten und 
seine abfällige Meinung in ziemlich drastischer Form zum Aus- 
drucke gebracht hatte. 

Es ist also auch von Wolff bestätigt worden, dass mit 
der unblutigen Reposition radicale Heilungen erzielt werden 
können, und dass es Sache weiterer Studien sein müsse, die 
idealen Resultate, ich will nicht mit Wolff sagen „in allen 
Fällen", aber doch öfter als bisher zu erreichen. 



— 271 — 

Ein nachträglicher Bericht J. Woiff 's (Berl.klin. Wochenschrift 
Nr. 18, 1899) lautet noch günstiger, da die Zahl der radicai ge- 
heilten Fälle mit durchaus idealem Resultate schon auf 19 
gestiegen war. Dazu kommen noch vier Fälle, deren Resultat 
bereits als nahezu ideal bezeichnet werden muss. 

Nur um die vielen Zweifler zu überzeugen, führe ich die 
Schilderung, welche ein so scharfer Kritiker wie Julius Wolff 
von einem seiner Fälle entwirft, sowie sein Resume wörtlich an 
(Berl. klin. Wochenschrift Nr. 18, 1899, S. 12): 

„Ich führe Ihnen nunmehr, meine Herren die kleine Patientin 
vor, von welcher die vier demonstrirten Röntgenbilder herrühren. 
Bei Rückenlage der Patientin erweisen sich ihre beiden Beine als 
vollkommen gleich lang. Sie überzeugen sich davon, dass das 
Kind in vollkommen normaler Weise geht, rennt, springt, tanzt, 
mit den Füssen auf den Boden stampft u. dgl. mehr. Die active 
Flexion, Extension. Adduction. Abduction und Innen- und Aussen- 
rotation in beiden Hüftgelenken zeigen bezüglich der Kraft und 
Extensionsweite der betreffenden Bewegungen keinen Unterschied 
von den Verhältnissen bei gleichalterigen mit normalen Hüft- 
gelenken geborenen Kindern. Die Patientin besteht demgemäss 
auch die Trendelenburg'sche Probe vollkommen gut. 

Wenn sie auf einem der beiden Beine steht, so hebt sie, 
wie Sie sehen, das andere so hoch, dass der Oberschenkel er- 
heblich über die Horizontale hinaus in sehr spitzem Winkel 
bis fast zur Berührung seiner Dorsalfläche mit dem Abdomen 
gelangt. 

Dazu kommt, dass die Lordose, beziehungsweise der frühere 
sesselförmige Vorsprung der Trochanterengegend geschwunden 
ist und dass überhaupt die gesammte äussere Configuration der 
Becken- und Oberschenkelgegend keinen Unterschied mehr von 
den normalen Verhältnissen darbietet. 

Kurz, wenn Sie sich auch die grösste Mühe geben wollten, 
an den Körpercontouren des entblössten Kindes oder an dem 
Gange oder an irgend einer anderen Bewegung des den ganzen 
Tag über sich wild mit seinen Gespielinnen umhertummelnden 
Kindes auch nur die geringste Spur von dem herausfinden zu 
wollen, was an den früheren abnormalen Zustand erinnern 
könnte, so werden Sie alsbald zu der Erkenntnis gelangen, dass 
es ganz unmöglich ist, solche Spuren zu entdecken. 



— 272 — 

Die Befürchtung überdies, dass etwa noch in Zukunft eine 
Reluxation der reponirten Gelenke und damit ein Rückschlag 
des jetzt vorhandenen Zustandes im Sinne der früheren abnormen 
Verhältnisse eintreten könnte, ist gänzlich abzuweisen. 

Meine Erfahrungen, die sich, wie Sie alsbald sehen werden, 
zum Theile auf Fälle beziehen, in denen die Reposition nun- 
mehr bereits 2 x / 2 Jahre nach der Ausübung des unblutigen Ver- 
fahrens, beziehungsweise 2 Jahre nach der endgiltigen Beseiti- 
gung des flxirenden Verbandes und l 3 / 4 Jahre nach dem voll- 
ständigen Abschlüsse jeglicher Behandlung von Bestand geblieben 
ist, haben gezeigt, dass, wenn in den ersten 5 oder 6 Wochen 
freien Umhertummelns der Patienten ohne jeden Verband die R.e- 
luxation ausbleibt, dieselbe auch alsdann später nicht mehr eintritt. 

In unserem Falle aber sind, nachdem vor mehr als 15 Monaten 
das rechte und vor 9 Monaten das linke Hüftgelenk reponirt 
worden ist, fast 4 Monate seit der endgiltigen Beseitigung des 
linksseitigen und sogar nahezu 9 7* Monate seit der endgiltigen 
Beseitigung des rechtsseitigen Verbandes verflossen. 

Meine Herren! Wenn ich heute weiter nichts vermöchte, 
als Ihnen lediglich diesen einzigen Fall zu zeigen, so müsste der 
hier erzielte glänzende die Eltern des Kindes ebenso wie uns 
Alle in vollstem Masse befriedigende Erfolg für sich allein schon 
dazu genügen, um die Vorstellungen, die heutigen Tages noch 
fast allgemein über die unblutige Einrenkung der angeborenen 
Hüftverrenkung verbreitet sind, als irrthümliche zu beseitigen. 

Fast überall begegnet man der Meinung, dass eins Verfahren, 
welches wir Lorenz verdanken, von' mehr als zweifelhaftem 
Werthe sei und dass namentlich jedesmal oder fast jedesmal das 
unblutig reponirte Gelenk nachträglich wieder eine Reluxation 
erleide. Dass gar nach dem unblutigen Verfahren schliesslich 
ein gehörig beschaffenes und gehörig funetionirendes Gelenk an 
der richtigen Gelenksstelle sich herstellen könne, das wird fast 
allseitig als etwas kaum Denkbares erachtet. 

Es setzen demgemäss, besonders nach dem Vorgange von 
Kirmisson in Paris, nicht wenige Chirurgen jeder weiteren Em- 
pfehlung der unblutigen Einrenkung von vorneherein einen sehr 
lebhaften Widerspruch entgegen. 

Es liegt auf der Hand, dass die Hinfälligkeit eines derartigen 
Widerspruches schon aus einem einzigen Falle, wie dem hier 



vorgestellten, sich zur Genüge würde erweisen lassen. Denn un- 
möglich könnte irgend jemand annehmen, dass es sich etwa in 
diesem Falle nur um einen glücklichen, beide Hüftgelenke be- 
treffenden Zufall gehandelt hat. Vielmehr würde es schon auf 
Grund eines einzigen Falles von der Art des vorgestellten als 
offenbar erscheinen müssen, dass es die unabweisliche Pflicht 
des Chirurgen ist, die Lorenz 'sehe unblutige Einrenkung weiter 
zu erproben und nur noch die Bedingungen zu erforschen, unter 
welchen wir ein ebensolches Resultat wie hier in möglichst 
vielen Fällen zu erreichen vermögen. 

Glücklicherweise ist nun aber überdies, wie Sie bereits aus 
meiner Statistik wissen und wie ich immer weiter zeigen werde, 
der vorgestellte Fall weit davon entfernt, der einzige zu sein, 
in welchem ich ein so vortreffliches Resultat zu verzeichnen 
habe." 

Kölliker zählt in seinem Berichte (Gentralbl. f. Ghir., 
October 1898) auf 13 Fälle bilateraler Luxation 7 Misserfolge 
und 6 Transpositionen des Kopfes in die Pfannengegend. 

(Ueber den cosmetischen und functionellen Erfolg wird 
nichts erwähnt.) Bei 25 einseitigen Fällen wurde viermal nichts 
erreicht, neunzehnmal der Schenkelkopf in die Pfannengegend 
transponirt. 

Zwei Fälle sind vollständig und mit normal beweg- 
lichem Gelenke geheilt. 

Im Ganzen also 2 Heilungen, 28 Transpositionen und 11 Miss- 
erfolge. 

Bezüglich der Transpositionen äussert sich Kölliker dahin, 
dass die Stellung des Schenkelkopfes bei derselben jener der 
supracotyloi'den congenitalen Luxation entspreche. Dieselben stellen 
noch ein leidliches Resultat der Behandlung vor, in vielen 
Fällen ein besseres als durch blutige Operation zu er- 
zielen ist. 

In anatomischer Beziehung ist diese Statistik allerdings 
keine glänzende, aber sie beweist immerhin die Möglichkeit radi- 
caler Heilung in dem einen und dem anderen Falle. Kölliker 
wird zugestehen, dass aus der Seltenheit seiner radicalen Hei- 
lungen kein absprechendes Urtheil über die Methode gefällt 
werden darf, sondern wird hoffentlich aus diesem Umstände nur 
folgern, dass es für ihn, wie nicht minder für uns Alle, in der 

Lorenz, üüftverrenbung 1 . 13 



— 274 — 

Reteniionstechnik noch manches zu lernen gibt. Dann werden 
die radicalen Heilungen gewiss häufiger erzielt werden. 

Lüning (Gorrespondenzblatt der Schweizer Aerzte Nr. 3, 
1897) gelang die Reposition in sieben Fällen, jedesmal unter dem 
charakteristischen einschnappenden Geräusche, während bei einem 
8- und einem 12jährigen Mädchen die Einrenkung misslang. 
Die functionellen Resultate waren gute, die Kinder gingen flink 
und ohne Schmerzen, wenn auch eine Andeutung von Hinken 
bei allen zurückgeblieben ist. Bei keinem der behandelten Fälle 
liess sich der Schenkelkopf mittelst des Malgaigne 'sehen 
Manövers nach hinten vorwälzen. Der Schenkelkopf blieb in 
horizontaler Richtung etwas verschiebbar, kaum aber in verticaler 
Richtung. 

Hingegen sind Lüning's anatomische Resultate ungünstig: 
nach den Actinogrammen ist in keinem Falle der Kopf mit der 
rudimentären Pfanne im Contact, sondern er steht meist etwas 
vor und über derselben, indem er seinen Halt entweder an 
der Spina ant. inf. oder zwischen dieser und der Spina ant. sup. 
gewinnt". 

Bei einem 9jährigen Mädchen zeigte das Actinogramm 
den Beginn einer Pfannenbildung zwischen Spina ant. inf. und 
Spina ant. sup. In allen Fällen ist die Richtung des Schenkel- 
halses mehr sagital als frontal, wobei allerdings die anteversio 
capitis in Anschlag zu bringen ist. Auch ohne Röntgenbild lässt 
sich nachweisen, dass der Schenkelkopf zwar nach vorne trans- 
ponirt ist, aber nicht exaet in der Pfanne steht, respective nicht 
in derselben geblieben ist. Nur in einem einzigen Falle 
(4 l / 2 jähriges Mädchen) steht der Schenkelkopf genau unter 
dem Puls der Art. femoralis, sonst immer nach aussen davon. 

Für Lüning ist die Möglichkeit der Reposition selbst bei 
älteren Kindern nicht mehr fraglich, sondern nur die Bildung 
einer genügend festen Nearthrose, die schliesslich doch von der 
Neubildung der in den älteren Fällen meist nur sehr rudimentären 
Pfanne abhängt. 

Lüning war also in seinen bisherigen Fällen mit der Re- 
position glücklich, hat aber mit der Retention schlechte Erfah- 
rungen gemacht. Das ist an sich nicht zu verwundern, da eben 
die Retention ausserordentlich viel schwieriger ist als die Re- 
position. Die Reihe seiner anatomischen Misserfolge, welche vom 



— 270 — 

functionellen Standpunkte aus immer noch recht gute Resultate 
vorstellen, wird bei zunehmender Erfahrung in der Rententions- 
technik mittlerweile gewiss durch den einen oder anderen 
auch in dieser Beziehung gelungenen Fall unterbrochen 
worden sein. 

Kümmel berichtete im Januar 1899 im ärztlichen Vereine 
zu Hamburg über seine Erfahrungen mit der unblutigen Reposition 
(Referat nach J. Schulz, Hamburg). Bei der Nachuntersuchung 
der seinerzeit nach der Lorenz'schen Methode behandelten 
Kinder fand Kümmel zu seiner angenehmsten Ueberraschung 
mit wenigen Ausnahmen ein ungemein günstiges functio- 
nelles Resultat, und zwar auch bei denjenigen Fällen, bei denen 
das Röntgenbild keine oder nur eine angedeutete Pfanne er- 
kennen Hess. Der Kopf stand vollkommen fest, war nicht mehr 
nach oben verschieblich; der Gangwar sicher, nichtwackelnd, 
die früher vorhandene Lordose ausgeglichen. Kümmel 
illustrirte seine Ausführungen durch wohlgelungene, sehr scharf 
die Verhältnisse wiedergebende Projectionsbilder von Röntgen- 
platten von seinen 45 behandelten Fällen in den verschiedensten 
Beobachtungsstadien, vor und nach der Reposition, sowie am 
Schlüsse der Behandlung unter gleichzeitiger Demonstration von 
15 zugehörigen Patienten. Nach dem Befunde dieser Röntgen- 
bilder theilt er die congenitalen Hüftluxationen in drei Gruppen 
ein: Erstens solche, bei denen das Schattenbild gar keine An- 
deutung der Pfanne erkennen lässt. Diese Fälle betreffen meist 
Kinder von 10 bis 15 Jahren. Bei der zweiten, der Zahl nach 
grössten Gruppe ist eine wenig entwickelte, oft nur angedeutete 
Pfanne vorhanden, die in erheblichem Missverhältnisse zum Kopfe 
steht. Bei dieser gelingt es oft, den Schenkelkopf auf die alte 
Delle zu reponiren und daselbst festzuhalten, oft jedoch handelt 
es sich nur um eine Transposition. (Leider ist das ziffermässige 
Verhältnis der gelungenen zu den misslungenen Retentionen nicht 
angegeben.) In der dritten Gruppe handelt es sich um gut ent- 
wickelte Pfannen mit kaum vorhandenem räumlichen Missver- 
hältnisse zwischen ihnen und dem Schenkelkopfe. Hierher 
gehören nur fünf Fälle, vier doppelseitige und eine einseitige 
Verrenkung. In diesen Fällen gelang die Reposition vollständig. 
Im Röntgenbilde ist ein derartig reponirter Kopf von einem 
normalen gar nicht zu unterscheiden. 

18* 



— 276 — 

Wir sehen also auch von dieser gewiss vertrauenswürdigen 
Seite bestätigt, dass die unblutige Reposition, d. h. die Erreichung 
eines unmittelbaren Contactes des Schenkelkopfes mit dem Y-Knor- 
pel des Pfannenbodens fast ausnahmslos gelingt, dass in anatomisch 
günstigen Fällen radicale Heilungen erzielt werden können und 
dass diese idealen Resultate selbst noch bei einem Theile der 
anatomisch ungünstigen Fälle erreichbar sind, während in den 
anderen secundäre Reluxationen eingetreten waren. 

Ich muss gestehen, dass die Erfahrungen Kümmel's be- 
züglich der gut erhaltenen rudimentären Pfannen besser sind als 
meine eigenen. In diesen Fällen ist der Erfolg natürlich schon 
durch die gut gelungene Reposition garantirt. Wenn sich die 
labile Reposition auf die schlecht entwickelte Durchschnittspfanne 
in einer Anzahl von Fällen stabilisiren liess, so wird eine ver- 
besserte und vor allem länger fortgesetzte Retention in dieser 
Beziehung gewiss noch bessere Resultate zeitigen. 

Aus der Mikulicz'schen Klinik wird darauf hingewiesen 
(Centralbl. f. Chir. Nr. 13, 1899), dass es nicht zu bezweifeln 
sei, dass nach den verschiedensten in letzter Zeit empfohlenen 
unblutigen Behandlungsmethoden in einzelnen Fällen wirklich 
radicale Heilungen im functionellen und anatomischen Sinne 
erzielt worden sind. Eine Reihe von Luxationen lassen sich leicht 
nach verschiedenen Methoden unblutig reponiren, bei den anderen 
gelingt es wohl, den Kopf in die Höhle der Pfanne zu bringen, 
aber eine Retention ist bei noch so grosser Sorgfalt nicht möglich. 
Ein tadelloses Endresultat kann nur in den Fällen mit Sicherheit 
erwartet werden, in welchen der Kopf in der Pfanne bleibt. In 
einigen mit dem Mikulicz'schen Lagerungsapparate behandelten 
Fällen, in welchen nur eine Fixation des Kopfes dicht oberhalb 
der Pfanne erreicht worden war, trat im Verlaufe von 2 bis 
3 Jahren unter dem Einflüsse der zunehmenden Belastung der 
Kopf wieder nach hinten, was dazu mahne, in der Beurtheilung 
der Endresultate nicht zu voreilig zu sein und die Behandlung 
nicht allzu früh auszusetzen. 

So weit die Behandlung mit dem Mikulicz'schen Lage- 
rungsapparate in Betracht kommt, habe ich hier keine Veran- 
lassung, näher darauf einzugehen und will nur anführen, dass 
v. Mikulicz trotz der in einzelnen Fällen, namentlich bei noch 
ganz jungen Kindern, damit erzielten Erfolge diese Behandlung 



— 277 — 

wegen der nothwendigen und nur allzu leicht erlahmenden Auf- 
merksamkeit der Eltern nunmehr zu Gunsten der unblutigen Ein- 
renkung in Narkose eingeschränkt hat und nur noch bei ganz 
kleinen Kindern unter zwei Jahren anwendet. 

Die unblutige Einrenkung nach Paci- Lorenz 1 ) wurde in 
43 Fällen (13 doppel- und 30 einseitigen) versucht. In fünf Fällen 
einseitiger Luxation gelang die Reposition trotz stärkster Schrau- 
benextension nicht: es handelte sich um Kinder von 8 bis 12 Jahren, 
ebenso wenig in sechs doppelseitigen Fällen bei Kindern über 
4 Jahre; einseitige konnten trotz wiederholter Einrenkungen sieben, 
doppelseitige vier nicht in der Pfanne zurückgehalten werden: 
in einigen Fällen gelang es. trotz mehrmaliger R.eluxation 
den Kopf definitiv in der Pfanne zu erhalten. Der Kopf 
blieb in der Pfanne in 19 Fällen: davon gehen acht 
längere Zeit (•2 1 4 Jahre) schon ohne Verband. Eine 
grössere Anzahl dieser Fälle zeigte von Anfang an günstige Ver- 
hältnisse. Verschiedene Röntgenbilder zeigen deutlich 
ein Zunehmen der Pfanne, bei einem haben sich an- 
scheinend stalaktitenartige Wucherungen am oberen 
Pfannenrande entwickelt, welche für den Kopf ein gutes 
Dach bilden. 

Auch aus diesem Berichte geht hervor, dass meine Hoff- 
nungen, es werde gelingen, den auf die rudimentäre Pfanne 
zurückverlagerten Schenkelkopf auch auf derselben festzuhalten, 
sich wenigstens in einem Theile der Fälle erfüllt haben. Aus 
dem Misslingen dieser Aufgabe in etwa der Hälfte der Fälle ist 
gewiss keine Entmuthigung, sondern nur ein Ansporn zu weiteren 
Fortschritten abzuleiten. 

Hoffa zählt (Verhandlungen des 28. Congr. d. deutschen 
Ges. f. Chir., April 1899) auf 42 einseitige Luxationen vier tadel- 
lose Radicalheilungen. In den anderen Fällen hat er als Schluss- 
resultat Reluxationsstellungen des Schenkelkopfes oberhalb oder 
neben der Spina ant. inf. erhalten, bestätigt indes, dass die 
functionellen Resultate auch dieser missglückten Fälle besser 
sind, als das Röntgenbild anzuzeigen scheint. Auch unter den 
doppelseitigen Fällen hat Hoffa bei einigen, wenigstens auf der 



i) Vgl. meine Stellungnahme zu dieser Bezeichnung im Gapitel: ..An- 
griffe und Abwehr." 



— 278 — 

einen Seite ein auch in anatomischer Beziehung tadelloses Resultat 
erhalten. 

Was den Act der Reposition im Sinne der congenitalen 
Verrenkung anbelangt, so bestätigt Hoffa, dass „eine viel- 
hundertfältige Erfahrung ergeben habe, dass die Reposition 
in der That in der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle, 
wenigstens bei jüngeren Kindern, welche noch innerhalb der 
Altersgrenze stehen, unter einem hörbaren und fühlbaren Rucke 
gelingt und die richtige Stellung des Kopfes auf dem Fugen- 
knorpel auch durch das Röntgenbild bestätigt wird. Anders hin- 
gegen stehe es mit der Retention des Kopfes in der Pfanne ; 
hier seien die Fälle nur vereinzelt, in denen der Kopf wirklich 
dauernd in der Pfanne geblieben und in dieser auch durch das 
Röntgenbild constatirt worden ist. 

Was aber die Hauptsache ist, wird auch von Hoffa an- 
erkannt, dass nämlich auch die in anatomischer Beziehung zweifel- 
haften oder selbst misslungenen Fälle in functioneller Beziehung 
ein im Ganzen recht zufriedenstellendes Resultat darstellen. „Die 
Kinder mit einseitiger Luxation laufen oft so gut, dass man ihnen 
den früheren Defect kaum ansieht, und die mit doppelseitiger 
Luxation verlieren ihre Lordose und gehen mit meist nur ganz 
geringen Schwankungen des Oberkörpers einher." 

Nicht unerwähnt darf ich lassen, dass Herr Wullstein ein 
von ihm an der Klinik v. Br am ann's in Halle mit doppelseitiger 
Hüftverrenkung nach meiner Methode behandeltes 9j ähriges 
Mädchen zum letzten Congresse nach Berlin mitgebracht hat, 
welches auf beiden Seiten sowohl in anatomischer als in functio- 
neller und cosraetischer Beziehung ein Resultat bot, das von 
jedermann als ein geradezu ideales bezeichnet werden musste. 
Hier war thatsächlich eine radicale Heilung in der höchsten Voll- 
endung erreicht worden. 

Nach privaten Mittheilungen kann ich noch anführen, dass 
Müller (Stuttgart), Nebel (Frankfurt), Schütz (Berlin) u. A., 
die Methode mit Erfolg geübt haben. 

Ziehe ich aus diesen zahlreichen Berichten das Resume, so 
darf ich mit demselben wohl zufrieden sein. 

Meine seinerzeitige Behauptung, dass die Reposition des 
Schenkelkopfes im Sinne der congenitalen Verrenkung, d. h. 
die Verlagerung desselben auf die Epiphysenfugen des Pfannen- 



— 279 — 

bodens auf unblutigem Wege innerhalb gewisser Altersgrenzen 
möglich ist, wurde allseitig bestätigt. 

Damit ist zweifellos jene Basis geschaffen worden, welche 
für die weitere mechanische Behandlung als die einzig rationelle 
bezeichnet werden muss. 

Dass ich jemals behauptet hätte, den reponirten Schenkel- 
kopf unter allen Bedingungen auf dem Pfannenboden zurück- 
halten zu können, ist eine Unterstellung. Ich habe diesbezüglich 
immer nur von der Hoffnung gesprochen, dass sich die Pfanne 
zu einem verlässlichen Lager für den Schenkelkopf auch bei in- 
differenter Beinstellung ausgestalten werde, wenn es gelingt, 
denselben auf der Pfanne zurückzuhalten. 

Die Erfahrung hat mich darüber belehrt, dass diese meine Hoff- 
nungen etwas zu sanguinisch waren; nichtsdestoweniger darf ich 
mich darüber freuen, dass dieselben wenigstens bei einem Theile 
der von den Nachprüfern meiner Methode behandelten Fälle in 
glänzende Erfüllung gegangen ist. Wenn die Aufgabe so leicht 
wäre, hätten die Chirurgen der civilisirten Welt nicht 70 Jahre 
fast erfolglos an derselben gearbeitet. 

Ist die rationelle Basis einmal gewonnen, so wird man es 
wohl noch besser lernen, sich auch auf derselben zu behaupten. 

Schon, wie die Dinge heute liegen, brauche ich meine Be- 
hauptung nicht zurückzunehmen, dass meine Methode eine radicale 
ist, weil sie thatsächlich radicale Heilungen erzielen kann. Diese 
radicalen Heilungen werden mit der Verbesserung der R.etentions- 
methocle gewiss auch häufiger werden. Es wird selbstverständlich 
niemals gelingen können, alle Fälle auf diesem Wege radical zu 
heilen, aber es wird doch sicher gelingen, wenigstens die Mehr- 
zahl auch im anatomischen Sinne zu heilen, und wenn man sich 
bei einem Reste der Fälle mit jenen functionellen Verbesserungen 
wird begnügen müssen, welche glücklicherweise auch mit den 
anatomisch mangelhaften Resultaten vereinbar sind, so bleibt für 
mich noch immer die Genugthuung, dass diese Misserfolge meiner 
Methode immer noch den Erfolgen anderer Methoden überlegen sind. 

XXI. Modificationen der Lorenz'schen Methode. 

Sofern eine Methode nur überhaupt im Stande ist, die 
Reposition, d. h. den unmittelbaren Contact des Schenkelkopfes 
mit dem Pfannenboden zu bewirken, muss sie als gleichwertig 



— 280 — 

mit jeder anderen gelten, welche dasselbe Ziel vielleicht auf 
etwas verschiedenem Wege erreicht; höchstens kann die grössere 
Einfachheit und Zweckmässigkeit der angewendeten Mittel einen 
relativen Vorzug der einen Methode gegenüber einer anderen 
bedingen. 

Daher liegt der Schwerpunkt der vorgeschlagenen Modifi- 
cationen der Lorenz 'sehen Methode gar nicht in demRepositions-. 
sondern vielmehr in dem Retentionsverfahren. 

Was zunächst die Reposition betrifft, so hat Schede, 
wie bereits erwähnt wurde, sein ursprüngliches Verfahren der 
continuirlichen Extension und Abduction mittelst portativer 
Apparate unter dem Einflüsse meiner seinerzeitigen Publi- 
cationen über die Herabholung des Schenkelkopfes mittelst 
der Extensionsschraube in der Weise ausgestaltet, dass die 
Reposition unter Beihilfe kräftigster Kurbelextension des ab- 
ducirten Beines und gleichzeitigem Drucke auf den Trochanter 
in einen einzigen unter Narkose ausgeführten Operationsact zu- 
sammengedrängt wurde. Damit ist der präparatorische Act der 
Lorenz'schen Methode zu einem completen Repositionsverfahren 
ausgebaut. Bei näherem Zusehen ergibt sich allerdings die fast 
vollkommene Identität dieses Verfahrens mit der alten Pravaz- 
schen Methode (vgl. S. 3). Auf dem Gebiete der Reposition gibt 
es eben keine volle Originalität mehr. 

Gegen die Schede 'sehe Repositionsmethode als solche 
kann nichts Wesentliches eingewendet werden. Immerhin erfordert 
dieselbe eine mächtige und kostspielige Maschine (Luxationstisch). 
welche der Verallgemeinerung des Verfahrens nicht eben förderlich 
sein wird. Andererseits erlaubt der gewaltige Apparat doch nicht 
jene der Lorenz'schen Methode eigenthümlichen manuellen 
Manöver, deren Zweckmässigkeit von Schede selbst am besten 
dadurch anerkannt wurde, class er dieselben während gewisser 
Pausen der Maschinenthätigkeit einzuschalten für nothwendig 
findet. Eine gewisse Beschränkung der Sehe de 'sehen Extensions- 
methode ist darin begründet, dass die Reposition immer nur über 
den oberen Pfannenrand stattfinden kann, welcher wegen seiner 
geringen Entwicklung das zweifellose Gelungensein der Repo- 
sition weniger deutlich erkennen lässt und aus demselben Grunde 
auch für die Zwecke der Retention minder geeignet ist als der 
hintere. Auch die Ueberstreckung der Hüftgelenke, welche im 



— 281 — 

Falle misslicher anatomischer Verhältnisse, namentlich bei doppel- 
seitigen Repositionen eine wichtige Rolle in der primären 
Stellunggebimg spielt, hat man viel weniger sicher in der Hand, 
wenn der Patient in den Apparat eingespannt ist. Ja, es bleibt 
unter solchen Umständen nach der Reposition sogar öfter eine 
ziemlich hochgradige Lordose bestehen (Petersen), deren völlige 
Beseitigung gerade eine der wichtigsten cosmetischen Aufgaben 
der Behandlung darstellt. 

Der einzige Vortheil der Sehe de 'sehen Einrenkungsmaschine 
besteht vielleicht darin, dass die gewaltige Kraft derselben die 
Reposition häufig noch in jenen schwierigen und älteren Grenz- 
fällen zu Stande bringt, an welchen die manuellen Manöver sich 
vergeblich erschöpfen. Aber selbst dieser Vortheil wird sehr 
wesentlich durch die Gefahren einer solchen Parforceleistung 
beeinträchtigt, welche bei der Anwendung der Extensionsmaschine 
nicht geringer sind, als bei forcirten manuellen Repositionen. Es 
ist deshalb nicht wahrscheinlich, dass die Indicationsgrenzen der 
unblutigen Reposition durch den Sehe de 'sehen Luxationstisch 
eine dauernde Erweiterung erfahren werden. 

In Zukunft werden die der unblutigen Reposition ent- 
wachsenen Fälle immer seltener werden und die Einfachheit und 
Leichtigkeit der manuellen Reposition mittelst reetangulärer 
Extension aus freier Hand wird sowohl den Sehe de 'sehen 
Luxationstisch als auch alle complicirten Repositionsmaschinen 
(Heusner) vollkommen überflüssig machen. 

Mein Instrumentarium bleibt nach wie vor „die Hand", 
welche das langsame Vorwärtsschreiten und endliche Gelingen 
der Aufgabe von Schritt zu Schritt fühlt und controlirt. 

Aber schliesslich mag es, wie gesagt, als ganz nebensächlich 
betrachtet werden, auf welchem Wege die Reposition gelingt, 
die Hauptsache bleibt immer, dass sie gelingt. 

Der wesentliche Unterscheidungsgrund der Methoden wird 
immer die Retention bleiben, denn von dem Gelingen derselben 
hängen in letzter Linie die Resultate ab. 

Mit Beziehung auf die R.etention ist von vielen Seiten 
(Schede, Hoffa, Lange, Ducroquet, Bradford, Coudray) 
der übereinstimmende Vorschlag gemacht worden, das Bein 
nach vollzogener Reposition in Innenrotation zu fixiren. Dieser 
Vorschlag ist keineswegs neu, sondern findet sich schon in 



— 282 - 

meinem ersten Entwürfe der Retention (vgl. S. 13, 14), welcher 
vorschreibt, dem Schenkel nach gelungener Reposition eine 
dauernde Einwärtsrollung zu sichern, um den Schenkelkopf der 
Pfanne gehörig zuzuwenden. Dieser Gedanke ist so naheliegend, 
dass niemand sich desselben entschlagen kann. 

In der Praxis bin ich jedoch allmählich von der künstlichen 
Steigerung der Innenrollung als Retentionsbehelf zurückgekommen 
und bevorzuge eine mehr weniger indifferente Rollstellung oder 
jene ganz minimale Innenrollung, welche sich ohne jedes Hin- 
zuthun oftmals ganz von selbst ergibt (vgl. S. 193, 204). 

Bezüglich des Irrthumes meiner seinerzeitigen Angabe, dass 
der reponirte Schenkel in Aussenrotation fixirt werde, verweise ich 
auf meine vorhergegangenen Auseinandersetzungen (vgl. S. 43, 192). 

Der Irrthum, welcher mir in der anfänglichen Nomenclatur 
der extremen Primärstellung unterlaufen ist, mag einigermassen 
damit entschuldigt sein, dass wir bisher überhaupt noch nicht in 
der Lage waren, ultraphysiologische Schenkelstellungen einer 
genauen Analyse zu unterziehen; eine solche ergibt (vgl. S. 193). 
dass die rechtwinkelige Abduction des Oberschenkels 
unter der Voraussetzung eines frei beweglichen Unter- 
schenkels überhaupt nur bei ziemlich indifferenter Rota- 
tion des Hüftgelenkes denkbar ist, da das Eigengewicht des 
gebeugten Unterschenkels jede differente Rollstellung sofort unter- 
drücken müsste. 

Der Unterschied zwischen der Lorenz'schen Retention und 
dem Abänderungsvorschlage derselben kann daher nicht lauten: 
hier Innenrollung, dort Aussenrollung, sondern vielmehr: „hier 
Innenrollung, dort indifferente Rollstellung". 

Damit erfahren die Gegensätze indessen nur eine schein- 
bare Verminderung ihrer Schärfe; in der That stellt die Innen- 
rollung in der Retentionstechnik eine so einschneidende Modifi- 
cation dar, dass dieselbe nahezu ein Aufgeben des Principes 
der Lorenz'schen Retentionstechnik bedeutet. 

Es wird daher am Platze sein, das „für und wider" der 
Innenrollung in der Retentionsfrage einer näheren Betrachtung 
zu unterziehen und die Retention bei indifferenter Rollsteh 1 im g 
damit in Vergleich zu stellen. 

Zweifellos wird durch eine Innenrollung des Femur der 
reponirte Schenkelkopf dem Pfannenboden voll zugewendet. 



-ibO 

Hierin läge ein unbestrittener Vortheil; aber derselbe ist rein 
theoretisch und bleibt von der Frage abhängig, ob es gelingt, die 
Innenrollung nicht nur ohne Belästigung für den Patienten zu er- 
halten, sondern mittelst derselben auch einen „künstlichen" 
Druck des Schenkelkopfes gegen den Pfannenboden auszuüben. 

Nun erfordert die blosse Erhaltung einer ausgesprochenen 
Innenrollung des Schenkels die Einbeziehung auch des Knie- 
gelenkes und des ganzen Unterschenkels in den Fixationsapparat, 
also eine wesentliche Complication der Retentionstechnik. Die 
mit der Innenrollung des Oberschenkels verbundene Einwärts- 
kehrung der Fussspitzen bedingt ausserdem nicht nur einen 
cosmetischen Nachtheil, sondern auch eine beträchtliche Be- 
hinderung der Locomotion und damit eine grosse Belästigung 
für den Patienten. 

Die auf dem Wege der Innenrollung ausgeübte Druck- 
wirkung des Schenkelkopfes gegen den Pfannenboden kann nur 
eine minimale sein. An und für sich von geringer Stärke, er- 
schöpft sich die von irgend welcher maschinellen Vorrichtung 
ausgeübte Innenrollung des Beines zunächst in der Adduction 
des Vorder fusses, der Supination der Fuss würze! , kurz in der 
angestrebten Verbildung des ganzen Fusses im Sinne des Klump- 
fusses, sowie in einer Torsion des gebeugten Kniegelenkes. Mit 
einem wie grossen Reste der Kraft mag dann noch der zudem 
so ausserordentlich kurze Querhebel des Schenkelkopfes und 
Halses gegen den Pfannenboden angedrückt werden?! 

Die Absicht, welche der Innenrollung zu Grunde liegt, den 
rudimentären Pfannenboden auf dem Wege „künstlicher" 
Druckwirkung zu beeinflussen, scheitert also an der Unmöglich- 
keit, diesen „künstlichen" Druck in genügender Stärke und 
gleichmässiger Dauer aufzubringen. 

Wenn übrigens der Gedanke, mittelst gesteigerter Innen- 
rollung eine künstliche Druckwirkung des Schenkelkopfes gegen 
den Pfannenboden und damit eine plastische Veränderung dieses 
letzteren bewirken zu wollen, als ein theoretisch zulässiger be- 
zeichnet werden muss, so gilt dies nicht weniger für die weitere 
Folgerung, dass die Rückwirkung eines solchen künstlichen 
Druckes sich nicht nur am Knie und am Fusse, sondern auch 
am Schafte des Femur geltend machen könnte, welch letzterer 
auf seine Torsionsfestigkeit in Anspruch genommen wird. So gut 



— 284 — 

der Pfannenboden möglicherweise durch einen solchen Torsions- 
druck vertieft werden könnte, ebenso gut könnte der Querhebel 
des Schenkelkopfes und Halses dadurch eine verstärkte Ante- 
version erleiden, eine Folge, welche für die Erreichung des 
therapeutischen Zieles durchaus nicht günstig wäre. 

Was nun die Frage anbelangt, ob durch die gesteigerte 
Innenrollung eine vordere Reluxation nach oben verhütet oder 
auch nur erschwert werden kann, so braucht man sich bei der 
Beantwortung derselben nur zu vergegenwärtigen, dass die 
vordere Reluxation des Schenkelkopfes nach oben offenbar unter 
der Wirkung der Muskelspannung, vor allem aber der Körper- 
last erfolgt, wenn der Schenkelkopf am oberen Pfannenrande zu 
wenig Gegenhalt findet. 

Wer wird nun annehmen wollen, dass der künstliche Druck 
der Innenrotation dem natürlichen Belastungsdrucke die Waag- 
schale halten könne? Braucht es bei einem solchen Vergleich der 
Kräfte noch des Hinweises auf den Umstand, dass das Retentions- 
moment der Innenrollung während der Dauer der Reluxations- 
wirkung der Körperlast überhaupt gar nicht zur Geltung kommen 
kann, da der belastete Fuss gegen den Boden fixirt ist! 

Wenn der künstlichen Innenrollung ein Retentionsmoment 
gegen die vordere obere Reluxation. wenigstens während der 
Belastungsintervalle, zukommen mag. so ist darüber nicht zu 
vergessen, dass diese fragwürdige Sicherung gegen die vordere 
Reluxation nach oben mit der Vergrösserung der Gefahr 
einer Reluxation nach hinten erkauft werden muss. Ist 
doch die Innenrollung das bekannteste und zugleich wirksamste 
Manöver der Reluxation nach hinten. Bei jeder Reposition kann 
man sich davon überzeugen, dass die Stabilität derselben gerade 
gegen die Innenrollung am empfindlichsten ist, und dass es ge- 
wisser Kunstgriffe bedarf, um das sofortige Eintreten der hinteren 
Reluxation hintanzuhalten. 

Vor allem bedarf es starker Ueberstreckung, um das der 
Innenrollung anhaftende Moment der Reluxation nach hinten 
abzuschwächen. Dadurch wird die Innenrollung an die Ueber- 
streckung auch dann gebunden bleiben, wenn diese letztere nicht 
nothwendig ist. Dass aber gerade in der Ueberstreckung eine 
Begünstigung der vorderen Reluxation nach oben gelegen ist, 
wurde schon früher betont (vgl. S. 209). 



— 285 — 

Um der Reluxation nach hinten zu begegnen, wird von den 
Anhängern der Innenrotation ein ..künstlicher" Druck gegen 
den Trochanter inscenirt, indem durch ein in den Verband ge- 
schnittenes Fenster Filz- oder Wattakeile u. dgl. gegen denselben 
angepresst werden — ein recht fragwürdiges Mittel, wenn man be- 
denkt, wie schwer bei der allmählichen Lockerung eines starren 
Verbandes ein solcher continuirlicher Druck aufrecht zu erhalten ist. 

Man sieht, dass mit dem Äugenblicke der Einführung der 
künstlich gesteigerten Innenrotation in die Retentior.stechnik 
diese letztere sich gezwungen sieht, mit lauter „künstlichen" 
Mitteln zu arbeiten: „künstlicher" Druck gegen den Pfannen- 
boden durch Torsionsvorrichtungen, welche das ganze Bein ein- 
schliessen, „künstlicher" Druck gegen den Trochanter durch 
Impression des Verbandes oder durch irgendwelche Druck- 
pelotten. Wenig fehlt, und der ganze Jammer der maschinellen 
Luxationsbehandlung, die glücklich überwunden schien, ist wieder 
an der Tagesordnung. 

Dass durch die künstlich gesteigerte Innenrollung die Gefahr 
der Reluxation nach hinten vergrössert wird, darüber kann es 
keinen Zw T eifel geben. Das geht ja auch schon aus den peniblen 
Sicherheitsmaassregeln hervor, welche gegen dieselbe getroffen 
werden. 

In dem Bestreben, die vordere Reluxation nach oben zu 
verhüten, werden die Anhänger der gesteigerten Innenrollung 
nicht nur dem unendlich viel grösseren Uebel der hinteren Relu- 
xation sehr leicht in die Arme laufen, sondern auch der vorderen 
Reluxation nach oben wegen der gleichzeitig nothwendigen Ueber- 
streckung der Hüftgelenke wehrlos gegenüberstehen. 

Die künstlich gesteigerte Innenrollung ist demnach 
eine die Retention ausserordentlich complicirende, die 
Gefahr einer hinteren Reluxation entschieden ver- 
grössernde und die Gefahr einer oberen Reluxation 
gew T iss nicht vermindernde, dabei den Patienten be- 
lästigende, sowie die Locomotion erschwerende Maass- 
regel, welche mit dem einfachen Principe der ..natürlichen" 
Belastung des Pfannenbodens durch das Körpergewicht im Wider- 
spruch steht. 

Setzen wir den Fall, die künstlich gesteigerte Innenrollung 
wäre mit dem Aufgebote aller Sorgfalt und' der nothwendigen 



— 286 — 

strengen Ueberwachung während längerer Zeit, sagen wir (um 
unserer Betrachtung ein concretes Beispiel doppelseitiger Repo- 
sition zu unterlegen) durch mehr als zwei Jahre durchgeführt 
worden, worin besteht das mit so grosser Mühe erreichte Resultat? 
Der Patient geht mit maximal einwärts gedrehten Fussspitzen 
einher, die Füsse selbst zeigen deutliche Verbildung im Sinne 
des Klumpfusses; wegen der Gonvergenz der queren Knieaxen 
nach hinten vollziehen sich die Bewegungen der Beine in nach 
aussen divergenten Ebenen, d. h. die Unterschenkel vollführen 
beim Gehen nach aussen gerichtete Schaufelbewegungen, deren 
ungewohnter Anblick aus der Ferne den Anschein hochgradiger 
genua valga erweckt. Die an und für sich hässliche Deformität 
der maximalen Einwärtskehrung der Füsse bei ruhigem Stande 
steigert sich während des Gehens zur auffälligsten Verunstaltung. 

Da die Sache natürlich „so" nicht bleiben kann, so führt 
die „unblutige'' Behandlung schliesslich folgerichtig zur beider- 
seitigen Osteotomie der Oberschenkel. Es ist nun durchaus nicht 
zu verwundern, wenn Eltern, welche zwei Jahre und darüber auf 
den Erfolg der „unblutigen" Behandlung geduldig gewartet 
haben, kopfscheu werden, wenn ihnen schliesslich die Mittheilung 
gemacht wird, die unblutige Einrenkung erfordere als blutige 
Nachoperation die Durchmeisselung beider Oberschenkelknochen. 

Ziehen wir nunmehr die Principien der Retention bei in- 
differenter Rollstellung in Betracht, so ergibt sich, dass dieser 
letzteren überhaupt keine active Rolle im Retentionsplane zufällt. 

Die Retention hat zwei Aufgaben zu erfüllen, nämlich in 
erster Linie und vor allem anderen die Reluxation nach 
hinten, in zweiter Linie die vordere Reluxation nach oben zu 
verhüten. Beiden Aufgaben sucht dieselbe ohne Hilfe von diffe- 
renten Rollstellungen gerecht zu Averden. 

Während der ersten Fixationsperiode ist in der exact 
fixirten Primärstellung, als welche im Allgemeinen die recht- 
winkelige Abduction gelten kann (die Ueberstreckung ist kein 
integrirendes Moment derselben), die fast absolute Sicherheit so- 
wohl gegen die hintere als gegen die vordere Reluxation nach oben 
gegeben. Die einzige Eventualität, gegen welche die genannte 
Primärstellung nicht absolute Sicherheit bietet, ist die Reluxation 
nach innen auf den horizontalen Schambeinast (Reluxatio pubica). 
Dieselbe ist übrigens sehr selten und ohne jede Bedeutung, da 



— 287 - 

sie ebenso leicht erkannt als behoben werden kann (vgl. S. 207). 
Die Garantie gegen die hintere und gegen die vordere Reluxation 
nach oben liegt einzig und allein in der Innehaltung der ge- 
nannten Primärstellung, deren Fixation ausserordentlich einfach 
ist, da sie keines wie immer gearteten, künstlich aufzubringenden 
Druckes bedarf und den Unterschenkel ganz ausser Spiel lässt. 

Mit dem Beginne der Stellungscorrectur vermindert sich 
naturgemäss die Sicherheit gegen secundäre Reluxationen. Die 
Erfahrung hat indes glücklicherweise genugsam gezeigt, dass 
die weitaus grössere Gefahr der hinteren Reluxation auch 
während der Correctur-Etappen so gut wie ausgeschlossen bleibt. 
Hingegen wird die Sicherheit gegen die vordere Reluxation nach 
oben um so geringer, eine je stärkere Ueberstreckung als Vor- 
sichtsmaassregel gegen die hintere Reluxation zur Anwendung 
gelangte. Die Ursache hiefür liegt in der durch die Ueberstreckung 
bedingten Aufrichtung des Beckens, respective in der senkrechten, 
oder gar nach rückwärts geneigten Stellung des Pfannenbodens. 

Um der Gefahr auch der vorderen Reluxation nach 
oben zu begegnen, sucht die Lorenz 'sehe Retentionsmethode 
die extreme Primärstell ung nach Schluss der ersten Fixations- 
periode in eine annähernde (secundäre) Mittellage des Gelenkes 
überzuführen, als deren wesentliche Gomponente eine deut- 
liche Beugestellung zu betrachten ist. In besonders gün- 
stigen Fällen kann diese Stellung sogar als Primärstellung 
während der ersten Fixationsperiode gewählt werden (primäre 
Mittellage). 

Durch die Beugung des reponirten Gelenkes erhält 
der Pfannenboden eine Neigung nach vorne und kann 
unter dieser Bedingung selbst im Falle grösserer Flach- 
heit dem Schenkelkopfe als knöchernes Dach den nothwendigen 
Gegenhalt bieten. Dieser Widerhalt wächst mit dem Grade der 
Beugung und würde theoretisch betrachtet bei rechtwinkeliger 
Flexion nahezu absoluten Schutz gegen die vordere Reluxation 
nach oben bieten. 

Ist eine annähernde Mittellage mit deutlicher Flexion des 
Gelenkes erreicht und abermals ohne irgend welchen künst- 
lichen Druck fixirt, so gelangt nunmehr die volle Wirkung der 
natürlichen Belastung des Pfannenbodens mit dem Körpergewichte 
zur Geltung. 



— 288 — 

Die nach Maassgabe der allmählichen Verminderung der 
Abduction sieh einstellende Auswärtsrollung ist durchaus keine 
beabsichtigte, sondern vielmehr eine durch die Flachheit des 
Pfannenbodens bedingte, also vollkommen spontan sich etablirende, 
sozusagen natürliche Stellung, die auch nicht entfernt jenen 
cosmetischen Nachtheil darstellt, wie die künstliche forcirte Innen- 
roll ung. 

Die Beobachtung zeigt, dass diese Aussenrollung vollkommen 
spontan sich bis auf jenen geringen Grad corrigirt, der eher 
als cosmetischer Vortheil, denn als Nachtheil zu bezeichnen ist. 

Diese Gorrectur erfolgt durch instinctive active Bethätigung des 
Patienten, nicht unwahrscheinlich auf dem Wege der Adaptirung 
des Pfannenbodens an den andrängenden Schenkelkopf. Die 
restirende Behinderung der Einwärtsrollung stellt einen leicht 
zu verschmerzenden Defect vor, denn diese Bewegung kann wohl 
als die physiologisch unwichtigste bezeichnet werden. Niemals 
wird die restirende Aussenrollung eine operative Gorrectur er- 
fordern. 

Dieser Fall kann nur dann eintreten, wenn keine veritable 
Beposition, sondern (eine doppelseitige Verrenkung vorausgesetzt) 
lediglich eine Verlagerung der Schenkelköpfe auf die iliacalen 
Böschungen der hinteren Pfannenwälle erreicht wurde. Die 
Divergenz dieser Ebenen nach vorne aussen bedingt naturnoth- 
wendig dieselbe Richtung des Schenkelkopfes und -Halses und 
folgerichtig maximale Eversion der Beine. Aber selbst in diesen 
Fällen, welche also gar nicht in das Capitel der Reposition 
gehören, war ich noch nicht genöthigt, zur Osteotomie meine 
Zuflucht zu nehmen, da sich die anfänglich maximale Eversion 
der Fussspitzen allmählich bis zu einem erträglichen Grade ver- 
bessern liess. 

Die Lorenz'sche Retentionsmethode hat demnach in der 
rechtwinkeligen (eventuell überstreckten) Abduction ein ver- 
lässliches Schutzmittel gegen die hintere Reluxation gefunden. 
Dieser weitaus grösseren Gefahr begegnet sie in allererster Linie. 
Die secundäre Flexion des eingerenkten Hüftgelenkes während der 
zweiten Fixationsperiode soll einen ähnlichen Schutz gegen das 
kleinere Uebel der vorderen Reluxation nach oben bieten. 

Diese beiden Schutzstellungen sind sicher zweck- 
mässig, da sie dem Schenkelkopfe Bewegungen auf- 



— 289 — 

zwingen, deren Richtung seiner Reluxationstendenz 
entgegengesetzt ist. Diese Schutzstellungen lassen sich in 
einfachster Weise fixiren, ohne dass man genöthigt wäre, zu un- 
sicheren und belästigenden, die Technik unnöthig complicirenden 
„künstlichen" Druckwirkungen zu greifen. 

Der einzige Druck, welchen die Lorenz 'sehe Retention in 
Anspruch nimmt, ist die aus der Reposition spontan sich er- 
gebende Muskelspannung und die aus der Function resultirende 
natürliche Belastung des Pfannenbodens mit dem Körper- 
gewichte. 

Man wird nicht in Abrede stellen können, dass diese 
Retentionsmethode ebenso einfach als logisch ist. 

Irrthümlich hatte sie anfangs die einzige ihr drohende Gefahr 
in der hinteren Reluxation erblickt und gegen dieselbe möglicher- 
weise zu rigorose Gegenmaassregeln in der ., typischen" Ueber- 
streckung ergriffen. Die spätere Erfahrung Hess in der vorderen 
Reluxation nach oben eine weitere, unvermuthete, aber glücklicher- 
weise weit weniger folgenschwere Gefahr erkennen. Dass die 
dagegen ergriffene Schutzmaassregel der seeundären Flexion den 
richtigen Weg zur Vermeidung auch dieser Gefahr darstellt, be- 
weisen mir die immer häufigeren Fälle von tadellos geglückter 
Retention. 

Meine soeben dargelegten theoretischen Anschauungen und 
die damit in vollem Einklänge stehenden praktischen Erfolge 
bestimmen mich, meiner einfachen Retention durch „natürlichen 
Druck" vor der Retention durch ..künstlichen Druck" bis 
-auf Weiteres den Vorzug zu geben. Ja, ich hoffe sogar, dass meine 
Darlegungen auf die Vertreter dieser letzteren Richtung nicht 
ohne Eindruck bleiben werden. 

Als eine nebensächliche Modification der Retentionstechnik 
ist noch der Vorschlag Ducroquet's zu erwähnen, dahin 
lautend, den Unterschenkel bei gestrecktem Kniegelenke in den 
Fixationsverband mit einzubeziehen. 

Zweifellos hat ein solches Vorgehen den Vortheil, dass die 
in Folge der Reposition entstandene Muskelanspannung, welche 
sich in der gewissermassen spastischen Kniegelenkscontractur zu 
erkennen gibt, durch die augenblickliche Streckung dieser letzteren 
für den Zweck der Anpressung des Schenkelkopfes gegen den 
Pfannenboden sofort zur vollen Ausnützung gelangt. Von dem- 

Lorenz, Hüft Verrenkung. 1 9 



— 290 — 

selben Gesichtspunkte geleitet, bin auch ich bei meinen ersten 
Fällen in gleicher Weise vorgegangen, habe aber die Fixirung 
des Kniegelenkes sofort wieder aufgegeben, da die Kinder nicht 
nur unter, den Spannungsschmerzen mehr zu leiden hatten, 
sondern auch in ihrer Bewegung ausserordentlich gehindert 
waren. 

Das frei bewegliche Kniegelenk sichert den zwei- 
gelenkigen pelvicruralen Muskeln die ununterbrochene 
Function und erleichtert nebstbei in ausserordentlicher Weise 
die freie Bewegung des Patienten, während die allmähliche 
Streckung der myogenen Kniegelenkscontractur während der 
Nachbehandlung auf dein Wege activer und passiver Gymnastik 
die Muskelspannung für die Belastung des Pfannenbodens nicht 
minder zur vollen Ausnutzung gelangen lässt. 

Der Vorschlag Brun's, die Kinder behufs Verhütung der 
Reluxationen zur Bettruhe zu verurtheilen, widerspricht voll- 
ständig den Principien einer functionellen Methode. Bei exacter 
Fixation des Gelenkes in richtig gewählter Stellung gibt es kein 
besseres Retentionsmittel, als es die functionelle Belastung des 
Pfannenbodens mit dem Körpergewichte ist. 

XXII. Resultate der Lorenz'schen Methode. 

Wenn gegenüber einem Leiden, welches allen bisherigen 
Bemühungen gespottet hatte, auf einem neuen Wege thatsächliche 
Erfolge errungen und wenigstens die gelungensten unter den- 
selben als „Heilung" bezeichnet wurden, so hätte man für die 
Zulässigkeit dieser Benennung billigerweise wenigstens jene Con- 
cessionen erwarten dürfen, w r elche den Leistungen der ortho- 
pädischen Kunst gegenüber anderen Aufgaben ähnlicher Art seit 
jeher ohne Widerspruch zugestanden worden sind. 

Man spricht von der Heilung des angeborenen Klumpfusses, 
trotzdem bekannt ist, dass das bestgelungene Resultat noch 
immer einigermassen von der vollständig normalen Form differirt. 
Und wäre im Laufe der späteren Zeit, wie es von mir und Anderen 
beobachtet wurde, der congenitale pes varus ein statischer Valgus 
geworden, so wird der ehemalige Klumpfuss noch an der Ferse, 
an den Zehen und an der Wade erkennbar bleiben; ebenso wird 
sich der bestgeheilte Schiefhals durch die mangelhaft ausgeprägte 



— 291 — 

oder gar fehlende Goulisse des Kopfnickers oder durch die Ver- 
schmälerung der Halsbasis oberhalb des Sternoclavicular-Gelenkes 
und die bekannten sonstigen Asymmetrien als ehemaliges Collum 
obstipum verrathen. Wie sieht es nun erst mit der Hasenscharte 
u. dgl. Defectbildungen aus, deren Behandlungsresultate doch 
auch immer als Heilungen gelten! Man könnte die Leistungen 
der ganzen chirurgischen Therapie Revue passiren lassen, und 
es würde sich ergeben, dass jene Fälle von Heilung, welche eine 
absolute AViederherstellung der Norm bedeuten, bedenklich spär- 
lich vertreten sind. Nicht einmal die Heilung der Fracturen würde 
hierher gezählt werden können. 

Nun ist, wenigstens in einer grossen Anzahl von Fällen, bei 
der angeborenen Hüftverrenkung eine Heilung zu erzielen, welche 
dem Ideale einer Restitutio ad integrum weit vollkommener 
entspricht, als. die bestgelungenen Lösungen therapeutischer Auf- 
gaben anderer Art, welche den Namen einer Heilung ohne Re- 
mängelung und Einschränkung verdienen. In anderen Fällen sind 
die gegenüber der angeborenen Hüftverrenkung erzielbaren Resul- 
tate mindestens ebenbürtig denjenigen, welche in den oben an- 
geführten und anderen Beispielen immer als Heilungen bezeichnet 
worden sind. 

Diese einleitenden Bemerkungen schienen mir nothwendig, 
weil ich direct und indirect der Uebertreibung beschuldigt wurde, 
die mir wahrlich ferne gelegen ist. Aus der Sicherheit, mit welcher 
ich seinerzeit mit vollem Rechte die Möglichkeit einer Reposition 
behauptet habe, hat man ganz einfach abstrahirt, ich hätte damit 
auch behauptet, jedesmal Heilungen im strengsten Sinne erreichen 
zu können, und um das Ungeheuerliche dieser Behauptung recht 
auffällig zu machen, erschien es als zweckmässig, den Begriff der 
Heilung etwas strenger zu fassen, als es im Allgemeinen üblich ist. 

a) Resultate in anatomischer Beziehung. 

Wenn von einer Heilung der angeborenen Hüftverrenkung 
gesprochen wird, so ist damit selbstverständlich nicht gemeint, 
dass das Gelenk nach der Reposition und gelungenen Retention 
nunmehr von einem normalen nicht mehr unterschieden werden 
könne, obwohl einzelne, von vorneherein besonders günstig ge- 
legene Fälle, vielleicht selbst dieser extremsten Forderung zu ent- 
sprechen vermögen. 

19* 



— 292 — 

Aber mit solchen Ausnahmsfällen dürfen wir nicht rechnen. 
Dieselben werden kaum häufiger vorkommen als jene durch die 
congenitale Luxation ausser Function gesetzten Hüftgelenkspfannen, 
welche so gut erhalten sind, dass die Reposition der congenitalen 
Hüftverrenkung zum annähernden Analogon der Reposition der 
traumatischen Luxation wird. 

Die Pfanne des congenital luxirten Hüftgelenkes bleibt selbst 
im Falle ihrer möglichst vollkommenen Ausgestaltung durch eine 
gelungene Retention auf dem Röntgenbilde immer als solche 
erkennbar. 

Fast immer zeigt die ausgestaltete Pfanne unregelmässige 
Gontouren. Die Grenzlinie zwischen ihrer knöchernen Grundlage 
und ihrem Knorpelpolster ist mehr weniger verschwommen und 
zeigt häufig unregelmässige knaufartige Höckerchen oder fein- 
zackige opake Ausstrahlungen; wegen der grösseren Dicke des 
knorpeligen Auflagers ist die Distanz zwischen dem Knochen- 
schatten der Pfanne und jenem des Gelenkkopfes etwas verbreitert. 
Dadurch wird die Ineinanderschachtelung der Gelenkkörper zu 
einer weniger innigen. Der Verlauf des oberen Pfannendaches ist in 
der Regel steiler und lateral weniger weit ausladend; die äussere 
Kante des Pfannendaches ist häufig der Sitz stalaktitenähnlicher 
Knochenbildungen, welche der oberen Pfannenhälfte zuweilen 
ein monströses Aussehen verleihen. In diesen Fällen überschreitet 
das Pfannendach seine normalen Dimensionen in der Richtung 
nach aussen. Der Längsdurchmesser der den reponirten Schenkel- 
kopf beherbergenden Pfanne ist meist vergrössert, und dieselbe 
erscheint besonders nach oben zu erweitert. Der Gontour des 
Knochenschattens der oberen Pfannenhälfte zeigt häufig einen 
regelmässig gestalteten niedrigen Sporn mit breiter Rasis und 
stumpfer Spitze; derselbe theilt die knöcherne Grundlage der 
oberen Pfannennische in zwei Abtheilungen, eine untere, 
welche von der Sitzdarmbeinfuge auf die Höhe des Sporns, 
und eine obere, welche von da bis zu der gewöhnlich scharf 
gehörnten lateralen Pfannenkante reicht. Diese beiden Abtheilungen 
sind von verschiedener Grösse; die untere ist die kleinere und 
scheint manchmal vollkommen in der oberen aufzugehen. Der 
Sporn ist meist so niedrig, dass die durch ihn veranlasste 
Unebenheit durch ein dickes Knorpelpolster möglicherweise 
mehr weniger vollständig ausgeglichen wird. Die gedachte 



— 293 — 

Knochenpyramide ist schon durch ihre regelmässige Gestalt, ihre 
gleichmässige scharfrandige Opacität und ihre constante Lage 
in grösserer oder geringerer Nähe der Sitzdarmbeinfuge als eine 
originale Knochenbildung gekennzeichnet und kann nichts anderes 
sein als die obsolete laterale Kante des oberen rudimentären 
Pfannendaches. Die grössere obere Abtheilung der Pfanne, welche 
durch ein neugebildetes, häufig in eine unförmliche Spitze oder 
in zackige Knochenschatten endigendes Pfannendach überragt 
wird, beherbergt den Schenkelkopf (vgl. Fig. 65, 66). 

Die Ausgestaltung der Pfanne ist demnach häufig keine 
concentrische, sondern eine excentrische, mit der Richtungstendenz 
nach oben. Durch diesen Umstand kann selbst bei vollkommen 
solider knöcherner Stützung des eingerenkten Schenkelkopfes 
von oben her eine Verkürzung des Beines mit entsprechendem 
Hochstande der Trochanterspitze veranlasst werden. Diese Ex- 
centricität kann so weit gehen, dass in vereinzelten Fällen eine 
förmliche Pfannenwanderung stattfindet. Nach unten zu erscheint 
die Pfanne meistens offen. 

Wenn die den reponirten Schenkelkopf beherbergende Pfanne 
die beschriebene Untertheilung vermissen lässt, wenn also die 
originäre obere Pfannenkante in Function bleibt und die Pfanne 
sich mehr concentrisch erweitert, so findet es sich doch nur 
selten, dass der obere Pol des Schenkelkopfes mit der Sitzdarm- 
beinfuge abschneidet, wie dies dem normalen Verhalten entspräche. 
In der Regel wird die Knorpelfuge der Pfanne von dem oberen 
Pole des reponirten Schenkelkopfes mehr weniger nach oben 
überragt. Es mag dies die Folge einer tieferen Aushöhlung der 
oberen Pfannennische sein. 

Der Kundige wird also über die Frage, ob in einem be- 
stimmten Falle eine normale Pfanne oder ein noch so gut ge- 
lungener Repositionsfall vorliegt, kaum in ernstlichen Zweifel ge- 
rathen können. 

Selbst wenn die Pfanne eine fast ideale Restitutio ad 
integrum vermuthen lässt, so wird das obere Femurende und 
nicht minder der Femurschaft die ehemalige Luxation verrathen. 
Der Schenkelkopf erscheint kleiner, häufig etwas deformirt, zu- 
weilen sind seine Gontouren wegen retardirter Verknöcherung 
der Kopfepiphyse verschwommener, gewissermassen wesenloser 
als auf der gesunden Seite. 



— 294 — 

An dem Schenkelhalse bleibt die gedrungene Kürze, even- 
tuell seine Steilstellung oder die (seltenere) Flachlegung auf- 
fällig. Die Femurdiaphyse ist gradier und der Durchmesser des 
zarten Schattens der Weichtheile verräth die bestehende Muskel- 
atrophie. Die leichte Asymmetrie des Darmbeines, sowie etwa 
noch vorhandene habituelle Gelenksstellungen (Abduction oder 
Aussenrollung) vervollständigen die unterscheidenden Anhaltspunkte. 

Wenn ich mich auf den rein anatomischen Standpunkt 
stelle, so schrumpft mein zur Stunde verwertbares Beobachtungs- 
materiale von 300 bis Ende 1898 ausgeführten unblutigen Repo- 
sitionen auf 212 Fälle zusammen (102 einseitige, 55 doppelseitige). 
Vor allem mussten jene Patienten ausgeschaltet werden, bei denen 
das erreichte Resultat nur klinisch und nicht auch actinographisch 
beurtheilt werden konnte. Während der Anfangszeit meiner 
Versuche stand mir das Actinogramm überhaupt noch nicht 
zur Verfügung, und die anfänglich gelieferten Bilder waren 
meist unbrauchbar. Viele Patienten entschwanden meiner 
weiteren Beobachtung. Meine nachträglichen Aufforderungen, die 
Kinder wieder vorzustellen, wurden vielfach mit der Bitte be- 
antwortet, ich möge davon absehen, da man von dem ehemaligen 
Gebrechen kaum noch etwas bemerken könne. Wie erfreulich 
auch diese Nachrichten an sich waren, so sah ich mich doch 
ausser Stande, eine nachträgliche actinographische Controle vor- 
nehmen zu können. Ferner habe ich alle jene Fälle ausgeschaltet, 
bei denen seit Beginn der Behandlung nicht mindestens ein Jahr 
verstrichen war. 

Vom anatomischen Standpunkte aus betrachte ich unter 
den oben angedeuteten Einschränkungen alle jene Fälle als geheilt, 
bei denen das Röntgenbild zeigt, dass der Schenkelkopf an- 
nähernd im Pfannenniveau unter einem mit gut ausgebildeter 
lateraler Kante versehenen, opaken, knöchernen Pfannendache 
gestützt ist, während die klinische Untersuchung denselben in 
der Leistenfurche, etwas nach aussen von ihrer Mitte, deutlich 
nachweisen kann. 

Dies trifft an 108 Gelenken zu. Einige besonders typische, 
durch die zugehörigen Krankengeschichten ergänzte Beispiele 
mögen hier ihren Platz finden. 

Auguste K., 11/2 Jahre, Hessen. Lux. cox. dextr. Das kräftig entwickelte 
Kind läuft, erst seit ganz kurzer Zeit. Bemerkenswert ist, dass es vorn ersten 



— 295 — 

Schritte an auf der äussersten Zehenspitze auftrat. Die auffällige Verkürzung 
des Beinchens war übrigens schon früher bemerkt worden. Als ich die ein- 
einhalbjährige Kleine zuerst sah, lief sie munter und ohne Ermüdung, 
wenn auch mit starkem Hinken umher, und hielt dabei den rechten Fuss in 
höchstgradiger Spitzfussstellung, eine höchst auffallende Erscheinung an einem 
so jungen Kinde. Thatsächlich betrug die Verkürzung über 3 Centimeter und 
war merkwürdig rigide. Die Erklärung dieses auffallenden Befundes war vor 
allem in der sehr kräftig entwickelten Musculatur zu suchen. Der Schenkelkopf 
sass deutlich an der hinteren Fläche des Darmbeines [ebenfalls ein ganz un- 
gewöhnlicher Befund an einem so jungen Kinde] und war nach oben sehr gut 
gerundet, nach innen deutlich abgeflacht. Der Schenkelhals war nichts weniger 
als depressionirt, im Gegentheile ganz deutlich stärker aufgerichtet als der ge- 
sundseitige. Die Ueberraschungen des ungewöhnlichen Falles waren damit noch 
nicht zu Ende. Ich erinnere mich kaum, dass mir ein Repositionsversuch — die 
veraltetsten Fälle ausgenommen — solche Schwierigkeiten gemacht hätte als 
gerade dieser. Mit voller Kraft zu arbeiten, schien bei der zarten Jugend des 
Kindes riskirt und einer massigen Gewalt gaben die Theile nicht nach. Unter 
solchen Umständen war die Reposition ein wahres Geduldspiel. Anstatt die Sache 
mit einem Handgriffe zu bewältigen, musste ganz methodisch vorgegangen 
werden. Durch längere Zeit wurde kräftigste manuelle Extension geübt. Bei 
dem nachherigen Versuch der Abduction erwiesen sich die Adductoren als 
ausserordentlich starre verkürzte Stränge, welche der allmählichen Dehnung ganz 
unzugänglich waren. Es blieb nichts übrig, als dieselben einzureissen. Dies ge- 
schah mittelst sägender Bewegungen der äusseren Handkante, welche gegen die 
oberen Insertionen der in stärkste Spannung versetzten Muskeln angepresst 
wurde. Erst nach diesen langwierigen und gründlich ausgeführten Vorbereitungen 
gelang die Reposition, noch immer schwierig genug, mittelst rectangulärer Ex- 
tension und gleichzeitiger Abduction. Die Phänomene waren präeise. Eine 
neue Ueberraschung bot die Prüfung der Stabilität behufs Bestimmung der 
primären Fixationsstellung. Nach den Phänomenen hätte man gemeint, auf eine 
gute Stabilität rechnen zu können. Ganz im Gegentheile war die Reposition 
gegen eine Stellungsverbesserung in dem Grade empfindlich, dass schon bei 
einer Verminderung der negativen Abduction bis wenig unter 90 Grad die 
Reluxation des Schenkelkopfes nach oben ganz lautlos und mit kaum merkbarer 
Erschütterung erfolgte. Ich war genöthigt, den Schenkel in negativer Abduction 
bei voller Strecklage zu fixiren. In seinem unbezähmbaren Bewegungsdrange 
lernte das Kind zu unser aller Ueben-aschung schliesslich dennoch allein zu 
gehen. Nach nur dreimonatlicher Fixation war die negative Abdnctionscontractur 
derart rigide geworden, dass ich das Kind nach Abnahme des ersten Verbandes 
durch mehrere Tage vollständig freiliess, um die stellenweise etwas excoriirte 
Haut abheilen zu lassen. Das Beinchen blieb während mehrerer Tage unver- 
ändert in derselben Stellung stehen. Vor Anlegung des zweiten Verbandes wurde 
die Abduction nur so w T eit corrigirt, als sich ohne jede Gewalt momentan er- 
reichen Hess. Das Kind konnte in seinem zweiten Verbände ungleich besser. 
aber immer noch mit Hindernissen gehen. Nach sechsmonatlicher Fixation blieb 
die Kleine vollkommen frei, und zwar sowohl bei Tage, als auch bei Nacht. 
Die ziemlich rigide restiren de Abduction wird gymnastisch allmählich auf 



— 296 — 

2 Centimeter verringert, und das Kind mit einer 2 Centimeter hohen Sohle 
unter dem gesunden Beine vollständig sich selbst überlassen. Es werden keine 
Bewegungen vorgenommen, sondern lediglich Massage gebraucht. Genau ein 
Jahr nach der Reposition hatte sich die habituelle Abduction spontan verloren. 
Der Schenkelkopf sitzt an normaler Stelle, knapp neben dem Arterienpulse. Die 
Trochanterspitze steht in der Linie, eine reelle Verkürzung ist nicht nach- 
zuweisen; die Bewegungen sind nach allen Richtungen vollständig frei, das 
Abductionsgebiet beträchtlich erweitert. Eine ganz leichte habituelle Aussen- 
rollung erinnert noch an die Behandlung. Der Gang des Kindes ist im strengsten 
Sinne des Wortes normal. 

l l / 2 Jahre nach der Reposition wurde mir das Röntgenbild (Fig. 54) ein- 
gesendet. Das ehemals verrenkte Hüftgelenk zeigte Verhältnisse, welche der 




Fig. 54. Rechtes Hüftgelenk, durch unblutige Reposition anatomisch restituirt. 



Norm so sehr nahe kommen, dass man von einer anatomischen Restitutio ad 
integrum sprechen kann. Der obere Pol des Schenkelkopfes ist von einem gut 
ausladenden Pfannendache mit scharf geschnittener oberer Kante überdacht. 
Lediglich die Knorpelschicht zwischen dem Knochenschatten des Pfannenkörpers 
und dem Knochenschatten der Kopfepiphyse scheint etwas breiter als auf der 
gesunden Seite. Im Uebrigen erinnert nur der etwas klobige, sichtlich steiler 
gestellte Schenkelhals und die etwas dünnere Oberschenkeldiaphyse an den 
ehemaligen Befund einer Hüftverrenkung. 

2 Jahre nach der Reposition wird mir gemeldet, dass die in jeder Be- 
ziehung absolut normalen Verhältnissen bestehen geblieben sind, und dass die 
Eltern überhaupt schon darauf vergessen hätten, jemals ein krüppelhaftes 
Kind besessen zu haben. 

Jenny B., 6 J., Mähren. Lux. cox. sin. Eine ältere Schwester der Patientin 
war vor 5 Jahren von mir wegen rechtsseitiger Hüftgelenksluxation der operativen 
Reposition — nebenbei gesagt mit glänzendem Erfolge — unterzogen worden. 



— 297 — 

Während der Behandlung dieser älteren Schwester ring die jüngere eben mit 
den ersten Gehversuchen an. Die Eltern bemerkten zu ihrem nicht geringen 
Entsetzen, dass das Kind genau denselben Gang hatte wie ihre vor kurzem 
operirte ältere Tochter, und brachten mir das zarte, 22 Monate alte Kind zur 
Untersuchung. Es bestand thatsächlich eine hintere, iliacale, sehr schlotterige 
Luxation. Das obere Femurende war ausserordentlich stark verdickt und schien 
keulenartig oder humeruskopfähnlich gestaltet. Der Schenkelhals war kaum als 
Furche angedeutet, der Kopf sehr stark abgeplattet, nur seine vordere äussere 
Rundung schien gut erhalten und erweckte den Anschein einer beträchtlichen 
Anteversion. Wäre das Kind zu einer blutigen Operation auch nicht zu jung 
und zart gewesen, so hätte ich dieselbe wegen dieser höchst ungünstigen For- 




Fig. 55. Linksseitige Reposition ; der atrophische Schenkelkopf wird zu zwei Dritttheilen von 
dem mit scharfer Spitze endigenden Pfannendache gedeckt. 



mation des coxalen Femurendes unbedingt abgelehnt. Ich empfahl vorläufig von 
jeder Behandlung abzusehen, das Kind nach Belieben laufen und sich kräftigen 
zu lassen. 4 Jahre später wurde mir die Kleine abermals vorgestellt. Sie sei 
nun, meinten die Eltern, kräftig genug geworden, um ebenfalls der operativen 
Reposition unterzogen zu werden, welche an der älteren Tochter ein so aus- 
gezeichnetes Resultat ergeben hatte. Speciell die Mutter hatte sich in den Ge- 
danken einer blutigen Operation so sehr hineingelebt, dass sie von meinem 
Vorschlage der unblutigen Behandlung zuerst nichts wissen wollte, da ihr dieser 
Weg nicht sicher genug schien. Erfreulicherweise konnte ich mich von der 
Thatsache überzeugen, dass das obere Femurende sich in der Zwischenzeit 
wesentlich besser entwickelt hatte. Speciell der Schenkelhals war, wenn auch 
noch kurz, so doch deutlich vom Kopfe differencirt, und dieser selbst war 
wenigstens grösser und gleichmässiger rund geworden als seinerzeit. Die Ver- 
kürzung betrug 3 - 5 Centimeter, das Hinken war sehr auffallend, über rasche 
Ermüdung und Hüftschmerzen wurde häufig geklagt. Die typische Reposition 



298 



„aus freier Hand'' gelang sehr leicht unter markanten Symptomen. Ueber- 
raschenderweise war der primäre Halt relativ gut, so dass das Gelenk in ge- 
ringer Beugung und circa 45 Grad Abduction, also in einer gewissen Mittellage, 
fixirt werden konnte. Der erste Verband, in welchem das Kind gut laufen 
konnte, blieb 6 Monate unangetastet liegen. Hierauf wurde die Patientin voll- 
ständig frei gegeben und die Correctur der Stellung auf gymnastischem Wege 
ganz allmählich angestrebt. Die restirende habituelle Abductionslage wurde sich 
selbst überlassen. 

Das 1Y 2 Jahre nach der Operation aufgenommene Röntenbild (Fig. 55) 
zeigt das reponirte Hüftgelenk annähernd restttuiit. Dasselbe stellt gewisser- 
massen eine Miniaturausgabe des rechten normalen Gelenkes vor. Ein ziemlich 
breites, oberes Pfannendach deckt etwa zwei Dritttheile des atrophischen 
Schenkelkopfes. 

Die linke Beckenhälf'te zeigt ha- 
bituelle Senkung, welche zum Aus- 
gleich der 1 Centimeter betragenden 
Verkürzung gerade ausreicht. Der 
linke Femurschaft ist ebenso wie 
das linke Bein auffallend atrophisch. 
Das reponirte Gelenk ist vollkommen 
frei beweglich und verträgt kräftige 
passive Adductionen.Der functionelle 
Erfolg ist ein derartig vollkommener, 
dass man von absoluter Heilung 
sprechen kann, welche seit 2 1 j 2 Jahren 
unverändert fortbesteht. 

Karl W., 3 J., Niederösterreich. 
Lux. cox. dextr. Patient ist seit 
jeher Zehengeher, hinkt sehr stark 
und ermüdet ausserordentlich leicht. 
Die Verkürzung beträgt reichlich 

3 Centimeter. Der Schenkelkopf lässt sich weit nach rückwärts vorstülpen, 
ist gut gerundet, nicht merklich verändert, der Schenkelhals gedrungen 
und kürzer als de norma. Nach manueller Extension und kräftiger Dehnung 
der Adductoren, welche ohne merkliche Läsion nachgeben, erfolgt die 
typische Reposition aus freier Hand unter massig prägnanten Symptomen; 
auch die Stabilität ist augenblicklich eine geringe. Erst nach längerem ener- 
gischen Andrängen des Schenkelkopfes gegen die Vorderkapsel gewinnt der- 
selbe auf dem Pfannerorte einigermassen besseren Halt, so dass eine Abduction 
von circa 45 Grad bei leichter Beugestellung des Gelenkes (Mittellage) als 
Primärstellung fixirt wird. Nach wenig Tagen konnte der Knabe mit dem Gehen 
beginnen und erlangte darin bald eine bemerkenswerte Fertigkeit. Nach 

4 Monaten wurde der Verband gewechselt. Da die Haut stellenweise gereizt 
war, wurde mit der Anlegung des zweiten Verbandes einige Tage gezögert. 
Mittlerweile behielt der Knabe die 2 Centimeter betragende Sohlenerhöhung 
unter dem gesunden Fusse bei. Als ich zur neuerlichen Fixirung des Gelenkes 
schreiten wollte, zeigte sich, dass der Schenkelkopf in der Leistenmitte knapp 




Fig. 56. Keeht^seitige Reposition. Das Hüftgelenk 
anatomisch annähernd restituirt. 



— 299 — 

neben dem Arterienpulse unverrückbar fest stand, so dass ich von der Fortsetzung 
der Fixationsbehandlung ganz absehen konnte und dem Knaben seine volle 
Freiheit liess. Die Behandlung hatte in diesem Falle also nur 4 Monate ge- 
dauert. Nach einiger Zeit wurde die hohe Sohle unter dem gesunden Beine 
weggelassen. Eine Verkürzung war mit dem Bandmaasse kaum nachzuweisen; 
Beugung und Streckung ist bis über den rechten Winkel frei und geschieht ohne 
Combination mit Abduction. Die active Abduction gelingt bis 90 Grad, ja selbst 
darüber hinaus. Adduction und Einwärtsrollung ist eingeschränkt, massige habi- 
tuelle Aussenrollung vorhanden. 

Das Eöntgenbild Fig. 56 zeigt den Schenkelkopf unter dem gut aus- 
bildeten Pfannendache vollständig gestützt. Dasselbe ist reichlich in die Breite 
entwickelt, so dass die Verticalprojection seiner lateralen Kante den kurzen 




Fig. 57. Linksseitige Eeposition. Das steil gestellte obere Pfannendacli reicht eben noch bis 
zur Höhe des oberen Kopfpoles. Function tadellos. 



steilen Schenkelhals trifft. Doch scheint die obere Pfannennische weniger tief 
ausgehöhlt als an der normalen Seite und die Knorpelzone zwischen dem Pfannen- 
dache und dem kleinen Kopfe etwas verbreitert. Das functionelle Resultat ist 
2 Jahre nach der Reposition ein derart ideales, dass von dem ehemaligen Ge- 
brechen auch nicht die geringste Spur zu erkennen ist. 

Johann von Fl., 4 J., Galizien. Lux. cox. sin. Der etwas pastöse und 
blasse Knabe geht stark hinkend auf der linken Fussspitze. Die Verkürzung 
beträgt 3 Centimeter und ist durch Zug leicht ausgleichbar. Das Gelenk ist 
sehr schlotterig, der Schenkelkopf und Hals gut entwickelt, normal gerichtet, 
durch Vorstülpen nach hinten in seinem ganzen Umfange leicht abtastbar. Bei 
Streckstellung des Hüftgelenkes ist der Schenkelkopf im äusseren Abschnitte 
der Leistenfurche nachzuweisen. An der normalen Lagerungsstelle des Schenkel- 
kopfes ist die Inguinalfurche vertieft und deutlich eindrückbar. Die typische 
Reposition gelingt nach vorausgeschickter Adductorendehnung aus freier Hand 
und ist von höchst prägnanten Symptomen begleitet. Der primäre Fall ist eher 
über dem Mittelmaasse, aber gegen die leiseste Innenrollung ausserordentlich 



— 300 — 

empfindlich. Der Schenkel wird in einer Stellung fixirt, welche der Gelenks- 
mittellage nahe kommt (die Abduction beträgt etwa 50 Grad bei leichter Beu- 
gung und indifferenter Rollung). Dauer der ersten Fixationsperiode 5 Monate; 
wegen der seinerzeitigen auffallenden Schlaffheit des Gelenkes wurde die zweite 
Fixationsperiode in etwas verminderter Abduction auf 4 Monate bemessen. Das 
Kind erkrankte 1 Monat nach dem zweiten Verbände an Pneumonie, so dass 
sich die behandelnden Aerzte veranlasst sahen, den Verband abzunehmen. Ich 
glaubte das Resultat, zumal bei der durch die hohen Fiebertemperaturen ver- 
ursachten Muskelerschlaffung gefährdet und war um so angenehmer überrascht, 
als mir der Knabe nach seiner Reconvalescenz fast normal gehend wieder vor- 
gestellt wurde. Durch kräftige Massage und Gymnastik hatte die Musculatur bald 
wieder ihren Tonus gewonnen. Die Durchleuchtung ergab 1 Jahr nach der Reposition 
eine weite flache, nach unten zu offene Pfanne (Fig. 57), deren oberes, etwas 
steiles Dach mit seiner lateralen Kante die Höhe des oberen Kopfpoles gerade 
noch deckt. Der Schenkelkopf stand unverrückbar in der Leistenmitte fest. Die 
Bewegungen des Gelenkes vollkommen frei. Die restirende Verkürzung erreicht 
kaum 1 Centimeter. 2 Jahre nach der Operation konnte der Junge, was Gleich- 
raässigkeit und Ausdauer des Ganges betrifft, von einem gesunden Kinde absolut 
nicht unterschieden werden. Das erreichte functionelle Resultat steht also mit 
dem Röntgenbilde durchaus nicht im Einklänge. Nach diesem letzteren zu 
urtheilen, hätte man vielleicht ein mangelhaftes Resultat befürchten können, 
der thatsächliche, über jede Kritik erhabene Erfolg straft das Schattenbild Lügen. 
Margit von B., 4 J., Ungarn. Lux. cox. sin. Gesundes, kräftiges Kind. 
Schon an dem Säugling wollen die Eltern eine zurückgebliebene Entwickelung 
der ganzen linken Körperhälfte, namentlich des linken Beines, ja sogar der 
linken Gesichtshälfte, bemerkt haben. Die Geburt sei um 4 Wochen zu früh 
erfolgt. Als das Kind zu laufen anfing, wurde schon ein leichtes Hinken bemerkt, 
welches sich im Laufe der Zeit steigerte, ohne jedoch sehr auffallend zu werden. 
Nur bei Ermüdung wird das Einsinken stärker und das Kind beginnt über 
Schmerzen in der Hüfte zu klagen. Die Messung ergab eine durch Zug leicht 
ausgleichbare Verkürzung von 2 Centimeter. Durch Beugung und Adduction 
lässt sich der Kopf nach hinten vorwälzen, aber nicht vollständig umgreifen. 
Derselbe ist übrigens schön rund und sehr gut entwickelt, der Hals kurz und 
massig antevertirt. Die Einrenkung gelang aus rechtwinkeliger Beugestellung 
des Gelenkes mittelst kräftiger manueller Extension in der Richtung der Ober- 
schenkeldiaphyse unter gleichzeitigem Drucke gegen den Trochanter; eine 
wesentlich verstärkte Abduction war zur Einrenkung gar nicht nothwendig. Deut- 
liche und zweifellose Einrenkungsphänome konnten nicht mit voller Sicherheit 
constatirt werden. Jedenfalls fehlte das Geräusch vollkommen. Hingegen war 
eine minimale Erschütterung zu constatiren. Die Retention bot ausser- 
ordentliche Schwierigkeiten. Es bedurfte eines sehr energischen, etwa viertel- 
stündigen bohrenden Eintreibens des Schenkelkopfes gegen die fibröse vordere 
Wand der Pfannentasche, um für den Schenkelkopf etwas mehr Raum 
zu schaffen. Dabei wurde die Abductionsstellung bis auf 90 Grad ge- 
steigert, ohne dass ein Einreissen der sehr dehnbaren Adductoren hätte 
bemerkt werden können. Dieses bohrende Eintreiben des Schenkelkopfes ge- 
schah unter Zuhilfenahme sehr intensiver Ueberstreckung; bei der allmählichen 



— 301 — 



Steigerung- dieser extremen Stellung wurde ein knirschendes Geräusch wahr- 
genommen, welches auf ein Nachgeben oder partielles Einreissen einzelner be- 
sonders stark gespannter Faserzüge der vorderen Kapsel bezogen wurde. That- 
sächlich hatte der Schenkelkopf dank dieser sehr anstrengenden Bemühungen 
schliesslich etwas an Lagerungsterrain gewonnen. Aber die Stabilität blieb trotz- 
dem so gering, dass der Kopf aus der Pfanne fiel, wenn man die extremen 
Schenkelstellungen auch nur einigermassen verbesserte. Merkwürdigerweise 
war die Reposition gegen eine Verminderung der rechtwinkeligen Abduction von 
grösserer Toleranz als gegen die Verminderung der Ueberstreckung. Es blieb 
schliesslich kein anderer Ausweg übrig, als das Bein in sehr prononcirter Ueber- 
streckung, combinirt mit circa 45 Grad Abduction, zu fixiren. Die Schwierig- 
keiten der primären Retention hatten sich also weit grösser erwiesen, als voraus- 
gesehen werden konnte. Entgegen meinen Befürchtungen erlernte das Kind in 
relativ kurzer Zeit, sich in ihrem Verband selbstständig zu bewegen. Instinctiv fand 
sich die Kleine mit der Ueber- 
streckung ab und zog das fixirte Bein 
hinter dem vorschreitenden gesunden 
Beine nach. Angesichts der schwie- 
rigen Verhältnisse war eine längere 
Dauer der Fixation der Primärstellung 
und grösste Vorsicht bei der späteren 
Correctur von vornherein geboten. 
Trotzdem konnte ich der Versuchung 
nicht widerstehen, nach 4 Monaten 
schon nachzusehen, ob der Kopf 
noch in der Leistenmitte liege. Ich 
fand denselben an seinem Platze. 
Gleichzeitig aber zeigte sich eine 
solche Rigidität der Primärstellung, 
dass ich ohne Bedenken eine leichte 

Stellungscorrectur vornehmen durfte. Nach im Ganzen '»monatlicher Fixation 
in zwei Verbänden wurde zur gymnastischen Behandlung übergegangen. 
Schon nach wenigen Wochen hatte das Gelenk seine volle Freiheit in der Be- 
wegung wieder erlangt, das Abductionsgebiet war dauernd bis in die Nähe de s 
rechten Winkels erweitert, die active Adduction hingegen sehr beschränkt; Beu- 
gung und Streckung völlig frei. Die Trochanterspitze ragte minimal über die 
Linie, eine Verkürzung war kaum nachzuweisen; wenn sie vorhanden ist, kann 
dieselbe höchstens 1 bis 2 Millimeter betragen. Der Gang des Kindes kann als 
vollständig normal bezeichnet werden. Dabei ist die Kleine unermüdlich und 
macht die weitesten Wege. Die Patientin wurde in der Sitzung der k. k. Gesell- 
schaft der Aerzte in Wien am 25. November 1898 als ideal geheilter Fall vor- 
gestellt. Das 14 Monate nach der Einrenkung aufgenommene Röntgenbild 
(Fig. 58) zeigt den Schenkelkopf mit circa zwei Dritttheilen seines oberen 
Poles unter einem ziemlich gut ausladenden Pfannendache situirt. 2 Jahre nach 
der Reposition ist die Kleine in ihren Bewegungen von einem absolut 
gesunden Kinde nicht mehr zu unterscheiden. Sie trägt weder einen Apparat, 
noch eine Sohle, und hat auf ihr ehemaliges Gebrechen völlig vergessen. Der 




Fig. ,">8. Linksseilige Reposition; anatomische 

Restitution des Gelenkes; absolute functionelle 

Heilung. 



— 302 — 

Fall ist insoferne interessant, als er zeigt, dass auch trotz zweifellos un- 
günstigen anatomischen Verhältnissen ein ideales Endresultat erreicht werden kann. 
Christine E., 5 J., Böhmen. Lux. cox. dextr. Ein strammes, gesundes, 
blondes Kind, welches durch ihr Gebrechen, da sie wohl stark hinkt, aber 
durchaus leistungsfähig im Gehen ist, kaum belästigt wird. Die Verkürzung ist 
sehr unnachgiebig und beträgt fast 4 Centimeter. Zehengang. Der Schenkelkopf 
ist gut entwickelt, gut gerichtet, der Hals kurz und dick, nicht depressionirt, 
eher etwas aufgerichtet. Die Kopfverhältnisse erlauben eine gute Prognose. Vor 
der Einrenkung kurze Schraubenextension und Myorhexis adductorum. Das 
typische Verfahren misslingt, offenbar in Folge unzureichender Körperkräfte. 
Der Trochanter wird deshalb auf den Keil gebettet und der Schenkelkopf mit 
Hilfe desselben über den hinteren Pfannenrand getrieben. Repositionsphänomene 
sehr prägnant. Trotz ausgiebiger Dehnung der vorderen Kapsel gewinnt der 
Schenkelkopf wenig Raum und kann eine halbwegs gute, primäre Stabilität 
nicht erreicht werden. Namentlich gegen leichte Beugung ist die Reposition 
intolerant; es musste daher von der beabsichtigten Fixirung einer Mittellage 
Abstand genommen werden. Immerhin war die primäre Stabilität gross genug, 
um extreme Einstellung überflüssig zu machen. Eine deutlich überstreckte Ab- 
duction von etwa 50 Grad garantirte die Sicherheit der Reposition vollkommen. 
Dabei steht der Kopf unverrückbar in der Leiste fest und ist hier als Prominenz 
deutlich sichtbar. Mit einer Sohlenunterlage von 3 Centimeter unter dem ge- 
sunden Fusse kann das Kind bald sehr gut gehen. Nach ömonatlicher Fixirung 
der Primärstellung wurde constatht, dass der Schenkelkopf seine Position in 
der Leistenmitte knapp nach aussen von der Arterie beibehalten hatte und 
hier nicht nur durch Rollung wahrgenommen, sondern auch als deutliche Pro- 
minenz gesehen werden konnte. Die Ueberstreckung wurde aufgegeben, die Ab- 
duction auf 2 Centimeter vermindert. In Anbetracht der bereits erreichten 
Solidität der Reposition wurde von einem zweiten Gipsverbande abgesehen und 
lediglich eine Abductionshülse für den Nachtgebrauch verordnet. Kräftige Ad- 
ductionsgymnastik und Mobilisirung des etwas rigiden Hüftgelenkes. Ein Jahr 
nach der Reposition kann ein Resultat constatht werden, welches wohl als ein 
ideales bezeichnet werden darf. An dem Gange des Kindes ist auch nicht 
die kleinste Unregelmässigkeit nachzuweisen, die Ausdauer im Gehen ist voll- 
kommen normal, der Fussspitzengang selbstverständlich verschwunden. Eine 
minimale Längendifferenz der Beine ist kaum nachzuweisen. Der Trochanter 
minimal über der Linie. Der Schenkelkopf rollt in der Leistenmitte, Beu- 
gung und Streckung vollkommen frei, das Abductionsgebiet weit über die 
physiologische Grenze erweitert, die Adduction eingeschränkt. Das Röntgenbild 
(Fig. 59) zeigt den Schenkelkopf ein wenig ober dem Fugenkreuze, unterhalb 
des Hüftbeindaches stehend. Im Vergleiche zur gesunden Seite ist dieses Pfannen- 
dach zwar etwas steiler, jedenfalls aber überdacht es vollständig den reponirten 
Schenkelkopf, l 1 /^ Jahre nach der Reposition hat sich das Kind wieder vor- 
gestellt. Die geschilderten Verhältnisse sind dieselben geblieben, nur die Muskel- 
kraft des Beines hatte so sehr gewonnen, dass auch in dieser Richtung eine 
Restitutio ad integrum constatirt werden konnte. 

Helene M., 7 J., Russland. Lux. cox. dextr. Kräftig entwickeltes 
Mädchen von stämmigem Knochenbau und prallen Weichtheilen; die bisherige 



— 303 



Behandlung' hatte seit der Entdeckung - des Gebrechens in nächtlicher Extension 
und Massage bestanden; bei Tage war durch mehrere Jahre eine Abductions- 
schiene, in letzter Zeit nur ein Stützcorset getragen worden. Das Resultat der 
bisherigen Bemühungen war eine Verkürzung von reichlich 5 Centimeter (die 
kranke Sohle stand in Knöchelhöhe des gesunden Fusses) und stark hinkender 
Gang in äusserster Spitzfussstellung. Trotz des Hinkens war das Kind im Gehen 
dank seiner kräftigen Muskulatur ziemlich ausdauernd. Die Verkürzung auf- 
fallend starr. Schenkelkopf und Hals gut gebildet, gut gerichtet, der Hals 
vielleicht etwas flacher gelegt. Die Herabholung des Schenkelkopfes geschah 
durch scharfe Schraubenwirkung (ohne Tenotomie), die Abductionserweiterung* 
erforderte gründliche Myorhexis adductorum. Die Einrenkung gelingt durch 
rechtwinkelige Abduction auf dem Keile. Die Eepositionsphänomene waren in 
diesem Falle von einer Prägnanz, dass man wirklich hätte glauben können, man 
habe es mit einer traumatischen Luxation zu thun. Als der Kopf den hinteren 
Pfannenrand übersprang, gab es einen förmlichen Knall und eine Erschütterung, 
welche sich dem Oberkörper des 
Operateurs mittheilte. In Ueber- 
einstimmung mit diesen ausge- 
zeichneten Phänomenen erwies 
sich die primäre Stabilität als 
eine selten solide; in etwa 45 Grad 
Abduction und leichter Beugung 
stand das Bein, sich selbst tra- 
gend, frei im Räume. Die beträcht- 
liche Verlängerung des Ober- 
schenkels war evident, der Schen- 
kelkopf in normaler Stellung in 
der Leiste fühlbar. Beim Ver- 
suche, die Abduction zu ver- 
mindern, erfolgte die Reluxation 

nach hinten (unter ebenfalls höchst prägnanten Phänomenen) erst bei einer 
Stellung, welche sich der indifferenten schon sehr näherte. Es wurde daher 
eine Abduction von circa 25 Grad combinirt mit leichter Beugung, also eine 
mittlere Gelenkslage als Primärstellung gewählt. 5 Tage nach der Reposition 
fiel mir eine augenscheinliche Verkürzung des Beines auf. Das untere Ende des 
Verbandes, welches unmittelbar nach der Operation im Niveau der Kniegelenks- 
linie gelegen war, reichte merklich auf das Caput tibiae herab. Ich war meiner 
Sache unsicher geworden; möglicherweise hatte sich die Abduction in dem 
Verbände etwas vermindert, möglicherweise aber war die Stellung zu günstig 
gewählt worden und Reluxation eingetreten. Um volle Klarheit zu haben, wurde 
der Verband abgenommen. Eine Reluxation war nicht vorhanden, sondern es 
war lediglich eine geringe Verminderung der primären Abduction in dem Ver- 
bände eingetreten. Um mich vollständig zu vergewissern, reluxirte ich den 
Schenkelkopf nach rückwärts, nahm eine neuerliche Reposition vor und fixirte 
diesmal zu meiner Beruhigung in 45 Grad Abduction ohne Ueberstreckung. Das 
Kind wurde für 6 Monate in seine Heimat (hinter Moskau) zurückbefördert. 
Nach Ablauf dieser Frist wurde unter Ueberwindung von Schwierigkeiten (mit 




Fig. 59. Rechtsseitige Restitution in anatomischer 

und functioneller Beziehung trotz der steileren 

Stellung des rechten Pl'annendachos. 



304 



Hilfe des Hüftredresseur) die Abduction auf 2 Centinieter vermindert. Der 
Schenkelkopf blieb unverrückt in der Leiste stehen. Der zweite Verband blieb 
gleichgiltiger und zufälliger Nebenumstände halber durch volle 8 Monate liegen. 
Während dieser Zeit konnte sich das Kind vollständig ungehindert bewegen. 
Nach 14 Monaten (einer bei dem vorliegenden Falle gewiss doppelt zu lang 
bemessenen Pixationsdauer) wurde die restirende Abduction gymnastisch beseitigt. 
Der Schenkelkopf rollt in der Leistenmitte knapp nach aussen vom Arterienpulse 
und bedingt eine merkliche Verseichtung der Leistenfurche. Die Hüftgelenks- 
contouren sind vollkommen normal. Die restirende Verkürzung beträgt 1 Centi- 
meter. Bei rechtwinkeliger Beugung steht die Trochanterspitze in der Linie. 
Beuge- und Streckstellung sind über den rechten Winkel hinaus frei und noch 
etwas mit Abduction verquickt. Die active Abduction kann mit Leichtigkeit bis 
über den rechten Winkel hinaus ausgeführt werden. Auf dem kranken Fusse 
vermag das Kind bei hocherhobener gesundseitiger Beckenhälfte minutenlang 




Fig. CO. Rechtsseitige Reposition. Tueilweise anatomische Restitution bei idealem fanctionellen 

Erfolge. 



zu hüpfen. Der Gang ist sowohl mit Bezug auf Ausdauer als auch auf Gleich- 
mässigkeit ein vollkommen normaler zu nennen. Sowohl aus der Function als 
nach der klinischen Untersuchung konnte auf eine vollständige Restitution des 
Gelenkes geschlossen werden. Diese Vermuthung fand in dem l 1 2 Jahre nach der 
Reposition aufgenommenen Röntgenbilde (Fig. 60) eine annähernd ausreichende Be- 
stätigung. Das obere Femurende zeigt im Einklänge mit der noch vorhandenen ha- 
bituellen Aussenrollung des Beines zwar eine ausgesprochene Sagittalstellung, so 
dass der Schenkelhals in der Ansicht von rückwärts nicht gesehen werden kann, 
aber der Knochenschatten des Trochanter major ist bis über die mediale Hälfte 
hinaus von einem gleichmässig gerundeten, mit scharfer lateraler Spitze endi- 
genden Pfannendache solid gestützt. Das Röntgenbild zeigt also Verhältnisse, 
welche weit entfernt davon sind, der Norm auch nur nahe zu kommen. Jeden- 
falls aber geht aus dem Schattenbilde im Zusammenhalte mit der klinischen 
Untersuchung hervor, dass der Schenkelkopf unter einem knöchernen Pfannen- 
dache steht und dasselbe wie ein Strebepfeiler von unten her stützt. Unter 
solchen Umständen erklärt sich bei der gleichzeitig vorhandenen freien Be- 
weglichkeit des bis zu einem gewissen Grade restituirten Gelenkes und bei der 



— 305 — 

normalen Kraft der die Gelenksbewegungen führenden Muskulatur der ideale 
funetionelle Erfolg. 2 l / 2 Jahre nach der Einrenkung ist das Kind von einem 
gesunden mit Rücksicht auf Gleichmässigkeit und Ausdauer des Ganges nicht 
zu unterscheiden. 

Helene W., 8 J., Galizien. Lux. cox. sin. Das kräftige, gesunde, über 
sein Alter entwickelte Kind war anderwärts schon zweimal einer angeblichen 
(unblutigen) Reposition unterzogen worden. Da die Eingriffe beidemale erfolglos 
blieben, wurde das Kind an mich gewiesen. Ich constatirte den unveränderten 
Fortbestand einer gewöhnlichen hinteren iliacalen Luxation bei 3 Centimenter 
straffer Verkürzung. Der Schenkelkopf medial ziemlich abgeplattet, Hals kurz, 
aber normal gerichtet. Die Reposition war sehr schwierig und ihre Zufälle 
Hessen mir die Täuschung des Operateurs gelegentlich der ersten Einrenkungs- 
versuche sehr begreiflich erscheinen. Vor allem bedurfte es sehr scharfer und 
länger anhaltender Schraubenextension und gründlicher Myorhexis adductorum, 
ehe man mit einiger Aussicht auf Erfolg zur Reposition selbst schreiten konnte. 
Beide vorbereitenden Acte waren, wie mir berichtet wurde, gar nicht, oder doch 
nur unvollständig ausgeführt worden.) Die Reposition geschah unter ziemlicher 
Schwierigkeit durch forcirte Abduction auf dem Keile. Im Verlaufe der Be- 
mühungen, namentlich während der allmählich gesteigerten Abduction, kam es 
zu verschiedenen accidentellen Geräuschen, welche _temporären Anspannungen 
einzelner Kapselpartien ihren Ursprung verdankten, und von» dem ersten Ope- 
rateur wahrscheinlich für Einrenkungsgeräusche genommen worden waren. 
Nach ziemlicher Mühe und nach gründlicher Mobilisirung des Schenkelkopfes 
durch Ausdehnung der Vorderkapsel konnte endlich die niedrige Stufe des 
hinteren Pfannenrandes mit einer jeden Zweifel ausschliessenden Sicherheit 
nachgewiesen werden. Der leichte Ruck und das geringe, aber deutlich hör- 
bare, etwas knirschende Geräusch entstand mit absoluter Constanz jedesmal, 
so oft man den Schenkelkopf über den hinteren Pfannenrand passiren liess. 
Der primäre Halt war ausserordentlich gering. Schon eine unbedeutende Ver- 
minderung extremer Abduction hatte eine fast laut- und geräuschlose Reluxation 
des Schenkelkopfes zur Folge. Es bedurfte einer Abduction von nahezu 90 Graden 
und starker Ueberstreckung, um den Schenkelkopf sicher am Pfannenorte zu 
halten. Lange Fixationsdauer und vorsichtige Correctur wurde ad notam ge- 
nommen. Erst nach 6 Monaten wurde der erste Verband gewechselt. Die Primär- 
stellung war so contract geworden, dass das Kind selbstthätig wenig daran zu 
ändern vermochte; es wurde deshalb unter genauer Controle des in der Leiste 
deutlich prominenten Schenkelkopfes die ziemlich schwierige Correctur auf 
3 Centimter Abduction in dem Hüftredresseur vorgenommen. Neuerlicher Ver- 
band durch weitere 2 Monate. Nach Smonatlicher Fixation wurde das Kind frei- 
gelassen und die noch restirende Abduction mittelst passiver Adductionsgymnastik 
allmählich beseitigt, l 1 ^ Jahre nach der Reposition geht das Kind vollkommen 
gleichmässig und normal auf voller Sohle und ist unermüdlich auf den Beinen. Der 
Schenkelkopfsteht unverrückbar in der Leistenmitte neben der Arterie; die Leisten- 
furche ist deutlich seichter, als auf der gesunden Seite, ja selbst flach convex. 
Die Trochanterspitze steht fast in der Linie, die restirende Verkürzung beträgt 
1 Centimeter, die Bewegungen sind frei, nur die Adduction und Innenrollung 
ist behindert. Die active Abduction kann bis über den rechten Winkel hinaus 

Lorenz, Hüftverrenkung. «JA 



306 



ausgeführt werden (vgl. hierzu Fig. 40, welche nach der in Rede stehenden 
Patientin aufgenommen wurde). Das Kind hüpft bei hoch erhobener gesund- 
seitiger Beckenhälfte minutenlang auf dem ehemals luxirten Beine. Das Röntgen- 
bild (Fig. 61) lässt diesen tadellosen functionellen Erfolg begreiflich erscheinen. 
Der Schenkelkopf hat nämlich (in Auswärtsrollung stehend) ein geräumiges, 
mit scharf geschnittener lateraler Spitze endigendes Knochendach über sich, 
welches von der nach oben und aussen zu beträchtlich erweiterten Pfannen- 
nische gebildet wird. Mit dieser Thatsache ist auch die Persistenz des idealen 
functionellen Resultates gesichert. 

Eva J., 3 J., Deutschland. Lux. cox. sin. Die kleine Patientin geht ausser- 
ordentlich stark hinkend und fällt bei der geringsten Veranlassung nach der 
linken Seite zu Boden. Das linke Hüftgelenk war hochgradig schlotterig, der 
Schenkelkopf gut vorzuwälzen und abzutasten. Derselbe ist sehr schön rund, 




Fig. 61. Linksseitige Reposition. Der Schenkel- 
kopf steht unter einem mächtig nach aussen 
ausladenden Pfannendach, etwas oberhalb des 
Fugenknorpels; ideales functionelles Resultat. 



Fig. 62. Linksseitige Reposition. Theilweise 

Ausgestaltung der Pfanne, ideales functionelles 

Resultat. 



wenig deformirt und verhältnismässig gross, die Aussichten für den Erfolg der 
unblutigen Behandlung demnach günstige. Die Reposition gelang typisch aus 
reetangulärer Extension bei innerhalb der physiologischen Grenzen gelegener 
Abduction. Phämonene classisch. Der primäre Halt ist relativ gut. Als Primär- 
stellung wird nach gründlicher Adductorendehnung circa 45 Grad Abduction bei 
leichter Beugung und indifferenter Rotation gewählt. In dieser Stellung schien 
der Halt des Kopfes ein sehr guter zu sein. Nach 3 Monaten wurde ohne 
Schwierigkeit auf 3 Centimeter Abduction corrigirt; mit einer Sohlenunterlage 
von 3 Centimeter unter dem gesunden Fusse geht das Kind vollkommen sicher 
und ausdauernd. Nach Tmonatlicher Fixation blieb die Patientin vollkommen 
frei. Der Schenkelkopf ist an normaler Stelle in der Leistenfurche nachweisbar, 
der Trochanter steht in der Linie, die restirende Verkürzung beträgt höchstens 
einige Millimeter. 4 Jahre nach der Reposition hat sich die tadellose Function 
des Gelenkes, welches nach allen Richtungen normal beweglich ist, vollkommen 
erhalten. Das Kind geht ganz normal und mit grosser Ausdauer. Die ehemals 
vorhanden gewesene Luxation ist aus de; - klinischen Untersuchung schlechter- 



— 307 — 

dings nicht mehr nachzuweisen. Das Röntgenbild (Fig. 62) zeigt, dass der gleich- 
massig runde obere Pol des Schenkelkopfes bis über die Hälfte von dem Hüft- 
beindache der Pfanne gedeckt wird und die Sitzdaimbeinfuge nur wenig nach 
oben überragt. 

Marie W., 7 J., Böhmen. Lux. cox. sin. Das gesunde und kräftig entwickelte 
Bauernkind ist nach Angabe des Vaters sein Lebtag krumm und auf der Fuss- 
spitze gegangen; erst in letzter Zeit klagte sie häufig über Müdigkeit, welche 
sich bis zur Schmerzempfindung steigerte, und will nicht mehr gehen. Haupt- 
sächlich dieser letzere Umstand veranlasste die Eltern sich Eath zu holen. Dass 
das Kind „krumm" sei, damit hätten sie sich abgefunden, dagegen würde sich 
wohl auch, wie sie meinten, nichts thun lassen. Wenn das Kind nur etwas länger 
gehen könnte, wären sie schon sehr zufrieden. Mein Versprechen, das Kind nicht 
nur schmerzfrei und ausdauernd, sondern auch „gerade" gehen zu machen, be- 
gegnete dem höchsten Misstrauen, speciell des Vaters. Da aber nicht „geschnitten" 




Fig. 63. Linksseitige Reposition. Hinlängliche anatomische Ausgestaltung der Pfanne. Absolute 

functionelle Heilung. 

zu werden brauche, und somit keine Gefahr bei der Sache sei, willigte derselbe 
•schliesslich in meinen Vorschlag der unblutigen Einrenkung. Die Verkürzung 
betrug 4 Centimeter, das obere Feinurende war in Folge der geringen Diffe- 
renzirung zwischen Hals und Kopf klobig und humerusähnlich gestaltet. Die 
Reposition auf dem Keile war unschwierig zu erreichen, producirte aber cur 
»undeutliche Phänomene. Erst nach längerem Arbeiten wurde die hintere Pfannen- 
kante deutlich fühlbar. Der primäre Halt war sozusagen gleich Null. 
Es musste negative Abduction und starke Ueberstreckung als 
primäre Stellung gewählt werden. Dauer der ersten Fixationsperiode 
4 Monate, hierauf schwierige Correctur der Abductionscontractur in kurzer 
Narkose. Die Ueberstreckung wurde in leichte Beugung überführt, dadurch die 
starke Prominenz des Schenkelkopfes in der Leiste vermindeit und die Ab- 
duction auf circa 25 Grad corrigirt. In dieser (secundären) Mittelstellung wurde 
der Schenkel neuerdings durch weitere 3 Monate fixirt. Sodann Correctur der 
Abduction auf 1 Centimeter unter Beibehalt leichter Beugung. Nach 9monat- 
licher Fixation wird das Kind freigelassen, die habituelle Abduction mittelst 
passiver Adduction gymnastisch vei mindert und der Schenkelkopf gründlich 

20* 



— 308 — 

mobilisirt. Das functionelle Resultat war schon zur Zeit bemerkenswerth, obwohl 
durch die beim Gehen beibehaltene habituelle Abduction einigermassen beein- 
trächtigt. Zur Sicherheit wurde diese leichte Abduction auch noch fernerhin be- 
stehen gelassen. Der Schenkelkopf rollt knapp nach aussen von der Leisten- 
mitte, die restirende Verkürzung beträgt l l j 2 Centimeter. Das am Schlüsse der 
Fixationsbehandlung aufgenommene Röntgenbild (Fig. 63) zeigt einen auswärts 
gerollten Schenkelkopf, vollständig von einer sehr schön ausgebildeten Pfanne 
gedeckt, deren laterale Spitze ziemlich endigt. Das anatomische Resultat war 
also dem functionellen Erfolge vollkommen gleichwerthig. 2 Jahre nach der 
Reposition konnte ich mich davon überzeugen, dass das Mädchen bis auf die 
geringe Verkürzung des Beines in jeder Beziehung als vollkommen normal zu 
bezeichnen war. 

Lisbeth B., 5 J., Sachsen. Lux. cox. sin. Das Kind, welches seit mehreren 
Jahren mit Schienenhülsen erfolglos behandelt wurde, hinkt nicht sehr stark, 
aber sobald sie eine Viertelstunde gegangen ist, wird das Lahmen sehr auf- 
fällig und es treten Hüftschmerzen auf. Die Verkürzung beträgt 2 Centimeter 
und ist sehr nachgiebig. Der Schenkelkopf ist ziemlich gut entwickelt, lässt sich 
durch Adduction in seinem ganzen Umfange vorwälzen und abtasten. Die Re- 
position war ausserordentlich leicht; manuelle Extension genügte vollauf zur 
Herabholung des Schenkelkopfes. Bei Extension des rechtwinkelig gebeugten 
Femur und gleichzeitigem Drucke auf den Trochanter passirt der Kopf eine 
ganze flache hintere Pfannenkante. Dem entsprechend sind die Phänomene un- 
scheinbar, aber doch unzweifelhaft. Der primäre Halt sehr schlecht. Bei geringster 
Verminderung einer mit starker Ueberstreckung combinirten Abduction von 
50 Grad erfolgte sofort die Relaxation. Daher wurde eine circa 70 Grad be- 
tragende, energisch überstreckte Abduction als Primärstellung gewählt. 5 Centi- 
meter hohe Sohle unter das kranke Bein. Das Kind kann bald erträglich gehen. 
Nach 4 Monaten zweiter Verband mit massiger Correctur unter Beibehalt der 
Ueberstreckung. Eine deutliche Kopfgeschwulst in der Leiste sichtbar. Das die 
knöcherne Grundlage derselben bildende caput femoris sitzt ziemlich locker und 
lässt sich in sagittaler Richtung von vorne nach hinten etwas verschieben. Im 
Ganzen lOmonatliche Fixirung in drei Verbänden. Wegen der noch immer vor- 
handenen Lockerheit des Kopfes in der Leistenbeuge wird die nun folgende 
gymnastische und Massagebehandlung mit dem Tragen einer amoviblen, die leichte 
Ueberstreckung und eine Abduction von l 1 ^ Centimeter fixirende Hüfthülse 
combinirt. Dementsprechend 15 Centimeter Sohlenerhöhung unter dem gesunden 
Fusse; die Hülse wird täglich zweimal abgenommen, um die Muskulatur und 
die Beweglichkeit des Gelenkes zu pflegen. Mit der Hülse geht das Kind wie 
bei einseitiger Hüftankylose in guter Stellung. Erst l x j 2 Jahre nach der Ein- 
renkung wurde die Hülse und die gesundseitige Sohlenunterlage fortgelassen. 
Anfangs war der Gang etwas unsicher, namentlich verfiel das kranke Bein 
beim Aufsetzen auf dem Boden leicht in beängstigende Adduction. Nach rasch 
erreichter Erstarkung der Muskulatur excellirt das Kind in dem Kunststücke, 
auf dem kranken Beine zu stehen, die gesundseitige Beckenhälfte hoch zu 
heben und unter Beibehalt dieser Beckenhaltung auf dem kranken Beine durchs 
Zimmer zu hüpfen. Auf der gesunden Seite liegend, vermag die Kleine das kranke 
Bein langsam und stetig in die Höhe zu heben, so dass es mit der Längsaxe des 



309 



Rumpfes einen rechten Winkel bildet; ja noch darüber hinaus lässt sie das 
senkrecht stehende Bein etwas gegen die krankseitige Schulter herabsinken, so 
dass man sagen kann, der activ beherrschte Abductionsumfang beträgt über 
90 Grad. Dies spricht für eine gewiss vollständige Eestitution der pelvitro- 
chanteren Muskulatur. 2V2 Jahre nach der Operation darf der Gang des Kindes, 
sowohl was Ausdauer als was Gleichmässigkeit betrifft, als normal bezeichnet 
werden. Die restirende Verkürzung beträgt 1 Centimeter. Die Muskelkraft hat 
noch zugenommen, ohne dass das Bein weiter gepflegt wurde. Das Röntgen- 
bild (Fig. 64) zeigt, dass der grosse, runde Schenkelkopf, auf kurzem, 
steilem Halse sitzend, unter einem flachen und sehr geräumigen, drei Viert- 
theile des oberen Kopfpoles deckenden Pfannendache Platz gefunden hat 
und vollständig solide von demselben gestützt erscheint. Derselbe steht in 
Folge der grösseren Steilheit des krankseitigen Hüftbeindacbes etwas ober- 
halb der Darmsitzbeinfjg'e. Wir haben also eine nach oben erweiterte 




Fig. 64. Linksseitige Reposition. Pfanne nach oben erweitert ; der Schenkelkopf solide gestützt. 

Functionelle Heilung. 



Pfanne vor uns, in welcher der Schenkelkopf indes ein vollkommen sicheres 
Lager gefunden hat. Die klinische Untersuchung ergibt, dass derselbe in der 
Leistenmitte, besonders bei etwas überstreckter Stellung des Hüftgelenkes, eine 
deutlich sichtbare Prominenz bildet, an welcher man die mitgetheilten Rollungen 
sehr gut fühlen kann. 

Alice IL, 9 J.,' Argentinien. Lux. cox. sin. Die Mutter des sonst sehr 
wohlgebildeten und gesunden Mädchens hatte sich zur weiten Reise nur durch 
die sichere Aussicht auf das Gelingen der unblutigen Einrenkung entschlossen 
und von vornherein erklärt, jeden operativen Eingriff zu perhorresciren. Die 
vorhandene Verkürzung betrug 5 Centimeter, das Kind ging auf dem linken 
Zehenballen. Extension hatte auf die Verkürzung nur einen geringen Einfluss. 
Der Trochanter war an der Seitenfläche des Beckens stark prominent, der 
Schenkelkopf gut erhalten, der Schenkelhals deutlich differenzirt und eher 
steiler gestellt. Die Prognose der Einrenkung war daher, so weit das obere 
Femurende in Betracht kam, eine günstige zu nennen. Einiger Schwierigkeiten 
hatte man sich von Seite der starren Verkürzung zu versehen. Thatsächlich 
gelang die Herabholung des sehr stark dislocirten Schenkelkopfes, trotz voraus- 







•rnäläekex Mxc-rberä addoctonuB erst nach subcutaner Tewtane 
::----- - 7.:..ri:f;.'7 Die B-h 

: - ~ : i t ■ Äi.T " ■ ' . _ :'::..■ r A ' : : u : :; :. : e« 

- - ■. - ■ [ - - _-: Et - I - ■' :_;--_---- ;-.----•.■•- :e - ■ ■ "- t - :e- 
Sdnfedkapfc i^l- sine Gerinseh, aber doch Bit der- 

: : " - . - ~- - ■ -. ". - : • - } - : - • " ' '..------:--:.-.: _ - lg Die 

- -.'-■- 7.--- ~ • - :.-.:. 1 ~~--~ " : ""- ------ .. ■;- r- T : -- t.: _-- eri::e- 

Seheakcikepfes kräftig «Haart. Be -rang des rechtwinkelig 

-::---- • - . • - - " v --•- :-_z- r: --."- :-- 

--.----- - --•;-- : i <--;£e i.e-r::. V-rir Grl:f.: :. 

.:-•-■■ : - ■ • 

i - ■ '. - ■ i - > -i i i- . - . - - • e ••- A \ i -_::.- • _• - - _■-::. 

■l In dieser SteThmg varde der Schenkel durch 4 Monate fixirt. 

kaufte das Mädchen die 
iaetiom i 

-rundem. '. : eetur anf 

- - . . . „ . . _ . :. ... vru-de nntej 

- -. : -- _- - -- -rl • • an ■ n und ?tel e 
-.: '-...: t :~- :: .:'• t- > -— - •- 

ausgefuhr: ,-iauer 

... 

- ■ .:. : _:_■•;.- -: --• } .-.;.- 

• - - l- >.". ' '. ■ •-• ':',-_. ■ -: l.: er ~: 
-.-■-_>- - -. ■ - : -i v- - ; : , i" _-■ :,:• .-•-• 
veter dem geeandei. Tage 

- 
: 
A • -.' ---._•;- ^ - t: kell dareh 
e:-.e i 
risienn. .ach aussen von dem 

■ _• : ; ■ ei rimeter. Dae Ki 3 
.>.-■-: >.■■- :-. Charakter des Ab- 

; 
- - ■ 
_ 
.".-; . ; - ■ • • ..- z .fc.-.-. ..- .; ■■> ■ ,.u: 

'.:•■.: '•'•- • •':'. - ;• . - • ?■-■■- 

., . ., . . -;•;,. •---■: VO]]- 

1 Adduetion sind 

■ 

■- -■■ ■-■ ':. ■ . •• :■:■ ^itzdarmbetnüage 

rokat; 

^ ; .. . . . ... • ;.- ri ; • - • C : . 







. . .. . ,^._. ..;,, ;.. v j_. ^ . ... 

:■--■ . - :-- ." -.>>^ -- r-f ■ .- 
• =• • ■■-.• ~r.~ ■ ■■?■■ < 

: '•: -••-■•i" . ■-. - - ' -i. 
.. ■_' - " • ' . '. " v ;-: \ ' ~~ v 
.■-- . : .- .:-• • i -r t- ; 

- -. • '. - - -..»..' !•:'..-; ,. 
; . , ,_ ...... . .. .. . .. 

: ;■,.--=: -- - :•>-■ A- 

- • • '.. -r--- '. ■ ■ - ■ 

•■-::_■-■• ■■ ■- _ ■- ■■-;:-_ 

... 



— 311 — 

Sii-'ti- :';.vr'./;:. T llr." £t.£ ! "t fc - 7. '. t .' _ ^ T -fTP-frlTTTTT ? ;e„._T- - r" . • 

vexen Poles - ~~ — ~-~ : rtgtnentes T - . te: Zt. Liese: 

stliden Kn: ; t ------ •; ? !t ; Z-:;^: ; : . .: ier - - . ■ - - v.r.r 

e-sserrmg des L2 1 ~ - :h -:i :: . - - _• - n .7 ~ : '7-t g -*.— - 

entsprechen lern :.:..:. mellesB Bes S les es : Slefoeirfceili 11 arwraarteas ja es kannm 
rtack dem ra : . -.den Befände aase :t-n:n::te— e ResfiiliMliäo ad. mt- 

tennrm in Anssäeiii ges6elK werden. Spätere Betntnte : setr 5 — "• " n.^e : 

(hrrehaTLS 2 - . 

In der letzten Zt.: =in :I z^ir: ^ :.:_:::. .:::.: .-.: ...::: Reihe 
von Aetinograiiiinen :_e.rr_::;;:r Luxationen : igewa snsen, ~elehe 
ge:e:Iez:: ::: lins ::.::. :::T.:zr7i ies ree zzh:eu. 5:Re_£ei- 

fcopfes aufweisen, aie: in lieser Ar":-:: keine A . :R:: neeR 
finden könne::. 

Was üe i: : : eisei.igen Rizieiznen iz± f Zangt =■: ?i~: 
ActinogramE:-. w - . . treni^er izeniges Reiz 

der Knochensehatten Le: }:".:!£:::: e: :z::~ eisen. :.::.: : - 



joee lez ":..::;_...- :_en 
ngen gebracht. Doch 



lieh vorhanden. Die ; Line grai Ais :Re 
Resultate hat hier die meisten Enttäi 
brauchen wir uns üe Freude ::: An preAAsAen 
halb nieh: -e:::::^ ::: Lassen 

Ein und das andere Beispiel Ton beiderseitiger Yeirenknngr 
soll hier angeffihrt werden: 

HiT&a E . " FFFet: L. ."-.-" - le- 

formität. sowie ::- Ve ?t mg bei eine: • ngen ~— i rarten Ednie detatt 
hochgradig entwickelt ~:e in den -erliegende- FiFe 1 - i-teite; : - 

j ■ - " " . sggfeasKöi mrd - ; • Sind ->." " — ^~' : t "~ s" 

::. seine: Zie&zäekhartnng in »ich _ - - Fie Knie^eLenlte ~e: i-r. - - 

Beugestellnng ^r Ete nelehe \ roan lern rechts .: F " ~~ fem ist 

desgleichen sind die Hffiftgelenke sichtlich _e:e r~ iie Henie tie: ,-- "-.: de: 
Banch stark übe . . i . das ::e:r Ten ie: :■ euerseits in de: 

hinteren Fläche des Becken? einen demlleiisIeMfearemTramoir. weHeher die V: - 
theile -::-sr:.- : and :'. — rTli«»h 2tni duiürdilKitoett dralmfi. Das K 
einem Worte ein Zenrbili — e->. :. . - -■- - ~^". hierzn Fig ; " 

jämmerlicher ist der ÄmMiefe les : icktem lomdes feeira Gehern. Die SehwamkiOTgem 
des Kamp res ~ ; n e . » e . 3 3 - " e zw andersi simd emönsa ; dabei ~ . : : Die FdgäHte 
beiderseits auf den Tissst-tz et. - ■, . ".7 -. 7 .-. . '. . ::ns: e:.;e- 

tg:. Die Ana la 7 ist sc ge ing dass das Emd kanasa aHein m&er das 
Zimmei tv. get_e~ seanoaag Tieser FaflTimlinDKatioinifce'dir.r: e : ne arasBafansweis«? 
hochgradige Krnppelnaftigkei: ": _ . eine: : : -. - - 

betracht der aussei gaa Zartfeeilr mad Seliwäehe :rs S n les -~ofil 'äifeer- 

haupt nicht üe Feie sein i::nnet: ji-egen eine :.:.:.:.: ;; i . , : . ' 

das geringste Feiense:: ~:r. 1 .erse":e~ sthienen ""etter, de: A:r:t::e 

les : teren Fenunaremdes wenig gröa^ig zm sein; jedenfalls war der Ft_: 
kopr' beiderseit - .. -■: ~ ;, ie " :t .iteet litte: tnt - •- 



312 



.Schenkelhälse. Dahei standen die Trochanterspitzen 5 Centimeter üher der 
Linie, doch war die Verkürzung recht nachgiebig ; die Reposition gelingt beider- 
seits ziemlich mühsam (nach vorausgegangener Adductorenausschaltung auf 
stumpfem Wege) durch forcirte Abduction auf dem Keile. Die Symptome waren 
ausserordentlich mangelhaft; ein Geräusch konnte selbst bei wiederholtem 
Hinüberschnellen des Schenkelkopfes über den ganz flachen hinteren Pfannen- 
rand nicht erzeugt werden; hingegen war eine leichte Erschütterung unzweifel- 
haft und jedesmal constant fühlbar. Auch durch längeres Einbohren konnte nur 
ein sehr mangelhafter Primärhalt erzielt werden. Fixation der beiden Schenkel 
in extremer Stellung (negativer Abduction und deutlicher Ueberstreckung). Nach 
5 Monaten wurde die Stellung vorsichtig einigermassen gebessert. Es hatte 
sich unter dem Vei'bande stellenweise Ekzem ausgebildet, so dass zunächst von 
einer Fortsetzung der Fixationsbehandlung abgesehen werden musste. Die 
Schenkel verharrten spontan in einer Abductionsstellung etwas unterhalb 90 Grad. 

Beide Schenkelköpfe waren in derLeiste 
stark prominent. Während der Abhei- 
lung desEkzems wurden dieKniegelenke 
durch eine elastische Bandage einander 
vorsichtig und langsam genähert. 11 
Monate nach der Reposition war die 
Abduction bis auf einen unbedeutenden 
Rest beseitigt. Rechts schien der Schen- 
kelkopf an richtiger Stelle in derLeiste 
zu liegen, links hingegen fand sich 
derselbe als eine auffallende kugelige 
Prominenz auf dem horizontalen Scham- 
beinaste (vordere Relnxation nach 
innen). Die Depression desselben 
in die Tiefe, respective die Rück- 
verlagerung desselben auf die Pfanne 
geschah in kurzer Narkose durch 
starke Beugung und Adduction. Dabei erfolgt keine Reluxation nach rück- 
wärts. Der linke Schenkel wird in geringer Abduction und prononcirter Beugung 
(Mittelstellung) neuerdings durch 3 Monate fixirt. Das rechte Bein bleibt voll- 
kommen frei. Die ganze Fixationsbehandlung dauerte für das linke Gelenk 12, 
für das rechte 9 Monate. Nach der auf gymnastischem Wege erreichten voll- 
ständigen Stellungscorrectur ist das in cosmetischer Beziehung erreichte Resultat 
ein geradezu imposantes. Die Körperhöhe des Kindes hat um ein Beträchtliches 
zugenommen, die Haltung ist vollständig gerade, das Zickzack verschwunden 
(vgl. hierzu Fig. 81). In functioneller Beziehung blieb zunächst noch vieles 
zu wünschen. Noch lange Zeit hindurch schwankte die kleine Patientin 
beim Gehen stark voti einer Seite zur anderen. Die Ausdauer aber war 
gegen früher ganz ausserordentlich gebessert, indem das Kind sich uner- 
müdlich tummelte und dabei körperlich zusehends gedieh. 2 Jahre nach der 
Reposition kann der Gang als .vollkommen normal bezeichnet werden, während 
die Körperhaltung eine ganz gerade geblieben ist. Das nunmeiir aufgenommene 
Röntgenbild (Fig. 66) zeigt den Schenkelkopf beiderseits unter einem zwar 




Fig. 66. Beiderseitige Reposition. Beide Schenkel- 

köpfe durch ein steiles Pfannendaeh gestützt ; 

ideale funetionelle Heilung. 



— 313 — 

steileren, aber mit scharf geprägter lateraler Kante endigenden Pfannendache 
vollkommen gestützt und etwas oberhalb der Knorpelfuge stehend; das von der 
rechtsseitigen Pfannenkante gefällte Loth trifft die Mitte des rechten Kopfpoles, 
während das analoge linksseitige Loth den linken Kopfpol etwas nach aussen von 
der Mitte scheidet. 2 i/o Jahre nach der Reposition hat das Kind an Muskelkraft 
wesentlich gewonnen und das Resultat kann in jeder Beziehung als ein ideales 
bezeichnet werden. 

Irmgard H., 5 «L, Preussen. Lux. cox. bilat. Die Haltung des Kindes ist 
durch sehr starke Lendenlordose und stumpfwinkelige Beugung beider Knie- 
gelenke charakterisirt. Die Gehstörung ist eine hochgradige. Die Schenkelköpfe 
sind beiderseits sehr mobil, gut tastbar, wenig verändert, der Hals beiderseits 
gut differenzirt und normal gerichtet. Die Trochanterspitzen stehen fast 4 Centi- 
meter oberhalb der Linie. Auf Wunsch der Eltern wird die zwei zeitige Be- 
handlung in Aussicht genommen. Die Einrenkung auf der linken Seite ergibt 
(bei minimalen Phänomenen) einen ausserordentlich schlechten Primärhalt. Die 
Pfannendepression ist offenbar sehr flach. In Anbetracht dieser höchst ungünstigen 
Verhältnisse war ich im Zweifel, ob es räthlich sei, die Behandlung üherhaupt 
fortzusetzen. Auf ausdrücklichen Wunsch der Mutter, „den Versuch unter allen 
Umständen durchzuführen", liess ich der gelungenen Einrenkung die Fixirung 
des Schenkels in etwa 80 Grad überstreckter Abduction folgen. Nach 4 Monaten 
wird die Abduction unter Beibehaltung der Ueberstreckung in kurzer Narkose 
etwas vermindert (ein kleiner Decubitus am Condylus internus femoris war unter 
dem Verbände zur Ausheilung gelangt). Nach weiterer 6monatlicher Fixation. 
Avährend welcher das Kind in seinen Bewegungen gar nicht mehr behindert ist, 
erfolgt Freilassung; der Schenkelkopf ist in der Leiste stark prominent. Seine 
äussere Fläche ist ebenso wie jene des Halses von rückwärts nach vorne ab- 
tastbar. Nach oben zu sitzt derselbe fest, in der Richtung von vorne nach hinten 
ist deutliche Verschiebbarkeit vorhanden. Hingegen ist es nicht mehr möglich, 
den Schenkelkopf, wie früher, nach rückwärts vorzustülpsn. Erst nach halb- 
jährigem Interim wird das rechte Gelenk reponirt. Die Verhältnisse scheinen 
hier besser zu sein. Jedenfalls ist der primäre Halt grösser als seinerzeit an 
der linken Seite. Nach 4 Monaten Correctur der sehr rigiden Abductionsstellung 
in kurzer Narkose bis auf 3 Centimeter scheinbare Verlängerung; nach 8monat- 
licher Fixation volle Freiheit. Das letztoperirte, rechte Bein behält eine geringe, 
etwas federnde Abductionshaltung bei. Dieselbe wird mittelst elastischer 
Adductionsbandage und passiven Adductionen behandelt. Das erstoperirte, linke 
Bein zeigt geringe Adductionsneigung. Beide Schenkelköpfe liegen in der vollen 
Leiste deutlich nachweisbar. Die Körperform des Kindes ist vollkommen normal 
geworden; die tief gesattelte Lendenlordose ist völlig verschwunden, -und es be- 
steht eigentlich eine virtuelle Kyphose, also ein ganz geradliniger Verlauf der 
Lendenwirbelsäule. Die früher gebeugt gehaltenen Kniegelenke sind vollkommen 
durchgestreckt. Der Gang des Kindes ist zunächst noch schwankend, obwohl 
gegen früher ungleich gebessert. 2 Jahre nach der Reposition ist die Beweglich- 
keit der Hüftgelenke nach allen Seiten vollständig frei. Lediglich die Adduction 
stösst (besonders rechts) auf Hemmung. Das linke Bein ist gegenüber dem rechten 
um l 1 j 2 Centimeter verkürzt. Bei künstlichem Ausgleiche dieses Längenunter- 
schiedes zeigt das Kind einen ganz gleichmässigen Gang, an welchem höchstens 



314 — 



die noch etwas stärkere Auswärtskehrung der Fussspitzen auffällt. Die nunmehr 
vorgenommene Durchleuchtung (Fig. 67) ergibt rechterseits ein mächtig aus- 
ladendes Pfannendach mit scharf endigender lateraler Kante, unter welcher der 
Schenkelkopf genügend Raum findet. Die Pfannenmulde zeigt nahe an der 
Sitzdarmbeinfuge den Knochensporn der obsoleten rudimentären Pfannenkante. 
Das linke Pfannendach ist noch steiler, seine laterale, undeutlich formirte Kante 
springt weniger weit nach aussen vor und scheint durch eine Umkrempelung nach 
aussen den oberen Kopfpol zu umfassen. Vom Darmbeine aus strahlen opake 
Schattenbündel nach aussen und überlagern unter leichter Aufkrempelung ihrer 
Spitzen den Schatten des Schenkelkopfes. Diese Details sind allerdings nur 
auf dem Originale vollkommen deutlich zu sehen. Der functionelle Erfolg ist 
2 1 / 2 Jahre nach der Einrenkung ein tadelloser zu nennen. 




Fig. 67. Doppelseitige Reposition. Rechts angedeutete Unteriheilung der Pfanne, links liegt das 

nach aussen oben umgekrempelte Pfannendach etwas höher. Dementsprechend das linke Bein 

1*5 Centimeter verkürzt. Functioneller Erfolg trotzdem tadellos. 

Charlotte W., 4 J., Niedei Österreich. Lux. cox. bilat. Als das gut ent- 
wickelte, aber zart gebaute Kind mit l'/o Jahren unter auffallenden Seiten- 
schwankungen des Oberkörpers zu gehen begann, wurde von den zu Rathe 
gezogenen Aerzten Muskelschwäche als Ursache dieser auffallenden Gehstörung 
angegeben. Als das Kind vorgestellt wurde, konnte über die Diagnose gar kein 
Zweifel obwalten, denn die für beiderseitige Hüftverrenkung charakteristische 
Körperdeformität war bereits hochgradig entwickelt. Die Schenkelköpfe Hessen 
sich vollständig nach hinten umstülpen und von allen Seiten umgreifen. Die- 
selben schienen gut entwickelt; der Schenkelhals war kurz und dick, aber doch 
beiderseits deutlich differenzirt ; die Trochanterspitzen standen über 3 Centimeter 
oberhalb der Linie. Die Reposition wurde einzeitig beschlossen ; dieselbe war 
links mit ausserordentlichen und ganz unerwarteten Schwierigkeiten verbunden 
und gelang erst nach langer Arbeit, aber unter deutlichen Symptomen. Der 



315 



Primärhalt war ausgezeichnet, so dass man die Abduction auf 30 Grad ver- 
mindern konnte, ehe Relnxation nach rückwärts eintrat. An der rechten Seite 
gelang die Einrenkung ungleich leichter, zeigte aber viel geringere Primär- 
stabilität. Beide Schenkel wurden in leichter TJeberstreckung in einem Abductions- 
grade fixirt, welcher das Stehen eben noch gestattete. Nach 4 Wochen wurde 
der Verband gewechselt. Der linke Schenkelkopf, welcher eine so gute Stabilität 
gezeigt hatte, fand sich zu meiner grossen Enttäuschung auf die hintere Darm- 
beinfläche rehixirt; der rechte Schenkelkopf war in der Leistenbeuge prominent 
geblieben. Die Fixationsbehandlung des rechten Hüftgelenkes wird fortgesetzt, 
ohne dass vorderhand eine Correctur der ohnehin verhältnismässig geringen 
Abduction gewagt wurde. Das linke Bein wird frei gelassen, um erst später 
nach Consolidirung des rechten Hüftgelenkes abermals der Reposition unter- 
zogen zu werden. Nach ömonatlicher permanenter Fixation wird der Verband 
durch eine amovible Hülse ersetzt. Um 
die in Zweifel gezogene Dauerhaftigkeit 
des an der rechten Seite erzielten Re- 
sultates (das Kind bot nunmehr die Sym- 
ptome der unilateralen linksseitigen Lu- 
xation) abzuwarten, wurde die linksseitige 
Reposition erst nach einem Intervalle von 
16 Monaten vorgenommen. Dieselbe ge- 
lang ungleich leichter als das erstemal, 
schien aber eine geringere Stabilität zu 
bieten als seinerzeit. Da diese letztere 
damals zweifelsohne bedeutend über- 
schätzt worden war, fixirte ich dieses- 
mal den Schenkel in nahezu 90 Grad 
Abduction und deutlicher TJeberstreckung 
zunächst durch 5 Monate. Während 
dieser Zeit konnte das Kind mit einem 
Bügelschuh unter dem rechten Fusse 
(vgl. Fig. 41) nur mit Unterstützung ge- 
hen. Die Stellungscorrectur bot einige 

Schwierigkeit. Als der linke Schenkel nach 9monatlicher Fixation frei gegeben 
wurde, behielt derselbe eine ganz geringe, federnden Widerstand bietende 
Abductionsstellung bei, welche mit passiven Adductionsübungen behandelt wurde. 
Die Gestalt des Mädchens war vollkommen tadellos geworden, die lordotische 
Knickung der Lendenwirbelsäule vollständig beseitigt. Der Gang war sehr aus- 
dauernd, aber das Schwanken des Oberkörpers zunächst noch in störendem 
Grade vorhanden. Allmählich besserte sich unter fortgesetzter Gymnastik und 
Massage die noch bestehende Functionsstörung. 3 Jahre nach der Einrenkung 
kann der Gang des Kindes als vollkommen normal bezeichnet werden; auch 
die Gestalt ist tadellos gerade geblieben. Das linke Bein zeigt gegenüber dem 
rechten eine Verkürzung von 2 Centimeter, welche durch eine Sohle ausgeglichen 
werden muss. Der linke Schenkelkopf ist im äusseren Dritttheil der vorgewölbten 
Leistenfurche prominent und liegt unterhalb und einwärts der Spina ant. sup. 
Derselbe lässt sich nach hinten nicht vorwälzen, steht nach oben zu vollkommen 




Fig. C8. Beiderseitige Reposition. Rechts an- 
nähernde Restitution des Gelenkes. Links 
fehlt ein genügendes Pfannendach, daher 
Verschiebung des Kopfes nach oben. Der- 
selbe ist nach der klinischen Untersuchung 
iu der Leistenfurche stark prominent. Links 
2 Centimeter Verkürzung. Bei Ausgleich 
derselben ist das functionelle Resultat links 
annähernd so gut als rechts. 



— 316 

fest, ist aber von vorne nach rückwärts leicht verschieblich; der rechte Schenkelkopf 
rollt knapp neben der Arterie und ist in der Leiste etwas weniger prominent. Der 
rechte Trochanter steht in der Linie, der linke 2 Centimeter höher. Beide Hüft- 
gelenke sind ini Sinne der Beugung und Streckung vollkommen frei beweglich und 
leicht überstreckbar; das Abductionsgebiet ist beiderseits bis auf 90 Grad erweitert, 
die Adduction ist eingeschränkt, die Rollung frei. Nach dem klinischen Befunde 
konnte man rechterseits ein ausgezeichnetes anatomisches Resultat vermuthen. 
Der linke Schenkelkopf ist jedoch zweifellos nach oben dislocirt und stützt sich 
mit seinem Scheitel gegen den vorderen Beckenrand unterhalb der Spina ant. 
sup. Das 2'/ 2 Jahre nach der Reposition aufgenommene Röntgenbild (Fig. 68) 
bestätigt diese Vermuthung vollinhaltlich. Der rechte Schenkelkopf liegt that- 
sächlich in einer gleichmässig gerundeten, ziemlich tiefen Pfanne eingeschachtelt 
und ist durch ein mit scharfer Spitze endigendes Pfannendach von oben her 
vollkommen gedeckt. Das rechte Hüftgelenk zeigt also ein vorzügliches ana- 
tomisches Resultat, i. e. eine annähernd vollständige Restitutio ad integrum. 
Der linke klobige Schenkelkopf steht etwas oberhalb des Centrums der ganz 
flachen und nach oben zu undeutlich abgegrenzten Pfannendepression, so dass 
die Schenkelbalskante der Sitzdarmbeinfuge gerade gegenüber liegt. Der Schenkel- 
kopf stützt sich also gegen die obere Pfannenkante. Auf dem Bilde scheint 
derselbe von dieser letzteren allerdings durch eine ziemlich breite diaphane 
Knorpelzone geschieden. Das anatomische Resultat an dem linken Hüftgelenke 
ist also ein inferiores. Der radiographische Befund muss aber durch den klini- 
schen ergänzt werden. Dieser letztere ergibt, dass der Schenkelkopf in der 
Leistenfurche stark prominent ist und die vordere Darmbeinkante von unten 
her direct knöchern unterstützt. 

Der Fall ist insofeme lehrreich, als er die Combination eines anatomisch 
vollendeten und eines anatomisch mangelhaften Resultates vereinigt, während 
der functionelle Erfolg auf beiden Seiten nahezu gleich vorzüglich ist, wenn 
die auf der linken Seite restirende Verkürzung künstlich zum Ausgleiche ge- 
bracht wird. 

Es erübrigt nunmehr, jene anatomischen Resultate zu 
betrachten, welche auf Grundlage der actinographischen Gontrole 
als minderwerthig oder schlecht bezeichnet werden müssen. Hier- 
her gehören die Fälle von „vorderer Subluxation nach 
oben" und die Fälle von „vorderer completer Reluxation" 
des reponirten Schenkelkopfes nach oben. 

Die Subluxationsbilder zeigen den Schenkelkopf mit der 
Pfanne nur oberflächlich engagirt. Diese letztere lässt eine Aus- 
gestaltung vermissen, speciell fehlt der opake Schatten eines 
den Schenkelkopf von oben her überlagernden Pfannendaches. 
Gerade so, wie bei den nicht behandelten Fällen von Subluxation 
stützt sich der Schenkelkopf gegen einen wenig oder gar nicht 
prominenten oberen Pfannenrand. Die Actinogramme der nicht 
behandelten Subluxation und einer reponirten Luxation mit 



— 317 

dem anatomischen Endresultate einer Subluxation gleichen ein- 
ander so vollkommen, dass man aus denselben die Diagnose 
einer stattgehabten Einrenkungsbehandlung kaum machen kann, 
Avenn nicht die Sagittalstellung des oberen Femurendes einen 
Anhaltspunkt abgibt. 

Mittelst der klinischen Untersuchung lässt sich eine so ge- 
ringe Excentricität zwischen Pfanne und Kopf überhaupt kaum 
nachweisen. Diese Fälle imponirten vor der Röntgenaera als 
tadellose und einwandfreie anatomische Heilungen. Erst die Durch- 
leuchtung deckte den Irrthum auf, gerade so wie sie die Dia- 
gnose der Subluxation noch vor der Behandlung stellen lehrte. 

Es wäre aber ein vollendeter Irrthum, aus der Aehnlichkeit 
oder Gleichheit der Röntgenbilder den Schluss ziehen zu wollen, 
dass die „genuine Subluxation" und die „Subluxation als Be- 
handlungsresultat" etwa identische anatomische Zustände vor- 
stellen. So weitgehende Schlüsse dürfen aus dem Actinogramme 
überhaupt nicht gezogen werden. Wie sehr man dabei ad absur- 
dum geführt werden kann, geht am besten daraus hervor, dass 
die Subluxation das einemal mit Functionsstörungen, ja selbst 
mit Schmerzen verknüpft sein kann, welche einer vollendeten 
Verrenkung nichts nachgeben, während sie ein anderesmal solche 
Störungen kaum erkennen lässt, trotzdem aber auf der Röntgen- 
platte vollständig identische Bilder liefert. Der Grund ist wohl 
darin gelegen, dass auf dem Durchleuchtungsbilde weder die Ge- 
lenkskapsel noch die Pfanne, so weit sie von knorpeliger Bildung 
ist, zum Ausdrucke kommt. Da nun aber gerade der Knorpel- 
belag der knöchernen Pfannengrundlage die Gestaltung 
der Pfanne in letzter Linie bestimmt, so gestattet das 
Röntgenbild überhaupt keinen Schluss auf die Stützung des 
Schenkelkopfes, so weit dieselbe nicht durch knöcherne, sondern 
durch knorpelige Bildungen bewirkt wird. Desgleichen erlaubt 
das Röntgenbild kein Urtheil über das „voreinander" oder 
„hintereinander", sondern nur über das „übereinander" und 
„untereinander" der Gelenkskörper. Aus der klinischen Unter- 
suchung geht aber mit Bestimmtheit hervor, dass bei der Relu- 
xation nach oben, sei dieselbe nun unvollständig oder vollständig, 
der Schenkelkopf ganz entschieden an der vorderen Becken- 
wand, jedenfalls viel weiter nach vorne liegt als bei der 
genuinen Subluxation. 



— 318 — 

Bei dieser letzteren ist der Schenkelkopf zwar in der Leiste 
nachweisbar, lässt sich jedoch durch Beugung und Adduction in 
die Tiefe derselben versenken, wenngleich er an der hinteren 
Darmbeinfläche nicht in vollem Umfange zum Vorspringen ge- 
bracht werden kann. Die Tendenz zur completen Luxation nach 
oben aussen ist unverkennbar. Die Abduction ist ersichtlich ein- 
geschränkt, Adduction und Rotation hingegen erweitert, Beugung 
und Streckung in jeder beliebigen Ebene möglich. Die Functions- 
störung ist, wie schon erwähnt, häufig kaum merklich, oft genug 
aber sehr störend vorhanden. 

Diesem, man möchte sagen „natürlichen" klinischen Bilde 
der genuinen Subluxation gegenüber stellt die Subluxation als 
schliessliches Repositionsresultat ein zweifelloses Artefact vor. 

Der Schenkelkopf ist knapp neben der Leistenmitte als 
kugelige Prominenz nicht nur zu fühlen, sondern auch deutlich 
zu sehen und verändert die Leistenbeuge in einer so charak- 
teristischen Weise, dass schon hieraus allein die Diagnose 
auf die stattgehabte Behandlung gemacht werden kann. 

In ähnlich charakteristischer Weise ist auch der Bewegungs- 
umfang des Gelenkes verschoben. Vor allem ist dasselbe in der 
Regel einer Ueberstreckung fähig, welche einem natürlichen 
Zustande des Gelenkes vollkommen fremd ist; desgleichen 
ist sowohl die passive als active Abduction meist über die 
physiologischen Grenzen hinaus beträchtlich erweitert; hin- 
gegen findet sowohl die Einwärt srollung als die Adduction 
nicht nur knöcherne, sondern auch musculäre Hemmung; 
Beugung und Streckung ist fast immer mit Abduction combinirt, 
läuft also in einer diagonalen Ebene ab, die sich oft genug der 
frontalen nähert und manchmal dieselbe sogar erreicht, lauter 
Erscheinungen, welche weder an einem normalen, noch an einem 
luxirten Gelenke jemals vorkommen und das Behandlungsresultat 
der Subluxation als ein zweifelloses Kunstproduct documentiren. 
Nicht minder charakteristisch ist die vorhandene habituelle 
Aussenrotation. 

Die Function ist dabei so ausgezeichnet, dass dieser Umstand 
den früheren Irrthum, als lägen hier auch anatomisch einwand- 
freie Heilungen vor, wesentlich unterstützen musste. 

Die Subluxation ist unter 212 eingerenkten Gelenken 
20mal vertreten. 



- 319 — 

Die Röntgenbilder dieser Fälle sind typisch und gleichen 
einander meist, wie ein Ei dem anderen. Einige Beispiele sollen 
hier angeführt werden. 

Natalie L., 6 1 /.} J., Russland. Lux. cox. dextr. Das gesunde und 
starke Mädchen geht schon seit mehreren Jahren auf der (rechten) äussersten 
Fussspitze und hinkt sehr stark. Schmerzhafte Ermüdungsgefühle sind häufig 
vorhanden. Die Verkürzung beträgt 5 Centimeter und ist ziemlich rigide (die 
Sohle des kranken Fusses steht in Knöchelhöhe des gesunden). Der Schenkel- 
kopf ist gut gebildet und normal gerichtet. Die Eeposition gelingt ohne allzu 
grosse Mühe. Nach gründlicher Dehiscenz der Adductoren wird die Herabholung 
des Schenkelkopfes durch kräftige manuelle Extension besorgt. Die Einrenkung 
erfolgt (auf dem Keile) aus spitzwinkeliger Beugung, welche allmählich in 
negative Abduction und Ueberstreckung überführt wird, also über den hinteren 
unteren Pfannenrand, und zwar unter höchst auffälligen Phänomenen. Die 
primäre Stabilität war besser als im Durchschnitte. Bei 45 Grad Abduction 
schien der Kopf gegen Reluxation nach hinten oben genügend gesichert, ohne 
dass Ueberstreckung hinzugefügt zu werden brauchte. Es konnte daher in 
diesem Falle eine annähernde Mittellage als Fixationsstellung gewählt werden. 
Nach 5 Monaten ist diese Stellung so rigide geworden, dass das Kind behufs 
Eestaurirung der Haut vorderhand ohne Verband bleiben konnte. Mittler- 
weile wurde ein Röntgenbild aufgenommen, welches die Stellung der Gelenks- 
körper zu einander als vollkommen richtig ergibt. Der Schenkelkopf liegt that- 
sächlich in gleicher Höhe mit der Sitzdarmbeinfuge und hat das an sich steile, 
aber durch Beckensenkung flach gelegte Pfannendach ober sich. Die ziemlich 
rigide Abductionsstellung, welche sich übrigens im Verlaufe einiger Tage 
spontan ein wenig vermindert hatte, wurde im Hüftredresseur (ohne Narkose) 
auf 2 5 Centimeter Abduction corrigirt, ohne dass der in der Leistenbeuge 
ununterbrochen controlirte Schenkelkopf seinen Platz verliess. Das Kind geht 
nunmehr ohne jede Behinderung. Dieser zweite Verband bleibt ebenfalls 
5 Monate liegen. Nach lOmonatlicher Fixation übergeht die Patientin in volle 
Freiheit. Die noch bestehende habituelle Abduction wird gymnastisch behandelt 
und ist bald vollkommen corrigirt. Der Schenkelkopf scheint an richtiger Stelle 
in der Leiste zu liegen und macht die Leistenfurche leicht convex. Es besteht 
massige Auswärtsrollung des Beines, Beugung und Streckung sind mit etwas 
Abduction combinirt. Das Gebiet der letzteren ist über die physiologische 
Grenze hinaus erweitert. Active Adduction ist kaum möglich, den Versuchen 
passiver Adduction setzt das Kind lebhaften Muskelwiderstand entgegen. Die 
Einwärtsrollung ist gehemmt. Der Trochanter steht etwas oberhalb der Linie. 
Die restirende Verkürzung beträgt 1 Centimeter. Der Gang des Kindes voll- 
zieht sich auf vollen Sohlen und ist von einer Ausdauer und Gleichmässigkeit, 
dass von Heilung gesprochen werden kann. Das 12 Monate nach Beginn der 
Behandlung aufgenommene Röntgenbild (Fig. 69) zeigt den Schenkelkopf mit 
dem inneren Abschnitte seines oberen Poles gegen eine kaum differenzirte obere 
Pfannenkante gestützt; ein knöchernes, den Schenkelkopf überlagerndes 
Pfannendach fehlt. Die Schenkelhalskante steht in der Höhe der Sitzdarmbein- 
fuge. Wahrscheinlich wird der Schenkelkopf durch knorpelige Bildungen gestützt, 



— 320 — 

welche auf dem Schattenbilde nicht zum Ausdrucke kommen. Die functionelle 
Heilung besteht 2 Jahre nach der Einrenkung unvermindert fort. 

Hermine L., 8}/ 2 J-, Böhmen. Lux. cox. dextr. Die Sohle des kranken 
Pusses steht in Knöchelhöhe des gesunden; die Verkürzung von 5 Centimeter 
ist verhältnismässig ziemlich nachgiebig. Das Kind geht sehr stark hinkend 
auf der äussersten Fussspitze. Der Schenkelkopf ist schön gerundet, gut ent- 
wickelt, medial gerichtet, der Hals deutlich differenzirt, vielleicht etwas steiler (?). 
Die Einrenkung gestaltete sich ziemlich schwierig: Zuerst ausgiebige Myorhexis 
adductorum und manuelle Extension; hierauf Reposition durch maximale Ab- 
duction auf dem Keile. Phänomene classisch. Es scheint ein sehr gut 
entwickelter hinterer Pfannenrand vorhanden zu sein, denn die 
Erschütterung, ebenso wie das Geräusch waren überraschend stark. Trotzdem 




Fig. 69. Rechtsseitige Reposition. Subluxationsstellung des Schenkelkopfes; ein demselben sich 

anschmiegendes knöchernes (opakes) Pfannendach fehlt; starke Prominenz des Schenkelkopfes 

in der Leiste; functionelle Heilung. 



erwies sich die Reposition gegen Abductionsverminderung ausserordentlich 
empfindlich. Man konnte unter den rechten Winkel nicht heruntergehen, ohne 
dass der Kopf wie über eine Reihe von Stufen treppauf nach hinten oben ans 
der Pfanne herauspolterte. Fixation in rechtwinkeliger Abduction bei ganz 
leichter Ueberstreckung. Nach 4 Monaten ganz geringe Correetur der Abduction, 
um das Gehen zu erleichtern. Dabei ist eine ziemlich starke Rigidität der 
Contracturstellung zu überwinden. Nach weiteren 2 Monaten wird die Abduction 
auf 1*5 Centimeter corrigirt und das Kind in voller Freiheit gymnastisch weiter 
behandelt. Die Trochanterspitze steht etwas oberhalb der Nelatonlinie, es ist eine 
restirende Verkürzung von 2 Centimeter vorhanden. Die Beweglichkeit ist 
unmittelbar nach Schluss der Fixationsbehandlung ziemlich beschränkt, Beugung 
und Streckung sind nur in Combination mit Abduction ausführbar, die Aussen- 
rollung des Beines ist ziemlich auffallend. Das Kind zeigt den charakteristischen, 
etwas steifen Abductionsgang. Wie die meisten der Patienten, bei welchen sich 



— 321 — 

die Flexion und Extension des Hüftgelenkes zunächst in einer diagonalen Ebene 
abspielt, also mit gleichzeitiger Abduction combiniit ist, hält auch dieses 
Kind in ganz besonders charakteristischer Weise beim Gehen die kranke Becken- 
hälfte nach vorne gestellt; es geht also sozuzagen mit der eingerenkten Hüfte 
voran. Die Ausdauer lässt nichts zu wünschen übrig. l ] / 2 Jahre nach der Repo- 
sition ist das fanctionelle Resultat bei künstlichem Ausgleiche der vorhandener. 
Verkürzung ein vorzügliches. Die Abduction ist verschwunden und die Auswärts- 
rollung auf einen kleinen, durchaus nicht störenden Rest spontan zurückgegangen. 
Das in Bauchlage des Kindes aufgenommene Röntgenbild (Fig. 70) lässt eine 
auffällige Atrophie des rechten (auf dem Bilde sind die Seiten wegen der 
Bauchlage verkehrt) Darmbeinflügels vermuthen. Am äusseren Rande der Sitz- 
darmbeinfuge ist keine Spur einer knöchernen Pfannengrundlage vorhanden. 
Der Schenkelkopf steht etwas oberhalb der Knorpelfuge gegenüber einer Stelle 




Fig. 70. Der in Subluxationsstellung befindliche Schenkelkopf entbehrt eines knöchernen 
Pfannendaches, beträchtliche Prominenz desselben in der Leistenfurche. 



des Darmbeines, wo etwa die Lage der oberen Pfannenkante zu vermuthen 
wäre. Von einem knöchernen Pfannendache, ja auch nur von einer leichten 
Andeutung einer oberen Pfannenkante ist auf dem Bilde nicht die Spur zu er- 
kennen. Das Actinogramm vermittelt den Eindruck, als hänge der Schenkelkopf 
frei im Räume. Derartige Bilder finden sich in meiner Sammlung sechs. Gestützt 
auf den durch die Reposition erbrachten Nachweis knorpeliger Pfannenränder 
von ziemlich guter Bildung, darf man wohl annehmen, dass der Schenkelkopf 
wenigstens mit seiner medialen Rundung durch eine knorpelige Pfannenkante 
eine Unterstützung erfahren haben müsse; anders wäre das ausgezeichnete 
functionelle Resultat kaum erklärlich. 

Charlotte S., 4 J., Sachsen. Lux. cox. bilat. Bei massiger Entwickelung 
der Deformität ist hochgradige Functionsstörung vorhanden. Beide Hüftgelenke 
sind schlottrig, der gut erhaltene Schenkelkopf kann beiderseits in weitem Um- 
fange hin und her geschoben werden. Die geringe Verkürzung ist leicht aus- 
gleichbar. Die Reposition wird über Wunsch der Eltern zweizeitig vorgenommen. 

L o renz, Hüftveri-enktmg. 21 



— 322 



Links ergaben sich gute Symptome bei geringem Primärhalte. Der Schenkel 
wurde durch 5 Monate in extremer Stellung und durch weitere 3 Monate in 
45 Grad Abduction bei geringer Ueberstreckung fixirt. Die Einrenkung des 
rechten Hüftgelenkes erfolgte 8 Monate nach jener des linken und wurde, 
ebenso wie die Nachbehandlung, in vollkommen analoger Weise durchgeführt. 
Da mit der Behandlung der rechten Hüfte begonnen wurde, ehe das linke Gelenk 
sich selbst überlassen werden konnte, musste während der ersten Fixations- 
periode des rechten Beines (in extremer Stellung) auch der linke Schenkel in 
leichter Abduction in den Verband mit einbezogen werden. Dem rechtsseitigen 
Fusse wurde ein hoher Bügelschuh unterstellt. Das Kind lernte nur mit Unter- 
stützung sich zu bewegen. Nach im Ganzen 14monatlicher Fixation wird 
Patientin frei gegeben. Ihre Gestalt ist kerzengerade geworden, die Lenden- 
wirbelsäule verläuft vollkommen gestreckt (virtuelle Kyphose). Der Gang des 
Kindes ist insoferne eigenthümlich. als die Schenkel nicht in sagittaler, sondern 

in diagonaler Richtung ausgreifen. 
Das seitliche Schwanken ist nahe- 
zu vollständig verschwunden. Beide 
Schenkelköpfe sind etwas ausser- 
halb der Leistenmitte prominent. 
DieTrochanterspitzen stehen deut- 
lich oberhalb der Linie, rechts 
etwas höher als links. Die Be- 
weglichkeit beider Hüftgelenke 
ist im Sinne der Beugung und 
Streckung bis zum spitzen Winkel 
frei, aber mit Abduction com- 
binirt. Einwärtsrollung und Ad- 
duction sind eingeschränkt, das 
Abductiunsgebiet beiderseits er- 
weitert. Das 2 Jahre nach Beginn 
der Behandlung aufgenommene 
Röntgenbild (Fig. 71) zeigt den rechten Schenkelkopf etwas höher stehend, als 
•den linken. Die Verbindungslinie der Sitzdarmbeinfugen trifft den linken Schenkel- 
kopf ganz knapp unterhalb seiner Epiphyse und schneidet das rechte obere 
Femurende etwas unterhalb der Halskante. Weder auf der einen noch auf der 
anderen Seite kann von einer Einschachtelung des Schenkelkopfes in der Pfanne 
die Rede sein. Ein knöchernes Pfannendach fehlt beiderseits. Die Schenkel- 
köpfe stehen der schwach angedeuteten oberen Pfannenkante annähernd 
gegenüber. Nach der klinischen Untersuchung wäre man geneigt, annähernd normale 
Verhältnisse anzunehmen. Das functionelle und cosmetische Resultat ist 3 l l 2 Jahre 
nach der Behandlung ohne weiteres Zuthun ein geradezu vorzügliches geworden. 

Von der Subluxation nur graduell unterschieden ist die 
complete vordere Reluxation nach oben. Das Actinogramm der- 
selben zeigt den Schenkelkopf ausser jeder Lagebeziehung zur 
Pfanne in verschiedener Höhe oberhalb des oberen Pfannen- 
randes gelagert. Von einem knöchernen Pfannendache ist keine 




Fig. 71. 



Beiderseitige Reposition mit Subluxations- 
stellung der Schenkelköpfe. 



— 323 — 

Spur vorhanden. Dasselbe wird substituirt durch die seitliche 
Ausladung des Darmbeinflügels, dessen untere Kante das sagittal 
gestellte obere Femurende überlagert. Bei der starken Prominenz 
des Schenkelkopfes in der Leistenfurche darf man annehmen, 
dass die in frontaler Richtung sich erstreckende untere 
Kante des Darmbeinflügels auf dem sagittal gestellten 
Schenkelhalse reitet, und dass das Becken hierdurch 
eine knöcherne Unterstützung von unten her erhält. 

Gerade so, wie die Subluxation, ist unter Umständen auch 
die vordere Reluxation nach oben auf einem Durchleuchtungs- 
bilde von einer nicht behandelten Luxation kaum zu unterscheiden, 
besonders wenn die Sagittalstellung des oberen Femurendes 
nicht deutlich ersichtlich ist. Wenigstens gilt dies für den Fall, 
wenn der Schenkelkopf oberhalb der Pfanne lagert, ohne wesent- 
lich auf die hintere Darmbeinfläche verschoben zu sein, so dass 
derselbe auf dem Durchleuchtungsbilde noch strenge vom Darm- 
beine differenzirt werden kann. Wenn bei höheren Graden der 
Dislocation der Schenkelkopf vollkommen auf die hintere Darm- 
beinfläche verschoben ist, gelangen die Knochenschatten des 
Schenkelkopfes und des Darmbeines zur vollen Deckung und 
können nicht mehr deutlich von einander differenzirt werden. 
In diesem Falle wird man aus dem Actinogramme selbstver- 
ständlich jedesmal die Diagnose auf die intacte Luxation machen 
können. 

Die Aehnlichkeit oder eventuelle Gleichheit der Actino- 
gramme der vorderen Reluxation nach oben und der ursprüng- 
lichen Luxation bei noch geringgradiger Verschiebung des Schenkel- 
kopfes haben zu der Ansicht geführt, dass in beiden Fällen 
identische anatomische Lagerungsverhältnisse der Gelenkkörper 
vorliegen; das Behandlungsresultat stelle demnach die Zurück- 
führung der Luxation auf den ursprünglichen Zustand der supra- 
•cotyloiden Verrenkung vor. 

Ich halte dies für einen Irrthum und wiederhole, dass aus 
dem Actinogramme allein so weitgehende Schlüsse auf die Lage- 
beziehung des Schenkelkopfes zur Pfanne nicht gezogen werden 
dürfen, da dasselbe, wie gesagt, lediglich über das Oberhalb und 
Unterhalb, nicht aber auch über das Vorne und Hinten orientirt. 

Dass die vordere Reluxation nach oben und die intacte 
Luxation nach oben anatomisch vollkommen differente Zustände 

21* 



— 324 — 

darstellen, ergibt sich aus der klinischen Untersuchung, welche 
beweist, dass die vordere Reluxation nach oben ein vollständig 
ausserhalb des Rahmens der Pathologie der Luxation stehendes 
Artefact ist. 

Der Schenkelkopf ist ausserhalb der Leistenmitte, abwärts 
und einwärts von der Spina ant. sup., als deutlich sieht- und 
fühlbare Prominenz nachzuweisen. Die Leistenfurche ist convex 
gestaltet, nicht eindrückbar, der Schenkel in leichter habitueller 
Auswärtsrollung eingestellt. Ein Hinauswälzen des Schenkelkopfes 
auf die hintere Darmbeinfläche ist unmöglich. In der Richtung 
nach oben stellt derselbe vollkommen fest, in der Richtung 
von vorne nach hinten ist häufig eine geringe Verschiebbarkeit 
vorhanden. Einwärtsrollung und Adduction linden Widerstand, 
die Abduction ist gewöhnlich über die physiologische Grenze 
hinaus erweitert, jedenfalls nicht pathologisch eingeengt, und das 
Gelenk erlaubt meistens eine Ueb erstreckung, welche weder an 
einem normalen, noch an einem pathologischen Gelenke jemals 
zu beobachten ist. Diese pathologische Ueberstreckbarkeit ist 
eine Folge der Repositionsmanöver und der Fixation einer über- 
streckten Primärstellung zur Sicherung gegen die hintere Relu- 
xation. So wenig diese Schutzmaassregel gegen die hintere Relu- 
xation versagt, ebenso sehr scheint dieselbe die vordere Relu- 
xation nach oben zu begünstigen. Die Ueberstreckbarkeit ist 
daher nicht nur ein Symptom, sondern auch wahrscheinlich eine 
der Ursachen der vorderen Reluxation nach oben (vgl. S. 209). In 
Folge der Annäherung des Schenkelkopfes an die Spina ant. sup. 
besteht eine adäquate Verkürzung der Extremität. Wird dieselbe 
ausgeglichen, so ist die Function, sowohl was die Cosmetik 
als auch was die Ausdauer betrifft, in der Regel eine so zu- 
friedenstellende, ja häufig sogar vorzügliche, dass man schon aus 
diesem Umstände schliessen kann, dass die vordere Reluxation 
nach oben und die intacte Luxation nach oben differente ana- 
tomische Zustände sein müssen. Wäre diese letztere niemals mit 
grösserer Functionsstörung verknüpft, als bei der ersteren besteht, 
so würde die Hüftverrenkung kaum jemals zu einer Behandlung 
Veranlassung bieten. 

Die intacte Luxation mit geringgradiger Verschiebung des 
Schenkelkopfes nach oben bietet der klinischen Untersuchung 
den Befund eines in der äusseren Hälfte der flachen und tief 



— 325 - 

eindrückbaren Leistenfurche eben noch palpablen, eher nach 
aussen von der Spina ant. sup. gelegenen, in den pelvitrochan- 
teren Weichtheilen nach allen Richtungen verschiebbaren Gelenks- 
kopfes, welcher durch Beugung und Adduction des Schenkels 
auf die hintere Darmbeinfläche hinaus gewälzt werden kann und 
sich dort mehr weniger deutlich durch die Weichtheile hindurch 
abtasten lässt. Es bedarf nicht erst der Proben auf die Ein- 
schränkung der Abduction, auf die Vergrösserung der Adductions- 
und Rotationsfähigkeit, um einen solchen Befund als intacte 
Luxation zu erkennen. 

Unter 212 eingerenkten Gelenken zeigt das Actinogramm 
<S2mal vordere obere Reluxation. 

Die betreffenden Fälle gleichen sich sowohl klinisch als 
actinographisch so sehr, dass es genügen mag, je einen Fall von 
einseitiger und doppelseitiger Reluxation nach oben hier bei- 
zufügen. 

Louise A., 3 J., Deutschland. Lux. cox. sin. Gesundes, gut entwickeltes 
Kind; obwohl kräftig-, hat die Kleine erst mit l 1 '., Jahren gehen gelernt und hatte 
von Anfang an die Neigung, auf der linken Fussspitze aufzutreten. In letzterer 
Zeit läuft sie nur mehr auf den Zehen und hinkt sehr stark. Die Palpation 
ergibt einen ziemlich gut erhaltenen, auf kurzem Halse sitzenden, anscheinend 
normal gerichteten Schenkelkopf. Die Verkürzung beträgt 3 Centimeter und ist 
der probeweise mit der Hand geübten Extension gegenüber ziemlich nachgiebig. 
Einrenkung nach vorhergehender Schrauben extension; die Adductoren erwiesen 
sich als so sehr dehnbar und nachgiebig, dass nur die medialsten Fasern der 
Muskelgruppe gelegentlich der Erweiterung des Abductionsgebietes einrissen. 
Die physikalischen Einrenkungsphänomene waren sehr wenig auffällig, doch 
für den Operateur deutlich erkennbar. Der primäre Halt erwies sich als ausser- 
ordentlich gering. Es mussten mehrere Minuten hindurch bohrende Aussen- 
rollungen mit dem rechtwinkelig abducirten Beine vorgenommen werden; dabei 
wurde dasselbe in medialer Richtung unter scharfen Druck gesetzt. Durch diese 
Manöver konnte die Vorderkapsel einigermassen erweitert werden, so dass der 
Halt des Schenkelkopfes ein etwas besserer wurde. Immerhin war eine stark 
überstreckte Abductionslage von 60 Grad noch eine völlig unverlässliche 
Garantie gegen sofortige Reluxation. Angesichts dieser Verhältnisse musste ich, 
um meiner Sache halbwegs sieher zu sein, zur extremsten Primärstellung greifen. 
Die gewählte Abductionslage betrug über 90 Grad, d. h. die Seitenfläche des 
Rumpfes bildete mit der Streckseite des Oberschenkels einen spitzigen Winkel, 
und diese extremste Abductionslage wurde mit prononcirter Hyperextension 
combinirt. Der Schenkelkopf war in der Leistenmitte stark prominent. Fixations- 
verband mit circa 10 Centimeter hoher Sohle unter dem kranken Fusse. Es 
wurde von vornherein eine ^monatliche Fixirung der Primärstellung und eine 
sehr vorsichtige und langsame Stellungscorrectur ins Auge gefasst. Trotz der 



— 326 — 

selten extremen Stellung erlernte die Kleine das selbstständige Gehen sehr bald; 
durch Senkung der linken Beckenhälfte ergänzte sie die functionelle Beinlänge 
und erlangte bald eine von mir selbst für ganz unmöglich gehaltene Mobilität. 
Nach 6 Monaten wurde der noch sehr gut erhaltene Verband entfernt; das Bein 
verblieb spontan in der extremen Primärstellung. Die Prominenz des Schenkel- 
kopfes in der Leistenmitte war noch auffallender als unmittelbar nach der Ein- 
renkung. In leichter Narkose wurde die ziemlich beträchtliche Rigidität der 
Primärstellung unter grossem Widerstände von Seite der pelvitrochanteren 
Weichtheile überwunden und das Bein nunmehr in ganz leichter Beuge- 
stellung und einer Abduction von circa 45 Grad, also in annähernder Mittel- 
lage eingestellt. Die starke Prominenz des Schenkelkopfes in der Leiste war 
nunmehr verschwunden, doch konnte derselbe durch Rollung an seinem bis- 
herigen Standplatze nachgewiesen werden. Die Sohlenerhöhung unter dem kranken 
Fusse wurde auf 5 Centimeter reducirt. Dieser zweite Fixationsverband blieb 
durch weitere 3 Monate liegen. Die Bewegungen des Kindes waren von nun an 
nicht mehr behindert, und die Kleine tummelte sich deu ganzen Tag munter 
umher. Nach im Ganzen 9monatlicher Fixation begann die gymnastische Be- 
handlung. Nur während der Nacht wurde eine Celluloidhülse angelegt, welche 
das Bein in dem Abductionsgrade des zweiten Fixationsverbandes festhielt. Während 
des Tages bleibt das Kind vollständig frei und trägt lediglich zur Sicherung 
einer leichten Abductionslage des operirten Gelenkes eine l 1 2 Centimeter hohe 
Sohle unter dem gesunden Fusse. 14 Monate nach der Operation sah ich die 
kleine Patientin wieder. Die erhöhte Sohle unter dem gesunden Fusse wurde 
nun fortgelassen und ausser Massage und Beingymnastik von jeder weiteren 
Maassnahme abgesehen. Das Kind läuft frei auf vollständig gleichen Sohlen. Das 
Hinken ist bis zu dem Maasse verschwunden, dass der Vater des Kindes ver- 
sichert, er könne beim Spaziergang, wenn seine drei Kinder vor ihm hergingen, 
die ehemals Hinkende nicht mehr herausfinden. Die Ausdauer im Gehen ist 
ebenfalls eine vollständig normale geworden. Bemerkenswert ist es, dass 
selbst ohne Ausgleich der 2 Centimeter betragenden, restirenden Ver- 
kürzung das Hinken völlig beseitigt bleibt, während das Kind bei links- 
seitiger, leichter Beckensenkung auf vollen Sohlen einliergeht. Der Schenkel- 
kopf ist etwas nach aussen von der Leistenmitte immer noch beträchtlich 
prominent, das Gelenk nach allen Richtungen frei beweglich, namentlich 
das Abductions- und Extensionsgebiet merklich erweitert. Selbst durch kräftige 
passive Adduction lässt sich der Schenkelkopf nicht mehr nach hinten vor- 
wälzen. Angesichts des geradezu tadellosen functionellen und cosmetischen 
Effectes der Behandlung glaubte ich die actinographische Bestätigung auch eines 
guten anatomischen Resultates erwarten zu dürfen. Das 2 Jahre nach der Repo- 
sition angefertigte Actinogramm (Fig. 72) zeigt jedoch, dass der Schenkelkopf 
oberhalb des ziemlich gut entwickelten Pfannenrandes gelagert ist, also gar 
keine Beziehung zur rudimentären Pfanne hat. Ein knöchernes Pfannendach 
als Fortsetzung der oberen Pfannenkante fehlt. Der Schenkelkopf wird vielmehr 
vor der unteren Kante des lateral ausladenden Darmbeines überdeckt. Im Zu- 
sammenhalt mit der Prominenz des Schenkelkopfes in der Leiste gewinnt man 
den Eindruck, als reite die vordere untere Darmbeinkante auf dem Schenkel- 
halse und vermittle in dieser Weise eine directe knöcherne Unterstützung des 



— 327 — 

Beckens. Das functionelle Resultat ist 2 1 ;, Jahre nach der Reposition ein 
unverändert tadelloses geblieben, ohne dass irgend welche weitere Vorsichts- 
maassregeln angewendet wurden. 

Marie V., 8 J., Schlesien. Lux. cox. bilat. Patientin war durch 1 Jahr 
erfolglos mit Streckapparaten behandelt worden und sollte der blutigen Reposition 
unterzogen werden, auf welchen Vorschlag die Eltern jedoch nicht eingingen. 
Ich hielt den Versuch der unblutigen Einrenkung trotz des vorgeschrittenen 
Alters des Kindes keineswegs für aussichtslos und schlug wegen voraussicht- 
licher Schwierigkeiten die zweizeitige Reposition vor. Die Rumpfdeformität war 
hochgradig entwickelt, die Unterbauchgegend stark nach abwärts gerichtet und 
die Lende enorm gesattelt. An den hinteren oberen Antheilen der Gesässgegend 
in der Nähe des hinteren Randes der Darmbeinkämme sind die Prominenzen 




Fig 



72. Vordere obere Relaxation nach linksseitiger Reposition mit tadellosem funetionellen 

Erfolse. 



der Trochanteren unter den emporgestttlpten Weichtheilen zu bemerken. Die 
Spitzen derselben stehen 6 Centimeter oberhalb der Linie. Die Schenkelköpfe 
lassen sich beiderseits vollständig umfassen und scheinen gut entwickelt zu 
sein. Der Hals ist beiderseits als Furche tastbar. Die Reposition zunächst der 
linken Hüfte gestaltete sich ausserordentlich mühsam, da es nur sehr langsam 
und ausserordentlich schwierig gelang - , den Schenkelkopf berabzuholen. Der 
Adductorenwiderstand wurde auf stumpfem Wege beseitigt; keine Tenotomie. 
Die Einrenkung gelang nach fast einstündiger schwerer Arbeit über den hinteren 
unteren Pfannenrand, indem der Schenkel aus spitzwinkeliger Beugung auf dem 
Keile allmählich in Abduction und Ueberstreckung gezwungen wurde. Die Er- 
scheinungen waren charakteristisch, der Halt ziemlich gut. Obwohl die Ein- 
renkung zweizeitig projectirt worden war, schloss ich dennoch den Versuch der 
Einrenkung auch des rechten Gelenkes unmittelbar an, da ich fürchtete, der- 
selbe würde, nach den soeben überwundenen Schwierigkeiten zu urtheilen. 



328 



3 /4 Jahre später überhaupt nicht mehr gelingen. Nach gründlicher Mobilisirung 
des Schenkelkopfes gelang die rechtsseitige Reposition, wenn auch sehr schwierig, 
so doch in kürzerer Zeit (i/ 2 Stunde) als die linksseitige Operation. Der Primär- 
halt war nicht ungünstig. Beide Schenkel wurden in circa 45 Grad deutlich 
überstreckter Abduction durch 5 Monate fixirt, sodann die Femurcondylen auf 
circa 30 Centihieter einander genähert, und in dieser geringeren Abductions- 
stellung neuerdings durch 3 Monate festgestellt. Nach Smonatlicher Dauer der 
Fixation wird das Kind völlig frei gegeben. Als der Verband entfernt war und 
das Mädchen auf die Beine gestellt wurde, erschrak ich förmlich über die be- 
trächtliche Rumpfdeformität, welche sich während der Fixation der Hüftgelenke 
entwickelt hatte. In Profilansicht des Körpers zeigt sich die Lendenwirbelsäule 
scharf kyphotisch verkrümmt, der Scheitel des Bogens entspricht der Mitte der 
Lende. Der Bauch ist durch eine Querfurche tief eingezogen. Beide Kniegelenke 
werden gebeugt gehalten (vgl. hierzu Fig. 83). Offenbar sind diese compen- 

satorischen Einstellungen der den Hüft- 
gelenken benachbarten Gelenkscomplexe 
durch die starke Ueberstreckung der 
letzteren bedingt. In Bauchlage lässt sich 
die Lendenkyphose ziemlich leicht 
redressiren. Gymnastische Behandlung, 
namentlich aber die Mobilisirung der 
Hüftgelenke im Sinne der Beugung und 
Streckung verminderte sehr rasch die 
compensatorische Lendenkj^phose, welche 
etwa 3 Monate später bis auf einen 
kleinen Rest beseitigt ist. Eine ganz ge- 
ringe flachbogige kyphotische Einstellung 
der "Lendenwirbelsäule ist noch lange 
Zeit hindurch erkennbar und mit einer 
entsprechenden Lordosirung der Brust- 
wirbelsäule verknüpft. Die frühere Zickzackhaltung, welche eine Zeit lang in das 
gerade Gegentheil übergeführt schien, war nunmehr einer sozusagen übermässig 
geraden Haltung gewichen. Die Schenkelköpfe rollen nach aussen von der Mitte 
der volleren Leistenbeuge, sind hier prominent und lassen sich nicht mehr nach 
rückwärts wälzen. Beugung und Streckung bis zum spitzen Winkel frei und mit 
gleichzeitiger Abduction verquickt. Das Abductionsgebiet ist erweitert, Innen - 
rollung und Adduction sind eingeschränkt. Beide Füsse werden leicht auswärts 
gestellt gehalten. Der Gang ist ausserordentlich ausdauernd, die Seiten- 
schwankungen des Rumpfes sind auf ein Minimum reducirt. Die Schrittlänge 
ist wegen des seitlichen Ausschreitens der Beine eine ziemlich geringe. Die 
Function besserte sich sichtlich von Monat zu Monat. Das 1 Jahr nach 
der Reposition aufgenommene Röntgenbild (Fig. 73) zeigt beide Schenkel- 
köpfe in sagittaler Vornewendung. Der rechte steht ein Geringes oberhalb 
des oberen Pfannenrandes, an welchem keinerlei Andeutung einer Fort- 
führung oder Erweiterung zu bemerken ist. Der linke Schenkelkopf steht 
deutlich höher. Die obere, ziemlich scharf geprägte Kante des Pfannen- 
randes entspricht liier etwa der Mitte des Kopfschattens. Auch auf dieser Seite 




Fig. 73. Beiderseitige vordere Reluxation 

nach oben nach eiu zeitiger doppelseitiger 

Reposition. Trotzdem ausgezeichnetes cos- 

metisches Resultat. 



— 329 — 

fehlt dem Schenkelkopfe ein knöchernes Pfannendach. Von einem Ineinander- 
greifen der Gelenkskörper kann also nicht die Rede sein. Die starke Prominenz 
der Schenkelköpfe in der Leistenbeuge unterhalb und einwärts der Spin. ant. 
sup. führt im Zusammenhalte mit dem Actinogramm zur Annahme, dass die 
Vorderkante des Beckens durch die Schenkelköpfe von unten her eine knöcherne 
Unterstützung gewonnen hat. Das cosmetische und functionelle Resultat ist 
2 Jahre nach der Einrenkung ein ausgezeichnetes geblieben. Die Lenden- 
wirbelsäule verläuft vollständig gerade, die Auswärtskehrung der Fussspitzen 
ist bis auf einen durchaus nicht mehr störenden Grad spontan zurückgegangen, 
die Schritte sind raumgreifend geworden und die seitlichen Schwankungen des 
Rumpfes sind verschwunden. 

Wenn wir zum Schlüsse dieser Betrachtung die Fälle von 
concentrischer oder excentrischer Ausgestaltung der rudimentären 
Pfanne, als gelungene anatomische Resultate, den Fällen von 
Subluxation und completer vorderer Reluxation nach oben als 
den vom anatomischen Standpunkte aus misslungenen Fällen 
gegenüberstellen, so ergeben sich 108 anatomische Erfolge gegen- 
über 102 anatomischen Misserfolgen. 

Stellt man bei dem Versuche, den Procentsatz der ana- 
tomischen Erfolge zu eruiren, die einseitige Luxation der doppel- 
seitigen Verrenkung gegenüber, so resultirt für die erstere eine 
Vermehrung, für die letztere eine Verringerung der anatomischen 
Erfolge. Unter 102 einseitigen Verrenkungen kommen auf 61 ana- 
tomisch gute Resultate 41 schlechte: auf 110 Doppelgelenke 
47 anatomisch gute auf 61 schlechte Resultate. 

Noch ungünstiger stellt sich das Verhältnis für die doppel- 
seitigen Verrenkungen, wenn hier nicht die Summe der ein- 
gerenkten Gelenke, sondern die Zahl der Patienten in Betracht 
gezogen wird; dann kommen unter 55 Fällen von doppelseitiger 
Luxation 13 mit beiderseitig gutem anatomischen Resultate auf 21 
mit beiderseitig schlechtem Resultate, während weitere 21 auf der 
einen Seite ein gutes, auf der anderen ein schlechtes anatomisches 
Resultat aufweisen. Bei der einseitigen Verrenkung konnte bisher 
also in etwa der Hälfte, bei der doppelseitigen Verrenkung nur 
in etwa dem vierten Theile der Fälle ein auch in anatomischer Be- 
ziehung entsprechendes Resultat erreicht werden. 

Mit diesem Procentsatz von anatomischen Heilungen wird 
man sich in Zukunft nicht zufrieden geben können. Immerhin 
ist es erfreulich, dass derselbe, trotz des anfänglichen Tastens 
auf vollständig unbekanntem Gebiete, trotz aller Unsicherheit 
und trotz der vielen anfänglichen MissR-riffe erreicht werden konnte. 



— 330 — 

Es ist begreiflich, dass der ganze Retentionsplan im An- 
fange der Versuche einzig und allein von der Furcht vor der 
hinteren Reluxation beherrscht wurde, denn die vordere Relu- 
xation nach oben war nicht vorausgesehen worden. Die über- 
triebene Furcht vor der hinteren Reluxation, welche als typisch 
angewendete und sicher oft genug unnöthig starke Ueb erstreckung 
des reponirten Hüftgelenkes zum Ausdrucke kam, führte zur 
vorderen Reluxation nach oben. Erst nachdem diese weitere 
Gefahr erkannt wurde, konnten Maassregeln dagegen ergriffen 
werden und unter diesen hat sich die Gelenksmittellage mit 
prononcirter Reugestellung, wenigstens vom Schlüsse der ersten 
Fixationsperiode angefangen, bisher am besten bewährt. 

Der praktische Wert der Methode darf aber nicht lediglich 
und ausschliesslich nach dem trügerischen Röntgenbilde beurtheilt 
werden, welches gewiss manches anatomische Resultat besser 
und manches andere wieder schlechter erscheinen lässt, als es 
in der That ist. Eine solche Einseitigkeit würde direct zu Irr- 
thümern führen. Ris zu einem gewissen Maasse verhält sich die 
Sache ähnlich wie bei der Beurtheilung der Leistungen unserer 
Fracturentherapie unter ausschliesslicher Berücksichtigung der 
actinographischen Aufschlüsse. Nach diesen allein zu urtheilen, 
wären die Leistungen der Fracturentherapie im Allgemeinen 
geradezu kläglich. Die tägliche Erfahrung aber zeigt, dass selbst 
eine vollkommene functionelle Restitution der verletzten Glied- 
massen innerhalb gewisser Grenzen anatomischer Unvollkominen- 
heit in der Coaptirung der Bruchenden erreicht wird. 

Ein vom actinographischen Standpunkte aus unanfechtbares 
anatomisches Resultat kann in functioneller Beziehung möglicher- 
weise ganz unzulänglich sein, so lange z. B. das reponirte Gelenk 
noch nicht die normale Einstellung und Beweglichkeit und so 
lange namentlich der Motor des Mechanismus, die Muskulatur, 
noch nicht die ausreichende Kraft besitzt. Schon oben (vgl. 
S. 144, 145) wurde auf das nach dem Actinogramm tadellose 
anatomische Resultat einer beiderseitig operativ reponirten Hüft- 
gelenksluxation hingewiesen, welche wegen beiderseitiger An- 
kylose thatsächlich einen der beklagenswertesten Misserfolge 
darstellt. Andererseits kommt es täglich vor, dass bei ausge- 
zeichneter, ja tadelloser Function des eingerenkten Gelenkes, 
welche geradezu eine anatomische Restitution erwarten liesse. 



das Actinogramm ein unglaublich mangelhaftes anatomisches 
Resultat aufweist. 

Die praktische Bedeutung der Methode darf daher nicht in 
einseitiger Weise nach dem Schattenbilde beurtheilt, sondern 
muss auch nach ihren functionellen und cosmetischen Resultaten 
gewürdigt werden. Erst dadurch wird ihr Wert in das 
richtige Licht gestellt, denn glücklicherweise sind diese 
praktischen Resultate ausserordentlich befriedigend, ja sie haben 
alle meine Erwartungen übertroffen. 

Der Praktiker, sowie der Hilfe suchende Laie werden zum 
Schlüsse wenig danach fragen, ob der eingerenkte Schenkelkopf 
genau in der Pfanne geblieben ist oder sich etwas nach oben 
verschoben hat. Lediglich um ein schönes Röntgenbild seiner 
luxirten Hüfte zu gewinnen, wird sich niemand operiren lassen. Der 
Praktiker wird immer nur danach fragen, erstens, ob der Patient 
durch die Operation seine Deformität verliert, zweitens, ob er aus- 
dauernd und gleichmässig, d. h. ohne zu hinken wird gehen können. 

Wäre der cosmetische und functionelle Erfolg von dem 
anatomischen Resultate „absolut" abhängig, so hätte die 
Methode in der Hälfte der Fälle Misserfolge zu verzeichnen. 

Glücklicherweise hat die Erfahrung gezeigt, dass das Ab- 
hängigkeitsverhältnis des cosmetischen und functionellen Erfolges 
von dem anatomischen Resultate ein weit loseres ist als man 
rein theoretisch zu folgern geneigt wäre. 

Auch die Subluxation und die vordere Reluxation nach 
oben stellt, wenn auch ein minderwertiges, so doch immerhin 
noch ein der therapeutischen Aufgabe genügendes anatomisches 
Resultat vor, denn das Becken ist fortan nicht mehr mit seiner 
hinteren Fläche an dem oberen Femurende suspendirt, sondern 
an seiner vorderen Kante durch den Femurkopf gestützt. 

Diese Thatsache erklärt es, dass sowohl die cosmetischen 
als die functionellen Erfolge mit minderwertigen anatomischen 
Resultaten vereinbar bleiben. 

b) Resultate in cosmetischer Beziehung. 

Befassen wir uns zunächst mit den Leistungen der Methode 
vom cosmetischen Standpunkte aus. 

Die Heilung des Gebrechens mit Rücksicht auf die Gosmetik 
verlangt das vollkommene Verschwinden der mit unilateraler, 



— 332 — 

vor allem aber der mit doppelseitiger Verrenkung in so auf- 
fallender Weise verbundenen körperlichen Verunstaltung. 

Alle Erwartungen, welche man in dieser Beziehung 
auf die unblutige Einrenkungsbehandlung stellen durfte, 
sind durch die thatsächlichen Ergebnisse derselben 
übertroffen worden. 

Die mit der Hüftluxation verbundene Verunstaltung des 
Körpers wird durch die unblutige Einrenkungsbehandlung in 
einer derart vollkommenen Weise beseitigt, wie es der Ortho- 
pädie gegenüber anderen Deformitäten nur selten gelingt. Das 
Zickzack der ganzen Gestalt, die Beugung der Hüftgelenke, das 
aufdringlich prominente Gesäss, der vortretende Bauch, der 
zurückgeworfene Oberkörper, kurz gesagt, das ganze Zerrbild 
der menschlichen Gestalt, welches der beiderseitigen Hüftluxation 
zukommt, hat nach gelungener Einrenkungsbehandlung wie mit 
einem Schlage einer vollständig normalen Körperform und 
Körperhaltung Platz gemacht. 

Dieser ausserordentliche Effect imponirt umsomehr, als die 
Streckung des Zickzacks gleichzeitig mit einer in die Augen 
fallenden Vermehrung der Körpergrösse, welche bis zu 10 Genti- 
meter betragen kann, einhergeht. 

Der cosmetische Effect ist vollständig unabhängig davon, 
ob der Schenkelkopf von der rudimentären erweiterten Pfanne 
zurückgehalten wurde, oder ob Subluxation oder vordere Relu- 
xation nach oben eingetreten ist. Da in diesem letzteren Falle 
die Hüftgelenke in der Regel überstreckbar sind und die Kinder 
gerne mit vorgeschobenem Becken stehen, so wird die patho- 
logische Lendenlordose sogar bis zum vollständigen Ver- 
schwinden ausgeglichen (virtuelle Kyphose). Ja, es kann bei 
Outrirung der Ueberstreckung eine Uebercorrectur, also eine 
vollständige Umkehrung der pathologischen Lenden- 
lordose in eine absolute Kyphose stattfinden, so dass die 
Erreichung einer normalen Einstellung des Lendensegmentes 
gewissermassen erst auf einem Umwege durch nachträgliche 
active und passive Gymnastik erreicht werden muss. Diese 
Kyphose als Nebenwirkung der Ueberstreckung der Hüftgelenke 
wurde ebenso wenig vorausgesehen, wie die durch Ueberstreckung 
geschaffene Disposition zur vorderen Reluxation nach oben. Beide 
Thatsachen wurden auf dem Wege der Erfahrung festgestellt. 



3oo 
DD 

Dass eine künstliche Ueberstreckung der Hüftgelenke als 
Sicherheitsmaassregel gegen hintere Relaxation, eine Lenclen- 
kyphose zur Folge hat, entspricht der statischen Nothwendigkeit. 

Die Einrenkungsbehandlung schafft eine der früheren dia- 
metral entgegengesetzte Statik des Beckens. Durch die Umwandlung 
der fibromusculären Suspension der hinteren Fläche des Beckens 
an den Schenkelköpfen in eine directe knöcherne Unterstützung 
der vorderen Fläche desselben durch die Schenkelköpfe er- 
scheint die vorherige excessive Neigung desselben in eine der 
Horizontalstellung sich mehr weniger nähernde Aufrichtung 
überführt. 

Eine secundäre Reluxation nach hinten ist gleichbedeutend 
mit der Wiederkehr der früheren pathologischen Beckenstatik 
und müsste sich augenblicklich durch die pathologische Lenden- 
lordose, respective durch die vollständige Recidive der Rumpf- 
deformität verrathen. 

Der unveränderte Fortbestand der geraden Körperhaltung 
lässt demnach eine hintere R.eluxation geradezu ausschliessen. 
Glücklicherweise bin ich bisher nicht in der Lage gewesen, eine 
secundäre Reluxation nach hinten zu constatiren. Dementsprechend 
ist auch die Gorrectur der Rumpfdeformität in allen Fällen er- 
halten geblieben, obwohl die Kinder zum Theile schon mehrere 
Jahre hindurch sich ohne irgendwelchen Stützapparat in voller 
Freiheit getummelt haben. 

Als ich auf dem 28. Congresse der deutschen Gesellschaft 
für Chirurgie 40 derartige, eine tadellose Correctur der vorher 
bestehenden Puimpfdeformität demonstrirende Photographien vor- 
wies, hat Herr Heusner entgegnet, dass damit gar nichts be- 
wiesen sei, denn eine Verbesserung der Rumpfdeformität könne 
man auch durch die Corsetbehandlung erreichen. Wenn Herr 
Heusner zugeben musste, dass der cosmetische Effect der 
Corsetbehandlung ein vorübergehender ist und in wenigen 
Stunden oder höchstens Tagen wieder vollständig verschwindet, 
um der früheren Deformität abermals Platz zu machen, so 
scheint mir durch die festgestellte Thatsache einer tadellosen 
Persistenz des cosmetischen Resultates derEinrenkungs- 
behandlung durch Jahre hindurch, ohne dass überhaupt 
ein Gorset oder sonstiger Unterstützungsapparat ge- 
tragen wurde, denn doch etwas bewiesen. 



— oo4 — 

Zunächst erscheint damit bewiesen, dass die symptomatische 
Corsetbehandlung der Hüftluxation gegenüber den Erfolgen der 
unblutigen Einrenkungsbehandlung zum vollständigen Anachro- 
nismus geworden ist. Die Rumpfdeformität wird durch ein Corset 
überhaupt viel weniger corrigirt als vielmehr cachirt. Die Lenden- 
lordose wird durch die geraden Rückenschienen des Corsetes 
einfach überbrückt, während der nachgiebige Unterleib durch die 
vordere Gorsetschnürung platt gedrückt und nach hinten ange- 
zogen wird. Es wäre vermessen, von einer selbst vieljährigen 
Anwendung eines so kleinlichen Mittels gegenüber einer so 
grossen Aufgabe einen dauernden Nutzen, geschweige denn 
eine Heilung auch nur in cosmetischer Beziehung zu erhoffen. 

Die Beständigkeit des cosmetischen Resultates nach der 
unblutigen Einrenkungsbehandlung beweist die hierdurch herbei- 
geführte bleibende und dauerhafte Ueberführung der patholo- 
gischen in eine normale oder der Norm sich wenigstens nähernde 
Beckenstatik. Durch die unblutige Einrenkung wurde die Luxa- 
tionsdeformität an ihrer Wurzel gefasst und nicht, wie bei der 
Corsetbehandlung, mit einem verhüllenden Mäntelchen bekleidet. 

Für den Thatbestand einer im anatomischen Sinne tadel- 
losen Einrenkung und Einschachtelung des reponirten Schenkel- 
kopfes in der Pfanne ist das cosmetische Resultat allerdings 
weder als solches, noch durch seine Persistenz beweisend. An 
sich ist damit nur bewiesen, dass eine hintere Luxation nicht 
mehr besteht. 

Zur Illustrirung des Gesagten kann ich hier nur einige 
Belege aus meiner reichen Photographiensammlung vorführen 
und füge den betreffenden Bildern die zugehörigen Kranken- 
geschichten bei. Ich beziehe mich hier lediglich auf doppelseitige 
Luxationsfälle, weil bei diesen sowohl die Deformität als die 
erreichte Correctur auf den Photographien viel deutlicher in die 
Erscheinung tritt. 

Elsa v. P., 6 J., Steiermark. Lux. cox. bilat. Rumpfdeformität und 
Functionsstörung sind classisch entwickelt und haben sich in den 3 Jahren, 
während welcher das Kind in meiner Beobachtung stand, zusehends allmählich 
gesteigert. Die Schenkelköpfe sind beiderseits gut entwickelt, die Halsfurche 
deutlich ausgeprägt und keinesfalls horizontal gelagert. Die Trochanterspitzen 
stehen 5 Centimeter hoch. Die Verkürzung ist wenig nachgiebig. Bei der einzeitig 
projectirten Reposition hielt ich, sowohl wegen der Starrheit der Verkürzung 
als auch um die Operationsdauer einzuschränken, die subcutane Tenotomie der 



335 — 



Kniekehlensehnen für zweckdienlich. Die Adductoren wurden stumpf ausgeschaltet. 
Ich versuchte in diesem Falle die Reposition über den oberen Pfannenrand 
durch Extension des abducirten Schenkels. Dieselbe gelang beiderseits unter 
einem förmlichen Repositionsknalle. Die primäre Stabilität ist auf beiden Seiten 
ausgezeichnet, so dass eine Abductionsstellung, bei welcher das Kind eben noch 
stehen konnte, zur Retention ausreichend schien; den ersten Fixationsverband 





Fig. 74. Beiderseitige Hüftver- 
renkung. Gestalt des Kindes vor 
der Einrenkung. 



Fig. 75. Gegenstück zu Fig. 74. Gestalt 
desselben Kindes nach der Einrenkung. 



behält das Kind 6 Monate und erlernte es allmählich, sich vollkommen 
selbstständig zu bewegen. Nach Abnahme desselben sind beide Schenkelköpfe 
in der Leistenfurche unterhalb und einwärts von der Spina ant. sup. deutlich 
prominent. Die Abductionsstellung wird beiderseits bis auf einen geringen Rest 
corrigirt und ein zweiter Verband angelegt, welcher 5 Monate getragen wird. 
Nach llmonatlicher permanenter Fixation übergeht das Kind in volle Freiheit. 
Während der ganzen bisherigen Behandlung war die selbstständige Bewegung 
der Patientin kaum durch eine Woche unterbrochen gewesen. 

Die Körperform des Kindes hat sich vollkommen verändert. Fig. 74 zeigt 
das Kind vor Beginn der Behandlung, Fig. 75 12 Monate später. Die patho- 
logische Lendenlordose ist vollständig verschwunden. Die noch vorhandene 



— oob — 

Lordose ist eher geringer, als es der Norm entspricht, man könnte fast von 
virtueller Kyphose sprechen. Der prominente Bauch ist verschwunden. Die habi- 
tuelle Flexion der Kniegelenke hat einer vollständigen Streckung derselben 
Platz gemacht. Die äussere Formation der Hüften zeigt anscheinend vollkommen 
normale Verhältnisse. Die normale Körperform und normale Körperhaltung hat 
sich 3 Jahre nach Beginn der Behandlung vollständig unverändert erhalten, 
so dass ihr Fortbestand wohl für alle Zukunft gesichert erscheint. Während 
dieser Zeit kam weder ein Corset, noch ein sonstiger Stützapparat in Anwendung. 
Das functionelle Resultat ist, was die Ausdauer im Gehen betrifft, ein vor- 
zügliches. Bei einiger Aufmerksamkeit kann auch das seitliche Schwanken unter- 
drückt werden. Jedenfalls ist dasselbe im Vergleiche zu früher ungemein gebessert 
und kaum mehr auffällig. Das anatomische Resultat ist ein minderwertiges, 
da das Actinogramm beide Schenkelköpfe in vorderer oberer Reluxationsstel- 
lung zeigt. 

Gretchen K., 3 J., Böhmen. Lux. cox. bilat. Das putzige kleine Mädchen 
läuft erst seit 1 Jahre. Sowohl das höchst auffällige Schwanken des Oberkörpers 
als auch die Deformirung der Gestalt erlaubten dem Hausarzte sofort die 
Diagnose auf beiderseitige Luxation. Die Lendenwirbelsäule war tief gesattelt, 
der Bauch entsprechend prominent, beide Kniegelenke werden in leichter Beuge- 
stellung gehalten. Die Ausdauer im Gehen fehlt vollständig, schon nach wenigen 
Schritten werden die Seitenschwankungen des Körpers immer stärker, das Kind 
droht zu fallen und verweigert das Gehen. Beide Schenkelköpfe waren stark 
nach hinten oben dislocirt, der Trochanterhochstand betiug reichlich 4 Centi- 
meter. Der Schenkelkopf scheint beiderseits gut entwickelt zu sein, hat aber 
nur eine geringe mediale Ausladung. Die Verkürzung ist auffallenderweise 
ziemlich rigide. Die Reposition, welche beiderseits in derselben Sitzung vor- 
genommen wurde, war durch ihre ebenso grosse als unerwartete Schwierigkeit 
ausgezeichnet. Ich war nahe daran, die Sache als unausführbar aufzugeben. Die 
Herabziehung des linken Schenkelkopfes Hess sich nach Ausschaltung der 
Adductoren auf stumpfem Wege durch manuelle Extension ziemlich leicht erreichen 
aber die Einrenkung selbst wollte durchaus nicht gelingen. Die auf dem Keile 
allmählich erzwungene rechtwinkelige Abduction war mit starker Ueberstreckung 
combinirt worden, und trotzdem Hess sich der Schenkelkopf nicht nach vorne 
treiben. Zum Schlüsse gelang es, denselben über den hinteren unteren Pfannen- 
rand zu pressen. Zunächst waren die Symptome ausserordentlich schwach. Nach 
Erweiterung der Vorderkapsel durch modellirende Bohrungen mittelst des Schenkel- 
kopfes wurden dieselben deutlicher und man konnte schliesslich die Einrenkung 
mit voller Deutlichkeit immer wieder reproduciren und dabei jedesmal das 
Auftauchen des Schenkelkopfes in der Leiste constatiren. Der primäre Halt 
war schliesslich überraschend gut. Auf der anderen Seite waren genau dieselben 
Schwierigkeiten zu überwinden, so dass ich wegen der protrahirten Narkose 
schon in Sorge kam. Schliesslich gelang die Sache doch ganz genau in der- 
selben Art und Weise wie links. Auch hier schien die primäre Stabilität uner- 
wartet gut zu sein. Die Verminderung der Abduction Hess sich, ohne dass 
Reluxation eintrat, so weit treiben, dass das Kind sofort zu stehen und zu gehen 
im Stande gewesen wäre. Zur Sicherung wurde diese verhältnismässig geringe 
Abduction mit starker Ueberstreckung combinirt. Der Rumpf des Kindes bildete 



OD/ 

eine nach vorne convexe Curve. 2 Monate später sollte die Ueberstreckung 
corrigirt werden. Ich war auf das peinlichste überrascht, beide Schenkelköpfe 
beim ersten Zugreifen mit den Händen auf der hinteren Fläche der Darmbeine 
flottirend, also nach hinten reluxirt zu finden. Offenbar hatte ich der scheinbar 
guten primären Stabilität mit der verhältnismässig geringen Abduction zu viel 
zugemuthet. Ohne meine Ueberraschung den anwesenden Eltern des Kindes 
merken zu lassen, leitete ich eine ganz oberflächliche Narkose ein und reponirte 
ohne jede Schwierigkeit aus freier Hand den linken Schenkelkopf unter deut- 
lichen Phänomenen. Diesmal Hess ich mich durch die verhältnismässig gute 
Stabilität nicht mehr verleiten, eine zu günstige Stellung zu geben, sondern 
fixirte den linken Schenkelkopf in circa 80 Grad leicht überstreckter Abduction. 
Die Behandlung sollte nunmehr zweizeitig weitergeführt werden. Die Eltern 
wurden nachträglich über die Sachlage informirt und waren mit meinem Vor- 
gehen vollständig einverstanden. 4 Monate später (das Kind konnte während 
dieser Zeit immer gut laufen) wurde die Abduction mit einiger Schwierigkeit 
auf 45 Grad vermindert. Der Schenkelkopf war unverrückt in der Leiste stehen 
geblieben. Nach 6 Monaten wurde noch einmal bis auf ganz geringe Abduction 
corrigirt. Die Fixationsbehandlung hatte gerade 1 Jahr gedauert. Das Kind war 
während dieser Zeit (mit Ausnahme der eisten 2 Wochen) immer auf den Beinen 
gewesen. Der Gang der Kleinen entsprach nunmehr einer rechtsseitigen Luxation. 
Der erreichte Erfolg war so in die Augen springend, dass die Eltern auf die 
sofortige Inangriffnahme der Behandlung auch des rechten Gelenkes drangen. 
Ich wollte dem Kinde den Sommer nicht verderben und verschob die rechts- 
seitige Reposition um 6 Monate. Mittlerweile hatten die Widerstände gegen 
die Reposition bedeutend zugenommen und die Einrenkung des rechten Gelenkes 
gelang nicht viel weniger mühsam als l 1 / 2 Jahre vorher. Die Stabilität schien 
diesmal geringer als seinerzeit, und es wurde mir erst jetzt klar, wie sehr ich 
dieselbe damals überschätzt hatte. Die Nachbehandlung und Stellungscorrectur 
wurde genau in derselben Weise wie links durchgeführt. Im Verlaufe von 
11 Monaten wurden drei Verbände angelegt und jedesmal die Abduction unter 
Beibehaltung leichter Ueberstreckung vorsichtig um ein Geringes corrigirt. Trotz 
des hohen Bügelschuhes unter dem letzteingerenkten rechten Fusse hatte das 
Kind das Gehen recht gut erlernt. Nach 2j ähriger Behandlung wurde die 
Patientin tagsüber vollständig frei gelassen; nachtsüber wurden beide Beine in 
leicht überstreckter Abduction gehalten. 

Das erreichte cosmetische Resultat erhellt aus einem Vergleiche zwischen 
Fig. 76 und Fig. 77; dort die Caricatur, hier die normale Gestalt, welche sich 
nunmehr über 3 Jahre vollkommen unverändert und ohne irgend welche weitere 
Vorkehrung erhalten hat. Das functionelle Resultat ist mit Bezug auf die Aus- 
dauer und Gleichmässigkeit ein geradezu vorzügliches zu nennen. Das Kind 
läuft und springt den ganzen Tag und geht ohne jede Spur einer seit- 
lichen Schwankung des Oberkörpers. Das einzig Auffällige am Gange ist, dass 
die Beine beim Vorsetzen gleichzeitig etwas abducirt werden, so dass die Schritte 
weniger raumgreifend sind als de norma. Die ehemals starke Eversion der 
Fussspitzen hat sich spontan fast vollkommen verloren. Das Kind vermag auch 
in streng sagittaler Richtung auszuschreiten, aber die Combination mit leichter 
Abduction ist ihm offenbar bequemer. Die passive und active Beweglichkeit der 

Lorenz, Hiiftverrenkung. 99 



338 



Gelenke ist im Sinne der Beugung und Streckung vollkommen frei; das 
Abductionsgebiet beiderseits bis zum rechten Winkel erweitert. Beide Schenkel- 
köpfe sitzen in der Leiste, etwas nach aussen von der Mitte, und lassen sich 
nach hinten nicht mehr vorwälzen. Nach dem erreichten functionellen Erfolge 
und der klinischen Untersuchung hätte man auf eine anatomische Restitution 
der Gelenke schliessen mögen. Die Actinogramme zeigen indes den Schenkelkopf 





Fig. 7(j. Gestalt eines 3jährigen Kindes mit 
beiderseitiger Hüitverrenkung vor der Be- 
handlung. 



Fig. 77. Gegenstück zu Fig. 76. Gestalt 
desselben Kindes nach der Einrenkung. 



beiderseits etwas oberhalb des oberen Pfannenrandes in vorderer oberer 
Reluxationsstellung. 

Herta E., 3 1 ;2 J., Eheinpreussen. Lux. cox. bilat. Das ausserordentlich 
kräftige und gesunde Kind wurde mir sofort nach meinen ersten Mittheilungen 
über unblutige Reposition zur Behandlung überwiesen. Die Gestalt der kleinen 
Patientin war im Sinne einer beiderseitigen Verrenkung hochgradig verändert ; 
die Lende tief gesattelt, der Bauch stark vorgewölbt, das Gesäss nach hinten 
übermässig prominent, die gebeugten Hüft- und Kniegelenke vervollständigen 
das charakteristische Zickzack der Körperhaltung. Das Schwanken des Ober- 



körpers nach links war ganz unvergleichlich stärker als nach rechts, so dass 
beschlossen wurde, zunächst die linke Seite in Angriff zu nehmen. Das linke 
Bein ist um 2 1 /-? Centimeter verkürzt, der linke Schenkelkopf vollständig luxirt 
zu fühlen und anscheinend wenig verändert. Links stand die Trochanterspitze 
circa 3 Centimeter hoch, auf der rechten Seite noch knapp in der Linie ; der 
rechte Schenkelkopf sitzt zweifellos locker, lässt sich aber nicht deutlich nach 
hinten vorstülpen. Die Einrenkung auf der linken Seite gelang ziemlich schwierig 
aus spitzwinkeliger Beugung und Abduction unter deutlichen Phänomenen. Der 
primäre Halt war ganz unzureichend. (Die Vortheile des modellirenden Ein- 
treibens des Schenkelkopfes in die Pfannentasche kannte ich damals leider 
noch nicht.) Der Schenkel wurde in einer Abduction von circa 70 Grad fhürt. 
Gelegentlich der Narkose war auch das rechte Gelenk einer eingehenden 
Untersuchung unterzogen worden. Es bestand auch auf dieser Seite zweifellose 
Luxation, der Kopf liess sich bei der vorhandenen Muskelerschlaffung vollständig 
vorwälzen. Es wurde auch ein Einrenkungsversuch gemacht, der ganz leicht 
gelang, aber gar keinen Halt ergab. Unter diesen Umständen glaubte ich den Vor- 
schlag machen zu sollen, die unblutige Behandlung des linken Gelenkes fortzusetzen 
und das rechte Gelenk später der blutigen Operation zu unterziehen. Die Eltern 
waren mit allem einverstanden. Das Kind erlernte es ganz gut in seinem Verbände 
zu gehen. Als derselbe 5 Monate später entfernt wurde, konnte ich mich durch die 
prallen Weichth eile hindurch nur schwer über die Sachlage orientiren. Röntgenbilder 
gab es damals noch nicht. Der Schenkelkopf war in derLeiste nicht sicher zu fühlen, 
die Trochanterspitze stand so hoch über der Linie wie vorher. In leichter Narkose 
wurde die Abduction auf 2 Centimeter corrigirt und bei dieser Gelegenheit die 
Stellung des Kopfes eruirt. Derselbe stand zweifellos in Lusationsstellung auf 
der hinteren Fläche des Darmbeines. Die Leistenbeuge war leer und tief 
eindrückbar. Die Sache schien hoffnungslos. Thatsächlich stellte sich auch das 
charakteristische Hinken wieder ein. Mein Vertrauen in die unblutige Einrenkung 
war für diesen Fall vollständig erschüttert, und ich rieth den Eltern, das Kind 
vorläufig ein Jahr sich selbst zu überlassen und dann die blutige Reposition 
vornehmen zu lassen. Ich war über den eclatanten Misserfolg sehr deprimirt, 
aber die Eltern der kleinen Patientin versicherten mich ihres unveränderten 
Vertrauens. (Weil es dem Arzte so selten widerfährt, dass ihm ein unverschuldeter 
Misserfolg nicht als ein förmliches Verbrechen angerechnet wird, sei dieser 
erfreuliche Ausnahmefall hier erwähnt.) Es vergingen l 1 :^ Jahre. Der irnver- 
änderte Status quo hatte sich retablirt. Während dieses Interims war Methode 
und Technik des Verfahrens bedeutend verbessert worden und ich hatte wieder- 
holt selbst in schwierigen Fällen doppelseitiger Verrenkung die erfreulichsten 
Erfolge erzielt. Deshalb machte ich den Vorschlag, die in Aussicht genommene 
blutige Reposition vorderhand nicht ins Auge zu fassen, sondern es no chmals 
mit der unblutigen Einrenkung, und zwar beider Gelenke in derselben Sitzung 
zu versuchen. Der Vorschlag wurde angenommen. Ich versuchte es zuerst mit 
der rechten Seite, welche mir seinerzeit als so ungünstig imponirt hatte, dass 
ich die unblutige Methode für aussichtslos hielt. Die Sachlage war mittlerweile 
allerdings nicht besser geworden. Es unterlag keiner Schwierigkeit, den Schenkel - 
köpf über den hinteren Pfannenrand zu treiben, aber der Halt war gleich Null. 
Durch modellirende Erweiterung der Vorderkapsel mittelst methodischer Ein- 



— 340 — 

pressung des Schenkelkopfes gelang es aber schliesslich, dem letzteren ein 
wenig Raum zu schaffen, so dass die rechtsseitige Reposition bei etwa 80 Grad 
überstreckter Abduction gesichert schien. Hingegen waren die Schwierigkeiten 
auf der linken, schon früher behandelten Seite schier unüberwindlich. Während 
gelegentlich der eisten Reposition deutliche Erscheinungen der gelungenen Ein- 





Fig. 78. Gestalt eines 3' l2 jährigen Kindes 

mit beiderseitiger Hüftverrenkung vor der 

Behandlung. 



Fig. 79. Gegenstück zu Fig. 78. Dasselbe Kind 
nach der Einrenkung. (3 Jahre später.) 



renkung sich ergeben hatten, war nunmehr ein hinterer Pfannenrand nicht 
mehr auffindbar. Es gelang aber schliesslich nach angestrengter Arbeit, den 
Schenkelkopf nach vorne in die Leiste zu treiben und denselben durch extreme 
Abduction und starke Ueberstreckung gegen die vordere Beckenwand (in der 
muthmasslichen Pfannengegend) fest zu stemmen. Bei Verminderung dieser extremen 
Stellung, namentlich bei Nachlass der Ueberstreckung, rutschte der Schenkelkopf 
jedesmal lautlos wieder nach oben. Es blieb nichts übrig als die extreme 



— 341 — 

Stellung zu fixiren. Die Operation hatte über 1 Stande gedauert. Nachträgliche 
starke Schwellung des linken Beines machte eine Lockerung des Verbandes 
auf der linken Seite nothwendig. Das rechte Knie kann activ gut gestreckt 
werden, links hingegen ist dies vollkommen unmöglich. Auf dieser Seite 
bestand also Quadricepslähmung. Erst nach 6 Monaten wurde der Verband 
gewechselt. Beide Schenkelköpfe, besonders der rechte, waren in der Leisten- 
mitte stark prominent. In leichter Narkose wurde die Abduction vermindert 





Fig. SO. Besonders hochgradige Verunstaltung 
eines Kindes mit beiderseitiger Hüftver- 
renkung. 



Fig. 81. Gegenstück zu Fig. 80. Dasselbe 
Kind nach durchgeführter Einrenkungs- 
behandlung. 



und die Ueberstreckung aufgelassen. Auf der rechten Seite war der Widerstand 
der verkürzten Weichtheile beträchtlich, während links die Abductionsverminde- 
rung sich gewissermassen von selbst vollzog. Der linke Schenkelkopf liess sich 
nicht mehr nach hinten treiben. Das Kind war nunmehr in der Lage, zu stehen 
und unter Beihilfe auch etwas zu gehen. Das linke Knie kann activ gestreckt 
werden, doch ist die Energie der Bewegung weit geringer als rechts. Nach 
13monatlicher Fixation, welche sich zuletzt auf das rechte Gelenk beschränkt 
hatte, wurde das Kind freigegeben. Die beiderseits noch vorhandene geringe 
Abduction blieb der spontanen Correctur überlassen. Nachtsüber erhält die 



— 342 — 

Patientin einen abnehmbaren Verband, welcher eine massige Spreizstellung der 
Beine sichert. Bei Tage bleibt das Kind völlig frei. Die Rigidität der Gelenke war 
anfangs recht beträchtlich, wich aber bald der niobilisirenden Behandlung. Der linke 
Quadriceps hat seine volle Actionskraft wieder erhalten, ohne dass eine besondere 
Therapie in dieser Richtung eingeleitet worden wäre. Beugung und Streckung ist 
nach kurz währender Behandlung bis zum rechten Winkel frei; darüber hinaus 




Fig. 82. Gestalt eines 9jährigen 
Mädchens mit beidei'seitigerHüft- 
verreDkung. Vgl. hierzu Fig. S4. 



Fig. 83. Verkehrung der Lu- 
xationsdeformität in ihr Ge- 
gentheil als Interimsresultat. 
Gegenstück zu Fig. 82 und 84. 



Fig. 84. Gegenstück zu Fig. 82. 
Dasselbe Kind nach durchge- 
führter Einrenkungsbehandlung. 
Schlussresultat. 



werden die Bewegungen nicht forcirt. Gegen passive Adduction besteht starkeHem- 
mung, active Adduction ist nur andeutungsweise möglich. Beide Beine sind massig 
nach aussen gerollt, die Fussspitzen evertirt. Einwärtsrollung findet Hemmung. 
Der Gang ist ausdauernd, aber höchst unsicher. Eine geringe Spreizhaltung 
wird dabei von dem Kinde ängstlich bewahrt. Unter der von der Mutter zu 
Hause weitergeführten Gelenksgymnastik, welche aus Beugung und Streckung 
bis zum rechten Winkel und activer Abduction besteht, bessert sich das 
functionelle Resultat in der erfreulichsten Weise. 2 Jahre nach der zweiten 



— 343 — 

Reposition geht das Kind ebenso ausdauernd, wie irgend ein gesundes, während 
die Seitenschwankungen des Körpers kaum noch angedeutet sind. Bei einiger 
Aufmerksamkeit können dieselben vollständig unterdrückt werden. Das cosmetische 
Resultat ist ein ebenso vorzügliches, wie aus dem Vergleiche von Fig. 78 mit 
Fig. 79 ohneweiters hervorgeht. Die beiden Aufnahmen liegen über 3 Jahre 
auseinander. Die Luxationscaricatur ist vollkommen verschwunden und hat 
normalen Körperformen und normaler Körperhaltung Platz gemacht. Erfreulicher- 
weise zeigt das Röntgenbild den reponirten Schenkelkopf beiderseits von einem 
opaken und weit ausladenden Pfannendache überdeckt, und es scheint keinem 
Zweifel zu unterliegen, dass dieser so ausserordentlich schwierige Fall post 
tot discrimina in kurzem einer idealen Heilung gleichkommen wird. 

Der Vergleich von Fig. 80 mit Fig. 81 zeigt den Effect der unblutigen 
Einrenkungsbehandlung in besonders überzeugender Weise, da die Deformität 
in diesem Falle selten hochgradig entwickelt w r ar. Der ehemalige Krüppel ist 
nach 2jähriger Behandlung von einem vollkommen gesunden Kinde weder in 
Beziehung auf die Körperform und Körperhaltung, noch rücksichtlich der Aus- 
dauer und Gleiehmässigkeit des Ganges zu unterscheiden. Die zugehörige 
Krankengeschichte w-urde bereits angeführt (vgl. S. Sil 11 . 

Von besonderem Interesse ist der Vergleich der 3 zusammengehörigen 
Bilder Fig. 82, 83 und 84. Die zugehörige Krankengeschichte ist auf Seite 327 
einzusehen. 

Es scheint auf den ersten Blick kaum glaublich, dass die Luxations- 
deformität einer förmlichen Umkehrung fähig ist. Thatsächlich ist jedoch der 
vortretende Hängebauch auf Fig. 82 in ein durch eine tiefe Querfurche concav 
gehöhltes Abdomen überführt, während die pathologische Lordose der Lenden- 
wirbelsäule in eine pathologische Kyphose verwandelt wurde (Fig. 83). Die 
Verkehrung der ursprünglichen Deformität in ihr Gegentheil stellt gewisser- 
massen eine Zwischenstufe auf dem Wege zur normalen Körperhaltung vor 
(Fig. 84). Während das vollständige Verschwinden der Lendenlordose (virtuelle 
Kyphose) oder selbst eine ganz leichte flachbogige Lendenkyphose als Folge 
der künstlichen Ueberstreckung der eingerenkten Hüftgelenke häufig beobachtet 
wird, stellt die in dem Bilde vorgeführte hochgradige Kyphose eine bisher nur 
einmal beobachtete Ausnahme vor, welche durch eine offenbar übermässige und 
unnöthig starke Ueberstreckung der Hüftgelenke herbeigeführt wurde. 

Eine derartige, gewissermassen bis zum Excess getriebene Umkehrung 
der Deformität wird in Zukunft natürlich zu vermeiden sein, aber sie beweist 
unwiderleglich den mächtigen Einfluss der Reposition auf die Statik des Beckens 
und der Wirbelsäule, ohne welchen eine derartige Ummodelung der ganzen 
Gestalt gar nicht denkbar wäre. In Fig. 84 ist die künstliche Kyphose der 
Lende (auf gymnastichem Wege) bis auf eine ganz leichte Andeutung zum Ver- 
schwinden gebracht, und dieses Bild zeigt, verglichen mit Fig. 82, den Schluss- 
effect der Behandlung in cosmetischer Beziehung. 

Ich glaube ruhig sagen zu können, dass die unblutige 
Einrenkungsbehandlung sich ihren unbestrittenen Platz in der 
orthopädischen Therapie schon durch ihre cosmetischen Er- 



— 344 — 

folge allein gesichert hätte, auch wenn sie sonst weiter gar 
nichts zu leisten im Stande wäre. 

Aber die normale Gestalt setzt auch eine normale oder der 
Norm sich wenigstens nähernde Aneinanderfügung der Skelet- 
bestandtheile, respective der Gelenkskörper voraus, und deshalb 
schliesst der cosmetische Erfolg bis zu einem gewissen Maasse 
wenigstens den functionellen Erfolg in sich. Es erübrigt daher 
noch, die 

c) Resultate der unblutigen Einrenkungsbehandlung 
in f unctioneller Beziehung 

zu beurtheilen. Die fünctionelle Heilung verlangt eine normale 
Ausdauer und eine normale Gleichmässigkeit des Ganges, 
also das vollkommene Verschwinden der vorzeitigen Ermüdung 
sowohl als auch des Hinkens. 

Was die Ausdauer im Gehen anbetrifft, so kann schon 
während des Verlaufes der Behandlung diesbezüglich eine wesent- 
liche Besserung constatirt werden. 

Die Kinder, welche früher über rasche Ermüdung oder gar 
über Schmerzen klagten und längeres Gehen instinctiv ver- 
weigerten, sind nunmehr trotz der durch den Fixationsverband 
veranlassten Behinderung den Tag über unermüdlich auf den 
Beinen. 

Nach Abnahme des Verbandes kommt ein kleiner Rückfall, 
da nunmehr die der Arbeit ungewohnten Muskeln die Stützung 
und Führung des Gelenkes übernehmen müssen. Ist die Muskel- 
kraft auch nur einigermassen restituirt, so bleibt die Ausdauer 
in der Bewegung bei den mit Luxation behaftet gewesenen 
Kindern gegenüber der Leistungsfähigkeit normaler Kinder durch- 
aus nicht mehr zurück. In ihrer ungebundenen Bewegungsfreude 
thun sie es den letzteren eher zuvor. Speciell in dem schwierigen 
Hüpfen auf dem kranken Beine bei hochgezogener gesundseitiger 
Beckenhälfte zeigen sie nach einiger Uebung eine unglaubliche 
Ausdauer. 

Dabei hinken sie zunächst noch immer, bei schliesslicher 
Ermüdung sogar recht merklich. Zu Anfang meiner Versuche hat 
mich diese Beobachtung, namentlich bei doppelseitigen Ver- 
renkungen, sehr beunruhigt. Bei vollständig gerader Körper- 
haltung und normaler Ausdauer in der Bewegung schien das 



— 345 - 

Wackeln, zum mindesten bei eingetretener Ermüdung, kaum ver- 
mindert. 

Einige^ dieser Fälle habe ich in meiner ersten Publication 
als Misserfolge angeführt, deren Gorrectur auf blutigem Wege für 
spätere Zeit in Aussicht genommen wurde. Ich war nicht wenig 
überrascht, in diesen Fällen nach Jahr und Tag, und zwar ohne 
weitere Fürsorge, geradezu glänzende functionelle Resultate 
wiederzufinden. 

So lange ein Kind normale Körperhaltung und gute 
Ausdauer im Gehen zeigt, braucht das noch fortbestehende 
Hinken nicht zu beunruhigen. 

Das durch die unblutige Einrenkungsbehandlung erreichbare 
Resultat tritt gewissermassen gradatim ein. Während die normale 
Körperform und eine sehr gute, oft genug normale Ausdauer 
wie mit einem Schlage gewonnen sind, lässt die Gleichmässigkeit 
des Ganges noch viel zu wünschen übrig, kann aber mit Sicher- 
heit schliesslich erwartet werden, wenn die Körperhaltung normal 
bleibt und die Ausdauer sich eher noch steigert. 

Man darf eben nicht vergessen, dass zum vollständig gleich- 
massigen und tadellosen Gehen auch ein vollständig gleichmässiges 
Functioniren der beiderseitigen Gelenke also auch ein absolutes 
Gleichmaass der die Bewegung führenden und regulirenden Muskel- 
kräfte gehört. 

Unter der Voraussetzung einer soliden knöchernen 
Stützung des Beckens durch den Schenkelkopf am Pfannenorte 
ist der vorhandene relative Defect in Gestalt, Lage und Ineinander- 
fügung der Gelenkskörper für die Gleichmässigkeit der Function 
offenbar viel weniger von Belang als das absolute Gleichmaass 
der die Gelenke bewegenden Muskelkräfte. 

Da dieses Gleichmaass weder jemals vorhanden war, noch 
auch in kürzester Frist erreichbar ist, so erklärt sich hieraus zur 
Genüge das vorläufige Fortbestehen des Hinkens, trotz normal 
gewordener Körperform und trotz vorzüglicher Ausdauer. 

Die vollständige Gleichmässigkeit des Ganges, also 
das vollständige Verschwinden des Hinkens bleibt in 
letzter Linie von dem erreichbaren Grade der Muskel- 
restitution abhängig. 

Die beiderseitige Gleichmässigkeit des Muskeldefectes bei 
der doppelseitigen Verrenkung bietet den betreffenden Patienten 



— 34(3 — 

mit Beziehung auf die raschere Erreichbarkeit einer genügenden 
Gleichmässigkeit des Ganges gegenüber der einseitigen Verrenkung 
einen gewissen Vortheil. 

Auf alle Fälle tritt eine sichtliche Verminderung des Hinkens 
nach der unblutigen Einrenkungsbehandlung viel rascher und 
sicherer ein als nach der blutigen Reposition, da weder Schmerzen, 
noch Rigiditäten noch Contracturen der Gelenke ernstlich zu be- 
fürchten sind. Im Laufe der Monate und Jahre verbessert sich 
die Gleichmässigkeit des Ganges immer mehr und schliesslich 
verschwindet das Hinken, besonders bei den jüngeren Fällen 
gänzlich, oder doch bis zu einem kaum noch merklichen Grade. 

Welche Wichtigkeit der Muskelkraft für die Gleichmässigkeit 
des Ganges zukommt, kann man am besten daraus ermessen, 
dass Kinder, welche unbeobachtet deutliches Hinken zeigen, das- 
selbe sofort unterdrücken können, wenn sie sich beaufsichtigt fühlen. 

Auch der nicht behandelte Luxationspatient vermag be- 
kanntlich das Hinken durch möglichste Anspannung seiner Muskel- 
kraft zu unterdrücken oder doch etwas zu vermindern; aber 
er hält diese Anstrengung kaum eine Minute aus, ermüdet 
noch früher als sonst oder fühlt eventuell sofort verstärkte Hüft- 
oder Knieschmerzen, worauf das Hinken noch ärger wird als es 
vorher war. 

Das der gelungenen Reposition unterzogene Kind hinkt, 
nicht weil es hinken muss und nicht anders kann, sondern es 
hinkt aus Gewohnheit und Nachlässigkeit. Bei nur einiger auf 
den Gang gerichteter Aufmerksamkeit ist es sehr leicht im Stande, 
ohne Hinken oder mit kaum merklichem Hinken zu gehen, ohne 
jedoch wie früher sofort zu ermüden. Bei älteren Mädchen, 
deren Eitelkeit zu erwachen beginnt, hat man in dieser Richtung 
leichteres Spiel; bei jüngeren Kindern, besonders wenn sie träge 
und unfolgsam sind, lässt die Verminderung des Hinkens länger 
auf sich warten. 

Im Allgemeinen dürfte es nach meinen Erfahrungen zutreffen, 
dass sowohl bei den einseitigen als auch bei den doppelseitigen 
Fällen etwa 2 Jahre nach Schluss der Fixationsbehandlung das 
Hinken nahezu oder völlig verschwunden ist, wenn die rudi- 
mentäre Pfanne, gleichgiltig ob concentrisch oder excentrisch, 
ausgestaltet wurde und der Schenkelkopf ein stützfähiges knöchernes 
Pfannendach erhielt. 



— 347 — 

Im Falle der vorderen Reluxation nach oben verschwindet 
das Hinken nur in vereinzelten Fällen gänzlich. In der Regel 
bleibt ein leichtes Nachgeben beim Auftreten zurück. Immerhin 
ist die Functionsverbesserung auch dieser Fälle eine höchst er- 
freuliche. Einen vollständigen Misserfolg in functioneller und cos- 
metischer Beziehung habe ich überhaupt nicht zu verzeichnen, 
falls die Reposition gelungen war. 

Länger als etwa 2 Jahre pflege ich die Nachbehandlung 
mit Gymnastik und Massage nicht fortsetzen zu lassen. Schliesslich 
macht sich die Sache ganz von selbst und das Springen und 
Laufen, welchem die kleinen Patienten in Folge der zunächst 
wieder gewonnenen Ausdauer unbehindert und unersättlich ob- 
liegen, ist Gymnastik genug. 

Es erübrigen noch einige Bemerkungen über den Grad und 
die Bedeutung der restirenden Verkürzung. 

Die ursprüngliche Verkürzung setzt sich aus der Luxations- 
und aus der Wachsthums-, respective Deformationsverkürzung 
zusammen. Selbst die gelungene Retention vermag natürlich nur 
die Luxationsverkürzung zu beseitigen, während die durch even- 
tuelle Flachlegung oder durch die regelmässige Längenreduction 
des Schenkelhalses, sowie durch die Kleinheit des Schenkel- 
kopfes und Atrophie des ganzen Femur bedingte Verkürzung 
natürlicherweise fortbestehen bleibt. Man wird deshalb auch bei 
der bestgelungenen Retention die Trochanterspitze in der Regel 
oberhalb der Nelaton'schen Linie finden. 

Ist im speciellen Falle die Wachsthums- und Deformitäts- 
verkürzung eine ganz geringfügige, oder fehlt dieselbe nahezu 
oder gänzlich, so ist durch die gelungene Retention auch ein 
vollkommener oder nahezu vollkommener Ausgleich der Ver- 
kürzung möglich. 

Immer aber wird dies eine Ausnahme darstellen. Selbst- 
verständlich muss auch die excentrische Ausgestaltung der rudi- 
mentären Pfanne eine Vergrösserung der restirenden Verkürzung 
zur Folge haben. 

Zur restirenden Wachsthums- und Deformationsverkürzung 
summirt sich im Falle der misslungenen Retention die aus der 
vorderen Reluxation nach oben resultirende Verkürzung. Bei sub- 
spinaler Kopfstellung kann es sogar vorkommen, dass die Verkürzung 
nach Schluss der Behandlung gegen früher kaum vermindert ist. 



— 348 — 

Wenn jedoch der Schenkelkopf festen Gegenhalt am Becken 
gefunden hat, so vermag die restirende Verkürzung das functionelle 
Resultat nicht wesentlich zu beeinträchtigen. Vielmehr hat die- 
selbe dann lediglich die Bedeutung einer genuinen oder erworbenen 
Wachsthumsverkürzung, durch deren künstlichen Ausgleich das 
Hinken, so weit es durch die Verkürzung als solche bedingt ist, 
zum Verschwinden gebracht wird, während ein solches Vorgehen 
bei noch bestehender hinterer Luxation die Gehfähigkeit nur 
herabsetzt. 

Bei doppelseitiger Verrenkung wird das Resultat durch die 
restirende Verkürzung, im Falle dieselbe, Avie gewöhnlich, eine 
gleichmässige ist, ebenso wenig beeinträchtigt. 

Besteht einseitige Verkürzung, so liegt auf dieser Seite wahr- 
scheinlich eine Reluxation nach oben vor, während die Pfanne 
der anderen Seite eine genügende Ausgestaltung erfahren hat 
und den Schenkelkopf festzuhalten vermochte. 

Diese Fälle zeigen, dass das functionelle Resultat bei mangel- 
haftem anatomischen Erfolge, wenngleich es im Allgemeinen als 
ein höchst erfreuliches bezeichnet werden darf, doch gegenüber 
dem functionellen Resultate bei gelungener Retention unbedingt 
zurückstehen muss. Unter allen Umständen wird stets das volle 
anatomische Resultat anzustreben sein und die verbesserte Technik 
und die gereiftere Erfahrung in der Retention wird dasselbe auch 
immer öfter erreichen lassen. 

Ein nicht genug zu schätzender Vortheil der unblutigen 
Einrenkungsbehandlung ist die von vorneherein so gut wie ge- 
sicherte Beweglichkeit der Gelenke. Anfängliche Rigiditäten lassen 
sich, da jede Narbe fehlt, spielend überwinden. Nur zwei Fälle 
boten in dieser Richtung einige Schwierigkeit, welche jedoch 
mit der Mühsal der Mobilisirung blutig reponirter Gelenke auch 
nicht in entfernten Vergleich zu bringen ist. 

Wiederholt wurde die Beständigkeit und Andauer der er- 
reichten Resultate beargwöhnt ; namentlich der vorderen Reluxation 
nach oben wurde die Prognose gestellt, dass sie sich allmählich 
auf demselben Wege in eine Luxation nach hinten zurück ver- 
wandeln werde, wie dies für den allmählichen Entwicklungsgang 
der con genitalen Luxation viefach zutrifft. 

Die Möglichkeit einer solchen secundären Reluxation nach 
hinten kann allerdings nicht in Abrede gestellt werden. Wenn 



— 349 — 

die primäre Stabilität der Reposition gegen die hintere Reluxation 
von vorneherein gering war und wenn weder während der Fixation 
noch während der späteren Behandlung die Präventivmaassregel 
einer entsprechenden Ueberstreckung zur Anwendung gelangte, 
dann wird unter Umständen der Status quo wieder eintreten 
können. 

In den zahlreichen Fällen von vorderer Reluxation nach 
oben habe ich dank der unter diesen Umständen fleissig fort- 
gesetzten gymnastischen und mechanischen Nachbehandlung mit 
Ueberstreckung bei gleichzeitiger Abduction eine secundäre 
Reluxation nach hinten bisher nicht eintreten gesehen; sollte 
sich dieser Fall einmal ereignen, so dürfte es wohl nicht schwer 
halten, den Schenkelkopf durch Ueberstreckung wieder nach vorne 
zu treiben. 

Wohl aber sind in vereinzelten Fällen primäre Reluxa- 
tionen nach hinten namentlich während der ersten Fixa- 
tionsperiode vorgekommen. Jedesmal war eine Ueberschätzung 
der primären Stabilität respective eine zu günstige Primärstellung 
die Ursache und jedesmal liess sich der Schaden durch neuer- 
liche Reposition und extremere Primärstellung wieder gut machen 
(vgl. hierzu als Beispiel die auf Seite 314, 336 beschriebenen Fälle). 

Ich bin am Schlüsse. Mag man an meinen Darlegungen be- 
kritteln, was man wolle; mag man speciell die Deutungen der 
Befunde auf den Röntgenplatten gelten lassen oder nicht, oder 
mag man die Theorie der Methode schlecht machen, oder gar 
verhöhnen wollen — habeat sibi — dem praktischen Werte 
des Verfahrens wird dies keinen Eintrag thun können und kein 
Vorurtheilsloser wird sich der Thatsache verschliessen können, 
dass wenigstens die praktischen Resultate der Methode den Er- 
folgen aller anderen Methoden nicht nur weitaus überlegen 
sondern auch unverhältnismässig schneller und sicherer zu er- 
reichen sind. 

Ich glaube deshalb ruhigen Gewissens die Worte wieder- 
holen zu können, welche ich in meiner ersten Mittheilung über 
den Gegenstand hoffnungsfreudig niedergeschrieben habe: „Nicht 
aus Unbescheidenheit, sondern aus vollster Ueberzeugung von 
der Richtigkeit meiner Idee kann ich es mir nicht versagen, die 
felsenfeste Hoffnung auszusprechen, dass meiner Methode der 
chirurgisch-unblutigen Behandlung der angeborenen Hüftssrelenks- 



— 350 — 

Verrenkung die Zukunft gehört." Zu einem Theile erscheint diese 
Hoffnung schon heute verwirklicht. 

XXIII. Anhang (Angriffe und Abwehr). 

Die Aufrollung einer so alten Streitfrage und die besonderen 
Umstände, unter welchen dies geschah, lassen es begreiflich er- 
scheinen, dass meine Mittheilungen zunächst auf heftigen Wider- 
spruch stiessen; zunächst bei jenen, welche in der Nachprüfung 
Misserfolge hatten oder wohl gar die Mühen einer solchen scheuten 
und von dem theoretischen pathologisch-anatomischen Stand- 
punkte aus „ex cathedra" ihr absprechendes Urtheil fällten. 

Ich beziehe mich hiermit auf Herrn Kirmisson, welcher 
von allem Anfange an behauptet hatte, und auch gegenwärtig 
noch an dieser Behauptung festhält, dass eine unblutige Repo- 
sition ex tempore in Narkose ein Ding der baaren Unmöglichkeit 
sei. Herr Kirmisson spielt also in dem alten Streite dieselbe 
Rolle, welche seinerzeit Pravaz gegen Humbert und welche 
später Bouvier gegen Pravaz durchgeführt hat. 

Die Unmöglichkeit der extemporirten unblutigen Reposition 
in Narkose begründet Herr Kirmisson mit dem Hinweise auf 
die Deformation des Schenkelhalses und Kopfes, auf die Atrophie 
oder das vollständige Fehlen der Pfannenhöhlung, auf das störende 
Vorhandensein der „crete iliaque", auf die Retraction der Kapsel 
und ihre sanduhrförmige Einschnürung, deren vordere Wand wie 
ein Segel über die rudimentäre Pfanne gespannt sei etc. „Ce 
qu'on fait le plus souvent, c'est de refouler la tete en avant de 
la cavite, dont eile reste separee par la capsule articulaire 
elle-meme. II est possible qu'ä la longue et par un traitement 
approprie on arrive ä creer une nearthrose solide, je ne le nie 
pas; mais quant ä une reduction veritable, dans l'immense 
majorite des cas, il ne saurait en etre question. Et la 
preuve qu'il n'y a pas reduction, c'est qu'en depit d'un traite- 
ment prolonge, on voit se produire la recidive." 

Was die von Herrn Kirmisson aufgezählten Hindernisse 
der unblutigen Reposition anbelangt, so glaube ich wohl der- 
jenige gewesen zu seiu, welcher dieselben am eingehendsten 
gewürdigt hat. 

In der That bestehen alle die genannten Hindernisse zu 
Recht, denn sie vereiteln die Reposition, wenn auch äusserst 



- 351 — 

selten, aber doch zuweilen selbst an Kindern, welche noch 
innerhalb der Altersgrenze stehen, und machen dieselbe jenseits 
dieser Altersgrenze thatsächlich zu einem Ding der Unmöglichkeit. 
Aber alle diese Hindernisse lassen sich überwinden, so dass eine 
wahre Reposition bei der ungeheueren Mehrzahl der Fälle 
innerhalb der Altersgrenzen thatsächlich gelingt. 

Wenn man den Schenkelkopf einfach nach vorne wälzt, so 
dass derselbe durch die interponirte Kapsel von dem Pfannen- 
boden getrennt bleibt, dann ist dies eben keine Reposition 
und wird auch niemals von den physikalischen Symptomen der 
wahren Reposition begleitet sein. Dass in vielen Fällen eine 
Recidive der Luxation, d. h. eine Reluxation erfolgt, das kann 
doch offenbar nicht als Beweis dafür gelten, dass eine Reposition 
überhaupt nicht stattgefunden habe. Die Reluxation beweist nichts 
weiter, als dass die Retention eine ungenügende war. 

Die Behauptung, dass meine Repositionsmethode auf keinen 
Fall darin besteht, die Stellung des Schenkelkopfes zu verbessern 
and denselben in dieser Stellung zu fixiren, sondern dass viel- 
mehr die unblutige Reposition gleich der blutigen Ein- 
renkung eine radicale und keineswegs eine palliative 
Methode sei, halte ich heute mehr denn je aufrecht. 

Ich habe indessen, entgegen dem Dafürhalten des Herrn 
Kirmisson, niemals und nirgends behauptet, dass das Schluss- 
ergebnis der ganzen unblutigen Behandlung, also Reposition -f- 
Retention an dem congenital verrenkten Hüftgelenke jedesmal 
oder auch nur in einer gewissen Anzahl von Fällen Verhältnisse 
herstellen könne, welche jenen nach der Reposition der trau- 
matischen Luxation annähernd gleichen. 

Vielmehr muss ich immer wieder darauf hinweisen, dass 
ich stets nur von der Hoffnung gesprochen habe, der glücklich 
retentionirte Schenkelkopf werde sich die rudimentäre Pfanne 
soweit ausgestalten, dass diese ihn auch bei indifferenter Stellung 
des Beines fest zu halten vermöchte. 

Die klinischen Erfahrungen, unterstützt durch die Enthül- 
lungen der Actinographie, haben ergeben, dass diese Hoffnungen 
in einem Theile der Fälle sich thatsächlich, und zwar weit 
über meine Erwartungen hinaus erfüllt haben, da mit 
dem Verfahren in einer grossen Zahl von Fällen selbst 
absolute anatomische Restitutionen erzielt wurden. 



— 352 — 

Die erlebten Enttäuschungen entmuthigen mich keineswegs, 
sondern spornen mich nur zu weiteren Verbesserungen der 
Methode an. Uebrigens sind diese Enttäuschungen leicht zu er- 
tragen, denn die functionellen Erfolge jener Fälle, deren Röntgen- 
bilder die anatomischen Desillusionen brachten, sind immer 
noch weit besser, als die bisherigen Erfolge der anderen un- 
blutigen und vielfach selbst der blutigen Methoden. 

Was mir heute bedingungslos zugestanden werden 
muss, ist dieThatsache, dass durch die gelungene that säch- 
liche Reposition die unblutigeTherapie der congenitalen 
Hüftverrenkung auf eine neue Basis gestellt wurde, 
ohne welche die von mir angestrebten und in zahlreichen 
Fällen auch wirklich erreichten idealen Heilungs- 
resultate unmöglich realisirt werden können. 

Herr Kirmisson behauptet nun, dass seine eigenen Resultate, 
welche er mit der alten Methode der continuirlichen Extension und 
Abduction erreicht (methode francaise), genau ebenso gute seien 
und bedient sich dieser Behauptung als einer Handhabe gegen 
die unblutige Reposition in Narkose. 

Wenn es sich um ganz kleine Kinder unterhalb 2 Jahren 
handelt, so gebe ich dies ohneweiters zu. Diese Resultate 
wurden ja auch von anderer Seite (Hoffa, v. Mikulicz) bestätigt. 

Aber bei älteren Kindern, schon jenseits des dritten Lebens- 
jahres, wird Herr Kirmisson die Geduld seiner Klienten auf 
eine sehr harte Probe stellen müssen, wenn er in vielen Monaten 
und selbst Jahren qualvoller und gesundheitsschädlicher Extensions- 
behandlung im Bette jene Resultate erreichen wollte, welche mit 
der unblutigen Einrenkung in wenigen Minuten oder Viertel- 
stunden realisirt werden können. Aus diesem Grunde hat ja auch 
v. Mikulicz die continuirliche Extension in seinem Apparate zu 
Gunsten der unblutigen Reposition auf die allerjüngsten Kinder 
eingeschränkt. 

Dass aber Herr Kirmisson mit seinem Verfahren auch 
wirklich solche Resultate erreicht, welche jenen der unblutigen 
Reposition in Narkose analog sind, dafür ist er den Beweis vor- 
derhand schuldig geblieben, und es dürfte ihm schwer fallen, 
denselben zu erbringen. Herr Kirmisson hätte die Mühe nicht 
scheuen dürfen, sich mit meiner Methode näher zu befassen, ehe 
er sein vernichtendes Urtheil publicirte. Selbst im Falle anfäng- 



— 353 — 

liehen Misslingens wäre zum mindesten eine grössere Reserve im 
Urtheile nicht unangebracht gewesen. Herr Prof. Brun hat 
beispielsweise nichts Anstössiges daran gefunden, zu erklären, 
dass ihm die ersten Versuche durchwegs misslungen seien; erst 
als er Gelegenheit gehabt hatte, die Methode von mir selbst aus- 
geführt zu sehen, habe er reussirt (vgl. Seite 262). Herr Kirmisson 
hat meine Demonstration in Paris ignorirt. So sehr ich dies be- 
dauert habe, so wenig kann ich dagegen einwenden. Aber Herr 
Kirmisson hätte sich dann wenigstens theoretisch genauer über 
die Methode informiren müssen, ehe er sein Anathema schleuderte. 
Der geehrte Herr College hätte dann unmöglich übersehen können, 
dass meine Methode aus zwei gleich wichtigen Theilen, 
nämlich aus der Reposition und aus der Retention besteht und 
dass erst das Gelingen beider jenes Resultat geben kann, von 
welchem er irrthümlich glaubt, ich hätte behauptet, es durch die 
Reposition „allein" und unmittelbar erreichen zu können. 

Uebrigens gereicht es mir zur Befriedigung, constatiren zu 
können, dass Herr Kirmisson auf seinem bisherigen Stand- 
punkte der absoluten Negation vereinsamt geblieben ist. 

Ich übergehe zu anderen gegen meine Methode vorge- 
brachten Einwendungen : 

Hatte ich durch die gelungene Reposition eine zweifellos 
„neue Basis" für die weitere mechanische Behandlung, nämlich 
für die Retention gewonnen, so glaubte ich mit gutem Gewissen 
behaupten zu können, durch die Verwendung des Körpergewichtes 
zur Anpressung des Schenkelkopfes gegen den Pfannenboden bei 
jener Beinspreizung. mit welcher die Reposition noch vereinbar 
blieb, einen neuen Heilfactor in den Behandlungsplan eingeführt 
zu haben, da ja alle bisherigen Methoden wesentlich Extensions- 
methoden waren und in dem Körpergewichte geradezu den Feind 
ihrer Bestrebungen erblickten. Um diesen Gegensatz zu kenn- 
zeichnen, habe ich meine Methode als functionelle Belastungs- 
methode bezeichnet. 

Ich war, offen gestanden, einigermassen überrascht, als Herr 
Schede gelegentlich meiner ersten Mittheilung am 26. Gongress 
der deutschen Gesellschaft für Chirurgie gegen beide Behauptungen 
Einsprache erhob: Das Verdienst der unblutigen Reposition 
gebühre Paci, und was die functionelle Belastung des Schenkel- 
kopfes betrifft, so sei auch dieses Princip nichts Neues, da 

Lorenz, Hüftverrenkung. 2ö 



— 354 — 

Schede dasselbe seit Jahren bei seiner Behandlung mit der 
Abductionsschiene anwende. 

Was die unblutige Reposition anbelangt, so glaube ich 
annehmen zu dürfen, dass Herr Schede seine damalige Ansicht 
zu meinen Gunsten geändert hat, da er seine bisherige Methode 
vollkommen nach den Principien der meinen umgestaltet hat. 
Nicht nur kam das Pa ei 'sehe Verfahren zu den weiteren un- 
blutigen Repositionen nicht mehr zur Anwendung, sondern Schede 
bildete meine (präparatorische) Extension (also eine von Paci 
perhorrescirte Maassregel) zu einer vollkommenen Repositions- 
methode aus und aeeeptirte auch die Nachbehandlung ganz im 
Sinne meiner Methode. 

Was die ehemalige Sehe de 'sehe Behandlung mit der 
Abductionsschiene anbelangt, so befand ich mich bezüglich der 
beabsichtigten Wirkung dieser letzteren seinerzeit allerdings in 
einem Irrthum, den ich eingestehen musste. Ich hatte dieselbe 
zwar nicht für einen Extensions-, wohl aber für einen Entlastungs- 
apparat gehalten und wurde von Herrn Schede darüber belehrt, 
dass dies nicht richtig sei, da die Schiene nur den Zweck habe, 
einen Druck in medialer Richtung gegen den Trochanter aus- 
zuüben, während der Schenkelkopf der Körperlast durchaus nicht 
entzogen werde. Mein Irrthum bestand nun darin, dass ich den 
in medialer Richtung wirkenden Druck des Apparates gegen das 
obere Femurende für die Hauptsache, und die Belastung des 
Schenkelkopfes nicht als Absicht, sondern eher als einen Mangel 
des Apparates auffasste, welchem durch Anbringung eines 
Sitzringes begegnet werde. 

Aus nachträglicher Leetüre hat sich mir ergeben, dass einige 
sehr gewichtige Autoren diesen Irrthum theilen. 

So sagt v. Mikulicz zur Beschreibung der Schede'schen 
Methode: „Am Tage aber wird Jahre hindurch ein sinnreich 
construirter Gehapparat getragen, der das Bein in Abductions- 
stellung erhält und gleichzeitig durch directen Druck gegen den 
Trochanter den Kopf gegen die Pfanne drückt. Das Bein selbst 
darf dabei gar nicht belastet werden." 

Hoffa sagt zu demselben Gegenstande: „'Der Schede'sche 
Gehapparat ist ähnlich der v. Volkmann'schen Schiene gebaut, 
welche die Last des Körpers durch einen Sitzring trägt 
und das Bein gleichzeitig dadurch, dass der Dammtheil des 



— 355 — 

Ringes höher hinauf reicht, in Abductionsstellung drängt." Jeden- 
falls ist die von Hoffa abgebildete Schede 'sehe Abductions- 
schiene mit einem Sitzringe versehen. 

Auch Delanglade ist der Ansicht, dass die lange Schede- 
sche Schiene ein Entlastungsapparat ist und dass erst die kurze 
Schiene, welche nur bis zum Waden reicht, die Belastung des 
Hüftgelenkes erlaubt. 

Aber auch aus der Leetüre der Sehe de 'sehen Publicationen 
konnte ich ersehen, dass der Autor seine Schiene als Ent- 
lastungsapparat benützt. In einem Berichte über die mit 
dem Apparate erzielten Behandlungsresultate heisst es: „Unter 
vier etwas älteren Fällen 8- bis 9jähriger Mädchen war durch 5- bis 
6j ähriges Tragen der Schiene bei dreien ein befriedigender Erfolg 
erzielt etc. — in diesen Fällen war dafür Sorge getragen 
worden, dass die Last des Körpers durch einen Sitzring 
dem Gelenke zum grössten Theile abgenommen wurde." 
Wie aus diesen Darlegungen zu entnehmen ist, war mein Irrthum 
jedenfalls ein entschuldbarer! 

Trotz alledem muss ich meine Behauptung aufrecht erhalten, 
•dass die seinerzeitige Schede'sche Methode die Körperlast zum 
wenigsten nicht in jenem ausschliesslichen Sinne benützt. 
wie die meinige, und dass deshalb im strengen Sinne nur 
■dieser letzteren allein der Name einer functionellen 
Belastungsmethode zukommt. 

Es muss zugegeben werden, dass durch die continuirliche 
Extension und Abduction, namentlich bei älteren Kindern, eine 
so innige Verschränkung und Coaptirung der Gelenkskörper selbst 
durch jahrelanges Tragen der Abductionsschiene nicht zu Stande 
gebracht werden kann, wie durch die unblutige Reposition und 
■die damit verbundene modellirende Eintreibung des Schenkel- 
kopfes in die Pfannentasche. Eine Reposition „in diesem Sinne" 
kann von der Sehe de 'sehen Abductionsschiene ebenso wenig 
geleistet werden, wie von irgend welchem Apparate überhaupt. 

Aber gesetzt, nicht zugestanden, dies wäre der Fall, so 
stände bei der Anwendung der Sehe de 'sehen Abductionsschiene 
das Gelenk unter einer zweifachen mechanischen Wirkung. 
1. Unter dem medial gerichteten Drucke der Schiene gegen den 
Trochanter und 2. unter dem Drucke der Körperlast. Diese beiden 
Kräfte wirken aber nicht gleichsinnig, sondern einander entgegen. 

23* 



— 356 — 

Bei dem geringen Abductionsgrade des Beines in der Schede^ 
sehen Schiene wirkt nämlich die Körperlast auf das Gelenk im 
Sinne der Relaxation, der Apparat im Sinne der Retention. Es 
ist wohl klar, dass die Schienen Wirkung gegen die Wirkung der 
Körperlast unmöglich aufkommen kann. Die Schede'sche Schienen- 
behandlung könnte auf den Namen einer functionellen Methode 
nur dann Anspruch machen, wenn sie die Wirkung der Körper- 
last durch die Apparatwirkung nicht bekämpfen müsste, wenn 
also beide Wirkungen gleichsinnig wären, was bei einem geringen 
Abductionsgrade unter den gegebenen Gelenksverhältnissen nicht 
der Fall sein kann. 

Ich glaube übrigens, dass die ganze Frage gegenstandslos 
geworden ist, denn Schede fixirt, ganz im Sinne meiner Methode, 
das extempore reponirte Bein nunmehr mittelst Gipsverbandes 
in jener mehr weniger hochgradigen Abductionsstellung, mit 
welcher die Reposition noch vereinbar bleibt, und benützt die 
Abductionsschiene erst für die allmählich verminderten Abductions- 
grade der späteren Nachbehandlung. 

Meine Methode hat von allem Anfange an lediglich die 
Stellung des eingerenkten Gelenkes und die Belastung des- 
selben mit dem Körpergewichte als Retentionsmittel benützt und 
hält auch zur Stunde noch an diesen einfachen Mitteln fest. Die 
Wirksamkeit derselben erlaubt es, von jeder Maschinenbeihilfe 
irgend welcher Art und von jedem künstlichen Drucke vollkommen 
abzusehen und die Behandlung von Anfang zu Ende mittelst 
des einfachen und natürlichen Principes der Belastung 
des eingerenkten Gelenkes mit dem Körpergewichte 
durchzuführen. In diesem Sinne ist meine Methode des- 
halb thatsächlich eine functionelle Methode „par ex- 
cellence", denn keine andere hat dasPrincip derFunction 
in ähnlich vollkommener oder auch nur ähnlich aus- 
schliesslicher Weise bisher zur Anwendung gebracht. 

War also der Nachweis der Möglichkeit einer thatsächlichen 
Reposition des Schenkelkopfes im Sinne der congenitalen Ver- 
renkung etwas Neues, so durfte dieselbe Behauptung nicht 
minder auch für die ausschliessliche Verwendung des Körper- 
gewichtes als Retentionsmittel aufgestellt werden und ich sehe 
diese Behauptung durch die seinerzeitigen Einwendungen Sehe de 's 
nicht erschüttert. 



— 357 — 

Auch die Retention in der von mir empfohlenen Art war 
etwas vollkommen Neues, denn niemand hatte es bisher unter- 
nommen, nicht nur zur Reposition, sondern auch zur Retention 
ultraphysiologische Stellungen der Extremität zu benützen, ge- 
schweige denn solche Stellungen monatelang zu fixiren. Gerade 
hierin liegt aber die Bedingung des Erfolges. 

Meine Methode brachte aber auch insoferne etwas Neues, 
als sie die Reposition und Retention als zwei gleich wichtige, 
aber voneinander verschiedene Aufgaben auffasste, deren erste 
die unerlässliche Vorbedingung der zweiten ist, während der 
schliessliche Erfolg an das Gelingen beider geknüpft bleibt. 

Meine Methode konnte auch aus dem Grunde als eine 
neue bezeichnet werden, als sie mit der alten Tradition auf- 
räumte, welche die congenitale Hüftverrenkung als ein Analogon 
der traumatischen Luxation betrachtete, und demnach die Therapie 
beider nach denselben Principien ausgeführt wissen wollte. Wie 
fest diese falsche Tradition Wurzel geschlagen hat, geht schon 
aus dem Missverständnisse hervor, dass meine Reposition im Sinne 
der congenitalen Verrenkung mit der Reposition der traumatischen 
Luxation identificirt und deshalb begreiflicherweise zurückgewiesen 
wurde. Gerade so wie bei der traumatischen Luxation hielt diese 
falsche Tradition auch die therapeutische Aufgabe der congeni- 
talen Verrenkung mit der Reposition für gelöst, während nach 
meiner Auffassung dieser Aufgabe mit der gelungenen Reposition 
der congenitalen Verrenkung die therapeutische Frage eigentlich 
erst gestellt wird. 

Ich bleibe also dabei, dass sowohl meine Reposition 
als auch meine Retention durch functionelle Belastung 
ebenso wie die vollständige Trennung dieser beiden 
Aufgaben in meinem Heilplane als etwas Neues und 
Originelles bezeichnet werden durfte. 

Sollte man dies auch heute noch bestreiten wollen, so be- 
gnüge ich mich mit der erfreulichen Wahrnehmung, dass meine 
Behandlungsmethode allem Anscheine nach immer grössere Ver- 
breitung und immer mehr Freunde findet. 

Ich wende mich nunmehr einem mir aufgezwungenen Besitz- 
streite zu und werde denselben mit jener Sachlichkeit und Ruhe 
führen, welche nur das Bewusstsein des Rechtes geben kann. 
Den gereizten, rüden und beleidigenden Ton meiner Gegner 



— 3ÖS _ 

werde ich zu vermeiden suchen und mein Bestreben soll immer 
nur darauf gerichtet, sein, die Gegner zu belehren und nicht 
zu verletzen; wenn möglich, sie zu bekehren. 

Im Jahre 1888 hat Paci (Pisa) ein unblutiges Einrenkungs- 
verfahren der congenitalen Hüftgelenksverrenkung angegeben und 
in wiederholten Mittheilungen im Archivio di Ortopedia als „cura 
razionale incruenta" beschrieben. 

Das Verfahren lehnt sich enge an jene Einrenkungsmethode 
der traumatischen Luxation, welche in Deutschland von Barde- 
leben, Dittel u. A. als sogenannte physiologische Methode 
beschrieben und geübt wurde und in Italien als die Methode 
Fabbri's bekannt ist. 

Wenn man die Methode Paci 's mit der Einrenkungsmethode 
Fabbri's vergleicht, so resultirt als einziger Unterschied, dass 
Fabbri die Beugung des Schenkels bis zur äussersten, Paci 
hingegen nur bis zur physiologischen Grenze vorschreibt. Das 
macht vielleicht 10 Grad Beugungsunterschied, der nebenbei 
vollkommen irrelevant ist. Paci hat demnach eine be- 
kannte Repositionsmethode der traumatischen Luxation ganz 
einfach auf die angeborene Verrenkung übertragen und damit 
vollkommen im Banne jener falschen Tradition gehandelt, welche 
eine viel zu innige Analogie zwischen diesen beiden Dingen an- 
nimmt. Die traumatische und die congenitale Luxation lassen 
sich ebenso wenig assimiliren wie ihre respectiven Heilmethoden. 

Die Ausführung der Paci 'sehen Methode wurde Seite 7 
bereits beschrieben. 

Als meine ersten Mittheilungen über meine R.epositions- 
methode erfolgten, behauptete Paci ein „Plagiat" mit seinen 
7 Jahre älteren Arbeiten und es erfolgten die schärfsten Angriffe 
auf mich, theils von Paci selbst, theils von seinen spärlichen 
Anhängern . 

Es wurde vor allem auf das zeitliche Verhältnis meiner ersten 
Publicationen zu dem internationalen ärztlichen Gongress in 
Rom 1894 hingewiesen, wo ich Paci operiren sah. Sofort 
hätte ich mir diese Methode angeeignet, hätte sie mit 
präparatorischen Manövern (Extension) und mit Vor- 
schriften der Nachbehandlung (functionelle Belastung 
des reponirten Schenkelkopfes) „plump" maskirt (sie!), 
verschiedene unvernünftige (!) und schädliche (!) Modi- 



— 359 - 

ficationen der Einrenkung ersonnen und dieselben in 
einer „hinterlistigen Weise" (latet anguis in herba) (sie!) 
beschrieben, aus welcher unverkennbar die Absicht einer künst- 
lichen Differenzirung hervorgehe, um den Leser über die 
Identität dieser Proceduren mit der Paci'schen Methode 
hinwegzutäuschen (sie!). Weder sei meine Methode 
originell, noch habe sie überhaupt eine Existenzberech- 
tigung, vielmehr sei ich in meiner Manie, eine neue 
Methode zu erfinden, allzu sehr von dem ehrlichen Wege 
abgewichen (sie!), hätte aus den Studien Anderer thesau- 
rirt und ihre Ideen mir angeeignet; aber trotzdem sei 
meine Methode kein wahres, sondern nur Rauschgold, 
nationale (italienische) Waare unter fremder, falscher 
Marke — u. dgl. Stilblüthen mehr. 

Meine Arbeiten auf dem Gebiete der congenitalen Hüft- 
verrenkung sind also auf gut deutsch lauter Diebstahl 
und Betrug, und ich muss aus der Leetüre ihrer Recriminationen 
schliessen, dass meine wohlwollenden Gegner jenseits der Alpen 
an meiner Eignung für ein italienisches Bagno nicht den geringsten 
Zweifel hegen. 

Für mich bedeuten alle diese Schmeicheleien, zu welchen 
merkwürdigerweise eine wissenschaftliche Discussion die Ver- 
anlassung bot, nichts weiter als eine völkerpsychologisch inter- 
essante Beobachtung, welche beweist, in wie hohem Grade der 
Chauvinismus auf die internationale Wissenschaft rückwirkt. Ob 
ihr eine derart geführte Discussion zur Ehre gereicht, ist eine 
andere Frage, die sich jeder selbst beantworten mag. Im All- 
gemeinen kann es immer als ein bedenkliches Zeichen gelten. 
wenn ein Gegner mit Beleidigungen anstatt mit Argumenten zu 
kämpfen beginnt ; damit hat er seine Sache von vorneherein verloren. 

In der folgenden Darstellung soll objeetiv dargethan werden, 
worin die beiden Methoden sowohl in dem operativen Acte als 
auch in der Nachbehandlung einander ähnlich sind, und worin 
sie sich unterscheiden. 

Wenn ich zunächst nach Aehnlichkeiten in der Operations- 
technik suche, so fällt es allerdings schwer, solche aufzufinden. 

Die italienische Methode schreibt Beugung des Schenkels 
bis zum spitzen Winkel vor, in der Absicht, den Schenkelkopf 
dadurch nach abwärts unter und hinter die Pfanne zu bringen. 



— 360 — 

Die Wiener Methode bewirkt die Einrenkung über den 
hinteren Pfannenrand aus rechtwinkeliger Beugung, weil bei 
dieser Stellung die Vorderkapsel erschlafft und der Eingang zur 
Pfannentasche eröffnet wird. Ist bei schwierigen Fällen die Ein- 
renkung über den unteren Pfannenrand nothwendig, so wird der 
Schenkel maximal gebeugt. Gelingt die Einrenkung über den 
oberen Pfannenrand während der vorgängigen Extension bei 
gleichzeitigem Drucke auf den Trochanter, so wird der Schenkel 
selbstverständlich überhaupt nicht gebeugt, sondern die Einrenkung 
in voller Strecklage desselben vollzogen. 

Die Aehnlichkeit der gleichen Beugestellung ist 
also eine bedingte und trifft nur für die schwereren Fälle älterer 
Kinder zu. 

Weitere Aehnlichkeiten lassen sich überhaupt nicht 
finden. 

Die italienische Methode bedient sich einer Abduction, 
durch welche der Schenkel auf 15 Centimeter Distanz von der 
Seitenfläche des Rumpfes entfernt wird, überschreitet also nicht 
einmal die durch die Luxation in dieser Richtung pathologisch 
eingeengte Excursionsfähigkeit des Gelenkes. Dadurch wurde 
der Schenkel nach vorne gegen die Stelle zu bewegt, an 
welcher sich die Pfanne vorfinden sollte; aber selbst diese 
geringe Abduction sei wegen der excessiven Retraction der Ad- 
ductoren oft nicht möglich, so dass deshalb, sowie wegen even- 
tueller Verbildung des oberen Femurendes die Paci'sche Methode 
oftmals nicht ausgeführt werden könne. 

Die Wiener Methode erblickt in der pathologischen Ein- 
engung des Abductionsgebietes bei der angeborenen Hüftver- 
renkung ein absolutes Hindernis der Reposition des Schenkel- 
kopfes über den hinteren Pfannenrand und schreibt zum Zwecke 
der Erweiterung dieser Excursion bis über die physiologischen 
Grenzen hinaus die Myorhexis adductorum vor. ja sie empfiehlt 
die subcutane (unblutige) Lösung der Ansätze dieser Muskeln 
vom horizontalen Schambeinaste selbst dann, wenn sich die- 
selben genügend dehnen Hessen, weil dadurch die Spannungs- 
schmerzen vermieden werden, welche durch die vorläufige Fixirung 
einer ultraphysiologischen Abductionsstellungnothwendigentstehen. 

Die theoretischen Einwendungen Paci's, dass so bedeutende 
Abductionsgrade schon am gesunden, um wie viel mehr also am 



— 361 — 

luxirten Hüftgelenke unmöglich seien, wird durch die Myorhexis 
adductorum rollkommen gegenstandslos. So lange die Adductoren- 
hindernisse nicht überwunden sind, ist an eine Einrenkung im 
Sinne der Wiener Methode überhaupt nicht zu denken. 

Oft genügt nicht einmal eine bis 90 Grad forcirte Abduction 
zur Einrenkung, sondern der Schenkel muss sogar hinter die 
Frontalebene gebracht werden, ehe der Sprung des Kopfes erfolgt. 
Die Abduction ist in diesem Falle zur Ueberstreckung geworden. 

Diese Ueberstreckung, welche auch in der Retentionstechnik 
der Wiener Methode eine grosse Rolle spielt, ist der italienischen 
Methode nicht nur vollkommen fremd, sondern deren Ver- 
treter gestehen offen, dass sie nicht verstehen können, was 
Lorenz damit sagen will, wenn er schreibt, dass das Bein in 
Ueberstreckung, combinirt mit Abduction (also in überstreckter 
Abduction) fixirt werde. 

Das dritte Tempo der italienischen Methode, nämlich die 
Aussenrollung. durch welche der Schenkelkopf sich nach innen 
vorne gegen den Pfannenort begeben soll, ist der Wiener Methode, 
so weit diese Bewegung als Repositionsmanöver in Frage 
kommt, absolut fremd. So lange der Kopf nicht reponirt ist. 
schreibt die Wiener Methode im Gegentheile eine Einwärtsrollung 
des Schenkels vor, um dadurch den Schenkelkopf in die Er- 
streckungsebene der Pfannentasche zu bringen. Erst nach der 
gelungenen Reposition kommt die moclellirende Auswärts- 
rotation behufs Erweiterung der vorderen fibrösen Wand der 
Pfannentasche in Betracht. 

Das vierte Tempo der italienischen Methode, die „Streckung", 
durch welche der Schenkelkopf am Darmbeine in der Gegend 
des Pfannenortes unter gleichzeitiger Anspannung und schliess- 
licher Ueberwinclung der Beugemuskeln knöcherne Anlehnung 
nimmt, wird bei der Wiener Methode zur „Ueberstreckung", 
wenn die Reposition sich als sehr labil erwiesen hatte. Durch 
diese Ueberstreckung wird der rechtwinkelig abducirte Schenkel 
hinter die Frontalebene gebracht und dadurch zunächst und vor 
allem anderen die Lage des Kopfes an der vorderen Beckenfläche 
gesichert. Bei geringerer Labilität der Reposition begnügt sich 
die Wiener Methode mit einfacher Strecklage combinirt mit 
rechtwinkeliger Abduction. Bei grösserer Primärstabilität der Re- 
position entspricht die Schlussstellung des eingerenkten Beines 



— 362 — 

einer Gelenksmittellage, ist also durch deutliche Beugung 
unter Beibehalt entsprechender Äbduction ausgezeichnet. 

Die italienische Methode perhorrescirt die Extension als 
Repositionsmittel und erklärt diese Maassregel für eine Absur- 
dität, denn die Kapsel und das Lgt. Bertini seien so unnach- 
giebig und resistent, dass man sie zerreissen müsse, um 
nur ein Herabrücken des Kopfes von 1 / 2 Gentimeter zu 
erzwingen. 

Die Wiener Methode verwendet die Extension, wenn eine 
grössere Verkürzung von etwa 4 Centimeter und darüber vorliegt, 
als präparatorische Maassregel, um den Schenkelkopf der Pfanne 
vorerst zu nähern. Bei nachgiebigen Verkürzungen gelingt häufig 
schon während dieser Vorbereitung die Reposition. Es ist hundert- 
fach bewiesen — namentlich Schede hat sich in dieser Richtung 
hervorgethan — dass auf diesem Wege Verkürzungen bis zu 8 
und 9 Gentimeter ausgeglichen und die Reposition durch blosse 
Extension erreicht werden kann. Bei jungen Kindern mit 
geringer und nachgiebiger Verkürzung ist die vorbe- 
reitende Extension selbstverständlich überflüssig. 

Zur „Reposition aus freier Hand" kommt die manuelle 
Extension stets zu vortheilhafter Anwendung und erfolgt 
in diesem Falle in der Richtung des rechtwinkelig flectirten 
Oberschenkels, also senkrecht zur Längsaxe des Rumpfes. 

Fassen wir die Repositionsmanöver, mit welchen beide 
Methoden arbeiten, zusammen, so sind dieselben bei der Wiener 
Methode je nach dem Falle von einiger Mannigfaltigkeit: die 
Beugung ist bald rechtwinkelig, bald spitzwinkelig oder fehlt bei 
der Reposition durch blosse Extension auch ganz und gar. Die 
Abductionsgrade sind ultraphysiologische und wechseln jenseits 
der physiologischen Excursionsgrenze also von etwa 30 bis 
90 Graden; sie führen den Schenkel selbst hinter die Frontalebene 
(Ueb erstreckung). Die Aussenrollung spielt als Repositionsmanöver 
überhaupt keine Rolle. 

Dieser Mannigfaltigkeit gegenüber ist die italieni- 
sche Methode die vollständige Schablone. Mag der Fall 
jung oder alt, schwierig oder leicht sein, mag es sich um coxitische, 
traumatische oder congenitale Luxation handeln, die Schablone 
der Tempi bleibt immer dieselbe, wie die Tempi der Gewehr- 
griffe der Recruten. 



— obo — 

Die Repositionsmanipulationen der Wiener Methode entbehren 
dieses schablonenhaften Charakters vollkommen und werden 
überdies im Sinne des modellirenden Redressements ausgeführt, 
welches den Widerstand der Weichtheile nicht in brüskem An- 
griffe, sondern durch langsame, rhythmische methodische Dehnung 
eventuell durch Zerreissung überwindet. 

Betrachten wir die zu fixirende Schlussstellung des Beines 
nach der Reposition, so begegnen wir bei der italienischen 
Methode derselben starren Schablone. 

Mochten die anatomischen Verhältnisse wie immer beschaffen, 
mochte der Fall alt oder jung, leicht oder schwierig gewesen 
sein, die Schlussstellung bleibt immer dieselbe: „Streckung, 
starke Aussenrollung, geringe Abduction." 

Die Wiener Methode fixirt als Schlussstellung, je nach der 
grösseren oder geringeren Primärstabilität der Reposition, den 
Schenkel in der Regel in ultraphysiologischen Stellungen, und zwar 
meistens in leichter Ueberstreckung und circa 90 Grad Abduction 
bei stets indifferenter Rollstellung; entsprechend dem selteneren 
Vorkommen günstiger anatomischer Verhältnisse der Gelenkskörper 
wählt die Wiener Methode als seltenere Primärstellung die Gelenks- 
mittellage, d. h. leichte Beugung und stärkere Abduction. Zwischen 
der extremen Primärstellung des reponirten Gelenkes und der 
primären Mittellage desselben bedient sich die Wiener Methode 
beliebig zahlreicher Zwischenstufen, je nachdem der Fort- 
bestand der Reposition mit einer mehr oder weniger günstigen 
Primärstellung vereinbar bleibt oder nicht. Das Endziel ist in 
jedem Falle die Erreichung der Gelenksmittellage; wie leicht 
verständlich, ist dieses Ziel meist nur auf dem Umwege mehr 
weniger extremer Primärstellungen zu erreichen. 

Aber trotz des evidenten Unterschiedes zwischen der 
Schablone der italienischen Methode und der Anpassung an die 
variablen anatomischen Verhältnisse, welche die Wiener Methode 
kennzeichnet, suche ich das Wesen des Unterschiedes 
zwischen den beiden Verfahren ganz und gar nicht in diesen 
Aeusserlichkeiten. 

Sofern die congenitale Hüftverrenkung eine hintere Luxation 
ist, wird ihre Reposition gewisser Manöver nicht entbehren können, 
welche sichbei der Reposition hinterer traumatischer Luxationen 
als zweckmässig erwiesen haben, und es dürfte sehr schwer halten, 



— 364 — 

eine neue Methode aufzustellen, welche sich ganz und gar nicht 
an schon bekannte Repositionsmethoden anlehnt. Aber eine 
solche Repositionsmethode der traumatischen Luxation darf nicht 
ohneweiters auf die congenitale Verrenkung übertragen werden, 
sondern muss dieser letzteren nothwendig angepasst werden. 
Dieser Forderung ist die italienische Methode durchaus nicht nach- 
gekommen. 

Der congenital luxirte Schenkelkopf findet keine normale, son- 
dern eine insufficiente Pfanne, daher kein normales, sondern ein 
insufficientes Lager vor. Die Reposition muss daher eine entsprechend 
labile sein. Jede Repositionsmethode der congenitalen Verrenkung 
muss deshalb durch einStabilisirungsverfahren, d. h. durch eine be- 
sondere Retentionsmethode completirt sein und wenigstens diese 
letztere wird von der Retention der reponirten trau- 
matischen Luxation grundverschieden sein müssen. In 
dieser Beziehung ist die italienische Repositionsmethode von der 
Reposition der traumatischen Luxation so gut wie gar nicht 
differenzirt, und es muss sehr befremden, dass sich dieselbe für 
die congenitale Verrenkung angeblich gleich gut eignet, wie für 
die traumatische und pathologische Luxation. 

Wer an blossen Aeusserlichkeiten festhält und den Dingen 
nicht auf den Grund geht, würde finden müssen, dass die typische 
Wiener Methode, wenn sie aus „freier Hand'' geschieht (vgl. S. 181) 
die weit grössere Aehnlichkeit mit der sogenannten classischen 
Methode Bigelow's hat, welche den rechtwinkelig flectirten 
Schenkel der Extension unterwirft. Durch die besondere Art der 
R.etention ist aber die Wiener Methode von der Bigelow'schen 
Reposition traumatischer Luxationen ebenso scharf getrennt, wie 
von jeder anderen bis nun bekannten Methode. 

Es wäre sehr schlimm um mein Verfahren bestellt, 
wenn dasselbe schon durch eine kleine Modification der 
Technik seines Eigencharakters entkleidet und dadurch 
mit irgend einem anderen Modus procedendi indentificirt werden 
könnte. Herr v. Mikulicz ist z. B. in einem Irrthume befangen, 
wenn er glaubt, dass durch das blosse Weglassen einer präpa- 
ratorischen Extension meine Methode sich mit jener Paci's decke. 
Wenn eine solche Maassregel im einzelnen Falle, namentlich bei 
noch jungen Kindern thatsächlich vollkommen überflüssig ist, 
wie ich dies schon früher wiederholt betont habe, so bleibt 



— 365 — 

dieselbe bei stärkeren Verkürzungen wie sie bei älteren 
Kindern die Regel sind, doch zweifellos sehr zweckmässig, 
ja unter Umständen unumgänglich nothwenclig. Ebenso irrt 
Herr Kirmisson, wenn er annimmt, der Unterschied bestehe 
darin, dass meine Methode das Bein in rechtwinkeliger Abduction 
fixirt. Hierin liegt aber durchaus nicht das Wesen des Unter- 
schiedes, denn im Falle guter Primärstabilität fixire ich 
das Bein sofort in Gelenksmittellage, also in leichter Beu- 
gung und verhältnismässig viel geringerer Abduction. Ich fixire 
das Bein überdies nicht „für immer" in einer extremen Stellung, 
sondern betrachte diese letztere nur als Durchgangsstadium auf 
dem Wege zur Gelenksmittellage. Ebenso ist Heusner im Irrthume, 
wenn er schreibt, Kümmel nähere sich der Paci 'sehen Methode, 
indem er nur mittelst „forcirter" Abduction einrenke. 

Solche Urtheile beweisen eine sehr oberflächliche Bekannt- 
schaft mit der Frage, um die es sich hier handelt. 

Die Wesenheit des Unterschiedes zwischen beiden 
Repositionsmethoden liegt vielmehr 1. in dem durch die 
Reposition unmittelbar erreichten Resultate; 2. in dem 
am Schlüsse der Behandlung, also nach durchgeführter 
Retention, erreichten Schlussresultate. 

Ich werde mich zunächst mit dem unmittelbaren Resultate 
der Reposition bei beiden Methoden beschäftigen, hierauf die 
Parallele zwischen der Nachbehandlung (Retentionstechnik) beider 
Methoden ziehen und sodann erst auf den zweiten Unterschied, 
nämlich auf die Schlussresultate zu sprechen kommen. 

Vor allem ist die Frage zu erörtern, was Paci unter 
Reposition der congenitalen Hüftverrenkung versteht? Selbstver- 
ständlich konnte er damit nicht jene Reposition meinen, welche 
man bei einer traumatischen Luxation durch das völlige Ein- 
treten des normalen Schenkelkopfes in eine normale Pfanne 
erreicht. Um über die Frage ins Klare zu kommen, müssen wir 
seine Vorstellungen über die pathologische Anatomie der Ge- 
lenkskörper, vor allem der Pfanne etwas näher prüfen. In dieser 
Beziehung ist zu constatiren, dass Paci über die Beschaffenheit 
der Pfanne des congenital luxirten Hüftgelenkes Anschauungen 
entwickelt hat, aus welchen klar hervorgeht, dass er niemals 
eine operative Beposition ausgeführt hat, also niemals in der 
Lage war, die anatomischen Verhältnisse, wie sich dieselben am 



— 30»; — 

Kinde darbieten, mit Auge und Hand zu prüfen. Daraus kann 
ihm kein Vorwurf erwachsen. Aber es ist eine Thatsache, dass 
die blutigen Repositionen unsere bisherigen Anschauungen über 
die Pfannenverhältnisse am congenital luxirten Hüftgelenke durch- 
greifend umgestaltet haben, und Herr Paci wird bemüssigt sein, 
seine theoretischen Anschauungen hierüber diesen Erkenntnissen 
unterzuordnen. Nach einer sehr verbreiteten Annahme unter- 
schätzt auch Paci die Entwickelung der rudimentären Pfanne. 
Wenn es auch Thatsache bleibt, dass dieselbe manchesmal 
ausserordentlich schlecht erhalten ist, ja dass der Pfannenboden 
manchmal sogar eine leichte Convexität bietet, so steht doch 
auf der anderen Seite fest, dass dieses Vorkommnis glücklicher- 
weise ein ausserordentlich seltenes ist. Allerdings sind ausnehmend 
gute Pfannenverhältnisse ebenfalls selten, aber das Grössenmiss- 
verhältnis zwischen Kopf und Pfanne ist doch zweifellos im 
Allgemeinen viel geringer als man immer angenommen hat. Es 
darf allerdings bei der Beurtheilung desselben die Pfanne nicht 
für sich allein betrachtet werden, sondern es ist nicht ausser 
Acht zu lassen, dass ja auch der Schenkelkopf beträchtlich kleiner 
ist, als es der Norm entspricht; dadurch wird das Missverhältnis 
zwischen den Gelenskörpern, allerdings nur bis zu einem ge- 
wissen Grade, aber doch sehr wesentlich vermindert. Paci aber 
scheint den vollständigen Pfannenmangel für das Regelmässige 
zu halten. Wie gross seine Unkenntnis der Pfannenverhältnisse 
ist, geht mit genügender Klarheit aus folgenden Aeusserungen 
hervor: „ — ne precisione di positura poträ mai offenere il 
coltello e lo scalpello chirurgico, fosse pur (sogar) guidata da 
qualsiasi misuratione matematica, che nell'atto dell'ope- 
razione il chirurgo potesse prendere." Das heisst offenbar 
so viel, als dass der Chirurg selbst bei der blutigen Reposition 
nicht in der Lage ist, jene Stelle mit Sicherheit zu bezeichnen, 
an welcher die rudimentäre Pfanne sich vorfinden sollte, selbst 
wenn er zu irgend welcher mathematischen Messung seine Zu- 
flucht nehmen wollte. 

In dieser Weise kann nur jemand sprechen, der niemals 
seinen Finger in die geöffnete Pfannentasche eingeführt und die 
Pfannenränder, sowie den Pfannenboden niemals abgetastet 
oder seinem Auge zugänglich gemacht hat. Und wären die Ver- 
hältnisse noch so ungünstig und die Pfanne noch so verbildet, 



— 367 — 

so wird man über die Lage derselben niemals im Zweifel sein 
können, denn der hintere Pfannenrand ist jedesmal nicht nur 
vorhanden, sondern sogar von verhältnismässig guter Ent- 
wickelung, wie eine intact gebliebene Wand in der Piuine eines 
Hauses. Der hintere Pfannenrand ist ein Gebilde von solcher 
Prägnanz und Beständigkeit, dass er selbst der oberflächlichsten 
anatomischen Beschreibung nicht entgehen kann, und thatsächlich 
finden wir denselben in allen anatomischen Studien ganz be- 
sonders hervorgehoben und in seiner Bedeutung als Hindernis 
der Reposition gewürdigt. Die Franzosen haben den hinteren 
Pfannenrand, wie schon erwähnt, sogar mit einem besonderen 
Namen belegt und ihn „crete iliaque" genannt, um damit 
anzudeuten, dass derselbe, ganz abgesehen von seiner Eigenschaft 
als Pfannenconstituens. ein constantes Gebilde darstellt, durch 
welches die hintere äussere Fläche des Beckens von der vorderen 
inneren Fläche desselben abgegrenzt wird. 

Thatsächlich war noch kein Chirurg in Verlegenheit, 
wo er die Pfanne zu suchen, wo er also die künstliche 
Vertiefung anzubringen habe. 

Es musste jedem als vollkommen selbstverständlich er- 
scheinen, dass als Pfannenboden jene Stelle anzusprechen sei. 
welche von den Pfannenrändern umschlossen ist. Da der hintere 
Pfannenrand ein Gebilde von absoluter Constanz ist, so hielt 
man sich einfach an diesen und machte die Vertiefung immer an 
richtiger Stelle, d. h. man liess dieselbe von dem hinteren 
Pfannenrande umschlossen sein. 

Die vagen Vorstellungen Paci's über die rudimentäre 
Pfanne lassen es erklärlich erscheinen, wenn er das Ziel seiner 
Reposition niemals in klaren Worten präcisirt, sondern immer 
nur mit gewundenen Ausdrücken umschreibt. Die Reposition 
wird bezeichnet als ein „portare la testa deformata lä dove 
esistono i rudimenti della cavitä cotiloide" — oder in un- 
günstigeren Fällen als ein „portare e contenere piu anterior- 
mente" ; wobei der Schenkelkopf indessen seinen normalen Platz 
nicht erreichen könne, sondern etwas nach unten und aussen 
von der Spin. ant. inf. stehen bleibe; oder es wird von einer 
Transposition des Kopfes in eine ..neue, mehr oder weniger 
günstige Stellung" gesprochen; oder von einem „portare della 
testa del femore contro o in vicinanza della cavitä cotiloidea" — 



— 36s — 

also „gegen" oder „in die Nachbarschaft" der Pfanne; oder 
an eine Stelle des Darmbeines, „welche der Lage der cavitä 
cotiloidea entsprechen würde". An anderer Stelle heisst es wieder: 
„la testa femorale a guadagnato il posto della cavitä cotiloidea 
talmente, che simula una vera e propria completa riduzione." Die 
Reposition wird wohl auch als „correzione della posizione della 
testa del femore" oder als „migliorata posizione" bezeichnet oder 
sie wird defmirt als ein" „ricondurre la testa femorale lussata 
contro alla superficie ossea del bacino dove normalmente si 
sarebbe dovuta trovare la rispettiva cavitä cotiloidea". Diese 
letztere sei nahezu oder gänzlich verschwunden und die Repo- 
.sitionsmethode ,.non puo permettere al chirurgo la essatta 
precisione del punto matematico sul quäle dovrebbe 
far centro la cavitä cotiloidea". Nach dem oben Gesagten 
kann über das Pfannencentrum niemals auch nur der leiseste 
Zweifel bestehen, und dasselbe lässt sich jedesmal genau präci- 
siren. Was aber niemals genau präcisirt wurde, ist das Ziel, 
welches die italienische Operationsmethode verfolgt. Im All- 
gemeinen besteht dasselbe darin „di offenere un appoggio osseo 
con neo artrosi duratura in un punto assai favorevole e 
vicino al normale", also eine dauerhafte Nearthrose in mög- 
lichster Pfannennähe zu bilden. 

Gegenüber dieser nebelhaften Verschwommenheit der Defi- 
nition der unmittelbar durch die Reposition erreichten Stellung 
des Schenkelkopfes bei der italienischen Methode präcisirt die 
Wiener Methode das unmittelbare Ziel ihrer Repositionstechnik 
mit förmlich mathematischer Genauigkeit und erreicht dasselbe 
innerhalb ihrer Machtsphäre mit ebensolcher Sicherheit. Dieses 
Ziel heisst klipp und klar: r Unmittelbarer Contact des 
Schenkelkopfes mit dem Fugenkreuz des Pfannen- 
bodens". Dass ein solcher Contact nur möglich wird, wenn der 
Schenkelkopf den Pfannenrand überschreitet, braucht als etwas 
Selbstverständliches bei dieser Definition gar nicht erwähnt zu 
werden. Da der hintere Pfannenrand am besten entwickelt 
und von grösster Gonstanz ist, so bevorzugt die Wiener Methode 
die Reposition des Schenkelkopfes gerade über diesen letz- 
teren. Da die physikalischen Phänomene der Einrenkung über 
den hinteren Pfannenrand wegen der besseren Ausbildung des- 
selben oder vielmehr wegen des grösseren Hindernisses, welches 



— 369 - 

derselbe der Einrenkung entgegensetzt, entsprechend prägnantere 
und auffälligere sind, so zeigen sie im Vereine mit den anderen 
klinischen Begleiterscheinungen die Erreichung des gestellten 
Zieles so absolut sicher an, dass man sagen kann, die actino- 
graphische Controle habe ihre Aufgabe erfüllt; wenn sie in 
Hunderten von gelungenen Einrenkungsfällen das Gegenüberstehen 
des Kopfes und des Y-Knorpels bewiesen hat, so dass in Zukunft 
diese Probe auf das Rechenexempel wirklich kaum mehr not- 
wendig ist. Die Actinographie gewinnt als Controle erst wieder 
Bedeutung, wenn es sich um die Feststellung handelt, ob der 
Schenkelkopf auch bei den allmählichen Gorrectionsetappen der 
primären Abduction seinen Gontact mit dem Pfannenboden bei- 
behalten hat. 

Die Wiener Methode kennt keine „mehr oder weniger 
günstige" Stellung des Kopfes in engerer oder entfernterer 
„Nachbarschaft" der Pfanne, keine „verbesserte" Lage des 
Schenkelkopfes, keinen unbestimmbaren „Ort", wo sich die 
Rudimente der Pfanne vorfinden sollten, sondern sie rechnet mit 
dem bestimmten Vorhandensein einer, wenn auch räumlich be- 
engten, so doch in allen ihren Details mehr oder weniger 
ausgebildeten Pfanne; sie kennt nur ein entweder — 
oder und dieses heisst: Liegt der reponirte Schenkelkopf un- 
mittelbar auf dem Fugenkreuz oder nicht! Im letzteren Falle 
wird die Reposition als missglückt bezeichnet, selbst wenn es 
gelungen wäre, den Schenkelkopf bis auf die Höhe eines Pfannen- 
randes zu verlagern. 

Da der unmittelbare Gontact des Schenkelkopfes mit dem 
Y-Knorpel nur auf dem Wege über den Pfannenrand erreichbar 
ist, so kann man den wesentlichen Unterschied zwischen 
den beiden Repositionsmethoden auch dahin definiren. 
dass das Wiener Verfahren den Schenkelkopf zwingt, 
den hinteren Pfannenrand zu passiren, während die 
italienische Methode nicht im Stande ist, denselben bis 
jenseits des hinteren Pfannenrandes, also bis „auf" den 
Pfannengrund zu verlagern. Die nach der italieni- 
schen Methode reponirte hintere Luxation bleibt also 
nach wie vor eine hintere Luxation, denn der hintere 
Pfannenwall die „crete iliaque", welche die Grenzscheide 
zwischen Reposition und hinterer Luxation ist. bleibt für 

Lorenz, Hüftverrenkung. 24 



— 370 — 

die italienischeMethode ein unüberwindlichesHindernis. 
In diesem Sinne bildet der hintere Pfannengrat die Grenz- 
scheide der beiden Methoden. Hüben oder drüben, das ist die 
Frage! Mag der Standplatz des Schenkelkopfes z. B. auf der iliacalen 
Böschung des hinteren Pfannenrandes dem Standplatze auf dem 
Pfannenboden in directer Distanz auch noch so nahe gelegen 
sein, so erhebt sich zwischen diesen beiden Orten der Pfannen- 
grat und entfernt dieselben gerade so voneinander, wie eine 
Gebirgskette zwei Thäler trennt und dadurch voneinander ent- 
fernt. Für das Endziel der Therapie, also für die Ausgestaltung 
der rudimentären Pfanne ist es eine conditio sine qua non, dass 
der Schenkelkopf auf den Pfannenboden gesetzt werde, denn 
das plastische Knorpellager desselben bietet allein die günstigen 
Chancen einer Vertiefung auf functionellem Wege und an dem 
hinteren Pfannenrande allein findet der Schenkelkopf sofort eine 
präformirte knöcherne Stütze. Mag der Schenkelkopf der Pfanne 
auch noch so nahe gebracht, also bis auf die iliacale Böschung 
des hinteren Pfannenwalles verlagert worden sein, so findet der- 
selbe auf diesem Abhänge weder die geringste präformirte 
knöcherne Stütze, noch ein plastisches im Wachsthume be- 
griffenes Knorpellager, und bleibt durch die Hinterkapsel von 
dem Perioste des Darmbeines getrennt. 

Mit Rücksicht auf diese Umstände gewinnt der hintere 
Pfannengrat eine geradezu fundamentale Bedeutung 
und wird zum springenden Punkt der ganzen Frage. 

Es handelt sich nun um den Nachweis, dass die italienische 
Methode thatsächlich nicht im Stande ist, den Schenkelkopf 
über den Pfannenrand auf den Pfannenboden zu treiben. 

Jeder Operateur, welchem die Reposition im Sinne der 
congenitalen Verrenkung, also die Herstellung eines unmittelbaren 
Oontactes zwischen Pfannenboden (Y-Knorpel) und Schenkelkopf 
auch nur einmal gelungen ist, weiss, dass die geringfügige 
Abduction der italienischen Methode zur Erreichung dieses 
Zieles absolut unzureichend ist. Darüber gibt es keine Meinungs- 
verschiedenheit. Die Angabe Paci's, dass seine Methode bei 
starker Retraction der Adductoren oftmals unausführbar wird, 
weil dieselben nicht einmal die vorgeschriebene geringe Ab- 
duction zulassen, ist wohl ein genügender Beweis dafür, dass 
die Einrenkungstempi durch den Adductorenwiderstand begrenzt 



— 371 — 

werden und dass die dem Schenkelkopfe aufgezwungene Stellungs- 
verbesserung nur innerhalb dieser Grenzen möglich bleibt. 

Der zur thatsächlichen Reposition im Sinne der congenitalen 
Verrenkung nothwendige Abductionsgrad muss durch die Er- 
weiterung des Abductionsgebietes bis über die physiologischen 
Grenzen hinaus auf dem Wege der Myorhexis adductorum über- 
haupt erst geschaffen werden. 

Jeder Operateur, welchem die Reposition thatsächlich ge- 
lungen ist, weiss, dass die physikalischen Symptome derselben, 
namentlich wenn die Einrenkung über den hinteren Pfannenrand 
erfolgt, so unverkennbar sind, dass sie der Aufmerksamkeit selbst 
des Achtlosesten unmöglich entgehen können; er weiss auch, 
dass dieselben so charakteristisch sind, dass eine Verwechslung 
mit anderen accidentellen Geräuschen und Erschütterungen 
geradezu ausgeschlossen ist; er weiss endlich, dass dieselben bei 
der Einrenkung über den hinteren Pfannenrand in einem ge- 
wissen Momente mehr weniger hochgradiger, jedenfalls ultra- 
physiologischer Abduction erfolgen. 

In den Publicationen Paci's findet sich auch nicht die 
leiseste Andeutung, aus welcher sich schliessen Hesse, er 
habe jene physikalischen Erscheinungen jemals erzeugt; wäre 
dies wirklich der Fall gewesen, so hätten dieselben ebenso wenig 
übersehen werden können, als ein stillschweigendes Hinweggehen 
über das so ausserordentlich markante krönende Schlussmoment 
der Reposition verständlich gewesen wäre. Paci konnte physi- 
kalische Repositionsphänomene in meinem Sinne auch gar nicht 
erwarten, denn nach seinen Anschauungen ist die rudimentäre 
Pfanne eigentlich gar kein körperliches Gebilde, sondern ein 
mathematischer, selbst durch Messung kaum zu bestimmender 
Punkt, in dessen grössere oder geringere Nähe der Schenkel- 
kopf verlagert werden soll; von irgend welchen ausnahmsweise 
etwa noch restirenden Rudimenten der Pfanne konnte die Ver- 
anlassung so constanter und exquisiter Erscheinungen ebenso 
wenig vermuthet werden. 

Von einem Einrenkungsgeräusche ist bei der italienischen 
Methode erst dann die Rede, als es sich darum handelte, die 
demselben von mir beigelegte Eedeutung herabzusetzen und wo 
möglich ins Lächerliche zu ziehen. Es müssten ganz besonders 
günstige Fälle gewesen sein, in welchen ich derartige Symptome 

24* 



— 372 — 

hätte produciren können! Dieselben seien auch Paci sehr gut 
bekannt und er habe die Chirurgen oft darauf aufmerksam ge- 
macht, ohne diesen Erscheinungen jedoch eine grössere Bedeutung 
beizulegen als sie verdienen. 

Thatsächlich finden sich in Paci 's Schriften Andeutungen 
über Geräusche, welche bei seinem Tempo der Aussenrollung, 
dann und wann auch während der Streckung beobachtet werden. 
Offenbar sind dies die gewöhnlichen accidentellen Geräusche durch 
Kapselspannung, welche namentlich bei Rollungen, sowie bei 
brüsken Bewegungen überhaupt, sehr häufig auftreten. 

Dass Paci thatsächlich keine Ahnung und keine Vorstellung 
von jenen Repositionsphänomenen hat, welche ich meine, geht 
klar aus seiner Argumentation gegen dieselben hervor: „Dieselben 
seien schon deshalb unmöglich, weil so charakteristische Ein- 
renkungserscheinungen wie bei der traumatischen Luxation, bei 
der congenitalen Verrenkung überhaupt nicht auftreten könnten! 
Dazu komme noch, dass Lorenz behauptet, man höre dieses 
Geräusch bei der Abduction. während doch bei dieser Bewegung 
der Kopf gar nicht in die Pfanne eintreten kann." 

Die Einrenkungserschütterung aber — eine Erscheinung, 
deren unerwartetes Eintreten bei sehr schwieriger Reposition in 
dem Operateur das momentane Angstgefühl erweckt, er habe 
eine Fractur erzeugt — eine Erscheinung, die in anderen Fällen 
wieder ganz schwach und nur für den Operateur und seine 
allernächste Umgebung percipirbar. dafür aber um so charak- 
teristischer und von absoluter Gonstanz ist — eine solche 
sinnenfällige Erscheinung ist der italienischen Methode ganz und 
gar unbekannt. Dies kann auch gar nicht anders sein, denn die 
physikalischen Einrenkungsphänomene können erst durch Gelenks- 
excursionen ausgelöst werden, welche der italienischen Methode 
unzugänglich sind. 

Als M. Motta in Turin noch Anhänger der italienischen 
Methode war, berichtete er von der Operation an einem 12jährigen 
Mädchen mit 7 bis 8 Centimeter Beinverkürzung, bei welcher Ein- 
renkungsgeräusche vorhanden gewesen sein sollen. Wenn man 
erwägt, dass diese Operation ohne jede Vorbereitung unternommen 
wurde, dass die Verkürzung 7 bis 8 Centimeter betrug und dass 
das Kind schon 12 Jahre alt war, können diese Geräusche nur 
accidenteller Natur gewesen sein, denn unter solchen Verhält- 



— 373 - 

nissen gelingt die Einrenkung im Sinne der Wiener Methode 
überhaupt nicht mehr. Auch die Mehrzahl der von Paci publi- 
cirten Fälle stand schon jenseits der Altersgrenze, ausser- 
halb welcher eine wahre Reposition gar nicht mehr mög- 
lich ist. 

Der Vorwurf, ich hätte die Bedeutung der Einrenkungs- 
phänomene überschätzt, fällt in sich selbst zusammen, wenn man 
erwägt, dass dieselben das Gelingen der Reposition mit zweifel- 
loser Sicherheit anzeigen und dass dieses Gelingen die Vor- 
bedingung und einzig rationelle Grundlage der weiteren mechani- 
schen Behandlung bildet, denn ohne Reposition gibt es keine 
Retention. 

Dass die italienische Methode eine Reposition in meinem 
Sinne nicht nur nicht zu Stande bringen kann, sondern dass 
sich dieselbe ein solches Ziel überhaupt gar nicht stecken 
konnte, geht auch klar aus ihrer Beurtheilung der Hindernisse 
hervor, welche sich der Reposition entgegen stellen. 

Während die verkürzten Adductoren der italienischen Methode 
ein unüberwindliches Hindernis bieten, an welchem jede Be- 
mühung scheitert, käme die Kapsel als Repositionshindernis 
so gut wie gar nicht in Betracht, da jene Partien derselben, 
welche bei der Reposition zwischen Schenkelkopf und Pfannen- 
stelle eingeklemmt, respective interponirt würden, durch den 
Druck des Schenkelkopfes der Resorption anheimfallen und zur 
Bildung einer Nearthrose beitragen sollen. 

Die Wiener Methode lässt den Repositionshindernissen eine 
ganz entgegengesetzte Würdigung zutheil werden. Die Adductoren 
zählen unter diesen Hindernissen so gut wie gar nicht, da sie durch 
Myorhexis eliminirt werden. Hingegen findet die Wiener Methode 
(ausser etwa in einer allzu grossen und unnachgiebigen Verkür- 
zung der Längsmuskeln) ihr sozusagen einziges Hindernis 
und ihre absolute Grenze in der Verdickung, Verengerung und 
Unnachgiebigkeit des Kapselschlauches (vgl. S. 55). Eine Inter- 
position oder gar eine Zusammendrehung oder Torsion des 
Kapselschlauches zwischen Kopf und Darmbein und ein durch 
nachträgliche Resorption (!) der interponirten Theile erhoffter 
Contact der Gelenkskörper kommt in dem Calcul der Wiener 
Methode nicht nur nicht vor, sondern die Kapselinterposition 
wird als etwas mit dem Regriffe der Reposition, d. h. des 



— 374 — 

unmittelbaren Contactes des Schenkelkopfes mit dem Pfannen- 
boden direct Unvereinbares betrachtet. 

An dem Kapselwiderstande, namentlich an der sanduhr- 
förmigen Verengerung des Kapselschlauches findet die Wiener 
Methode ihre unüberschreitbare Grenze. Gibt die Kapsel nicht 
mehr genügend nach und lässt sie den Kopf nicht mehr passiren, 
so ist jede Möglichkeit der Reposition auf unblutigem Wege aus- 
geschlossen. An diesem Hindernisse scheitert jede unblutige 
Methode. Hier beginnt die unbestrittene Herrschaft des chirurgi- 
schen Messers, welches durch Spaltung des Kapselschlauches das 
Repositionshindernis leicht beseitigt. 

Zur Kennzeichnung der allgemeinen Charakteristik der beiden 
Repositionsmethoden sei noch angeführt, dass sich die italienische 
Methode der Narkose eigentlich mehr mit Rücksicht auf den 
Operateur als mit Rücksicht auf den Patienten bedient; ihre 
Tempi sind ein so harmloses Verfahren, dass man der Narkose 
auch entrathen kann; dieselben können auch experimenti causa 
vorgenommen werden, um den erreichbaren Vortheil zu prüfen 
und den Patienten und seine Familie durch den Augenschein 
zu der definitiven Cur zu ermuthigen. Nur während des dritten 
Tempo (Aussenrollung) entstehe zuweilen ein lebhafter Schmerz 
in der Hinterbacke. 

Man muss dabei immer vor Augen haben, dass die Fälle, 
von welchen Paci berichtet, in ihrer übergrossen Mehrzahl der 
unblutigen Reposition im Sinne der Wiener Methode bereits 
entwachsen waren. 

Im Gegensatze zu dieser spielenden Leichtigkeit ist die 
Reposition nach der Wiener Methode schon bei Kindern, welche 
der Altersgrenze auch nur nahe stehen und häufig genug sogar 
bei noch jüngeren Kindern ein Unternehmen, welches an die 
physischen Kräfte des Operateurs die höchsten Anforderungen 
stellt. Oft genug reichen seine Kräfte zur Bewältigung der Hinder- 
nisse gar nicht hin. Alle Operateure wissen von diesen leider 
recht häufigen Schwierigkeiten zu erzählen und die Zeugen 
meiner Demonstration in Moskau haben Gelegenheit gehabt, sich 
ein Urtheil darüber zu bilden, eine wie schwierige und zeit- 
raubende Arbeit die Reposition erfordert und wie viel Schweiss 
an ihr klebt. Ohne Narkose ist eine Reposition überhaupt nicht 
denkbar, wenn man etwa von Subluxationsfällen bei ganz kleinen 



— Ö(D — 

Kindern absieht. Die Erfahrungen gelegentlich der operativen 
Reposition haben gezeigt, dass es sogar einer tiefen Narkose 
bedarf, um die Reposition selbst nach ausgeschaltetem Kapsel- 
widerstande zu vollenden. Die leichteste Anspannung der Muskulatur 
bei oberflächlicher Ghloroformirung macht die Reposition oft 
genug unmöglich; um wie viel mehr muss dies für die unblutige 
Reposition bei intacter Gelenkskapsel gelten. 

Was die italienische Methode so leicht und spielend, even- 
tuell sogar ohne Narkose, die Wiener Methode trotz ihrer vielen 
Behelfe so schwierig und mühsam erreicht, kann offenbar nicht 
dasselbe sein. 

Ist die Reposition gelungen, so wird dieselbe nach den 
Vorschriften der Wiener Methode zunächst auf ihre Stabilität ge- 
prüft, d. h. es wird jene günstigste Stellung eruirt, bei welcher 
die Reluxation nach hinten wieder eintritt. Dieses Ereignis ist 
mit derselben Präcision festzustellen wie die Reposition selbst. 
Dabei zeigt sich, dass die Reposition so gut wie niemals mit 
einer indifferenten Streckstellung des eingerenkten Beines ver- 
träglich ist; die Reluxation erfolgt in der Regel schon dann, 
wenn die zur Einrenkung nothwendig gewesene extreme Abductions- 
stellung des Beines auch nur um ein Weniges verringert wird. 
Der Fortbestand der Reposition ist also mit seltenen Ausnahmen 
zunächst an eine mehr weniger hochgradige, meist ultraphysio- 
logische Abductionsstellung des Beines gebunden. 

Die italienische Methode hingegen stellt an die Stabilität 
ihrer Reposition Anforderungen, aus denen klar hervorgeht, dass 
das erreichte Resultat nichts weniger als eine Einrenkung im 
Sinne der Wiener Methode ist. Diese sogenannte Reposition 
verträgt sich nämlich sofort mit einer nahezu indifferenten 
Stellung des Beines. 

Während wir nach sorgfältiger Prüfung des Abductionsgrades, 
bei welchem das Verbleiben des Schenkelkopfes auf dem Pfannen- 
boden gesichert erscheint, diese Stellung durch einen exacten 
Verband fixiren, wird die Stabilität der Reposition nach der 
italienischen Methode der Feuerprobe des Gehens unterworfen. 
Der Patient hat als einzige Vorsichtsmaassregel lediglich die 
Aussenrollung des Beines zu erhalten. 

So stabil ist unsere Reposition allerdings nicht. Es ist 
eben zweierlei, ob der Schenkelkopf durch die Tempi 



— 376 — 

der italienischen Methode gegen die Pfanne heran- 
geschraubt und im besten Falle gegen die hintere 
Böschung des Pfannenrandes angestemmt, oder ob der- 
selbe durch das modellirende Redressement der Wiener 
Methode auf den Pfannenboden relocirt wurde. 

Diese Lage muss naturgemäss eine labile* sein und vorerst 
an die Beibehaltung einer mehr weniger hochgradigen Abduction 
gebunden bleiben. 

In seiner vollen Schärfe tritt der Gegensatz zwischen den 
beiden Verfahren in der Bestimmung der Altersgrenze hervor, 
innerhalb welcher dieselben anwendbar sind. 

Für die italienische Methode existirt eine solche 
Altersgrenze überhaupt nicht. Die Erreichung ihres Zieles 
wird höchstens durch den Grad der Muskelverkürzungen, nament- 
lich durch den Widerstand der Adductoren vereitelt. Das Alter 
spielt dabei gar keine, oder doch nur eine sehr untergeordnete 
Rolle. 

Das Alter der 1886 bis 1891 von Paci selbst behandelten 
Kinder war 6, 7, 9, 9, 16, 10, 11, S\/ 2 , 8, 10, 11, 10, 12 Jahre; 
ferner 14 Fälle von 13, 14, 8 1 / 2 bis 10 Jahren. Auch bei einer 
21jährigen Patientin ging die Operation glatt von Statten. 

Der einzige 6jährige Fall, der hier interessirt hätte und 
bei welchem ein schönes Resultat erreicht wurde, war gar keine 
congenitale Luxation — sondern eine Destructionsluxation nach 
Coxitis. Der 7jährige Fall betraf eine doppelseitige Luxation, 
stand also schon an der Altersgrenze, alle anderen waren schon 
jenseits derselben. Ja es wird sogar Gewicht darauf gelegt, die 
Operation lieber an älteren, intellectuell schon entwickelten 
Kindern vorzunehmen (Nota). 

Auf den Vorzug, an die Altersgrenzen nicht gebunden zu 
sein, muss die Wiener Methode vollkommen Verzicht leisten! 
Alle Bemühungen, die ihr durch das Alter der Patienten gezogene 
Machtsphäre zu erweitern, haben zu Enttäuschungen, ja zu 
Unglücksfällen geführt, und man wird immer sicherer gehen, die 
aus der Unfallsstatistik abstrahirte Altersgrenze eher als zu hoch 
denn als zu niedrig gegriffen zu betrachten. 

Allen bisherigen Einwendungen wird von Paci das „pezzo 
anatomo-patologico" als Gegenbeweis vorgehalten und dieser 
wurde ohne jede Prüfung von vielen Seiten als vollgiltig betrachtet. 



— 377 — 

Ein 7jähriges Kind mit doppelseitiger Luxation wurde von Nota 
nach der italienischen Methode beiderseits operirt. verstarb 
während der Nachbehandlung 4 Monate später an Diphtheritis 
und lieferte das berühmte Präparat. 

Nota beschreibt die Einrenkung mit grosser Präcision, er- 
wähnt auch das Einschnappen der Schenkelköpfe und ich glaube, 
dass in diesem Falle als unmittelbares Resultat der Manöver 
thatsächlich eine wahre Reposition erreicht wurde. An dem 
Präparate fanden sich zwei neugebildete Pfannen von 12 Milli- 
meter Tiefe; die linksseitige fand sich unterhalb der Spin. ant. 
inf. nach innen von der Senkrechten, welche von dem vorderen 
unteren Dorn nach abwärts gefällt wird; die rechtsseitige Pfanne 
lag hingegen zu einem guten Theile ausserhalb der genannten 
Senkrechten. 

Nach dem Augenmaasse zu urlheilen, könnte die linke 
Nearthrose als richtig situirt, die rechte als zu weit nach rück- 
wärts gelegen bezeichnet werden. Zur Feststellung der richtigen 
Situirung genügt jedoch das Augenmaass keineswegs. Auch das 
Verhältnis der Nearthrose zu der von der Spin. ant. inf. nach 
abwärts gefällten Senkrechten kann die Lagebeziehung des neu- 
gebildeten Gelenkes zu dem Boden der rudimentären Pfanne 
nicht genau genug angeben. Uebrigens ist es nicht richtig, dass 
die normale Pfanne ganz nach innen von dieser Senkrechten 
liegt. Die oberflächlichste Betrachtung belehrt darüber, dass die 
normale Pfanne zum mindesten mit ihrem lateralen Dritttheile 
die genannte Senkrechte nach aussen überragt. 

Um das Lageverhältnis der Pfannennearthrosen genau zu 
bestimmen, wäre es unbedingt nothwendig gewesen, die topo- 
graphische Beziehung derselben zu dem Y-Knorpel des Bodens 
der rudimentären Pfanne, respective das Lageverhältnis der 
Schenkelköpfe zum Fugenkreuze anzugeben. Eine solche An- 
gabe wird in der Paci'schen Beschreibung vollständig 
vermisst. Indessen lässt sich aus der Beschaffenheit des hinteren 
Randes der Nearthrosen ein Schluss auf das Lageverhältnis der- 
selben zu den rudimentären Pfannenböden ziehen. 

Der hintere Pfannenrand ist nämlich unter allen Umständen 
der besterhaltene Theil der atrophischen Pfanne. Seine knöcherne 
Grundlage trägt eine hyaline Knorpelkrönung und einen, bei 
jüngeren Kindern noch ganz gut erhaltenen Limbus cartilagineus. 



— 378 — 

Was an dem Präparate den hinteren Pfannenrand vorstellt, ist 
eine vollständig weiche, nachgiebige, elastisch -fibröse Umwallung, 
welche sowohl den hyalinen Knorpel als seine knöcherne Grund- 
lage vollständig vermissen lässt.. Eine actinographische Durch- 
leuchtung dieses Nearthrosenrandes hätte unter solchen Um- 
ständen die vollständige Wesenlosigkeit desselben aufgedeckt und 
das gänzliche Fehlen jenes knöchernen Stützdaches des Schenkel- 
kopfes ergeben müssen, dessen Grundlage die „crete iliaque" 
darstellt- Dieser rein fibröse hintere Rand der Nearthrose ist 
eben nichts weiter als die Hinterkapsel, welche den zwischen 
Schenkelkopf und Darmbein interponirten und zusammen- 
gepressten Kapselantheil wulstförmig umgibt. Dass dieser 
Kapselwulst dereinst verknöchern würde, ist eine Hoffnung, 
für deren spätere Erfüllung sich an dem Präparate selbst 
unter dem Mikroskope nicht die leisesten Anzeichen finden 
liessen. Voraussichtlich würde sich diese Hoffnung auch 
nicht erfüllt haben und das factische Schlussresultat selbst 
dieser anscheinend gelungenen Reposition wäre illusorisch 
gewesen. 

Aas dem Präparate geht aber auch mit zweifelloser Sicher- 
heit hervor, dass das zu erwartende Behandlungsresultat mit 
Beziehung auf eines der wichtigsten Postulate der Therapie voll- 
ständig im Stiche gelassen hätte. Ich meine damit das Neigungs- 
verhältnis des Beckens zu den Oberschenkeln. Paci scheint 
dieser wichtigen Frage nur eine ganz nebensächliche Bedeutung 
beizulegen und erwähnt dieselbe lediglich als theoretisch inter- 
essant. Die Gonjugata vera hat an dem Präparate ihren voll- 
ständigen Parallelismus mit den Achsen der Oberschenkel bei- 
behalten, das Becken ist also maximal geneigt geblieben. Diese 
wichtige Gonstatirung erhellt aus der folgenden von Paci ge- 
gebenen Beschreibung: „Si segnala pur anco allo studio il 
parallelismo quasi perfetto fra la coniugata vera e Tasse dei 
femori, per quanto sia dato, rilevari clagli attuali rapporti del 
pezzo scheletrico. II quäle parallelismo si risolverebbe, nella 
posizione eretta in una spiccata inclinazione del bacino, 
sieche il piano clello stretto superiore verrebbe ad avvicinarsi 
sensibilmente alla verticale. 

Da questo punto di vista il bacino conserverebbe 
quindi una delle caratteristique piü salienti, deter- 



— 379 — 

minata per solito dalla doppia lussazione congenita, e. 
cioe. l'inclinazione esagerata. 

Nach dieser von Paci selbst gemachten Gonstatirung hat 
die Deformität der hochgradigen, pathologischen Lordose auch 
nach der Reposition fortbestanden. Das bedeutet nach jenem 
Maassstabe gemessen, welchen die Wiener Methode an ihre 
eigenen Resultate anlegt, einen completen Misserfolg in cosme- 
tischer Beziehung und illustrirt die Thatsache. class die Be- 
handlung nicht im Stande war, die vorliegende hintere Luxation 
eines ihrer wichtigsten und auffallendsten Merkmale — der 
pathologischen Lordose und der davon abhängigen Deformirung 
des Gesammtrumpfes — zu entkleiden. 

Es ist dies zugleich ein weiterer indirecter Beweis für die 
Behauptung, dass die Nearthrosen dem Pfannenboden nicht ge- 
nügend genau entsprachen, und jedenfalls zu weit nach rück- 
wärts gelegen waren; anderenfalls hätte die Lordose vollständig 
verschwunden sein müssen. 

Wenn es der Wiener Methode in einem concreten Falle 
nicht geglückt sein sollte, den eingerenkten Schenkelkopf con- 
centrisch in der Pfanne zu erhalten, so leistet sie unter allen 
Umständen doch das eine, den Schenkelkopf über den hinteren 
.Pfannenrand genügend weit nach vorne zu verlagern. Verschieben 
sich die Schenkelköpfe, wie dies gerade bei doppelseitiger Ver- 
renkung häufig ist, nachträglich etwas nach oben, so erzielt die 
Wiener Methode in einem solchen Falle, den sie übrigens unter 
ihre anatomischen Misserfolge registrirt, doch wenigstens eine 
vollständige Wiederherstellung der normalen Gestalt, garantirt 
also ein vollständiges Verschwinden der pathologischen 
Lordose. Nach einer Reposition im Sinne der Wiener Methode 
darf es keine pathologische Lordose mehr geben, mag der 
Schlusseffect der Behandlung nun eine mehr weniger vollständige 
Restitution der anatomischen Gelenksverhältnisse darstellen oder 
mag eine vordere Reluxation nach oben aus der ursprünglichen 
Reposition hervorgegangen sein. Das Fortbestehen der pathologi- 
schen Lordose müsste als sicherer Beweis einer Reluxation nach 
hinten gelten und einen solchen Fall unter die absoluten Miss- 
erfolge einreihen. 

Nach dieser beiderseitigen Vergleichung der Repositions- 
technik. ihrer Ziele und ihrer unmittelbaren Erfolge wenden wir 



— 380 - 

uns der Betrachtung der Nachbehandlung zu. Diese letztere stellt, 
genau so wie die Reposition, in der italienischen Methode eine 
unveränderliche Schablone vor, welche lautet: Bettruhe und 
Extension. Die Ruhe und die horizontale Lagerung des Rumpfes 
seien die Mittel, um die Lordose der Lende und die Rotation 
des Beckens zu corrigiren (!). während der Extension die Auf- 
gabe zufällt, die Muskelspannung zu verhüten, um die vortheil- 
hafte Stellung (!) des Schenkelkopfes nicht zu gefährden. Wohl 
aber könne sich der Patient durch 3 Monate frei im Bette be- 
wegen (!), d. h. er könne und solle sich nach Belieben im Bette 
aufsetzen, damit durch die hierbei erfolgende Reibung des Beckens 
gegen den fixirten Schenkelkopf ein functioneller Reiz (!) aus- 
geübt und die Bildung einer Nearthrose unterstützt werde. Erst 
nach Ablauf eines Jahres darf der Patient frei umhergehen. 

Die Nachbehandlung der Wiener Methode besteht darin. 
dass der Schenkel in jener, fallweise verschiedenen, meist ultra- 
physiologischen Primärstellung fixirt wird, welche eine hintere 
Reluxation des Kopfes mit Sicherheit verhütet, und dass 
der Patient sobald als möglich und so viel als möglich auf 
seinen Beinen ist. Bezüglich der Primärstellung gibt es keine 
Schablone, denn dieselbe variirt zwischen der Gelenksmittellage 
und der extremsten ultra-physiologischen Gelenksstellimg, je 
nachdem die anatomischen Verhältnisse es erfordern. D i e 
Nachbehandlung ist also eine ambulatorische Be- 
lastungsbehandlung und als solche das diametrale 
Gegentheil der Extensionsbehandlung im Bette. Gegen- 
über dem Functionsreize der Belastung des Pfannenbodens mit 
dem Körpergewichte wird die Reibung des Schenkelkopfes gegen 
das Becken beim Aufsitzen des Patienten im Bette, von welcher 
Reibung die italienische Methode ihr Heil erwartet, zu einer 
blossen Caricatur der Function. Die Wiener Methode fürchtet 
die in Folge der Einrenkung entstandene Muskelspannung durch- 
aus nicht, sondern erblickt in derselben ganz im Gegentheile ein 
neues und wichtiges Belastungsmoment des Pfannenbodens; sie 
corrigirt die pathologische Lordose nicht durch Horizontallage 
des Patienten im Bette und betrachtet die Idee einer dauerhaften 
Correctur der Lordose auf diesem Wege als eine Naivetät 
sondergleiche.ii; vielmehr fasst sie die statische Ursache dieser 
Deformität an der Wurzel. Mit jener Sicherheit, welche aus der 



— 381 — 

statischen Notwendigkeit resultirt, comgirt sie dieselbe ebenso 
vollständig als dauerhaft mittelst correcter Reposition und tempo- 
rärer Ueberstreckung der reponirten Gelenke. 

Im Verlaufe etwa eines Jahres corrigirt die Wiener Methode 
die extreme Primärstellung nach Maassgabe der erreichten Sta- 
bilitätsvermehrung der Reposition unter wiederholter Gontrole 
derselben mittelst Durchleuchtung und überführt dieselbe etappen- 
weise in die Gelenksmittellage (geringe Beugung und leichte 
Abduction); also auch hier fehlt jede Schablone. 

Uebrigens wurde diese nachträgliche, etappenweise Stellungs- 
correctur von Paci vollkommen irrthümmlich aufgefasst, da er 
meinte, ich führe das letzte seiner Tempi, nämlich die Streckung 
etappenweise aus, um dadurch einen künstlichen Unterschied 
zwischen den beiden Methoden zu schaffen. Er hat dabei voll- 
ständig übersehen, dass die extreme Primärstellung der Wiener 
Methode nicht nur durch volle Streckung, sondern häufig sogar 
durch Ueberstreckung gekennzeichnet ist, dass also die etappen- 
weise Stellungscorrectur sich vernünftigerweise nicht auf die 
Streckung, sondern auf die primär fixirte, mehr weniger hoch- 
gradige, jedenfalls ultra-physiologische Abduction bezieht. Ein 
so grobes Missverständnis wäre bei einiger Aufmerksamkeit leicht 
zu vermeiden gewesen. 

Aus dem Gesagten geht unzweifelhaft hervor, dass die 
Nachbehandlung beider Methoden nicht die geringste 
Aehnlichkeit, sondern lediglich diametrale Gegensätze- 
bietet. 

Wenden wir uns den Resultaten zu. so finden wir auch 
diese bei beiden Methoden grundverschieden. 

Die Wiener Methode erzielt im Falle des Gelingens der 
Retention wirkliche anatomische und radicale Heilungen durch 
Ausgestaltung des Pfannenbodens und der Pfannenränder auf 
dem Wege der functionellen Belastung der rudimentären Pfanne 
mit dem Körpergewichte. Solche Heilungen sind von allen Seiten 
constatirt und sowohl klinisch als actinographisch bewiesen. Dass 
solche Idealheilungen nicht immer erreichbar sind, liegt in der 
Natur der Sache. Dass sie in Zukunft öfter als bisher werden 
erreicht werden, dafür bürgt die weitere Entwickelung der 
Retentionstechnik. Solche Resultate sind der italienischen Me- 
thode, welche sich von vorneherein mit Xearthrosen in mög- 



— 382 - 

lichster Pfannennähe zufrieden gibt, nicht nur völlig unbekannt, 
sondern werden für gänzlich unmöglich geholten. 

Aber auch in jenen Fällen, in welchen die Retention des 
reponirten Schenkelkopfes auf dem Pfannenboden misslingt und 
als Schlussresultat der Behandlung eine vordere Reluxation nach 
oben resultirt, ist dieses mangelhafte Resultat, welches die Wiener 
Methode unter ihre anatomischen Misserfolge einreiht, dem 
gelungensten Erfolge der italienischen Methode immer noch weit 
überlegen. Wenn es misslingt, die rudimentäre Pfanne zu reacti- 
viren, so muss der für den reluxirten Schenkelkopf zu schaffende 
neue Stützpunkt am Becken unter allen Umständen wenigstens 
an der vorderen Fläche des Beckens, respective an der vorderen 
Fläche der Darmbeinkante gelegen sein. Dorthin kann derselbe 
nur auf dem Wege der Reluxation, d. h. auf dem Wege über 
die Pfanne gelangen. Nur in jener Stellung, welche der vorderen 
Reluxation nach oben entspricht, findet der Schenkelkopf die 
präformirte knöcherne Stützung, da das knöcherne Dach der 
vorderen Darmbeinkante als Pfannendach in Anspruch genommen 
wird. Im Falle der vorderen Reluxation nach oben ist also die 
Nearthrose nicht ausschliesslich auf Knochenneubildung angewiesen. 
da das Widerlager der vorderen Darmbeinkante schon vorhanden 
ist. Wenn also die Wiener Methode im Falle des Missglückens 
der Retention auf eine Nearthrose in möglichster Nähe der 
rudimentären Pfanne angewiesen ist, so liegt diese Nearthrose 
nicht in einer vagen und unbestimmten Nachbarschaft derselben, 
sondern ihre Lage ist genau präcisirt. Wenn die Nearthrose 
überhaupt noch ein brauchbares anatomisches Resultat vorstellen 
soll, so muss dieselbe ganz entschieden an der vorderen Becken- 
fläche, am oberen Pfannenrande, auf der Spin. ant. inf. oder selbst 
noch etwas höher oben unter der Spin. ant. sup. (also subspinal), 
dabei aber immer noch etwas innerhalb der genannten Punkte 
gelegen sein. Läge der Schenkelkopf nicht ganz präcise an der 
vorderen Beckenwand, sondern schon mehr an der äusseren 
Darmbeinfläche, also nach aussen von der Spina, wäre also die 
Leistengegend nicht prominent und hart, sondern flach und ein- 
drückbar, so wird das Resaltat schon als ein sehr zweifelhaftes, 
wenn nicht als ein vollständiger Misserfolg zu gelten haben, 
der sich auch deutlich genug durch die mangelhafte Function 
verräth. 



- 383 — 

Da die italienische Methode den Schenkelkopf auf keinen 
Fall so weit nach vorne bringt, dass derselbe den hinteren 
Pfannenrand passiren könnte, so kann die erreichte Schlussstellung 
weder einer Reposition, noch einer vorderen Reluxation nach 
oben entsprechen. Der Schenkelkopf wird also niemals die vordere 
Fläche des Beckens in genügendem Maasse erreichen können, 
sondern immer mehr an der Seitenfläche desselben bleiben und 
die Fixirung einer solchen Schlussstellung durch eine Nearthrose 
wird ganz und gar auf Knochenneubildung angewiesen sein, 
da sich nach rückwärts von dem hinteren Pfannenrande eine 
präformirte knöcherne Stützung nicht findet. 

Das volle anatomische Resultat der Wiener Methode ist 
also die Reactivirung und Restitution der rudimentären Pfanne: 
das missglückte anatomische Resultat ist eine vordere Reluxation 
nach oben, also ein Surrogat. 

Der volle Erfolg der italienischen Methode ist von vorne- 
herein eine Nearthrose in möglichster Pfannennähe, also unter 
allen Umständen ein Surrogat; aber dieses Surrogat ist 
gegenüber der vorderen Reluxation nach oben als minderwertig 
zu bezeichnen, da die erreichte Nearthrose der wichtigsten 
statischen Forderung, nämlich der Unterstützung der vorderen 
Fläche des Beckens, nicht in genügender Weise Rechnung 
trägt. 

Wenn aus diesem Vergleiche der beiden Methoden 
einResume gezogen wird, so finden sich neben bedingter, 
oberflächlicher Aehnlichkeit (Beugung) durchgreifende 
Unterschiede der Operationstechnik, sowohl was den 
Grad (ultra-physiologische Bewegungen) als auch was die Art 
der ausgeführten Bewegungen anbelangt (Einwärtsrollung. 
Ueb erstreckung), während der zweite Theil der Methode, 
nämlich die Retention durchaus diametrale Gegen- 
sätze bietet. Auf vollständig verschiedener anatomischer 
Basis aufgebaut, verfolgen die beiden Methoden prin- 
cipiell verschiedene Ziele und erreichen verschiedene 
Resultate. Zwischen beiden Methoden bestehen also nur 
die Beziehungen der Gegensätze. 

Der ungeheuerliche Vorwurf eines Plagiat kann demnach 
nur durch eine vollständige Unkenntnis der Wesenheit beider 
Methoden erklärt, wenn auch nicht entschuldigt werden. 



— 384 — 

Trotzdem hat Dreh mann den Vorschlag gemacht, der 
Lorenz'schen Methode der unblutigen Reposition den Namen 
Paci's voraus zu setzen, da Paci unbedingte Prioritätsrechte 
habe, indem er als erster ein Verfahren angab, mit welchem 
in einer Sitzung eine unblutige Einrenkung möglich ist, „und 
zwar ohne präparatorische Extension". 

Wenn jemandem die Priorität einer thatsächlichen Reposition 
der congenitalen Hüftverrenkung in meinem Sinne auf unblutigem 
Wege zukommt, so ist dies zweifellos Pravaz, aus dessen Schriften 
mit Sicherheit hervorgeht, dass ihm die Reposition, wenn auch 
mittelst eines langsamen Verfahrens, so doch thatsächlich gelungen 
ist. Im Vergleiche zu der Etappe, bis zu welcher Pravaz 
auf seinem Wege zum Ziele vorgedrungen war, stellt 
diePaci'scheMethode einen entschiedenen Rückschritt vor. 

Was die Priorität Paci's anbelangt, die unblutige Reposition 
in einer Sitzung versucht zu haben, so theilt er dieses Verdienst 
mit Humbert - Jacquier, als ältesten, und Post (Boston), 
Noble-Smith und speciell mit Brodhurst als jüngeren Vor- 
gängern. Versucht wurde das Problem gar oft — der Ge- 
danke lag auch zu nahe — aber gelungen ist es Paci ebenso 
wenig, wie seinen Vorgängern. Dass die italienische Methode 
im Stande sein sollte, namentlich bei einigermassen älteren 
Kindern, für welche sie von ihrem Autor ja vornehmlich empfohlen 
wurde, Repositionen in jenem Sinne zu erreichen, wie die Wiener 
Methode innerhalb ihrer Machtsphäre, das glaubt Herr Dreh- 
mann und Herr v. Mikulicz gewiss selber nicht: Was die Ein- 
renkung „mit oder ohne" präparatorische Extension anbelangt, 
so ist dies für das Wesen meiner Methode vollkommen belang- 
los; denn niemand wird von dieser Maassregel in Fällen Gebrauch 
machen, in denen dieselbe überflüssig ist und niemand wird 
vernünftigerweise auf die hierdurch gebotene Erleichterung in 
den Fällen von grösserer Verkürzung verzichten wollen. 

Ich erhebe daher Protest gegen dieses willkürliche 
Zusammenschweissen zweier Methoden, welche durch 
strenge Gegensätze voneinander getrennt sind. 

Der Vorzug der italienischen Methode, um 10 Jahre älter 
zu sein als die meinige, wird zu einem höchst fraglichen, wenn 
man die Leistungen betrachtet, welche dieselbe während der Zeit 
ihres Schaffens hinter sich gebracht hat. Wie gering ist die Anzahl 



- 385 — 

der Fälle, in welchen der Autor selbst Gelegenheit hatte, sein 
Verfahren anzuwenden! Nicht ein einziges Actinogramm liegt 
vor, welches beweisen würde, dass auch nur die Reposition im 
Sinne der Wiener Methode gelungen wäre, geschweige denn, dass 
auch nur ein einzigesmal das definitive Verbleiben des ein- 
gerenkten Schenkelkopfes auf dem Pfannenboden und die zu- 
gehörige radicale Heilung nachgewiesen worden wäre. Im Jahre 1 896 
hatPaci versprochen, den actin ographischen Nachweis für seine 
Behauptungen zu erbringen, aber bis zum heutigen Tage liegt 
überhaupt noch kein Röntgenbild vor. Wenn die Methode so 
glänzende Resultate ergeben hat, wie kommt es, dass Paci in 
.12 Jahren nicht einmal über 50 Fälle berichten konnte? In jeder 
Mutter, welche ihm die Heilung ihres Kindes zu verdanken hatte, 
müsste er ja einen Apostel seiner Methode gewonnen haben! 
Und doch hat dieselbe nicht einmal in ihrem Vaterlande festen 
Fuss fassen können. 

Ich habe die Mühe dieser Darlegungen nicht gescheut, um 
clarzuthun, dass meine Methode mit jener Paci's kaum 
etwas Aeusserliches, sicher aber nichts Innerliches ge- 
meinsam hat und mein unbestrittenes geistiges Eigen- 
thum ist, das ich gegen jedermann zu schützen wissen 
werde. 

Die Idee zu meiner unblutigen Methode reifte an den zahl- 
reichen, bei der blutigen Reposition gemachten Erfahrungen 
langsam heran. An 200 solcher Operationen hatte ich ausgeführt, 
als ich die ersten Versuche machte, den Schenkelkopf auf un- 
blutigem Wege, also bei intacter Kapsel auf den Pfannenboden 
zu reponiren, wohin ich denselben so oft bei eröffnetem Gelenke 
unter Leitung des Auges und der Hand verlagert hatte. Ich 
wusste also sehr genau, was ich wollte, und mein Plan 
war auf sicherer anatomischer Grundlage basirt. Die un- 
mittelbare Anregung zu den unblutigen Versuchen boten jene 
Fälle, bei welchen die Pfanne gut erhalten, bei welchen also 
das Grössenmissverhältnis der Gelenkskörper evident nicht in 
jenem Maasse bestand, welches man als R.egel anzunehmen 
gewohnt war. Durch wiederholte derartige Vorkommnisse 
habe ich mich von der traditionellen Suggestion des abso- 
luten Grössenmissverhältnisses der Gelenkskörper befreit und 
erkannt, dass dieses Grössenmissverhältnis, wenn auch stets 

Lorenz, Hüftverrenkung. 9 - 



— 386 — 

vorhanden, so doch nur ein relatives sei. Am Operations 
tisch wurde festgestellt, dass bei starker, eventuell maximaler 
Abduction auch eine flache und schlecht erhaltene Pfanne dem 
Schenkelkopfe noch einigen Halt zu bieten vermag. Daher war 
es klar, dass das Bein nach der unblutigen Einrenkung des 
Schenkelkopfes in dieser mehr weniger hochgradigen Abduetions- 
stellung zunächst so lange fixirt werden musste, bis der 
Pfannenboden sich dem Schenkelkopfe wenigstens einigermassen 
accomodirt haben würde. AllesWeitere brachte diepraktische 
Erfahrung. 

Allerdings habe ich Paci (1894) in Rom seine unblutige 
Methode ausführen gesehen. Wenn ich dabei etwas hätte lernen 
können, so wäre es höchstens das gewesen, wie man es nicht 
zu machen hat, um eine Reposition zu erreichen. Ich sah Paci 
an einem 6- bis 7jährigen Kinde seine mir wohl bekannten und 
oft genug vergeblich versuchten Tempi ausführen, ohne dass 
das nicht narkotisirte Kind auch nur die geringste Schmerz- 
äusserung laut werden liess, und hörte ihn erklären, nun sei die 
Reposition geschehen. 

Was auf diesem Wege so spielend leicht erreicht worden 
war, mochte eine Stellungsverbesserung sein, aber es war doch 
offenbar keine Reposition des Schenkelkopfes auf den Pfannen- 
boden und konnte dies auch nicht sein. Was mir bei meinen zahl- 
reichen Operationen am offenen Gelenke, also bei ausgeschal- 
tetem Kapsel widerstände, oft genug so schwer und im Schweisse 
des Angesichtes gelungen war, das konnte Paci mit einigen zier- 
lichen Schenkelbewegungen so spielend leicht und noch dazu ohne 
Narkose doch nun und nimmer am intacten Gelenke, also bei 
geschlossener Kapsel, erreichen. Als ich Zeuge dieser Demon- 
stration war, wurde mir nur das eine klar, dass Paci und 
ich auf vollständig verschiedener anatomischer Basis 
standen und ganz differente Ziele vor Augen hatten. 

Meine Methode fusst also durchaus nicht auf den 
Vorarbeiten Paci's, sondern ist vielmehr einzig und 
allein das Resultat der Nutzanwendung der bei den 
blutigen Repositionen gewonnenen anatomischen Er- 
kenntnisse und praktischen Erfahrungen. 

Wie different übrigens die beiden Methoden sind, zeigt sich 
aus dem Umstände, dass meine Methode dort aufhört, wo 



- 387 — 

jene Paci's eigentlich erst beginnt. Wenn die unblutige 
Reposition in meinem Sinne nicht mehr möglich ist, und wenn 
die Reposition mittelst Arthrotomie verweigert wird, dann ist 
die Methode Paci's auch heute noch an ihrem Platze und 
diesen Platz habe ich ihr niemals streitig gemacht. Ebenso 
wenig habe ich jemals bestritten, dass es ab und zu, 
namentlich unter den ganz kleinen Kindern, Fälle geben könne, 
bei welchen durch irgend welche zweckmässigen Manöver, also 
auch durch die Tempi Paci's, eine wirkliche Einrenkung 
zu Stande kommen könne; aber unter gar keinen Umständen 
kann dies bei den der unblutigen Einrenkung überhaupt schon 
völlig entwachsenen Patienten der Fall gewesen sein, an denen 
fast ausschliesslich die italienische Methode geübt wurde; ein 
allfälliges Gelingen einer thatsächlichen Einrenkung 
würde indes zu gar nichts dienlich sein können, denn 
mit jener geringgradigen Abduction, in welcher die 
italienische Methode das eingerenkte Bein sofort fixirt, 
ist der Fortbestand der Reposition kaum jemals ver- 
einbar. 

Von einer Aehnlichkeit, geschweige denn von einer Identität 
der beiden Methoden zu sprechen, konnte überhaupt nur so lange 
möglich bleiben, als man in das Verständnis meiner Methode 
weder eingedrungen war, noch dieselbe praktisch geübt hatte. 

Julius Wolff hatte anfänglich eine Aehnlichkeit, wenn 
nicht Gleichheit der beiden Methoden angenommen; auch Hoffa 
war geneigt, meine Methode nur als eine Modification der italieni- 
schen gelten zu lassen, ohne indes zu bestreiten, dass diese 
Modification eine zweckmässige sei. 

Die praktische Prüfung meiner Methode liess bald einen 
Umschwung dieser Anschauungen eintreten. Es wurde zunächst 
bestätigt, dass. im Gegensatze zur italienischen Methode, das 
Gelingen meiner Reposition an gewisse, nach vielfachen üblen 
Erfahrungen immer enger gezogene Altersgrenzen gebunden sei. 

J. Wolff sagt in seinem ersten Berichte: „Unter 52 Lorenz- 
schen Repositionen sind 48 unter Erzeugung der classischen 
in unzweideutiger Weise fühl- und sichtbaren und zum 
Theile auch hörbaren Einrenkungsphänomene gelungen. 
Nur viermal — bei drei Patienten — ist es nicht möglich gewesen, 
jene Phänomene hervorzubringen, so dass ich mich in diesen 

25* 



— 388 — 

4 Fällen mit der Herstellung der Paci'schen Transposition 
zufrieden geben musste; es handelte sich unter 4 Fällen einmal 
um die rechte Seite einer 8jährigen Patientin mit doppelseitiger, 
einmal um ein lOjähriges Mädchen mit rechtsseitiger und ein- 
mal um beide Seiten eines 14jährigen Mädchens mit doppel- 
seitiger Verrenkung." 

Klarer kann der Unterschied zwischen der Paci'schen 
Stellungsverbesserung und der Lorenz 'sehen Reposition nicht 
zum Ausdrucke gebracht werden. Bei älteren Fällen begnügte sich 
J. Wolff von vorneherein mit der Paci'schen Stellungsverbesse- 
rung, welche übrigens eine wesentliche Verbesserung des Ganges 
der Patienten zu bewerkstelligen vermochte. 

Zum Unterschiede zwischen einer blossen Stellungsverbesse- 
rung des Schenkelkopfes und zwischen der Reposition desselben 
auf den Pfannenboden bemerkt J. Wolff: „Es muss eine Grund- 
verschiedenheit bedingen, ob man den Femurkopf wirklich in 
die ursprüngliche Pfannenvertiefung einrenkt, oder ob man ihn 
bloss in eine tiefere und damit bessere Stellung transponirt hat." 
Auch stimmt J. Wolff mit Lorenz darin überein, „dass die 
von Paci vorgeschriebenen Manipulationen, namentlich 
die nur geringe Abduction des Oberschenkels, unzu- 
reichend sind, um eine Eintreibung des Kopfes in die Pfannen- 
tasche zu erzielen, dass vielmehr zu den sehr energischen 
Maassnahmen, welche die unblutige Einrenkung erfordert, auch 
die sehr forcirte Abduction gehört; auch sei es richtig, 
dass man niemals darüber im Zweifel bleibe, ob die 
wirkliche Reposition des Kopfes in die Pfanne gelungen ist, oder 
nicht, und dass, wenn sie gelungen ist, die Aussichten auf einen 
guten Erfolg des unblutigen Verfahrens erheblich bessere seinmüssen, 
als bei blosser Transposition des Kopfes in grössere Pfannennähe". 
Auch über die Bedeutung einer nachträglichen Reluxation 
des auf den Pfannenboden reponirten Schenkelkopfes hat sich 
J. Wolff sofort klar geäussert: „Ebenso sicher, wie wir sagen 
dürfen, dass beim Verbleiben des Kopfes an der richtigen Stelle 
schliesslich das functionelle Resultat unseres Eingriffes ein sehr 
gutes sein muss, können wir auch sagen, dass bei Reluxation in 
die Paci 'sehe Transpositionsstellung oder gar in eine maximale 
Aussenrotationsstellung des reluxirten Kopfes das functionelle 
Resultat kein ganz vollkommenes werde sein können." 



— 389 — 

Ebenso wie ich, ist auch J. Wölff durch seine Erfahrungen 
zu der Erkenntnis geführt worden, dass das bestehende Grössen- 
missverhältnis der Gelenkskörper bei der angeborenen Hüftver- 
renkung kein absolutes, sondern ein relatives ist. 

Am 28. Congress der deutschen Gesellschaft für Chirurgie 
hat auch A. Hoffa einen durchgreifenden Unterschied zwischen 
der Wiener und der italienischen Methode anerkannt und will 
die letztere — im Gegensatze zu den Angaben ihres Autors 
vornehmlich für die jüngsten Kinder reservirt wissen. 

Seng er (Crefeld) äusserte sich zu der Frage in folgender 
Weise: „Ohne die Verdienste Hoffa 's, Schede's, Mikulicz's 
zu schmälern, ist die Methode Lorenz etwas Neues, dem 
die Zukunft gehört, gänzlich selbstständig Paci gegen- 
über." 

Elliot (Xew-York). ein vollständig objectiver Nachprüfer 
meines Verfahrens, sagt zur Frage der Aehnlichkeit oder Gleich- 
heit der beiden Methoden Folgendes: -I do not well under- 
stand how on unbiassed (unbefangener) mind after care- 
fully studying the two methods can fail to see, that the 
principles of treatment in the two Operations are radi- 
cally different." Und weiter: „Lorenz styles this part of the 
treatment the loading the head of the bone with the body weight. 
together with the reposition, that is. the real entrance of 
the head of the femur into the rudimentary acetabulum 
— as the two chief points in the Operation decidedly original 
with him. — thus it is called the „functional weighting method" 
and this is its essential and vital distinction from the forcible 
correction of Paci, with which it is offen confounded." 

Bezüglich des zur Reposition als auch zur Retention noth- 
wendigen Abductionsgrades macht Elliot folgende Bemerkung: 
„As has been pointet out a reposition is absolutely impos- 
sible at the slight degree of abduction, viz, fifteen centimetres. 
that Paci makes. Any one who will raake a true reposition 
can satisfy himself on this point. After a reposition, requiring, 
as it does usually, an abduction of about ninety degrees, a redis- 
location occurs long before the thigh reaches the fifteen 
centimetres limit of Paci." — It is complet reposition 
or nothing. Not resulting thus. the Operation is a 
failure." 



— 390 — 

Auch auf die Frage, ob die Wiener Methode ihre Anregung 
in der italienischen Methode gefunden habe, hat sich Elliot eine 
Meinung gebildet, die mir zwar nicht die ganze, aber doch 
wenigstens, einige Gerechtigkeit widerfahren lässt. Elliot sagt: 
_I am not prepared to deny that Paci's demonstration at the 
Roman congress in 1894 may not have set Lorenz thinking. 
but I feel quite positive, that the numerous bloody Operations 
that Lorenz has performed (two hundred and thirty op to 
Sept. 25. — 1896) so thoroghly familiarized him with the patho- 
logical fmdings, that he was led to attempt a true reposition. 
the result being the complete treatment, that he has given us.'' 

Coudray unterscheidet die Methoden, wenigstens was die 
Retention anbelangt, strenge voneinander und sagt: „Lorenz a 
preconise une methode de reduction non sanglante qui presente 
une certaine analogie, en tant que manoevres, avec celle de 
Paci. mais qui en differe completement pour la suite 
du traitement. En effet, au lieu de maintenir au lit pendant 
de longs mois les malades avec l'extension continue, comme le 
fait Paci, Lorenz place lemembre en forte abduction, l'y main- 
tient ä l'aide d'un appareil plätre et permet tres vite la marche." 

Wir stossen nunmehr auf die Frage, welche Resultate 
andere Chirurgen mit der italienischen Methode erreicht haben. 
Paci anerkennt die grosse Wichtigkeit dieser Frage und sagt 
hierzu: „Schwerwiegender und noch mehr massgebend für mich 
sind die günstigen Resultate, welche andere Chirurgen seit 
dieser Zeit mit meiner Methode zu verzeichnen hatten." 

Es ist leider ganz unmöglich, diese Resultate einer Prüfung 
zu unterziehen, denn erstens sind die Angaben ausserordentlich 
lückenhaft, zweitens haben fast alle Patienten, über welche 
referirt wird, die Altersgrenzen der Reposition mehr weniger 
weit überschritten und drittens handelt es sich vielfach gar nicht 
um congenitale, sondern um pathologische und traumatische 
Luxationen; schliesslich wurde zum Theile nicht immer nach 
den von Paci gegebenen Regeln operirt. So hatte Oliva (Turin) 
multiple subcutane Tenotomien behufs Ausgleiches der Ver- 
kürzung durch Extension gemacht, ein modus procedendi, welcher 
von der italienischen Originalmethode geradezu perhorrescirt 
wird. Die Verbesserungen, welche an jenen älteren Kindern er- 
zielt wurden, die der Reposition im Sinne der Wiener Methode 



— 391 — 

bereits entwachsen waren, sollen nicht angezweifelt werden, 
aber dieselben kommen für die Repositionsfrage gar nicht in 
Betracht. Burci (Pisa) berichtet von einem günstigen Erfolge 
bei einer 21jährigen, Federighi einen ebensolchen bei einer 
17jährigen, Aniello d'Ämbrosio bei einer 12- und einer 
20jährigen Patientin. 

Ebenso belanglos für die Repositionsfrage sind die Ver- 
besserungen, welche bei pathologischer Luxation nach Coxitis 
erreicht wurden. 

Vollkommen gleichgiltig aber für die Frage der Reposition 
der congenitalen Hüftverrenkung sind die bei traumatischer 
Luxation erzielten Erfolge, welche von Phocas bei einem 
30jährigen. von Scalzi bei einem 73jährigen und 50jährigen 
Patienten gemeldet werden. Wenngleich zugestanden werden muss, 
dass die Repositionstechnik der congenitalen Verrenkung als einer 
hinteren Luxation mit der Repositionstechnik einer hinteren 
traumatischen Luxation auch einige Aehnlichkeit haben kann, die 
Retentionstechnik müsste denn doch in den beiden Fällen 
grundverschieden sein. Die italienische Methode ist in ihrer 
Anwendbarkeit zu vielseitig, als dass ihre Leistungsfähigkeit für 
das specielle Problem eine zureichende sein könnte. 

Unter den von Paci referirten Resultaten anderer Chirurgen 
wäre ein einziger Fall für die Repositionsfrage verwertbar. 
Derselbe betrifft ein Kind, welches im 3. Lebensjahre der Operation 
unterzogen wurde. Die ganze Analyse des Falles beschränkt 
Paci auf die Mittheilung: „dass der Vater des Kindes mit dem 
Erfolge der Operation ganz zufrieden sei — !" 

Hören wir aber auch andere Stimmen, welche von Paci 
nicht angeführt wurden! Am Mailänder Congress der italienischen 
Gesellschaft für Orthopädie (April 1892) sagte Panzeri: „Paci 
selbst hat in Mailand nach seiner Methode vier Patienten operirt; 
es handelte sich um zwei ziemlich schwere Fälle von doppel- 
seitiger Luxation, die beiden anderen waren einseitige Luxationen 
mit 1*3 Centimeter Verkürzung. Die Operation datirt vor zehn 
Monaten. „Les malades n'ont pas beneflcie sensiblement de 
l'operation." 

Phocas berichtet über die Stimmung landsmännischer 
(italienischer) Chirurgen gegenüber der Methode mit den Worten: 
„malheureusement nous devons dire la verite. nous avons en 



— 392 — 

general rencontre peu d'enthousiasme pour cette methode." Und 
über die Resultate derselben berichtet derselbe Autor im Jahre 
1892: „en somme, ni ä Turin, ni ä Milane on n'apunous 
montrer un enfant gueri ou ameliore par la methode de 
Paci." 

Zur Darstellung der mit der italienischen Methode von 
Regnoli gemeldeten Erfolge bemerkt Phocas: „cette maniere 
de representer les choses est de nature ä fausser les resultats." 
Sein Urtheil im Allgemeinen lautet: „Evidemment il faut encore 
attendre, pendant longtemps avant de se prononcer sur la valeur 
de la methode de Paci, qui est du reste tres complexe, car 
eile utilise le repos et l'extension." (Vgl. hierzu die Stellungs- 
nahme Phocas' zur Wiener Methode, p. 265.) 

Redard erreichte mit der italienischen Methode „un change- 
ment plus favorable de la tete femorale luxee" und hält die- 
selbe im Gegensatze zu ihrem Autor nur für junge Kinder und 
nur für einseitige Luxationen bei geringer Dislocation für an- 
gezeigt. Hingegen passe dieselbe weder für die doppelseitigen 
Verrenkungen, noch für die älteren Fälle. Nach diesen Aeusse- 
rungen Redard 's scheint Paci etwas voreilig gehandelt zu 
haben, wenn er auf Grund eines privaten höflichen Briefes 
Herrn Redard als seinen begeisterten Anhänger betrachtet. 
Wohl aber ist Herr Redard auf Grund seiner Erfolge mittler- 
weile „absolument partisan" der Wiener Methode geworden. 
(Vgl. hierzu p. 266,) 

Herr Kirmisson sagt mit Bezug auf die italienische 
Methode: „de mon cote je dois avouer que les tentatives que 
j'ai faites dans la voie indiquee par Paci ne m'ont jamais 
donne de resultat", trotzdem Paci 1890 den Vorzug genossen 
hatte, Herrn Kirmisson in Paris an einem 9jährigen Kinde mit 
einseitiger Luxation seine Tempi demonstriren zu dürfen. 

Allerdings bin ich leider nicht in der Lage, diesem ab- 
sprechenden Urtheile des Herrn Kirmisson über die Paci 'sehe 
Methode eine freundlichere Aeusserung des genannten Chirurgen 
über mein eigenes Verfahren gegenüber zu stellen. Ich muss im 
Gegentheile und zu meinem Bedauern constatiren, dass Herr 
Kirmisson noch viel abfälliger über die Wiener Methode ur- 
theilt als über jene Paci 's; ja, Herr Kirmisson hat das 
Lorenz'sche Verfahren aus den für die Therapie der 



— 393 — 

angeborenen Hüftverrenkung überhaupt in Betracht 
kommenden Maassnahmen vollständig ausgeschlossen. 
Wenn die französische Methode der continuirlichen Extension 
mit Abduction nicht zum Ziele führt, sei gegen das fünfte bis 
zehnte Lebensjahr nur noch die blutige Methode in Be- 
tracht zu ziehen. (Maladies chirurgicales d'origine congenitale 
p. 689.) 

Wenn ein gänzlich objectiver Beurtheiler des historischen 
Streites, welcher sich ehemals zwischen Humbert und Pravaz, 
dann zwischen Pravaz und Bouvier abspielte, und welcher 
augenblicklich zwischen Kirmisson und Lorenz neuerdings 
entbrannt ist, von den Erfahrungen und Angaben dieses letzteren 
Autors vollkommen absehen würde, und nur die Thatsache 
sprechen liesse, dass jeder der zahlreichen Nachprüfer der 
Lorenz 'sehen Methode vorläufig wenigstens in dem einen oder 
anderen Falle klinisch und actinographisch bewiesene Radical- 
heilungen der angeborenen Hüftverrenkung aufzuweisen hat und 
dass alle Nachprüfer darüber einig sind, dass selbst die miss- 
glückten Radicalheilungen immer noch mindestens sehr erfreuliche, 
häufig genug sogar ausgezeichnete und auf kurzem Wege er- 
reichbare functionelle Resultate darstellen; — dann wird dieser 
objeetive Richter constatiren müssen, dass Herr Kirmisson mit 
seinem vernichtenden Urtheile eine geringe Voraussicht bewiesen 
und dem Interesse der Luxationskinder jedenfalls einen schlechten 
Dienst geleistet hat, wenn er ohne ausreichende Motivirung in 
der Geringschätzung der Lorenz 'sehen Methode so weit ging, 
dass er es für nothwendig fand, dieselbe aus der Reihe der 
gegen die angeborene Hüftverrenkung gegenwärtig in Betracht 
kommenden Maassnahmen überhaupt auszuschliessen. 

Im Gegensatze zu den vielen, von allen Nachprüfern der 
Lorenz 'sehen Methode bereits vorliegenden Fällen von Radical- 
heilungen ist bis zur Stunde weder von Paci noch von einem 
seiner Anhänger auch nur ein einziger bewiesener Fall von 
dauerhafter Raclicalheilung beigebracht worden. 

Der Versuch Paci's, die Therapie der traumatischen Hüft- 
verrenkung auf die congenitale Luxation zu übertragen, ist daher 
als vollständig gescheitert zu betrachten. 

Eine solche Uebertragung hätte wenigstens der Vorbedingung 
des „mutatis mutandis" entsprechen müssen. Die physiologische 



— 394 — 

Methode der Einrenkung traumatischer Luxationen ist aber in 
der Hand Paci's genau dasselbe geblieben, was sie war. 

Der congenitalen Hüftverrenkung gegenüber musste die 
Methode sowohl wegen der Unzulänglichkeit ihrer Repositions- 
als auch ihrer Retentionsmittel scheitern; sie erreicht nichts 
weiter als eine Annäherung des Schenkelkopfes an die rudimen- 
täre Pfanne und ist damit zu einer palliativen Methode ge- 
stempelt, welche erst dann am Platze ist, wenn die radicalen 
Methoden versagen. Mit dieser Stellung wird sie sich in Zukunft 
begnügen müssen. 



Literatur -Verzeichnis. 

Acadeniie de Medeeine de New-York. Seetion de Chirurgie orthopedique 

16 Avril 1897. Revue d'orthopedie, 1897 No. 5. 
M. Anders: Reduction non sanglante de la luxation congenitale de la hanche 

d'apres le procede de Lorenz; Societe de pediatrie de Saint-Petersbourg 

1899, 15 Mars. 
J. Bide (Clermont-Ferrand) : La luxation congenitale de la hanche et son 

traitement. Centre medical 1899. 
Bouvier: Rapport sur la curabilite des luxations congenitales du femur. 

Gazette des hop. 1884. No. 56. 

— Bull. Soc. chir. 1866. 

— Bull, de l'academie t. III. 

— Lecons cliniques sur les maladies de Tappareil locomoteur. Paris 1858. 
Broca (A.): Traitement de la luxation congenitale de la hanche etc. Congres 

d'obstetrique, gynecologie et paediatrie. Bordeaux 1895. 

— Presentation ä l'Academie de medecine 1896. 

E. H. Bradford (Boston) : Treatment of congenital dislocation of the hip. 

Annais of surgery. August 1894. The american Journal of the medical 

sciences. Nov. 1897. 
Brodhurst: Observations on congenital dislocation of the hip. London Chur- 
chill, 1895 u. 1896. 
B. Brodhurst: Nouvelles remarques sur la luxation congenitale de la hanche. 

Revue d'orthopedie 1896. No. 4. 
Brun: Traitement des luxations congenitales de la hanche. Societe de Chirurgie 

Seance du 15 Mars 1899. 
Buckminster-Brown: Double congenital dislocation of the hip, description 

of a case with treatment resulting in eure. Boston med. and surg. journ. 

1885. No. 23. 
Coudray: Association francaise de Chirurgie. XIII 6 Congres tenu ä Paris du 

16 au 21 Octobre 1899. 
Coudray: Luxations congenitales de la hanche. La France medicale 1898. p. 734. 

— Comm. au Congres de Bordeaux 1895. 

— Un traitement de la luxation congenitale de la hanche par la methode 

sclerogene combinee h la reduction par le procede de Paci. 2 e congres 

de Chirurgie 1893. 
Cuecolini CL: II metodo Lorenz in confronto colla cura incruenta razionale 

del Prof. Paci della lussazione congenita dell' anca. Archivio di Ortopedia 

1897 fasc. V. pg. 320. 
Delanglade: De la luxation congenitale du femur. Paris (Steinheil) 1896. 



— 396 — 

Delcroix: Le traitement de la luxation de la hanclie. (Communication pre- 

sentee ä la Societe medico-chirurgicale du Brabant.) La Presse rnedical 

Beige 1899, No. 10. 
Denuce: Deux cas de luxation congenitale de la hanche traites par le procede 

de reposition non sanglante de Lorenz; Journal de Clinique et de thera- 

peutique infantiles. 4 Aug. 1898. Journ. de Med. de Bordeaux. 
Dolega: Zur orthopädischen Behandlung der angeborenen Hüftverrenkung. 

Deutsche medic. Wochenschr. 1895, No. 37. 
Drehmann: Zur Aetiologie der congenitalen Hfiftluxation riehst Bemerkungen 

über die unblutige Behandlung derselben nach Paci-Lorenz. Centralblatt 

f. Chir. 1899, Nr. 13. 
Dubreuil: Des accidents douloureux dans la luxation congenitale de la 

hauche. Revue d'orthopedie 1890, No. 3. 

— De quelques complications des luxations congenitales de la hanche. Gaz. 

hebd. de Montpellier 1884. 
Ducroquet: De la luxation congenitale de la hanche. le Progres medicäl. 

Octob. 1898. 
Dupuytren: Memoire sur un deplacement original ou congenital de la töte 

des femurs. Academie de med. 1826. 

— Lee. orales t. III. 

R. Elliot: Congenital dislocations of the hip Joint, with special reference to 
the new non-cutting Operation of Lorenz for reposition of same-presen- 
tation of patient under treatment. Medical Record May 29, 1897. 

Gerdy: Bulletin de l'academie de Medecine. Paris 1839. T. IV. 

Ghillini: Traitement non sanglant de la luxation congenitale de la hanche. 
Revue d'orthopedie. Mars 1898. Archiv f. klin. Chir. 56 Bd., Heft 2. 

Gourdon: Luxation congenitale droite; reduetion par la methode non-sanglante 
de Lorenz; guerison. Societe de Gynecologie, d'Ostetrique et de Paediatrie 
de Bordeaux. La revue Medicale, Janvier 1900. 

L. Heusner: Ueber Ursachen, Geschichte und Behandlung der angeborenen 
Hüftluxation. Vortrag, gehalten in der Frühjahrsversammlung des Vereines 
der Aerzte des Regierungsbezirkes Düsseldorf 10. Mai 1897. Zeitschrift 
für Orthopäd. Chirurgie V. Bd., Heft 283. 

— Beitrag zur Orthopäd. Behandlung der Hüftluxation. XXIV. Congr. d. deutsch. 

Ges. f. Chirurg. 1895. 
A. Hoffa: Die moderne Behandlung der angeborenen Hüftgelenksverrenkung. 

Archiv f. klin. Chirurgie 59. Bd., 2. Heft. 
A. Hoffa: Zur unblutigen Behandlung der angeborenen Hüftgelenksverrenkungen. 

Archiv f. klin. Chirurgie 53. Bd., 3. Heft. 1896. 
Hoffa: Die moderne Behandlung der angeborenen Hüftgelenksluxationen. 

München 1898. 
Hoffa: 28. Congress der deutschen Gesellschaft f. Chir. April 1899. 
Horväth: Königl. Gesellschaft der Aerzte. Budapest. Sitzung v. 7. Mai 1898. 
Humbert et Jacquier: Essai et observations sur la maniere de reduire les 

luxations spontanees et symptomatiques de Particulation ileo-femorale, 

methode applicable aux luxations congenitales et aux luxations anterieures 

par causes externes. Paris 1835. 



— 397 — 

Jackson Clarke: Orthop aedic Surgeiy. London 1899. 

Jalade Lafont: Recherches pratiques sur les principales difformites du corps 

hurnain et les rnoyens d'y remedier. 
Kirmisson: Contribution ä l'etude de la pathogenie et du traitement des 

luxations congenitales de la hanche. Revue d'orthopedie 1894, 3. 
— Gouttiere de Bonnet articulee pour le traitement des luxations congenitales 

de la hanche. Revue d'orthopedie 1895, Nr. 5. 
Kirmisson: Traite des maladies chirurgicales d'origine congenitale. Paris 

(Masson et Cie.) 1898. 
Kirmisson: Traitement de la luxation de* la hanche par la methode non 

sanglante. Revue d'orthopedie 1899. No. 2, 5. 
Th. Kölliker: Die Luxatio femoris congenita supracotyloidea. Centralbl. f. 

Chir. 1895, 45. 
Kölliker: Ueber die Behandlung der congenitalen Hüftluxation mit der un- 
blutigen Reposition; Centralbl. f. Chir. 1898, Nr. 42. 
Kümmel: Die congenitale Hüftluxation in Röntgen'seher Durchleuchtung und 

die Resultate ihrer Behandlung. Aerztl. Verein zu Hamburg. Januar 1899. 

Ref. J. Schulz-Hamburg. Wiener medic. Blätter 1899, Nr. 7. 
F. Lange: Die Behandlung der angeborenen Hüftverrenkung. Münchener klin„ 

Wochenschrift 1898, Nr. 15, 16. 
Fritz Lange: Die Behandlung der angeborenen Hüftverrenkung. Sammlung 

klinischer Vorträge, neue Folge Nr. 240. 
F« Lange: Zur Behandlung der angeborenen Hüftverrenkung. Berliner klin. 

Wochenschrift 1899, Nr. 16. 
Lannelongue: Note sur un traitement de la luxation congenitale de la 

hanche par la methode sclerogene. Bull, et mein, de la societe de- 
Chirurgie. Seance du 23 Decembre 1891, p. 770—775. 
Adolf Lorenz: Die blutige Reposition der angeborenen Hüftverrenkung\ 

Sammlung klinischer Vorträge, neue Folge, Nr. 117. 
Adolf Lorenz: Ueber die unblutig-chirurgische Behandlung der angeborenen 

Hüftverrenkung mittelst der functionellen Belastungsmethode. Sammlung 

klinischer Vorträge, neue Folge, Nr. 151/152. 
A. Lorenz: Ueber die mechanische Behandlung der angeborenen Hüftver- 
renkung. Centralbl. f. Chir. 1895, Nr. 7. 
A. Lorenz: Ueber die unblutige Behandlung der angeborenen Hüftverrenkung 

mittelst der functionellen Belastungsmethode. Centralblatt f. Chirurgie 

1895, Nr. 33. 
A. Lorenz: Reposition de la Luxation coxo-femorale congenitale au-dessus du 

rebord posterieur de la cavite cotyloide d'apres la methode d' Adolphe 

Lorenz (de Vienne). Revue d'Orthopedie 1896. 
A. Lorenz: Ueber die Stellung der functionellen Methode der Belastung des 

eingerenkten Schenkelkopfes mit dem Körpergewichte zu den anderen 

unblutigen Behandlungsmethoden der angeborenen Hüftgelenksverrenkung. 

Wiener klin. Wochenschrift 1896, Nr. 36. 
A. Lorenz: Pathologie und Therapie der angeborenen Hüftverrenkung. Auf 

Grundlage von 100 operativ behandelten Fällen. Urban u. Schwarzen- 

berg, Wien, Leipzig 1895. 



— 398 — 

A. Lorenz: Zur Priorität der unblutigen Reposition der angeborenen Hüt't- 
verrenkung. Wiener klin. Wochenschrift 1896, 29. 

A. Lorenz: Zur congenitalen Luxation des Hüftgelenkes. Berliner klin. Wochen- 
schrift 1897, Nr. 6. 

A. Lorenz: Allgemeine Erfahrungen über die mechanische Reposition der an- 
geborenen Hüftverrenkung. Berliner klin. Wochenschrift 1897, 44. 

A. Lorenz: Experiences sur la reposition mecanique de la luxation congenitale 
de la hanche avec demonstration du procede manuel au XII. Congres 
des sciences medicales ä Moscou. (Aoilt 1897.) 

Adolf Lorenz: Ueber die bisherigen Erfahrungen mit der unblutigen Ein- 
renkung der angeborenen Hüftgelenksluxation ; nach einem auf dem 
28. Congress der deutsch. Ges. f. Chirurg, gehaltenen Vortrage. Thera- 
peutische Monatshefte 1899, Heft 8 u. 9. 

Lüning: Luxatio femoris congenita. III. klin. Aerztetag in Zürich. Octob. 1896. 
Correspondenzblatt für Schweizer Aerzte 1897, Nr. 3. 

— Erfahrungen über Behandlung der congenitalen Hüftgelenksluxation. Gesell- 

schaft d. Aerzte in Zürich, Mai 1898. 
Malgaigne: Traite de luxations. Paris 1855. 
Margary-Motta: Sulla cura ortopedica meccanica della lussazione congenita 

della anca. Giornale di R. Accademica di Torino 1886. XXXIV, 

p. 675. 
E. Martin: Zur Behandlung der angeborenen Hüftluxation, und zwar ganz 

besonders der einseitigen. Deutsche med. Wochenschrift 1889, Nr. 16. 
Menciere (Rheims): Nouveau procede pour la reduction non sanglante de la 

luxation congenitale de la hauche. La Medecine moderne, Octobre 1899. 
Mikulicz: Die unblutige Reduction der angeborenen Hüftverrenkung. Arch. f. 

klin. Chirurgie, Bd. 49, Heft 2. 
M. Monod: Traitement de la luxation congenitale de la hanche par la methode 

de Lorenz. Societe de Chirurgie. Seance du 15 Mars 1899. 
Mario Motta: Sulla cura incruenta della cosidetta lussazione congenita dell' 

anca. Archivio dei Ortopedia 1898, No. 4. 
A. Narath: Ueber eine eigenartige Form der Hernia cruralis (praevascularis) 

im Anschlüsse an die unblutige Behandlung angeborener Hüftgelenksver- 
renkung. Archiv f. klin. Chirurgie, 59. Bd., 2. Heft. 
Noble Smith: Congenital dislocation of de hip. Brit. med. Journ. 12. Dec. 1896. 
A. Nota: Rendiconto clinico della Sezione chirurgica dell 1 Ospedaletto infantile 

Regina Margherita in Torino per gli anni 1889—1890. Torino 1891. 
Nove Josserand, Societe de Chirurgie de Lyon, juin 1899, Luxation congeni- 
tale du femur. 
Paci: Zur Lorenz'schen Methode der unblutigen Behandlung der angeborenen 

Hüftgelenksluxation. Wiener klin. Wochenschrift 1896, Nr. 5, 33. 

— Studio ed osservazioni sulla lussazione iliaca comune congenita del femore. 

Genova 1888. 
A. Paci: Sulla cura razionale ortopedica della lussazione iliaca comune congenita 
del femore. Secondo contributo. Archivio di Ortopedia. Milano 1890. 

— Terzo contributo alla cura razionale della lussazione iliaca commune congenita 

del femore. Arch. di ortopedia 1891, fasc. VI. 



— 399 — 

A. Paci: Quarto contributo alla cura razionale della lussazione iliaca congenita 
del femore col nuovo nietodo. Ai-chivio di Ortopedia 1892. No. 6, 1893, 
fasc. 1. 

A. Paci e A. Nota: Presentatione et illustrazione di im pezzo anatomo- 
patologico a conferma della efficacia del Metodo Paci nella cura 
della lussazione iliaca comune congenita del femore; il Policlinico. 
Aprile 1894. 

Paci: Traitement rationel de la luxation feniorale congenitale iliaque commune 
ou posterieure. Revue d'orthopedie 1894, p. 321. 

— Della lussazione iliaca comune congenita del femore e della sua cura 

razionale incruenta. Archivio di ortopedia 1896, anno XIII, No. 5 e 6. 

— Zur Lorenz'schen Methode der unblutigen Behandlung der angeborenen Hüft- 

gelenksluxation. Wiener Hin. Wochenschrift 1896, Nr. 26, 33. 

Paradies: Unblutig eingerenkte angeborene Hüftgelenksluxationen. Freie 
Vereinigung der Chirurgen Berlins. 106. Sitzung vom 8. Januar 1900. 

Petersen- Schede: Beitrag zur unblutigen Behandlung der congenitalen Hüft- 
verrenkungen. Deutsche Zeitschrift für Chirurgie, 50 Bd., 5. und 
6. Heft. 

G. Phocas: Sur le manoeuvres de Paci dans les luxations iliaques congenitales 
et acquises. Eevue d'orthopedie 1894, 4. 

— Gaz. des hopitaux 1892, 19. 

— Les instituts Orthopediques en Italie. Revue d'Orthopedie 1892, 2. 
Phocas (Lille): Rapport annuel sur le fonctionnement du service chirurgical 

au Sanatorium de St.-Pol-sur-mer, Le Nord medical. Septbr. 1899. 
Post A. : A case of congenital dislocation of the hip sucessfully treated. Med. 
and surg. rep. City Hosp. Boston 1889, Ar s. 162, 164. 

— Congenital dislocation of the hip. Boston M. and S. J. 1883, CIX, 193. 
Pravaz: Traite theorique et pratique des luxations congenitales. Baillere 1847. 

— Memoire sur le diagnostique et le traitement des luxations congenitales du 

femur. Bull, de l'Acad. 1841, Vn. 
Redard: Traite pratique de Chirurgie orthopedique. Paris 1892. 
P. Redard: Sur une nouvelle methode de traitement de luxations congenitales 

de la hanche. Revue des maladies de l'enfance, Nov. 1890. 
Redard: Revue des maladies de l'enfance 1890. Novembre, p. 503, u. Revue 

d'orthopedie 1891, Nr. 1, p. 75. 

— XIII. Congres de l'association francaise de Chirurgie. Paris, Octobre 1899. 
Regnoli: Archivio di Ortopedica anno 1891, Nr. 5, p. 311. 

Ricard: Traitement de la luxation congenitale de la hanche. Societe de 
Chirurgie. Seance du 8 Mars 1899. 

Rydygier: Ueber die Behandlung der angeborenen Hüftgelenksverrenkung. 
VIII. Congress polnischer Chirurgen in Krakau 1896. 

Sainton: Etüde sur l'anatomie de la hanche chez l'enfant et sur la pathogenie 
de la luxation congenitale du femur. Revue d'orthopedie 1893, 4, 5. 

Salaghi: Note cliniche di Ortopedia. Lussazione dell' anca. Archivio di Orto- 
pedia 1896, fasc. 6. 

Sangiorgi G. : Resoconto Statistico dei malati curati neu' anno 1899. Istituto 
ortopedico Rizzoli in Bologna. Diiettore Prof. A. Codivila. 



— 400 - 

M. Schede: Ueber die blutige Reposition veralteter Luxationen, nebst Bemer- 
kungen über die Arthrotomie des Hüftgelenkes und die operative Be- 
handlung der angeborenen Verrenkungen desselben. Arch. f. klin. Chir. 
Berlin 1892, Bd. XLIII, Jubil.-Heft. 

— Ueber die „nicht operative 1 ' Behandlung der angeborenen Luxation des Hüft- 

gelenkes. XXIII. Congress der deutsch. Ges. f. Chir. 1894. 

— XXIV. Congress der deutsch. Ges. f. Chir. 1895. 

— XXV. Congress der deutsch. Ges. f. Chir. 1896. 

— Ueber die unblutige Reposition der angeborenen Hüftluxation. 68. Versarnml. 

deutsch. Naturforscher u. Aerzte. Frankfurt a. M. 1896. 
Senger (Crefeld): Vorschlag zu einer Modification des Lorenz'schen Ver- 
fahrens der unblutigen Hüftgelenkseinrenkung bei älteren Kindern. 

Berliner klin. Wochenschr. 1897, Nr. 3. 
Thirteenth annual meeting r of the american orthopedic association New York. 

May 31, June 1 and 2 1899. 
Transactions of the American orthopedic Association. Twelfth Session Held at 

Boston Mass. May 17, 18 and 19 1898. 
Trendelenburg: Ueber den Gang bei angeborener Hüftluxation. Deutsche 

medic. Wochenschr. 1895, Nr. 2. 
A. Venot: Luxation congenitale de la hanche. Societe de Medecine et de 

Chirurgie de Bordeaux. Seance du 18 Novembre 1898. 
M. Villemin: Luxation congenitale de la hanche. Gazette des maladies 

infantiles. Aoüt 1899. 
K. V ti gel: Ein Hilfsmittel zur Nachbehandlung der unblutig reponirten Luxatio 

coxae congenita. Zeitschr. f. Orthopäd. Chir., Bd. VI, Heft 1. 
A. C. Wiener (Chicago clinical School): Annais <>f gynecology and pediatry 

1899, Nr. 11. 
Royal Whitman (New York): Preliminary observations on the treatment of 

congenital dislocation of the hip by the Lorenz method of forcible 

correction with the report of a successful cas. Pediatrics Vol. V, 

Nov. 9. and 10. 1898. 

— Further observations (in the treatment of congenital dislocation of the hip. 

The medical News 1899, Nr. 15. 
v. Winiwarter: Du traitement de la luxation congenitale de la hanche par 

la methode de Paci. Journal de clinique et de therap. infantiles. Paris 

1897, Nr. 19. 
Jul. Wolff: Bedeutung der Röntgenbilder für die Lehre von der angeborenen 

Hüftverrenkung. Fortschritte auf dem Gebiete der Röntgenstrahlen. Bd. I. 

— Ueber die unblutige Reposition der angeborenen Hüftverrenkung mit Demon- 

stration von Röntgenbildern mittelst des Projectionsapparates. Freie 
Vereinigung der Chirurgen Berlins. 97. Sitzung, 14. November 1898. 
Centralbl. f. Chirurgie 1899, Nr. 4. 

— Ueber die unblutige Einrenkung der angeborenen Hüftgelenksverrenkung. 

Berliner klin. Wochenschr. 1899, Nr. 18. 





Neuere 

Medieinisehe Werke 




Verlage von Franz Deuticke 

in 

Leipzig und Wien. 



Neue Verlagsanträge aus allen Gebieten der Medicin 
sind der Verlagsbuchhandlung stets sehr willkommen. 
Eingehendste Sorgfalt und liberales Entgegenkommen 
darf in jedem Falle als selbstverständlich vorausgesetzt 

werden. 



Abgeschlossen 1. April 1899. 



2 Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 

Arbeiten ans dem Institut 

für Anatomie und Physiologie 

des Central-Nervensystems an der Wiener Universität. 

Herausgegeben von 

Prof. Dr. H. Obersteiner. 

Heft I. Mit 10 lithogr. Tafeln und 2 Holzschn. 1892. Preis 8 M. 

Heft II. Mit 7 Tafeln und 20 Holzschnitten. 1894. Preis 12 M. 

Heft III. Mit 6 Tafeln und 51 Holzschnitten im Texte. 1895. Preis 12 M. 

Heft, IV. Mit 5 Tafeln und 30 Holzschnitten. 1896. Preis 20 M. 

Heft V. Mit 5 Tafeln und 46 Holzschnitten. 1897. Preis 12 M. 
Heft VI. Mit Tafeln und Holzschnitten. 1899. Unter der Presse. 

ADAMKIEWfCZ, Prof. Dr., Die Rückenmarkschwindsucht. Eine Vorlesung. 
Mit 4 Holzschnitten und 2 lithographirten Tafeln. — Preis 2 M. 

Keiner, den die Frage der Rückenmarkschwindsucht überhaupt interessirt, kann das Buch 

unbefriedigt aus der Hand legen. Im üebrigen trägt auch diese Monographie Adamkiewicz's auf jeder Seite 
das Gepräge jener bestechenden Gedankenklarheit und jener durchweg von der Schablone abweichenden 
Originalität, welche alle Arbeiten dieses Autors in so vortheilhafter Weise auszeichnen. 

Wr. med. Presse. 



BALLET, Prof. G., Die innerliche Sprache und die verschiedenen Formen der 
Aphasie Deutsch von Dr. Paul Bongers. Mit 12 Abbildungen. Preis 4 M. 

BAUER, Dr. C, Compendium der system. Botanik für Mediciner u. Pharmaceuten. 
Preis M. 3.60, geb. M. 4.60. 

Beiträge zur Kinderheilkunde 

aus dem I. öffentlichen Kinder -Krankeninstitute in Wien. 

Herausgegeben von 

Prof. Dr. Max Kassowitz. 
Neue Folge. 

I. Vorlesungen über Kinderkrankheiten im Alter der Zahnung von 
Dr. Max Kassowitz, a. ö. Professor der Kinderheilkunde an der Wiener Universität. 1892. 
Preis 7 Mark. 

II. Hämatologische Studien von Dr. August Hock und Dr. Hermann 
Schlesinger. — Ueber das Vorhalten des Indicans bei der Tuberculose 
des Kinderalters von Dr. Max Kahane. 1892. Preis 3 Mark. 

III. Zur Kenntnis der cerebralen Diplegien des Kindesalters (im An- 
schluss an die Little'sche Krankheit) von Dr. Sigm. Freud. 1893. Preis 6 Mark. 

IV. Studien über Kindertetanie. von H. Borel. — Ueber Kinderkrank- 
heiten im Alter der Zahnung von M. Kassowitz. — Traumatische Schädel- 
fissur. Khachitis tarda von Th. v. Genser. Ein Fall von schwellendem Finger 
bei einem 17 Monate alten Kinde. Von demselben. — Ueber Stimmritzen- 
krampf und Tetanie im Kindesalter von M. Kassowitz. — Casuistische 
Beiträge zur Kenntnis der cerebralen Kinderlähmungen und derEpilepsie 
von L. Rosenberg. 1893. Preis 4 Mark. 

V. Studien über die hereditäre Syphilis Erster Theil. Von Dr. Carl 
Hochsinger. 1898. Mit 9 Abb. in Text und 4 lithogr. Tafeln. Preis 12 Mark. 

Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. - 



Medicinischer Verlag von FKANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 3 

Beard, G. M. 

Die sexuelle Neurasthenie, 

ihre Hygiene, Aetiologie, Symptomatologie und Behandlung. 

Mit Recepten für Nervenkranke, herausgegeben von 

A. D. Rockwell, AM., DM., in New-York. 

Autorisirte deutsche Ausgabe, 2. Auflage. — Preis 4 M. 

Beard war nicht allein der Erste, der die Erscheinungen der Neurasthenie eingehend studirte 

und beschrieb, sondern auch die Therapie dieser Affeetionen verdankt ihm reichliche Förderung. Dabei 
war Beard's therapeutisches Handeln in solchen Fällen ein höchst eigenartiges, vielfach combinirtes, oft 
jedoch von glänzenden Erfolgen begleitet. Münch. Med. Wochenschrift. 

BEAURflSjProf.H., Der künstlich hervorgerufene Somnambulismus. Physiologische 
und psychologische Studien. Autorisirte deutsche Ausgabe von Dr. Ludwig Frey. 
Mit 4 Abbildungen. — Preis 4 M. 

„Der ganze Beiz, den das wissenschaftliche Experiment übt, ist dem nicht eben umfangreichen 

Buch eigen". Münch. Allg. Zeitung. 

BEITRÄGE, Ungarische, zur Augenheilkunde. Unter Mitwirkung von Fach- 
genossen herausgegeben von Prof. Wilhelm Schulek in Budapest. J. Band mit 
45 Abb, im Text. 1895. Preis 8 M. 

BERNHEIM, Dec. Dr. J., Ueber die Pathogenese und Serumtherapie der 
schweren Rachendiphtherie. Klinische und experimentelle Untersuchungen. 1898. 
Preis 2 Mark. 

BLÄTTER für klinische Hydrotherapie und verwandte Heilmethoden, heraus- 
gegeben von Prof. Dr. Wilhelm Winternitz. I. — IX Jahrgang 1891 — 1899. Jahr- 
gang I (1891) Preis 6 Mk. Jahrgang II— IX (1892—1899) Preis ä 10 Mk. 



Blsiolo 




Eine Sammlung mikroskopischer Zeichnungen nach dem Präparat. 

Für den Gebrauch bei praktischen Uebungen von 
D. C. Benda, und Paula Guenther, 

Privatdocent an der Universität in Berlin wissenschaftliche Zeichnerin. 

60 Tafeln mit Text. Eleg. cart. Preis M. 7.50. 

— — Dass durch den vorliegenden Atlas eine Unterstützung für den Schüler geschaffen ist, die bis- 
her fehlte und vielfach als Lücke empfunden wurde, und dass darin wesentlich mehr geleistet ist, als in 
allen bisher vorhandenen Illustrationswerken, wird jeder anerkennen und den Verfassern Dank wissen. 
Möge der Atlas eine recht nutzbringende Verbreitung finden. Berl, Klin. Woch. 1895. 

Bernheim, Prof. Dr. H., 

Die Suggestion und ihre Heilwirkung, 

Autorisirte deutsche Ausgabe von Doc. Dr. Sigm. Freud. 
Zweite umgearbeitete Auflage. Besorgt von Dr. Max JLahane. 

1896. Preis 5 M. 

— — „Nach diesem Allem bleibt das Buch als Ganzes betrachtet, vom klinischen Standpunkt aus 
die beste und klarste Darstellung, die wir über die therapeutische Verwerthung der Suggestion besitzen." 

A. Moll, Centralblatt f. klin. Medicin. 

Wir wiederholen es: Dieses Buch muss gelesen werden; es ist das Brevier des Hypnotismus 

und selbst über jene Lippen, die sonst das skeptische Lächeln umspielt, wird wohl ein Wort der An- 
erkennung für das ausgezeichnete Werk dringen, mit dem der Forscher von Nancy die ärztMche Welt be- 
schenkt hat. Intern, klin. Rundschau. 

Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 



4 Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 

Die Krankheiten des Rückenmarks. 

Von Byi'oiu KSrämivell in Edinburgh. Uebersetzt von Dr. Nathan Weiss. 

<§■ 2. Auflage. -£> 

Vermehrt und verbessert von Dr. Max Weiss in Wien. 

Mit 102 Holzschnitten und 81 lithographirten Abbildungen. 

Preis 12 M. Geb. 14 M. 

Kurzes 

Lehrbuch der Physiologie 

für Medianer 

von 

Dr. med. H. Boruttau, 

Privatdocent an der Universität Göttingen. 

Mit 70 Abbildungen. 1898. — Preis 9 M. 

Das Lehrbuch Boruttau's behandelt alle die Physiologie des Menschen betreffenden Fragen in 
einer "Weise, wie sie nicht nur für Studirende, sondern auch für Vorgeschrittenere zu einem interessanten 
Studium gemacht werden können, insbesondere wollen wir die Muskel- und Nervenlehre, sowie auch die 
sonst wenig berücksichtigte elektrophysiologische Methodik hervorheben. Das Lehrbuch wird in Fach 
kreisen die wärmste Aufnahme finden. j^ig w Wiener med. Zeitung. 1898. 

Das vorliegende kurze Lehrbuch der Physiologie stehe ich nicht an, als das beste, mir bekannte 
neuere Repetitorium zu bezeichnen. Dasselbe prätendirt keineswegs, dem specialistisch ausgebildeten 
Physiologen als Kachschlagewerk zu dienen, ebensowenig will es den angehenden Mediciner in da3 Gebiet 
der Physiologie einführen, dazu ist es einerseits nicht erschöpfend, andererseits nicht propädeutisch genug : 
Das Werk will dem älteren Studenten oder fertigen Arzt in kurzen Zügen das Gesammtbild der modernen 
physiologischen Anschauungen vor Augen führen, und dazu ist es in seiner knappen, prägnanten Form, in 
seinem Verzicht auf jede Kritik, in seiner scharfen Unterscheidung zwischen Wichtigem und Unwichtigem, 
zwischen Bewiesenem und Hypothetischem durchaus geeignet. Die Medicin der Gegenwart. 1898, Nr. 10. 

Bouveret, Prof. L. 

DIE NEURASTHENIE 

(Nervenschwäche) . 

Nach der 2. französischen Auflage deutsch bearbeitet von 
Dr. O. üornblüth. 

Preis 6 M. 

Studien über Hysterie 

von 
Dr. Jos. Breuer und Doc. Dr. Sigm. Freud. 

1895. Preis 7 M. 

Die beiden Autoren bieten uns in den vorliegenden Studien eine meisterhafte Darlegung ihrer neuen 
Methode der Erforschung und Behandlung hysterischer Phänomene, eine Frucht vertiefter Denkarbeit und 
philosophisch scharfen Geistes .... Es wäre jedem Arzt, der sich auf der Höhe der modernen Medicin 
halten will, dringend zu empfehlen, die „Studien" mit erforderlicher Müsse durchzuarbeiten. 

Med. Chirurg. Centralbl. 1895. 

Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 5 

Bernheim, Prof. Dr. M. 

Neue Studien 

über 

Hypnotismus, Suggestion und Psychotherapie. 

Deutsche Ausgabe von Doc. Dr. Sigmund Freud. 

Preis 8 M. Geb. 10 M. 

Centralblatt für Physiologie. 

Unter Mitwirkung der 
Physiologischen Gesellschaft zu Berlin und des Physiologischen Clubs in Wien 

herausgegeben von 

Prof. Dr. Sigm. Fuchs Prof. Dr. J. Munk 

und 
in Wien. in Berlin. 

Das „Centralblatt für Physiologie" erscheint alle zwei Wochen und stellt sich die 
Aufgabe, neben kurzen Originalrnittheilungen einen Ueberblick über die gesammte einschlägige 
Literatur des In- und Auslandes zu liefern. 

Im Erscheinen begriffen: Band XIII (Literatur 1899). 

Bestellungen auf das „Centralblatt für Physiologie" nehmen alle Buchhandlungen 
und Postanstalten des In- und Auslandes entgegen. Der Preis für den Jahrgang beträgt 
30 M. ; direct von der Verlagsbuchhandlung unter Kreuzband bezogen M. 32.50. 

Neue Vorlesungen 
über die Krankheiten des 

NERVENSYSTEMS 

insbesondere über Hysterie 
Von J. M. Charcot. 

Autorisirte deutsche Ausgabe von 

Dr. Sigm. Freud, 

Docent an der k. k. Universität 
in "Wien. 

Mit 59 Abbildungen. 
Preis 9 M. Geb. M. 10.60. 

Die Basedow'sche Krankheit. 

(Goitre exophthalmique, Graves' disease, Morbo di Flajani.) 
Eine von der Berliner Hufeland-Gresellschaft preisgekrönte Arbeit. 

Von 

Dr. med. et phil. G. Buschan. 

1894. Preis 5 M. 

Wie der Verfasser im Vorworte sagt, hat er sich in erster Linie die Aufgabe gestellt, das 

literarisch niedergelegte Material des Gegenstandes zu sammeln und zu sichten. Es ist ihm dies in ausge- 
zeichneter Weise gelungen, so dass sich dem Leser ein nach allen Seiten hin ausgebautes und abgerundetes 
Bild darbietet. Wiener Med. Woeh. 1894. 

BREUS, Docent A. C, Ueber wahre Epithel führende Cystenbildung in 
Uterusmyomen. Mit 6 Holzschn. u. 1 Tafel M. 2.50. 




Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 



6 Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 



Ueber 



Myxödem und verwandte Zustände 

zugleich ein Beitrag 

zur Schilddrüsenphysiologie und Schilddrüsentherapie. 



Von 



Dr. med. et phil. G. Buschan. 

1896. Preis M. 5.—. 




Poliklinische 

VORTRÄGE 



Prof. J. M. Charcot. 



Uebersetzt von 

Dar. Dr. Sigtn. Freud und 
Dr. Max Kahane. 

Mit vielen Abbildungen. 
1895. 

2 Bände a 12 M. 

„Es sei auf dieses vorzügliche 
Studienmittel nochmals hingewiesen. 
Besonders für diejenigen Psychiater, die 
in ihren Anstaltsstellungen relativ wenig 
rein neuropathologische Fälle zu sehen 
bekommen, bieten diese Vorträge im 
Hinblick auf ihre früher erworbenen 
neuropathologischen Kenntnisse einen 
besseren Ersatz für die wirkliche Ner- 
venklinik als viele Lehrbücher." 

Centralbl. f. Nervenheilkundt. 



CHVOSTEK, F., Ueber das Wesen der Paroxysmalen Hämoglobinurie. Preis 
M. 2.50. 



CHVOSTEK, Prof. Dr. F. und KRAUS, Dr. R., Zur Aetiologie des acuten 
Gelenkrheumatismus. Abwehr und Erwiderung. 1898. M 2.50. 

Die Winterstationen c^~ 

im alpinen Mittelmeergebiete 

mit einem Anhange über Algier. 

Von Dr. Conrad Clar. 

Eine klimatologiscbe Studie. — Mit 23 Abbildungen. Preis 5 M. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 7 



Handbuch 

der 

(stemiehisehen Inififsfistfii 

und Verordnung^en. 

für Behörden und Gemeinden, amtliche Sanitäts- und Veterinär- Organe, 

Districts- und Gemeindeärzte, Aerzte, Thierärzte, Apotheker. Verwaltungen 

von Heil- und Humanitätsanstalten etc. etc. 

Von 

Dr. med. Josef Daimer, 

Sectionsrath im k. k. Ministerium des Innern. 

Erster Theil. 1896. M. 10.—, geb. M. 12.:— 
Zweiter Theil. 1898. M. 17.50, geb. M. 20.—. 

Mit dem zweiten fast 1000 Seiten zählenden Theile ist das Handbuch der österreichischen Sanitäts- 
gesetze vollständig geworden. 

Was wir von dem ersten Theil gesagt haben, gilt auch für den zweiten Theil, der auf's Deutlichste 
beweist, wie nothwendig dieses Handbuch war. Eine ganze Reibe bau- und wohnungshygienischer Be- 
stimmungen, gewerbehygienischer Verordnungen, Anordnungen zum Schutze gegen Infectionskrankheiten 
sind neueren Datums und erscheinen in dem zweiten Theile des Handbuches das erste Mal in geordneter 
TJebersicht; Anderes wieder, wie z. B. das Nahrungsmittelgesetz, ist in einem Nachtrage angefügt worden. 
Allen, welche praktisch oder theoretisch mit Sanitätsgesetzen zu thun haben, wird das Werk ein unentbehr- 
liches Nachschlagebuch werden. Die Art des Inhaltes macht es unmöglich, aui ihn näher einzugehen, wollte 
man nicht ihn oft Wort für Wort hersetzen. Doch kann gesagt weiden, dass in dem Werke eine Menge 
Arbeit steckt und dass es mit einem immensen Fleisse geschaffen wurde; deshalb kann auch der Verfasser 
darauf stolz sein. Wiener med. Blätter 1899, Nr. 2. 

Das Werk zu besitzen wird eine Notwendigkeit sein für jeden Arzt, der als Staats-, Landes-, Stadt-, 
Gemeinde- oder Districtsarzt angestellt ist. Auch der praktische Arzt, der keiDe der genannten Stellungen 
inne hat, wird an dem Handbuche Daimer' s einen treuen Freund und Berather finden, der ihm zeigt, 
wieviel Gesetze und Vorschriften der Mediciner eigentlich kennen sollte, und der ihn vor manchem Ccn- 



flict mit den Behörden schützen kann. 



Prager med. Woch. 1898, Nr. 49. 



TRANSPARENTE SEH-PROBEN von Professor Dr. Hermann Cohn. 
Französisch. Englisch. Italienisch. Preis 2 M. 



Deutsch. 



DAIBER, Dr. Alb., Anleitung zur chemischen u. mikroskopischen Untersuchung 
des Harnes. Mit 1 Abbildung. Preis 3 Mark. 

DAMSCH, Prof. Dr. O., Ueher die Bewegungsvorgänge am menschlichen Herzen. 
Untersuchungen im Anschluss an die Beobachtung des freiliegenden Herzens in einem 
Fall von angeborener Sternalspalte. 1897. Mit 8 Abbildungen. Preis 2 M. 

DEjWAIVGE, Prof. Emile, Das Greisenalter. Klinische Vorlesungen. Autorisirte 
deutsche Ausgabe von Dr. Franz Spitzer. Mit 6 lithogr. Tafeln. — Preis 3 M. 

Den Dihalt dieser Arbeit bilden die Besultate yon Verfassers Untersuchungen und Betrachtungen 
über das Greisenalter. — — — Das Studium derselben sollte kein rationeller Arzt unterlassen, es wird ihm, 
abgesehen von dem rein wissenschaftlichen Interesse, das der Inhalt bietet, gar manche für die Beurtheilung 
und Behandlung der Greisenkrankheiten wichtige und zuverlässige Anleitung gewähren. 

Allgemeine mediciniscTie Centralzeitung. 



Iiifiita 



Von 



Hermann Dexler, 

Professor für Thieiseuchenlehre an der Deutschen Universität in Prag. 
Mit 32 Abbildungen. 1899. Preis 7 M. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTIGKE in Leipzig und Wien. 



8 Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 



Physiologische 

Anatomie des Mensehen. 

Eine Darstellung 

des Baues und der Verrichtungen des menschlichen Körpers 
mit besonderer Berücksichtigung des Bewegungsapparates 



für 

Turnlehrer, Turnlehr- 
anits-Caiididaten, Mittel - 
schullelirer, sowie für Ge- 
bildete aller Stände 

von 

Dr. L. Dalla Rosa, 

k. k. a. ö. Professor der Anatomie au der 
Universität zu Wien. 




Erster Theil: 

Der Beweguugsapparat 

in 25 Vorträgen mit 116 in den Text 

eingeschalteten Holzschnitten, wovon 

100 Original-Abbildungen. 

1898. Preis M. 12.50. 

Das vorliegende Lehrbuch der Anatomie 
ist für einen grösseren Kreis berechnet, Dem- 
gemäss ist gegenüber den gebräuchlichen 
Handbüchern der Anatomie eine starke Be- 
schränkung des Stoffes eingetreten ; doch wird das einmal Gebotene in ausführlicher Weise besprochen, 
wobei dem Zweck des Werkes Entsprechend, die Statik und Mechanik des Körpers stark in den Vordergrund 
tritt. Das Buch ist inhaltlich, wie figürlich, wie der sonstigen Ausstattung nach sehr tüchtig und verdient 
Empfehlung. Zum Selbstunterrichte eignet es sich besonders für solche Aerzte, die ein Interesse an 
der Orthopa'die bähen. Münchener med. Woch. 1838, Nr. 46. 

Der Äug enspieg ei 

und die ophthalmoskopische Diagnostik. 

Von Dr. F. Dimmer, 

Docent an der Wiener Universität. 

2. umgearbeitete und vermehrte Auflage mit 91 Abbildungen. 

1895. Preis 5 M. Geb. M. 6.50. 

Dimmer 's Augenspiegel- und ophthalmoskopische Diagnostik, das schon in seiner 1. Auflage 
ausgezeichnete Buch, ist nun in zweiter, sehr vermehrter und verbesserter Auflage erschienen ; eine willkommene 
Erscheinung auf dem Büchermarkt. Einzelne Partien sind ganz neu bearbeitet, andere durch Zusätze 
erweitert. Neu und sehr klar ist das Capitel über Skiaskopie. Seine eigenen neuen Erklärungen der ophthal- 
moskopischen Lichtreflexe der Netzhaut sind ebenfalls in der vorliegenden Auflage aufgenommen. Im Buche 
6ind alle Capitel erschöpfend und klar behandelt; es ist ein vorzüglicher Kathgeber für Studirende und 
Aerzte, welche sich in der Diagnose der betreffenden Augenkrankheiten üben wollen. 

Archiv f. Augenheilkunde XXVII. 

DIMMER, Doc. Dr. F., Die ophthalmoskopischen Lichtreflexe der Netzhaut. Mit 

36 Abbildungen und 1 Tafel Preis 7 Mark. 
— — Beiträge zur Anatomie und Physiologie der Macula Lutea des Menschen. 

Mit 12 Figuren im Texte und 1 Tafel. Preis 5 M. 



DITTEL, Dr. Leopold von, jun., Die Dehnungszone des schwangeren und kreis- 
senden Uterus. Ein Beitrag zur Lehre vom „unteren Uteriusegmente". 1898. Mit 
17 Figuren im Text und 1 Tafel. M. 2.50. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 9 

Lehrbuch der Diagnostik 

der inneren Krankheiten 

-^^— ■ ^BIWI I ■■■■ MM— —■— — — — —J* 

für Studierende und Aerzte. 
Von Prof. Dr. G. Edlefsen. 

I. Abtheilung mit 50 Abbildungen. Preis 10 M. — II. Abtheilung. I. Theil, mit 10 

Abbildungen. Preis 4 M. — II. Abtheilung; II. Theil (Schluss) unter der Presse. 

Klarheit der Darstellung und gründliche, erschöpfende Bearbeitung der einzelnen Themata sind die 
beiden Eigenschaften, die vornehmlich das „Lehrbuch der Diagnostik der inneren Krankheiten" Edletsen's 
zu einem werthvollen Werke stempeln, welches in den Händen der Studirenden und Aerzte seiner Aufgabe 
in vollem Maasse gerecht werden muss. In trefflicher "Weise ist die Symptomatologie der Krankheiten 
abgehandelt, scharf sind die einzelnen Phänomene in ihrer Bedeutung, namentlich für die Diagnose, klar- 
gelegt, in ihrer Aehnlichkeit und Differenz erläutert. Hier, wie in den meisten übrigen Capiteln leuchtet 
die reiche Erfahrung des Verfassers hervor, die ihn befähigt, die Lehren, welche er gibt, nach eigenem 
Urtheil zu begründen und auf eigener Anschauung zu fundamentiren, überall macht sich das Bestrehen 
geltend, in kritischer Betrachtung das Falsche vom Wahren zu sondern. Therapeut. Monatshefte. 

Praktische Kosmetik 

für .Aerzte und gebildete Laien. 

Von Dr. med. P. J. Eicbhoff. Preis 6 Mark. 

EHREiVBORFER, Dr. E., Heber Cysten und cystoide Bildungen der menschlichen 
Nachgeburt. Mit 2 Tafeln. Preis S M. 

DIE PHYSIOLOGIE DER FACETTIRTEN AUGEN VON INSECTEN UND KREBSEN. 

Von Dr. S i g m. Exner, Professor der Physiologie an der Universität in Wien. Mit 
7 lithogr. Tafeln, 1 Lichtdruck und 23 Abbildungen. — Preis 14 Mark. 

BLUTDRUCK UND DARMATONEE. Ein Beitrag zur Pathologie und Therapie vornehmlich 
der Neurasthenie und Circulationsstörungen. Von Dr. S. Federn. Preis 2 M. 

FERRIER, D., Vorlesungen über Hirnlocalisation. Deutsche autorisirte Ausgabe 
von Dr. Max "Weiss. Mit 35 Abbildungen. Preis 5 Mark. 

ENTWURF 
zu einer physiologischen Erklärung 

der psychischen Erscheinungen. 

Von Dr. Sigmund Exner, 

o. ö. Professor der Physiologie und wirkliches Mitglied de" kais. Akademie der Wissenschaften zu "Wien. 

Theil I. Mit 63 Abbildungen. 
Preis 11 M. 

Auf das letztgenannte Buch möchte ich die Aufmerksamkeit hinlenken, nicht nur weil es von 
einem Gelehrten stammt, dem wir in verwandten Gebieten schon so "Wichtiges verdanken, sondern vor 
Allem weil hier die Probleme am schärfsten und eingehendsten durchdacht, die Anregungen die aller- 
mannigfachsten sind. Es wird wohl Niemand dies Buch durcharbeiten, ohne den weitgehendsten Nutzen aus 
ihm zu ziehen. Selbst die, welche principiell auf einem anderen Standpunkte stehen und sich gleich zu Ein- 
gange an dem Titel „Physiologische Erklärung der psychischen Probleme- stossen, werden die Consequenz 
des Standpunktes und die scharfe Durcharbeitung der einmal aufgeworfenen Fragen, das reichliche Eactische 
und das Anregende des Hypothetischen an dem neuen "Werke mit Bef. bewundern. 

Prof. Edinger in d. Deutschen Zeitsch. f. Nervenheilkunde. VII. Bd. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 



10 Medicinischer Verlag von FRANZ DETJTICKE in Leipzig und Wien. 



Die Functionsprüfung des Auges. 

Für Studirende und Aerzte 

dargestellt von 

Dr. Anton Elschnig, 

Privatdocent für Augenheilkunde an der k. k. Universität Wien. 

Mit 31. Figuren im Texte. — Preis 4 Mark. 

Keferent hat in der That mit seiner für Studirende und Aerzte bestimmten Schrift einem vielfach 
gefühlten Bedürfnisse entsprochen, da auch in den grösseren Lehrbüchern der Augenheilkunde die mannig- 
fachen Pnnctionsprüfungen des Auges nicht mit der nothwendigen Ausführlichkeit behandelt werden können. 
Die leicht fassliche Darstellung besonders der Kffractionsanomalien, die praktischen Anweisungen zur 
Brillenauswahl und viele andere nützliche Bathschläge machen das Büchlein für den Selbstunterricht und 
zur Bepetition ganz vorzüglich geeignet — Eine werthvolle Beigabe bildet der II Theil, in welchem die 
Functionsprüfung der äusseren Augenmuskeln sowie der Pupillenbewegungen und der Nachweis von Simu- 
lation in gleich instructiver Weise behandelt wird. Münchener med. Woch. 1897. Nr. "20. 

Die Beziehungen zwischen Nase 

und weiblichen Geschlechtsorganen. 

In ihrer biologischen Bedeutung dargestellt 



von 



Dr. Wilhelm Fliess. 

1897. Preis M. 5.50. 



Die Sypüilis mkI die «riscten KnuiUni. 

Ein kurzgefasstes Lehrbuch 

zum Gebrauch für Studirende und praktische Aerzte. 

Von 

Dr. Ernest Finger, 

k. k. a. ö. Professor der Dermatologie und Syphilis an der Universität in Wien. 
Mit 6 lithogr. Tafeln. Vierte wesentlich vermehrte und verbesserte Auflage. 

1896. Preis 7 M. Geb. M. 8.60. 

Urtheil über die zweite Auflage: 

Ein Lehrbuch der Syphilis, von welchem nach zwei Jahren bereits eine neue Auflage nothwendig 
wird, hat jedenfalls einen überraschenden Erfolg errungen. Aber es bringt auch alles zur Erfüllung seines 
Berufes mit, was man verlangen kann : Klarheit, Kürze und TJebersichtlichkeit. Auf 248 Seiten finden wir 
nicht nur die Pathologie und Therapie der Syphilis, sondern auch die der weichen Geschwüre und des 
Trippers in zweckdienlichster Vollständigkeit abgehandelt. Einige histologische Bilder ergänzen den Lehr- 
werth des Buches in vorteilhafter Weise. Die Ausstattung ist höchst befriedigend. Dem Finger'schen Lehr- 
buche wird sein Erfolg noch manches Jahr treu bleiben. Internationale klin. Rundschau 1868. 

Urtheil über die vierte Auflage : 
Das bereits in vierter Auflage vorliegende Buch hat nicht mit Unrecht in Deutschland weite Ver- 
breitung gefunden und ist auch in einer französischen Uebersetzung erschienen. In den Grenzen, welche 
Verf. selbst sich gesteckt hat, nämlich eine möglichst kurzgefasste Darstellung der Lehre von der Syphilis 
und den anderen venerischen Affectionen mit vorwiegender Berücksichtigung des Typischen im Verlauf 
dieser Krankheiten zu geben, entspricht es jedenfalls allen billigerweise zu stellenden Anforderungen. Die 
in Frage kommenden allgemeinen Gesichtspunkte und die häutiger auftretenden Krankheitserscheinungen 
sind ausführlich, klar und prägnant geschildert, seltenere Vorkommnisse mehr cursorisch behandelt. Die 
von ihm zuerst in consequenter und geistvoller Weise durchgeführte Betrachtung der Syphilis vom modernen 
bacteriologischen Standpunkt aus, wobei er die verschiedenen Aeusserungen der Krankheit theils auf die 
Wirkung der supponirten Bacterian selbst, theils auf die ihrer Toxine zurückführt, hat Verf. auch in seinem 
Lehrbuch festgehalten. Dem 6ehr empfehlen6werthen Buch sind 6 gute lithographirte Tafeln mit der Dar- 
stellung pathologischer Gewebsveränderungen beigegeben. 

Deutsche Medicinalzeitung . 1897. Nr. 41. 

ENGLISCH, Prof. Dr. Josef, Ueber Hernia Obturatoria. Mit 3 Abb. Preis 5 Mark. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 



Medicinisclier Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 11 



Die 

Blennorrhoe der Sexualorgane 

und ihre Complieationen. 

Nach dem neuesten wissenschaftlichen Standpunkte und zahlreichen eigenen Studien 

und Untersuchungen. 

Dargestellt von 

Dr. Ernest Finger, 

k. k. a. ö. Professor der Dermatologie und Syphilis an der Universität in Wien. 

4. wesentlich vermehrte und verbesserte Auflage. Mit 36 Holzschnitten im Text und 
9 lithogr. Tafeln. — 1896. Preis 11 M. 
Es ist noch nicht lange her, dass wir die erste Auflage der vorliegenden Monographie in dieser 
Wochenschrift besprochen haben. "Wir empfahlen sie damals auf das wärmste, da sie gewiss manchem als 
Führer und als Berather in diesem Gebiete sehr erwünscht sein musste. Nach kurzer Zeit ist nun bereits 
die dritte Auflage erschienen, und damit ist die Frage nach dem Werthe des Buches am besten beantwortet. 
In der neuen Auflage sind naturlich manche Erweiterungen hinzugetreten und alles neu Erschienene ist 
genügend berücksichtigt. Insbesondere ist die Blennorrhoe des Weibes erweitert und ergänzt worden. 
Somit können wir auch diese Auflage wiederum dem ärztlichen Publicum auf das eindringlichste empfehlen. 
Das Buch ist anregend geschrieben und stellt eine werthvolle Bereicherung unserer Literatur dar. 

Deutsche Med. Wochenschrift 1893. 

Der Verfasser des vorliegenden "Werkes gehört unstreitig zu den fleissigsten und erfolgreichsten 
Forschern auf diesem Gebiet, auf dem er zu den verschiedensten Fragen — anatomischen, bakteriologischen 
und klinischen — höchst werthvolle Beiträge geliefert hat. Es war deshalb vorauszusehen, dass das Buch 
der theoretischen wie der praktischen Seite des Gegenstandes in gleicher Weise gerecht werden würde und 
in dieser Erwartung wird sich der Leser nicht getäuscht finden. Ganz vortrefflich sind insbesondere auch 
die therapeutischen Capitel; hier findet, wer nicht von vornherein entschlossen ist, alle seine Hoffnung auf 
die altehrwürdige Tripperspritze und einige Keceptformeln zu setzen, eine Fülle nutzbringender Belehrung 
in scharf präcisirten , auf rationellen Indicationen und reicher praktischer Erfahrung basirten Kathschlagen. 
Bef kann das Buch angelegentlichst empfehlen. Seine Feuerprobe hat es übrigens längst bestanden; vier Auf- 
lagen in deutscher Sprache,. TJebersetzungen in das Englische, Französische, Bussische geben beredtes Zeugnis 
von der Anerkennung, die es überall gefunden hat. Deutsche Me dicinalzeitung . 1897. Nr. 41. 

Prof. Dr. A. Fotimier, 
= Die Vererbung der Syphilis. = 

Deutsch von 

Dr. Ernest Finger, Docent an der Universität in Wien. 

Preis 5 Mark. 



FLIESS, Dr. W., Neue Beiträge zur Klinik u. Therapie der nasalen Reflexneu- 
rosen. M. 2.50. 

FOCK, Dr. L. C. E. E., Versuch einer rationellen Behandlung des Kropfes 
(Struma). 1897. Mit 14 Abbildungen. Preis 1 M. 

VORLESUNGEN 

über 

Syphilis hereditaria tarda. 

Von Alfred Pournier. 

Uebersetzt und bearbeitet von Dr. Karl Körbl und Dr. Max v. Zeissl. 

Mit 31 Holzschnitten. 1894. Preis 10 M. 

Durch diese kurzen Notizen wollte ich nur den reichen Inhalt dieses Buches skizziren; 

überall sind sehr anschauliche Krankengeschichten eingestreut, überall die Differentialdiagnose besonders 
gewürdigt. Der Chirurg, der Kinderarzt, wie der innere Mediciner muss in gleicher "Weise von dem hier 
angehäuften Material Notiz nehmen; denn gerade von diesen Disciplinen kann das in Deutschland zweifel- 
los vernachlässigte Capitel der hereditären tardiven Lues die Bereicherung erfahren, deren es zur Sicherung 
der von F, gegebenen Darstellung bedarf. Deswegen begrüssen wir die von Körbl und v. Zeissl mit 
Sorgfalt und Gewandtheit vorgenommene TJebersetzung ins Deutsche mit grosser Freude. 

Central blatt für Chirurgie 1895. 

Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 



12 Medicinischer Verlag von FEANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 




iskltilliif 



nebst Angabe einer leichtfasslichen Methode zur 

schnellen Berechnung der Axenlänge, optischen Constanten des| 

Auges und Bildgrösse 

von 

Dr. V. Fukala in Wien. 

Mit 28 Holzschnitten. — Preis 4 Mark. 




Dil Krankheiten des I 

mit Einschluss der 

Laryngoskopie und der local- therapeutischen Technik 

für 

praktische Aerzte und Studirende 

von 

Dr. J. Gottstein, 

Professor an der Universität Breslau. 

Mit 55 Abbildungen. Vierte verbesserte und sehr vermehrte Auflage. 

Preis 9 Mark, gebunden Mark 10.60. 

Trotz der zahlreichen Handbücher über Daryngologie und Rhinologie, welche in den letzten Jahren 
von hervorragenden Autoren erschienen sind, behauptet sich das Werk Gottstein's noch immer an erster 
Stelle. Diesen Erfolg hat das Werk in erster Linie seiner durchaus praktischen Eintheilung und Klarheit, 
mit welcher jedes Capitel behandelt wird, zu verdanken. Wie das Buch in seiner ersten Auflage den Unter- 
richtszweck als seine hauptsächlichste Aufgabe betrachtet, ist es auch bisher dieser Aufgabe vollkommen 
gerecht geblieben. Die vierte Auflage ist im Vergleiche zu der dritten erheblich erweitert und umgearbeitet 
worden. Neu hinzugekommen sind die Capitel über Influenza und Rhinosclerom, der Pachydermia diffusa 
ist ein eigenes Capitel gewidmet worden. Wir wünschen dem Werke, dass dasselbe trotz des vor Kurzem 
erfolgten Ablebens seines Verfassers jene Würdigung findet, die es verdient. Es wird eine schwere Aufgabe 
für die Verlagshandlung sein, für die nächste Auflage eine so bewährte Kraft, wie es der Verfasser war, 
ausfindig zu machen. Es wäre schade, wenn dies nicht gelänge, da das Werk G o t tat ein's .schon seiner 
Anlage nach am ehesten berufen erscheint, für lange Zeit in der erspriesslichsten Weise den laryngologischen 
Unterricht zu unterstützen. Wiener medicinUche Wochenschrift. 



DIE HYSTERIE 

nach den Lehren der Salpetriere. 
Von Dr. Gilles de la Tourette. 

Mit einem Vorwort von J. M. Charcot. Autorisirte deutsche Ausgabe von Dr. Karl Grube. 
1894. Mit 45 Holzschnitten im Texte. Preis M. 7.50, geb. 9 M. 



FREUD, Doc. Dr. Siym., Zur Auffassung der Aphasien. Eine kritische Studie. 
Mit 10 Holzschnitten. Preis 3 Mark. 



FRÜHWALD, Doc. Dr. F., Ueber Mastdarm-Rhagaden und Fissuren im Kindes- 
alter. Eine klinische Studie. Preis M. — .75. 



Studien über die hereditäre Syphilis. 

Von Dr. Karl Hochsinger, 

Abtheilungsvorstand am I. öffentlichen Kinderkrankeninstitute in Wien. 

Erster Theil. 

^^= Mit 9 Abbildungen im Text und 4 lithogr. Tafeln. — 

1898. Preis M. 12.—. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 



Medicinischer Verlag von FKASZ DEDTICKE in Leipzig und Wien. 13 




Lehrbuch 

der 

[geBhellkBMd 

Von Dr, Ernst Fuchs, 

o. ö. Professor der Augenheilkunde an der Universität in Wien. 
7. vermehrte Auflage. Mit 257 Holzschnitten. 
1898. Preis 14 M. Gebunden M. 16.50. 

Das Fuchs'sche Lehrbuch, versteht es in glücklichster Weise, Klinik und anatomische Forschung 
u vereinen und jeder von beiden den ihr gebührenden Antheil der Darstellung zuzuerkennen. Auch die 
Beziehungen der Augenheilkunde zu der klinischen Medicin im allgemeinen sind in trefflicher Weise be- 
ücksichtigt. Eine Eeihe charakteristischer Abbildungen fördern das Verständniss der Darstellung in befrie- 
ligendster Weise. 

Unsere schreiblustige Zeit ist auch auf dem Gebiete der Lehrbuchproduction von einer Frucht- 
>arkeit sondergleichen, und es wird gewiss vielen Collegen beim Anblick eines neu erschienenen Lehrbuches 
o gehen, wie es mir geht, dem das Erscheinen eines neuen Lehrbuches das Gefühl des Unbehagens und des 
Bedauerns über die im Grunde genommen ziemlich zwecklose Aufwendung von Fleiss und Mühe erweckt. 
vVozu auch die Herausgabe immer neuer Lehrbücher, wenn wir bereits über die reichlichste Fülle der aus- 
gezeichnetsten Werke wie Schweigger, Schmidt- Rimpler, Meyer und andere verfügen? Allein 
las3 Fuchs'sche Buch hat die Berechtigung seiner Existenz in so schlagender Weise daTgethan, dass ihm 
gegenüber alle Zweifel gern schweigen. _ , _ 

Deutsche med. Wochenschrift. 

1889 erste Auflage, 1898 siebente Auflage, das ist gewiss ein ausserordentlicher Erfolg und zugleich 
ler sicherste Beweis dafür, wie gesucht dieses Lehrbuch ist. Und worin liegt das Geheimniss dieses Erfolges? 
offenbar in der Darstellungsgabe des Autors, in der klaren, leicht fasslichen, übersichtlichen Behandlung, 
velche der ganze Stoff erfährt. 

Aus dem Buche spricht der klinische Lehrer, der seine Zuhörer zu fesselD weiss, indem er alles 
iVissenswerthe in präciser Form zusammenfasst. 

Wiener Uin. Woeh. 1S98, Nr. 26. 

Die physiologische Chemie der Verdauung 

mit Einschluss der pathologischen Chemie 

von 

Arthur Gamgee, M. D., F. R. S. 

emer. Prof. der Physiologie an Owens College, Victoria-University, Manchester, etc. 

Deutsche Ausgabe und Neubearbeitung von 
Dr. med. Leon Asher, und H. R. Beyer in Wetzlar 

Privatdocent der Physiologie und Assistent am ehem. Assistent am Medicinisch-chemischen 

Physiologischen Institut zu Bern. Institut zu Bern. 

Mit 25 Figuren und 2 lithogr. Tafeln. 1897. 14 Mark. 

Der hervorragendste medicinische Chemiker Englands, Gamgee, hat 1893 eine möglichst erschöpfende 
Darstellung der physiologischen und pathologischen Chemie der Verdauung gegeben, die sich in. seiner 
Heimath nicht nur den Beifall der Physiologen, sondern wegen der Fülle der darin niedergelegten, für die 
praktische Medicin wichtigen Angaben auch den der Kliniker, Pharmakologen und Aerzte erworben hat. 
Gerade wegen dieser wohlgelungenen Verbindung der biologischen Anschauungen und chemischen That- 
sachen mit pathologischen und klinischen Erfahrungen erschien eine Uebertragung jenes Handbuches ins 
Deutsche um so mehr berechtigt, als wir selbst einer ähnlich erschöpfenden Darstellung der Vex-dauungslehre 
entbehren; sind doch seit der letzten, nur die chemischen Verhältnisse und diese zum Theil etwas einseitig 
berücksichtigenden Bearbeitung von R. M a 1 y (in L. Her mann 's Handbuch der Physiologie) volle 
20 Jahre verflossen. 

Die Verfasser, als Assistenten am physiologischen, resp. medicinisch-chemischen Institut zu Bern 
und durch mehrjährige praktische Laboratoriumsthätistkeit für die vorliegende Aufgabe vorbereitet, haben 
sich nicht nur darauf beschränkt, eine gute lesbare Uebertragung zu geben, vielmehr kann die deutsche 
Ausgabe als eine Neubearbeitung gelten, insofern sie einmal alles irgend bedeutsame, was seit 1893 erschienen 
ist, dem Text einverleibt und auch sonst mannigfache Ergänzungen und Zusätze geliefert haben. 

Demnach erscheint uns genügende Gewähr gegeben, dass das, übrigens auch äusserlich gut ausge- 
stattete Handbuch in der Neubearbeitung sich den Beifall und den Dank deutscher Leser erwerben wird. 

Deutsche med. Woch. 1897, Nr. 19. 

GROSSE, Dr. Johannes, Ignaz Philipp Semmelweis, der Entdecker der Ursache 
des Kindbett-Fiebers. Ein Beitrag zur Geschichte der Medicin. 1898. Mit Bildnis 
von Semmel weis und Nachbildung seiner Unterschrift. Preis M. 1.50. 

GRUBER, Prof. Dr. Max, Die bauliche Neugestaltung der Wiener medicini- 
schen Facultät. 1895. Preis 1 Mark. 

Medicinischer Verlag von FKANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 



14 Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 

Die Ophthalmoskopie 



in der inneren Medicin. 
Von Dr. W. M. Gotvevs, 

Nach der 3. englischen Auflage übersetzt von Dr. Karl Grube. 

Mit 81 Holzschnitten und 12 Tafeln. Preis 13 M. Gebunden 15 M. 

Gowers Werk handelt speciell von den Veränderungen des Augenhintergrundes bei Erkrankungen 
des übrigen Körpers. Die Bedeutung des Augenspiegels für die Diagnostik der inneren Krankheiten ist, wie 
Verfasser gleich eingangs betont, daher eine so grosse, dass am Augenhintergrunde, wie an keiner anderen 
Stelle des Körpers, das Verzweigungsgebiet einer Arterie und einer Vene (Centralgefässe/, ferner nervöse 
Gebilde (Sehnerv und Netzhaut) und eine gefässreiche Membran (Aderhaut) der directen Beobachtung zu- 
gänglich sind. Daher kann der innere Mediciner durch Erhebung des ophthalmoskopischen Befundes sein 
diagnostisches Können erheblich erweitern, der Augenarzt aber oft nur durch Berücksichtigung des All- 
gemeinzustandes zu einer richtigeren Deutung des Augenspiegelbildes gelangen. Ein Buch, wie das vorlie- 
gende, welches die auf diesem (Grenzgebiete zwischen zwei medicinischen Disciplinen gewonnenen Thatsachen 
in systematischer Bearbeitung und an der Hand instructiver Abbildungen darlegt, muss daher vielen Collegen 
willkommen sein. Die deutschen Leser werden dem Uebersetzer Dank dafür wissen, dass er ihnen dieses 
treffliche Werk des hervorragenden englischen Arztes zugänglich gemacht hat. Die Schreibweise ist eine 
präcise, die dem Texte eingefügten Abbildungen, wie bemerkt, sehr gelungen. Sehr schön ist auch der 
dem Werke anhangsweise beigegebene Atlas, welcher auf 12 Tafeln eine grosse Anzahl theils in Chromo- 
lithographie, theils in Autotypie trefflich ausgeführter Augenspiegelbilder mit erläuterndem casuistischem 
Text enthält St. Petersb. Med. Wochenschrijt. 

Die chirurgisch» Krankheiten der Bamorganc 

Von 

Professor Dr. Paul Güterbock, 

Geh. Medicinalrath in Berlin. 

Theil 1. Krankheiten der Harnröhre und Prostata. Mit 101 Holzschnitten. Preis 8 M. 
„ 2. Krankheiten der Harnblase. Mit 70 Holzschnitten. Preis 8 M. 
„ 3. Steine und Fremdkörper der Harnblase und der Harnröhre. Chirurgische 

Krankheiten der Harnleiter. Mit 153 Holzschnitten. Preis 10 M. 
„ 4. Die chirurgischen Krankheiten der Nieren. Mit 50 Holzschnitten. Preis 10 M. 

Das Lob, das wir den früheren Theilen spendeten, scheint 
in noch höherem Maasse dem uns vorliegenden Theil III zu 
gebühren, da neben den schon betonten Vorzügen des Werkes : 
der Klarheit des Inhaltes, der Uebersichtlichkeit und Vollstän- 
digkeit, der aus jedem Capitel sprechenden reichen Erfahrung, 
der schönen Ausstattung und den zahlreichen vorzüglichen, das 
Verständnis erleichternden Holzschnitten, die Darstellung und 
Schilderung des Gegenstandes uns noch leichter und gefälliger 
als früher anspricht. Alles in allem gehört das Werk zu den 
besten der medicinischen Literatur und wird seine Stellung 
und seinen Werth für lange bewahren. Wir wünschen dem 
Werke eine grosse Verbreitung und können mit gutem Kecht 
sagen : es wird Keinen in keiner Frage aus dem Gebiete der 
Harn- und männl, Geschlechtskrankheiten im Stiche lassen. 

Deutsche med. Wochenschrift. 

Das Buch wird in unserer Literatur sicherlich für län- 
gere Zeit einen hervorragenden Platz einnehmen, denn es gibt 
in sorgfältigster Beachtung der Erfahrungen, welche die 
Chirurgen in Deutschland, wie in dem in Betracht kommenden 
Auslande auf diesem Gebiet gemacht haben, das Bild, welches 
die Lehre von der Nierenchirurgie heute darstellt." Dabei ist 
nicht bloss der operativen und pathologisch-anatomischen Seite 
der Aufgabe grosse Aufmerksamkeit gewidmet, sondern auch 
die Diagnostik auf's Sorgfältigste beachtet. 

Munchener med. Woch. 1899. Nr. 1. 

Auch in dem vorliegenden Bande zeigen sich die Vor- 
züge der Darstellung, die gelegentlich der früheren Theile von 
der Kritik allenthalben rühmend hervorgehoben wurden. Die 
bekannte Belesenheit und Literaturkenntnis des Autors, die 
Gründlichkeit und Objectivität der Darstellung geben auch der 
vorliegenden Arbeit ihr Gepräge. Güterbock hat mit der Bearbeitung der Krankheiten der Harnorgane, 
welche als das vollständigste und den Gegenstand am erschöpfendsten behandelnde Werk in deutscher 
Sprache bezeichnet werden muss, seinem Namen einen dauernden Platz in der Literatur errungen. 

Wiener Min. Woch. 1898. Nr. 46. 

HERZFELD, Doc. Dp. K. A., Klinischer Bericht über 1000 Bauchhöhlen- 
Operationen als Beitrag zur Lehre von der Indication und Technik der Koe- 
liotomie. Preis 8 Mark. 




Medicinischer Verlag von FEANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 15 

Praktische Geburtshilfe. 

In zwanzig Vorlesungen 
von Dr. Karl August Herzfeld, 

Docent für Geburtshilfe und Gynäkologie an der k. k. Universität in Wien. 
Mit 134 Abbildungen. 1897. Preis 3H. 9.—. 




Es ist mit besonderer Freude zu begrüssen, dass neben der Menge der vorhandenen Lehrbücher der 
Geburtshilfe, die in ausführlicher Weise Theorie und Praxis nach allen Seiten klar legen, ein Lehrbuch er- 
schienen ist, in dem der rein praktische Theil der Geburtshilfe ohne Beiwerk zur Besprechung gelangt. 
Verf hat seine dankenswerthe Aufgabe mit glücklichem Erfolg gelöst. Die einzelnen Themata werden in 
der Form von Vorlesungen in knapper, klarer, anziehender Weise abgehandelt, ohne in den Stil gewisser 
Bepetitorien zu verfallen ; überall wird das Warum erörtert und genau die Gründe für diesen oder jenen 
Eingriff gegeben, so dass der Praktiker, für den das Buch geschrieben ist, in Form einer fesselnden Leetüre 
sich Halbvergessenes zurückrufen und auf alle Fragen Eath und Belehrung finden kann. Das Verständnis 
der einzelnen Operationen wird durch zahlreiche gut gelungene Photogramme sehr erleichtert. 

Centralblatt für Gynäkologie. 1898. Nr. 4. 

HACKER, Dr. Victor R. v., Anleitung zur antiseptischen Wundbehandlung nach 
der an Prof. Billroth's Klinik gebräuchlichen Methode. Für Studirende und Aerzte 
bearbeitet. 3. umgearbeitete Auflage. 1890. Preis M. 1.50. 

Die Magenoperationen an Prof. Billroth's Klinik. 1880 bis März 1885. 1886. 

Preis M. 2.—. 

HIRSCHL5 Dr. I. A., Die Aetiologie der progressiven Paralyse. Preis 4 Mark 

JUFFIAfGER, Prof. Dr. G., Das Sclerom der Schleimhaut der Nase, des 
Rachens, des Kehlkopfes und der Luftröhre. Mit 4 lithogr. Tafeln. 4 M. 

KAAA", Dr. Hans, Der neurasthenische Angstaffect bei Zwangsvorstellungen 
und der primordiale Grübelzwang. 4 M. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 



16 Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 

Die Gesundheitspflege des Kindes 

im Klternhause 

von Dr. Karl Hochsiuger, 

Abtheilungsvorstand am I. öffentlichen Kinder-Krankeninstitute in Wien. 
Mit 12 Abbildungen. 1896. Preis Mark 3.60, gebunden Mark 4.60. 

Die erste Hilfeleistung bei Unglücksfällen 

und plötzlichen Erkrankungen 

nebst Vorsichtsmassregeln zur möglichsten Hintanhaltung solcher Zufälle für Feuerwehren 
und' Feuerwehrärzte .zum Gebrauche beim Unterrichte. 

Von med. Dr. Josef Homer, 

Obercommandant und Corpsarzt der freiw. Feuerwehr in Zwickau in Böhmen. 
Mit 97 Holzschnitten. Preis 2 Mk., geb. Mk. 2.50. 

Die praktische Geburtshilfe 

für Aerzte und Studirende, 

bearbeitet von 

Dr. Josef Homer, 

Primarius des allgem. öffentl. Krankenhauses „zu St. Georg", in Zwickau. 
Mit 90 Abbildungen. Preis 6 M., gebunden M. 7.50. 

Vorwort: Die Geburtshilfe ist für den Praktiker mit grosser Selbstverleugnung und Anstrengung, 
mit bedeutenden Mühseligkeiten und Verantwortungen verbunden. 

Der praktische Landarzt, der auf dem ganzen medicinisch- chirurgischen Gebiete überall tüchtig 
dastehen soll, der oftmals nacheinander Interner, Ophthalmolog, pathologischer Anatom, Chirurg, Otiatriker, 
Gynäkolog, Gerichtsarzt etc. sein muss, ist zu all' den übrigen Uebeln auch noch von der Wohltbat der 
Hauptstadt insofern ausgeschlossen, als er in der Noth nicht nur keinen Specialisten, oftmals nicht einmal 
einen Collegen herbeirufen kann, um sich mit ihm vor dem entscheidenden Kingriffe zu besprechen, zu 
berathen. Andererseits fehlt es dem halbwegs beschäftigten Praktiker an Zeit, sich erst aus grossen "Werken, 
aus dem Wust der Theorien, die wenigen (xoldkömer der Praxis zusammenzulesen, während gerade in der 
Geburtshilfe die Zeit drängt, und das Leben zweier Individuen, der Mutter und des Kindes, wie sonst kaum 
in einem Fache, der Kenntnis eines Einzigen überantwortet sind. 

Dem angehenden, sowie dem bereits thätigen Praktiker ein kurzgefasstes Buch in die Hand zu geben, 
welches, aus der Praxis entnommen und in der Praxis geschrieben, ohne weitschweifige Theorie auf alles 
das Kücksicht nehmen soll, was der Geburtshelfer am Bette der Kreissenden wissen muss, um seinem nicht 
einträglichen, aber höchst verantwortungsvollen erhabenen Berufe thätig nachkommen zu können — das war 
bei der Abfassung des Werkes meine Absicht, und darin liegt auch die Entschuldigung, weshalb ich von 
der in geburtshilflichen Werken gebräuchlichen Eintheilung abging. 



Der Geisteszustand der Hysterischen. 

(Die psychischen Stigmata.) 

Von Dr. Pierre Janet. Mit einer Vorrede von Prof. Charcot. Deutsch von Dr. Max Kahane. 
Mit 7 Holzschnitten. — Preis 5 Mark. 

In der vorliegenden Arbeit wird mit Erfolg der Versuch gemacht, die Hauptsymptome der Hysterie 
auf psychologischem Wege zu erklären. In diesem Sinne werden behandelt die hysterischen Anästhesien, 
die hysterischen Amnesien, die hysterischen Abulien, die Bewegungsstörungen und die Veränderungen des 
Charakters. — Arbeiten, wie die vorliegende, 6ind nicht nur theoretisch wichtig, sondern auch von eminent 
praktischer Bedeutung, da gerade für die Behandlung einer Krankheit wie die Hysterie die Vertiefung in 
die Psyche des Patienten für den Arzt die erste Voraussetzung eines richtigen Vorgehens ist. — Die Leetüre 
der Abhandlung, deren deutsche Uebertragung den fremden Ursprung kaum merken lässt, ist ungemein 
fesselnd und es muss der Verlagsbuchhandlung als Verdienst angerechnet werden, die vorliegende Arbeit 
weiteren Kreisen zugänglich gemacht zu haben. Allgem. Med. Central- Zeitung. 

SCHRIFT- SCALEN von Dr. E. von Jaeger. Das brauchbare und beliebte Büchelchen 
ist in 7 Sprachen erschienen und zwar : Griechisch. Hebräisch. Italienisch. 
Polnisch. Böhmisch ä 2 M.; ferner Portugiesisch. Spanisch ä 1 M. 

Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 17 



Grundriss der 




Von 



M. Hofmeier, 



Ordentl. Professor der Geburtshilfe und Gynäkologie an der Universität Würzburg, Vorstand der künigl. 

TTniversitäts-Frauenklinik. 

3 vielfach vermehrte und umgearbeitete Auflage. 

Mit 153 Holzschnitten. 1898. Preis 12 Mark. 

Den Inhalt des "Werkes überblickend, gelangen wir zu dem Schlüsse, dass sich gerade in dem, was er 
weise verschweigt, der Meister in der Abfassung dieses „Grundrisses" zeigt. Nichts Wichtiges fehlt, und auf 
die verschiedenen Tagesfragen des Faches fallen helle Streiflichter. Subjective Erfahrungen wechseln mit 
den Ergebnissen der Literatur und bewahren das Werk vor Langweile und Eintönigkeit. Die Ausstattung 
entspricht allen Anforderungen. "Wir zweifeln nicht, dass der Neuauflage die alten Freunde treu bleiben und 
neue zuwachsen werden. Wien _ klin _ RundscJiaUi 1898 #>. 35 



Lehrbuch der Krankheiten di 



\f j . 



imujstems. 

Von Dr. Arm. Hü ekel, 

Privatdocent an der Universität Tübingen. 
Mit 24 Abbildungen. Preis 8 Mark. Geb. M. 9.60. 

Ophthalmoskopischer Hand-Atlas 

von Eduard von Jaeger. Neu bearbeitet und vergrössert von Dr. Maximilian Salzmann, 

Assistent der II. Univ.-Augenklinik in Wien. 

2. vermebrte und verbesserte Auflage der neuen Ausgabe. 
32 litbogr. Tafeln mit 140 Abbildungen und 88 Seiten Text. Preis 30 M. 

ich habe mir erlaubt, den Leser auf drei Bilderwerke zu verweisen : vor Allem auf der. Jaeger'schen 

Handatlas, der von keinem andern annähernd erreicht, viel weniger übertroffen wurde 

Doc. Dr. Dimmer, Vorrede zu „Der Augenspiegel und die Ophthalmoskop, Diagnostik'' . 
Für die Besitzer der älteren Auflage ist ein Nachtrag, Figur 137 — 140 mit erläuterndem 
Texte enthaltend, zum Preise von 1 M. erschienen. 





Kurze diagnostische, 
therapeutische und pharmakologische Angaben 

entnommen der deutschen medicinischen Journal -Literatur. 

Zusammengestellt von 

Dr. Ernst Nitzelnadel, prakt. Arzt in Schneeberg in S. 

Bd. I. Literatur 1890. — Preis Mark 1.50. Band II. Literatur 1891. Preis 2 M. 

Band III— VII. Literatur 1892—1896. Preis ä 3 M. Band VIII. Literatur 1891 Preis 4M. 

Das therapeutische Jahrbuch bietet eine treffliche, umfassende Receptsammlung, alphabetisch nach 
den Krankheitsnamen geordnet, 6ehr willkommene allgemein-therapeutische Angaben, mit einem Anhang: 
Uebersicht über die in den letzten Jahren in die Therapie eingeführten neuen Arzneimittel. Das Buch 
bietet dem praktischen Arzte eine angenehme Ergänzung zu Eabow's Arzneiverordnungen und Schlesinger^ 
diät« tischen Verordnungen für seinen Schreibtisch und erleichtert ihm das Nachschlagen in der reichhaltigen 
Literatur. Corresp.-Bl. f. Schweiz. Aerzte. 

JAEGER, E. v., Optotypy pro öeske lekaie uspofadal Prof. Dr. Schöbl. 1895. 
Preis M. 2.—. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 



18 Medici nischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 




Band 



und Neurologie. 

Herausgegeben vom 

Psychiatrie und Neurologie in Wien. 

Bedigirt von 

Dr. J. Wagner v. Jauregg, Dr. v. Krafft-Ebing, 

Professor in Wien. Professor in "Wien. 

Dr. H. Obersteiner, Dr. A. Pick, 

Professor in Wien. Professor in Prag, 

unter Verantwortung von 

Dr. J. Fritsch. 

Erschienen sind : 

I. Jahrgang 1879 (3 Hefte), 206 S Preis M 



Vereine für 

Dr. J. Fritsch, 

Professor in Wien. 



IL 
III. 
IV. 
V. 
VI. 
VII. 

vm. 

IX, 

x. 

XI. 

XII. 
XLII. 
XIV. 

XV. 
XVI. 
XVII. 



1880/81 (3 
1881/82 (3 
1882/83 (3 
1884 (3 
1885/86 (3 

1887 (3 

1888 (3 
1889/90 (3 



1891 
1892 
1K93 
1894 
1X95 
1896 
1897 
1898 



(3 
(3 
(3 
(3 
(3 
(3 
(3 
(3 



215 S. und 2 Tafeln 
), 250 S. und 6 Tafeln 
), 206 S. und 4 Tafeln 
), 280 S. und 1 Tafel 

238 S 

236 S 

), 348 S 

), 352 S. und 18 Abbildungen 

), 334 S 

), 362 S. und 11 Tafeln 
), 441 S. und 9 Tafeln 



), 344 S. und 
), 678 S. und 
), 374 S. und 
), 419 S. und 
), 364 S. und 



3 Tafeln 

4 Tafeln 

5 Tafeln 

6 Tafeln 
3 Tafeln 



6.— 

5.60 

7.50 

7.60 

7.60 

6.80 

10.50 

11.— 

12.- 

11.— 

15.— 

19 — 

13.— 

22.— 

16.— 

18.— 

16 — 



Atlas d'Ophthalmoseopie 

d'Eduard von Jaeger, remanie et augmente par le Docteur Maximilian Salzmano, 

assistant ä la II. clinique ophthalmologique de l'Universite de Vienne. 

Traduction francaise du Docteur Edgard ßerard, 

ancien chef de clinique de l'Universite et interne des hospices civils de Liege. 

31 tables avec 136 fig. color. et un texte explicatif. — Preis 30 M. 

Anatomie und Pathologie der Zahne und des Mundes 

unter besonderer Berücksichtigung 

der Indicationen für die zahnärztliche Therapie. 

Ein Handbuch für Studirende der Medicin und Zahnheilkunde. 

Von Dr. med. Carl Juiicj, 

Leiter des zahnärztlichen Institutes an der Universität zu Heidelberg. 
Mit 85 Abbildungen. 1898. Preis M. 6/0. 



kOLlSKO. Prof. Dr. A., u. Doc. Dr. E. Redlich, Schemata zum Einzeich- 
nen von Gehirnbefunden. 50 Tat. u. 9 Abbildungen im Text. 1895. Preis M. 2.50. 

Die vorliegenden Tafeln entsprechen ihrem Zwecke in geradezu idealer Weise durch die Reichhaltigkeit 
und zweckmässige Auswahl der Zeichnungen. In sinnreicher Weise ist auch das Problem, Ansichten der 
Hirnrinde, welche zum Einzeichnen pathologischer Kefunde geeignet seien, herzustellen, gelöst. Der kurze 
Text enthält Skizzen, welche über die Gefässterritorien nach eigenen Untersuchungen der Verff. Aulschluss 
geben. Die technische Ausführung ist vollkommen. Möchte das Werk die verdiente Anerkennung und Ver- 
breitung finden. Fortschritte der Medicin. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEüTICKE in Leipzig und Wien. 19 

Lehrbuch der 





für 




Aerzte n. Studirende 



Dr. Ernst Jessen, 

Privat-Docent für Zahnheilkunde 
an der Universität Strassburg. 

weite vermehrte und verbesserte 
Auflage. 

Mit 189 Holzschnitten. 

Preis M. 6. — , Geb. M. 7.— . 

Aus dein Vorwort des Ver- 
fassers : Die meisten Lehrbücher 
tragen nach meiner Ansicht dem 
Bedürfnis des Arztes zu -wenig 
Rechnung. Sie sind für den 
Studirenden der Zahnheilkunde 
geschrieben und zu umfangreich 
für den Mediciner, welcher 
einen kurzen klaren TJeberblick 
über diese Specialwissenschaft 
wünscht. 

Vorliegendes Buch will nun 
bestrebt sein, sich vornehmlich 
dem Dieuste des Arztes zu 
widmen. Es will ein Handbuch 
sein für den praktischen Arzt, 
welcher auch Zahnkrankheiten 
zu behandeln beabsichtigt, wel- 
cher darauf bedacht ist, die 
einzelnen Zähne richtig zu er- 
kennen, eine sichere Special- 
diagnose zu stellen, und danach 
seine Behandlung einzurichten oder doch seinen Patienten einen zuverlässigen Eath zu ertheilen. Es will 
ein Leitfaden sein für den Studirenden, welcher seinem Gedächtnis einprägen will, was er in der Zahn- 
klinik gehört und gesehen hat. 

Deshalb werden die für den Arzt wichtigen Capitel ausführlicher behandelt als solche, die von 
speciell zahnärztlichem Interesse sind. Auf Vollständigkeit und Wissens jhaftliche Originalität wird daher 
durchaus kein Anspruch erhoben, sondern nur in knapper, klarer und übersichtlicher Eorm gegeben, was 
*chon bekannt ist, lediglich zum Frommen der Praxis. 

Die Handhabung der Instrumente 

zur Extraction der Zähne. 

Von Dr. med. Carl Jung, 

Leiter des zahnärztlichen Institutes an der Universität zu Heidelberg. 
Mit 27 Abbildungen. 1898. Preis M. 1.50. 

Vorlesungen 

über 

Kinderkrankheiten im Alter der Zähnung 

von 

Prof. Dr. M. Kassowitz, 

a. ö. Professor der Kinderheilkunde an der Wiener Universität. 
1892. Preis 7 M. 

KAPPER, Dr. F., Zur Beurtheilung minderwerthiger Leben in versicherungs- 
ärztlicher Beziehung. 1897. Preis M. 1.40. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 



20 Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 



Lehrbuch der 

zahnärztlichen Technik. 

Ein Handbuch für Studirende 



Dr. med. Carl Jung, 

Leiter des zahnärztlichen Institutes an der Universität zu Heidelberg. 

Mit 199 Abbildungen. 1897. Preis Mark 5.50, gebunden Mark 6.60. 



\ 1 














w -"^ ^ti— <B 
















Wr 




m^£ 1 







Wenn auch an Lehr- und Handbüchern der Zahntechnik kein Mangel besteht, begrüssen wir doch 
das' Erscheinen vorliegenden Buches mit Freuden. Es hat vor den Werken von Detzner, Evans, Parreidt, 
Riegner u. a. den Vorzug einer knappen und dabei doch klaren und leicht verständlichen Darstellung 
voraus, welche es dem Studierenden ermöglicht, sich ohne Zuhilfenahme eines dickleibigen Bandes über alle 
Principien der älteren und der modernen Zahnersatzkunde zu informieren. Für den praktischen Arzt und 
den Chirurgen seien besonders die Capitel über Kiefer,- Nasen- und Gaumenersatz, sowie über Schienen 
für Kieferfracturen hervorgehoben. Der Verleger hat das Buch in anerkennenswerter Weise ausgestattet. 
Viel dürften zum Verständniss desselben die zahlreichen, vortrefflichen Illustrationen beitragen, 

Wiener med. Woch. 1897 Nr. 41. 

Lehrbuch in Pftychlatil 



1W! 

Von Dr. Theodor JKirchhoff, 

Arzt an der Irren-Anstalt bei Schleswig und Privatdocent an der Universität Kiel. 
Mit 11 Holzschnitten und 17 Tafeln. 13 M., geb. 15 M. 

Eb ist dem Schüler als treffliche Einführung in das Studium der Psychiatrie zu empfehlen, und 
auch der Fachmann wird es nicht, ohne mannigfache Anregung und Förderung zu empfangen, lesen. 

Deut. Zeitsch. f. Nereenheilk. Bd. IV. 



Ophthalmoscopical Atlas. 

By Edward von Jaeger. Revised and enlarged by Dr. Maximilian Salzmanu, 

Assistent in the University of Vienna. 

English Translation by W. A. Martin, Cin. O. U. S. 
31 plates with 136 color. flg. and an explanat. text. — Preis 30 M. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 21 



Die Erkrankungen 

der weiblichen Harnröhre und Blase. 

Mit besonderer Berücksichtigung der Endoskopie und Cystoskopie 

dargestellt 
von Dr. Gustav Kolischer. 

1898. — 4 M. 
Wer selbst öfter in der Lage gewesen ist, bei gynäkologischen Fällen die ausserordentlich werth- 
vollen Eraebnisse der endoskopischen Untersuchung der Blase festzustellen, wird es erklärlich rinden, dass 
gerade seitens der Frauenärzte neuerdings diesen Methoden lebhafte Aufmerksamkeit geschenkt wird. Der 
Zusammenhang der betroffenen Organe ist ein so intimer, dass kaum je wohl Genitalstörungen Banz ohne 
Eetheiliguug des Harnapparats vor sich sehen — oft genug ja auch die Ursache von dunkeln Harnleiden 
in sehr wohl paipabeln gynäkologischen Erkrankungen gefunden wird. Indessen ist die Bedeutung dieses 
Zusammenhanges weiteren ärztlichen Kreisen noch nicht vollständig zum Bewusstsein gekommen ; und es 
ist der Versuch Kolischer 's. diese Dinge monographisch darzustellen, durchaus als zeitgemäss zu be- 
trachten Der Verfasser hat früher schon durch eine Beihe werthvoller Arbeiten seine Erfahrungen auf 
diesem Gebiete documentirt und unsere Kenntnisse bereichert; namentlich ist ihm die Feststellung des 
Krankheitsbildes des „Oedema bullosum vesicae" zu danken; und das reiche Material der Scha uta 'sehen 
Klinik gab ihm genügenden Stoff zur Untersuchung aller einschlägigen Krankheitsformen. 

Berliner Min. Woch. 1S98, Nr. 49. 



Der 

Conträr sexuale vor dem Strafrichter. 

De sodomia ratione sexus pnnienda. De lege lata et de lege ferenda. 

Eine Denkschrift von 
R. Freiherr von Krafft-Ebing, 

k. k. Hofrath u. o. ö. Professor an der Universität Wien. 

Zweite vermehrte Auflage. 1895. Preis 3 Mark. 

KRAFFT-EBING, Dr. Freiherr von, Zur Geschichte der Pest in Wien 1349 bis 
1898. Vortrag gehalten im Wiener Volksbildungsverein am 17. Januar 1899. Preis 
M. —.80. 



KRATSCHHIER, Dr. Fl., Die wichtigsten Geheimmittel und Specialitäten. 

Eine Sammlung der neuesten Untersuchungs-Ergebnisse über ihre Zusammensetzung. 
— Preis fi M., geb. M. 7 50. 

Kurzes Lehrbuch 

der ledicinisdien Chemie 

mit Einschluss der medicinisch-chenrischen Methodik 

von 
Prof. Dr. Frietlrich Krüger, 

Vorstand des medicinisch-chemischen Laboratoriums an der kaiserlichen Universität Tomsk. 
1898. — Preis 7 M. 

Das Werk enthält eine ganz knappe Darstellung der physiologischen und pathologischen Chemie, 
die zur oberflächlichen Orientirung gut geeignet ist ; es ist kein eigentliches Lehrbuch, noch weniger ein 
Specialwerk, sondern trägt vor Allem praktischen Bedürfnissen Rechnung. Die theoretischen Erörterungen 
sind darum fast durchgehend äusserst kurz gefa6st und dafür überall besonderer Werth auf eine gründliche 
Beschreibung der gebräuchlichen Apparate und der Ausführung der üblichen Reactionen gelegt. La dieser 
Beziehung zeichnet sich das Buch durch Vollständigkeit und Klarheit aus und kann durchaus empfohlen 
werden Biologisches C'cntralblatt 1898, Nr. 10. 

Auf 300 Seiten ein für den Medicin-Studirenden und für den praktischen Arzt geeignetes Lehrbuch 
der medicinischen Chemie zu schreiben, das neben einer theoretischen Darlegung der physiologischen und 
pathologischen Chemie auch die Beschreibung der quantitativen und qualitativen chemischen Untersuchungs- 
methoden enthält, ist eine schwierige Aufgabe, wenn das Buch ein für den Anfänger brauchbar, s sein soll 
und nicht nur eine Enumeration von Thatsachen darstellen soll. Krüger ist der Aufgabe gerecht geworden. 

Correspondenzblatt für Schweizer Aerzte 1898. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 



22 Medicinischer Verlag von FRANZ DEüTICKE in Leipzig und Wien. 



0rundri$$ der Psychiatrie. 

Für Studierende %md Aerzte 

von Dr. Theodor Kirchhoff, 

Director der Provinzial-Pflege-Anstalt bei Neustadt in Holstein und Privatdocent für 
Psychiatrie an der Universität in Kiel. 

1899. Preis M. <».— . 

Vorwort des Verfassers: 

Das vorliegende Buch geht von der Erfahrung aus, dass die kürzeste und einfachste Fassung des 
Stoffes für den Lernenden die beste ist; auch der praktisch thätige Arzt nimmt lieber ein kürzeres Buch 
zur Hand. Erst eine eingehendere Beschäftigung mit einzelnen Fragen der Psychiatrie zum eigenen Studium 
und zum Weiterforschen erfordert eine umfangreiche Fassung. 

Da der Hauptzweck dieses Grundrisses Uebersichtlichkeit für den Studirenden forderte, habe ich 
namentlich im besonderen Theil möglichste Einfachheit angestrebt, denn den .einzelnen Formen geistiger 
Störungen pflegt der Anfänger das grössere Interesse entgegenzubringen. Wenn die verfeinerte und erweiterte 
klinische Beobachtung jetzt vielfach zur Aufstellung immer neuer Krankheitsformen geführt hat, so sieht 
man gleichzeitig oft auch das Bemühen, alte Formen aufzulösen, wobei bestehende Bilder verwischt werden ; 
jedenfalls ist es gerade hier gut für den Studirenden, diesem Streit der Meinungen ausweichen zu können. 
Daher ist das Unsichere unserer Wissenschaft möglichst aus dem besonderen in den allgemeinen Theil ver- 
wiesen; die noch in voller Entwicklung begriffene Psychiatrie erlaubt dafür hier oft Anregung zu weiteren 
Ausblicken. 

Der Tod durch Elektricität. 

Von 

Dr. Julius Kratter, 

o. ö. Professor der gerichtlichen Medicin an der Universität Graz. 

Eine forensisch-medicinische Studie auf experimenteller Grundlage. 

Mit 7 Abbildungen im Text, 3 Curven und 3 lithographischen Tafeln. 1896. 

Preis 7 Mark. 



Die 

Therapie an den Wiener Kliniken. 

Eine Sammlung 

der an denselben gebräuchlichsten Heilmethoden u. Receptformeln. 

Von I>r. K. Landesmann. 

5. vollständig neu bearbeitete und vermehrte Auflage. — 1896. Preis 7 M., geb. 8 M. 

Das in äusserer Form und Druck aufs Netteste ausgestattete, relativ umfangreiche Sammelwerk um- 
fasst ein Verzeichnis der an den Wiener Kliniken meist gebrauchten Heilmethoden und Heilformeln. Hiermit 
erfahren wir, auch wenn wir ferne von der Pflegestätte medicinischer Wissenschaften weilen, deren neueste 
Errungenschaften, wir lernen sie in einer Form kennen, die uns gestattet, jene in unserem eigenen bescheide- 
nen Wirkungskreise sofort auszunützen. Und was uns von therapeutischen Mitteln schon lange bekannt, das 
sehen wir in passendster Gestalt verschrieben, ein Muster, das wir gerne nachahmen. Dass das zweifache 
alphabetische Verzeichnis sowohl der Medicamente als der einzelnen Erkrankungen dem Werke noch den 
besonderen Werth der Uebersicht, eines umso angenehmeren Nachschlagebuches verleiht, wollen wir nicht 
verschwiegen lassen. Wiener klinische Wochenschrift. 

Die Therapie an den Wiener Kliniken auch denen zugänglich zu machen, die nicht zu den Füssen 
der Wiener Autoren gesessen, ist jedenfalls eine dankenswerthe Aufgabe, der sich Dr. Landesmann durch 
Herausgabe seines Buches unterzogen. Das Princip, das diesem bereits weitverbreiteten Werke zu Grunde 
liegt, ist einfach eine Zusammenstellung der therapeutischen Maassnahmen, wie sie die einzelnen Professoren 
in ihrer Klinik üben. Ein solches Sammelwerk von Specialbearbeitungen hat den Vorzug, den Leser nicht 
nur mit den therapeutischen Fortschritten in den einzelnen Specialfächern stets auf dem Laufenden zu 
erhalten, sondern ihm auch die Gewissheit zu geben, dass dasjenige, was er in diesem Buche angegeben und 
empfohlen findet, bereits von Autoritäten ersten Banges vorher geprüft worden. 

Zeitschrift für Landpraxis. 

Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 23 



Physiologische ©raphik. 

Ein Leitfaden der in der Physiologie gebräuchlichen Registrirmethoden. 

Von Dr. O. Langendorff, 

a. o. Professor an der Universität Königsberg. 
Mit 249 Abbildungen. Preis 9 Mark 



Der Titel besagt den Inhalt. Wenn wir hinzufügen 




dasB das Werk wirklich einen ausgezeichneten 
Leitfaden nicht 
nur für den Stu- 
direnden, son- 
dern auch für 
den Fachmann 
manch' werth- 
vollen Wink 
bringt, und 
schliesslich noch 
bemerken, dass 
der Text durch 
249 vortreffliche 

Holzschnitte 
auf's Beste er- 
läutert wird, so 
haben wir wohl 
noch nicht Alles 
was sich 



zum Lobe des Werkes sagen lässt; aber wir denken, es genügt, um die Aufmerksamkeit der ^f^nden 
Kreise auf dass ft lbe zu lenken und wir möchten nur noch hinzufügen, dass die Ausstattung, die ja bei einem 
derartigen Werke auch wieder wesentlich ist, geradezu mustergiltig genannt werden aart. 

Int. Klin. Rundschau. 



Achylia gastrica 



ihre Ursachen und ihre Folgen. 

Von Prof. F. Martins. Rostock. 



Mit einem anatomischen Beitrage 

von Prof. O. Lubarsch, Rostock. 
Mit 6 Abb. im Text und einer lithogr. Tafel. 1897. Preis 5 M. 




Nach Vorlesungen für Studierende und Aerzte 

von Professor Dr. Martins, Rostock. 

I. Heft: 

Infectionskrankheiten und Autointoxicationen (I). 1899. Preis 3 M, 

In dem sehr lesenswerten Vorwort betont der ^^r^^ÄwfÄ 
buch im gewöhnlichen Sinne bieten, sondern «ehr dem Lernenden d e Leitmotive Klaeg ,^ ^ 

sinnesyerwirrende Concert der modernen «penmentellen Medicm ^f^^erlen, gerne aus dem Wege 
theoretische Erwägungen, die für Examen und ^^J^^^f 1 ^^^^^, erklärt, möge 
geht oder, was für ihn fast das einfachere ist, für " la °^!ft l^ildeten Mediciner zu wissen frommt. 
Ins solchem Schriftwerke ersehen, was aUes emem wahrhaft gebüde *^f e « ^ eines Refere nten Aufgabe 

Auszüge, wenn auch ganz fragmentarische, aus dem JBucne zu eoe ■. , ^ möglich, 

nicht sein, wegen des engen Zusammenhanges der — ^ ÄnLC und gerechten Verwerthung aller 
Bei der grossen Belesenheit des Verfassers und bei seiner 8^" 8 * n ° Mt A n u J* ch so i c hen, welche in den 

Fortschritte der Medicin, 1899. Nr. 1. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 



24 Mediz inischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 




Anatomie der äusseren Formen 



des menschlichen K örpers. 

Von 

Prof. Dr. C. Langer in Wien. 

Mit 120 Holzschnitten. 
Preis 9 M., Geb. M. 10.00. 

. i,? fi : eut ' uns , aufrichtig, dass dieses vortreffliche Buch 
welches eine Jucke zwischen esacter Wissenschaft undbS 
d£ nl?*' !? * er , Wiener Universität seine Heimat und n 

Zl fi i mit der ^ Össten Aufmerksamkeit und mit 
stets steigendem Interesse gelesen und können es n ich warm 
genug empfehlen Es ist jedem Gebildeten vollkommen Te 
* .Sieben, durch gute, meist den besten äUeren 
SSt «r D »achgebildete Holzschnitte ausreichen 
illustiirt und überrascht durch ein, bei einem Professor der 
Anatomie mcht gewöhnliches Verständnis für die iSerun- 
gen des Laien wie durch den seltenen Scharfblick des Autor S 
für kunstlensche Schöpfungen. Der Verfasser erläutert jeden 
Augenblick eine wissenschaftliche These durch den Hinwei 
auf ein Kunstwerk und stellt durch diesen Vorgan- die wisse,! 
schaf liehe Erkenntnis gleich dicht neben das Cuc der 
schaftenden Phantasie. Wie drastisch seine Vortragsweis d, 
durch wirkt, und welche lebendige Vorstellung sie sofort in 
uns erweckt, davon überzeuge sich der Leser selbst. 

A. v. Wurzbach, „Wiener Allgemeine Zeitung" 

Der künstliche Schlaf und dieTihm^äWcln^Zustönde; 

Von Prof. A. Liebeault. 
Deutseh von Dr. Dornblüth in Bunzlau. 
_ Preis 5 M., geb. M. 6.50. 



Compendium der Arzneimittellehre 
und Arzneiverordnungslehre 

für Studirende und Aerzte 
von Dr. med. Ernst Nitzelnadel. 

1897. Preis M. 5.50. 

woMbek^Ä'rfl:^ therapeutisches Jahrbuch in weiten Kreisen 

Arzneimittel mit Angaben übe ih e B e ff h . 7,« " m f 6 alphabetische Zusammenstellung aller 

die bisherigen Forscbungsresulta übe He "JhSoSS Wrrk, ""^ D f 8teUu ^ und ^slichkeit, sodann 
über ihre therapeutis. he Anwendung Se hr viele Vorschriften die V °™hriften 

Hervorzuheben ist auch die Angabe der Dosirunt fc K "d, Ir 7 B«t auswählte Kecepte erläutert. 

Zusammenstellung der neueren Arzneimittel ?w„L !t •? I r, Im Annan S befindet sich eine gute 
Stellung der Arzneiverordnungslehre ! C Ichlnss b^A^n ^ ^k ?- 0m K Pen i inm eine ganz treffIiche Dar- 
auf die entsprechenden Arzneimittel Das Buchet allen A r^S A -^ Kr » nk he'tsreg 18t er mit Hinweis 
gesicnerten Forschungsergebnisse b-züelieh p' a„ • A rzten die sich rasch und zuverlässig über die 
tiren wollen, aufs wärmsfe zu empfehlen Arzne.m.ttels und über die Art seiner Anwendung orien! 

P e en - Zeitschrift für praktische Aerzte. 1H97. Nr 10. 

Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 25 



Vorlesungen 
über die Krankheiten des Rückenmarkes. 

Von 

Pierre Marie. 

Deutsche autorisirte Ausgabe von 
Dr. Max Weiss. 

Mit 244 Abbildungen. 

1894. Preis 12 M., geb. 14 M. 

Der Uebersetzer hat eich sicher ein 
grosses Verdienst erworben, indem er 
die vortrefflichen Vorlesungen Marie's 
auch dem deutschen Leserkreise zugäng- 
lich gemacht hat. 

In dem Buche werden in erschöpfender 
Weise die hauptsächlichsten Erkrankun- 
gen des Kückenmarkes, vorwiegend die 
Systemerkrankungen, besprochen. Am 
ausführlichsten wird die Tabes be- 
handelt, welcher allein 235 Seiten ge- 
widmet sind. Als Einführung in die 
Kückenmarkskrankheiten dient eine sehr 
instructive Besprechung der verschie- 
denen im Anschluss an Läsionen des 
Centralnervensystemes entstehenden se- 
cundären Degenerationen. Die patho- 
logisch-anatomische Grundlage ist überall an die Spitze gestellt, die Literatur ist eingehend berücksichtigt 
und schliesslich sind den Schilderungen eine grosse Menge vorzüglicher Abbildungen beigegeben. Die 
Uebersetzung ist sehr zu loben. Das Buch wird sich nun auch in Deutschland viele Freunde erwerben. 

Wiener med. Presse 1894. 

MARINA, Dr. Alessandro, Ueber multiple Augenmuskel-Lähmungen und ihre 
Beziehungen zu den sie bedingenden, vorzugsweise nervösen Krankheiten. 
1896. Preis 10 Mark. 




MARTIUS, Prof. Dr. F., Der Schmerz. Akademischer Vortrag, gehalten in der Aula der 
Universität Rostock. 1898. M. —.80. 

MARTIUS, Prof. Dr. F., Krankheitsursachen und Krankheitsanlage. Vortrag gehalten 
in der allgemeinen Sitzung- der 70. Versammlung der Gesellschaft deutscher Naturforscher 
und Aerzte in Düsseldorf am 23. Septbr. 1898. Preis M. —.80. 



Diätetische Küche 



für Kranke und Gesunde. 



Von 



Emma Mattes-Jaworska. 



Nebst einem Anhang über die Wirkung und Verwendung der Speisen am Krankenbette 

von 
Prof. Dr. W. Jäworski. 

1899. Preis M. 5.50, geb. M. 6—. 

Die moderne Betonung der Ernährungstherapie hat hier ein Werk geschaffen, welches zu den vor- 
züglichsten seiner Art gehört. Die wohlbekannte Verfasserin hat in systematischer und rationeller Weise 
und gross angelegt, nicht weniger als 800 verschiedene Speisen und ihre Zubereitung dargestellt. Ausser 
der eigentlichen Darstellung der einzelnen Speisen sind auch Abschnitte über künstliche Nährpräparate an- 
gehängt, welche nicht nur über diese selber, ihre Zubereitung und Herkunft Auskunft geben, sondern, was 
besonders wichtig ist, ihre Verwendung für die mannigfachsten Speisen schildern. 

Sind so die Vorzüge des Werkes schon beträchtliche und erhebliche, so gewinnt es für die Krankenpflege 
und insbesondere für die Aerzte dadurch noch einen besonderen Werth, dass Professor Dr. W. Jäworski 
einen umfangreichen Anhang „über die medicamentöse Verwerthung und Verweudung von Speisen am 
Krankenbett für den ärztlichen Gebrauch" angefügt hat Hier sind je nach ihrer Einwirkung auf den 
menschlichen Organismus und nach den verschiedenen Diätformen, sowie nach den einzelnen Krankheits- 
gruppen, die Speisen nochmals in Kürze dargelegt und zwar unter genauer Verweisung auf den Haupttheil, 
so dass der Gebrauch des Werkes für die Verordnung der entsprechenden Diät hiedurch ausserordentlich 
übersichtlich ist. Das Werk wird zweifellos eine grosse Verbreitung finden. 

Zeitschrift f. Krankenpflege. 1899. Nr. 2. 



Medicinischer Verlag von FKANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 



26 Medicinischer Verlag von FRANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 

Anleitimg zur Erkennung und Prüfung 

. der in der österr. Pharmakopoe, VII. Ausgabe, aufgenommenen 

Arzneimittel. 

Zum Gebrauche für Amtsärzte, Aerzte und Apotheker. 



Zusammengestellt von 

Dr. L. Melichar, und W. Snydr, 

Vice-Secretär im Sanit.-Dep. und des k. k. Min. Mag. der Pharmacie in Wien, 

des Innern. 

2 Theile (mit 23 Tafeln). 1894. Preis 9 M., gebunden 10 M. 

Die Anordnung des Buches ist sehr praktisch und ühersichtlich ; die Versuche sind durchweg mit 
Geschick gewählt und müssen viel Nutzen Dringen, wenn sie in den Apotheken fleissig ausgeführt werden. 
Ueher den Umfang, der solchen Prüfungsvorschriften zu geben ist, kann man allerdings 6ehr verschiedener Ansicht 
sein, und im Ganzen darf man wohl sagen, dass häufig zu weit ausgeholt wird. Dieser Vorwurf trifft die 
vorliegende Anleitung nicht. Als Beweis für diese günstige Meinung möge z. B. der Artikel „Crocus" ins Auge 
gefasst werden, der in durchaus verständiger Weise das Erforderliche angiebt, ohne sich in alle erdenkli- 
chen Möglichkeiten zu verlieren Das Gleiche gilt von dem Artikel „Cortices". Das kleine Buch löst eine 
richtig formulirte, praktische Aufgabe in lobenswerther Weise. 

Chemiker-Zeitung. 

Die erste Hilfe bei plötzlichen Unglücksfällen 

für Samariter dargestellt. 

Von Prof. Dr. R. v. Mosetig-Moorhof. 

Dritte verbesserte Auflage. Mit 35 Abbildungen. Preis geb. M. 1.80. 

Schon der Name des 
Autors ist eine genügende 
Garantie für den gediegenen 
Gehalt des Büchleins. Wii 
können uns mit voller Be- 
ruhigung jeder noch so be 
scheidenen Lobeserhebungbe 
geben und auf den Inhalt 
selbst hinweisen. In 12 Ca 
piteln bespricht der Autoi 
alle die im Alltagsleben mög 
licherweise vorkommenden 
plötzlichen Unglücksfälle unc 
die entsprechend nothwendi 
ge erste Hilfeleistung in de) 
ihm geläufigen bündigen, kla 
ren, präcisen Darstellungs 
weise — kurz der Eath — 
schnell die Hilfe. Die 35 irr 
Texte befindlichen Abbildun 
gen, die äusserst gelunger 
sind, erhöhen nur die Klar 
heit der Darstellung und er u 
möglichen die Ausführung 
?on jedem Laien, der Sama- 
riter sein will. 

Medicin. Chir. Rundschau 




Kurze Darstellung 

der Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers. 

Für Gebildete aller Stände. 
Entworfen von Prof. Dr. Ritter von Mosetig-Moorhof. 

Zweite umgearbeitete und vermehrte Auflage. Mit 20 Abbildungen im Texte. 
Preis 2 M., geb. M. 2.60. 



lieber Ruptur der Corneo-Scleralkapsel durch stumpfe Verletzung. 

Von Dr. Leopold Müller. 

Mit 5 Abbildungen im Text und 9 Tafeln. 1895. Preis 6 Mk. 



Medicinischer Verlag von FEANZ DEÜTICKE in Leipzig und Wien. 



Medicinischer Verlag von FRANZ DEUTICKE in Leipzig und Wien. 27 




Handbuch der chirurgischen Technik 

bei Operationen und Verbänden. 

Von Dr. Albert R. v. Mosetig-Moorhof 

Professor an der Wiener Universität, Primar-Chirurg im k. k. Allgemeinen Krankenhause 

Generalchefarzt des hohnn Deutschen Ritterordens. 

Vierte, völlig umgearbeitete Auflage. Mit 57 Abbildungen. 

1899. Preis M. 18, geb. M. 20. 

Das Lob, welches die Deutsche med. 
"Wochenschrift, Jahrg. 1887, der zweiten 
Auflage des vorliegenden Werkes gespendet, 
muss auch der dritten verbesserten und 
vergrösserten Ausgabe ungeschmälert gezollt 
werden. Wer ein solches Buch schreiben 
will, muss sich der Meisterschaft nicht nur 
in seinem Fache, sondern auch in der Kunst 
der Darstellung rühmen können : bei Herrn 
v. Mosetig-Moorhof trifft beides in hervor- 
ragendem JViaasse zu. Seine Schreibweise 
ist klar und lichtvoll, fesselnd und anregend. 
Die zahlreichen (im ganzen 236) Abbildungen 
sind durchweg gut ausgeführt und bieten 
für das Verständnis eine willkommene 
Stütze, 

Dem praktischen Arzte, sowie dem 
Studirenden, für welche es